3. Die ägyptische Kunst

§. 23.

Mit dem gleichen Rechte, mit welchem die Kultur der Assyrer und

Babyloner mit dem vorderasiatischen Doppelstrome verknüpft und darauf

hingewiesen wird, dass jene zumeist an der Vernachlässigung des

Irrigationssystemes zu Grunde ging, verehrt man auch im Nile die

Lebensader der ägyptischen Bildung. Doch darf die dadurch für Aegypten

erzielte Kultureinheit nicht unbedingt und ausschliesslich gelten, da

die geographische Verschiedenheit zwischen dem marschigen Unterägypten

und dem von Felsen enger eingeschlossenen oberägyptischen Thale

gleichfalls unter den Kulturbedingungen zählt. Es verhält sich damit

ähnlich, wie mit der gerühmten Unveränderlichkeit der ägyptischen

Kunstweise. Noch heute wird der Laie _Platons_ Ueberzeugung theilen,

dass Jahrtausende keinen Einfluss auf die ägyptische Kunst üben und

uralte Werke von den jüngsten in Nichts verschieden sind, und dennoch

findet das geübte Kennerauge gewichtige Unterschiede zwischen den

einzelnen Kunstwerken, und folgenreiche Wandlungen in der Auffassung und

Darstellung im Laufe der vielen Jahrhunderte, in welchen die ägyptische

Kunst ihre Thätigkeit entfalten konnte. Die ägyptische Kunst ist weder

fertig entstanden, noch in ihrem ursprünglichen Zustande unversehrt

bewahrt worden. In Bezug auf ihren Ursprung muss man wieder zur Annahme

einer selbstständigen inneren Entwicklung zurückgreifen, nachdem die

früher beliebte Hypothese: die Kultur sei mit dem Nile von dem uralten

Priesterstaate Meroe nordwärts nach Aegypten gewandert, in den

vorhandenen Denkmälern nichts weniger als ihre Bestätigung gefunden hat.

Die äthiopische Kunst ist ein spätes Nebenreis der ägyptischen, nicht

über das 7. Jahrhundert v. Chr. hinausreichend. Als ein solches

Nebenreis wird von Vielen auch die griechische Kunst betrachtet, oder

wenigstens die Vererbung wichtiger Bautheile an die Griechen behauptet.

In dem enggezogenen Kreise der Denkmälerkunde kann man aber diesen

Zusammenhang nicht beweisen. Den angeblichen Vorbildern der griechischen

Architektur, z. B. der sogen. protodorischen Säule Champollions, fehlen

entweder wesentliche Theile, oder sie können nur durch gewaltsame

Willkür auf die griechische Form gebracht werden. Durch die Abweisung

der Meroehypothese ist allerdings für die Erkenntniss des positiven

Ursprunges nicht viel gewonnen. Beinahe viertausend Jahre v. Chr.

