II

Sie weigerte sich, am Abend darauf die Gäste zu empfangen. Trotz Pardis

Drohungen schrieb sie nicht nur Ricchetti, sondern allen ab. Pardi rächte

sich durch die Herausforderung des Abgeordneten. Als er ihn leicht

verwundet hatte, erklärte er Lola, sein Haus und sie seien wieder

fleckenlos, jetzt könnten die Leute kommen.

»Du irrst dich,« sagte sie, »ich werde vorläufig niemand sehen.«

Er wollte losfahren, erkannte aber ihre Miene: diese feindlich

verschlossene Miene, der er seit ihrer Heirat nicht mehr begegnet war.

»Verrückt,« sagte er und ging.

Lola blieb allein mit dem Gefühl, ringsum wispere es von ihr, deute auf

sie. Es war wie das Jucken eines unsichtbaren Ausschlages. Sie konnte nicht

mehr ausgehen, seit ein begehrlicher Männerblick ihr begegnet war. Der

hatte gewußt! Das Laster spürte das Laster heraus! Die Frauen: die reinen

Frauen, denen man zutuschelte über sie! . . . Und ihr Mann, ihr Genosse,

dem das alles vielleicht zu seiner Ehre diente, der sich damit rühmte, trat

bei ihr ein, wie es ihm beifiel: ohne sie zu bemerken, oder scheltend, oder

mit einer flüchtigen Liebkosung, unter der sie sich kalt und stachlich

überschauert fühlte. Das war das Unerträglichste: keinen Fuß breit zu

haben, wo sie allein sein konnte, wo keine fremde Haut an ihre streifte und

kein feindlicher Atem ging! Wie sie die Menschen haßte! Es dürstete sie

nach jener Mädchenzeit und nach der scheuen Einsamkeit der Gewittertage im

Bergwald, da sie sich, durch Blitze und Regenströme vor Menschen sicher,

mit Versen von anderen Sternen in eine Reisighütte barg. Allein und rein,

allein und rein sein! Immer wieder stieg ganz frisches Entsetzen herauf.

»Wie ist es geschehen? Wie komme ich hierher? Was war ich vorher! Welche

Kluft!« Und sie dachte an Arnold. Wenn er wüßte! Wenn er ihr je begegnete!

O, sich nicht zeigen, sich niemals mehr zeigen.

Im geschlossenen Wagen fuhr sie vor der Stadt die ödesten Wege. Pardi

verbot es.

»Weil du verrückt bist, dürfen meine Pferde noch nicht leiden. Vernünftige

Leute fahren die Wege, die dafür da sind, in den Cascine. Auch den Viale

de'Colli fährt niemand: er ist zu steil und überanstrengt die Pferde.«

Sein Geiz und seine geistlose Härte, seine unbeherrschten Begierden, sein

elastisches, unbefangenes Hin und Her zwischen einer engen Mannesehre und

jovialer Lockerheit bedrückten sie jetzt mit ihrer Nähe wie eine unheilbare

Krankheit. Und sie hatte es für ein Spiel gehalten, sie zu heilen; war

glücklich gewesen, daß es etwas an ihm zu heilen gab! Von demselben Cesco,

dessen Monatslohn er nicht um fünf Francs hatte erhöhen wollen, hörte sie

ihn fünfzig Francs leihen. Cesco schien geschmeichelt: er eilte lebhaft

nach dem Gelde und bat freudig zum Diner. Lola konnte die Augen nicht von

den Schüsseln heben, die der Diener ihr hinhielt. Pardi plauderte mit ihm.

Dann schien ihm aus der Zigarrenkiste etwas zu fehlen, und Cesco ward des

Diebstahls beschuldigt und in schnell herabgewürdigtem Zustand

hinausgeschickt. Als die Notwendigkeit näher kam, wieder einen Besitz zu

verkaufen, erklärte Pardi den grünen Spieltisch für das fruchtbarste

Landgut. Während derselben Mahlzeit entrüstete er sich aufrichtig über den

alten Niccoli, der nun auch seine zweite Frau ruiniert hatte und noch den

Verlobten der mittellosen Tochter durch seine Tyrannei aus dem Hause trieb.

»Kein Gewissen! Unwürdig, eine Familie zu regieren!«

Dazwischen warf sie es sich vor, daß sie ihn allzu klar, ungetrübt durch

ihr Herz, beurteile. »Er ahnt nicht, daß er ein Paar feindlicher Augen auf

sich hat. Auch verdient er's nicht: vor unserer Heirat war er derselbe, und

ich wußte es. Ich wußte, er sei brutal, ein Lump und der Gerechtigkeit

unfähig. Verklärt, beinahe durchgeistigt ward das alles durch eine Art

Heldentum: durch eine großartige Eitelkeit und die Bereitschaft, für jedes

Nichts mit ganzer Persönlichkeit einzustehen. Sein Heldentum war eins mit

seinem Temperament: und das habe ich durchgemacht, er hat es an mir

abgenutzt, es ist mir verächtlich geworden. Mit dem, was übrig bleibt,

heißt es nun leben . . .

Nicht er hat die Schuld. Manche andere hätte er zufriedengestellt: manches

der unbewußten Wesen, denen er gleicht. Die Verantwortung ist bei mir, die

voraussah. Welches meiner heutigen Leiden überrascht mich denn? Nur der

fleischliche Irrsinn konnte mich vergeßlich machen; aber damals entschloß

ich mich sehend zu meinem Verderben . . . Andere dürfen klagen, daß es

keinen Ausweg, keine Scheidung gibt: ich nicht; ich verdiene sie nicht. Ich

darf ihn auch nicht hassen: nur er mich. Er ist, und ich wußte es, der

hochmütige, dumme Rassemensch, ohne Verständnis für irgend etwas, das nicht

sein kleines, überlebtes Herrenrecht ist. Ich hafte nirgends (wie konnte

ich mich vermessen, hier zu haften!), habe einen Fuß in jeder Welt, in

jedem Volk, habe Fühler für alles, bin allem verwandt. Daß ich ihn verstehe

und er mich nicht, das macht mich rechtlos . . .«

Sie hielt sich zur Geduld an, nahm seinen Zorn hin und die Geschenke, mit

denen er sie, gutmütig, entschädigte.

