2. Etrusker und Latiner.

§. 51.

Die alteinheimischen Stämme Italiens: die Japyger, Etrusker,

Latiner, der umbrisch-sabellische Stamm haben vor der griechischen

Einwanderung keine kunstgeschichtliche Stellung. Es mag denselben

nicht an künstlerischen Anregungen und Ansätzen gefehlt haben, der

Kultus wartete nicht erst auf hellenische Lehrmeister, um sinnliche

Zeichen und Bilder der Götter zu entwerfen; vor dem hellenischen

Einflusse aber tritt die heimische Eigenthümlichkeit stark in

den Hintergrund zurück, so dass neben der unmittelbar aus Hellas

verpflanzten und in den griechischen Colonien gepflegten Kunst,

auch die übrigen Kunstweisen der stetigen griechischen Einwirkung

unterworfen bleiben. Die Wanderungen des _Dädalus_ in Italien sind

der sagenhafte Ausdruck dieses Verhältnisses. Die Ablagerungen der

älteren griechischen Kunstbildung in Italien lassen sich stufenweise

verfolgen. Cyklopische Mauern kommen in Pyrgi, Cosa, Saturnia,

noch viel häufiger auf latinischem Boden, die Scheinwölbung durch

vortretende Mauertheile in den Gräbern von Caere, Alsion, im

Brunnenhause (_tullianum_) auf dem Kapitole vor. Doch ist auch die

wirkliche Wölbung im Keilschnitte nicht unbekannt, ja hier früher

ausgebildet gewesen, als in Griechenland. Ihre ältesten Beispiele

sind die Mündung eines Abzugskanals bei Graviscae, die Mündung der

cloaca maxima in Rom und mehrere Stadtthore (Tarquinii, Volterra u.

A.). Bei der eigentlichen Tempelarchitektur haben wir die Bauten

der griechischen Colonisten auf Sicilien und in Unteritalien von

den Bauanlagen der heimischen Bevölkerung zu unterscheiden. Jene

(%Selinunt%: sechs Tempel, %Agrigent%, %Egesta%, %Syrakus%, %Pästum%:

Neptun- und Cerestempel, %Metapont%) haben den griechischen Styl

festgehalten, ihre Erbauer ebensowenig in der Architektur und Bildnerei

(die alterthümlichen Metopenbilder zu Selinunt) als in Sitten und

Rechten den Zusammenhang mit dem Mutterlande aufgegeben. Fremdartiger

erscheinen die Tempel der heimischen Stämme, wie der Etrusker, der

älteren Römer. Von monumentalen Resten hat sich zwar nichts erhalten

als einige Säulentrümmer zu Volci und Bomarzo, aus welchen eine

besondere tuskische Säulenordnung herauszudeuten schwerlich gelingen

kann. Auch die Ansicht, die tuskische Säule sei aus Griechenland, und

zwar zu einer Zeit herübergebracht worden, in welcher der dorische

und ionische Styl sich noch nicht getrennt hatten (daher das dorische

Kapitäl und die halbionische Basis bei den tuskischen Säulen),

besitzt nur hypothetischen Werth, zumal sie ihre Voraussetzung, die

ursprüngliche Einheit der griechischen Säulenformen, erst beweisen

müsste. Doch haben sich schriftliche Nachrichten von der allgemeinen

Anlage italischer Tempel erhalten. Ihre Eigenthümlichkeit beruht auf

dem steilen, weitvorspringenden Dache, dem Holzgebälke und dem beinahe

quadratischen Grundrisse. Die Vorhalle erhält eine grössere Tiefe,

als bei den griechischen Tempeln, der Säulenbau umschliesst nicht den

ganzen Tempel, sondern beschränkt sich auf die Fronte und die beiden

Langseiten. Alle diese Abweichungen sind nicht so bedeutend, um die

Möglichkeit griechischer Wurzeln abzuweisen, welche allerdings in Folge

des verschiedenen Kultes mehrfache Veränderungen (z.B. drei Cellen)

erlitten.

§. 52.

Ueber eine andere Architekturgattung haben neuere Forschungen und

Ausgrabungen ein grösseres Licht verbreitet, nämlich über den

%Gräberbau% der Etrusker.[33] Viele dieser Gräber gehören dem früher

beschriebenen Hügelbaue an, und sind nichts weiter als Nachklänge

aus der Kindeszeit der Kunst, so z. B. der Cucumella bei Volci, ein

viereckiger Thurm auf einem kreisrunden Unterbaue, wahrscheinlich

von Kegeln umgeben, andere Steinhügelreste in Tarquinii, das sogen.

