1. Die assyrische Kunst.

§. 10.

Mit der Entwicklung des religiösen und staatlichen Lebens geht die

Steigerung der künstlerischen Thätigkeit Hand in Hand. Die Pracht des

religiösen Kultus, der Glanz der Herrscherwohnung erhält durch die

bildenden Künste einen vollendeten Ausdruck, und diese dadurch nicht

allein zahlreiche Aufgaben, sondern auch eine innige und bewusste

Verbindung mit den höchsten Lebenszwecken. Wir umgehen die Frage nach

den ältesten Sitzen gereifter gesellschaftlicher Bildung, da sich

dieselbe weder auf kunstgeschichtlichem Wege entscheiden lässt, noch

die Resultate der Untersuchung einen erheblichen Gewinn für die

kunstgeschichtliche Erkenntniss versprechen, und halten nur an den

allgemeinen Thatsachen fest, dass die Wurzeln %unseres% Kunstlebens im

Oriente gefunden, dass auf arianisch-semitischem und auf ägyptischem

Boden die ältesten Formen ausgebildeter Kunst geschaut werden, und

dass schliesslich die letzteren die Tradition bilden, welche aller

folgenden Kunstthätigkeit bis auf unsere Tage zu Grunde liegt. Die

tiefere Einheit der arianischen Völker diesseits und jenseits des

Indus, sowie die Wechselwirkung zwischen der Bildung des südwestlichen

Asiens und Aegyptens sind Thatsachen, welche vorläufig für die

kunstgeschichtliche Erkenntniss werthlos bleiben. Wir behalten daher

nur die unmittelbare Wirklichkeit der neben einander gestellten

assyrisch-persischen und ägyptischen Kunst vor Augen. Die vorhandenen

und bekannten Denkmäler der assyrischen Kunst stehen zwar in Bezug auf

das Alter hinter den ägyptischen weit zurück; denn während die

ersteren kaum in das zehnte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung

reichen, werden zahlreiche ägyptische Bauwerke in das dritte

Jahrtausend v. Chr. und weiter hinauf versetzt. Dennoch erscheint es

passend, die Geschichte der bildenden Künste mit der Beschreibung der

assyrischen Kunst zu beginnen. Die bekannten Reste von Niniveh sind

keineswegs der ältesten, sondern theilweise der jüngsten assyrischen

Kunstperiode angehörig und nur unter der Voraussetzung vorangegangener

längerer Kunstübung verständlich; die assyrische Kunst schliesst

ferner bereits im sechsten Jahrhundert v. Chr., dagegen erhält sich

die ägyptische bis in die griechische Zeit lebendig, und endlich

spricht auch für unsere Anordnung das allgemeine Fortschreiten des

Völkerlebens von Osten nach Westen.

§. 11.