»Du bringst mir Glück,« sagte er. »Ich habe bemerkt: wenn ich von dir

komme, gewinne ich.«

Und er forderte eine Umarmung. Er war warmherziger: seine Liebe, anders als

ihre, vertrug sich mit Verachtung; vertrug sich damit, daß er, den Geruch

anderer Frauen noch in der Haut, sich zu ihr legte. Er schlief; sie mußte

wachen und diesem fremden Geruch gramvoll nachgrübeln. Endlich: »Was will

ich? Habe ich nicht gewußt, er werde sich nicht zusammenhalten können für

mich? Er sei ein Abenteurer, der nach allen Seiten lebe, ein

unzuverlässiger Spieler, für den nichts in Spiel oder Leben endgültig sei,

und ein immer von seinen Launen gequälter Mann aller Frauen?« Als sie ihn

zum erstenmal betrunken sah, sprang eine Erinnerung in ihr auf: der

Leierkastenmann, der einst mit seiner feurigen Blässe den Geschichtslehrer

Herrn Dietrich in ihren Backfischträumen abgelöst hatte, dem sie all ihr

Taschengeld zugeworfen hatte, und der betrunken gewesen und verhaftet

worden war. »Alles wiederholt sich oder erfüllt sich. Es ist bestimmt; ich

muß es aushalten.« Er war gerade so unwissend wie der Leierkastenmann;

manchmal rührte er sie. Er begriff nicht, warum sie für ihn erloschen sei,

kämpfte knirschend, damit sie sich wieder entzünde, konnte eigens aus

seinem Toilettezimmer treten, um ihr seine Muskeln und seinen Torso

vorzuführen. Von einer Reise schickte er ihr sein Bildnis, nackt, mit

gespreizten Beinen und die Hände auf den Hüften. Dazwischen forderte er

einen Sohn von ihr. »Wo bleibt Giovannino?« Und im Frühling: »Wehe, wenn

das Jahr vergeht, ohne daß Giovannino kommt!« Aber jedesmal vergaß er's

wieder für lange.

Sie dachte mit Befremden und mit Widerwillen an die Möglichkeit. Ein Kind,

von diesem fremden Manne? Sie konnte sich nicht vorstellen, daß durch

dieses ihr gleichgültige Haus ein Kind von ihr laufen solle, ihr wahres

Kind. »Es würde nicht meins sein, es würde mich nicht kennen, mich nicht

lieben. Die Rasse des Mannes ist so viel stärker, sie würde mich

überwältigen, noch in dem Geschöpf, das ich hervorbrächte. Es wäre seins,

es würde zu diesen Fremden hier gehören. Ich will es nicht: ich will nicht

die Fremden bis in meinen Leib . . .«

Kaum ertrug sie noch diese Menschen: ihre lauten, schleierlosen Gebärden

und Stimmen, all das gierige Leben in den gewölbten Augen. Durch einen

Salon sandte sie einen trostlosen Blick über das heimliche

Aneinanderstreifen der Hände, der Wünsche, über die spöttelnde Wollust der

Lippen, die sich anlächelten, über das in allen wache Geschlecht, -- und

plötzlich entwich aus diesen Toiletten, diesen schlanken Fräcken ein Qualm

tierischer Gerüche und erstickte sie. Und an diesem Getriebe sollte sie

noch in Viareggio beteiligt gewesen sein, es durch Leidenschaft vergoldet

gesehen haben? Jetzt sah sie's ohne Glorie und nüchtern. Sie mußte sehen;

ihre Beobachtungen sprangen sie an, wie böse Hunde. Dem kleinen Sandrini

drückte alles die Hand, und alles wußte, daß er falsch spielte. Aber seine

Frau war die Tochter des Präfekten. Lola dachte: »Wenn Pardi nicht seinen

Degen hätte --« Der Trappola zeigte eine Zigarettendose umher, und seine

Schwester bewegte den Fächer vom Baron Bergmann, dem auch die Dose gehört

hatte. Gastgeschenke. Für mehr als eine Familie waren Gastgeschenke der

sicherste Teil ihres Einkommens; die Unehre der Frauen ergänzte das Glück

im Spiel. Jeder gewährte allen Nachsicht. Kein Mensch fühlte hier die

Nötigung, vor sich selbst ohne Flecken zu sein. Die äußere Geltung, das

Übereinkommen war alles. Sie machten, bei ihrer animalischen Tüchtigkeit,

den Eindruck moralisch unendlich Ermatteter. Die Spitzbüberei war bei

diesen Enkeln großer Bankiers blutarm und kleinlich. In ihrem Geist

schienen die Federn verbraucht; er wiegte sich, hart und platt, wie die

Chaise einer zu alten Staatskutsche, auf den verjährten Ideen aus ihrer

großen Zeit. Man glaubte ihnen nicht, daß sie anderswo noch dachten, als in

Gesellschaft, um »Figur zu machen«, des Pompes wegen. Auch geistig waren

sie arme Dandys, die zu Hause nicht aßen. Nichts erneuerte sich hier; kein

Vermögen, kein Ideenvorrat. Und im Wegsehen von allem Zeitgemäßen eignete

ihnen dieselbe klägliche Einmütigkeit, wie im Vertuschen ihrer

Schmutzereien. Eins nur war unverzeihlich: anders zu sein. Ricchetti, dem

Abgeordneten, der aus gutem Hause war, sagte man Verbrechen nach. Mußten

sie nicht in Lola die Kritik spüren? »Wenn Pardi stürbe, würde man

aufbringen, daß ich ihn vergiftet habe.«

Plötzlich ward die Bernabei von ihrem Gatten erwischt: mit dem Leutnant

Cavà. Die Männer schossen sich ergebnislos, Cavà ward nach Sizilien

versetzt. Von der Bernabei, deren elf Liebhaber jeder herzählen konnte, zog

sich von heute auf morgen alles zurück, ihre Eltern mit den übrigen, samt

ihrer Schwester, die genau aussah wie sie und statt elf nur neun Liebhaber

gehabt hatte. Ihr Mann setzte ihr ein Monatsgeld aus, unter der Bedingung,

daß sie auf dem Lande lebe. Lola ging zu ihr: so sehr empörte sie die

allgemeine Heuchelei. Diese Frau war die letzte Geliebte Pardis vor seiner

Heirat gewesen; sie und Lola hatten eine feindliche Anziehung füreinander

gehabt: -- nun schämte Lola sich, sie am Boden zu sehen. Sie konnte nicht

ganz schlecht sein, wenn Cavà, der anständigste von allen, sie geliebt

hatte. Cavà kam, um Abschied zu nehmen. Lola fragte ihn geradeaus:

»Sie müssen die Gräfin sehr geliebt haben.«

Er schlug die Augen nieder.

