Tini.«

Empört warf Lola den Brief hin. War ihre Annäherung nichts Besseres wert

als dies? Dann erinnerte sie sich: »Ach ja, so waren sie dort hinten! Etwas

hart vor Tapferkeit und Selbständigkeit, etwas anspruchsvoll. Noch ein

wenig neu in der Freiheit und darum nicht ganz sicher im Geschmack: so

waren die Frauen dort alle und natürlich auch Marie Gugigls kleine

Schwester. Die hiesigen haben sich mir von solchen Seiten gezeigt, daß ich

die Nachteile jenes anderen Typus beinahe schon vergessen hatte . . . Aber

sie wäre fast gestorben?«

Lola nahm den Brief wieder auf.

»Das war also mehr als Kinderei? Sie hat mich so sehr geliebt, daß sie

lieber sterben, als mir mein Glück wegnehmen wollte? Als ich abreiste, lag

sie krank im Bett: ich war selbst so verstört, daß es mich bloß flüchtig

ergriff, daß ich darüber hinweggehen konnte. Und die Tage vorher: so

fieberhaft und zerrissen war sie! Ihre Blicke, die darum rangen, mich nicht

zu hassen! Wie sie sich gequält hat! Das konnte ich vergessen? Das konnte

mir verschwimmen und seine Kraft verlieren?«

Lola richtete sich im Bett auf, als träte ein Unerwarteter ins Zimmer.

»Dann bin ich also blind und undankbar! Sie hat recht: ich verlange alles;

ich wundere mich, daß ich nicht von Liebe umringt bin; und ich gebe nichts.

Habe ich Erneste gegeben? Habe ich Pai gegeben? Mein Gott, also lieblos?

Wirklich lieblos?«

Sie ließ sich sinken, drückte das Gesicht weg.

»Und ich habe doch so viel Liebe erträumt, für so viele! Als Kind war ich

bereit, für Mai, für Erneste zu sterben. Ich ersehnte der Menschheit einen

bessern Stern. Nur mir? Wer sagt das? Nicht auch jenem die Heimat suchenden

Auswanderer, dessen Schicksal meinem glich, und allen, allen? Ich litt,

noch voriges Jahr, mit jenen Bauern, denen mein Mann ihr Geld nahm. Auch

Tini habe ich lieb gehabt, lieber als sie meint . . . Wen aber habe ich's

je fühlen lassen? Wem ist wohler geworden durch mich? Ich bin eine

Unfruchtbare! Mein Gefühl war nie mehr als selbstsüchtige Spielerei. Die

wirklichen Menschen berührte ich damit nicht. Konnte ich denn zu ihnen? Ich

war allein und einzig und litt, meinte ich, so viel mehr als alle! Sie

waren in meiner Schuld; sie hatten mich so einsam gemacht, hatten mir die

Heimat genommen.«

Sie stand auf, riß den Vorhang von der Gartentür und spähte

leidenschaftlich in die Ferne.

»Pai tat das! Er war der Erste, der mir die Liebe verbitterte. Ich glaube

an keinen Menschen mehr, seit er mich, sein kleines Mädchen, in einem

fremden Garten heimlich verließ. Er hat mir Mißtrauen und Menschenhaß fürs

Leben mitgegeben. Durch seine Schuld habe ich alle Liebe, die mir je

entgegenkam, verkannt und versäumt: seine eigene und Ernestes . . .

Erneste!«

Das alte kleine Gesicht kehrte wieder, voll schüchterner Mütterlichkeit. Es

machte sich künstlich streng, weil es in ein ablehnendes Kindergesicht sah.

»Immer habe ich mich zurückgehalten, habe die Arme steif gehalten, damit

sie sich ihr nicht von selbst um den Hals legten. Warum? O! der Tag im

Gebirge . . .«

Sie fühlte sich wieder, als Herangewachsene, jenen Sommer vor der Trennung,

bei ihrer alten Gefährtin. Draußen im Bergwald hatte unter Stürmen Allliebe

sie geschüttelt; und vor dem menschlichen Herzen dort hinterm Tisch,

verstopfte sie die Ohren und las. Dennoch fielen wieder, durch Ernestes

Scham getrennt, die zart werbenden Worte. Lola atmete rascher. O,

zugreifen! »Ich bin nicht taub, nicht fühllos!«

Zu spät. Erneste war tot. So war Pai tot gewesen, bevor Lola ihn hatte

lieben können. Die Arme trostlos erhoben, warf sie sich auf die Schwelle.

