1. Hellas.

§. 34.

Nur im mittelbaren Zusammenhange, so weit eben die Geschicke des ganzen

Menschengeschlechtes eine Einheit bilden und ineinander greifen, stehen

die bis jetzt betrachteten Kunststufen zu unserer und unserer näheren

Vorfahren Bildung. Unmittelbar lebendig dagegen, auch ästhetisch

gültig, und für die praktische Nachbildung befähigt ist die klassische

Kunst der Griechen. Auch ihr Schauplatz, die Gestade des Mittelmeeres,

fällt bereits in unsere Welt. Gleich wie wir in diesen Räumen uns

unmittelbar heimisch fühlen, und keinen bis zum Abstossenden fremden

geographischen Mächten begegnen, so sind auch die Phantasiebilder, die

auf diesen Räumen erzeugt, und die künstlerischen Formen, in welche

jene eingekleidet werden, uns ohne weitere Vermittlung verständlich.

Die freie, heitere Menschlichkeit, die jeden Kreis griechischer

Thätigkeit durchleuchtet, bildet das festgeschlungene Band zwischen

der griechischen Kunst und jener der folgenden Zeitalter. Dass die

gewöhnliche, auf den ästhetischen Genuss bedachte Anschauungsweise der

griechischen Kunst wählerisch verfährt und ihre Entwicklungsgeschichte

wenig berücksichtigt, ist selbstverständlich. Die historische

Betrachtung darf aber die Anfänge und ersten Versuche der hellenischen

Phantasie nicht ausschliessen, mögen auch dieselben im Vergleiche zu

späteren Werken des feinen und verfeinerten Geschmackes unbedeutend und

unförmlich erscheinen und die Meinung von der gleich ursprünglichen

Vollendung griechischer Kunstwerke etwas herabstimmen.[18]

Die Frage, welche auch hier wie bei den früher betrachteten

Volksstämmen wiederkehrt: ob die griechische Kunst ein einheimisches

Produkt bilde, oder von Aussen, etwa von Aegypten oder Assyrien in das

Land gebracht worden sei, bildet noch gegenwärtig eine unentschiedene

Streitfrage. Die Behauptung einer gänzlichen Abgeschlossenheit des

hellenischen, seefahrenden Stammes ist unbedingt verwerflich. Auf der

anderen Seite kann aber auch die Meinung, dass fertige Kunstformen

von den Griechen übernommen wurden, nicht begründet werden. Selbst

das Vorkommen des ionischen Kapitäls in Assyrien, und dorisirender

Säulen in Aegypten zugegeben, kann doch das hellenische geschlossene

Giebelhaus nicht aus diesen Einflüssen erklärt werden. Auch _Diodors_

Versicherung, dass die Dädalusbilder im Style den ägyptischen gleich

kommen, ist nicht über jeden Zweifel erhaben; viel grösseren Glauben

verdient daher die Ansicht, welche nur einen stofflichen Zusammenhang

mit dem Oriente annimmt, die Umformung dieser Bildungsstoffe aber als

ein selbständiges Werk der Griechen betrachtet.

Die Anfänge der griechischen Baukunst, im Wesentlichen von den

allgemeinen Kunstanfängen nicht unterschieden, haben wir in den

Resten der %pelasgischen% Vorzeit zu suchen.[19] Auf dem Peloponnes,

namentlich in Argolis, in Attika, in Epirus, auf den Inseln befanden

sich noch die Trümmer alter Ummauerungen der Akropolen, auffallend

durch das wuchtige Material, die aller Zerstörung trotzende, aber

formlose Arbeit. Die einzelnen Steinblöcke haben riesige Verhältnisse,

gehen oft durch die ganze Dicke der Mauern, sind aber weder regelrecht

bebauen, noch geradlinig gefügt. Die roheste Form dieser %cyklopischen

Mauern% zeigt die Steinmassen einfach aufeinandergewälzt, die

fortschreitende Technik fügt dann die polygonen Blöcke an ihren

Bruchflächen zusammen und füllt die Lücken mit Kleingestein aus, bis

allmählig die Schichtung gerader, die einzelnen Lagen gleichförmiger

werden und der Quaderbau entsteht. Die Thore, welche die Mauern

durchbrechen, sind häufig als Dreieck gestaltet (Missolunghi, Ephesus),

und selbst dort, wo sie mit einer breiten Oberschwelle bedeckt und

nicht zugespitzt sind, verjüngen sie sich nach oben und haben ein

entlastendes Dreieck über sich, so z. B. an dem berühmten Löwenthore zu

Mykenä. Hier ist das Dreieck mit zwei Löwinnen, vielleicht der ältesten

europäischen Skulptur, ausgesetzt, welche zwischen sich das Symbol des

thürhütenden Apollo, eine Säule mit vier Kugeln auf der Deckplatte,

halten. Eine gleiche Construction wie die Thüren offenbaren auch die

in der Tiefe der Mauer angelegten Gänge zu Mykenä, Larissa, Tiryns.