Die orientalische Kunst wird in der neueren Kunstlehre als die

%symbolische% bezeichnet. Zunächst wird durch diesen Namen die

Eigenthümlichkeit der religiösen Begriffe bei den Orientalen

charakterisirt: ihre Anschauung des Göttlichen in unpersönlichen

Bildern, welche selbst, wenn sie überfliessen und in unendlicher

Ausdehnung gedacht werden, dennoch unfähig bleiben, das göttliche

Wesen zu erfüllen. Doch gilt auch von der Kunst der Orientalen ein

ähnliches Verhältniss. Namentlich wird die orientalische Bildnerei von

symbolischen Beziehungen geleitet, die äussere Gestalt nicht als

schöne Form, sondern als das zufällige Zeichen des Geistes betrachtet,

durch die Steigerung der Grösse, durch die Vervielfältigung von

Gliedmassen, durch die Vermischung fremdartiger Formen, wie

thierischer und menschlicher, die Bedeutung des Kunstwerkes

versinnlicht. Auch die Architektur strebt eine unendliche äussere

Fülle an, häuft entweder Massen auf Massen, oder setzt Räume neben

Räume, ohne dass dieser Raumerfüllung eine innere nothwendige Grenze

gesetzt ist. Die Grundlage der orientalischen Architektur bildet

nicht das geschlossene Haus, sie trägt vielmehr durch ihre weite

Ausdehnung, durch die Mannigfaltigkeit der Anlage, und den

unmittelbaren Einschluss grösserer Flächen ein gewisses

landschaftliches Gepräge. Noch in anderer Hinsicht überschreitet die

Architektur das ihr gewöhnlich gesetzte Maass und die später übliche

Schranke. Sie unterwirft auch die Bildnerei ihrer Herrschaft und lässt

die Werke der letzteren im architektonischen Style als belebte Pfeiler

und Säulen gebildet werden. Zu dieser %architektonischen Skulptur%

gehören die geflügelten assyrischen Palastwächter und die Sphinxe und

Bildsäulen in Aegypten, welche theils die Tempelstrasse zu beiden

Seiten begrenzen, theils an die Pfeiler im Inneren der Tempel und

Grabmonumente sich anlehnen. Ihre Bestimmung erklärt auch den Mangel

an individuellem Leben, die mechanische Wiederholung desselben Typus

bei allen Gestalten. Neben der architektonischen Plastik breitet sich

dann die %Relief%kunst aus. Die Wände der assyrischen und ägyptischen

Monumente sind fast durchgängig mit Relieftafeln bedeckt, welche, wenn

sie auch zahlreiche artistische Mängel verrathen, ohne Rücksicht auf

die Perspektive gearbeitet und mehr vom Verstande, der nach Treue und

Deutlichkeit strebt, als von einer dichterischen Phantasie gedacht

sind, doch wegen ihres geschichtlichen Inhaltes, als eine ausführliche

Chronik des öffentlichen und privaten Lebens der Anwohner einen

überaus grossen Werth besitzen. In diesen Gattungen der Bildnerei sind

die vielversprechendsten Ansätze zur weiteren Entwicklung bereits

vorhanden, und zwischen denselben und der vollendeten griechischen

Plastik keineswegs eine unübersteigliche Kluft wahrnehmbar; nur fehlt

es zur Zeit noch an Erfahrungen, um die einzelnen Entwicklungsstufen

fest zu bestimmen.

§. 12.

[Illustration: Fig. 14. Plan der Plattform und Paläste zu

Nimrud.]

Im Jahre 1820 machte der englische Resident _Rich_ zuerst auf die

zahlreichen Erdhügel gegenüber von Mosul, am östlichen Ufer des

Tigris, aufmerksam. Die Lokaltradition hatte schon längst hier das

Grab des Propheten Jonas erblickt und in den Namen Nimrud, Aschur

einen deutlichen Fingerzeig über die Bedeutung dieser Trümmerhügel

gegeben. Diese Ahnungen einer unter dem Schutt begrabenen assyrischen

Prachtstadt bestätigten zufällige Funde von Skulpturen. _Rich's_

Vermuthung fand namentlich auch bei dem Reisenden _Layard_ 1840

vollen Glauben. Nur zufällige Hindernisse verhinderten die Ausführung

systematischer Ausgrabungen, und sicherten dem französischen Konsul zu

Mosul, _Botta_, die Ehre des ersten Spatenstiches 1842. Die

Ausgrabungen übertrug _Botta_ von Kuyundschik, nachdem die ersten

Versuche hier misslangen, nach dem fünf Stunden von Mosul in

nordöstlicher Richtung entfernten Khorsabad. Reliefplatten und

Riesenstatuen stiegen rasch nach einander aus der Erde hervor, Kammern

auf Kammern wurden bloss gelegt. Nach einigen Monaten Arbeit war es

keinem Zweifel mehr unterworfen, dass man einen altassyrischen Palast

vor sich hatte, welcher durch Feuer zerstört worden war. Auf _Botta_

folgten seit 1845 _Layards_ noch ausgedehntere und folgenreichere

Entdeckungen. Er blieb bei seinem alten Plane und begann die

Ausgrabungen im Nimrudhügel, dessen Form als ein Parallelogramm (1800'

