Da, eines Abends, hatte Lola gleich beim Betreten des Eßzimmers die
Empfindung, am Tisch sitze einer mehr; -- und noch bevor sie ihn
herausgefunden hatte, schnellte jemand empor, und machte eine
ausdrucksvollere Verbeugung, als sie seit Wochen zu sehen bekommen hatte.
Sie erschrak.
»Conte Cesare Augusto Pardi aus Florenz, mein Vetter,« sagte die Baroneß
Thekla. »Er hat uns überrascht.«
Lola faßte sich und lächelte ein wenig spöttisch. Sie dachte: »Die Art ist
also inzwischen noch nicht ausgestorben?« Dann wandte sie sich an Arnold.
Aber es störte sie, daß niemand sprach als der Italiener und Mai. Glücklich
zwitschernd flog Mais Stimme um den Tisch; endlich hatte sie wieder jemand,
mit dem sie sich geläufig verständigen konnte. Alle sahen ihnen suchend auf
die Münder: es ging viel zu rasch; und Lola mußte mitten aus ihren Worten
an Arnold, die stockten, hinüberhorchen. Diese anbetende Stimme, die einen
einwickelte! »Merkwürdig, daß ich das vergessen hatte!« Ohne hinzusehen,
wußte sie sein schmelzendes Lächeln. Brauen in einer graden Linie, Wimpern,
die schwarz herausstachen aus dem lebenglühenden Marmorgesicht, und rot und
dick darin aufbrechend die Lippen: Alles hatte sie vor sich, nun sie die
Stimme hörte. War's etwa nicht so? . . . Und kaum daß ihr Kopf eine
Viertelwendung machte, griff der Italiener zu.
»Gnädiges Fräulein, Ihre Mama und ich entdecken eine Menge gemeinsamer
Bekannten . . .«
Lola erinnerte sich einiger, aber ohne Begeisterung; und mit
Geringschätzung sah sie sich dazu das süße Spiel seiner Augen an. »Mach nur
deine Mätzchen!« Gugigl warf ironische Blicke dazwischen; plötzlich schnitt
er ein Gesicht und fragte, ob die Rede von Zuckerwerk sei. Die Damen
kicherten. Pardi hatte nicht verstanden. Er blieb süß; und doch ging in
seinem Lächeln jäh ein Hinterhalt auf, eine Drohung. Gugigl bekam eine
treuherzige Miene. Darauf verbeugte Pardi sich ein wenig, als habe er
Genugtuung erhalten, -- und wendete sich wieder Lola zu.
Sie sprachen weiter, indes alles schwieg, Tini den Mund offen behielt und
Gwinner demütig herübergrinste. Pardi zog seine Cousine, Frau Gugigl und
den Baron Utting herbei, aber alle blieben unterwegs liegen; und sein
Gespräch mit Mai und Lola lief von selbst weiter. Es ärgerte Lola; ohne
Umstände kehrte sie zu Arnold zurück. Er schrak von seinem Teller auf, und
sie sah ihn in großer Unsicherheit. Er stotterte; sie zwang sich zur Geduld
und gab ihren Worten einen Ton, als rede sie einem Kinde Mut ein. Dabei
fing sie einen Blick auf, den er mit dem Italiener wechselte. Von drüben,
aus Pardis gewölbten Augen, die alles sahen, kam ein abschätzender, schon
spöttischer, und hüben wich er wehrlos aus. Lola sprach lauter: als wollte
sie die Blicke überschreien. Plötzlich dachte sie: »Es ist auch wirklich
kein Staat mit ihm zu machen;« und brach ab. Sofort setzte Pardi wieder
ein.
