Sie schrak zusammen. »Mein Gott! wenn er käme: wohin mit mir!«

Sie griff sich ans Herz, lauschte -- und fühlte das bange Lächeln wieder

zergehen. Mit Seufzen:

»Wozu alles? Er hört nicht und hat längst verwunden. Man muß krank sein, um

sich aus seiner eigenen Natur eine Marter zu machen. Ich habe nichts getan,

was gegen meine Natur wäre.«

»Doch. Ich bin nicht Maria, die breit in ihrem Fleische lebt; der seine

Freuden rein sind. Sie gehört nur ihm: die Glückliche . . . Ach nein, ich

will nicht lästern, mich nicht selbst verleugnen.«

Sie atmete tief ein; ihr schwindelte; und sie fühlte sich aufgehoben.

»O Arnold! weißt du nicht mehr? Wir liebten uns, als wären wir schon auf

einen jener späteren Sterne entrückt gewesen, wo das Höhere in uns sich

einen eigenen Körper schaffen soll.«

Staunend bewegte sie den Kopf.

»Ich bin, denke ich deiner, ganz erfüllt vom Licht jener Mondnacht, durch

die wir gingen.«

Sie hielt das Gesicht, die geschlossenen Lider einem milchigen Glanze hin.

Und sie besann sich wieder auf das Dunkel.

* * * * *

Nach kurzem Schlaf trat sie aus dem Hause, in einen frischen, perlfeinen

Morgen. Zum flimmernden Himmel duftete der weiche Kranz der Berge; klar

schossen die Türme hinein; und Glockenklänge wandelten den reinen Raum

entlang und sprangen durch ihn hin. Aus der Pforte von Blumen, am Rande der

Treppengasse, quoll Blau. Unter betendem Gemurmel entstiegen grelle

Standarten der Tiefe und schlangen ihre Flammen in den blauen Tanz des

Lichtes. Kleine weiße Mädchen mit wippenden Flügelchen trippelten durch die

Blumenpforte; die Sandalen der Mönche schlürften unter ihr hin; der

Baldachin des Bischofs neigte sich vor ihr; und Volk in seinem Herdenstaub

drängte nach und stieß seine grobfrommen Stimmen durcheinander. Am Ende der

Terrasse, im Tor der Klosterkirche, warteten die Nonnen, mit

lichtergestirntem Dunkel hinter ihren blassen Gestalten. Die Orgel schnob

und grollte. Plötzlich ward sie von Stille geschlagen; -- und das Meer

ihres Tobens hinterließ nichts, als das Rinnsel eines Kindersingens.

Wie alles, was diese Luft bespülte, rein, wie die Menschen makellos waren!

Diese glockentonsatte Luft, worin Seelen badeten, hatte Lola -- schrecklich

fiel es ihr aufs Herz -- einst mit frechen Liebesschreien zerrissen! Sie

drückte sich in die hohle Wand des Portals, empfing Staub auf Schultern und

Haar, spähte von fern, als eine Unwürdige, nach dem Segen jener Gebärden

und Worte und sah, darbenden Gesichtes, den Füßen der Fortziehenden zu, die

an ihr Kleid stießen. Dann klappte das Tor; und wie Lola den Kopf hob,

bannte sie die dunkle, fensterlose Mauer des Klosters. Kühl war sie und

starr; vor unergründlicher, starrer Kühle wachte sie. Wen sie aufgenommen

hätte! Wer hinter ihr vergangen wäre! Einst hatte Lola mit Haß zu ihr

hinaufgeschmachtet; hätte sie stürmen wollen; hätte aus ihrem schamlosen

Blut jenen eingeschlossenen Frauen solche Dinge ins Ohr sagen wollen, daß

sie für den Rest ihrer Tage ihren kläglichen Frieden verlieren sollten.

Jetzt wünschte sie sich selbst, so streng und unversucht unter jenen

Gewölben zu enden, den Hauch des Geistes kühl auf dem Scheitel. Die

Gedanken gebunden, in Gesänge und Gebete gemessen, das Träumen selbst der

Nacht durch eine gebieterische Glocke zerschreckt, Stacheln in der Haut und

leeres Herz: das lockte. Das Nichts lockte. Noch leben, noch am Leben sein

-- und dennoch den aus der Seele verstoßen haben, dessen man sich unwürdig

gemacht hatte! Den letzten Atem nach einer Richtung seufzen, wo er nicht

weilte! War's Buße genug? Dann sollte es vollbracht werden.