Auch hier treten die Steinlagen nach oben immer mehr vor, bis sie oben,

einen Giebel bildend, zusammenstossen, was diesen übrigens noch wenig

aufgehellten Galerien den Schein eines Spitzbogenbaues verleiht.

Auch Pyramiden und Innenbauten haben sich aus der altgriechischen

Zeit erhalten. In der Form Grabkammern entsprechend, führen diese

den conventionellen Namen von Schatzhäusern, so z. B. der Thesauros

des Atreus zu Mykenä, andere zu Orchomenos, bei Amyklä, Pharsalus

u. s. w. Insofern als auch hier eine Trennung von Decke und Mauer nicht

eingehalten, die erstere durch Vorkragung der oberen Theile aus der

Mauer unmittelbar gewonnen wird, kommt der gleiche Grundsatz wie bei

der Bildung der Thore und Galerien zur Geltung. Das Schatzhaus des

Atreus ist im Grundrisse kreisrund; die einzelnen Mauerringe treten je

höher desto mehr auf allen Seiten gleichmässig vor, bis sie zuoberst

nahe genug aneinander rücken, um durch einen Schlussstein eingedeckt

zu werden. Dadurch gewährt der Bau den Eindruck eines Kuppelgewölbes,

als dessen Durchschnitt ein Spitzbogen erscheint. Die Wände waren,

anklingend an die phönikische Kunstsitte, mit Metalltafeln ausgelegt.

Das Dunkel, welches über die Anfänge der griechischen Architektur

verbreitet ist, erhellt sich nicht bei den Anfängen der Bildnerei.

Den %Cyklopen%, welchen die Sage die alten Bauwerke zuspricht,

gesellen sich auf dem Gebiete der Bildnerei die mythischen %Telchinen,

Daktylen und Kureten% bei. Auch _Dädalus_, der Künstler, der Sohn

des »gediegenen Handwerkers,« der bald an die Spitze der attischen,

bald an die Spitze der griechischen Kunst überhaupt gestellt, und auf

seinen Wanderungen durch die ganze damals bekannte Welt geführt wird,

gehört der Sage an. Er schnitzt Götterbilder aus Holz (Xoanen), wie sie

die in Griechenland herrschende Tempelsitte verlangte, und wie sich

ähnliche Werke, puppenartig aufgeputzt und mit einer vollständigen

Garderobe versehen, noch lange nachher für den kirchlichen Gebrauch

als hieratische Bilder erhielten; aber _Dädalus_ ist gleichzeitig

auch ein Reformator der Kunst. Er hebt die geschlossenen Beine,

die enganliegenden Arme und die blossen Augenschlitze auf, öffnet

die letzteren, hebt die Arme vom Leibe ab und lässt die Gestalten

schreiten. An _Dädalus_ reiht sich dann eine zahlreiche Schule der

Dädaliden an, deren Endglieder erst von der Sage zur Geschichte

führen. Auch von _Butades_, dem Erfinder der Thonbildnerei und

Portraitirkunst, bleibt als historischer Kern nur die frühzeitige

Blüthe der eigentlichen Plastik in Sikyon und Korinth übrig, welche den

späteren Sitz des Erzgusses in diesen Städten erklärt.

Baukunst.

§. 35.

Von den pelasgischen Bauresten zum ausgebildeten griechischen

Tempelstyle ist ein gewaltiger Sprung. Die dazwischen liegende Kluft zu

überbrücken, ist, da uns nur Bauwerke jüngeren Alters bekannt sind und

die Verheerungen der Perserkriege, sowie der steigende Reichthum der

Griechen viele Neubauten veranlassten, bis jetzt nicht der geringste

Versuch gemacht worden, es sei denn, dass man die früher beliebte

Entwicklung des griechischen Steinbaues aus einem untergegangenen

Holzbaustyle dafür nimmt. Für den altitalischen oder tuskischen Styl

ist diese Ableitung allerdings gerechtfertigt, dagegen muss der

griechische Säulenbau unzweifelhaft schon als ein ursprünglicher

Steinbau gefasst werden.

