Bildnerei.[23]

§. 42.

Etwa um die 50. Olymp. (580) beginnt das bis dahin sagenhafte Element

zur Geschichte sich zu verdichten. Wir lernen mannigfache Erfindungen

kennen, welche das Handwerk erleichtern und die Ausdrucksmittel der

künstlerischen Phantasie erhöhen. _Theodoros_ erfindet das Winkelmaass,

die Richtwage, Drehbank, und mit seinem Genossen (nicht Vater) _Rhökos_

den Erzguss; _Glaukos_ aus Samos die Erzlöthung; _Byzes_ aus Naxos die

Marmorsäge. Andere Umstände kommen zu diesen technischen Fortschritten

hinzu, um den Aufschwung der Bildnerei zu erklären. Die Tempel bergen

nebst den Kultusbildern noch andere Götterstatuen, bei welchen wegen

ihrer nichtkirchlichen Bestimmung das Formgefühl freien Spielraum

hatte. Die Schränke und Tische im Pronaos und Donarium füllen sich mit

Weihgeschenken. Anfangs freilich besitzen dieselben nur stofflichen

Werth, wie die Geschenke des _Krösus_ und die nach Olympia geweihte

Jupiterstatue aus Gold des _Kypselos_; aber schon die Lade desselben

_Kypselos_ mit eingelegten Gold- und Elfenbeinbildern nimmt auch

künstlerischen Werth für sich in Anspruch. Als dann nebst den Göttern

auch die Heroen zur Darstellung kommen, die öffentlichen Spiele nicht

allein den plastischen Sinn anregen, sondern auch in den Bildsäulen der

Sieger (spätestens seit der 59. Olym.) dem Künstler zahlreiche Stoffe

darbieten, musste die Unförmlichkeit der alten Werke rasch verlassen

werden. Im Kreise der Tempelkunst allein behielt dieselbe eine längere

Dauer; selbst als die Künstler es schon besser verstanden, scheuten sie

sich, die traditionellen Typen zu verletzen, und die Verehrung des

Volkes galt stets mehr dem durch das Alterthum Ehrwürdigen, als dem

vollendeten Formenideale.

[Illustration: Fig. 42. Hieratische Reliefs.]

Wir stossen im Anfange nur auf vereinzelte Künstler und

Künstlergruppen, ohne ihren Zusammenhang mit der früheren und späteren

Kunstbildung zu erkennen. Bloss bei den als Marmorbildnern berühmten

_Dipönos_ und _Skyllis_ auf Kreta werden wir auf _Dädalus_ als ihren

Kunstahnen verwiesen und erfahren von ihren zahlreichen Schülern in

Sparta. Sonst werden noch Künstler in Theben, Korinth, Elis, auf Paros

angeführt; wir kennen auch die Namen von _Smilis_ auf Aegina, dessen

Gestalten noch eingeschlossene Beine besassen, von _Melas_, _Bupalos_,

dem Caricaturenbildner, dessen Werke noch im kaiserlichen Rom geachtet

waren, auf Chios, von _Rhökos_, _Theodoros_, _Telekles_ auf Samos,

und besitzen auch die Namen ihrer Werke und von jenem des Magnesiers

_Bathykles_, dem Apollothrone zu Amyklä eine nähere Beschreibung des

Inhaltes, aus welchem auf die Lebenszeit des Künstlers in der 50.

Olymp. geschlossen wird; doch fehlen uns alle genaueren Merkmale

über den künstlerischen Charakter der Arbeiten dieser Männer. Unsere

Kenntniss desselben müssen wir aus den namenlosen Werken holen, welche

mit dem Gepräge des höchsten Alters ausgestattet, mit Fug und Recht in

diese erste Periode der griechischen Kunst versetzt werden. Es sind

dies die Reste von etwa 60 Statuen an der heiligen Strasse von Milet,

mehrere Apolloköpfe, das Fragment eines Basreliefs aus Samothrake:

Agamemnon (Fig. 42, _a_) mit zwei Heroen (aus der 70. Olymp.) ein

Basrelief: Apollon (Fig. 42, _b_) mit Herkules um den Dreifuss

kämpfend, ein Basrelief einer Brunneneinfassung von Korinth: die

Versöhnung des Herkules, der dreiseitige Zwölfgötteraltar im Louvre,

mehrere Nachbildungen alter Schnitzbilder in Marmor (Minervastatue

in Dresden, eine andere aus Herkulanum), die Reliefs am Harpyengrabe

zu Xanthos u. a. Diese Werke vertreten einen langen Zeitraum, sind

keineswegs alle in gleicher Weise gebildet, besitzen aber doch der

gemeinsamen Merkmale so viele, dass sie zur Charakteristik einer und

derselben Kunstperiode zusammengefasst werden können.

Wir finden in einzelnen Fällen eine ganz unbestimmte Zeichnung,

charakterlose Köpfe, anliegende Beine, eine schwere künstliche

Haarbildung. Bei den besseren und vielleicht späteren Werken tritt

an die Stelle der säulenartigen Steifheit eine heftig ausschreitende

Bewegung oder ein zierlicher Tanzschritt; die Gewänder sind steif

und geradlinig gefältelt, die Verhältnisse gedrungen, die Muskeln

übertrieben, die Umrisse hart. Die Künstlichkeit in der Haarbildung

dauert fort. Mit Recht erblickt man in diesen Merkmalen, sowie in

der Unfähigkeit, die allgemeinen, nur durch äussere Kennzeichen

unterschiedenen Typen zu idealen Charakteren fortzuführen, die

Nachwirkungen des alten Tempelstyles, und begreift die Kunst der ganzen

Periode unter dem Namen der %hieratischen% um so mehr, als es auch an

äusseren Anklängen an Kultusgebräuche, z. B. in der Haltung der Finger,

nicht fehlt. Das Ruhenlassen des ersten Fingers auf dem Daumen ist eine

Nachahmung der Adorationsgeberde.

§. 43.

Noch im hieratischen Style, aber durch einen mannigfachen

Lokalcharakter bereits verschieden gefärbt, erscheinen die Werke der

ältesten %Kunstschulen%, auf welche wir nach der 60. Olymp. stossen.

%Aegina.% _Glaukias_, der Athletenbildner, _Anaxagoras_, dessen

Kolossalstatue des Jupiter in Erz gegossen, _Herodot_ und _Pausanias_

erwähnen, _Kallon_, dessen Lebenszeit in Folge verworrener Nachrichten

bald in die 60., bald in die 70. Olymp. gesetzt wird, und vor allen

_Onatas_ (78. Olymp.) in vielseitiger Thätigkeit glänzend (der

eherne Apoll in Pergamus, eine Gruppe der griechischen Helden vor

Troja, eine Kriegergruppe, beides Weihgeschenke in Delphi, ein

Viergespann u. s. w.), in Epigrammen wegen der Göttlichkeit seiner

Gebilde gefeiert, füllen den Rahmen der äginetischen Schule aus.

Den Schulcharakter der Aegineten zu erkennen, bieten die in München

bewahrten Giebelskulpturen vom Minervatempel auf Aegina (u. 78.

Olymp.) die trefflichste Gelegenheit. Die minder gut erhaltene Gruppe

des Ostgiebels stellt _Laomedons_ Tödtung durch den von _Herakles_

begleiteten _Telamon_, die westliche Giebelgruppe den Kampf der

Trojaner und Achäer um _Patrokles_ Leichnam vor. Verwundete Krieger

füllen die Giebelecken aus, die linke Seite des Giebels zeigt

_Ajax_, des _Oileus_ Sohn (Fig. 43), _Teuker_ den Bogenschützen und

den vorkämpfenden _Ajax_, den Telamoniden mit geschwungenem Speere

und vorgehaltenem Spiesse; durch die Kolossalfigur der Minerva in

der Mitte des Giebels und den zu ihren Füssen zum Tode hinsinkenden

_Patrokles_ getrennt, stürmen in der rechten Giebelseite _Hektor_,

_Paris_ u. A. einher, jede einzelne Gestalt der einen Seite mit der

entsprechenden der anderen Seite in strenger Uebereinstimmung gedacht.