Der Wind schlich ihr über den Rücken, er fingerte geisterhaft schwach in

den Falten ihres Hemdes, wie Hände von ehemals.

»Und auch er, auch er ist versäumt! Arnold!«

Sie schrak auf; Blut stieg ihr ins Gesicht; und als habe mit dem Klang

seines verbannten Namens der Mann selbst an die Scheibe geklopft, bedeckte

Lola sich.

* * * * *

Sie verlangte den Wagen, trieb zur Eile, stieg zitternd über die

Treppengassen auf den Platz hinab. Nur diesen Gedanken nicht! »Ich bin

seiner zu unwürdig, ich beflecke ihn, wenn ich mich nach ihm sehne. Und mir

selbst nehme ich das letzte Recht, mich zu achten.« Auf den Karren und

»Fahr zu!« Sich betäuben mit Wind und Schnelligkeit. Aber an der Straße,

hinter einer Pforte und den Hut in der Hand, stand Arnold, wie er bei ihrer

letzten Begegnung hinter der Pforte gestanden hatte, die sie öffnen wollte.

Sie schloß die Augen. Umsonst; sein schmerzliches, unsicheres Lächeln war

hinter ihr: dies Lächeln, das zurücktrat und sie aufgab . . . Und den Weg

zwischen Zypressen von einem kühlen alten Landhause her, kam er, und sie

stieg aus und ging ihm entgegen: denn dort wohnten sie beide, die sich

gehörten.

Wie beißend in seiner Süßigkeit war dies Gesicht! Es hätte sein können!

Unter Liebe, wie im Grunde ewigen Sommerlaubes, versteckt und geborgen; Tau

und Gezwitscher in Augen und Ohren; und in der Melodie des frischen,

lebendigen Morgens vereint, wie ein Paar sorgloser Klänge. Lola sehnte sich

nach dem schönen Morgen, durch den sie fuhr. Ihr war, als erlebte sie ihn

nicht und hätte ihn doch erleben können.

»Da ich eine Heimat suchte: wie begehrenswert war die, die unsere beiden

Seelen uns erbauen konnten! Ich habe eine ganz äußerliche vorgezogen, weil

sie üppiger schien, und habe mich in Schande und Lüge finden müssen. Wie er

mich klein gesehen hat! Kein Mensch sah mich so, und ihn muß ich lieben! Er

hatte recht, daß er stolz war und mir nicht nachreiste. Wozu? Wenn eine

einen Pardi vorzieht, überläßt man sie ihrem albernen Schicksal. Aber mag

es albern sein, dennoch schmerzt es, Lieber! Könnte ich dir manches

erklären! Wüßtest du, was ich leide, und daß ich doch für mein Schicksal

nicht klein genug bin! Ach! meine Sühne ist, daß du's nicht weißt, und daß

ich schweige . . .«

Mit verzweifelnden Augen sah sie durchs Land nach Hilfe aus. Der

Meilenstein, der sich näherte, machte ihr Lust, sich ihm entgegen zu

werfen. Unter dem Druck der äußersten Not stieg es in ihr auf: »Ich will

dir alles sagen, was ich bin und wodurch ich es wurde. Alles, was ich

gelitten habe, warum ich dich gehen ließ, wie ich gekämpft und verloren

habe, beschmutzt, krank und ganz verlassen ward. Du sollst es nicht hören,

aber ich will es dir sagen. Es wird sein, als schriebe ich's auf die Mauer

zwischen unseren beiden Gärten, und du wirst sie nie übersteigen. Es wird

sein, als sagte ich meine Beichte dem Meer, das uns trennt, und das sie

überschreit. Sei ruhig, du vernimmst keinen Hauch meines Geflüsters. Ist es

nicht verzeihlich, da ich sonst stürbe?«

Zu Hause, unter Tränen, schrieb sie ihre Kinderjahre auf. Sie führte sie

ihm zu, wie einen Zug kleiner dahingeschiedener Mädchen, die er noch einmal

segnen und bedauern sollte. Als sie, aufatmend, in den Nachtwind trat,

schien der Tag, der vorüber war, ihr voll und tröstlich.