Der griechische Tempel ist die wahrhafte Wohnung des Gottes, die

Steinhülle, welche sein Bild schützend umschliesst. Aus diesem Grunde

erhebt er sich auf einem mächtigen Stufenbaue, mit dem eingeschlossenen

Bilde selbst zur Verehrung emporgehalten; er hat keine ausgedehnten

inneren Räume, da er nicht der Gemeinde zur Versammlungshalle diente,

und wählt für den Säulen- und Bildschmuck die %Aussenseite% im

Angesichte des vor dem Tempel versammelten Volkes. Den Hauptraum im

Innern nimmt die %Cella% (Fig. 32, _b_) ein; in ihrem Hintergrunde

vor der Rückwand steht in einer besonderen Kapelle, oder wenigstens

auf erhöhter Bühne, das Kultusbild; längs der Seitenwände sind die

Weihgeschenke aufgestellt. Den Zugang zur Cella gewann man durch den

offenen %Pronaos% (_a_), in welchem nebst dem Weihbecken (_c_) fernere

Agalmata Platz fanden. Hinter der Rückwand der Cella befand sich bei

grösseren Anlagen die Schatzkammer des Tempels, der Opisthodomos (_d_),

und entsprechend dem Pronaos an der Rückseite des Tempels das Postikum

(_e_), gleichfalls zur Aufbewahrung von Weihgeschenken dienlich. Je

nach den Eigenthümlichkeiten des Kultus erlitt der Tempel mannigfache

Modifikationen; so hing namentlich vom Kultus des Gottes es ab, ob

die Cella bedeckt wurde, oder ein Theil derselben unbedeckt blieb --

%Hypäthraltempel%. Bei der Errichtung eines Hypäthraltempels wurde

auch im Innern der Cella eine Säulenstellung gezogen (Fig. 32) und auf

diese die Ränder des ausgeschnittenen Daches gelagert. Die schräge

Stellung des Daches verlangte erhöhte Stützen; um den Säulen nicht

eine ungebührliche Höhe zu geben, setzte man zwei Säulen übereinander.

Die in jüngster Zeit gegen die Existenz der Hypäthraltempel erregten

Zweifel sind glücklich beseitigt worden, indem man überdies auf

die materielle Nothwendigkeit eines solchen Opaion hinwies, um dem

Inneren eine hinreichende Lichtsumme zuzuführen. Auch spricht die

ausdrückliche Nachricht von der Wölbung der Lichtöffnung im grossen

eleusinischen Tempel durch _Xenokles_, weil der Gottesdienst hier nicht

im Angesichte des Himmels abgehalten werden durfte, für die Regel der

Hypäthraltempel.[20]

[Illustration: Fig. 32. Grundriss des Parthenon.]

§. 36.

Der gemeinsame hellenische Charakter ist den Tempelbauten durch

folgende Merkmale aufgedrückt: Zur Stütze dient folgerichtig die

cylindrische, kraftbegabte Säule; über der Decke schwebt mit

ausgebreiteten Flügeln das Giebeldach; die Form der einzelnen

Bauglieder, die Linien, in welchen sie vor- oder zurücktreten,

rechteckig geschnitten oder geschweift werden, stehen stets mit

ihrer materiellen Bestimmung, ob sie tragen oder getragen werden,

belastet sind oder frei schweben, im engsten Zusammenhange. Diese

ihre Bestimmung wird überdies in dem dekorativen Schmucke, der sie

bedeckt, symbolisch angedeutet. So führen z. B. freischwebende Glieder

aufgerichtete Blumen als Ornament, belastete dagegen sind durch

überfallende Blätter charakterisirt, bandartig sich hinziehende Theile

des Theiles entlehnen ihren Schmuck den Heftbändern u. s. w.

Innerhalb dieser allgemeinen Einheit zieht sich durch die Geschichte

der griechischen Architektur der Gegensatz des %dorischen% und

%ionischen% Styles. Man kann weder den letzteren aus dem ersteren

ableiten, noch auch für den dorischen Styl ein höheres Alter in

Anspruch nehmen. Entsprechend der Gliederung des hellenischen Volkes

in zwei Hauptstämme, entwickeln sich auch die beiden Stylarten

nebeneinander, um erst nach vollendeter selbständiger Bildung in einen

gegenseitigen Austausch zu treten. Der handwerksmässigen Unterschiede

zwischen dem dorischen und ionischen Style zählt man viele; die

grundsätzliche Verschiedenheit aber liegt darin, dass im ersteren

Style die Beziehung der einzelnen Glieder auf das Ganze strenger

festgehalten, und eine knappere Einheit durchgeführt wird, während

im ionischen Style die Einzelglieder eine freiere Bewegung athmen,

reicher und ungebundener dargestellt sind. Es vertheilt sich der Vorzug

gesetzmässiger Nothwendigkeit und reizenden Reichthumes zwischen beide

Style.

§. 37.

[Illustration: Fig. 33. T. in antis.]