Grab der Horatier und Curiatier bei Ariccia (römischen und späteren

Ursprungs) und das von _Plinius_ beschriebene Grab _Porsenas_.

Wichtiger sind die Façadengräber bei Norchia und Castel d'Asso in

der Nähe von Viterbo. Der Felsen, in dessen Innerem die Grabkammern

verborgen sind, wird nach oben abgeschrägt, mit einem kräftigen,

geradlinigen Gesimse (selten einem Giebel) gekrönt; eine Scheinthüre,

deren Sturz durch eine Schweifung mit den Pfosten verbunden ist, bildet

die Mitte dieser Façade. Die Grabkammern sind bei dieser Gattung

unansehnlich und niedrig, die Aehnlichkeit mit den lycischen Gräbern

wohl nur äusserlich und zufällig. Natürlich konnten die Façadengräber

nur in felsigen Gegenden in Gebrauch kommen; in offenen Landschaften

wurde der äussere Bau der Gräber aufgemauert. Da aber der Mauerbau

eine geringere Dauer besitzt als Felswände, so fehlen uns hier die

Spuren der äusseren Architektur (_tumuli_), und sind wir bloss auf

die unterirdischen Grabkammern angewiesen. (Volci, Tarquinii bei

Corneto, Caere oder Cerveteri.) Desto lohnender ist die hier gemachte

Ausbeute. Nicht selten ist in der Behausung des Todten die Wohnung

des Lebendigen nachgebildet, der Eingangstreppe ein weiter Vorraum

angereiht, welcher erst zu den eigentlichen Grabkammern führt. Die

Wände sind mit Wandmalereien geschmückt, die Decken den Holzbauten

nachgeahmt, giebelförmig oder kuppelartig ausgehauen, Pfeiler stützen

die Decke; den Wänden entlang stehen die Sarkophage, auf Steinbänken

ist der Hausrath des Verstorbenen aufgestellt. Diese Ansammlung

des mannigfachsten Geräthes, namentlich der Vasen, verleiht den

etruskischen Gräbern noch einen besonderen archäologischen Werth. Als

Beispiel möge das sogen. Grab der beiden Sessel (Fig. 46) dienen,

eines der bedeutendsten in der Nekropole von Caere. Dem Vorraume (_A_)

schliessen sich zwei rechteckige Kammern an, von welchen die eine

(_B_) als Triklinium diente, die andere (_C_) das Leichenbett und zwei

Sarkophage enthält. Der mittlere Hauptraum (_D_) ist bis auf die beiden

aus dem natürlichen Stein gehauenen Sesseln (_a_) die treue Nachbildung

eines Prunkzimmers; die drei hintersten ungleichen Kammern, mit Bänken

versehen, bargen die dem Todten beigegebenen Geschenke.

[Illustration: Fig. 46. Grab aus Caere.]

§. 53.

Die Bildnerei in Stein verhinderte der Mangel an einem passenden

Materiale, desto zahlreicher und bedeutender sind die in Metall

und Thon ausgeführten Werke. Nicht alles jedoch, was uns aus dem

italischen Alterthum bewahrt wurde, darf auf Rechnung der Etrusker

gesetzt werden. Neben ihnen behaupten sich in der altitalischen

Kulturgeschichte die Latiner (von umbrischen Bildungsstoffen ist nichts

bekannt, doch hat der Mars von Todi, eine Bronzefigur im etruskischen

Museum des Vatikan, eine umbrische Inschrift), und weit entfernt,

den Etruskern an Kunstsinn nachzustehen, muss vielmehr das reinere

Schönheitsgefühl den Anwohnern von Latium zugeschrieben werden.

Eine scharfe Trennung der etruskischen und latinischen Kunstweise

lässt sich zwar aus dem doppelten Grunde nicht durchführen, weil

sie vielfach ineinander fliessen und theilweise eine gemeinsame --

griechische Wurzel besitzen (doch ist die engere griechische Heimath

der latinischen Kunst schwerlich dieselbe, wie jene der etruskischen).