Sie wollte weiterschreiben, ließ Wochen ohne einen Satz und glaubte doch,

träumend, die dunkeln und die lichten Tage an ihm vorübergeschickt zu

haben: noch die schlimmsten mit unverhülltem Haupt. Er kannte sie ganz. Sie

hatte, um sich ihm ganz zu entdecken, namenlose Scham bestanden. Sie hatte

durch Tränen nach seinem Verständnis gebangt. Sie hatte sich, wieder wie

einst, von seiner Seele durchdringen lassen und hatte zu seinen Füßen sich

in Schlaf geschluchzt. Nun sah sie mit Staunen den Garten welken. Der

Sommer war zu Ende? Und sie war nie müßig, nie einsam gewesen! Immer war er

gegenwärtig gewesen, zuerst als Geist, der ihr zweiflerisch und bitter über

die Schulter sah; und endlich wie ein Hausgenosse, dessen Atem sie manchmal

beim Lesen auf ihrer Schläfe spürte, und dem sie die durchlaufene Seite

hinhielt, damit auch er sie beende. In ihre Augen trat noch, so oft ihr

Inneres ihn ansah, Demut. Ihre Schuld war um nichts kleiner. Aber sie

konnte fortan mit ihm in Frieden leben. Er wollte nicht, daß sie sich um

ihn ängstigen, zu seiner Versöhnung sich quälen sollte. Sie durfte Ruhe

genießen. Sie fühlte sich weit gesunder, zuversichtlicher, besser gewappnet

gegen die kommenden Alltage. Ihre Spaziergänge wurden lang; der

Herbstregen, der schwül einsetzte, erschlaffte sie nicht. »Vertrage ich

endlich das Klima eines Landes ganz?« Pardi verlangte sie zurück. »Warum

nicht? Auch mit jenen Menschen wird sich leben lassen. Ich muß sehr krank

gewesen sein, um dem, was ich bei ihnen erfuhr, so völlig zu erliegen.

Bleibe nicht, wo ich auch sein mag, ich selbst mir? Und nun bin ich

gesichert, da ich den zurückhabe, den ich liebe. Unter all den Fremden

werde ich mich oft nach einem Vertrauten umwenden, den sie nicht sehen, und

mich mit ihm verständigen.«

* * * * *

Jeder fragte Lola:

»Contessa, was haben Sie für eine Kur gebraucht? Sie sind schöner geworden,

wissen Sie. Am Ende des Winters sahen Sie nicht gut aus, jetzt aber sind

Sie wieder vollkommen schön.«

Sie ging aus, so viel man wollte, gab sorglos ihre Kraft und Anmut hin. Die

Triumphe im Casino Borghese kehrten wieder; sie fühlte um sich her den

Wettlauf der Männer, angespannter als damals, und ihre unbedingte

Sicherheit, einer werde bei ihr ans Ziel kommen. Allen schien der kritische

Zeitpunkt da; in aller Augen war sie reif für den Liebhaber, auch in

Pardis. Überall im Ballsaal begegnete sie seinem drohenden Blick. Sie

verhielt sich gelassen weltlich, ein wenig kokett sogar, in der Empfindung,

sie müsse diese armen Leute dafür entschädigen, daß sie im Herzen so weit,

weit von ihnen weg sei; und auch in der Scham dessen, den eine geheime,

innige Religion erquickt, und der den Spöttern ringsum ihre leichten

Freuden nicht verleiden möchte. Das lauteste Fest fiel, verließ sie es,

ganz plötzlich hinter ihr zusammen, wie eine bunte Drahtpuppe, und Lola in

ihrer Wagenecke lächelte still und schwärmerisch. Pardi sagte, als ein

Laternenschein sie getroffen hatte:

»Du hast zu oft mit Valdomini getanzt.«

»So? Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Aber andere achten darauf . . . übrigens verstehe ich den guten Valdomini

nicht. Er ist hinter dir her in einer für sein Alter gradezu lächerlichen

Art. Weißt du, daß er ein sans-ventre-Korsett trägt? Tatsächlich; sein

Bauch würde sonst hängen.«

»Ich habe ihn mir noch nicht so genau angesehen.«

»Er ist mein Freund, und ich werde niemals leugnen, daß er früher große

Erfolge bei Frauen gehabt hat. Trotzdem scheint es, daß er neulich bei der

Baldelli abgefallen ist.«

»Wer kann das wissen,« meinte Lola leichthin; und Pardi, gespannt bei der

Sache:

»Wenn sie umhergeht und es erzählt! Schade um ihn: der Takt, rechtzeitig

aufzuhören, hat ihm gefehlt. Jetzt wird keine ihn mehr wollen, da schon die

Frau eines kleinen Advokaten ihn abgelehnt hat.«

»Sie ist sehr hübsch,« sagte Lola, um etwas zu sagen; aber sie spürte, wie

jede ihrer Antworten ihn heftiger reizte.