Am Morgen darauf saßen um neun Uhr die Damen noch beim Frühstück. Pardi
unterhielt sie von Afrika. Denn er hatte Adua mitgemacht, sich wie ein Löwe
geschlagen, sagte er; war später, als Gefangener des Negus, der einzige
gewesen, sagte er, der sich nie gebeugt, der Gewalt hartnäckig widerstanden
hatte und ihr immer nur auf Zureden der mitgefangenen Offiziere gewichen
war . . . Die Baroneß Thekla, Frau Gugigl, Tini und Mai warfen einander
Blicke zu, die erstaunt glänzten: wie die von Kindern, die nach der
Bescherung erwacht sind. Jedes hält die eigenen Geschenke für die
schönsten, und alle sind glücklich. Pardi hatte schon jede von ihnen zu
überzeugen gewußt, daß besonders ihr sein Feuer gelte. Sie waren in
Verzückung vor dem Schmelz seines Wesens und dachten nicht daran, es ihm
anzurechnen, daß ihm alle hiesigen Begriffe fehlten. Er bewunderte seine
Cousine in ihrer Bäuerinnentracht, wie einen verkleideten Backfisch. Tini
brachte er, nur mit Augen und Händen dahin, daß sie über ihren Satz, der
Mann habe nichts voraus, selbst von Herzen lachte. Er nannte Frau Gugigls
Malerei eine reizende Unterhaltung, und anstatt wild aufzulachen, schnurrte
sie. Dann führte er Mai die Leute vor, die sie beide kannten: ein paar
Gesten, ein Fingerstrich über sein Gesicht, daß sich darunter verwandelte,
-- und nicht Mai nur, auch die andern sahen die Figur. Lola beobachtete ihn
mißtrauisch. Plötzlich mußte sie mitlachen, und da gab er ihr durch ganz
leichtes Neigen der Stirn und kaum merkliches Achselzucken zu verstehen,
daß er ihre Überlegenheit kenne und sie um Nachsicht bitte. Sofort hörte
sie auf zu lachen. »Buffone!« dachte sie; aber sie konnte nicht verhindern,
daß es ihr schmeichelte.
Im selben Augenblick erschien Arnold in der Tür. Lola zuckte innerlich
zurück. Aber sie bemerkte, daß er, in Verwirrung, noch keinen Überblick
erlangt habe. »Immer die Menschen, nicht?« -- und sie sah weg. Wie er dann
keinen Anschluß an die Unterhaltung fand, stand sie auf, setzte sich neben
ihn, redete zu ihm ganz beiseite, als sollten alle wissen, wie vertraut sie
standen. Sie bat, er möge sie gleich nachher hinausbegleiten. Dann ging sie
auf ihr Zimmer und dachte: »Nein! Ich kann ihn höchstens wie einen Bruder
gern haben.«
Unterwegs begann er von dem Italiener.
»Wie sich manchmal auf den ersten Blick eine Gegnerschaft erklärt! Da haben
Sie meinen geborenen Widersacher, den reinen Tatmenschen. Er hat noch
keinen Satz gedacht, dem nicht ein Schlag gefolgt wäre.«
»Woher wissen Sie das?« fragte Lola, die Brauen gefaltet; und doch war sie
überzeugt, es sei so. Die Einschüchterung, erwiderte er, die solche Naturen
bei ihm bewirkten, sei ihm der sicherste Beweis. Und er belächelte sich
selbst. Lola ward gereizt durch seine Offenheit, die sie billig und
würdelos fand. Sie erklärte, daß sie sich's schon denken könne. Er mußte
genau gehört haben, wie höflich und ablehnend es klang; nur aus Mangel an
Geistesgegenwart blieb er bei dem Gegenstand, sprach er noch weiter so, als
wisse er sie auf seiner Seite. Da sei nun der Mann mit den sicheren
fraglosen Instinkten, der Mann alten Stils . . . und der äußerste Vertreter
der Rasse.
»Keine Beziehungen sind möglich zwischen seinesgleichen und unser einem:
das fühlt man gleich, nicht wahr?«
Lola war voll Ungeduld, ihn aufzuhalten. Er kam wieder auf die Rassenliebe,
an die Frage, welche Frau er zu lieben habe, was ihr selbst für ein Mann
bestimmt sei. »Was geht ihn das an!« Sie mußte zugestehen, daß manches
frühere Gespräch ihm Rechte gebe. »Eigentlich ist nichts geschehen seitdem.
