2. Die persische Kunst.

§. 19.

Die Perser wurden bekanntlich die Erben der assyrischen und

babylonischen Macht. Mit der politischen Macht erbten sie auch die

künstlerische Bildung, so dass auf der Ebene von Merduscht fortgesetzt

wurde, was der Reichthum und die Prachtliebe der assyrischen Könige im

Stromlande des Tigris und Euphrat begonnen hatte. So lange die Reste von

Niniveh unter der Erde begraben lagen, konnte man über den Ursprung und

die Entwicklung der persischen Kunst die mannigfachsten Vermuthungen

aufstellen, und namentlich nach beliebter Weise in Aegypten die

Lehrmeister der Kinder _Ormuzds_ suchen; gegenwärtig ist es keinem

Zweifel unterworfen, dass die persische Kunst in allen ihren Zweigen mit

den Ninivehmonumenten im engsten Zusammenhange steht und an den

letzteren grossgezogen wurde. Die Verwandtschaft der nationalen

Anschauungen und religiösen Vorstellungen erklärt die gemeinsame

Kunstform, welche ebensowohl aus der allgemeinen Bauanlage, wie aus der

Anordnung und Beschaffenheit der Skulpturen erhellt. Aehnlich wie in

Niniveh erheben sich die persischen Paläste auf Terrassen, auch der

Portalschmuck, die Mannstiere, sind hier und dort die gleichen, und

ebenso die Verkleidung der Kammern mit Reliefplatten, der Inhalt und die

Formen der letzteren an beiden Orten identisch. Für die Abweichungen,

welche man in der persischen Kunst bemerkt, sind theils das verschiedene

Baumaterial, hier vortrefflicher, mehr zu Tage liegender Haustein,

während sich Mesopotamien mit Backsteinen behelfen musste, theils die

spätere Zeit der Entstehung der persischen Monumente massgebend. Sie

fallen nämlich meist in das Zeitalter des _Darius Hystaspis_ und

_Xerxes_ (522-465), und sind durch vier Jahrhunderte von den

Nimruddenkmälern geschieden. Natürlich macht sich diese zeitliche

Entfernung auch in der Kunstform fühlbar, und es stehen die persischen

Skulpturen den jüngsten assyrischen Werken ungleich näher, als den

alterthümlichen Arbeiten zu Nimrud. Man kann diese grössere

Verwandtschaft auch an Aeusserlichkeiten, an dem Kopfputze der

beflügelten Gestalten, an dem Kostüme u. s. w. beobachten. Auch von den

jüngsten Denkmälern von Khorsabad und Kuyundschik unterscheiden sich

aber die persischen Skulpturen besonders durch die faltenreichere,

freiere Behandlung der Gewänder. Eine Vergleichung der Architektur

würde wahrscheinlich zu den gleichen Resultaten führen, nämlich den

persischen Baustyl als eine Ableitung des assyrischen aufweisen, wenn

nicht die überaus geringen Reste, die uns von dem Oberbaue der Paläste

erhalten sind, jede solche Untersuchung verböten. Doch sprechen die

persischen Säulenformen dafür, dass zur Zeit ihrer Bildung der

Kunstverfall bereits sichtlich einbrach, und das Verständniss der alten

Bautraditionen zu weichen begann.[13]

§. 20.

[Illustration: Fig. 23. Grundriss von Tschil-Minar.]

Den grössten Ruhm und auch die grösste räumliche Ausdehnung unter allen

persischen Monumenten nimmt der vielsäulige (Tschil-Minar) Bau zu

%Persepolis%, (Fig. 23) nordöstlich von Schiraz für sich in Anspruch.

Die hier entdeckten und jüngst entzifferten Keilinschriften lehren, dass

_Darius Hystaspis_ den Bau begann, _Xerxes_ und _Artaxerxes Ochus_

denselben fortsetzten. Ob derselbe jemals vollendet worden und nicht

vielmehr _Alexanders_ Brandfackel in das erst halb fertige Werk

geschleudert worden, ist fraglich. Am Fusse des Rachmedberges gelegen,

nimmt der vielgliederige, auf einer Plattform sich erhebende und in

mehreren Terrassen aufsteigende Palastbau einen Raum von 4000 Fuss ein.