Länge auf 900' Breite) angegeben wird, mit einem hohen konischen Hügel

an der Nordwestecke (Fig. 14). Ein zweimaliger längerer Aufenthalt in

diesen Landschaften (1845 und 1849) verschaffte _Layard_ nicht allein

eine genaue Uebersicht der Ruinen von Nimrud, sondern gab ihm auch

Gelegenheit zu Ausgrabungen an anderen Punkten, von welchen jene in

Kuyundschik gegenüber von Mosul die wichtigsten sind (Fig. 15). Nach

_Layards_ Ansicht stehen wir erst am Anfange, oder besser gesagt, am

Ende der assyrischen Kunst, wir kennen erst die Reste der jüngsten

Bauten und dürfen hoffen bei weiteren und tieferen Forschungen auf

ältere Monumente zu stossen. Spuren solcher älteren Werke kommen nach

_Layard_ häufig vor. Und welcher Name gebührt den Ruinen? _Layard_

hält Nimrud, Khorsabad, Kuyundschik, Karamles (alle diese Ruinen

lassen sich durch ein Parallelogramm verbinden) und Nebbi-Yunus für

Paläste und Parkanlagen einer einzigen Stadt, und zwar Ninivehs,

dagegen will _Rawlinson_ nur die letztgenannten Trümmerhügel auf

Niniveh bezogen wissen. Das Alter der einzelnen Monumente bestimmt

_Layard_, gestützt auf die Entzifferungsversuche der Keilinschriften,

welche seine Freunde begonnen, in folgender Weise: Der Nordwestpalast

in Nimrud (Fig. 14, _a_) wurde etwa 900 v. Chr. erbaut und ist der

älteste bis jetzt bekannte Bau Assyriens. Der Sohn des Erbauers des

Nordwestpalastes gründete daselbst den Centralpalast (_b_) 885

v. Chr., welcher von _Tiglath-Pileser_ oder _Pul_ wieder hergestellt

und nachmals von _Asarhaddon_ bei dem Baue seines Palastes (_c_) als

Material benützt wurde. Das grössere Alter der Nimrudmonumente gegen

die Trümmer von Khorsabad (erbaut von _Sargon_ um 720) und Kuyundschik

(erbaut von dem Sohne _Sargons_, _Sennacherib_ um 700) beweist nächst

den Königsnamen in den Keilinschriften die Verschiedenheit in der

Anordnung der Relieftafeln, mit welchen die Wände verkleidet sind.

Jene zu Nimrud sind durch Inschriften in zwei Friese getheilt, und

jede Tafel bildet für sich ein abgeschlossenes Ganzes, in Kuyundschik

dagegen sind die vier Wände einer Kammer von einer einzigen

Bilderreihe ohne trennende Inschriften ausgefüllt, und die ganze

Kammer der Darstellung einer zusammenhängenden Geschichte gewidmet.

Der jüngste Bau ist der vom Enkel _Asarhaddons_ errichtete

Südostpalast zu Nimrud (_d_). An keinem der erwähnten Punkte sind die

Nachgrabungen abgeschlossen, überall sind bis jetzt nur Fragmente der

Bauanlagen an den Tag gefördert worden. Dieselben sind bedeutend

genug, um in Nimrud neun selbstständige Palastbauten unterscheiden und

in Kuyundschik über siebenzig Kammern beschreiben zu können. Das

Endurtheil über die assyrische Kunstbildung, über das Verhältniss der

einzelnen Bauten zu einander und über die Bedeutung der Trümmer von

Kalat-Schergat, wo Thoncylinder aus dem 12. Jahrhundert v. Chr.

gefunden wurden, sowie jener von Arban am Khabur, westlich vom Tigris,

mit den Resten archaistischer Skulpturen, viel einfacher im Detail,

viel roher in der Muskelbezeichnung, und mit zahlreichen ägyptischen

Skarabäen aus dem 15. Jahrhundert v. Chr., muss demnach noch

aufgeschoben bleiben. Bezeichnend für die Lebenskraft der assyrischen

Kunst ist noch der Umstand, dass _Layard_ bei Gunduk (nordöstlich von

Mosul) Felsskulpturen christlichen Inhaltes fand, welche den

assyrischen Styl mit vollkommener Treue wiedergeben.[12]

[Illustration: Fig. 15. Plan des Palastes von Kuyundschik.]

§. 13.

Das Material der assyrischen Bauwerke war nicht auf ewige Dauer

berechnet. Die an der Sonne getrockneten Ziegelsteine, aus

welchen die Mauern aufgeführt wurden, zerfielen nach der

Zerstörung der Bauwerke zu Staub, ohne eine deutliche Spur von

den Formen und Linien des Oberbaues zu hinterlassen. Vollends

nivellirt wurden die Bautrümmer durch den heissen Sommerwind,

welcher Sand und Staub in seinem Gefolge führt und im Laufe der

Zeit den Kunstanlagen den Schein natürlicher Hügel verleiht.

Wir können nur den Unterbau verfolgen, nur den Grundriss

blosslegen; über die Beschaffenheit des Oberbaues dürfen wir uns

höchstens einzelne schüchterne Schlüsse erlauben.

[Illustration: Fig. 16. Grundriss des Portales zu Kuyundschik.]