Zahlreiche, untrügliche Zeichen sprechen dafür, dass die vorhandenen

Denkmäler dorischen Styles einer umgebildeten Kunstweise angehören,

in welcher bereits einzelne Glieder die bloss traditionelle Geltung

haben, ohne ihre ursprüngliche Funktion zu erfüllen. Doch können wir

den altdorischen Styl nur voraussetzen, nicht in seiner Besonderheit

darlegen. Selbst für die Ansicht, dass der ursprüngliche dorische

Tempel keineswegs allseitig von einer Säulenhalle umschlossen (_templum

peripteros_), sondern an den Seiten von einer festen Wand umgeben

war, welche unter den Giebeln vortrat, so dass die Säulen zwischen

den Stirnpfeilern standen. (Parastadentempel, _templum in antis_)

(Fig. 33) liegen keine unmittelbaren monumentalen Belege vor.[21] Der

ausgebildete dorische Styl aber gliedert sich in folgender Weise:

[Illustration: Fig. 34. Bildung des Kymation.]

[Illustration: Fig. 35. Dorisches Kapitäl.]

Unmittelbar aus der gemeinsamen, durch einen Stufenbau gebildeten

Tempelsohle steigen die Säulen empor, nicht erst durch eine besondere

Basis mit derselben verbunden, sondern mit dem in leise geschwungener

Linie (_entasis_) verjüngten und mit zwanzig flach ausgehöhlten,

aber scharf aneinander stossenden Furchen (Kanneluren) versehenen

Stamme an den Boden anstossend. Viel schärfer noch als die Kanneluren

drückt das Kapitäl, welches durch ein Heftband (_annuli_) mit dem

Stamme verknüpft wird, den Begriff des Belastetseins aus. In der

Handwerksprache Meerigel (_echinus_) oder Viertelstab, auch Eierstab

genannt, wird das Kapitäl nach _Bötticher's_ Vorgang richtiger als

ein Kymation (alle Glieder, die aus dem Zusammenstoss tragender und

lastender Elemente entstehen und den Conflict durch ihre wogenförmige

Aufbauschung ausdrücken, heissen κὑμα) aufgefasst und nach Fig. 34

entwickelt. Das Profil eines frei aufsteigenden Blattes bei _a_ wird

unter der Last eines Körpers nothwendig eine überfallende Form (_b_)

annehmen, und materiell ausgedrückt die Gestalt eines _echinus_

(_c_) erlangen. Man denke sich nun eine Reihe von Blättern im Kranze

vereinigt und belastet, so erhält man ungezwungen das dorische Kapitäl

(Fig. 35, _a_), welchem überdies der Kranz überfallender Blätter in der

älteren Zeit förmlich aufgemalt war. Dem Kymation folgt eine niedrige

viereckige Platte, der Abakus (Fig. 35, _b_), die von den Säulen

gestützte Decke andeutend und demgemäss mit einem Deckenornamente,

dem Mäander, geziert. Die Stirnpfeiler der Cellawand, ein Mittelding

zwischen Wand und Säule, sind nicht kannelirt und mit einem leichteren

Kymation gekrönt. Ueber den Säulen spannt sich in horizontaler

Richtung das Epistylion (Architrav) (Fig. 36, _a_), das unterste Glied

des Oberbaues, durch ein Abakus (_b_) mit den folgenden Gliedern

verknüpft. Es folgen dann kleine an drei Seiten geschlitzte Pfeiler

(Triglyphen) (_c_), welche die Last des Dachbaues aufnehmen und hinter

sich die Stirne der Deckenbalken gelagert haben. Ihr aufstrebender

Charakter wird bereits am Architrav durch kleine Riemchen, an welchen

sechs bommelartige Körper frei schweben, die Tropfenregula (_e_),

angedeutet; als tragende Glieder besitzen sie einen selbständigen

Abakus (_f_); die Räume zwischen den einzelnen Triglyphen, die

Metopen (_d_), waren ursprünglich offen, wie man noch aus den Resten

des alten Hekatompedon ersieht, und wurden erst später durch Tafeln

verschlossen und mit Reliefbildern geschmückt. Ueber den Triglyphen

schliesst die Celladecke ab und beginnt der Dachbau. Wieder lagert sich

ein massives Gurtband, das Geison (_g_), in horizontaler Richtung,

weit vorspringend, mit der vorderen Hälfte frei schwebend und aus

diesem Grunde durch Unterschneidung entlastet, sowie an der schrägen

Unterseite mit viereckigen Platten (_viae_), an welchen Tropfen hängen

(_h_), belegt. Das Geison trägt aber auch, nämlich die Traufrinne

(_sima_) (_i_) und muss demnach mit einem leichten Kymation und Abakus

(_k_) bedeckt werden. Für die unbelastete Sima dienen aufgerichtete

Blatt-Fächer als Ornament, die Profilirung ist Gefässformen entlehnt.