reichen unsere Nachrichten zurück, am Anfange dieser Periode, in welchen

auch die Erbauung der früher erwähnten Pyramiden fällt, sind aber schon

die meisten Architekturtheile ausgebildet, die Bildnerei und Malerei

erfolgreich gepflegt. Für die folgenden Zeitalter bis zur

Ptolemäerherrschaft lassen sich dann mannigfache Veränderungen im

Kunststyle nachweisen. Sie werden oft durch äussere Veranlassungen

hervorgerufen, so z. B. wenn die Frauen in der Kunst des alten Reiches

einen gelblichen, seit der 18. Dynastie aber einen röthlichen, den

Aethiopern eigenen Fleischton erhalten. Dieser Farbenwechsel hat seinen

Grund in der Raçenmischung zur Zeit der fünfhundertjährigen

Hyksosherrschaft. Innere, im Wesen der ägyptischen Kunst gelegene Gründe

veranlassten dagegen die dreimalige Aenderung des Kanons der

Körperverhältnisse in der Skulptur. Auch die Technik der letzteren

Kunstgattung blieb sich nicht stets gleich. Während die ältesten

Skulpturen im flachen, bemalten Relief dargestellt sind, kommt seit

_Ramses II._ (19. Dynastie) ein vertieftes Relief, so dass selbst die

höchsten Contouren noch innerhalb der Wandflächen zu liegen kommen, auf,

bis dann wieder seit der 26. Dynastie das flache Relief in den

Vordergrund tritt. An die 26. Dynastie, die letzte vor dem persischen

Einfalle, knüpft sich überhaupt der Beginn des Kunstverfalles. Es

schwindet die freiere Zeichnung, die einfache aber kräftige Wirkung der

Skulpturen; das dekorative Element entfaltet zwar gegen früher einen

grösseren Reichthum, ohne aber die gesteigerte Einförmigkeit der

Darstellung zu verhindern. Dem an der Skulptur und Malerei bemerkten

Zuge nach Veränderung folgte gewiss auch die Architektur. Viele halten

die Grottenbauten, besonders Nubiens, für älter, als die freien

Tempelanlagen, in welchen sie die ersteren nachgebildet und weiter

entwickelt gewahren. Gegen diese Annahme wurden aber so gewichtige

Gründe vorgebracht, dass sie schon gegenwärtig als veraltet zur Seite

gelegt werden kann, zumal häufig Eigenthümlichkeiten des Kultus dafür

einzustehen haben, was in unserer Unkenntniss als Stylentwicklung

genommen wird. Im Wechsel der Bauverhältnisse, entsprechend den

Veränderungen im plastischen Kanon, in der gesteigerten oder

geschwächten Wirkung einzelner Bauglieder wird hier wie überall die

hauptsächlichste Entwicklung zu suchen sein. Leider fehlen darüber zur

Zeit noch genauere Untersuchungen.

§. 24.

Vom Nildelta bis tief nach Nubien erstrecken sich in beinahe

ununterbrochener Folge, bald hart an den Nilstrom gerückt, bald weiter

von demselben entfernt, die ägyptischen Denkmäler.[14] Jene von

Unterägypten haben sich aber in viel schlechterem Zustande erhalten als

die südlicheren, so dass unsere Denkmälerkunde thatsächlich auf

Oberägypten beschränkt ist. Nach %Heliopolis% (On) richtet sich

gewöhnlich der erste Ausflug der Reisenden, um den ältesten uns

erhaltenen Obelisk (2300 v. Chr.) zu bewundern. Es folgen dann am linken

Nilufer die %Pyramidenfelder%, und gegenüber der zweiten Pyramide

(Chafra oder Chephren) der berühmte Riesensphinx. Eine Backsteinmauer

schloss ihn ein, er selbst ist ein natürlicher Felsen, von kunstfertiger

Hand zum Königsbilde umgeschaffen. Wo der Meissel nicht ausreichte, half

man mit Mauerwerk nach, um die Löcher des Felsens zu schliessen und die

Körperformen schärfer wiederzugeben. Zwischen seinen Tatzen stand ein

kleiner Tempel, dessen Hinterwand eine elf Fuss hohe Granitstele aus der

Zeit _Thutmosis IV._ (18. Dynastie) bildete. Den wichtigsten

kunstgeschichtlichen Fund macht die Todtenstadt am Fusse der Pyramiden

aus, von welcher _Lepsius_ 82 Gräber verzeichnet und 45 nach ihren

Inhabern bestimmt hat. Sie sind den Pyramiden gleichzeitig und gehören

den Verwandten und Dienern der Pyramidenbauer an, so z. B. ein 70'

langes, 45' breites und 15' hohes Grabgebäude, aus massiven Quadern mit

schrägen Mauerflächen aufgeführt, mit ausgesparter Grabkammer und 60'

tiefen Felsenschachten, einem Sohne des _Cheops_: _Merhet_, dem

Intendanten aller Bauten des Königs.

Vom uralten %Memphis% am Eingange in das engere Nilthal haben sich mit

Ausnahme des halbverschütteten Kolosses Ramses-Sesostris nur formlose

Trümmer erhalten; dagegen konnte der Grundriss des %Labyrinthes% bei

Arsinoe von der preussischen Commission mit grosser Deutlichkeit

aufgedeckt werden. Drei mächtige Gebäudemassen umschliessen einen

viereckigen Raum, an dessen vierte Seite sich eine Pyramide anlegt. Zur

Zeit des alten Reiches angelegt, erfuhr das Labyrinth unter der 26.

Dynastie einen durchgreifenden Umbau, auf dessen Beschaffenheit sich die

im Ganzen wichtige Beschreibung _Herodots_ bezieht.

%Mittelägypten% ist durch die reiche Fülle von Denkmälern aus dem alten

Reiche (vor der Hyksoszeit) berühmt. In die 6. Dynastie führen uns die

Felsengräber von Zaouiet el-Meïtin, 19 an der Zahl, und jene bei Siut;

der Blüthezeit des alten Reiches, der 12. Dynastie, gehören die

grossartigen Grotten bei Beni Hassan, die Todtenstadt des nun von der

Erde verschwundenen Nus, andere bei Berscheh, hinter Siut u. s. w. an.

Alle Tempel- und Stadtruinen, die sich hier zu beiden Seiten des Nil

vorfinden, anzuführen, wäre zu weitläufig, und verweisen wir desshalb

auf den Ruinenkatalog bei _Wilkinson_. Bloss %Abydus% mit dem sogen.