Gleich wie in Persien und Babylonien erhoben sich auch in Assyrien die

Bauwerke auf künstlichen 30-40 Fuss hohen Plattformen. Befanden sich

auf einer Plattform mehrere selbstständige Gebäude, wie z. B. zu

Nimrud, so wurden dieselben durch Terrassen getrennt. Auf breiten

Treppen erstieg man die Plattform, von ihrem Rande zum Eingange des

Palastes mochten wohl Statuenreihen führen, wenigstens lassen die

Reste von Piedestalen, nördlich vom Kuyundschikpalaste, auf eine

solche Anordnung schliessen. Ueber den Portalbau und seinen

plastischen Schmuck sind wir verhältnissmässig am besten unterrichtet.

In der Regel hatte jede Façade drei Eingänge (Fig. 15, _a_). Als

Wandfüllung dienten riesige Mannlöwen oder Mannstiere, so angeordnet,

dass die Seitenansicht ihres Leibes die Tiefe des Portales bildet,

Kopf, Brust und Vorderbeine, voll von vorne genommen, aus der Façade

heraus schauen. Aehnlich gestaltete Figuren, den Kopf seitwärts

gewendet, Rücken gegen Rücken gekehrt und mit löwenzwingenden Helden

und Genien abwechselnd, ziehen zwischen dem mittleren und den

Seiteneingängen an der Façade hin. In dieser Weise sind die

Portalbauten zu Kuyundschik (Fig. 16) und Khorsabad, und auch die

bedeutenderen Eingänge im Inneren gebildet. Die innere Anordnung des

Palastes zeigt grössere Hallen, oder wahrscheinlich offene Hofräume

(Fig. 15, _b_) 126-140', 90-124' im Ausmaasse, um welche sich kleinere

Kammern herumgruppiren. Galerien (Fig. 15, _c_), oft in einer Länge

von 214', verbinden die Palastabtheilungen. Höchst wahrscheinlich

waren für die Prunkgemächer und das Harem verschiedene Theile des

Palastes angewiesen; dieselben jedoch in der Wirklichkeit aufzufinden,

ist bis jetzt noch nicht gelungen. Bei der Untersuchung der höheren

Bautheile verlässt uns jeder sichere Führer. Dass die Assyrer sich

nicht mit der Aufführung roher Steinmassen begnügten, sondern dem Auge

Ruhepunkte gewährten, einzelne Bautheile vor andern zurücktreten

liessen, eckige und gerundete Glieder kannten, beweist z. B. das in

Khorsabad gefundene Karniessgesimse (Fig. 17). Auch die Anwendung

stützender Säulen und zwar einer Säulenart, welche der sogen.

ionischen Säule in Griechenland sehr nahe kommt, lernen wir aus

Reliefdarstellungen kennen. Diese Säulen trugen nicht allein Decke und

Dach (Fig. 18), sondern wurden auch bei dem Fensterbaue als trennende

und tragende Glieder verwendet (Fig. 19). Das untenstehende Bild gibt

eine deutliche Anschauung, in welcher Weise das Licht -- hart unter

dem Dache -- in die Gemächer eingeführt wurde. Dass viele der

letzteren, namentlich jene, welche die offenen Hofräume umgaben, keine

besonderen Lichtöffnungen besassen, ist sehr wahrscheinlich. Zur

Bedeckung der Räume dienten, wie die vielen Holzkohlen in den

Schutthügeln beweisen, Holzbalken; doch waren Gewölbe bei den Assyrern

keineswegs unbekannt. Die Relieftafeln zeigen regelmässig die

Thoröffnungen im Rundbogen gewölbt, auf solche stiess man auch bei der

Ausgrabung eines Portales in Khorsabad und in Nimrud. Der grosse

ionische Hügel in der Nordwestecke (Fig 14, _e_), welcher die Trümmer

eines stufenförmigen Thurmes in sich birgt und als das Grab

_Sardanapals_ bezeichnet wird, wird im Innern von einer 100' langen,

12' hohen gewölbten Galerie durchzogen. Auch im Südostpalaste stiess

man auf gewölbte Gänge und lernte überdies ihre Construktionsweise

kennen. Da die Ziegel viereckig waren, so blieben im Bogen Lücken

übrig, welche durch langgelegte Ziegel ausgefüllt wurden. Gewölbt

waren schliesslich die Abzugskanäle, welche man unter den Palästen von

Nimrud und Khorsabad entdeckte. Bekrönt wurden die Tempelpaläste durch

staffelförmig aufsteigende Zinnen (Fig. 18); selten kommt auf den

Relieftafeln ein Bauwerk zur Darstellung, das nicht auf die eben

erwähnte kräftige Weise abgeschlossen wäre. In Bezug auf die Dachform

hat der um die Restauration der assyrischen Architektur verdiente

_Fergusson_ die Ansicht ausgesprochen, dass die Bauten statt des

Daches eine Plattform trugen, auf welcher sich Feueraltäre erhoben.