Das »schwebende« Dach geht an den Schmalseiten des Tempels in die Form

des Giebels über, welcher den reichsten bildnerischen Schmuck aufnimmt,

ein eigenes Geison (_l_) besitzt und am Firste wie an den Dachecken

mit Blattfächern oder Akroterien bekrönt ist. Noch bleibt die Form

der Decke im Pronaos und Cella zu erwähnen. Die kreuzweis über die

Epistylien gespannten Balken werden von rechteckigen vertieften Tafeln

(Kalymmatien) ausgefüllt, welche wieder in Felder getheilt und mit

Säumen, Perlenstäben und Sternen verziert werden.

[Illustration: Fig. 36. Dorischer Oberbau.]

§. 38.

[Illustration: Fig. 37. Spira ionica.]

[Illustration: Fig. 38. Ionisches Kapitäl.]

Das ionische Tempelhaus besass schon ursprünglich die Form eines

Peripteros und hob den Zusammenhang auf, welcher im Parastadentempel

zwischen der Cella und dem Säulenbaue besteht. Dieses Streben nach

Trennung der einzelnen Glieder und freier individueller Bewegung

lässt sich noch weiter verfolgen. Der Säulenstamm verwächst nicht

mit der Tempelsohle, sondern ruht auf einer selbständigen Basis

(_spira ionica_). Auf einer viereckigen Platte oder Plinthe erheben

sich eine oder zwei in entgegengesetzter Richtung sich bewegende

Einziehungen (_trochilus_), welche zu oberst mit einem starken Pfühle

verknüpft werden (Fig. 37). Der Säulenstamm unterscheidet sich von dem

dorischen durch eine geringere Verjüngung, eine grössere Schlankheit

und tiefere, aber durch Stege getrennte Kanneluren, am schärfsten

und auffälligsten jedoch durch die Bildung des Kapitäls. Dem kräftig

skulptirten Kymation setzt sich an die Stelle des viereckigen Abakus

ein elastisches Band oder Polster, zu beiden Seiten des Kymations in

schneckenförmigen Windungen (Voluten) zusammengerollt, auf, wodurch

gleichzeitig der Begriff der Belastung ausgedrückt und die Säule

selbständiger gedacht wird (Fig. 38). Die Belastung der Säule ist aber

lange nicht so stark, als im dorischen Style. Das Epistylion zerfällt

daher in mehrere leichte Platten (Fig. 39, _a_); an die Stelle des

Triglyphen- und Metopenwechsels tritt, weil der leichter gestaltete

Bau keiner Concentration der Kraft bedarf, ein stetiges Band, der

%Fries% (Zophoros, Thrinkos) mit Skulpturen geschmückt (Fig. 39, _b_),

und ebenso verliert das Geison seine Unterschneidung. Auch wurden zur

Erleichterung des vorspringenden Theiles an der unteren Hälfte des

Geison tiefe Ausschnitte gemacht und gleichsam nur einzelne Zähne

(Zahnschnitt) zurückgelassen (_Geisipodes_) (Fig. 39, _c_). Bezeichnend

für den Charakter des ionischen Styles ist es, dass nicht allein die

Kapitäle der Ecksäulen von jenen der Mittelsäulen verschieden gebildet

sind, sondern auch an den letzteren die Frontseiten des Abakus von den

Nebenseiten abweichen.

[Illustration: Fig. 39. Ionischer Oberbau.]

§. 39.

[Illustration: Fig. 40.]

Eine Milderung des ionischen Styles und theilweise Annäherung an die

dorische Weise ging in Attika vor sich, wodurch der %attisch-ionische%

Styl, besonders charakterisirt durch das Wegfallen der Plinthe und

das Zwischenlegen eines %Trochilus% zwischen zwei Pfühle (Fig. 40) an

der Säulenbasis, in das Dasein gerufen wurde. Auch die korinthische

Säulenordnung, deren künstliches Wesen schon durch die Anekdote ihres

Ursprunges angedeutet wird, ist nichts weiter als eine Mischung

dorischer und ionischer Elemente. Sie duldet Triglyphen über dem

Architrav, nimmt beliebig Tropfen oder den Zahnschnitt an und kehrt

durch die Gleichheit aller Fronten ihres Kapitäls wieder zur dorischen

Weise zurück. Die ursprüngliche Form des üppigen korinthischen

Kapitäls ist ein korbähnlicher Blätterkelch, bei welchem die Blätter

weniger belastet, also nur wenig überfallend erscheinen. Neben

dieser einfachsten Form kommen noch drei andere Kapitälformen vor:

das Kapitäl mit doppeltem Blätterkelche (Windethurm in Athen),

jenes mit einem Blätterkelche, welchem aber vier unter den Ecken

des Abakus überfallende und zu Voluten gekrümmte Blätter entwachsen

und schliesslich das gewöhnliche korinthische Kapitäl (Fig. 41)

mit volutenförmigen Ranken (_helices_) an den Ecken und kleineren

blumentragenden Voluten in der Mitte des Abakus. Der Eklekticismus, der

sich in dieser Mannigfaltigkeit der Kapitälbildung kundgibt, zeigt sich

auch in dem Auftreten der korinthischen Säulengattung neben und mit

den anderen Bauweisen, z.B. am Tempel der Athena Alea zu Tegea, wo das

äussere Peripteros in ionischer Weise gebildet war, im Innern der Cella

aber auf dem dorischen Portikus korinthische Säulen aufsetzten.

[Illustration: Fig. 41. Korinthisches Kapitäl.]

§. 40.

Hatten die Kelle und der Meissel ihre Arbeit am griechischen

Tempel vollendet, so kam schliesslich der Pinsel zur Ergänzung des

dekorativen Theiles hinzu. Ueber das Maass der an griechischen

Bauwerken angewendeten Färbung, denn die Thatsache einer solchen steht

zweifellos fest, herrscht seit Jahren ein bitterer Streit,[22] dessen

Resultate in Folgendem sich zusammenfassen. Die %Polychromie% wurde in

der älteren Zeit fleissiger gebraucht, als später, sie trat dort, wo

die Ornamente skulptirt waren, in den Hintergrund, fand den grössten

Raum in der dorischen Architektur und richtete sich nach der Güte

des Materiales. Der Marmor, dessen glatte schimmernde Fläche keines

Verputzes bedurfte, zog natürlich dadurch auch der Polychromie engere

Grenzen. Eine Bemalung auch des architektonischen Knochengerüstes kann

nur ausnahmsweise gelten; dagegen war für die kleineren dekorativen

Glieder der polychromatische Schmuck die gewöhnliche Regel. Dem

dorischen Kapitäl waren die überfallenden Blätter in rother und grüner

Farbe aufgemalt, korinthische Kapitäle, die Voluten des ionischen

wurden vergoldet, oder die Säume der Voluten blau, roth gefärbt, das

innere Auge auf blauem Grunde vergoldet (auch grün in roth); den

Architrav zierte ein Palmettensaum, sein Abakus zeigte sich in rother

Farbe; auf blaue oder vergoldete Tropfen folgten blaue Triglyphen mit

dunkleren Schlitzen, die Metopen waren blau oder braunroth, blau auch

der Giebelgrund. In den Kymatien wechseln roth und gelb mit blauer und

grüner Farbe ab, für den Mäander und die untere Geisonfläche wurde die

rothe Färbung festgehalten. Die Beweise für diese Thatsachen wurden

von den theilweise chemisch untersuchten Resten einer grossen Zahl

griechischer und italischer Tempel herbeigeholt.

§. 41.

Die griechische Baugeschichte nimmt mit der dorischen Einwanderung im

Peloponnes und der Festsetzung der Ionier in Asien (328 und 268 vor

Ol. I.) ihren Anfang. Unsere Kenntniss des altgriechischen Baustyles

ist, wie schon erwähnt, äusserst dürftig und auf wenige allgemeine

Thatsachen, wie den Gebrauch kurzgedrungener, stark verjüngter

Säulen, schwerfälliger Kymationprofile, die Errichtung eines hohen

Dachbaues, steilen Giebels u. s. w. beschränkt. Auch jüngere, aber

doch noch vor den Perserkriegen entstandene Bauten, kennen wir fast

ausschliesslich nur aus schriftlichen Nachrichten, so z. B. das Heraion

von Samos, den Artemistempel zu Ephesus, den älteren Parthenon und

den Zeustempel zu Athen. Die Blüthezeit der griechischen Architektur,

wie alles geistigen Lebens überhaupt, fällt nach den Perserkriegen

in das Perikleische Zeitalter. Die Prachtbauten auf der Akropolis

zu Athen sind ihr unsterbliches Zeugniss. Karg zugemessen, wie den

Schwesterkünsten, blieb auch der Architektur die Dauer ihrer höchsten

Blüthe; doch fehlt es selbst im Zeitalter Alexanders und seiner

Nachfolger nicht an glänzenden Beispielen kunstreicher Architektur,

und in einzelnen Richtungen derselben an gesteigertem Fortschritte.