Was habe ich denn? . . . Ach, er ist taktlos!« So redlich sie dagegen
ankämpfte, die schwerste Übellaunigkeit senkte sich auf sie. Lola ging vor
sich hin, den Blick am Boden, und wünschte sich mit krankhafter
Dringlichkeit, dies nicht mehr zu hören, diesen los zu sein. Wenn sie
sprechen wollte, schienen die Kiefern aus Blei. Endlich brachte sie hervor:
»Sie reden über alles sehr klug.«
Da stotterte er und brach ab. Sie gelangten nach Haus, zum erstenmal ohne
den nächsten Spaziergang verabredet zu haben. Ein Stück hinter ihnen
kehrten Mai und Pardi zurück. Lola blieb stehen; Arnold zögerte, dann
verabschiedete er sich.
Mai strahlte und plapperte.
»Wir waren beim Wirtshaus und auf dem Friedhof. Zuerst haben die Bauern
einen begraben. Wir waren dabei, es war sehr hübsch. Dann haben sie sich
zum Trinken gesetzt und werden bis in die Nacht sitzen bleiben. Ich möchte
wissen, wann diese Fremden arbeiten. Der Conte Pardi hat mit einem
gewettet. Der Bauer will bis heute abend vierundzwanzig Liter trinken
. . .«
Pardi ließ Mai in die Veranda treten, zu der Gesellschaft.
»Ihre Mama liebt das Gehen nicht; Sie aber haben, sehe ich, bestaubte
Schuhe.«
»Ich gehe gern nach dem Walde hinüber.«
»Der Wald! Seine Kühle! Das ist ein Ideal. Wissen Sie, daß Sie selbst
Gedanken in mir erregen, die mit Waldesfrische verwandt sind?«
»Wie Sie mich kennen!«
Einen Augenblick stutzte er und verfinsterte sich; aber der Argwohn, man
könnte ihn auslachen, ward gleich wieder von selbstgewisser Süßigkeit aus
seiner Miene gelöscht.
»O! Sie müssen mir erlauben, Sie zu begleiten. Ich möchte dabei sein, wie
Sie die Rehe streicheln. Ich kann mir nicht denken, daß Ihre kleinen Füße
die Blumen niedertreten.«
Gegen Abend gingen sie und plauderten unausgesetzt, nur nicht von den
Dingen, die Pardi in Aussicht gestellt hatte: Wald, Blumen und Rehen. Er
trug eine Menge Klatsch vor, aus Viareggio, dem Bade, woher er kam und in
das er zurückkehren wollte. Dann kamen verachtungsvolle Klagen über Frauen;
zornige Ausfälle und unbedenkliche Entkleidungen; und dazwischen immer:
»Sie sind anders. O, Sie können diese Abscheulichkeiten nicht einmal
verstehen!«
Dagegen verstand Lola, daß er, der durch die Verleumdung aller übrigen ihre
Gesinnung zu gewinnen hoffte, auch sie jeder anderen geopfert hätte.
Sie hörte zu und sprach unter fortwährendem Vorbehalt, mit innerem Hohn,
als zu einem unzuverlässigen Partner, einem Feind; -- aber sie kam in Fluß,
lachte erregt, bemerkte plötzlich selbst, daß ihr Plappern gerade so
gedankenlos lebendig klang, wie heute mittag das von Mai. Es befremdete sie
kurz, dann fand sie sich ab. »Immer alles abwägen, für alles ganz
eintreten, wie mit Arnold, das ist auch nicht das Wahre, so bin ich auch
nicht.« Sie war nun so, daß Pardis Wesen sie hinriß. Seine Art, das feste
Handgelenk zu schütteln, daß die Goldkette daran klirrte, im Gehen mit
geschmeidigem Raubtiergriff einen Zweig herunterzureißen, vermöge des
gerundeten Armes, des zur Seite geneigten Kopfes ein Gefühl sichtbar zu
machen gleich einer Gestalt; seine Art, angesichts der Menschen, bei denen
sein Geist grade weilte, von ausgesuchter Höflichkeit jäh in ungehemmte
Feindseligkeit umzuschlagen, die äußerste Spannkraft seiner Gefühle und
seiner Mienen, die weiche Wildheit in ihm, das Süßliche und das
Gefährliche: seine Art nahm Lola dahin, als triebe sie in blumenüberhäuftem
Kahn auf einem Goldstrom, einem gedämpft reißenden, neben dem Paläste
aufflammen und über dem ein starker Himmel flimmert. Keine Minute faßte
sie, inmitten Gelächter und Lautenklang, Vertrauen. Der Kahn war wohl leck,
die Paläste aus Pappe, und was den Fluß bunt sprenkelte, nur Schlamm: --
aber inzwischen floß sie dahin.