Eine zurücktretende Stirn, künstlicher Haarschmuck, hinaufgezogene

Mundwinkel, ein kräftiges Knie, kurzer Leib, stark vortretende

Brustknorpel, spitzes Knie, in der Muskelbildung, wie überhaupt in

der ganzen Anlage des Leibes die sorgfältigste Naturwahrheit sind die

Merkmale dieser äginetischen Giebelgruppe. Bemerkenswerth ist die viel

grössere Vollendung und Individualität der Körper im Verhältniss zu

den typischen Köpfen, und der Naturalismus in den einzelnen Helden im

Vergleich zu der im strengen Tempelstyle gebildeten Göttin.

[Illustration: Fig. 43.]

%Athen.% Schon die Alten führen die attische Schule im Gegensatze

zur äginetischen an. Welche unterscheidenden Merkmale der einen

und der anderen eigen sind, lässt sich nicht mit Genauigkeit

angeben; da aber der schärfste Naturalismus in der Bildung der

einzelnen Körperformen bei einer gewissen schwerfälligen Härte in

der Composition die Aegineten besonders auszeichnet, so dürfte wohl

ein minder scharfer Naturalismus, dagegen ein feineres Stylgefühl

den Charakter der attischen Schule bezeichnen. Von den altattischen

Künstlern werden namentlich angeführt: _Antenor_ (67. Olymp.), der

Verfertiger der Statuen der Tyrannenmörder; _Endoeus_, von welchem

sich vielleicht ein Athenebild in Athen erhalten hat; _Hegias_ (oder

_Hegesias_), _Kritios_, _Nesiotes_, beide gemeinschaftlich wirkend, und

_Aristokles_, dessen Grabstele eines marathonischen Kriegers im flachen

Relief, eines der wenigen erhaltenen altattischen Monumente bildet.

Die Gestalt des Kriegers steht hinsichtlich der Naturwahrheit nicht

unter den Aegineten, namentlich wird die Behandlung des Panzers und der

Schienen, die kräftige Zeichnung der Muskeln gerühmt, sie übertrifft

aber dieselben in der Freiheit der Bewegung, in dem Rhythmus der

Composition.

%Sikyon.% Der erste und grösste Künstler dieser Schule, _Kanachus_ der

Aeltere (u. 67. Olymp.), ist trotz des Ruhmes, den Sikyon im Erzgusse

geniesst, auch über das übrige Material der Skulptur, Holz, Elfenbein,

Marmor (?) Herr. Von seinem milesischen Apollon mit dem Hirschkalbe

auf der Hand, hat sich ein Nachbild (brittisches Museum) erhalten.

Der Bruder des Genannten, _Aristokles_, setzt die Schule fort, die

bis zur 100. Olymp. (_Sostratos_, _Pantias_) ihren Zusammenhang und

Lokalcharakter bewahrt, ohne dass wir Näheres über den letzteren

anzugeben im Stande sind.

%Argos.% Mit _Eutelidas_ und _Chrysothemis_ (65. Olymp.) beginnt die

stetige argivische Schule, deren letztes Glied, _Ageladas_, (70-81.

Olymp.) allein eine allgemeinere Bedeutung in Anspruch nimmt. Diese

Bedeutung stützt sich für uns, die wir seine Werke (Zeus als Knabe,

unbärtiger _Herakles_, Muse mit dem Barbiton -- nicht das Original der

sogen. barberinischen Muse in München -- Reiter, Viergespann u. s. w.)

nicht kennen, vorzugsweise auf sein Lehrerverhältniss zu den grossen

Künstlern der folgenden Periode: _Phidias_, _Polyklet_, _Myron_.

§. 44.

Auf den mannigfachsten Punkten Griechenlands regte sich gleichzeitig

die bildnerische Thätigkeit; zuerst mochten wohl die Pfade der

einzelnen Schulen nebeneinander laufen, später aber verschlingen sie

sich (Argos und Athen, Sikyon und Aegina) und bilden Knotenpunkte. Den

wichtigsten derselben erkennen wir in %Athen%, unter _Perikles_ Führung

dem Vororte Griechenlands im politischen wie im künstlerischen Kreise.

Die äusseren Bedingungen, welche Athen die Herrschaft in der Kunstwelt

brachten, der belebende Einfluss des öffentlichen Lebens, der Poesie

u. s. w. auf die bildenden Künste sind bekannt genug. Der höchsten

Kunstblüthe im Perikleischen Zeitalter sind die letzten Meister der

eben betrachteten Zeit nahe gerückt. Zur unmittelbaren Vorbereitung

diente das Abstreifen der alten Typen, der Fortschritt von der äusseren

Naturwahrheit zum innerlich wahren, unbeschränkten Realismus, der nicht

bloss Leben scheint, sondern Leben ist.

Diese Tendenz verfolgen nebst dem _Pythagoras_ aus Rhegium (73-87.

Olymp.), (von dem _Plinius_ rühmt, er habe zuerst Nerven (Sehnen)

und Adern ausgedrückt, und die Haare sorgfältiger, d. h. in

freieren Partien und auf Licht und Schatten berechnet, behandelt,

sowie _Diogenes Laertius_ den Rhythmus und die Symmetrie seiner

Gestalten lobend anführt, dessen Hauptwerke Apollon als Kitharöde

und Schlangentödter, ein geflügelter Perseus, der schmerzdurchwühlte

Philoktet und Athletenbilder bilden) zwei Zeitgenossen des _Phidias_,

die in Athen thätigen _Kalamis_ (80. Olymp.) und _Myron_.

_Kalamis_ übersah das ganze äussere Gebiet der Bildnerei, und durfte

sich der grössten Vielseitigkeit seines technischen Talentes rühmen;

die grösste Vollendung aber nahmen seine Rossegestalten in Anspruch.

Beschränkter in der Wahl des Materiales, meist nur als Erzbildner

(äginetische Mischung) erscheint _Myron_, desto mannigfacher in der

Wahl der Gegenstände: Götterbilder, Heroen (Perseus, Erechtheus),

Athleten (unter diesen der Läufer _Ladas_ und der Diskuswerfer),

Genrebilder, wie eine betrunkene Alte aus Marmor, und schliesslich

Thierbilder, keines berühmter, als die durch 36 Epigramme verherrlichte

Kuh, stammen von seiner Hand. In allen diesen Werken wird der

vollendete Realismus, der scharfe Auffassungssinn des Künstlers

und seine Geschicklichkeit, flüchtige Momente festzuhalten und

den Ausdruck derselben jedem einzelnen Körpergliede zur höchsten

Harmonie einzuverleiben, gerühmt. Auch konnte ohne eine lebensvolle

Naturwahrheit die Schilderung z. B. des Schnellläufers oder des

Diskobols[24] gar nicht versucht werden.

§. 45.

Nachdem das äussere Formengerüste der Plastik vollendet, die

Ausdrucksmittel für die bildende Phantasie reich vermehrt waren,

konnte wieder die auf der unmittelbar vorhergehenden Stufe nicht so

deutlich vortretende Ideenfülle in die Gestalten verkörpert und der

erhabene Idealismus, in der älteren Zeit auf Kosten der Formenwahrheit

ausgebildet, nun auf Grundlage formeller Vollendung neu geschaffen

werden. Darin liegt des grössten griechischen Künstlers -- _Phidias_

Bedeutung. Für seine umfassende Thätigkeit bürgt die Zahl der Künstler

und Handwerker, die seiner Leitung anvertraut waren: Holz-, Metall-

und Marmorarbeiter, Maler, Buntweber, Ciselirer, und seine ordnende

Theilnahme an den Bauten des Perikles; auch seine technische

Meisterschaft kann nicht in Zweifel gezogen werden, charakteristisch

jedoch für seine Stellung in der Kunstgeschichte bleibt, dass seine

Phantasie von der religiösen Substanz des Volkslebens sich nährte und

er die religiösen Ideale in seinen Gebilden nicht allein mit innerer

Wahrheit wiedergab, sondern auch schöpferisch weiter bildete.