Die zahlreichen neuen Städteanlagen in Aegypten, Antiochien u. s. w.

boten der schöpferischen Phantasie und technischen Geschicklichkeit

der Baumeister umfassende Aufgaben. Was an Schönheit verloren ging,

ersetzten die kolossalen Verhältnisse, die Pracht der Ausführung

und der Reichthum der Dekoration. Die korinthische Säule, die

schmuckreichste von allen und für die Verbindung mit jeder beliebigen

Stylweise geschickt, stiess natürlich auf die grösste Vorliebe;

neben ihr kamen auch phantastische Säulenformen, Palmen und Thyrsen

nachahmend, zur Geltung; bei der Bedachung Kuppelformen in Aufnahme.

Nicht mehr im Dienste des Volkes, diente die Architektur auch nicht

mehr den Göttern; von den prunkliebenden Nachfolgern Alexanders in

Anspruch genommen, wurde ihr wichtigster Gegenstand der Palastbau. Das

Höchste in der Gattung des Luxusbaues bildeten wohl das dionysische

Zelt Ptolomäus II. und die schwimmenden Paläste Philopators und _Hieros

II._ von Syrakus. So weitläufig, dass er erst von 4000 Ruderern in

Bewegung gesetzt wurde, besass überdies der eine derselben, das

Nilschiff, Gärten und Säulengänge, der andere Schiffspalast sogar

ein Gymnasium und Vertheidigungsthürme. Mit der Verbreitung der

griechischen Bildung über die alte Welt verlor die nun jenseits der

Grenzen Griechenlands am meisten gepflegte Kunst ihr nationales Gepräge

und damit ihre geschichtliche Bedeutung; doch dauert die Uebung der

griechischen Architektur im Allgemeinen bis in die römische Kaiserzeit,

welcher Periode z. B. der Ausbau des Jupitertempels in Athen angehört.

Bei der Aufzählung der wichtigsten griechischen Bauwerke bis auf

die Zeit _Alexanders_ des Grossen, mischt sich nothwendig mit

der Klage über die rauhe Schicksalshand, welche nur kärgliche

Trümmer weniger Monumente auf unsere Zeit brachte, das Bedauern

über die Vernachlässigung der griechischen Baugeschichte durch die

Kunstwissenschaft, über die ausschliessliche Betonung des Systems auf

Kosten der Entwicklungsgeschichte.

Nicht wegen ihres Alters, wohl aber weil sie das altdorische

Planschema, die Parastaden, bewahrt haben, verdienen der Tempel

der %Artemis zu Eleusis% und jener der %Themis zu Rhamnus% (mit

cyklopischem Unterbaue) an die Spitze gestellt zu werden. Auch die

Säulenreste des Pallastempels (?) zu %Korinth% zeigen in ihren

stämmigen Verhältnissen das Gepräge des älteren Styles.

An die Blüthezeit reicht bereits der Minervatempel zu %Aegina% (75.

Ol.) heran, ein dorischer Peripteros hypäthros, sechssäulig in der

Fronte, 94 × 45', die Säulenhöhe 5-1/4 Durchmesser (als Maasseinheit

gilt der Durchmesser des Säulenstammes an seinem unteren Ende, oder

der Halbmesser, _modulus_) mit deutlichen polychromatischen Spuren.

Der Tempel des %Theseus% zu Athen, einer der besterhaltenen, aus

_Cimon's_ Zeit (Ol. 77, 4), ein dorischer Peript. 104 × 45',

sechssäulige Fronte, bei gleicher Breite eine grössere Länge als der

Aeginatempel, auch schlankere Säulenverhältnisse (die Höhe = 5-1/2

Durchmesser oder 11 _moduli_).

Die %Bauwerke der Akropolis%: Seitwärts von den Propyläen lag

der Tempel der %Nike Apteros%, aus _Cimon's_ Zeit, ein ionischer

Amphiprostylos, aber noch nicht in ausgebildeter attisch-ionischer

Weise, 27 × 18', Säulenhöhe 15 _mod._

Der %Parthenon%, kein eigentlicher Kultustempel, von _Iktinos_

und _Kallikrates_ 454-438 v. Chr. erbaut (Fig. 32), ein dorischer

Peript. hypäth., achtsäulige Fronte, 227 × 101', Säulenhöhe = 5-2/3

Durchmesser. Feine Spuren des mildernden ionischen Einflusses sind

bemerkbar.

Die %Propyläen%, das Prachtthor der Akropolis an der Westseite von

_Mnesikles_ 436-431 mit einem Aufwande von 3 Millionen Thalern (2012

Talente, nach heutigem Geldwerthe wohl 10 Millionen) erbaut. Dem

Hauptbaue legen sich vorspringende Flügelbauten zur Seite, jener selbst

zeigte eine ionische Halle zwischen dorischen sechssäuligen Thoren.