Memnonpalaste und dem Osiristempel aus der Zeit _Ramses II._ und

%Denderah% mit dem zwar jungen, aber nächst dem Tempel zu Edfu

besterhaltenen Hathortempel heben wir aus der Reihe der

mittelägyptischen Monumente hervor.

§. 25.

Bei %Theben%, dem Hauptsitze der ägyptischen Kunstbildung, besonders aus

der Zeit der 18. und 19. Dynastie, erweitert sich das Nilthal, auf der

Ostseite Raum gewährend zu einer mächtigen Stadtanlage. Hier breitete

sich die eigentliche Stadt Theben aus, das linke Ufer, viel enger vom

libyschen Gebirge begrenzt, diente vorzugsweise als Todtenstadt. Wie

bereits zu _Strabo's_ Zeiten sind an die Stelle der hundertthorigen

Stadt vier isolirte Dörfer getreten, nach deren Namen die Monumente

gewöhnlich bestimmt werden. Es sind dies: Karnak und Luqsor am rechten,

und Qurna und Medînet-Habu am linken Nilufer. In Karnak zieht zuerst der

dem Ammon-Ra geweihte Reichs-Tempel die Aufmerksamkeit auf sich. Im

dritten Jahrtausend v. Chr. gegründet, nach der Wiederkehr heimischer

Herrschaft im 17. Jahrhundert erneuert und von allen folgenden

Herrschern glänzend bedacht, verdankt derselbe seinen Hauptruhm der

riesigen Säulenhalle, welche _Sethos I._ dem Tempel vorbaute.

Hundertvierunddreissig Säulen, die mittleren 36' im Umfange, 66' in der

Höhe, die übrigen 27' im Umfange und 40' Höhe messend, stützen das

steinerne Dach, welches einen Raum von 164' Tiefe und 320' Breite, also

etwa den gleichen Raum, wie ihn nur die grössten Dome des Mittelalters

aufweisen, bedeckt. Die ganze Tempelanlage, alle Nebenbauten

mitgerechnet -- und ein ägyptischer Tempel besteht eigentlich nur aus

einem Nebeneinanderbau -- mag sich wohl über eine Fläche von 2000' im

Gevierte erstrecken. Viel kleiner in den Dimensionen, aber in seiner

Anordnung ein gutes Bild ägyptischer Tempelbauten gewährend, ist der

südlicher gelegene Tempel des Chensu aus dem 15. Jahrhundert (Fig. 26).

Durch Sphinxreihen und Kolonnaden stand das Heiligthum in Karnak mit den

Tempelbauten zu Luqsor in Verbindung, welche gleichfalls der 18.

Dynastie ihren Ursprung verdanken.

[Illustration: Fig. 26. Tempel des Chensu in Karnak.]

[Illustration: Fig. 27. Tempel von Qurna.]

Das linke Nilufer besitzt vor der Nekropole noch eine Stadt der

Lebendigen, welche sowohl an Zahl der Bauten, wie in der Pracht der

Anlage mit dem gegenüberliegenden Stadttheile wetteifert. Gleich aus dem

Beginne des Reiches finden wir hier, theilweise in den Felsen

eingehauen, den Tempel der Königin Numt-Amen. Das Heiligthum selbst lag

im Felsen, vor demselben durch Treppen mit einander verbunden drei

Vorhöfe; eine Sphinxallee führte von diesen an den Fluss und in gerader

Richtung auf den Reichs-Tempel in Karnak. Die folgenden Dynastien bauten

näher am Flusse, im Thale selbst. Wieder vom Norden nach Süden wandelnd,

stossen wir zuerst auf den sogen. Tempel von Qurna (Fig. 27), von

_Sethos I._ und dessen Sohne _Ramses II._ erbaut. Er unterscheidet sich

auffallend von den anderen Tempelanlagen durch die offene Säulenfaçade

und seine geringe Tiefe bei beträchtlicher Breite. Etwas südlicher

zwischen unförmlichen Trümmerhaufen liegt dann der grosse Tempel _Ramses

II._, nach der einstimmigen Aussage aller Reisenden den schönsten

Anlagen Aegyptens beizuzählen, besser unter dem Namen des Grabmales des

Osymandyas bekannt. Hinter der geschlossenen Façade ziehen sich zuerst

unbedeckte, dann bedeckte und von Säulen getragene Hallen hin, durch

welche man zu zahlreichen kleineren Kammern und Heiligthümern gelangt.