Ein wahres Wunderwerk der Architektur, eine doppelte Treppenflucht aus

Marmor (Fig. 23, _a_), breit und bequem genug, dass zehn Reiter neben

einander dieselbe hinaufjagen und beladene Kameele sie ersteigen können,

führt an der nordwestlichen Ecke des Unterbaues auf die erste Terrasse,

wo uns sofort eine Ehrenpforte (_b_) empfängt. Vier Pfeiler stehen noch

von derselben, ihre Mauerstirnen mit symbolischen Thiergestalten,

gekrönten Mannstieren, geschmückt. Zwischen den Pfeilern waren vier

Säulen aufgerichtet, deren Kapitäle und Basen eine der wesentlichsten

Eigenthümlichkeiten der persischen Architektur versinnlichen. Die

überaus reich gebildete Basis zeigt als Hauptglied über der viereckigen

Platte einen umgestülpten mächtigen Kelch; als Kopf der schlanken und

gefurchten oder kannelirten Säule erblicken wir über einem

blätterverzierten Doppelkelche noch einen hohen Aufsatz, zu dessen

Seiten je vier spiralförmig gewundene Bänder oder Voluten herabhängen

(Fig. 24). Weit entfernt, dass diese Voluten das Vorbild des ionischen

Kapitäls abgeben, müssen sie sogar jünger sein, als die Entstehung des

letzteren, da sie die natürliche, nämliche liegende Lage der Voluten

bereits als zweckloses Ornament verkehrt, d. i. aufrecht stehend zeigen.

[Illustration: Fig. 24. Säulenkapitäl aus Persepolis.]

Wir kehren nun wieder zur Beschreibung von Tschil-Minar zurück. Verfolgt

man den Weg in gerader Richtung von der Haupttreppe, so stösst man auf

kein bedeutendes Bauwerk mehr; wendet man sich dagegen, auf der ersten

Plattform angelangt, nach rechts, so hat man eine neue Doppeltreppe

(_c_) vor sich, welche zur zweiten Terrasse führt. Der plastische

Schmuck der Doppeltreppe wurde mit Recht als das glänzendste Zeugniss

der persischen Kunstblüthe hervorgehoben. Das Mittelfeld zwischen dem

vorderen Treppenpaare nehmen 7 Speerträger, die Leibwache des Königs,

ein, in den Ecken sind Thierkämpfe dargestellt. Die Wand aber, die sich

zwischen dem vorderen und hinteren Treppenpaare hinzieht, schildert den

Zug der Völker und der Abgesandten zum Königsthrone. An Cypressen

vorüber schreiten die Perser im höfischen faltenreichen Gewande, andere

Stämme in enganliegender kurzer Nationaltracht, ihnen gegenüber die

Gesandten von zwanzig Völkern, von Stabträgern eingeführt, und die für

den König bestimmten Geschenke: Vasen, Weihrauchschalen, Salbenbüchsen,

Geschmeide, Felle u. s. w. vor sich tragend, oder gezäumte und

geschirrte Rosse, Stiere, Widder, Dromedare nachziehend. Drei Friese

übereinander nimmt der Festzug ein, doch ist leider der oberste Fries

zur Hälfte abgebrochen. Auf der zweiten Terrasse erhebt sich der

Hauptbau, der Audienzsaal. Ein quadratischer, von 36 Säulen getragener

Mittelraum (_e_) hat kleinere zwei Säulen tiefe Nebenhallen vor und

neben sich. Die Säulen der Haupthalle (55' hoch) sind den oben

beschriebenen verwandt, jene der Nebenhallen (60' hoch) haben als

Kapitäl zwei Halbstiere, die mit ihren Leibern zusammenstossen und so

einen Einschnitt bilden, in welchen das Gebälke eingefügt wurde. In der

Richtung gegen die Felswand (_l_) haben sich gleichfalls beträchtliche

Reste eines Prachtbaues, etwa des Thronsaales (_e_) erhalten. Hundert

Säulen, in zehn Reihen aufgestellt, erfüllten das Innere desselben, die

acht Eingänge waren der allgemeinen Regel gemäss von symbolischen

Thieren bewacht, die Thürpfeiler und die Wände mit Reliefs bedeckt.