»Und wenn auch nicht,« sagte er dann. »Jetzt muß ich ihretwegen in die

Verbannung, mehr kann sie nicht verlangen.«

Schmollend und mit knabenhaftem Erröten:

»Leid tut sie mir . . .«

»Mir auch, -- und ich möchte es ihr sagen.«

»Um Gottes willen! Wie können Sie mit der Frau noch verkehren!«

. . . Und der war der Anständigste! Lola ging sogleich zu ihr, hinter die

Ringallee, in die halbbebaute Vorstadtstraße, am Rande eines

Scherbenfeldes. Alles stand weit offen; niemand zeigte sich; und mit Mühe

gelangte Lola durch das wackelnde Gerümpel über den Flur. Ein armer Salon,

die Wände volkstümlich bemalt, wie in einer Kneipe; und nichts darin als

ein Damenschreibtisch, eingelegt, bedeckt mit Gegenständen aus Silber, und

auf einem Samtkissen darunter ein Mops: der Mops des Hauses Bernabei. Lola

mußte husten von dem scharfen Mauergeruch.

»Contessa!« sagte darauf eine einladende Stimme. Die arme Verwandte der

Hausfrau watschelte herein, mit demselben schiefen Kopf, mit dem sie die

Honneurs des Palazzo Bernabei gemacht hatte.

»Setzen Sie sich doch, Contessa . . . Ach Gott, kein Stuhl!« -- und

bestürzt ließ sie ihre frisch gestärkte Frisierjacke los, die sich auftat.

Ein wulstiges Gewoge, in ergraute Leinwand gewickelt, ward sichtbar. Sie

eilte nach Sitzen. Lola trug selbst einen Strohstuhl herbei.

»Wir wissen es sehr zu schätzen,« sagte die Alte, »daß Sie sich für unser

neues home interessieren. Auch meine kleine Nichte weiß es zu schätzen. Da

kommt sie.«

Die Bernabei blieb in ihrer eleganten Matinee vor der Tür stehen.

»Stefano! Diomira!« rief sie rückwärts ins Dunkel. »Hier versperren Sachen

den Weg.«

Da niemand antwortete, trat sie mit Achselzucken ein.

»Sie wissen wohl, Contessa, die Dienstboten . . .«

Lola stimmte rasch und verlegen bei. Es eilte ihr, über dieses,

wahrscheinlich gar nicht vorhandene Gesinde hinwegzukommen. Aber die

Bernabei fuhr fort und ordnete, wie sie sich auf den Strohstuhl setzte,

sorgfältig ihre Falten:

»Was sagen Sie zu der Wohnung? Mein Gott, die Auswahl war in diesem

Augenblick natürlich nicht groß.«

»Sehr hübsch,« brachte Lola hervor.

»Ich hoffe, ich werde hier meinen Kreis empfangen können.«

Lola verstummte. Die Lider der Bernabei klappten, auch heute rot

geschminkt, auf und zu über den kleinlich besorgten Augen.

»Wer hat Ihnen das Kleid gemacht?« fragte sie.

Und Lola sah entsetzt von ihr zu der Verwandten. War diese Frau durch ihr

Unglück verstört? Nein: sie hatte dieselben Augen; jedes blaßblonde Haar

lag an seinem Platze. Diese ärmliche Korrektheit, während Empörung sie

hätte zerreißen müssen! »Du mußt doch fühlen . . .« wollte Lola sagen.

»Heuchle nicht mit mir! Was liegt daran. Du denkst weder an mein Kleid noch

an deinen Kreis.« Sie entschloß sich:

»Ich komme, Ihnen zu sagen, wie ungerecht ich Sie behandelt finde.«

Die Bernabei sah sie zwinkernd an. Weinerlich:

»Sagen Sie das nur! Eine Unschuldige so zu verfolgen!«

»Wenn das nicht abscheulich ist!« ergänzte die Verwandte. Lola, betroffen:

»Sie hätten sich nichts vorzuwerfen?«

»Aber gar nichts. Ich werde verleumdet.«

Die Verwandte half nach:

»Schändlich verleumdet. Das Kind ist rein wie ein Engel.«

Der künstlich in die Länge gezogene Ton der Bernabei, das falsche Gegreine

der Alten widerten Lola an.

»Immerhin erzählt man manche Einzelheiten. Auch sollen Sie alles

eingestanden haben.«

»Was man mir abgepreßt hat. Konnte ich mir denn noch helfen?«

»Eine wehrlose Frau!« klagte die Verwandte.

»Ich möchte Ihnen glauben. Ob Cavà lügt? Wozu aber? Ich sage Ihnen offen:

er war bei mir, um Abschied zu nehmen.«

Die Bernabei fuhr auf.

»Ah! er geht umher und schwatzt.«

Und sie brach in unschönes Weinen aus. Der Mops unter dem Schreibtisch

stand auf und knurrte. Die Verwandte tröstete:

»Arme Kleine, sieh mich an, du hast noch Freunde.«

Die Bernabei hob das Gesicht aus den Händen.

»Wie gut, daß wir sein Kissen mitgenommen haben!«

Sie sah sich im leeren Zimmer um.