Im Theater in Lolas Loge fing am Abend darauf Deneris an:

»Valdomini ist in der Klubloge. Ich weiß nicht, mir gefällt sein Frack

nicht. Dabei soll er früher von allen den elegantesten gehabt haben.«

»Das war vor unserer Geburt,« sagte Nutini.

Lola erwiderte Valdominis Gruß. Er trat, die schlanken Schultern weit

zurückgeschoben, die Hände in den Hosentaschen, nachlässig an die Brüstung

und überflog die Bühne. Botta bemerkte, fett und phlegmatisch:

»Der Tenor ist gemacht: Valdomini hat ihm zwei Minuten lang in den Mund

gesehen.«

Alle lachten, bis gezischt ward. Im Hintergrund flüsterte einer

durchdringend:

»Tatsächlich hat er die Calzolai gemacht, aber nicht die kleine Lisa,

sondern Tisa, ihre Mutter. Er verwechselt das; er hält sich für einen

Zeitgenossen der Lisa.«

»Sein Irrtum bleibt nicht ohne Folgen,« erklärte Botta. »Die Baldelli --«

Und er erzählte von der Baldelli.

»Sie wird rechtzeitig gefühlt haben, daß er ein Korsett sans-ventre trägt,«

meinte Nutini. Lola lächelte ihm in die Augen. Sie dachte an die Zeit, als

er bei ihr gegen Pardi arbeitete. Jetzt, angesichts einer neuen Gefahr,

verbündete er sich ihm. Sie schüttelte leise den Kopf, und indes sie das

Gesicht nach der Bühne wandte, kehrte sie innerlich zu ihrem Eigensten

heim. Von Klatschen und Geschrei aufgeschreckt, mußte sie sich besinnen;

die Begehrlichkeiten, die Intriguen um sie her sahen sich wie Spuk an,

geschahen kaum auf festem Boden.

Valdomini kam und unterhielt sie während der Pause. Er teilte in der Loge

Händedrücke aus, die mit Hingabe erwidert wurden. Als er fort war, ahmte

Botta ihm nach.

»Ich brauche wohl Sie und mich nicht anzustrengen und aufzuregen, Contessa.

Sie wissen, wer ich bin und daß ich bereit bin.«

»Und,« fuhr Nutini fort, »meinen Bart behalte ich, wenn jetzt auch alle

rasiert sind. Ich behalte ihn aus Pietät für die Vielen, die ihn geliebt

haben. Manche sind schon im Jenseits und lieben nur noch Gott, der ihren

armen Seelen gnädig sei.«

Er bekreuzte sich, ließ in seinem ausgemergelten Gesicht den Mund stumm

betend auf und nieder steigen und schielte dabei auf seine Nasenspitze. In

das Gassenjungengelächter trat Pardi; seine Augen stießen, mit bösem

Mißtrauen, nach jedem. Beim ersten Wort gegen Valdomini:

»Vergessen Sie nicht, daß er mein Freund ist!«

* * * * *

Er befreundete sich ihm sogar noch enger; er ließ ihn kaum mehr von seiner

Seite; er begleitete ihn in die Häuser, wo er Lola treffen konnte. Und die

übrige Zeit blieb er bei ihr. Er hatte wieder angefangen, ihr Blumen und

Geschenke mitzubringen, ging selbst, ihr ein Band, eine Feder zu besorgen,

-- und aus den Büchern, die er früher in die Ecke geschleudert hatte,

wollte er ihr jetzt vorlesen. Er unterbrach sich, um ihr seine alten

Triumphe zu erzählen. Früher hatte er davon geschwiegen. Sie war am Morgen

noch nicht fertig angekleidet, und er klopfte schon, fragte, wie sie

geschlafen habe, und wiederholte seine ironischen und zarten Werbungen.