Ihren Gegenstand bilden eine Audienz bei dem Könige, die Huldigung der

Völker und Kämpfe des Fürsten mit Greifen und Löwen. Hinter dem

Säulenbaue führen Treppen zu höheren Terrassen, auf welcher sich nach

der Meinung Vieler die eigentlichen Palastwohnungen des _Xerxes_ und

_Artaxerxes_ befanden. Man erkennt wohl noch Portiken (_f, g_) und

grössere, in Vorhallen, Säle und Kammern gegliederte Räume (_h, i, k_),

doch haben sich dieselben noch schlechter erhalten, als die Bauwerke auf

den niederen Terrassen.

§. 21.

Neben Tschil-Minar werden noch andere Denkmäler der persischen Baukunst

und Bildnerei genannt und von den Reisenden beschrieben. Auf dem Wege

von Ispahan nach Schiraz, nordöstlich von Persepolis, liegt die Ebene

von Murghab, gewöhnlich mit Pasargadä identifizirt. Hier stösst man auf

zahlreiche Ruinengruppen, auf Plattformen von 600' im Umfange, auf

Feueraltäre und zertrümmerte Säulenhallen. Nicht das geringste Interesse

erregt das Reliefportrait _Cyrus_, welches _Ker Porter_ an einem

isolirten Marmorpfeiler aufgefunden hat. Der grosse König schreitet mit

erhobener Hand gemessenen Schrittes einher, ein reichverbrämtes

faltenloses Gewand, mehr assyrisch als persisch in der Form, reicht bis

an die Knöchel, vier mächtige Flügel entwachsen seinen Schultern, eine

eng anliegende Kappe bedeckt das Hinterhaupt, das Gesicht ist leider so

stark zerstört, dass man nur den Umriss und den kurzen buschigen Bart

erkennen kann. Ein seltsamer Aufsatz steigt über dem Kopfe empor. Auf

einem Hörnerpaare ruhen kleine Kreise, über welchen drei kleine

karaffenartige Gefässe angebracht sind. Die Inschrift über dem Bilde

lässt über seine Bedeutung keinen Zweifel.

Am Flusse Cyrus trifft man auch die Trümmer eines befestigten Platzes,

welcher einen Tempel und Palast einschloss. Eine Säule, mit

zusammengefügten Stierleibern als Kapitäl, ähnlich den früher erwähnten

zu Tschil-Minar, steht noch aufrecht, andere liegen neben Resten von

Umfassungsmauern und Thürpfosten zertrümmert umher. Auch Schiraz bewahrt

in der Nähe des Saadigrabes Trümmer aus der Achämenidenzeit. Sie gehören

einem kleinen viereckigen Tempel an, dessen Portalwände mit Reliefs

reich geschmückt waren.

Schliesslich bleiben noch die Felsskulpturen von Behistun bei

Kermanschah zu erwähnen. _Semiramis_ soll hier nach der Erzählung des

_Diodor_ einen Park von zwölf Stadien im Umkreise geschaffen und auf dem

Felsen ihr Portrait, umgeben von den Bildern ihrer Leibwache, eingehauen

haben. Davon ist freilich nichts vorhanden, wohl aber eine historische

Scene aus dem Leben des _Darius Hystaspis_. Er hatte den Aufruhr, der

sich seiner Thronbesteigung widersetzte, besiegt, und lässt sich nun die

gefangenen Rebellen, die Prätendenten von Susiana, Babylon u. s. w.

vorführen. Neun derselben sind durch einen um ihren Nacken gewundenen

Strick aneinander gefesselt, der zehnte wird von den Füssen des Königs

getreten, über dessen Haupte der Ferwer schwebt. Die artistische

Ausführung des Bildes, welches nach _Rawlinson_ aus dem Jahre 516

stammt, ist nicht sonderlich, und gegen die allgemein geschichtliche

Bedeutung desselben jedenfalls weit zurückstehend.