Vom Tempel des _Amenophis III._, in der Nähe von Medînet-Habu, haben

sich nur die beiden Kolosse erhalten, welche einst den Eingang zum

Tempel bewachten. Der nördliche derselben -- sie mögen wohl ursprünglich

60' gemessen haben -- ist als Memnonssäule durch die Sage von dem

klingenden Grusse, den Memnon allmorgendlich seiner Mutter Aurora

darbringt, berühmt geworden. Den südlichen Abschluss erhält Theben an

dieser Seite des Niles durch den Tempel _Ramses III._, dessen isolirter,

thurmartiger Vorbau die Wohngemächer des Königs enthielt und den Namen

des Pavillons von Medînet-Habu führt. Wir steigen jetzt zur Stadt der

Todten in das Gebirge empor.

[Illustration: Fig. 28. Felsgrab des Merenptah in Theben.]

Nur wenige Gräber reichen in die Periode des alten Reiches zurück, die

meisten, jenseits Qurna im Asasifthale gelegen, fallen in das neue

Reich. Die meisten Könige der 19. und 20. Dynastie, ihre Verwandten

und Diener haben hier ihr Grab gewählt. Als die Tiefe der Felswände

keinen Raum mehr bot, musste die steinigte Ebene vor denselben den

Raum zum Begräbnisse leihen. So geschah es von der 26. Dynastie (700

v. Chr.) an. Ueber die Anlage der Königsgräber, die architektonisch

unbedeutend, durch die Fülle und die Schönheit ihrer Wandmalereien

glänzen, belehrt die nebenstehende Zeichnung (Fig. 28). Lange, schmale

Gänge, mehr oder weniger steil und winklig angelegt, oft durch Treppen

mit einander verbunden, führen in einen grösseren gewölbten

Pfeilersaal, in dessen Mitte der königliche Sarkophag stand.

Seitenkammern wurden nach rechts und links in den Felsen gebrochen,

die erwähnte Gliederung des Raumes in Corridors und Säle oft

wiederholt. Die jüngeren Gräber waren nur theilweise in den Felsen

gehauen und zeichneten sich durch die grössere Zahl und Ausdehnung

ihrer Vorbauten aus. Die Grundfläche einzelner solcher Gräber ist auf

23,148 ⎕ Fuss, die Länge einzelner Königsgräber von 40-440 rh. Fuss

berechnet worden.

§. 26.

Jenseits Theben setzt sich die Monumentenreihe ununterbrochen

fort. An Hermonthis und Esneh vorüber berühren wir %Edfu% mit dem

prachtvollen Tempel des Horus und der Hathor, und an den Katarakten

die Monumente von %Philae% und %Elephantine%. Sie stammen aus junger

Zeit, wie die meisten nubischen Monumente; nur sind die letzteren

von den Ptolemäern und römischen Kaisern nicht neu gebaut, sondern

auf Grundlage alter pharaonischer Reste wieder hergestellt worden.

In %Gerf Hussên% (fälschlich Girscheh genannt) beginnt ein von

der gewöhnlichen Weise abweichender Tempelbau. Es ist der Tempel

theilweise in den Felsen gehauen und nur der Vorbau aus Werkstücken

gearbeitet. Den Pfeilern, welche die Decke der inneren Hallen tragen,

treten, Karyatiden verwandt, mehr durch ihre Grösse als durch ihre

Schönheit bedeutende Statuen vor. Eine gleiche Anordnung zeigt der

Tempel zu %Sebua%, gleich dem oben genannten vom grossen _Ramses_

gegründet. Vollständige Grottenbauten sind nebst dem Tempel zu Derri

die zwei 1816 von _Belzoni_ entdeckten Tempel von %Abu Simbel%, an

den Katarakten von Wadi Halfa, nach ihrem Gründer auch Ramessopolis

genannt. Die Façade des grösseren Tempels, durch einen schrägen

Rahmen von dem Felsen geschieden, wird durch vier sitzende Kolosse

ausgefüllt. Aehnliche Kolosse stehen auch mit gekreuzten Armen vor

den Pfeilern in der Vorhalle, hinter welcher noch vierzehn Kammern

in gerader und schräger Richtung in den Felsen getrieben sind. Von

den Pyramiden und Tempelbauten auf dem Boden des alten Meroe (Assur,

Naga, Merawe) wurde schon oben bemerkt, dass sie nicht der ältesten,

sondern der jüngsten Zeit des ägyptischen Reiches angehören und wie der

vermeintlichen geschichtlichen, so auch der kunsthistorischen Bedeutung

entbehren. Aegyptens Macht hat sich bekanntlich zeitweise auch nach

Asien erstreckt. Es lag im Charakter der ägyptischen Eroberer, ihre

Züge durch Monumente zu verherrlichen. Doch sind die bis jetzt auf

asiatischem Boden entdeckten Gedächtnissmale meist nur durch ihre

Inschriften dem Forscher merkwürdig. Artistische Bedeutung besitzen

unter denselben die Basreliefs, die _Ramses-Sesostris_ bei Lycus in den

Felsen eingraben liess.