Endlich:

»Wir sollten wirklich wieder im selben Zimmer schlafen.«

»Wie geschmacklos, mein Herr! So alte Gatten wie wir!«

»Ich versichere dir: wenn ich am Morgen vor deine Tür gehe, ist mir zu Mut,

als hätte ich bei dir erst noch alles zu erreichen; als wäre ich dir kaum

bekannt.«

Und Lola, über die Schulter weg, vor Selbstsicherheit kokett:

»Dann betragen Sie sich auch so, bitte . . . Und was hat man Ihnen soeben

für ein Billet gebracht? Ich rieche es bis hierher. Sie denken es nicht

einmal zu lesen?«

Er errötete, erbrach trotzig das Siegel. Lola sah, es war Claudias. Sie

ging dreist an ihm vorbei und hinaus. Sie fürchtete ihn nicht. Ihr war

Geistesgegenwart gekommen, Ruhe und die Fähigkeit, die Lage zu überblicken

und mit der Schwäche des Gegners zu rechnen. In frischer Luft fühlte sie

sich und alle Organe frei zum Kampf. Früher, schien ihr, war sie

traumbeschwert, unsicher von Begehren, von Grübeln, durch die Welt hier

gegangen. Jetzt hatte sie die Gewißheit, sie zu beherrschen, mit keinem

Schleier ihrer Seele, die immer um einen Entfernten schwebte, mehr in sie

verstrickt zu sein. »Ich gehöre nicht hinein, aber sie genießen, rasch und

ohne Verpflichtung, wie eine Vorüberreisende, warum nicht?«

Und sie nahm, stürmisch und mit Dankbarkeit, diesen Winter in sich auf, der

sie der erste ganz reine deuchte, dies Land, das sich ihr verjüngt hatte.

Oben auf dem Piazzale war sie aus dem Wagen gestiegen. Durchblaute Wolken

zogen über ihr, und unten, durch die Stadt, unter sonnigen Brücken hervor,

der Fluß, in goldblauen Strängen. Der goldene Wind warf seine Arme um den

großen bronzenen David, um die von Licht bebenden Hügel ringsum, -- und er

stürzte sich in die Stadt, in ihre wilden kleinen Gassen, auf ihre grellen

Quais und ihre Plätze mit großen, von Zinnen, Giebeln, Statuen ausgezackten

Schatten. Glück leuchtend, boten in schwarzen Laubmassen, auf den Hügeln,

Villen sich dar . . . Und nun der Wind abbrach, der Himmel sich bezog und

sich dämpfte, lockte jenes erloschene Haus, im Steingrau sanfter Bäume,

noch dringlicher. Die Glocken klangen gehaltener, ernster; und fern,

jenseits der Gartenwellen der letzten Hügel, dunkelte im grauen Horizont

das starke Blau der Berge, wie Augen, die Sehnsucht verdüstert.

»Und ich habe kein Recht, mich zu sehnen. Jenes Haus, oder vielleicht das

dort, gehört mir selbst; Pardi spekuliert mit dem Öl des Hügels. Er spricht

zu hitzig davon, ich bin besorgt um ihn . . .«

Plötzlich wandte sie sich weg und winkte dem Kutscher.

Dieser Winter schmückte sich mit einer Kette zeitloser Tage; sie waren da

wie eine Spiegelung märchenhafter Küsten. Eine blaue Flut von Jugend wallte

einem in Augen und Mund. Mit entzücktem Staunen horchte man auf irgend

etwas Köstliches, das unverhofft zurückkehrte, leise wieder anschlug. Nun

mitten im Januar der Himmel ganz weich zwischen den glitzernden

Eichenkronen floß, die Statuen auf den Palästen zerschmolzen im Blau, und

dies Blau sich in Säulenhöfe und Hallen wie seidene Fahnen schlang: da hob

eine Melodie, die geschlafen hatte, in einem die Lider auf. Lola hatte in

der Luft, die sie ein wenig erstickte, vor sich die Augen Pardis. Sie waren

der höchste Aufstieg dieser Melodie gewesen. Sie mußte man gefühlt haben,

um dies alles zu fühlen.

Wie bei einstigen Gefährten, denen sie unverhofft nochmals begegnete, blieb

sie wieder vor den Statuen stehen. Sie waren überall; die Stadt war erfüllt

und beherrscht von Statuen, die sich in Hallen und auf Plätzen

versammelten, wie ein Haufe schönen, sinnlichen Volkes; die von Brunnen,

aus Nischen ihre lauten Gebärden ins Marktgewühl mischten; deren starken,

frechen Mündern man die schleierlosen Stimmen der ganzen Menschenmenge

entquellen hörte; und von deren göttlicher Nacktheit all dies Leben nackt

schien.