_Phidias_, des _Charmides_ Sohn, mag etwa 70. Olymp. geboren sein, sein

Tod (im Gefängnisse) fällt in Olymp. 87, 1, etwa in sein siebenzigstes

Lebensjahr. An der Spitze seiner Werke, nicht der Zeit, aber der Grösse

nach, steht der thronende Zeus im Tempel zu Olympia,[25] aus Gold und

Elfenbein über einem Holzkerne (als Chryselephantine) gebildet, auf

dem Haupte einen Kranz aus Oelzweigen, in der Rechten die Nike, in

der Linken das Scepter haltend, den Oberleib unverhüllt, vom Schosse

herab in ein faltenreiches Goldgewand gekleidet, so erschien der

wieder lebendig gewordene Göttervater.[26] Von besonderer Wirkung

waren bekanntlich die Augenbraunen und das Haar. Gold, Ebenholz und

Elfenbein bildeten den Stoff des Thrones, an dessen Füssen vier

Viktorien standen, wie an der Rücklehne die Grazien und Horen; auch die

Querleisten, welche die Füsse des Thrones verbanden, Schemel und Basis,

waren mit reichem Bildwerke verziert, das Ganze von einer Brustwehr,

daran Gemälde des Panänus, umgeben. Nur einmal schuf _Phidias_ den

Jupiter, siebenmal dagegen Pallas Athene; hier wie dort blieb seine

Auffassung des Gottes für die Folgezeit maassgebend. Die berühmtesten

unter den Minervabildern waren: Athene Parthenos auf der Akropolis,

eine Chryselephantine, die Athene Promachos ebendort aus Erz in

kolossalen Verhältnissen, und die zarter gehaltene Lemnische Minerva,

von den Lemniern auf die Akropolis geweiht.[27] Ausserdem werden als

Werke des _Phidias_ eine Aphrodite Urania, aus Elfenbein und Gold, eine

andere aus Marmor, Hermes in Theben, Apollon aus Erz auf der Akropolis,

eine auf den Speer sich stützende Amazone, die Statue des Miltiades

u. a. angeführt. Bekanntlich wird auch der eine Koloss auf Monte

Cavallo zu Rom, in der Kaiserzeit verfertigt, durch die nachträgliche

Unterschrift und von der Tradition auf _Phidias_ zurückgeführt.

Weder von _Phidias_, noch von seinen namhaften Schülern: _Agorakritos_

(Nemesis zu Rhamnus), _Alkamenes_ (Olymp. 84-94), von welchen

zahlreiche Götterbilder (Aphrodite, Ares, Hephaistos) und eine

Giebelgruppe am Zeustempel zu Olympia herrühren, und _Kolotes_ sind

Werke auf uns gekommen. Doch besitzen wir in den Skulpturen am

Parthenon, Theseustempel und zu Phigalia ausreichende Zeugnisse von der

Höhe der Kunst im Zeitalter und in der Schule des _Phidias_.

[Illustration: Fig. 44.]

Die Parthenonskulpturen, zum grössten Theile unter dem Namen der

Elgin-marbles im brittischen Museum verwahrt, zerfallen in die

beiden Giebelgruppen -- Ostgiebel: die Erscheinung der Athene im

Götterkreise; Westgiebel: der Streit Poseidons mit Athene -- in 92

Metopentafeln, Kampfscenen geweiht und in das 528' lange, 3-1/5' hohe

Friesrelief, welches an der Cellawand herumlief und den Festzug der

Panathenäen nach der Akropolis zum Gegenstande hatte. Der Zustand

der Giebelgruppen ist leider der schlechteste, und dieselben uns nur

fragmentarisch erhalten. Doch reichen diese Fragmente (vom östlichen

Giebel: das mit den Köpfen aus dem Ozean emportauchende Gespann des

Helios, der ruhende Theseus, zwei sitzende Göttinnen (Fig. 44), die

eilende Iris, und von der anderen Giebelhälfte drei ruhende Göttinnen

und der weltberühmte Pferdekopf zum niedertauchenden Gespann der Nacht

gehörig; vom westlichen Giebel mehrere Torsos und die Statue des

Ilyssus) vollkommen hin, die technische Vollendung, die Schönheit und

Wahrheit der einzelnen Gestalten, die poetische Fülle der Gedanken und

die Unübertrefflichkeit des Styles, d. h. die meisterhafte Verbindung

der Skulpturen unter sich und mit dem architektonischen Hintergrunde

bewundern zu lassen. Den gleichen Ruhm der Vollendung nimmt auch der

Fries für sich in Anspruch. Auf blauem Hintergrund in flachem Relief

dargestellt, die Köpfe aller Figuren gleich hoch, mögen sie Reitern,

Fussgängern oder Sitzenden angehören, in scharfen Umrissen vom Grunde

sich abtrennend, bilden sie für den reinen Reliefstyl mustergiltige

Beispiele.

Die Friesbilder des Theseustempels stellen den Kampf des Theseus mit

den Pallantiden, und jenen der Centauren mit den Lapithen, der innere

Fries im Apollotempel zu Bassae bei Phigalia die Schlacht der Griechen

gegen die Amazonen und wieder den Kampf der Lapithen und Centauren

dar. Es bedarf keines Beweises, wie vortrefflich diese Motive zur

plastischen Verkörperung sich eignen, und wie meisterhaft dieselbe den

athenischen Künstlern gelang. Vom Zeustempel zu Olympia haben sich

nur wenige Metopenbilder erhalten; die Giebelgruppen des _Alkamenes_

und _Päonius_ aus den Trümmern wieder zu gewinnen, ist noch immer die

Hoffnung nicht verschwunden. Schliesslich müssen noch die Karyatiden am

Erechtheum als Werke aus dem Zeitalter des _Phidias_ erwähnt werden.

Von dem reichen Künstlerkreise, der sich an _Phidias_ anschloss und

gleichzeitig mit ihm oder bald nach ihm in Athen wirkte, haben sich nur

die Namen (_Kallimachus_, _Demetrius_, _Lykios_ u. A.) erhalten.

§. 46.

Mit _Phidias_ theilt den Lehrer, theilt weiter den Ruhm, auf dem

Gipfel der griechischen Kunst zu stehen und für die Bildung einzelner

Göttergestalten massgebend zu sein: _Polyklet_ der Argiver (Olymp.

89). Wie _Phidias_ das Zeusideal, so schuf _Polyklet_ in seiner

chryselephantinen Statue im Tempel bei Argos das Ideal Hera's,

der hohen Himmelskönigin. In der grossartigen Junobüste der Villa

Ludovisi bei Rom (Fig. 45) besitzen wir eine ungefähre Anschauung

des Polykletischen Werkes.[28] Nächst Hera wird dann das Erzbild

des Hermes zu Lysimachia gerühmt. Grösser aber und ausgezeichneter

noch ist _Polyklet_ in der Bildung von Menschen, in der Darstellung

formell vollendeter, ebenmässiger jugendlicher Gestalten. Die alten

Schriftsteller führen aus diesem genreartigen Kreise folgende Werke an:

den Jüngling, der sich die Siegerbinde um das Haupt legt -- Diadumenos,

den Doryphoros, mannhafter gebildet (Gegenstücke?), zwei Würfel

spielende Knaben, einen Ringer, der sich den Palästrastaub abschabt,

eine Amazone, die sogar im Wettstreite mit _Phidias_ den Preis errang

u. s. w.[29]

[Illustration: Fig. 45. Colossalbüste der Juno Ludovisi.]

Wie die Formengebung bei _Polyklet_ bereits eine selbständigere Rolle

beansprucht, als ihr bei _Phidias_ zu Theil wurde, dem sie einfach

zum Ausdrucke inhaltsreicher Ideen diente, beweist nicht nur die Wahl

seiner Stoffe, sondern auch der Umstand, dass er die Lehre von den

Verhältnissen des Leibes systematisch darlegte und den gefundenen

Kanon auch in einer Statue (man hält den Speerträger gewöhnlich dafür)

verkörperte. So erklärt sich auch das Lob und der Tadel, den ihm

das Alterthum spendete: die Gleichförmigkeit seiner Gestalten, das

geringere Vermögen zu erhabenen Bildungen, aber auch die Sicherheit

und Vollendung in der Ausführung, die Kenntniss leichter und bewegter

Stellungen.