§. 22.

Die persischen Grabdenkmäler, welche neben der Palastarchitektur die

Kunstthätigkeit der Orientalen am meisten beschäftigten, kommen an drei

Punkten vor: in Murghab, bei Tschil-Minar und in Nakschi-Rustam. Ihrer

Form nach zerfallen sie in freistehende und Felsengräber. Mit Hülfe der

entzifferten Keilinschriften wurde das Bild des _Cyrus_ entdeckt, ihnen

verdanken wir auch die Kenntniss seines Grabes. Es liegt in der Ebene

von Murghab, umgeben von anderen Baulichkeiten, im Volksmunde unter dem

Namen des Grabes der Mutter Salomons bekannt, und erhebt sich auf einer

pyramidalaufsteigenden Stufenbasis. Die Form des 8' hohen, 7' breiten

und 10' tiefen Grabes ist die eines Giebelhauses, die Anlage desselben

dadurch, dass der Giebel aus einem einzigen Felsstücke gearbeitet ist

und die Steinblöcke durch die Dicke der Mauer hindurchgehen, der

Ewigkeit trotzend. Die einfache Schönheit des Baues, der ruhige

Linienzug, die Abwesenheit aller Ornamente fällt nicht wenig auf. Doch

steht dieses Beispiel eines organischen Baues keineswegs einzig da;

auch die Felsengräber oder vielmehr ihre Façaden zeichnen sich durch den

Reichthum der einzelnen Bauglieder und das glückliche Zusammenwirken der

letzteren aus. Man kennt bis jetzt drei Felsengräber in der Nähe von

Persepolis und vier in dem Berge, welcher bei den Anwohnern den Namen

Rustamsbild (Nakschi-Rustam) führt. Da die Anordnung aller Genannten im

Wesentlichen übereinstimmt, so genügt die Beschreibung des niedrigsten

von Nakschi-Rustam, welches _Ker Porter_ genau untersucht hat.

[Illustration: Fig. 25. Säule in Nakschi-Rustam.]

In die Felswand ist eine Façade in der Form eines Kreuzes eingehauen,

der obere Arm und die Querarme des letzteren architektonisch behandelt.

Vier Halbsäulen, gekrönt von den schon früher beschriebenen

Doppelstieren, tragen ein beinahe in griechischer Weise gegliedertes

Gebälke (Fig. 25). Auf einen Stufenbau folgt dann ein von zwei

Karyatiden eingeschlossenes Reliefbild: Zwei Reihen von Männern,

baarhaupt, mit kurz geschürzter Tunika, tragen schreitend auf ihren

emporgehaltenen Armen zwei Friese. Ueber denselben steht wie auf einem

Katafalke der König im weitfaltigen Gewande vor dem Feueraltare, die

eine Hand zum Ferwer emporhaltend, der in der Luft schwebt und mit

ausgestrecktem Arme dem Könige die Krone überreicht. Auch die

Seitenflächen der vertieften Felswand sind in Felder getheilt und auf

diesen links Speerträger, rechts das wehklagende Gefolge des

Verstorbenen abgebildet. Das Innere, in welches man mit Gewalt durch die

zwischen den Halbsäulen angebrachte Scheinthüre eindrang, ist

gewölbeartig ausgehauen und im Hintergrunde mit drei, jetzt leer

stehenden Nischen versehen.

Wenn es gestattet ist, von diesen Façaden einen Schluss auf den

allgemein in Persien üblichen Baustyl zu schliessen, so haben wir

allerdings keine Ursache, zwischen der orientalischen und der

europäischen Kunst eine schroffe Kluft zu ziehen, mag auch vorläufig die

Ableitung der besonderen Bauglieder aus der assyrischen und persischen

Tradition grossen Schwierigkeiten unterliegen.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 6 / 33 题