»Die Kunstwerke! Es ist wahr, sie alle sind Fleisch, sind die

Verherrlichung des Fleisches. Aber nur in der Kunst ist es Herr und ist

edel. Die Künstler -- wir --« dachte sie ohne ihren Willen, »erhöhen es

über alle menschlichen Maße, über alle menschliche Kraft; und finden doch

Kraft und Maß in uns selbst! Dann --«

Mit einen Blick auf das dunkle Gewimmel, das zusammenschrumpfte.

»-- kriechen wieder Menschen, klein wie je, darunter hin, und wir selbst

haben die Augenblicke unserer Größe vergessen und begreifen sie nicht

mehr.«

In sich versunken die volle Straße forttreibend:

»Wie liebte ich doch Pardi! Welche schwärmerische Lust! Manchmal erlebte

ich's, daß die Sinne mich auf ausgebreiteten Flügeln in den reinsten Äther

trugen. Und dann gruben sie mich in Morast. Ich habe ihre Anbetung und die

Kraft zu ihrer Verherrlichung in mir. Aber ich bin auch geboren, sie zu

verachten. Ein ganz anderes Blut steigt mir auf einmal ins Hirn. Ich fühle

anders, sehe anders, und mir schaudert vor dem, was ich gewesen bin.«

Aufschreckend und sich zusammenziehend, wie verloren unter Feinden:

»Nicht noch einmal möchte ich solch Schaudern erleben.«

* * * * *

Am Ende des Winters dann ein rätselhaft trüber Abend, voll des Gefühles von

verlornem Leben. Sie sehnte sich fort, hinauf, hinaus aus einem Schacht.

»Ich kann nicht länger --« sie wußte nicht, was. Ward nicht noch immer die

Tosca gegeben? Niemand ging mehr hin; gleichviel. Und als die kleine

Logentür hinter ihr dumpf zuklappte und harfend, mit verbleichenden Sternen

und erster Morgenröte ein Garten von Tönen, ja plötzlich ein klingendes

Paradies sie aufnahm, da stand sie, bebte, verschluckte Tränen, fühlte die

Brust sich spannen und das Flügelrauschen der Erlösung über ihren

zugedrückten Lidern. Das Glück! Diese Töne waren das Glück. Zwei Stimmen,

zwei liebende Stimmen erhoben sich über Knechtschaft, Folter, Richtstätte,

als zwei liebesbleiche, feurig gewappnete Engel. Alle Schranken fielen.

Mächtig glänzend öffneten sich Himmel, die ganz Liebe waren. Lola fühlte,

und hatte kein Bewußtsein davon, Pardi sei eingetreten. Sie lächelte, ohne

ihn anzusehen, ein Lächeln, das ihm bestimmt war. O! sie fand endlich

zurück an die Schwelle jener Freuden mit ihm. Nichts machte ihr mehr

Schaudern, denn alles war Liebe gewesen. Noch die Verirrungen: kannten

nicht auch die beiden liebesbleichen Engel jener Himmel sie? Das Fleisch

konnte heilig sein. Diese Musik heiligte es. »Ich liebe dich! Ich liebe

dich!«

Da, ein Rachen, der ein einziges Mal zuschnappte, schlang Stille alles

hinab. Man hatte verloren, wo man war, man hatte den Atem verloren, mußte

sich herauskämpfen . . . »Was habe ich getan? Mein Gott, er hat mich

verstanden!« Er sprach, und seine Stimme machte ihr kalt und heiß. »Allein,

mit ihm allein im leeren Haus. Ganz ihm überantwortet. Wenn er jetzt

zugreift, ist es der Tod. Er weiß, daß er's darf: wie soll ich noch leben!«

Dabei wand sie sich unter den weichen Griffen seiner Stimme, die den

Nachhall jener Musik beschwor, ihn aus der Stille zurückbannte.

»Ich bin so glücklich, mich einmal ganz allein mit dir zu finden. Du bist

schöner als je, ich liebe dich mehr als je. Hast du gehört, wie viel Liebe

in dieser Musik? Für uns, du Engel, für uns! Komm, ich will dir Dinge sagen

--«

Sie sprang auf; ihr Stuhl fiel um.