Der Mittag drückte. Sie hielt sich kaum aufrecht und hatte doch den Kopf

voll brennenden Dranges. Das Gehirn brachte die Gedanken hervor, wie aus

Wunden. Die Glieder wurden, die Terrasse hin und her, durch Sonne

geschleppt und durften nicht ruhen. Manchmal wandte der Blick sich,

lechzend, nach dem glitzernden Streifen am Horizont, in der Lücke zwischen

zwei Bergzügen. Das Meer! Es war der Ausgang und war unerreichbar. »Ich bin

gestrandet. Bin ich bestimmt, hier zu enden? Ich mag nicht in das Haus

dort, und kenne doch kein anderes, in das ich gehörte. Vielleicht werde ich

nie mehr menschliche Gesichter sehen? Wie sollte ich dazu kommen, sie

aufzusuchen!« Plötzlich schwindelte ihr's, und heftige Angst durchflog sie.

»Es ist aus,« dachte sie und lehnte sich an den Pfeiler beim Haustor. Die

Schwäche des Herzens dauerte noch. Lola rief nach Hilfe; aber der kraftlose

Ton verging ungehört. Überwältigend weit umwogte blaue Luft ihr

geängstigtes Gesicht; Quadern blendeten hart; und wie sie über sich

blickte, sah ihr, vom Torgiebel herab, das entfleischte, gierige Gesicht

eines Fabelvogels aus schwarzen Höhlen in die Augen. Sie ließ sich gleiten

und hing, die Lider geschlossen, am Hals des Greifen, der das Tor hütete.

»Also hier. Hier sterben. Warum nicht? Wohin hätte dies noch führen sollen.

Nur steinerne Geschöpfe umher, und ein Himmel, der von mir nichts weiß.

Genug.«

Und als sie sich ergeben hatte, kehrte ihr Kraft zurück. Sie konnte

aufstehen und den Torflügel fortschieben. Ungesehen kam sie in ihr Zimmer.

Lange Tage ging sie nicht aus, vermied den Anblick der Hausgenossen, sann

im Halbdunkel, matt und verstrickt, den Wegen nach, die hierhergeführt

hatten und den Schicksalen, die irgend einmal an ihres gerührt hatten. Mai

war nun drüben, hatte Europa, die »Fremden« und auch Lola gewiß vergessen

und schrieb niemals. Für Mai gab es nur körperliche Beziehungen; der Geist

war nie, wo nicht auch der Körper weilte. Mai lebte im Stoff und im

Augenblick; ihre Persönlichkeit zerflatterte mit den Dingen; sie war

glücklich. In Lolas Leben hatte sie, nach der zweiten Trennung, gar keine

Lücke gelassen; Lola dachte, da sie sich Mais erinnerte, nacheinander an

ein Reiseabenteuer, an die Miene eines Mannes, an ein Kleid. Eine Masse

Auftritte kehrten ihr wieder, hastige Vergnügungen, Müdigkeiten, Drang der

Sinne, Zuflucht zum Gesang, das Gesicht der Branzilla, gelb und irr, mit

den schwarzen Augenhöhlen des steinernen Vogels draußen überm Tor . . .

Lola strich die Vision von den Lidern Sie sann beschwerlich weiter. Da war

Paolo, ihr Bruder: ein Name nur, kein Gesicht, nichts, was sich vor die

Seele hinstellte und befreundet lächelte. Sie verstand seine Sprache nicht,

er verdiente ihr Geld, und sie hatte ihm nichts dafür zu sagen. Von anderen

Verwandten, dort drüben, anderen Wesen, mit denen sie Blut gemein hatte,

waren ihr sogar die Namen unbekannt. Vielleicht nannten sie zufällig einmal

den ihren? . . . Auch näher bei ihr lebten Menschen, denen sie sich

zurechnen durfte; die Pai lieb gehabt hatten, und um seinetwillen auch

Lola! Eins nach dem andern, rief sie die Gesichter herbei: die Brüder ihres

Vaters, dann jene Vettern in München. Zögernd folgten sie; und verschwanden

rasch, wie unlustige Besucher, die festzuhalten man sich schämt. Lola sah

bitter ins Leere. Keine Gemeinschaft. Nichts übrig, von allem Erlebten

nichts, worauf sich bauen ließe. Sand rings umher: heimtückisch

herabrieselnder Sand; und in der Wüste ihres Lebens nichts Menschliches.

Einer war darin begraben: der, an den sie nicht denken wollte.