Nicht weniger als achtzehn Künstler, in dem von _Polyklet_

vorgezeichneten Kreise sich bewegend, werden von _Pausanias_ und

_Plinius_ aufgezählt. Ihre Thätigkeit fällt in die 90. Olymp.; die

wichtigsten Namen sind: ein jüngerer _Polyklet_, des _Naukydes_

Schüler, _Antiphanes_ u. A. Auch Messene (_Damophons_ Werke zu

Megalopolis), Theben, Phokäa (_Telephanes_), Chios haben in dieser

Periode an der Kunstthätigkeit Griechenlands Theil.

§. 47.

Die Zeit um die hundertste Olympiade, nachdem der peloponnesische Krieg

das staatliche Leben Griechenlands in neue Bahnen geworfen hatte, macht

auch in der griechischen Kunstgeschichte einen neuen Abschnitt. Als

äusseres, aber nicht wenig bedeutsames Merkmal mag der überwiegende

Gebrauch des Marmors dienen; ein anderes ist die allmälige Lösung

des Dienstes, in welchem früher die Bildnerei zum öffentlichen Leben

stand, ihre Verwendung zu Privatzwecken. Damit hängt die räumliche

Erweiterung des Wirkungskreises der einzelnen Künstler zusammen, und

das Heraustreten der künstlerischen Persönlichkeit aus den geschaffenen

Werken. Stofflich und in der Composition gegen die ältere Zeit minder

gebunden, in seinen Werken auf wirkungsreiche Wahrheit, virtuose

Vollendung der Formen und feinsinnigen Reiz angewiesen, erscheint nun

der Künstler als der Mittelpunkt; die ehemalige Unterordnung unter das

Werk, die Theilnahme der religiösen Tradition an seinem schöpferischen

Wirken verschwinden. Ein eigentlicher Kunstverfall ist jedoch nicht

vorhanden. Es werden nicht die alten Ideenkreise in die neue Stylweise

gewaltsam gezwängt, sondern neue Ideenkreise, den veränderten

ästhetischen Anschauungen angemessen, aufgesucht, auch die angestrebte

formelle Vollendung nicht auf Kosten des Seelen- und Charaktervollen

durchgeführt.

Die Meister dieser Periode können zwar nicht in unmittelbarer Weise auf

_Phidias_ und _Polyklet_ zurückgeleitet werden, doch stehen sie mit

den durch diese Letzteren gebildeten Kunstschulen zu Athen und Argos

im Zusammenhange. Auch die jüngeren Athener sind gleich _Phidias_ mit

Vorliebe Götterbildner, nur dass sie den Götteridealen den reizenden

jugendlichen Schein verleihen und die untergeordneten, durch keine

religiöse Tradition fixirten Götterkreise mit Gestalten bevölkern;

dagegen bewahrt die jüngere sikyon-argivische Schule das Erz als

Material und erreicht gleich der älteren ihre Grösse in Athletenbildern

und überhaupt solchen Gestalten, welche das körperliche Leben in seiner

vollen Kraft und Schönheit darstellen.

_Skopas_ aus Paros (Olymp. 97-107). Gleich so vielen anderen Künstlern,

die Kenntniss der Architektur und Bildnerei vereinigend, hat _Skopas_

den Athenetempel zu Alea und die Giebelgruppen an demselben und

theilweise wenigstens das Grabmal des _Mausolos_ zu Halikarnas

(Relieftafeln davon in London und Genua) in das Dasein gerufen. Auch

die vielberühmte, aber verloren gegangene Gruppe: die Ueberbringung

der von _Hephaistos_ für _Achilles_ gefertigten Waffen durch _Thetis_,

von den Nereiden gefolgt, war wahrscheinlich eine Giebelgruppe.

Von Einzelstatuen werden Apollon als Kitharöde, die Eumeniden, die

unbekleidete Aphrodite, eine rasende Bacchantin mit fliegendem Haare,

ein in der Wuth getödtetes Zicklein in der Hand u. a. angeführt.[30]

Die Aufzählung dieser Gebilde reicht hin, das Pathetische der

Composition, die Neuheit vieler Motive erkennen zu lassen.

_Praxiteles_ (107. Olymp.). Die Wandlung, welche mit der Kunst dadurch

vor sich geht, dass auf die Schönheit und ergreifende Wahrheit

der Erscheinung, auf einen feinsinnlichen Reiz der Gestalten der

grössere Nachdruck gelegt wurde, offenbart sich in der Veränderung,

die _Praxiteles_ in den Götteridealen bewirkte. Dionys mit Epheu

bekränzt, mit der Linken auf den Thyrsus gestützt, nach Nachbildungen

zu schliessen mit fast weiblichen Hüften, süss lächelndem Munde und

schwärmerischen Augen, Satyren als Knaben gebildet, Apollon gleichfalls

in grösster Jugend dargestellt, wie er einer Eidechse mit dem Pfeile

(Sauroktonos) nachstellt; Eros, dreimal vom Meister dargestellt,

der Thespische von ihm selbst den besten Werken zugezählt, und vor

Allem die knidische Venus, nackt, von allen Seiten gleich treffliche

Ansichten bietend, angeblich nach einem Hetärenmodelle verfertigt,

ungleich bewunderter als die bekleidete Venus, welche _Praxiteles_

für Kos gearbeitet, bilden den von _Praxiteles_ gepflegten religiösen

Kreis.[31] Neben diesen und anderen werden dann noch zwei Statuen der

Phryne, die Gegenstücke einer weinenden Matrone und heiteren Buhlerin,

und schliesslich, aber erst von der mittelalterlichen Tradition und

mit Unrecht der andere der Kolosse vom Monte Cavallo als _Praxiteles_

Werke angeführt. Ueber die Niobidengruppe hatte bereits das Alterthum

keine Gewissheit, ob sie _Skopas_ oder _Praxiteles_ angehöre. Sie wurde

im 16. Jahrhundert bei Rom gefunden und später nach Florenz geschafft.

Nicht alle Figuren, die man in demselben Raume ausgrub, gehören

zusammen; dagegen erhält dieselbe durch einzelne Statuen in anderen

Museen eine treffliche Ergänzung, theilweise auch Wiederholung. Welche

Statuen unter den zahlreichen Niobiden Originale, welche spätere Kopien

sind, darüber konnte bis jetzt keine Entscheidung gefällt werden, wohl

hat man sich aber über die ursprüngliche Aufstellung der Gruppe in

einem Giebelfelde geeinigt, von welcher Stelle allerdings die Wirkung

dieser erschütternden, vom tiefsten dramatischen Gefühle durchgeisteten

Schöpfung noch lebendiger sein musste, als bei ihrer gegenwärtigen

zerstreuten Aufstellung.