»Ich habe Beängstigungen, laß mich fort, ich werde wieder krank, schon

wieder. O, wohin?«

Er folgte ihr bis in ihr Zimmer; er entwand ihr den Türgriff.

»Wozu, wozu. Sei endlich ehrlich! Du liebst mich. Und ich liebe dich.«

Sie riß sich los, sie flüchtete hinter das Bett.

»Was willst du? Ich kenne dich nicht! Sind wir nicht fertig?«

»Es scheint nicht. Und du entsinnst dich wohl noch meiner.«

»Du hast andere Frauen, nicht wahr? Laß mich gehen, ich bitte dich. Ich

will fort. Alles war Irrtum, ich könnte dir's erklären. Ich verliere den

Kopf. Mein Gott, ich will fort.«

Da er auf den Bettpfosten gestützt blieb, mit einem langsamen Lächeln, das

seine Macht auskostete, bevor er zugriff:

»Den ganzen Winter habe ich dich von mir abgehalten, dadurch, daß ich dich

habe merken lassen, ich kenne deinen Betrug. Ein Rest Scham machte, daß du

mich verschontest. Behalte ihn! Laß dir nichts einfallen gegen mich! Ich

bin verzweifelt!«

»Du bist verliebt: ich habe es gesehen. Ich brauche nicht auf mein Recht zu

pochen; du liebst mich, das genügt. Was täte es noch, wenn ich andere

gehabt hätte? Du würdest verzeihen. Übrigens ist es nicht wahr; ich liebe

nur dich!«

Seine Augen flammten auf, sein Lächeln war fort; er stieß sich vom

Bettpfosten ab, er setzte schon an, loszubrechen gegen sie. Da stockte er:

sie stand auf der Fensterbank. Von unten kam das Klirren und Splittern der

zerbrochenen Scheibe. Lola schrie:

»Nicht dich liebe ich! Ich liebe einen anderen; -- und rührst du mich an,

spring' ich hinab!«

Nochmals, gehaucht:

»Ich liebe einen anderen.«

Er hielt sich knirschend zurück. Er schüttelte die Fäuste.

»Das ist nicht wahr! Ich werde dich holen, ich nehme dich!«

Aber er kam nicht. Lola hatte den Kopf im Nacken. Langsam:

»Ich bin nicht deine Gefangene. Ich kann sterben.«

Sie sah auf ihn nieder, der sich ohnmächtig abarbeitete.

»Und ihm, den ich liebe, verdanke ich meine Rettung. Du hast mich gemein

und elend gemacht, weißt du das nicht? Ich war deine schmutzige Magd: er

aber hat mich gereinigt und zu seiner Gefährtin erhoben. Das darfst du

wissen: ich bin rein!«

Er keuchte:

»Wer ist es? Ich werde ihn töten!«

»Du wirst ihn nie sehen. Auch ich sehe ihn nie.«

Er starrte sie an. Plötzlich sich abspannend, verachtungsvoll:

»Du bist wahnsinnig, das ist alles. Ich habe die Pflicht, dich da herunter

zu holen.«

Und er machte einen besonnenen Schritt. Aber sie hing am Fensterkreuz,

schon halb draußen. Ihr Blick war irr und wild.

»Zurück, oder ich lasse mich fallen! An dem Tage, wo du mich anrührst,

sterbe ich!«

Er hob Schultern und Arme, deutete sich auf die Stirn -- und ging

rückwärts, leise auftretend, hinaus.

* * * * *

Die Tür hatte sich geschlossen; Lola fühlte sich auf einmal schwach werden.

Entsetzt sah sie unter sich, ins leere Dunkel. Die Knie zitterten; ihr

schwindelte. Sie ließ sich, die Augen geschlossen, am Fensterkreuz hinab,

tastete nach dem Boden. Zurückblickend:

»Wie bin ich dort hinaufgekommen?«

Sie schleppte sich zur Tür, verriegelte sie. Und sie fand noch die Kraft,

sich aufs Bett zu werfen.