§. 27.

Bei der Erwähnung der Pyramiden wurde bereits das eigenthümliche

Bauprinzip der Aegypter: das krystallinische Wachsen der Bauten durch

den Ansatz gleichartiger Theile, berührt. Um die erste Pyramidenschale,

welche die Grabkammer barg, legte der König, je nach der Länge seiner

Regierung, neue Steinschichten herum, so dass gewissermassen die Zahl

der Steinmäntel Jahresringe vertritt. Ganz die gleiche Bauweise kommt

auch bei den Felsengräbern vor. Je länger der Inhaber des Grabes

lebte, desto mehr häufte sich die Zahl der Korridore und Pfeilersäle.

Es ist zwar kein Mantelbau, wie bei den Pyramiden, vorhanden, aber

dennoch die Erweiterung auch durch die Reproduktion der ursprünglichen

Anlage gewonnen. Ein ähnliches Verhältniss findet schliesslich

auch bei den Tempelbauten statt. Wir haben keine Baueinheit, kein

geschlossenes Tempelhaus vor uns, bei welchem die einzelnen Theile

nur als organische Glieder %eines% Leibes an ihm und nicht neben ihm

auftreten, sondern ein System von Nebenbauten, gleichgültig aneinander

gerückt und zu jeder beliebigen Erweiterung gefügig. Dazu kommt noch,

dass das eigentliche Heiligthum, die Cella, vor der Grösse und Pracht

ihrer Umgebung nahezu verschwindet, und ähnlich dem Kultus selbst,

in ein dunkles Geheimniss sich hüllt. Rings um die Cella lagern sich

zahlreiche Kammern, ihr voran gehen bedeckte und unbedeckte Hallen, und

je weiter vom Heiligthume entfernt, desto gewaltiger und umfangreicher

werden die Bauten. Keine geringe Belehrung gewährt in dieser Hinsicht

die von _Lepsius_ entzifferte Baugeschichte des Reichs-Tempels zu

Theben. Der eine König umgab die Cella mit Kammern und legte ihr einen

Hof vor, der andere vergrösserte diesen Bau durch die Anfügung einer

Säulenhalle und neuer Kammern. Ein dritter (_Sethos I._) setzte die

riesige Säulenhalle an die bereits vorhandenen Vorbauten an, und diesem

Hypostylos wurde nochmals ein offener von Säulen eingeschlossener Raum

wieder vorgelegt. Konnten die Neubauten nicht mehr in der Achse der

Cella angeschoben werden, so wurde die Fläche zwischen dem Tempel und

den äusseren Umfassungsmauern mit architektonischen Anlagen erfüllt.

Diese Vergrösserung der ägyptischen Tempel nach aussen, im Gegensatz

zu der allmähligen Vertiefung der Gräber nach innen, wird bei der

Mehrzahl derselben angetroffen.

Die Erklärung dieser unorganischen Bauweise muss man in dem ägyptischen

Gottesdienste aufsuchen. Schon das Wenige, was wir von dem letzteren

wissen, verhilft zum besseren Verständniss einzelner Bautheile.

Auf die Prozession waren die endlosen, von Sphinxen begrenzten und

von Thurmbauten -- Triumphpforten vergleichbar -- unterbrochenen

Tempelstrassen berechnet, ebenso wie der majestätische Vorbau mit

seinem farbigen Flaggenschmucke und instruktivem Bilderreichthume. Ja

selbst noch in den Vorhallen setzt sich die Andeutung der Tempelstrasse

fort. Die mittleren Säulen (Fig. 26, _c_) sind häufig erhöht und bei

den vielsäuligen Räumen, die zu einer Reihe gehörigen Säulen stets mit

gleichem Schmucke bedacht.

[Illustration: Fig. 29. Pylonenbau.]

Die besondere Anordnung einer ägyptischen Tempelanlage war in der

Regel folgende: Hatte man die äussere gepflasterte Tempelstrasse

durchschritten, so kam man zu dem Pylonenbau (Fig. 26, _a_ und Fig.