Kein Gesicht? . . . Da kam ein ungerufenes, schüchtern und herzlich: ein

kleines gefälteltes, bittend lächelndes Altjungferngesicht. Erneste, ach

ja: die war immer da. Die, der Lola die längste Zeit ihres Lebens hatte ins

Gesicht sehen müssen, war ein gutes, unbeträchtliches Geschöpf aus ganz

anderer Empfindungswelt, eine Bezahlte, bei der nur äußerer Zwang Lola

festgehalten hatte. Sogar jetzt noch, da Erneste tot war, trug Lola es ihr

nach, daß sie so viel mit ihr allein geblieben war, sich unter den immer

ängstlichen, beschränkten Blicken dieser Verkümmerten hatte entwickeln

müssen. »Wie viel freier und glücklicher könnte ich jetzt sein, wenn ich

hätte Schauspielerin werden dürfen! O! man hat sich sehr an mir

versündigt.« Die kleine Tini war's geworden, ihr war das Schicksal

günstiger. Marie Gugigls kleine Schwester, die schon fast Diakonissin

gewesen war, jetzt spielte sie irgendwo in der Welt Komödie. Neugier kam

Lola an, nach Kunde aus solch einem Leben, aus dem, das auch ihres hätte

sein können. »Und wir fühlten uns doch zueinander hingezogen. Wir

verstanden uns doch.« Das schrieb sie Tini; und daß sie sie um ihre

Laufbahn fast beneide. Es kämen Zeiten, wo man wünschte, man wäre wieder

auf sich selbst gestellt. Übrigens sei sie mit ihren Verhältnissen ganz

zufrieden, setzte sie, aus Scham, hinzu. Plötzlich fiel ihr die sonderbare

Dankesschuld ein, die sie an Tini band. Tinis verstellter Brief, der es

Lola ermöglicht hatte, Pardi entgegenzureisen. »Mein Gott, wie vieles liegt

dazwischen! Und Tini opferte mir ihre große Backfischleidenschaft! Mit

schweren Seufzern des Verzichtes hat das Kind mir nachgeblickt, wie ich dem

Glück in die Arme eilte. Und nach drei Tagen ist sie damit fertig gewesen,

mit dem großen Ereignis, woran ich den Rest meines Daseins zehren werde. Zu

denken, daß ich beneidet worden bin!« Sie schrieb: »Und ich beneide andere

nicht mehr, als sie mich beneiden. Scheint nicht jedem das wünschenswerter,

was er verfehlen mußte, um zu erlangen, was ihm beschieden war?«

Der Brief ging in die Welt. Lola sann, in ihren menschenlosen Zimmern,

hinter ihm her. Nun kam er an, ward Tini in die Probe getragen. Tini las

ihn in der Erwartung ihres Stichwortes, steckte ihn weg und hatte ihn,

bevor sie hinaus mußte, schon vergessen . . . Nein: ihre Antwort kam, am

ersten Morgen, da sie kommen konnte. Tini schrieb:

»Liebe Lola. Beneide mich lieber nicht. Damit ist nicht gesagt, daß ich

nicht zufrieden bin. Aber was für mich paßt, könnte Dir doch sehr wenig

erfreulich vorkommen. Man darf in meiner Lage nämlich nicht so große

Ansprüche an das Glück machen, wie Du, glaube ich, tust. Dir würde es, wie

ich Dich kenne, nirgends genügen. Von Leuten, die in Florenz waren, hörte

ich, daß Deine Ehe nicht für besonders glücklich gilt. Ich darf Dir dies,

obwohl Du versuchst, Dir nichts merken zu lassen, wohl verraten: denn, wie

mir scheint, unterschätzt Du doch sehr den Preis, den es mich damals

gekostet hat, Dir dies Glück zu lassen. Ich hätte nämlich selbst darum

kämpfen mögen und fühlte mich ganz gut dazu imstande. Denn ich bin nicht

das unbeträchtliche kleine Mädchen, von dem Du Dir damals ein bißchen

Gefühl schenken ließest, und an das Du sogar noch jetzt Deinen Brief

richtest. Das bin ich nicht. Ich habe schwer genug gelitten Deinetwegen.

Heute kann ich Dir sogar sagen, daß ich in dem See, worin Gugigl einmal bei

Mondschein so schön badete, an einem nebeligen Oktobermorgen beinahe

ertrunken wäre. Wozu das alles, wenn ich nicht Dich noch viel heftiger

geliebt hätte, viel hingebender als ihn? Du hast darauf nicht acht gegeben,

oder nur, um ein wenig mit mir zu spielen. Wir hätten uns verstanden,

meinst Du? Nein, ich Dich damals auch noch nicht. Inzwischen habe ich

freilich über Dich nachgedacht und mir gesagt, daß Du ein anständiger, aber

liebloser Charakter bist . . . So, Lola, das konnte ich Dir nicht ersparen.

Im übrigen wünsche ich Dir, daß Du Dich einlebst. Das dauert wohl manchmal

lange. Auch ich habe Zeit gebraucht, bis ich ganz entschlossen meine Kunst

allem, aber allem voranstellte. Wenn ich heute noch einen Mann liebe, nehme

ich ihn doch durchaus leicht. Und sobald er meiner Kunst gefährlich wird,

mache ich mich unerbittlich von ihm los. Die moderne Frau hat

glücklicherweise ihr Schicksal selbst in Händen, und Klagen wären

überflüssig. Möge es Dir wohlergehen. Mit Gruß.

Zwischen den Rassen: Roman · 第 14 / 25 题