Zu Hause fand sie Mai in übelster Laune.
»Man muß sagen, du nimmst wenig Rücksicht auf deine Mutter! Drei Wochen
schon langweile ich mich, dir zu gefallen, bei diesen schlecht Angezogenen.
Endlich zeigt sich ein Herr aus unserer Welt, und da führst du ihn den
ganzen Tag draußen im Schmutz herum. Aber du bist ein Charakter, der
anderen wenig gönnt!«
»Eine Szene, Mai? Wenn ich gewußt hätte, daß du mitgehen wolltest --.«
»Verstelle dich nur! Habe ich dir nicht stets die größten Opfer gebracht?
Noch in Barcelona hättest du heiraten können, wen immer du wolltest. Ich,
deine Mutter, wäre zurückgetreten . . .«
Mai schluchzte.
Beim Abendessen stellte sich heraus, daß nicht sie allein eifersüchtig war.
Die Baroneß Thekla schlug einen derb strafenden Ton gegen ihren Vetter an.
Frau Gugigl erinnerte ihn mit saurer Munterkeit daran, daß sie alle
gemeinsam hätten nach der Römermauer gehen sollen. Lola beteuerte, daß sie
die Verabredung überhört habe.
»Ja, ja, ich kann mir's denken!« -- und Frau Gugigl versuchte, gutmütig zu
lachen.
Gwinner und Gugigl riefen einander, ohne jemand anzusehen, aber mit Ironie,
»Prost« zu.
Pardi führte einen geschmeidigen Kampf gegen die bittere Stimmung ringsum.
Seine Liebenswürdigkeit breitete sich aus, wie ein parfümierter Fächer. Nur
der alte Baron Utting und Arnold kamen seinen Werbungen entgegen: Arnold,
fand Lola, als ob er ihm dankbar dafür wäre. Mai blieb beleidigt. Und Tini,
deren Augen noch nie so groß und schwarz, deren Gesicht noch nie so bleich
und gestreckt gewesen war, vereinigte Lola und den Italiener in einem
langen Blick, voll eines leidenschaftlichen Zweifels.
Gwinner antwortete sie gar nicht. Wie der alte Utting aus dem Zimmer ritt,
verließ auch Tini es, kam aber nach kurzem zurück und begann Pardi wegen
dessen anzugreifen, was er am Morgen zur Frauenfrage geäußert hatte. Und
diesmal war sie nicht zu beschwichtigen, ließ sich durch keinen Scherz
ablenken und stritt erbittert. Gugigl unterstützte sie. Dann fragte er
seine Frau, ob sie sich gewogen habe. Endlich scheine die Milchkur
anzuschlagen. Die Baroneß Thekla lachte; Gugigl habe sich verraten. Seine
Frau verteidigte ihn.
Ein leidlicher Friede kam zustande. Der Ausflug nach der Römermauer ward
für morgen neu angesetzt. Nur Mai blieb widerspenstig. Umsonst hielten alle
ihr die Seltsamkeit der Ausgrabung vor. Sie zog, das Gesicht ganz dick vom
Schmollen, ihr letztes Wort noch hin, im Innern glücklich, weil sie so
viele um sich bemüht sah. Sie wisse schon, was dort ausgegraben werde.
»Auch in Brasilien haben wir viele Römersachen.«
Pardi mußte erst seine ganze Erobererkunst auf sie zusammenziehen; -- und
plötzlich platzte sie aus, wie ein Kind, das lange Zeit alle zum besten
gehalten hat.
Wie Lola in ihrem Zimmer war, zog sie die Tür hinter sich zu, lehnte sich
dagegen und sah darein, wie zum Geflacker der Kerze die Schatten tanzten.