»Wenn nur er sein Kissen hat!«

Der Mops schien sich dasselbe zu sagen. Er drehte sich mehrmals auf seinem

Samtpolster um und ließ sich darauf zurückfallen. Die Verwandte schüttelte

den Kopf.

»Wir werden hart bestraft, unser Unglück will es. Und doch hätte es gut

ablaufen können.«

»Ob es gekonnt hätte!« -- und die Bernabei belebte sich. »Ich bin ein Opfer

der Männer, ihrer Dummheit und ihres Eigennutzes. Wegen einer Zigarre,

verstehen Sie: wegen einer Zigarre verfeindet mein Mann sich mit Attilio

und beschließt, uns zu überraschen! Als er dann mit der Polizei

herbeirückt, will der Himmel, daß meine Jungfer ihn rechtzeitig erblickt

und uns warnt. Ich verlor nicht die Besinnung, ich habe mir nichts

vorzuwerfen! Gleich wußte ich, was zu tun sei, und wäre man mir gefolgt,

wäre alles gut gegangen. Ich befahl der Diomira, ins Kabinett zu treten.

>Der Leutnant<, sagte ich, >wird mit dir gehen. Du schließt ab, und

verlangt man, daß du öffnest, zeigst du dich mit emporgehobenen Röcken im

Türspalt. Man wird deine Zurückgezogenheit achten . . .< Es war die

Rettung, und es war so einfach. Werden Sie glauben, daß dieser Cavà sich

weigerte? Er fürchtete, sie möchten ihn dennoch entdecken, und lieber als

an solchem Orte, wollte er in meinem Schlafzimmer gefunden werden! Die

Lächerlichkeit scheute er, und doch handelte sich's um die Ehre einer

Frau!«

Die Verwandte verdrehte die Augen.

»Was für Männer heutzutage! Ihr wäret so sicher durchgekommen . . .«

Sie verbreitete sich über die Lage der Örtlichkeit, an die die Rettung

gebunden gewesen war. Lola hielt nicht mehr aus.

»Und wenn schon. Wären Sie auch durchgekommen: Sie wären doch nicht weniger

schuldig, als Sie sind! Und heute, da man Sie überrascht hat, sind Sie doch

nicht verwerflicher, als gestern, da man noch tat, als wüßte man nichts.«

»Das ist ein Unterschied,« sagte die Bernabei, mit gedrücktem Lächeln.

»Ihr Gatte wußte darum!« rief Lola. »Ist es nicht empörend, daß er Sie

opferte, nur weil er sich mit Ihrem Liebhaber gezankt hatte?«

Die beiden Frauen wehrten mit kundigen Mienen ab. Aber Lola war im Zuge.

»Empört Sie's denn nicht, daß jetzt plötzlich alle jene Frauen Sie

verleugnen, die Ihre Schuld längst kannten, und deren eigene Vergehen jedem

bekannt sind?«

Die beiden warfen sich einen Blick zu.

»Wen meinen Sie?« fragte zögernd die Verwandte.

»Wen sollte ich meinen? O! mich ersticken hier Ungerechtigkeit und

Heuchelei.«

Und da sie sich von den kalten Augen der Bernabei beobachtet sah, als

redete sie irre:

»Sie fühlen wirklich nicht Menschenwürde genug, um sich zu empören?«

Unvermittelt fiel jene wieder in Heulen. Der Mops knurrte wieder, aber ohne

sich vom Kissen zu bemühen. Die Bernabei wimmerte:

»Bedenken Sie, wie wenig fehlte, und alles wäre gut gegangen!«

»Allerdings«, sagte Lola, beschämt, weil sie hier saß. Die Bernabei ordnete

ihre beringten Finger im Schoß, lehnte sich zurück und vernichtete in ihrer

Miene jeden Ausdruck. »Richtig: man muß vor allem sein Gesicht schonen,«

dachte Lola. »Solange es hübsch bleibt, ist nichts verloren. Man hat keinen

Erfolg gehabt und ist dafür mit Recht bestraft worden. Aber was kann man am

Ende mehr wünschen, als eine gute Schneiderin und ein Zimmer voll von

Anbetern. Schließlich darf es auch dies Zimmer sein. War man im Grunde

nicht immer schon, was man jetzt ist? Die Veränderung ist fast nur

äußerlich . . . Da sitzt sie, zurechtgemacht, als wartete sie auf Männer.

Die andere hat schon jetzt etwas von einer Kupplerin.« Plötzlich fiel ihr

ein, daß die Bernabei dorthinten Kinder zurückgelassen habe. Sie fühlte

Tränen kommen und stand hastig auf.

»Sie gehen also nicht aufs Land, Contessa?«

»Es wäre nicht der Mühe wert. Mein Mann ist im Begriff, sich zu ruinieren;

er würde mir die Pension nicht lange auszahlen. Lieber vermiete ich gleich

Zimmer.«

Die Verwandte sagte:

»Sie, Contessa, die Sie viele Fremde kennen, bitte, empfehlen Sie uns!«

* * * * *

Schon tags darauf kamen aus ihrem Gespräch mit der Bernabei entstellte

Bruchstücke zu Lola zurück. Sie hatte der Verurteilten recht gegeben. Sie

hatte Namen von solchen genannt, die auch nicht besser seien, und erklärt,

daß sie die Geopferte rächen wolle. Am Nachmittag, im Salon Valdomini,

begegnete sie entsetzten Blicken. Sie ward umschmeichelt: auch von Männern;

und nicht nur von den Liebhabern, auch von den Gatten derer, die Enthüllung

zu fürchten hatten. Ganz übel vor Verachtung, schloß sie sich ein. »Ich

werde mich nicht hineinfinden,« sah sie. »In der Fremde ist alles Feind,

und ich bin in jedem Lande fremd.« Sie hatte Tränenkrisen. Sie fühlte sich

erstickt, riß das Fenster auf; die dumpfe, schmutzige Regenluft schlich ihr

entgegen, und sie meinte, Ungerechtigkeit und Heuchelei griffen ihr an den

Hals. »Und ich hatte, den gestrigen Schritt zu tun, kein Recht. Ich bin

Pardis Frau, er muß aufkommen für das, was ich mir erlaube. Habe ich nicht,

als ich ihn heiratete, seine Welt zu meiner gemacht? Wie will ich, ein

losgelöstes Geschöpf, durch keine Gemeinschaft gerechtfertigt, diese Welt

hier richten! Sei sie, wie immer, sie ruht doch in sich und ist zufrieden.