[Illustration: Fig. 17. Marmorkarniess, gefunden in Khorsabad.]

[Illustration: Fig. 18. Relief aus Khorsabad.]

[Illustration: Fig. 19. Relief aus Kuyundschik.]

§. 14.

Die Bildnerei und Malerei fanden in Babylon und Assyrien eine reiche

Stätte. Im ersteren Lande verhinderte zwar der Mangel an passendem

Materiale, welches sich den Anwohnern von Niniveh in den nahen

Alabasterbrüchen so reichlich darbot, die Anwendung eines plastischen

Schmuckes. Man begnügte sich mit glasirten und emaillirten Ziegeln, und

malte auf dieselben geschichtliche und religiöse Scenen. In Niniveh

dagegen verband sich Malerei und Bildnerei zur glänzendsten Verzierung

der Bauwerke. Nur wenige Kammern zu Nimrud entbehren der

Reliefdarstellungen und scheinen bloss mit Gemälden auf einem Gypsgrunde

geschmückt gewesen zu sein; das gewöhnliche System bestand aber darin,

dass erst über den Relieftafeln ein gemalter Fries sich hinzog, theils

figürlichen, theils ornamentistischen Inhaltes, welcher die Wände mit

der ebenso reich bemalten und vergoldeten Holzdecke verband. Die Figuren

sind in schwarzen oder weissen Umrissen auf blauem oder grünem Grunde

gezeichnet, in einzelnen Fällen aber auch der Fleischton glücklich

nachgebildet. Die am meisten üblichen Farben waren: roth, gelb, weiss,

schwarz und blau, und ihre Kraft und Tiefe ebenso gross, als die

Geschicklichkeit in ihrer Verbindung bewunderungswürdig. Für die

Durchführung eines Ornamentes in complementären Farben, wie Blau und

Gelb, herrschte gleich wie in Aegypten eine grosse Vorliebe. Schon die

Fülle des malerischen Schmuckes an der Decke und über den Relieftafeln

duldete nicht die kalte grauweisse Naturfärbung der letzteren. Auch der

oberste Grundsatz der assyrischen Kunst: ein umständliches Festhalten an

der äusseren Wirklichkeit, konnte sich nicht mit der blossen Idealität

der reinen Plastik befreunden. Nicht allein die Analogie mit der

ägyptischen und älteren griechischen Kunst, auch die unverkennbaren

Farbenspuren, namentlich an den Skulpturen zu Khorsabad, sprechen für

die Anwendung der %Polychromie% in der assyrischen Bildnerei.

§. 15.