_Lysippos_ aus Sikyon (Olymp. 114). Bei diesem Hauptmeister der

jüngeren sikyonischen Schule treten mannigfache Veränderungen in

der griechischen Kunstweise ein, theilweise nur Folgerungen aus

der früheren Entwicklung, theilweise aber auch die Resultate der

herrschenden Zeitbildung. Der Kanon der Verhältnisse wechselt:

schlankere Glieder, verjüngte Köpfe, leichtes, bewegtes Aussehen. Die

Porträtbildnerei gewinnt ansehnlich an Umfang. Nicht allein, dass

_Lysippos_ seinen Gönner _Alexander_ den Grossen in den mannigfachsten

Situationen vom Knabenalter beginnend darstellte, so vereinigte er auch

Porträtstatuen zu grösseren Gruppen, wie in der turma Alexandri, aus

34 Statuen bestehend, und in der Aktion eines Gefechtes abgebildet,

und in der Jagd _Alexanders_. Schliesslich erscheint im Kairos, einer

Knabengestalt mit Schermesser und Wage in der Hand, den günstigen

Augenblick darstellend, die %Allegorie% zum erstenmale berechtigt im

Kreise der plastischen Kunst. Wäre es unbestritten, dass _Lysipp_

1500 Werke gefertigt habe, so würde in dieser Vielarbeit ein neues

bezeichnendes Merkmal für diese Kunstperiode gewonnen sein. Unter

seinen Götterbildern, alle in Erz gearbeitet, wird der kolossale Zeus

zu Tarent, Neptun zu Korinth und der Sonnengott mit dem Viergespann

hervorgehoben. Den grössten Ruhm erwarb _Lysippos_ durch die

Vollendung des Heraklesideales. Vier Heraklesstatuen führen die alten

Schriftsteller namentlich an, darunter den ehernen Koloss zu Tarent:

der sorgenvoll ruhende Held und den Herakles Epitrapezios, auf einem

Felsstücke sitzend, in der Rechten den Becher, in der Linken die Keule,

nach den kleinen Verhältnissen zu schliessen, ein Tafelaufsatz.[32]

Es hält nicht schwer, in der Entwicklungsweise der Götterideale vom

Zeus des _Phidias_ bis zum _Lysippi_schen Herakles das Walten eines

bestimmten Gesetzes, und in der übermenschlich mächtigen Körperlichkeit

des letzteren den natürlichen Schluss der Götterbildungen zu erkennen.

An jeden der genannten Meister schliesst sich ein zahlreicher

Künstlerkreis an.

Um _Skopas_ gruppiren sich _Leochares_ (Ganymed), _Bryaxis_ (Olymp.

117) (Serapis), um _Praxiteles_ dessen Söhne: _Kephisodot_ und

_Timarchos_; andere athenische Künstler dieses Zeitalters sind der

Autodidakt _Silanion_ (sterbende Jokaste), _Apollodor_ u. A.

Der sikyon-argivischen Schule werden eingefügt: der Maler _Euphranor_,

zwischen dem alten und neuen schlankeren Kanon der Verhältnisse

schwankend und Subtilitäten im Ausdrucke (_Paris_, in dessen Gesicht

der Liebhaber, der Held und der Schönheitsrichter gleichmässig zum

Vorschein kam) zugeneigt; _Lysistratos_ auf äussere Naturwahrheit bis

zum Extreme bedacht (Erfinder der Gypsmasken), _Daippos_, _Boedas_ und

_Euthykrates_ des _Lysipp_ Söhne, _Eutychides_ (Tyche von Antiochia),

dessen Schüler _Chares_ (Koloss des Sonnengottes zu Rhodus) u. A.

Einen theilweisen Ersatz für den Verlust fast aller Originalwerke

dieser Periode, obgleich in der Plastik die Kluft zwischen der Kopie

und dem Original minder schroff ist, als in der Malerei, besitzen

wir in dem reizenden Friese am Monumente des Lysikrates: _Dionysos_

sich an den tyrrhenischen Seeräubern rächend, und in den Reliefs am

Harpagosdenkmale zu Xanthus. Wiewohl namenlos, besitzen diese Werke den

Vorzug untrüglicher Originalarbeit aus dem vierten Jahrhundert.

§. 48.

_Alexanders_ des Grossen Siege verbreiteten den griechischen Ruhm

und die griechische Bildung in den weitesten Kreisen. Die Begründung

neuer Reiche durch seine Nachfolger führte auch der Kunst neue

Thätigkeitssphären zu. An Mangel an Beschäftigung durften die

bildenden Künste so wenig klagen, als die Architektur, wohl aber

bleibt die Vergeudung der Kräfte für Eintagszwecke bei Gelegenheit

von Todtenfeiern, Festzügen u. s. w. zu bedauern. Das eigentliche

Griechenland, die bisher herrschenden Kunstschulen treten in den

Hintergrund, die griechischen Grenzländer werden der Mittelpunkt wie

der politischen Macht, so auch der künstlerischen Thätigkeit.

Die wichtigste Stelle nimmt die Kunstschule von %Pergamos% ein,

vertreten durch _Isigonos_, _Phyromachos_ (Olymp. 120), _Stratonikos_

und _Antigonos_. Gegenstand ihrer Werke waren die Schlachten

des _Attalos_ und _Eumenes_ gegen die Gallier. Fragmente dieser

Gruppenbilder haben sich in dem sterbenden Fechter (kapitol. Museum)

und der Gruppe des sogen. _Paetus_ und _Arria_ (Villa Ludovisi)

erhalten. Kunstgeschichtliche Bedeutung gewinnt diese Richtung

durch das tiefe Erfassen und überaus wirkungsreiche Wiedergeben der

Situation, dann aber durch das Eingehen auf die Mannigfaltigkeit der

Körperbildung bei den verschiedenen Stämmen. Die allgemeine Idealität

der Körperbildung hat ihre Geltung verloren, gegenüber gewaltiger

realer Charakterschilderung.

Eine zweite Kunstschule breitet sich auf %Rhodus% aus. Wir kennen

mehr als 20 Künstlernamen und haben auch sonst Nachricht von dem

ausgedehnten Kunstbetriebe auf der üppig blühenden, handelsreichen

Insel. Wir besitzen aber nur zwei Werke, welche uns über die Richtung

der rhodischen Schule aufklären, und auch von diesen ist das

berühmtere, die Laokoongruppe im Vatikan, von _Agesandros_, _Polydoros_

und _Athenodoros_ aus Rhodus gefertigt, noch immer in Bezug auf seine

Entstehungszeit, ob in der Periode der Diadochen, oder in der römischen

Kaiserzeit geschaffen, einzelnen Zweifeln unterworfen. Das andere Werk,

von _Tauriskos_ und _Apollonios_ gearbeitet, und Dirkes Schleifung

durch den Stier mit Zethos, Amphion und Antiope als Theilnehmer

vorstellend, wird unter dem Namen des farnesischen Stieres in Neapel

verwahrt. Die meisterhafte Bewältigung des Materiales, die überall

durchdringende anatomische Kenntniss, der ruhige Aufbau der Gruppe und

daneben die grossartige Bewegung in den Einzelgestalten stellen den

Laokoon in die erste Reihe der Antiken, obzwar dies Werk schon nahe an

der Grenze des Plastischen liegt und eine gewisse Berechnung in der

Composition nicht verbirgt.

Ueber das Schlussschicksal der griechischen Bildnerei nach der

Zerstörung von Korinth sind wir auf wenige lückenhafte Nachrichten

angewiesen. Eine Unterbrechung der Kunstthätigkeit ist keineswegs

anzunehmen, ihr Hauptschauplatz aber allerdings in Rom und Italien zu

suchen. Die athenische Geburtsstätte der meisten namhaften Künstler

macht die ununterbrochene Fortübung der Bildnerei in Athen sehr

wahrscheinlich. Während wir für die früheren Perioden entweder die

blossen Künstlernamen oder namenlose Werke besitzen, ist in diesem

Zeitalter die Inschrift des Künstlers auf seinem Werke nicht selten.

Wir kennen den vielbewunderten Heraklestorso im Vatikan als das

Werk des _Apollonius_; der sogen. farnesische Herkules zu Neapel

aus der ersten Kaiserzeit wurde von _Glykon_, die mediceische Venus

von _Kleomenes_, die sogen. Germanikusstatue (Hermes) im Louvre von

einem anderen _Kleomenes_, die Karyatiden am Pantheon des Agrippa

von _Diogenes_, sämmtlich Athenern, gefertigt. Neben Athen bleibt

Kleinasien die Heimath zahlreicher Künstler, wie %Ephesus%, woher

_Agasias_ der Schöpfer des borghesischen Fechters im Louvre, %Priene%,

woher _Archelaos_ (die Apotheose des _Homer_, Relief im brittischen

Museum) stammt, ebenso %Aphrodisias% u. s. w.

§. 49.