Das %Erechtheum%, 409 v. Chr. im Rohbau vollendet, nach Construction

und Bestimmung Gegenstand langwierigen Streites, das älteste Heiligthum

Athens, wegen der Mannigfachheit der hier verehrten Kultusgegenstände

von der gewöhnlichen Tempelform abweichend. Der Hauptbau, der

Athene Polias (die westliche Hälfte dem Poseidon) geweiht, ist ein

sechssäuliger ionischer Prostylos, und hat unter der Cella noch eine

Krypta; zu beiden Seiten der Cella südlich und nördlich legen sich

Vorbauten, die eine im ionischen Style, die andere mit Karyatiden als

Gebälketräger an.

Der grosse Demetertempel zu %Eleusis% aus _Perikles_ Zeit, unter der

Leitung des _Iktinus_ im dorischen Style, aber abweichend von der

gewöhnlichen Tempelform, fast quadratisch erbaut und zur Aufnahme

einer grösseren Menge eingerichtet, die äusseren Propyläen jenen der

Akropolis nachgebildet.

Der grössere Themistempel zu %Rhamnus%, aus dem fünften Jahrhundert,

den athenischen Prachtbauten verwandt, dorischer Peript.; sechssäulige

Fronte, 33 × 71'; Säulenhöhe 5-2/3 Durchmesser.

Der Tempel der Athene auf dem Vorgebirge %Sunion%, dorischer

sechssäuliger Peript., aus _Perikles_ Zeit.

Der Zeustempel zu %Olympia%, 435 von _Libon_ erbaut, dorischer

sechssäuliger Peript. hyp.; 95 × 230', nur in wenigen Resten erhalten.

Der Tempel des Apollon Epikurios zu %Bassae% von _Iktinus_ 430 erbaut,

dorischer sechssäuliger Peript. hyp. mit ionischen Säulen in der Cella;

48 × 126'; Säulenhöhe 5-1/2 Durchmesser; die Länge des Tempels grösser

als bei den attischen Bauten.

Der Tempel der Athena Alea zu %Tegea%, von _Skopas_ im Anfange des

vierten Jahrhunderts erbaut, ionischer Peript. hyp., im Innern mit

dorischer und darüber korinthischer Säulenstellung.

Für den Baustyl des vierten Jahrhunderts sind zwei kleine choragische

Monumente in Athen, jenes des _Lysikrates_ und _Thrasyllus_, das

erstere mit korinthischen Säulen, das letztere mit dorischen Pilastern

(aber nicht mehr den Triglyphen darüber) versehen, und für die letzte

Zeit der griechischen Kunst (3. Jahrhundert) der sogen. Windthurm oder

die Uhr des Andronikos in Athen charakteristisch.

Der Apollotempel zu %Delos%, dem Themistempel zu Rhamnus verwandt, nur

das Kapitäl schwerer und die Säule stämmiger (Höhe 10-2/3 _moduli_

oder etwas über 5 Durchmesser); ebendort Reste eines von _K. Philipp_

errichteten Portikus; die Form des Kymation in ihrer Schwunglosigkeit,

die flachen _mutuli_ charakteristisch für die Verfallzeit des dorischen

Styles; Säulenhöhe über 6 Durchmesser, während jene vom alten

Apollotempel zu Korinth nur 4-1/4 beträgt.

Die Baureste in Ionien sind zahlreich genug, aber selten noch vom

kunsthistorischen Standpunkte gewürdigt.

Der Tempel des Apollon Did. bei %Milet% aus dem fünften Jahrhundert,

von _Päonios_ und _Daphnis_ erbaut, ionischer zehnsäuliger Dipteros

hyp.; 164 × 303'. Die Höhe der Säulen mehr als 10mal so gross als ihr

Umfang, unvollendet geblieben.

Der Tempel der Pallas Polias zu %Priene%, von _Pytheus_ 340 gebaut,

ionischer sechssäuliger Peript.; 64 × 116'; mit eigenthümlicher

Volutenbildung der Eckkapitäle; die Säulenbasen ruhen gegen die frühere

Sitte auf Plinthen.

Der Tempel des Dionysos zu %Tlos% von _Hermogenes_ im vierten

Jahrhundert erbaut, ein Peript., und jener der Artemis zu %Magnesia%,

ein Pseudodipteros.

Auch in Phrygien (Aezani: ionischer Peript.), Lycien (Xanthus),

Karien (Labranda: ein korinthischer Tempel; Aphrodisias: ionischer

Aphroditentempel), in der Landschaft nördlich von Smyrna u. a. werden

zahlreiche Tempelruinen, doch meistens aus später Zeit, angetroffen.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 9 / 33 题