Als _Layard_ seine Ausgrabungen in Kuyundschik schloss, berechnete er

bereits die Länge der entdeckten Relieftafeln auf 9880', oder zwei

englische Meilen, und selbst dieser eine Palast ist noch lange nicht in

seiner vollen Ausdehnung bekannt. Wie gross muss nicht die Summe der

plastischen Thätigkeit überhaupt gewesen sein! Mit diesem quantitativen

Reichthume steht auch die Fülle der dargestellten Gegenstände in

vollkommener Uebereinstimmung. Keine Seite des assyrischen Lebens ist

übergangen, kein Kreis menschlicher Thätigkeit vergessen. Wir begegnen

den Symbolen und Verkörperungen des assyrischen Glaubens. Vieles bleibt

uns freilich noch unverständlich; doch erkennen wir den Fischgott, den

phönikischen Dagon, menschlich gebildet, der Fisch nur als Zierde von

der Mitra herabhängend oder sinnreich als das Gewand des Gottes

behandelt, oder das böse Prinzip, aus einem Löwen, Adler und einem

anderen Vogel zusammengesetzt und von den Blitzstrahlen eines

geflügelten Helden verfolgt. Auch die Fervers, die Wahrzeichen des

arischen Glaubens, geflügelte beinlose Gestalten, in der Luft schwebend

und von einem Kreise oder Nimbus eingeschlossen, treffen wir zahlreich

auf den Monumenten an. An den Riesenlöwen und Riesenstieren (Fig. 20),

welche gewöhnlich den Eingang bewachen, erfreut uns die Tüchtigkeit der

Technik und die Gesundheit der Anlage. Die menschlichen Köpfe erscheinen

dem thierischen Rumpfe nicht angefügt, sondern wie mit Notwendigkeit

herausgewachsen. Viel weniger organisch gestaltet sich das Bild Nisrochs

(?) mit dem Adlerkopfe auf dem geflügelten menschlichen Leibe, eine

Figur, welche theils in Prozession wandelnd, theils in der Verehrung des

heiligen Baumes begriffen, ebenso häufig in Niniveh vorkommt, als die

einfachen geflügelten Gestalten, die Mitra auf dem Kopfe und ein

Körbchen, eine Zapfenfrucht, Getreideähren, Waldthiere u. s. w. in der

Hand.

[Illustration: Fig. 20. Thorwächter aus Khorsabad.]

Auf weltliche Darstellungen übergehend, finden wir den König als den

vorzugsweisen Gegenstand der Darstellung. Wir begleiten ihn auf seinen

Kriegszügen. Der Kampfplatz sind bald Marschen, bald bewaldetes

Hügelland. Der König, von seinem Wagenlenker und Waffenträger umgeben,

schleudert vom Streitwagen Pfeile auf den Feind, der theils die Flucht

ergreift, theils von den dahin stürmenden Rossen zertreten wird.

Aehnlich wie im offenen Felde wird derselbe auch in seinen festen

Plätzen besiegt, und diese mit Anwendung von Kriegsmaschinen

eingenommen. Im Triumphe, voran taktschlagende Sänger, Harfenspieler und

Flötenbläser, in weiterer Folge dann die verzweifelnden Gefangenen, die

Träger der Trophäen (darunter die Köpfe der erschlagenen Feinde) und die

Leibwache des Königs (Fig. 21), kehrt der letztere in seine Residenz

zurück. In anderen Kammern sind andere Scenen abgebildet; hier eine

Jagd, dort die Huldigung zinspflichtiger Völker, deren Vertreter mit

den Landesprodukten, mit Wild, Früchten, Blumen u. s. w. beladen, dem

prachtvoll geschmückten Königsthrone nahen. Oder es wird, wie in der

langen Gallerie zu Kuyundschik (Fig. 15, _c_) der Palastbau, die

Aufstellung der Riesenthiere zur Darstellung gebracht. Der Steinblock

wird aus dem Flusse an das Land gezogen, hier schon am Ufer fertig

gemeisselt und in der gleichen Weise, welche auch _Layard_ nach mehr als

20 Jahrhunderten die passendste erschien, in den Palast transportirt. Es

haben überhaupt die meisten Schilderungen der Sitten, Gewohnheiten und

Fertigkeiten auf den Ninivehdenkmälern bis auf den heutigen Tag bei den

Anwohnern ihre volle Wahrheit behalten, und mögen nicht allein dem

Geschichtsschreiber, sondern auch dem Ethnographen zu Illustrationen

dienen.

[Illustration: Fig. 21. Relieffigur aus Khorsabad.]

§. 16.

Im Gegensatze zu dem gewöhnlichen Vorurtheile eines unbedingten

Stillstandes der orientalischen Phantasie zeigt die genaue Betrachtung

der Ninivehmonumente mehrfache Entwicklungsstufen des Kunstgeistes,

einen Beginn, die höchste Blüthe und auch wieder den sichtlichen Verfall

der plastischen Thätigkeit. Es wurden bereits die alterthümlichen

Bildwerke in Arban angeführt. An Rohheit der Form werden dieselben von

zahlreichen gravirten Steincylindern übertroffen. Doch mag hier

vielleicht der streng religiöse Charakter des Inhaltes die archaistische

Form mitbedingt haben. Die Nimruder Reliefs zeigen dann einen weiteren

Fortschritt, ohne jedoch die kräftig bewegte Zeichnung zu besitzen und

in jene Detailmalerei sich einzulassen, welche die Skulpturen von

Kuyundschik auszeichnet. Es vertreten die erstgenannten gewissermassen

den strengen Styl, während die Reliefs zu Khorsabad und Kuyundschik mehr

durch äusseren Reichthum und die schärfere Naturnachahmung glänzen.