Einseitige ästhetische Lehrmeinungen haben den Glauben an die

Farblosigkeit der griechischen Kunst, an die untergeordnete Bedeutung

der Malerei aufgebracht. Es galt als ein Frevel an dem idealen

Formensinn der Hellenen, die zureichende Kraft der blossen Linie ohne

eine belebende Nachhülfe durch die Farbe zu bezweifeln; es erschien

der plastischen Natur dieses Volksstammes widersprechend, dass es

auch eine reiche malerische Phantasie entwickle. Unbestreitbaren

Thatsachen gegenüber sind beide Ansichten unhaltbar geworden; es muss

nicht allein der Malerei eine ausgedehnte Pflege und hohe Blüthe im

griechischen Alterthum zugeschrieben werden, auch die Skulptur hat

zweifellos die Mitwirkung der Farbe nicht verschmäht, gleich der

Architektur die Anwendung der %Polychromie% gestattet. Ein strenges

System der Polychromie der griechischen Skulptur lässt sich bei dem

mannigfachen Grade und der vielfachen Abstufung der üblichen Bemalung

nicht füglich aufstellen. Es gehört zur Polychromie bereits der

Gebrauch eines verschiedenen Materiales für die nackten Theile und die

Gewandung, sei es nun eines grobkörnigen Steines für die Gewandung (und

männliche Gestalten), eines feinkörnigen für die Fleischtheile, wie in

Selinunt, oder Holz und Marmor, Elfenbein und Goldblech, ebenso wie die

Bemalung der Kleidersäume, die Vergoldung der Haare und Waffen, und die

angebliche vollständige Uebermalung, für welche einzelne Archäologen

den Beleg in der Erzählung des _Plinius_ von der »circumlitio«

praxitelischer Marmorbilder durch den Maler _Nicias_ finden wollen,

obgleich wahrscheinlich dieses Wort nur die farbige Einfassung

der Gewandränder, Haare (oder einen enkaustischen Wachsüberzug?)

bedeutet. Farbenreste sind an den erhaltenen Monumenten, sowohl an

den Tempelskulpturen, wie an freistehenden Statuen in so grosser Zahl

nachgewiesen worden, von den äginetischen und lycischen Skulpturen bis

zur mediceischen Venus herab, dass die allgemeine Sitte der Polychromie

kaum bezweifelt werden kann; nur ging dieselbe nicht so weit, dass

sie den plastischen Werken einen bunten Ausdruck verlieh, oder eine

auch im Kleinen und Besonderen durchgeführte Naturwahrheit anstrebte.

Namentlich Marmorwerke traten dem Beschauer in wesentlich weisser

Erscheinung entgegen. Wir finden den Augenstern durch Farbe bezeichnet,

und damit die Richtung des Blickes bestimmt oder aus edlem Materiale

eingesetzt, die Haare vergoldet, die Lippen bemalt (Aegineten), die

Gewandsäume mit farbigen Zierathen bedeckt, auch wohl das ganze Gewand

mit Farbe angestrichen (vatikanische Amazone), die Attribute, Waffen,

Pferdegeschirre von Metall angesetzt u. s. w. Im Allgemeinen ist

also die Farbe nur als belebender Schmuck verwendet, das zufällige

äussere Zugehör ungleich reicher und ausführlicher bemalt, als die

organischen Glieder, das Nackte bei den Erz- wie bei den Marmorbildern

in der natürlichen Farbe des Materiales belassen, kurz die gleichen

Grundsätze hier festgehalten, welche an der Polychromie der Architektur

wahrgenommen werden. Auch dort dient die Farbe dekorativen Zwecken,

oder zur schärferen Abhebung und Trennung der einzelnen Glieder, die

grösseren Massen jedoch bleiben von derselben befreit.

Bleibt trotz aller Zugeständnisse an die Polychromie das Wesen

der Plastik unberührt, und uns vergönnt, an einfachen ungefärbten

Gypsabgüssen die eigenthümliche Schönheit des griechischen Formensinnes

zu studiren: so können wir auch ohne Bedenken das Vorurtheil von

der ausschliesslichen plastischen Begabung der Hellenen aufgeben

und an die ausgedehnte Blüthe der Malerei glauben, ohne desshalb

späteren Kunstperioden, welche für sich die höchste Ausbildung der

Malerkunst in Anspruch nehmen, nahe zu treten oder die hervorragende

Bedeutung der griechischen Skulptur zu verkennen. Nichts berechtigt

zu der Annahme, die griechischen Künstler hätten in ihren Gemälden

die specifisch malerischen Wirkungen, die Reflexe des Lufttones,

das eigenthümliche Licht- und Schattenspiel angestrebt, welches wir

an Werken der neueren Zeit bewundern; es blieb vielmehr auch hier

der Umriss, die Modellirung, die Form die Hauptsache, die tiefere

innere Einheit mit der Plastik bewahrt. Den Beweis dafür liefert, in

Ermangelung der Originaldenkmäler, deren Verlust wir leider sämmtlich

zu beklagen haben, ausser _Quintilians_ Erzählung von dem Verfahren

der Maler, die einzelnen Figuren auseinander zu halten, dass nicht

die Schattenwirkung die Einheit der Form beeinträchtige, die Art und

Weise, wie die Nachwelt die Entstehung der Malerei auffasste und als

Sage überlieferte. Sie erzählt von der Tochter des korinthischen

Töpfers _Butades_, welche den Schattenriss des scheidenden Geliebten

an der Wand festhielt, (auch _Kleanthes_ von Korinth und der Aegypter

_Philokles_ werden als die Erfinder der Umrisszeichnung gepriesen) von

dem Korinther _Ardices_ und dem Sikyonier _Telephanes_, welche den

äusseren Umrissen auch innere Linien zur Andeutung der Körperformen

hinzufügten, von dem Korinther _Kleophant_, welcher zuerst einfarbige

Bilder (Monochromen) fertigte, von dem Athener _Eumarus_, welcher

bereits die Geschlechter auch in der Farbe unterschied u. s. w., bis

allmälig das lange Zeit gültige System der Tetrachromie, die Anwendung

von vier Hauptfarben: Weiss, Roth, Gelb und Schwarz sich herausbildete.

Können wir in diesen Sagen auch nur die kunstphilosophische Anschauung

einer späteren Zeit, wie sich dieselbe die Entwicklung der Kunst

dachte, nicht deren reale Geschichte erkennen, so bleibt dennoch die

vorausgesetzte plastische Richtung auch der ältesten Malerei, die

Stellung, welche man derselben zur Skulptur einräumte, im höchsten

Grade charakteristisch.

So mager auch diese ästhetische Erkenntniss ist, wir wären dennoch

trotz der zahlreichen Nachrichten über die Maler des Alterthums bei

römischen und griechischen Schriftstellern über den herrschenden

Styl nicht viel besser unterrichtet, kämen uns nicht glücklicher

Weise die zahllosen Vasengemälde zu Hülfe, welche noch unaufhörlich

dem griechischen und italischen Boden entlockt werden, eine

verhältnissmässig geschlossene geschichtliche Entwicklung an sich

offenbaren, und nachdem sie die längste Zeit zu einem unfruchtbaren

archäologischen Spielzeuge dienten, jüngst auch eine geläuterte

wissenschaftliche Behandlung erfahren.

Die Fundorte für bemalte Vasen sind in Griechenland namentlich Athen,

Korinth, die Inseln, dann in Italien: Sizilien (Girgenti), auf altem

bruttischem Boden Locri, ferner Apulien (Rubi), Lukanien (Armento,

Anxia), Kampanien (%Nola%) und im Norden der Tiber auf etrurischem

Gebiete: Veji, Caere, %Vulci%, Volaterrae u. a. Die nolanischen

Vasen, zierlich geformt, intensiv und glänzend gefärbt, die Bilder

nicht figurenreich, mit Vorliebe auch das Privatleben behandelnd und

die inschriftenreichen vulcentischen, in der vollendeten Technik den

erstgenannten gleichstehend, aber im Style gemessener, höher gegriffen

als jene, bilden mit Recht die berühmtesten Gruppen. Der ehemals

vorausgesetzte etruskische Ursprung der Vasen ist gegenwärtig allgemein

zurückgewiesen, die griechische Abstammung über jeden Zweifel hinaus

festgestellt, und zwar weisen die in der älteren Zeit vorherrschenden

dorischen Inschriften auf Korinth, der später ausgebildete reine

Atticismus auf Athen als den Fabriksort hin, womit auch der bekannte

Ruhm beider Städte in der Erzeugung von Töpferwaaren übereinstimmt.