Die Miene der Bernabei! Ich hätte ihr von den Gebräuchen ferner, wilder

Inseln sprechen können . . . Ich will allein bleiben, allein.«

Pardi begriff nicht, warum sie ihn nicht sehen wolle:

»Ich bitte dich, Lieber, laß mir das Schlafzimmer allein! Mir ist nicht

wohl. Siehst du nicht, wie ich häßlich geworden bin?«

Er fuhr auf.

»Schon wieder Launen?«

»Ich versichere dir: ich bin krankhaft gereizt; ich habe Übelkeiten. Ich

würde dich stören.«

Und er, plötzlich sehr sanft:

»Ist es so weit? Giovannino?«

Sie griff sich ans Herz.

»Nein! Das nicht!« stammelte sie, entsetzt und flehend.

Er sagte überzeugt:

»Schämst du dich nicht? Dieser Ton ist empörend von seiten einer Mutter,

oder von einer, die es sein sollte!«

Er faßte hinter sich, durchs offene Fenster, nach der Grafenkrone, die an

der Hauswand schwebte. Er klopfte den runden Arm des Majolikaengels, der

sie hielt. Mit Nachdruck:

»Nur über dem Haupte einer Mutter tragt ihr sie! Andernfalls --«

Im Fortgehen, über die Schulter hinweg, stieß er den Refrain aus:

»-- geh nur zu dem Tor wieder hinaus, durch das du gekommen bist!«

Sie lehnte sich ans Fenster und sah starr hinunter auf den blanken, frommen

Kopf der Madonna, die die Verkündigung vernahm. Eine wehmütige Eifersucht

beschlich Lola . . . Sie schüttelte sich, sie trat vom Fenster weg. Aber

ein Drang ängstete sie heimlich, nach der Frau, die die Botschaft empfing.

Zu Fuß verließ sie das Haus, nur um gegenüber sich ungesehen in einen Flur

zu stürzen und hinzuspähen. Da knieten sie, links und rechts des

Torgiebels, in ihren spiegelnden Gewändern und beide mit zusammengestellten

Handflächen, die Jungfrau und der Engel: er stürmisch hingeworfen, sie

geordnet und still, als habe sie ihn erwartet. Die Lilien und die Rosen

waren ihrer Mutterschaft zu Ehren schon entsprossen, die bunten Vögel

sangen ihr schon, und schon hoben die Kinderengel über ihr Haupt die Krone.

Bis unter die Fenster des zweiten Stockwerkes war das weite alte Haus

bedeckt mit der Schaustellung der Mutterschaft, mit ihrer Verklärung. Ihr,

der Mutter, gehörte es. In ihr vereinigten sich alle die Frauen, die je in

diesem Hause ein Kind erwartet hatten. Und noch immer erfüllten und

bewachten sie es, waren sie seine Herrinnen. Nicht die Einsame,

Unfruchtbare war's, die sich sträubte, zu empfangen und allein bleiben

mußte. Als sei sie daraus vertrieben, mied Lola das Haus. Im Dämmern erst

schlich sie sich hinein, tastete durch die dunkeln, dumpfen Säle des ersten

Stockwerkes und öffnete die Tür nach dem schmalen Balkon. Da stand sie nun

zwischen den beiden, die größer waren als sie, deren Züge und Gebärden so

viel kerniger waren, und die ihrer nicht achteten. Lola mußte die gesenkten

Lider der Jungfrau mit dem Finger bestreichen, mußte in das kleine tiefe

Ohr spähen, durch das die Botschaft ging . . . Ganz still war's in der

alten Straße. Die Rosen und Lilien sprossen umher, um sie drei; die Flügel

des Engels zitterten noch vom Fluge. Da setzte seine Stimme ein: seine

glockenhafte, unerbittliche Stimme, und verkündete. Wild erschreckt warf

Lola die Tür zu.

Sie lehnte an dunkler Wand, und ihr Herz schlug laut. Die eiserne Laterne

zu Füßen der Jungfrau knarrte. Ihr ward Licht gemacht, indes Lola im

Dunkeln Furcht litt. Dann fiel von drüben ein weißer Schein in den Saal.

Lola seufzte auf und wandte sich. Da waren sie! Da blickten sie von den

Wänden, die Frauen, die in diesem Hause ein Kind erwartet hatten!

Feindliche Neugier zog Lola zu ihnen. Welche ruhigen Tieraugen, immer

dieselben: in gepuderten Locken oder zwischen glatten Haarbändern, immer

dieselben. Aus so vielen Häusern der Stadt diese Frauen in dies Haus

gezogen waren, sie glichen einander im Blut. Umringt von ihren

Blutsverwandten, hatten sie ihr Kind geboren und aufgezogen, hatten es in

ein anderes Haus verheiratet, und der Strom unverfälschten Blutes war

gelassen ein- und ausgeströmt. Von den Männern trug keiner die Schönheit

Pardis. Aber ihre härteren Gesichter waren nur das strenger bewahrte

Gefängnis derselben Leidenschaften; und wenn Lola ihnen lange in die Augen

sah, traten in alle die Begierden, die sie kannte. Sie atmete bedrängt.

Diese alle wollten sie überwältigen; sie forderten von ihr das Kind: das

Kind, das sie dem Hause schuldete! . . .