Diesen Gegensatz zum älteren, gemessenen, ernsten Styl sollen namentlich

die erst in der jüngsten Zeit durch _Hormuzd Rassam_ neu entdeckten

Basreliefs mit grosser Bestimmtheit offenbaren. In Kuyundschik selbst

entdeckt man wieder in einzelnen Kammern die Spuren der verfallenden

Kunst. Das Material wird mit geringerer Sorgfalt ausgewählt, die Umrisse

sind minder scharf, die Zeichnung der Pferde und der Thiere überhaupt

entschieden nachlässig. Aus dem Gesagten ergibt sich das allmälige

Fortschreiten der assyrischen Kunst von einer idealisirenden

Schilderungsweise zum ausgebildeten Naturalismus, von einer ernsten,

gebundenen Grossheit der Darstellung zu einer zierlichen, für das treue

Wiedergeben aller Einzelnheiten besorgten und zuletzt flachen Eleganz;

es ergibt sich weiter eine doppelte Blüthezeit, eine ältere und jüngere

Schule, die eine im Zeitalter _Aschurak-pal_'s (um 900 v. Chr.), die

andere im Zeitalter _Sennacherib_'s (um 700 v. Chr.) thätig.

§. 17.

[Illustration: Fig. 22. Löwe aus Bronze, in Khorsabad entdeckt.]

Nicht immer geben die grossen monumentalen Werke den sichersten

Prüfstein der künstlerischen Entwicklung eines Volkes ab. Deutlicher als

an den Portalfiguren und Relieftafeln gewahrt man den reichen

Formensinn und die ausgebildete Technik der Assyrer an den kleinen

Thonsiegeln, welche in Kuyundschik gefunden, offenbar einst Urkunden

angehängt waren und bezüglich ihrer Schönheit den griechischen

Intaglio's wenig nachstehen. So sind es auch nicht die riesigen

Thorwächter oder die symbolischen Göttergestalten, welche die

Naturwahrheit und die technische Tüchtigkeit der assyrischen Bildhauer

in das hellste Licht setzen, sondern die einfachen Thierfiguren

(Fig. 22). Es kommt bei den thierischen Darstellungen namentlich auch

der Ausdruck der besonderen Situation, die Hast und Kampflust z. B. der

Streitrosse, der Grimm verwundeter Löwen u. s. w. deutlich zum

Vorscheine. Ist nun auch die energische Naturwahrheit die durchgreifende

Grundlage der assyrischen Bildnerei, wie sich aus der starken Betonung

der Muskeltheile des Körpers, aus der sorgfältigen Behandlung der Haupt-

und Barthaare, aus der überaus fleissigen Ausführung der Waffen, des

Schmuckes, der Kleider und der Geräthschaften überhaupt ergibt, so

stossen wir doch auch nicht selten auf grelle Uebertretungen ihrer

Gesetze, sei es, dass die künstlerischen Mittel nicht ausreichen, sei

es, dass ästhetische Bedenken dies folgerichtige Wiedergeben der

äusseren Wirklichkeit abrathen, sei es endlich, dass der allzu grosse

Eifer nach naturwahrer Schilderung gegen dieselbe verstossen liess. Das

letztere ist z. B. bei den fünffüssigen Mannlöwen und Mannstieren an den

Palastportalen der Fall. Sie sollten ebensowohl in der Vorderansicht,

wie von der Seite betrachtet, ganz erscheinen, und es wurde demnach der

eine Vorderfuss doppelt gezeichnet (Fig. 20). Die Stellung dieser

Skulpturen rechtfertigt einigermassen diesen Fehler, der übrigens erst

bei ihrer Aufstellung in unseren Museen und nicht an Ort und Stelle

auffiel. Die Abweichung von der Naturwirklichkeit aus ästhetischen

Bedenken gewahrt man z. B. bei den Bogenschützen. Sie spannen die Sehne

gegen alle Regel, so dass sie die Hand bis hinter den Kopf zurückziehen;