Dass namentlich seit der Zerrüttung der öffentlichen Verhältnisse

Griechenlands neben der Einfuhr eine einheimische Fabrikation in

Italien bestand, wird keineswegs geläugnet; für Apulien und Lukanien,

wo es an griechischen Kunstanregungen keineswegs fehlte, dann für

Etrurien, wo die Neigung für den älteren Styl herrschend blieb,

gilt dieser selbständige Betrieb als unbestrittene Thatsache; nur

sind griechische Vasen überhaupt in der Mehrzahl vorhanden, und

ihre Benützung als Vorbilder auch für die einheimisch italienische

Produktion ebenso gewiss als die letztere selbst. Die Gefässformen,

welche wir an den gewöhnlich in Gräbern gefundenen bemalten Vasen

bemerken, haben bis jetzt noch keine scharf bestimmte, klare

Eintheilung erfahren, besser sind wir über die Stylentwicklung der

Vasenbilder unterrichtet.

Der ältesten Zeit gehören die sogen. ägyptisirenden Vasen von

blassgelbem Thone und schwarzbraunen Malereien an, welche letztere

ausser Pflanzenmotiven und anderen Ornamenten phantastisch gebildete

Thiergestalten enthalten. Der häufigste Fundort ist ausser Nola, Vulci,

Veji u. a. Griechenland, wohin die eigenthümliche Dekorationsweise wohl

aus assyrisch-babylonischen Landschaften sich verpflanzt hatte.

Eine zweite Stylepoche, durch mehrere Mittelstufen mit der

erstgenannten verknüpft (Françoisvase in Florenz), wird durch die

schwarzen Figuren auf rothem Grunde vertreten. Bei höchst sauberer

Ausführung ist doch alle Bewegung und Kraft auf den eigentlichen

Körper concentrirt, und diese mit heftiger Gewaltsamkeit ausgedrückt;

dagegen mangelt den stets im Profil gezeichneten Köpfen ebenso sehr

die Schönheit als das Leben. Noch während diese Vasengattung im

Gebrauche war (man rechnet die Dauer des %alten Styles% etwa bis zur

114. Olymp.), begann man bei der Bilderfertigung das entgegengesetzte

Verfahren einzuschlagen und die Gestalten auf schwarzem Grunde roth zu

färben, ja zuweilen wurden beide Weisen, rothe und schwarze Figuren,

auf %einem% Bilde vereinigt. An die erstgenannten legt sich alle

weitere Entwicklung der Vasenmalerei an. Man unterscheidet einen

älteren %strengen Styl%, den äginetischen oder lycischen Skulpturen

vergleichbar, und den jüngeren %schönen Styl% (bis _Alexander_

den Grossen). Schon bei jenem verschwinden alle symbolischen

Beihülfen einer noch ungelenken Zeichnung; die letztere erscheint

durchgebildeter, scharf bestimmt, die Composition lebendiger,

gruppenreich, wenn auch beides, Zeichnung und Composition, noch eine

mannigfache Gebundenheit, jene an das Profil, das Unverkürzte, diese

an das gemessen Würdevolle, Züchtige in der Empfindung, offenbaren. Im

schönen Style tritt bei übrigens gleicher Technik und schlanken, höchst

eleganten Gefässformen die Richtung auf das Anmuthige, Ueppigweiche

in den Umrissen und in den mit Vorliebe behandelten jugendlichen

und weiblichen Formen in den Vordergrund, wofür namentlich die

Schilderungen des bacchischen Lebenskreises die geeignetsten Vorwürfe

abgaben. Erst nachdem in Attika die Vasenfabrikation sank, seit dem

dritten Jahrhundert v. Chr., bildet sich in Lukanien und Apulien

ein selbständiger Betrieb aus. Die hier vorherrschende griechische

Bildung erklärt das hellenische Element namentlich im Inhalte der

Darstellungen. Die späte Zeit, das in dem fremden Lande nicht so wie

auf griechischem Boden heimische ideale Maass der Phantasie macht die

Flüchtigkeit und Ueberladenheit des Styles begreiflich. Der Name von

Prachtvasen mag den dieser Gattung angehörigen Gefässen billig bleiben,

nur darf dabei nicht an einen tieferen künstlerischen Werth gedacht

werden. Gleichzeitig mit Apulien und Lukanien entwickelte sich auch in

Etrurien eine heimische Vasenfabrikation, ohne aber die Bedeutung der

früher genannten zu erringen, bis die vordringende Römerherrschaft dem

ganzen Kunstzweige ein Ende setzte.

Von den Vasenbildern nun lassen sich einzelne Züge auch für die

griechische Malerei abstrahiren, unter der Einschränkung jedoch,

dass man den Unterschied zwischen dem handwerksmässigen Betriebe und

der künstlerischen Schöpfung stets festhält und die Parallele auf die

späteren Perioden (Alexandrinisches Zeitalter) nicht ausdehnt. Damals

nämlich trat in der Malerei das Streben nach Coloriteffekten in den

Vordergrund, wofür die nur durch den Contrast der glänzend schwarzen

Farbe zum natürlichen Roth des Thones und sonst nur durch die ideale

Zeichnung wirksamen Vasenbilder auch nicht die entfernteste Andeutung

gewähren können.

§. 50.

Die ersten Entwicklungsstufen der griechischen Malerei, von der

Umrisszeichnung zur Andeutung der Muskulatur und des Gliederbaues

durch flüchtige Linien, zu mannigfachen Kopfwendungen, schärferem

Gliederausdruck, bestimmter Muskelbezeichnung und freierem Faltenwurfe,

welches Alles dem _Kimon_ von Kleonai zuerst zugeschrieben wird

u. s. w., wurden bereits früher erwähnt. Nähere Nachrichten über

den weiteren Gang der Entwicklung besitzen wir nicht, wenn gleich

einzelne Künstlernamen (_Bularchos_ von Kandaules u.A.) und Bildernamen

(Uebergang des _Darius_ über den Bosporus vom Baumeister _Mandrokles_

nach Samos geweiht) aufbewahrt sind. Erst das Zeitalter des _Phidias_

bringt uns über die Schicksale der Malerei nähere Kunde und zeigt die

athenische Schule bereits in hoher Blüthe.

Um den Thasier _Polygnot_, des Malers _Aglaophon_ Sohn (u. 79.

Olymp.), reiht sich eine zahlreiche Künstlergruppe: _Panänos_, des

_Phidias_ Vetter und Gehülfe (bei der polychromen Statuenverzierung),

_Timagoras_ aus Chalkis, der Aeginete _Onatas_, der als Pferdemaler

berühmte _Mikon_, der Bühnenmaler _Agatharchos_, _Dionysios_ aus

Kolophon, _Aglaophon_ u. A. Der Hauptschauplatz ihrer Wirksamkeit war

die Lesche in Delphi, die Poikile in Athen, die Tempel in Platää,

Thespiai, die Gegenstände der Darstellung historischer und mythischer

Natur. So malte _Panänus_ in der Poikile die Schlacht bei Marathon und

zwar mit porträtartiger Charakteristik der Feldherrn, _Polygnot_ in

der delphischen Lesche das eroberte Ilion, die Abfahrt der Hellenen,

Odysseus Besuch in der Unterwelt, _Mikon_ im Theseustempel Kämpfe der

Amazonen und Centauren. Aus den Merkmalen, welche alte Schriftsteller

an _Polygnots_ Werken rühmend hervorheben und welche wohl von dem

gesammten gleichzeitigen Künstlerkreise gelten mögen, sich ein klares

Bild von dem Kunstcharakter des Meisters zu entwerfen, unterliegt

mannigfachen Schwierigkeiten. Bei einfachem strengen Colorite

erscheinen die Augenbrauen schön gezogen, die Wangen geröthet, der

Blick belebt, der Mund sprechend geöffnet, die Gewänder leicht und

zierlich gefaltet und durchsichtig (?) gemalt. In der lebendigen

Zeichnung liegt also _Polygnots_ technische Stärke, dazu kommt

_Aristoteles_ Bemerkung von dem Maler edler Charaktere, welcher die

Menschen besser darstelle als sie seien, und die aus den Inhaltsangaben

seiner Bilder gewonnene Ueberzeugung von dem Figurenreichthume seiner

Compositionen. Auch durch den Gegensatz zur späteren Malweise lässt

sich Einzelnes für die Erkenntniss seines Kunstcharakters abgewinnen.