Da sah einer sie an: ein Jüngling, fast ein Knabe, mit weichen, traurigen

Haaren über dem hohen weitoffenen Tuchkragen, den gepufften Ärmeln des

Fracks. Auch aus dieses Knaben weißem Gesicht stand, wie bei den andern,

der Mund feuchtrot hervor und fleischig; aber dies Fleisch schien zu

seufzen über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es,

untröstlich. Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu,

als wollten sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Lola sah ihn in

Schatten dahin gehen, den Kopf noch halb zurückgewendet, und doch schon

fremd dem Hause, über dessen Schwelle er hinwegtrat, und der Straße, ihren

Fenstergittern, Fackelringen und Steinbildern, und den Brücken mit dem

Geräusch der Buden, und dem Domplatz und den schön geschminkten Frauen

darauf, deren Augen ihm winkten und die er nicht ansah. Letztes Abendgold

beglänzte schwach die Hügel; und zwischen ihnen, auf Steinen, an einem Pfad

den niemand schritt, fand er eine arme Frau, eine arme, häßliche und fremde

Frau, die keine Gemeinschaft hatte und ihres Weges müde war. Er legte sich

zu ihr auf die Steine; er folgte ihrem Weg mit ihr; und er bekam ein

schönes Kind von ihr: ein schönes, heiteres Kind von der traurigen und

häßlichen Frau. Lola gab ihm, ohne darum zu wissen, einen Namen: dem Kinde

und seinem Vater, -- indes sie, den Kopf gesenkt, aus dem Saal, die Treppe

hinauf und in ihr Zimmer ging.

* * * * *

Seit sie sich nicht mehr blicken ließ, suchten täglich Freundinnen bei ihr

einzudringen. »Sie fürchten mich. Claudia ist die einzige, der an mir

liegt. Nur sie will ich sehen.«

Claudia kam zögernd herein.

»Hast du etwas gegen mich?«

Und als Lola lächelnd den Kopf schüttelte, schnellte Claudia ihr,

aufjubelnd, an die Brust, drängte, rieb und schmiegte sich, ein warmes,

liebebedürftiges Tier. Ihr Gesicht hatte vor Traurigkeit in lauter kleinen

matten Polstern herabgehangen, und auf einmal war es ganz fest und klar vor

Glück.

»Wie schön, daß du mir nicht böse bist! Ich habe dich so lieb!«

»Und ich bin froh, daß ich dich habe, Claudia. Ich fühle mich oft sehr

allein und traurig.«

»Und dann liest du und machst dich damit noch trauriger. Man soll nicht

lesen: noch dazu dies.«

Mit tiefem Mißtrauen in jedem ihrer Kinderfinger, faßte Claudia das Buch

an.

»Das ist deutsch? Du verschließt also deine Tür und liest deutsch. Das

heißt, du willst mit uns allen nichts mehr zu tun haben. Du bist mit uns

fertig, du findest uns falsch und äußerlich.«

Von unten, schlau und ruhig:

»Ist es nicht so?«

Lola zog die Wange der Freundin an ihre.

»Ah, du willst nicht, daß man dir in die Augen sieht! Aber ich weiß alles.

Das Unglück der Bernabei hat dich empört, denn du bist eine ehrliche

Deutsche. Du stehst nicht, wie sie sagt, auf ihrer Seite: hat sie doch

ihren Mann betrogen, und das ist schlimm. Aber wir dürfen keinen Stein

aufheben, meinst du. Wir sollen selbst erst ehrlich sein, meinst du, sollen

uns von unserm Manne trennen, bevor wir einen Liebhaber nehmen. Ist es

nicht so?«

»Was du alles weißt!« -- und Lola liebkoste das eifrige Gesichtchen. Unter

ihrer Hand bewegte es sich, wechselte, und was Claudia so feierlich

enthüllt hatte, sah nun aus wie ein Witz.

»Wie du mich verstanden hast! Und wie du es gut sagst, mit deinem rollenden

und singenden neapolitanischen Munde!«

Dies hübsche, gelehrige Äffchen, von dem nachgesprochen, Lolas Gedanken

weniger untröstlich klangen: wie eine etwas triste Posse nur! Dessen

nächste Miene sich immer über die vorige lustig machte, bis keine mehr

galt! »Wer sich auch so rasch abtun könnte! Man müßte sich ein wenig

geringer achten, und man hätte es so viel leichter« . . . Aber Claudias

Mundwinkel hingen schon wieder. Die Augen, unter schwer fallenden Lidern,

starrten aus den Winkeln.

»Eine Sünderin: ja. Aber bedenke auch, wie furchtbar das Frauenleben ist!

Welche Schrecken uns drohen jeden Tag! Hast du gehört, was der Beamte in

Via del Mezzo mit seiner Frau getan hat? Nun siehst du! Er kommt, mit einem

Fiasco unter dem Arm, die Treppe herauf.«

Claudia ahmte seinen Schritt nach. Sie ließ sich breit am Tisch nieder.

»Er will weitertrinken; die Frau rät ihm ab, sie wirft ihm sein Laster vor.

Er antwortet nicht; er schweigt und trinkt. Als er fertig ist --«

Claudia wischte sich mit der Handfläche den Mund.

»-- steht er auf, holt einen Strick und --«

Claudia stand, von Grausen erkältet, sehr steif, die Arme am Leib. Ihre

Augen sahen den Mörder kommen.

»-- schnürt ihr den Hals zu, wie einem Spatz. Dann hängt er sie auch noch

an die Decke.«

Und Claudia machte sich, dumpf stöhnend, noch starrer, verdrehte die Augen

und streckte die Zunge aus. Plötzlich fiel sie auf einen Stuhl. Nach vorn

geworfen, heftig flüsternd:

»Und das ist ganz der Typus meines Mannes! Auch mein Mann ist ein

Neurastheniker, auch er trinkt, schreit mich an . . . und eines Tages wird

er schweigen und --«

Claudia führte mit der geballten Hand rasche Kreise um ihren Hals. Dann zog

sich ihr Gesicht zusammen, und laute Tränen kamen. Lola ließ sich,

erschreckt, vor ihr auf die Knie.

»Aber Claudia, jene Frau hatte einen Liebhaber.«

Claudia klammerte sich an.

»Ich habe solche Angst!«

»Wovor, Liebling? Du bist nicht wie jene.«

»Doch!« -- mit großen, nassen Sünderinnenaugen. Und schwer nickend:

»Ich habe einen Geliebten. O, frage mich nicht, wen! Aber glaube nur, wenn

du's noch nicht weißt: unsere Männer sind von einer Art, daß wir einen

Trost brauchen.«

»Ich weiß es schon.«

»Wie du nun aussiehst. An wen denkst du jetzt? Verrate mir dein Geheimnis,

Lolina?«

Lola schrak auf und machte sich los.