Nur einzelne Unterschiede liegen klar am Tage, wie z. B., dass die

gravirten Schmuckkästchen den Latinern, die gravirten Spiegel den

Etruskern angehören; bei den letzteren ferner der Gebrauch, die Gräber

mit Wandgemälden auszuschmücken, ausschliesslich herrscht, während

im Uebrigen allerdings auch die Latiner an der Blüthe der italischen

Malerei ihren gebührenden Antheil haben. Von grösseren plastischen

Werken hat die kapitolinische Wölfin, deren antiker Ursprung übrigens

nicht ohne Anfechtung geblieben, sowie die Porträtstatue des _Aulus

Metellus_ Anspruch auf latinischen Ursprung, bei den anderen deutet

ihr Fundort, wie z. B. Arezzo, die etruskische Abstammung an. Die

bekanntesten Werke in Erz sind nebst den genannten die Chimära in

Florenz, der Knabe mit der Gans in Leyden, die geflügelte Minerva und

der jugendliche Tages (ein am Boden sitzender Knabe mit der Bulla am

Halse) im vatikanischen Museum u. s. w. Bei steifer, harter Zeichnung

und alterthümlichen Haltung ist die derbe Lebendigkeit der Köpfe

bemerkenswerth. Von den grossen Thongebilden, in deren Fertigung sich

die Etrusker dauernden Ruhm erwarben, sind natürlich nur geringe Reste

auf uns gekommen. Von dem rothbemalten Jupiter im kapitolinischen

Tempel, von dem Viergespanne auf dem Tempelgiebel hat sich bloss

der Name des Künstlers: _Volcanius_ von Veji erhalten. Doch bewahrt

das etruskische Museum im Vatikan mehrere Terracottenfiguren auf

Sarkophagdeckeln und Terracottenreliefs, welche über den Styl der

etruskischen Kunst, ihre Verzerrung griechischer Stoffe, das grosse

mechanische Geschick und den wenig ausgebildeten Formensinn Auskunft

geben.

Nicht in Monumentalwerken, sondern in Gegenständen der Kleinkunst,

in Bronzegeräthen, wie Schalen, Kelche, Kandelaber, in Goldarbeiten

liegt der Glanzpunkt der etruskischen Kunst. Den äusseren Beweis dafür

liefert die Gunst, welche derlei Werke in Athen fanden. In der That

ist die Fülle der Motive, welche uns bei den schlanken Kandelabern

entgegentreten, die sinnige Verzierung der Dreifüsse, dort die

Vögel, Katzen, Schlangen, die einander verfolgend an der gewundenen

Kandelaberstange emporklimmen, hier die Thiergestalten, auf welchen

das Gestelle ruht, dann die in Gold getriebenen Blumenkränze, die

feine Löthung des Goldes, der tadellose Geschmack der Ornamente des

höchsten Lobes würdig. Fremdartiger weht uns der figürliche Theil der

Dekoration, namentlich an den älteren in Caere gefundenen Gefässen

an, die Thierkämpfe, die mannigfachen Fratzen und Masken, für welche

wir keine Bedeutung auffinden können und die uns unwillkürlich in den

Orient zurückversetzen. Doch ist an einen ägyptischen oder assyrischen

Ursprung schwerlich zu denken.

§. 54.