29). Zwei im Grundrisse rechteckig, im Aufrisse als gestutzte Pyramiden

gebildete Thürme, oben mit einer tiefen Kehle und Platte bekrönt,

schliessen die mit dem gleichen Gesimse geschlossene Thüre ein. Den

Mangel an architektonischem Schmucke (nur die Ecken sind mit Stäbchen

eingefasst) ersetzt das farbige Bildwerk, womit die Mauern bis zum

Gesimse bedeckt sind. Obelisken und Kolosse stehen vor den Pylonen,

Flaggenstangen waren an denselben befestigt. Dem Pylonenbaue folgen

zuerst unbedeckte, von einem Säulengange umschlossene (Fig. 26, _b_),

dann bedeckte vielsäulige Räume. Die Hallen verengen und verkleinern

sich, bis man zu dem kleinen unbeleuchteten Heiligthume (_d_) gelangt,

welches in einzelnen Fällen aus dem Felsen gehauen ist. Neben und

hinter der Cella setzen sich die Nebenräume fort. Nur spätere und

kleinere Tempel weichen von dieser reich zusammengesetzten Anordnung

ab, so z. B. die sogen. Typhonien oder Mammisi, die Geburtsstätten der

Götter bei Elephantine, Philae, Edfu, Tentyrah u. s. w. Sie sind von

Säulen umschlossen und ohne alle Böschung oder Abschrägung erbaut.

Dadurch, dass die Säulen durch Zwischenmauern verbunden sind und an

den Ecken Mauerpfeiler vortreten, geht der Eindruck des von Säulen

getragenen Hauses wieder verloren.

§. 28.

[Illustration: Fig. 30. Säulenformen.]

Von den einzelnen Baugliedern verdient die %Säule% die ausführlichste

Betrachtung. Ihr Gebrauch in Aegypten ist ebenso ausgedehnt, als ihre

Formen mannigfach. Gewöhnlich ist die Säule durch eine kreisrunde

Scheibe mit dem Boden verknüpft. Der cylindrische, bereits an der

Basis geschwellte Stamm ist bald glatt, bald gefurcht (Fig. 30, _c_)

und mit horizontalen Bändern versehen. In der Regel bedecken ihn

auch Hieroglyphen und Bildwerk. Noch mannigfacher als der Schmuck

des Stammes ist die Form des Kapitäls. Bald ruht auf dem Stamme eine

einfache viereckige Platte (Beni Hassan), bald steigt das Kapitäl

als weit ausladender Blumenkelch (Fig. 30, _a_) aus dem Stamme

empor. Eine minder organische Form zeigt Fig. 30, _b_, wo das unten

ausladende Kapitäl nach oben wieder eingezogen erscheint. Eine vierte

Variation bildet das Maskenkapitäl. Die vier Seiten eines Würfels

sind zu Köpfen ausgearbeitet, über welchen sich noch eine kleine

Tempelarchitektur erhebt (Tentyrah). Wenn auch Einzelnheiten an den

Säulen, wie z. B. die Kannelirung des Schaftes (_c_), an griechische

Formen erinnert, so liegt dennoch kein Grund zur Annahme einer

unmittelbaren Ableitung der letzteren aus den ägyptischen Säulen vor.

Die Motive für die Form und die Dekoration sind einheimischen Pflanzen

entlehnt, ob der vielgenannten Lotosblume, haben neuere Forschungen

wieder fraglich gemacht. Den grössten Schmuck erhielten die Säulen

durch ihre Bemalung. Für die Blätter wurde wie natürlich die blaue

und grüne, für die dazwischen gestellten Hieroglyphenschilder und den

Grund die rothe und gelbe Farbe gewählt. Nächst den Säulen kommen

auch viereckige und polygone (Fig. 30, _d_) Pfeiler, selbstständig

und mit vortretenden, aber nicht stützenden Statuen verbunden, vor.