Leer und ängstlich war ihr's; ihr Hals fühlte sich zugeschnürt an. Welch
ein nichtiger, verstimmter Tag, mit zufälligen und unerquicklichen
Menschen!
»Was sollen mir dieser Italiener und dieser Deutsche?«
Sie machten sich gegenseitig erstaunlich unwichtig, hoben einander auf. Man
ward müde und verstand sich selbst nicht mehr. Warum mußten grade diese
beiden kommen? Draußen in der Welt waren noch so viele, so überwältigend
viele Gleichgültige . . . Sie ging ans Fenster und sah trostlos ins Dunkle,
Weite.
»Nur damit es kleinliche Aufregungen und Krisen gibt.«
Dann wandte man einander den Rücken, reiste weiter, alles entschwand, und
mit Überdruß sah man sich in neue, nichtsnutzige Dinge geraten.
Da gedachte sie jener Mondnacht, in der sie hier gestanden hatte. Sie war
mit Arnold durch das Land dort unten gewandert, das damals voll
entzückenden Truges gewesen war. Umgeben und erfüllt von Bedeutungen hatte
sie sich gefühlt . . . Sie spähte hinaus, blickte ins Zimmer zurück: wie
alles unwichtig war! Frierend vor Einsamkeit, fiel sie mit geschlossenen,
trockenen Augen gegen das Fensterkreuz.
* * * * *
Gleich beim Erwachen hatte sie das Gefühl des Erwartens. Sie erwartete,
einer von ihnen werde sie holen, dem andern zuvorkommen, sie ihm entreißen.
Vor sich selbst verborgen, wünschte sie, daß es Arnold sei. Sie war
gespannt von Ehrgeiz für ihn. Er sollte nun zeigen, wie er sich behauptete,
sollte ihr beweisen, daß sie den rechten Freund gewählt habe. Er sollte
sich messen mit jenem.
Niemand kam. Gegen Mittag begegnete sie Pardi und wich ihm aus, obwohl er
sie schon angerufen hatte. Dann war sie, bei Tisch, in Empörung gegen
beide: gegen Arnold, der vor Pardi errötete, und gegen den Italiener in
seiner banalen Sicherheit. Unversehens ging ihr auf, daß seine Geste aus
lockerem Gelenk der des Spielers ähnelte, der mit Karten hantiert.
Gleichzeitig sah sie Arnold seinen sorgenvollen, schwachen Griff zwischen
die Brauen tun; -- und sie hatte die Empfindung, als führten zwei Masken,
zwei Maschinen ihr ein vorausgesehenes, ärmliches Scheinleben vor.
Es blieb bei der Fahrt nach der Römermauer. Lola hielt es noch immer für
unmöglich, daß Arnold sie gehen lasse. Jeden Augenblick mußte er den Mund
öffnen und sie daran erinnern, daß es schade sei, ihren gewohnten Waldgang
zu versäumen. Als man aufstand, ohne daß er gesprochen hatte, war ihr übel,
wie bei einem Verrat. Sie erklärte, nicht mitgehen zu können.
»Du siehst wirklich nicht gut aus,« sagte Frau Gugigl. »Tini, bevor wir
aufbrechen, bringst du Lola einen Tee.«
In ihrem Zimmer standen wieder seine Blumen! Welch Geständnis kraftlosen
Verzichtes!
Tini trat zu ihr ein; sie hob die Augen fremd, feierlich und scheu vom
Teebrett.
»Ich danke dir, Tini.«
Keine Antwort. Das Silberzeug klirrte in der Stille; Tini wandte sich
. . . Da war sie mit einem schlanken Wurf auf den Knien vor Lolas Füßen.
Die Arme um Lolas Hüften, flüsterte sie mit geschlossenen Augen, wie aus
einem leidenschaftlichen Traum:
»Weißt du noch, wie wir davon sprachen, daß es so viele Millionen Menschen
gibt, und daß doch einmal etwas geschehen kann, und daß ich sicher glaubte,
du würdest noch mal ein großes Glück haben? Siehst du, jetzt hast du's! O,
ich sehe wohl, daß du es hast!«
Und fort war sie. Lola spürte noch ihre wilde Umarmung, wie es auf der
Treppe schon wieder still war.