Nächst den bemalten Thongefässen ziehen in neuerer Zeit die auf

der Rückseite mit gravirten Zeichnungen versehenen Metallspiegel

die Aufmerksamkeit der Archäologen auf sich. Die Gegenstände der

Darstellung sind der griechischen Mythen- und Sagenwelt entlehnt,

die Zeichnung oft übertrieben, hart oder flüchtig, die Compositionen

aber stets ausdrucksvoll und die Gruppen geistreich dem runden Rahmen

eingepasst. Dass wir es mit etruskischen Werken zu thun haben,

beweisen die etruskischen Inschriften; auch lässt sich aus den

Stylunterschieden, wenn nicht auf verschiedene Zeitalter, so doch

auf verschiedene Schulen schliessen; im Ganzen aber entziehen sich

diese Arbeiten noch der genaueren kunsthistorischen Bestimmung, so

einladend und genussreich auch die Einzelbetrachtung ist. Aehnliches

gilt von den gravirten Schmuckkästchen (_cistae mysticae_), für welche

der latinische Ursprung als Regel angenommen wurde. Nur ein Beispiel

muss als eines der edelsten und reinsten Erzeugnisse der antiken

Kunst namentlich hervorgehoben werden: Die ficoronische Ciste im

Museum Kircherianum, der cylindrische Körper mit Darstellungen aus

dem Argonautenzuge verziert, Füsse und Deckel von anderer, plumperer

Hand und auf der Fussplatte eine Inschrift aus dem dritten Jahrhundert

v. Chr. mit dem Namen des Künstlers: _Novius Plautius_. Hat _Novius

Plautius_ den Mittelkörper geschaffen, so würden wir darin ein Werk

kampanischer Kunstfertigkeit erblicken, wo allerdings griechischer

Kunstsinn eine dauernde Heimath fand. Die bewunderungswürdige

Vollendung so vieler gravirten Darstellungen bei den Etruskern lässt

auf eine grosse Blüthe der zeichnenden Künste überhaupt, also auch

der Malerei, schliessen. In dieser Erwartung findet man sich bei der

Betrachtung der etruskischen Grabbilder (Tarquinii, Clusium, Veji,

Vulci) nicht wenig getäuscht. Die Motive sind zwar reichhaltig genug

und lassen das religiöse und private Leben des Volkes in Todtenzügen,

Festgelagen, Tänzen u. s. w. vor unseren Augen vorüberziehen, aber

schon die Zeichnung hat neben übermässiger Bewegung der einzelnen

Gestalten eine grosse Gebundenheit, ein enges architektonisches Maass,

und vollends die Färbung führt uns in ein völlig fremdes Gebiet. Im

Gegensatz zu der Mannigfaltigkeit der natürlichen Färbung wird hier

Alles auf die vier primären Farben zurückgeführt, und jeder dieser

Haupttöne einer grösseren natürlichen Farbenskala gleichgesetzt.

Himmelblau z. B. umfasst neben Blau auch noch Grün, Grau, das

Hellfarbige überhaupt und wird bei der Malerei von Pflanzen, Pferden,

Metallgeräthe u. s. w. ohne Bedenken angewendet. Es herrscht in diesem

Farbenprinzipe keineswegs rohe Willkür, schon die Thatsache seiner

weiten Verbreitung (Aegypten, Griechenland) spricht für eine bestimmte

Regel; auch entbehrt dieser conventionelle Vortrag keineswegs fester

Analogien. Es scheint die Wiederkehr der Hauptfarben gesetzlich

festgestellt; die nähere Beleuchtung dieser Malweise und namentlich

ihre Zurückführung auf optische Gründe lässt aber noch Alles zu

wünschen übrig.

§. 55.

Die Anfänge der römischen Kunst vermischen sich unlösbar mit der

etruskischen und latinischen Thätigkeit auf diesem Gebiete. Die

altrömische Kunst, deren Zeugnisse allerdings nur in spärlichen

schriftlichen Nachrichten auf uns gekommen sind, benützte die

Fertigkeit der weiter vorgeschrittenen Nachbarstämme verhältnissmässig

in dem gleichen Grade, wie später der griechische Kunstgeist in

römische Dienste gepresst wurde. Eine praktische Richtung offenbaren

die zahlreichen Nutzbauten: Wasserleitungen, Trockenlegung der Sümpfe,

Strassenbauten, Brückenanlagen. Schon im dritten Jahrhundert der

Stadt aber treffen wir auf Bereicherungen mit griechischer Kunst.

Der Tempel der Ceres beim Circus Maximus wurde von zwei berühmten

Plasten und Malern _Damophilos_ und _Gorgasos_ ausgeschmückt; auf der

anderen Seite begegnen wir aber später einem Römer als Baumeister in

Athen: _Cossutius_, welcher im Auftrage des _Antiochos Epiphanes_

den Zeustempel umbaut. Auch der Sarkophag des _Scipio Barbatus_

(454. s. E. R.) im Vatikan zeigt die Kenntniss und freie Mischung

griechischer Formen. Dass der plastische Idealismus in Rom keine

günstige Heimath fand, dafür spricht der frühe Gebrauch von Wachsmasken

der Verstorbenen, die im Atrium aufgestellt und bei Aufzügen

herumgetragen wurden, die Abneigung der Sitte gegen Darstellungen des

Nackten und schliesslich die frühzeitige Pflege der Malerei, welche

Kunstgattung wegen ihrer grösseren sinnlichen Kraft den derberen Römern

besser zusagte. Ein realer Sinn, und die Verwendung der Kunst für

praktisch-politische Interessen macht sich schon ursprünglich in der

römischen Kunst geltend.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 11 / 33 题