»An niemand denke ich, sei versichert. Aber auch wenn ich meinen Mann nicht

mehr lieben würde, ich nähme doch nie einen Geliebten. O, ich verurteile

euch nicht; ihr seid anders. Nur ich habe nicht das Recht dazu.«

Claudia richtete ihre kleine elegante Gestalt auf. Tragisch:

»Wir bezahlen dafür. Möblierte Zimmer oder . . . so.«

Sie ließ nochmals die ganze Zunge hängen. Und leichtsinnig zärtlich:

»Aber Spaß macht's doch. Sage, Lolina, warum könntest nicht auch du --?

Hast du nicht gemerkt, daß Valdomini in dich verliebt ist? Übrigens sind

viele es, nur daß du sie entmutigst. Aber wie ich lachen wollte, wenn Pardi

--«

Sie stellte zwei Finger über ihrer Stirn auf.

»Er, der so viele verführt hat! Alle könntest du rächen. Meinst du nicht,

daß er dich betrügt?«

»Ich wußte es, bevor ich ihn nahm;« -- und Lola schlug die Augen nieder.

»Ich habe ihn genommen, wie er ist.«

»Seid ihr ehrlich! Weißt du, daß das schließlich zum Lachen ist?«

Und sie krümmte sich. Gleich nachher, demütig abbittend, voll Bewunderung:

»Nicht wahr, wenn du einen liebtest, würdest du dich ganz und gar trennen

von deinem Mann? Ihn nie mehr zu dir lassen?«

Gramvoll und ohne Mut sagte Lola:

»Ich wollte, ich könnte immer, immer allein bleiben.«

Claudia sprang auf.

»So sehr zuwider ist er dir?«

Sogleich löschte sie ihre Miene wieder aus, machte sich ganz sanft und

farblos.

»Dann tu's doch, arme Kleine! Wie glücklich wärest du!«

Aber Lola war aufmerksam geworden.

»Warum? Du möchtest es?«

Ein Schritt ward laut: Pardi. Angstvoll wendete Claudia sich umher.

»O Gott! ich muß fort.«

»Warum? Bleibe!«

Claudia zuckte, in fliegendem Schrecken, an der Hand, die sie festhielt.

Sie drückte die Zähne in die Lippe, sah nicht vom Boden auf und drehte

Pardi, wohin er sich immer stellte, den Rücken. Lolas Blick ging von ihr zu

ihm. Plötzlich ließ sie Claudia los.

»Adieu,« sagte Claudia, ohne den Mund zu öffnen. Sie lief hinaus.

»Was hat sie?« -- und Pardi war erblaßt. Lola, am Fenster, kämpfte ihren

Atem zur Ruhe. Mit einer langsamen Wendung:

»Ich weiß es nicht.«

Er wanderte umher und stellte Fragen, nach denen er suchte.

»Du antwortest sehr kurz. Bin an deiner schlechten Laune ich schuld?«

»Nein.«

»Du hast mir nichts vorzuwerfen?«

»Nein.«

»Um so besser. Ich sehe, daß du Ruhe brauchst.«

* * * * *

»Das war eine Freundin! Dies kleine schlaue Tier, das sich mit seinen

Gazellenaugen in mich eingeschlichen hat, mein Empfinden und meine Stimme

nachgeäfft hat! Sie wußte, was sie wollte: vom ersten Tage an! Wir

disputierten; ich dachte, Pardi zu gewinnen; ich glaubte, zwei Körper

könnten nicht, wie unsere, durch Liebe verschwistert sein, ohne daß auch

die Seelen sich umarmten. Sie unterstützte mich, schelmisch, schmiegsam. Im

selben Atem -- wie abstoßend häßlich! -- nahm sie mir den Mann! Daß solch

Geschöpf sich leben sehen mag!«

Lola ertrug sich selbst nicht, weil sie dies erlebt hatte. Sie irrte umher,

vergrub sich in Winkel.

»Werde ich nie mißtrauisch genug werden? Werde ich nie Weib werden und

weiblichen Schlichen zu begegnen lernen? Warum muß mich jeder Mensch, nach

dem ich die Hand ausstrecke, in noch tiefere Einsamkeit stoßen? Mein Gott,

gib mir Verachtung!«

Sie weinte. Dann sah sie:

»Das alles ist falsch. Sie hat mich betrogen, aber sie liebte mich. Habe

ich nicht ihre Reue und ihr schlechtes Gewissen vor Augen gehabt? Sie war

wie ein verderbtes Kind, dem plötzlich vor ihm selbst bange wird, und das

lieber gut wäre. O, das wäre leicht und einfach: dumm sein und sie hassen!

Aber ich fühle, wenn ich mich besinne, von ihr und ihrer Welt gerade selbst

genug, daß ich ihr Recht lassen muß. Sie wird schuldig und sie büßt. Unter

Gefahren genießen, sich durch einen Tag bringen und durch noch einen,

täuschen, siegen, geschlagen werden: es wäre doch eine starke, schöne Welt.

Man dürfte keine andere kennen. Auch ich trage sie in mir -- neben der

anderen, die ich auch in mir trage. Und immer, wenn die eine mich haben

sollte, fühle ich das Gewicht der anderen, die mich fortzieht . . .«

Da sprang sie auf, stürzte sich auf die Klingel.

»Ich bitte den Herrn Grafen, sofort zu mir zu kommen.«

»Der Herr Graf ist nicht zu Hause.«

Lola sah sich im Spiegel entstellt von Zorn. »Recht so! Ich werde einen

Skandal machen, an den Florenz denken soll! Er ist bei ihr, ich habe ihn

sicher gemacht. Sie überraschen, mich rächen, sie beide ganz klein sehen

und dann fort: leicht und frei, wieder frei sein!«

. . . Sie merkte, daß sie sich, anstatt die Tür zu öffnen, dagegengelehnt

und geträumt hatte.