Nachdem der Bühnenmaler _Apollodor_ die Wirkungen von Licht und

Schatten, die malerische Illusion in das Bereich der Studien gezogen

und einen glänzenderen sinnlichen Reiz seinen Gestalten einverleibt

hatte, so dass erst sie das Auge des Beschauers dauernd fesselten,

beginnt auf ionischem Boden (Ephesus) im vierten Jahrhundert v.

Chr. eine neue Periode in der Geschichte der griechischen Malerei.

Die epische Breite der Composition, an _Polygnots_ Werken mit Recht

hervorgehoben, verschwindet, auch der ideale strenge Sinn in der

Auffassung, die gemessene, einfach reine Zeichnung tritt zurück,

Raum gebend einer in das Einzelne arbeitenden, individualisirenden

Ausführung, wobei der Farbe ein ungleich grösserer Wirkungskreis

anheimfiel. Leider sind wir nicht im Stande, aus dem Gebiete der

Vasenmalerei ähnliche Parallelen für diese Kunstweise heranzuziehen,

wie dies mit den Vasenbildern strengen Styles für _Polygnot_ der Fall

ist. Der Vorwurf, den _Aristoteles_ über die Bilder des _Zeuxis_

(u. 90-100. Olymp.) fällt, es mangle denselben die sittliche Würde,

das Ethos; die Vorzüge, welche von den Werken der ionischen Schule

behauptet werden: die Kraft der Illusion (die bekannten Trauben des

_Zeuxis_ und der Vorhang des _Parrhasios_), die weiche Rundung der

Formen, die Feinheit der Contouren (von _Parrhasios_ gerühmt), die

nicht die Gestalten reliefartig abschnitten, sondern sich sanft

verliefen, der pathetische Ausdruck im Bilde des _Timanthes_: Opfer der

Iphigenia, bezeichnen die auf das Malerische, Individuelle gerichtete

Kunstweise. Auch die Gegenstände, welche zur Darstellung gewählt

werden, sind für die herrschende Sinnesrichtung charakteristisch.

So malt _Zeuxis_ die Helena, Penelope, Alkmene, den Pan, den

thronenden Jupiter, den jugendlichen Drachentödter Herakles, eine

Centaurenfamilie, _Parrhasios_ den Theseus, der nachmals auf dem

römischen Kapitole bewahrt wurde, die Gruppe des Melager, Herakles,

und Perseus, zwei Hopliten, den einen schweisstriefend in den Kampf

eilend, den anderen ermattet niedergesunken, die Personifikation

des athenischen Demos, so lebenswahr und ausdrucksvoll, dass

man in der Gestalt alle Eigenschaften des athenischen Volkes,

auch die widersprechendsten, zu lesen wähnte, und andere Heroen

und Porträtfiguren. In dieser Vorliebe für die Darstellung von

Einzelgestalten und einfachen Gruppen, wobei nothwendig die scharfe

Individualisirung, der Reiz der Färbung die wichtigste Aufgabe wurde,

spricht sich der Gegensatz zur figurenreichen, epischen Composition der

älteren attischen Schule deutlich aus.

Der ionischen Malerschule geht die sikyonische, von _Eupompos_ und

_Pamphilus_ (97-107. Olymp.) gegründet, zur Seite. Ihre nähere

Entwicklungsgeschichte ist unbekannt, ihr Kunstcharakter ist wohl

als ein schärferes Eingehen auf den Naturalismus aufzufassen, der

eine minder reiche Färbung, als den Ionern eigenthümlich war, aber

eine sichere, feste Zeichnung im Gefolge hatte. Auch die ausgedehnte

theoretische Bildung, eine gewisse akademische Gelehrsamkeit wird

den Merkmalen der sikyonischen Schule beigezählt. Eine reichere

Ausbildung und vielfache Anwendung erhielt in dieser Zeit die

enkaustische Malerei (_Aristides_ und _Pausias_), eine Technik, von

welcher wir nur so viel wissen, dass sie die Farbstoffe mit Wachs

verband und dem Grunde einbrannte, ohne trotz vielfacher Versuche

sie wiederherstellen zu können. Ausser den genannten Meistern

_Eupompos_ und _Pamphilus_ aus Macedonien werden noch _Echion_ (die

verschämte Neuvermählte, Semiramis, die Allegorien der Tragödie und

Komödie u. a.), _Melanthius_, wegen der verständigen Anordnung seiner

Bilder berühmt, _Pausias_, in der Dekorationsmalerei ausgezeichnet,

in der Verkürzung und Schattirung (Modellirung) der Gestalten

kenntnissreich (Kranzwinderin _Glykera_) hervorgehoben; _Euphranor_,

in Athen thätig, scheint mehr die heroische und historische Malerei

gepflegt zu haben (Zwölfgötter, Theseus, kräftiger gebildet als des

_Parrhasios_ gleichnamiges Bild, Reitergefecht); auch der Athener

_Nikias_ widmet, vielleicht der heimischen Kunsttradition folgend,

ähnlichen Darstellungen von figurenreichen mythischen und historischen

Scenen seinen Pinsel. Dagegen wird _Aristides_ von Theben durch den

leidenschaftlich pathetischen Ausdruck in seinen Bildern gerühmt.

Alle Maler Griechenlands überstrahlt an Reichthum der Begabung,

Gewandtheit der Ausführung und %Grazie% _Apelles_ von Cos (356-308 v.

Chr. thätig). Er vereinigte die Vorzüge der sikyonischen und ionischen

Schule (oder hob vielmehr die hier einseitig verfolgten Richtungen

auf), wusste durch die Frische der Färbung und Zartheit der Umrisse

zu fesseln und über seine Werke den Hauch der Anmuth zu verbreiten.

Die Venus Anadyomene, den Meereswellen entsteigend, für Cos gemalt,

später nach Rom gebracht, erwarb ihm den höchsten Ruhm; ausser diesem

Werke werden noch Schlachten- und Heroenbilder und zahlreiche Portraite

(namentlich _Alexanders_) aufgezählt. Der Glanz, welchen _Apelles_

Thätigkeit im Zeitalter _Alexanders_ des Grossen auf die Malerei warf,

scheint unter der Herrschaft seiner Nachfolger wenigstens äusserlich

nichts verloren zu haben. Ausser den Zeitgenossen des _Apelles_:

_Protogenes_, _Asklepiadorus_, _Ktesilochus_ sind uns noch zahlreiche

Künstlernamen erhalten, ohne dass wir über den artistischen Charakter

derselben näher unterrichtet wären. Bezeichnend ist die häufig beklagte

Vorliebe für parodirende Darstellungen, für Gegenstände des sogen.

Genrefaches und Stilllebens. _Pyreikus_, unbekannten Alters, soll

zuerst Barbierstuben und Schusterbuden, junge Esel, Küchengemüse u.

dgl. gemalt haben. Auch die Mosaikmalerei zu Dekorationszwecken kam

erst jetzt am Schlusse der griechischen Kunst in Aufnahme (_Sosus_

von Pergamus). Dass der Naturalismus, den wir schon in der früheren

Periode in der griechischen Malerei waltend erblickten, zuletzt auch

die Stoffwelt umwandeln und die Dinge des gewöhnlichen Lebens als der

künstlerischen Verherrlichung würdig empfehlen werde, ist begreiflich,

ebenso wie die Auflösung der Malerei in eine dekorative Kunst nur

ein allgemein gültiges Gesetz der kunstgeschichtlichen Entwicklung

wiederholt.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 10 / 33 题