Ein schmaler Würfel lagert auf den Kapitälen und verbindet die Säule

mit den deckenden Steinbalken. Als Regel kann man wohl die flache

Bedeckung der ägyptischen Bauwerke annehmen, doch war auch die

Wölbekunst den Aegyptern nicht unbekannt. Die sogen. pelasgische

Wölbung, dadurch gebildet, dass die Steine der vertikalen Mauern

nach oben immer mehr vortreten, bis sie durch einen einzigen Block

geschlossen werden konnten, kommt nicht selten vor; auf eine seltenere

Form des Scheingewölbes stösst man im Tempel zu Abydus. Der Steinbalken

reicht wie bei der flachen Decke von Pfeiler zu Pfeiler; er liegt

aber mit seiner Schmalseite auf und ist in seiner unteren Hälfte

zu einem Rundbogen ausgehauen. Solche Scheinwölbungen haben nichts

besonderes an sich; wichtiger sind die Entdeckungen eines nach dem

Keilschnitte gearbeiteten Ziegel- und Steingewölbes. Das letztere, in

den Pyramidengräbern gefunden, reicht in das 6. Jahrhundert v. Chr.,

die Ziegelbogen aber in der Nekropole zu Theben gehen sogar bis in das

Jahr 1540 v. Chr. zurück. Auch das 12' weit gespannte Tonnengewölbe

der Nebenhallen am sogen. Grabe des Osymandyas stammt aus der Zeit

des grossen _Ramses_. Man kann immerhin diesen frühen Gebrauch des

Bogens und der Wölbung zugeben, nur darf man nicht aus der Erinnerung

lassen, dass sich in späteren Zeitaltern auf den Bogen der ganze

Baustyl gründet, während diese ägyptischen Bogen auf das Prinzip der

heimischen Architektur nicht den geringsten Einfluss genommen haben.

Bei Felsbauten lag übrigens die gewölbeartige Rundung der Decke sehr

nahe. Auch wo die Felsdecke nicht wie bei dem Grabe in Saqâra mit

Steinplatten belegt, durch das Steingewölbe gestützt ist, wird jene

häufig in der Form eines flachen Kreissegmentes geführt (Beni Hassan).

§. 29.

Alle Flächen an den ägyptischen Baudenkmalen waren mit Bildern

bedeckt, die meisten architektonischen Glieder und die Reliefs farbig

dargestellt. Die Rechtfertigung der %Polychromie% ist gegeben, sobald

man den nordischen Luftton und die nordischen Vorurtheile vergisst,

und die plastische Technik der Aegypter berücksichtigt. Die tief

geschnittenen, nicht scharf sich abhebenden Reliefs verlangten eine

Nachhülfe durch die Farbe; diese aber konnte in einem Lande, wo

die Luft selbst in Farbengluth strahlt, schon reich und kräftig

genug aufgetragen werden, ohne Gefahr, in schreiende Misstöne zu

verfallen. Rückten durch die consequente Bemalung der Skulpturen die

beiden Gattungen der bildenden Kunst bereits einander nahe, so wird

diese Verwandtschaft durch den technischen Vorgang bei der Bildnerei

noch erhöht. Nachdem der Künstler die Reliefs in rother Farbe

skizzirt hatte, wurden vom Zeichner die Umrisse mit schwarzer Farbe

nachgezogen, dann erst kam der eigentliche Bildhauer an die Arbeit. Ein

eigenthümlicher plastischer Styl, im Gegensatze zu dem in der Malerei

üblichen, hatte kein Dasein.

Gleich den assyrischen Bildtafeln, mit welchen sie auch sonst eine

mannigfache Verwandtschaft haben, ziehen die ägyptischen Basreliefs

die nächste Aufmerksamkeit durch ihren Inhalt auf sich. Wir lernen in

dieser ausführlichsten Chronik der Welt das öffentliche und Privatleben

des Volkes kennen, wir begleiten in den Skulpturen zu Karnak das

ägyptische Heer nach Asien, wohnen zahlreichen Schlachten, Belagerungen

und Einzelkämpfen bei; wir machen an der südlichen Aussenwand des

Tempels den Zug des kriegerischen Scheschonk gegen Jerusalem mit, und

lernen die Grösse der Pharaonen im Felde, die Pracht ihrer Triumphzüge

kennen. Noch mannigfacher ist der Inhalt der Skulpturen und Malereien

in den Felsengräbern, bei welchen auch die Form weniger beengt, der

individuellen Phantasie ein grösserer Spielraum gegönnt erscheint,

als bei den Tempelbildern. Nächst der Schilderung der Zustände nach

dem Tode und biographischer Züge aus dem Leben des Verstorbenen haben

die Künstler auch allgemein gültige Lebensbilder hier entworfen, und

weder Fleiss in der Ausführung noch Laune in den Motiven gespart.

Der Glaube an die mürrische Verschlossenheit der alten geknechteten

Aegypter weicht im Angesichte der frischen Genrebilder, an welchen

besonders die Gräber zu Theben einen grossen Reichthum zeigen. Hier

wohnen wir einem leckeren Gastmahle bei und sehen die Wirkungen des

reichlich genossenen Weines; dort belauschen wir die Damen in ihrem

Gespräche über Kleider und Juwelen. Selbst bei der Darstellung eines

Leichenzuges konnte der Künstler den Kitzel sarkastischer Schilderung

nicht vermeiden. Bei der Fahrt über den Todtenfluss muss gerade das

mit Speisen beladene Boot umschlagen und uns in Ungewissheit lassen,

ob die kreischende Klage des Gefolges dem Tode des Freundes oder dem

Verluste des Leichenschmauses gilt u. s. w. Die Quelle aller unserer

Kenntnisse über die Sitten und Gebräuche der alten Aegypter sind jene

Bildwerke, und ihre Darstellung ist so treu, ihre Schilderung so genau

und ausführlich, dass wir kaum die Gelegenheit erhalten, den Verlust

der übrigen historischen Quellen zu beklagen.