oder wenn jene auch in eine richtigere Lage gebracht wird, so wird,

damit die Sehne nicht den Kopf durchschneide (denn aus diesem Bedenken

ging die oben erwähnte Anordnung hervor), die obere Hälfte der Sehne als

auf der anderen Seite des Kopfes befindlich, also unsichtbar

dargestellt. Auch bei den Kampfscenen, in der Art und Weise, z. B. wie

die Rosse über die Leiber der Verwundeten einherjagen, kann man die

Abneigung der assyrischen Künstler gegen alle durchschneidenden Linien,

gegen das Ineinanderschieben der Gestalten beobachten. Für viele

derartige Anomalien ist der Reliefstyl, der alle Gestalten nur im

Profile darstellt, und dann das Unvermögen perspektivischer Anordnung

verantwortlich. Das Aufmarschiren aller Figuren in Reihen, anstatt dass

sie sich zu lebendigen Gruppen sammeln, die strenge Symmetrie, wenn

mehrere Gestalten nebeneinander dargestellt werden sollen, verleiht den

assyrischen Skulpturen eine gewisse Einförmigkeit; die Profilstellung

der Beine, während der Kopf gerade blickt, die Richtung jener nach

links, während sich dieser nach rechts zurückdreht, beweist die enge

gezogenen Schranken des assyrischen Formensinnes, oder richtiger den

Mangel an künstlerischer Tradition, auf deren Schultern die weitere

Entwicklung angebahnt werden könnte. Doch, wenn auch die Gestalten und

Gruppen, statt nach der Tiefe des Bildes zurückzutreten, sich

aufeinander thürmen, wenn auch für die Darstellung landschaftlicher

Umgebung geringe Andeutungen, gleichsam Symbole, genügend gefunden

werden und den Relieftafeln der belebende Hauch der %individuellen%

Künstlerphantasie abgeht, so besitzen dennoch diese Werke, abgesehen von

ihrer kulturgeschichtlichen Wichtigkeit, keine geringe künstlerische

Bedeutung. Die Gestalten, welche den Palasteingang bewachen, sind nicht

allein riesig in ihren Verhältnissen, sondern tragen auch den Stempel

der Erhabenheit an sich, die Relieftafeln sind freilich gemeisselte

Chroniken, aber schon dadurch, dass sie das geschichtliche Leben

schildern, den liebevollen Sinn für die umgebende Wirklichkeit, und in

den meisten Einzelnheiten ein frisches Formengefühl verrathen, dass sie

selbstverständlich sind und nicht als abstrakte Zeichen erscheinen,

überragen sie weit die früher geschilderten Ansätze zur Kunstthätigkeit

und haben das volle Recht auf den Namen wahrer, ächter Kunst.

§. 18.

Dem Gedächtnisse der Todten waren die ersten und ältesten Kunstdenkmäler

geweiht. Diese Sitte setzte sich auch in der späteren Zeit bei den

Orientalen fort und schuf bei denselben überall eine besondere Gattung

von Monumenten, welche, wenn auch in der künstlerischen Ausschmückung

verschieden, doch darin übereinkommen, dass sie in den lebendigen Fels

gehauen, unzugänglich gemacht, die Eingänge verborgen gehalten werden.

Derartig sind auch die wenigen bis jetzt entdeckten assyrischen

Grabdenkmäler. Gegenüber dem Dorfe %Bavian% erhebt sich eine steile

Felswand, in welche zahlreiche Relieftafeln eingehauen sind. Sie

enthalten Königsbilder, vielleicht die Portraite der hier Beigesetzten,

und verdecken den Eingang zu den in den Felsen gehauenen, aber bereits

ausgeplünderten Grabkammern. Auch von den Felsskulpturen zu %Malthaiah%,

auf dem Wege von Kurdistan nach Mosul gilt die Vermuthung, dass sie zu

Grabdenkmälern gehören. Vier Tafeln erblickt man in den Felsen

eingehauen, auf jeder Tafel neun Figuren, theils Könige, theils auf

Thieren stehende Götter. Dem Style nach dürfte die Entstehung dieser

Werke gleichzeitig mit dem Baue von Khorsabad fallen. Es bleibt der

Zukunft überlassen, eine nähere Einsicht von der Beschaffenheit dieser

eben erwähnten Denkmäler zu nehmen und die Untersuchung der assyrischen

Palastbauten abzuschliessen. An den Wunsch, dass dies bald geschehe,

knüpft sich der andere, auch die babylonischen Trümmerhügel, namentlich

jene von Akerkuf und Al Hymer einer gründlichen Durchforschung zu

würdigen. Bis jetzt bilden die oft sehr fein gearbeiteten geschnittenen

Edelsteine (Siegel, Amulete) den wichtigsten Fund auf babylonischem

Boden.

Handbuch der Kunstgeschichte · 第 5 / 33 题