»Für wen will ich frei sein? Welchen Namen habe ich schon wieder gedacht?

Auch Claudia sah, daß ich einen Namen dachte . . . O, ich bin schlechter

als sie beide, als sie alle! Heuchlerischer bin ich! Sie bilden sich keine

Reinheit ein. Sie sind nicht selbstgerecht. Ich liebte Arnold, als ich, um

meiner Sinne willen, Pardi heiratete. Das ist die Wahrheit, die schlimme

Wahrheit!«

Sie sah leer vor sich hin . . . Von der Dämmerung beschlichen, schrak sie

auf.

»Ich wußte, was ich tat, und daß er noch andere begehren und nehmen würde.

Er und sie: es ist so selbstverständlich; wie konnte ich mißverstehen, wie

durfte ich mich auflehnen. Bei mir ist kein Recht, keins; und ich schäme

mich, ihnen im Wege zu sein.«

* * * * *

Kaum ward es Mai, und schon erklärte sie, nach San Gregorio zu wollen. An

den Ort, wo ihre Sinne geschwelgt hatten, trieb es sie jetzt, um Buße zu

tun. Pardis Blick flammte auf.

»Weißt du noch, der Garten, nachts, wenn wir in den Büschen lagen, und es

wetterleuchtete? Du möchtest wieder anfangen; und ich sage nicht nein. Aber

. . .«

»Du irrst dich. Ich will allein hin.«

»Ohne mich? Was soll nun das wieder? . . . Ach ja, ich weiß, du bist krank.

Du bist immer krank, ohne daß der Teufel begreift, woran. Von Giovannino

kommt er nicht, dein Zustand: so viel ist sicher, wie? Und nun mußt du aufs

Land . . . Aber wenn ich dir befehlen würde, bis Mitte Juni hierzubleiben?

Du hast dich, nach unserem Gesetz, dort aufzuhalten, wo es deinem Mann

beliebt.«

Sie ließ ihn ohne Antwort. »Ihm ist's bequem, daß ich gehe,« dachte sie. Er

schloß:

»Nehmen wir an, daß du unser Klima nicht verträgst. Aber ich kann dir

sagen, daß man es zuweilen bereut, wenn man eine Fremde geheiratet hat.«

Und Lola:

»Ich hätte daran denken sollen. Ich bitte dich um Verzeihung.«

Ein Aber ließ er dennoch bestehen. Lola erstaunte über seine geringe Eile,

sie loszuwerden. Schließlich schlug er ihr einen anderen Landsitz vor. Als

sie auf San Gregorio bestand, brach er in Wut aus. Dann verbrachte er den

vollen Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, schrieb und telephonierte. Tags

darauf eröffnete er ihr, sie könne reisen. Er bot ihr an, sie bis Rom zu

begleiten; aber sie dankte ihm.

Draußen blühten Mandel und Pfirsich. Die rosigen Blütenschleier glitten

auseinander auf Lolas Wege, wehten ihr nach, hochzeitlich. Droben im

Städtchen leuchteten, wie sie sich zeigte, alle Gesichter auf: Lolas Glück

von damals glänzte noch einmal auf sie ab. »Das Glück, von dem ich selbst

nichts mehr weiß!« Das Herz zog sich ihr zusammen, wie sie, ganz klein, dem

Riesenleib des Palastes entgegenging. Auf kahler Höhe breitete er seine

morschen Fledermausflügel nach ihr aus. Die Dächer alle flohen wirr den

Berg hinab, als striche ein Angstwind über sie hin. Lola duckte die

Schultern; kalt lag es darauf; und begab sich, zwischen der gellend

betenden Zwergin und den Alten, die um Barmherzigkeit murmelten, in das

Greifenportal, wie in einen Rachen.

Die Zimmer waren verdunkelt und noch kalt. Lola mußte sich anstrengen, um

den Befehl zu geben, man solle die warme Luft hereinlassen. Gern hätte sie

die Lider gesenkt vor den Dienern, diesen Zeugen dessen, was sie hier einst

gewesen war. Des Kastellans kalte Greisenaugen forschten unerträglich. Und

das gelbe, mürbe Fleisch der schwarzen Maria erinnerte sich noch immer, mit

melancholischem Stolz und Gleichgültigkeit gegen alles, was kommen mochte,

jener Wonnen, die sie mit Lola geteilt hatte; kraft deren sie zu Lolas

Vertrauter, fast zu ihrer Schwester geworden war; von denen sie ihr, indes

ihre schweren Augen erwachten, mit solchen Worten geflüstert hatte, daß

plötzlich der Schauer selbst wieder auflebte.

Mit langsamen Schritten, deren jeder eine Welt von Angst durchmaß, gelangte

sie an der Frau vorbei, -- hörte sie nicht, sogleich, im Nacken eins jener

Worte? -- vor die Schwelle des Schlafzimmers und hinüber. Ein kopfloser

Griff: die Tür fiel zu. Darangelehnt, die Hände vors Gesicht gedrückt: »Zu

viel Demütigung, zu viel!« Mit geschlossenen Augen fand sie zwischen den

Möbeln und am Bett vorbei -- »O, ich kenne dies Zimmer, und es kennt mich!«

-- und dennoch strauchelte sie, glitt, und meinte, wie ekle Tiere, die

Bilder von damals, die sie mit ganzer Seele niederstieß, unter ihren Füßen

zu spüren.

Nach allem hatte sie irgendwie den Garten erreicht, ein Versteck und

Finsternis. Ermattet und gleichgültig sah sie vor sich hin. Es

wetterleuchtete -- wie damals. Ins Dunkel, neu gesammelt und mit Beben:

»Muß ich mich noch länger quälen? Arnold?«

Jetzt enthielt die dunkle Luft diesen Namen, war erlöst und leichter zu

atmen.

»Bist du genug gerächt? Siehst du, ich bin hergekommen, weil ich mich

deiner Verachtung ganz ausliefern wollte; weil ich deine Verachtung nötig

hatte, wie ein Bad.«

Zwischen den Rassen: Roman · 第 13 / 25 题