Nicht im Stofflichen allein liegt jedoch das Verdienst der ägyptischen

Kunst. Für die hohe Ausbildung des Formensinnes sprechen namentlich

die Ornamente. Die Verzierungen der Decke in den Grabkammern, die

Formen ihrer Meubel und namentlich der Vasen lassen an Reinheit der

Linien, an geschmackvoller Zierlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Vieles, was wir als ein Eigenthum des griechischen Kunstsinnes zu

betrachten gewohnt sind, ist ägyptischen Ursprunges, hier wenigstens

viel früher im Gebrauche gewesen, als in Griechenland. Die Führung des

Ornamentes in farbigen unter einem rechten Winkel gebrochenen Linien,

in Wellen- und Zickzackform, weiter die sinnige Verwendung thierischer

Gestalten zur Dekoration der Vasen, als Henkel und Deckel, sind in der

ägyptischen Kunst ganz gewöhnlich. Die technische Geschicklichkeit und

handwerkmässige Fertigkeit der Aegypter sind berühmt genug, seltener

wird aber diese höhere Begabung in der ornamentalen Kunst anerkannt.

Daneben fehlt es nicht an Schattenseiten. Von eigentlicher malerischer

Wirkung kann bei schattenlosen Silhouetten nicht die Rede sein; die

Regel, zuerst den nackten Körper zu zeichnen und darüber erst das

Gewand anzulegen, hinderte nothwendig die Entwicklung des Gewandstyles.

Dann sind auch die Grenzen des Reliefstyles enge abgesteckt. Er kennt

keine Perspektive, und auf seinen ersten Stufen auch keine Gruppen. Wir

sehen Reihen neben und hinter einander. Ueber die Vortrefflichkeit der

Thierbilder herrscht seit Mad. _Staël_ nur ein Lob, desto fühlbarer

sind die Mängel in der Darstellung menschlicher Figuren. Während

die Beine in der Profilstellung vorschreiten, ist der Oberkörper in

Vollsicht genommen; auch für die Köpfe ist stets das Profil gewählt,

nur die Augen davon ausgenommen. An den sitzenden Kolossalstatuen

sind gleichfalls die flachen und breiten Füsse, ohne Andeutung einer

Artikulation, die hochgestellten Ohren, die anliegenden Arme u. a.

auffällig. Weitere Schranken der Kunstentwicklung lagen in der

kindischen Anschauung der Herrschergrösse, die auch körperlich ihre

Umgebung überragen musste, und in den religiösen Begriffen des Volkes

(Fig. 31). Das Ideal menschlicher Schönheit war nicht in den Göttern

verkörpert, diese vielmehr durch thierische Symbole charakterisirt, der

künstlerischen Darstellung vielfach unfähig.

[Illustration: Fig. 31.]

Hier ist auch der Ort, den ägyptischen Kanon der Verhältnisse andeutend

vorzuführen. Der Kanon im alten und neuen Reiche nahm den menschlichen

Fuss zur Einheit. Die sechsmalige Wiederholung der Einheit gab

die Höhe bis zur Stirn, die Mitte der Höhe fällt unter die Scham,

die Stellung der übrigen Theile wird durch 18 Verhältnissfelder

bestimmt. Vorzugsweise durch die Kürze des Kniees unterscheiden sich

nach _Lepsius_ Forschungen der erste vom zweiten Kanon. Der dritte

ptolemäische Kanon legt eine andere Eintheilung -- 23 Theile bis

zur Scheitelhöhe -- zu Grunde und bildet den Kopf grösser, die Brust

länger, den Nabel höher. Dieser letzte Kanon ist keineswegs ein

Fortschritt gegen die frühere Gesetzmässigkeit, und schafft auch nicht

richtigere oder schönere Gestalten. Er gab die nationale Grundlage auf,

welche offenbar die alten Verhältnissregeln mitbestimmt hat, und setzt

an die Stelle des einfach strengen, aber wirksamen Styles, übertriebene

und unklare Formen.

In Bezug auf die Farbengebung ist ein ähnlicher Kanon nicht bekannt.

Doch gilt auch bei der ägyptischen Malerei, wie bei den ältesten Stufen

dieser Kunstgattung überhaupt, der Vorzug der primären Farben (blau,

roth, gelb) vor den sekundären.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 7 / 33 题