»Noch einmal gerettet, noch einmal! Auf wie lange? Und ich glaubte mich

geheilt! Ich kann mich also nicht auf mich verlassen? In allem lauert,

unmerklich, die Verführung, in den Landschaften, in den Bildern, den Tönen:

Alles ist geschaffen, mich schwach zu machen, mich zu erniedrigen; in allem

ist der Mann, der mich erniedrigt. Die Luft selbst, diese Luft verdirbt

mich. Ich habe nicht das Recht, sie zu atmen. Hätte ich vorhin mich fallen

gelassen! Er, dem ich mich schulde, würde mir dann verzeihen können. Jetzt

darf ich nicht zu ihm sprechen, ihm nie wieder das Gesicht zuwenden. Er

weiß nun, daß ich lüge! Meine Lust nach dem andern ist Diebstahl an ihm, an

ihm! Ihm bin ich verantwortlich für meine Seele, und bald wird sie nicht

Kraft genug mehr haben, ihn zu lieben. Immer neue Zusammenbrüche des

Fleisches werden sie abnützen. In meinem Laster wird meine Vernunft

erlöschen, und ich werde mich nicht mehr hinaussehnen können, mich nicht

einmal mehr sehnen können.«

Sie fuhr auf.

»Das soll nicht geschehen. Ein Gedanke noch an den andern, und es geht da

hinab!«

Sie lief zum Fenster, sie maß die Höhe der schwarzen Quadern. Ihr

schwindelte schon wieder. Das Haus deuchte sie ein düsterer Riese, der sie

auf loser Hand trug, bereit, die Hand umzukehren.

»Ich werde es nicht können. Ich bin feige. Zu viel Begehren macht auch

feige.«

Im Umherirren, vor einem alten Schmuckkasten:

»Der? Vielleicht der!«

Und sie zog den winzigen Revolver hervor: ein galantes Geschenk von einst,

ein Scherz, weil damals ein Landstreicher sie frech angeblickt hatte.

»Ich habe Begierden erregt und geteilt, wo ich vorbeikam, überall. Ich mag

mich nicht mehr leben fühlen.«

Sie sank aufs Bett zurück. Lange blieb sie erschlafft. Dann, hastig an der

Waffe fingernd, zu ihr flüsternd:

»Also ich schwör' dir's! Da liegst du und bewachst mich. Und den ersten

niedrigen Gedanken sollst du mir -- hörst du's? -- aus der Stirn schießen!«

Sie warf den Revolver auf den Bettisch. Die eine der Kerzen verlosch, die

andere flackerte. Lola sah an der Wand ihre Geste grotesk vergrößert.

»Bin ich ehrlich? Mein Gott, darf ich mir glauben? Wann bin ich denn ich

selbst: jetzt, oder vorhin in der Loge? Kann solch Entzücken lügen? Mag

sein, ich werde gequält um nichts; das Glück der Sinne wäre dennoch das

wahre; und jener Abwesende, mein böses Gewissen, ist nur dazu eingesetzt,

mich zu quälen. Dies zu wissen! Wissen, wohin ich gehöre! Ich liebe doch

Pardi. Noch an dem Kreuz liebe ich ihn, an das der andere mich schlägt!

Sich gehen lassen können, nachgeben können: wie leicht wäre das Leben!

. . . Klopft er?«

Sie lauschte . . . Nein: sie hatte sich's nur gewünscht! Sie schlug die

Hände vors Gesicht. Pardis Lippen erschienen ihr, rot hervorstehend aus

seiner Blässe. Plötzlich redete sie Arnold an:

»Jetzt verlangst du wohl, daß ich mich töte? Ich tu's nicht. Ich hasse

dich!«

Laut:

»Ich hasse dich!«

Von dem Schall erschrak sie, begann zu zittern, und Tränen kamen.

»Verzeih mir! Sieh, wie ich elend bin! Es waren die höchsten Freuden, als

ich dich hatte.«

Und sie sah sich, einsam und doch mit ihm, dem Freund, in der reinen Ruhe

des vorigen Sommers. Sie spürte beim Lesen seinen Atem auf der Schläfe und

hielt ihm, bevor sie es wendete, das Blatt hin, damit auch er es beende.

Unvermittelt trat in dieselben Räume der andere. Ihr Atem vermischte sich

mit dem des andern, ihre Glieder verschränkten sich mit seinen. Sie atmete

schwer; sie warf das Bild der Lust von ihrer Brust hinab, sie streckte die

bittende Hand aus nach dem der Liebe.

»O! wärest du da. Rette mich! Komm!«

Es tagte, und sie schluchzte noch:

»Komm!«

Zwischen den Rassen: Roman · 第 15 / 25 题