Als sie eine Stunde später hinab in die Stube ging, wartete auf der
Schwelle Pardi. Er küßte ihr die Hand und sagte:
»Sie glaubten doch nicht, ich werde ohne Sie diesen Ausflug machen?
Natürlich habe ich Briefe vorgeschützt, um Ihnen Gesellschaft leisten zu
dürfen.«
Und da er ihre abweisende Miene bemerkte:
»Wie geht es Ihnen? Kann ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein?«
»Sind alle fort? Auch meine Mutter?«
»Ihre Mama und -- alle.«
»Ich möchte mich in den Garten setzen.«
»Ihre Blässe ist deliziös. Ich schwärme für die kleinen Krankheiten der
Frau . . .«
»Ich sehe scheußlich aus.«
»Lachen Sie nur! Ich schwöre Ihnen, daß ich weiß, was ich sage; daß ich
auch weiß, was ich will.«
Das traf sie. Allerdings: dieser wußte, was er wollte. Und sie widersprach
seinen Schmeicheleien nicht mehr. Was für eine Stimme er hatte: biegsam,
zart, und doch aus gefährlichem Stoff, -- wie ein Galanteriedegen. Zu
dieser Stunde, war sie versichert, sehnte Arnold, indes er Wohlgefallen an
der Römermauer heuchelte, sich mutlos nach ihr, die seiner mit ganz ruhiger
Geringschätzung gedachte.
Als er ihr wieder vor Augen kam, konnte sie nur erstaunen über das Maß von
Geniertheit und Mangel an Geistesgegenwart in all seinem Gehaben. Sie sah
Pardi an, ob nicht auch er erstaune. Den ganzen Nachmittag hatte sie Pardis
Fechterkörper sich um sie her biegen gesehen, so leicht und
selbstverständlich in seiner Schlagfertigkeit, daß nun Arnolds
Ungeschicklichkeiten ihr wie Kunststücke vorkamen. Sie erinnerte sich, eine
besondere Schönheit erfaßt zu haben in dem, der weltfremd und unterdrückt
war und erst frei ward, wenn er träumte. Die Schönheit war fort; und Lola
spürte Scham bei seiner Unschönheit, als sei sie daran mitschuldig.
Die folgenden Tage beobachtete sie Arnold neu, legte alles neu aus. Hatte
er nicht, so oft er auf jemand losgehen, sich Blicken, Urteilen preisgeben
mußte, Bewegungen, als hielte er sich mühsam vom Davonlaufen zurück? Er war
feige. Er war unmännlich in seinem Zurücktreten vor Pardi, in seinem
Erröten, seinem Eifer, wenn der Italiener sich einmal mit ihm abgab. Er war
ein ängstlicher Egoist, immer in Sorge, sich mit jemand messen, seinen
traurigen Frieden aufgeben zu müssen. Das machte ihn kleinlich und
ungenerös: jenen Vorfall mit der Bettlerin, der er nichts gab, hätte Lola
nur von seinen schönen Worten unbestochen beurteilen sollen. Jetzt bemerkte
sie, wie er sich kleine Geldbeträge erstatten ließ, die er für die Gugigls
ausgelegt hatte. Sie bekam einen Schreck, so oft sie derartiges wahrnahm.
Alle, meinte sie, müßten darauf aufmerksam werden und sie höhnisch ansehen:
sie, die solange mit ihm verbündet gewesen war. Fortan vermied sie es, sich
neben ihm zu zeigen; sein Anblick erbitterte sie, weil er sie getäuscht
hatte; und mehrmals war sie drauf und dran, sich seine Blumen zu verbitten.
Beständig war ihr's, als habe sie das alles schon einmal erlebt, und zwar
einfacher und deutlicher; als gliche dieser Arnold einem andern, und werde
durch jenen erst ganz aufgeklärt werden. Wie sie ihn eines Tages mit einem
faltigen Socken dasitzen sah, fiel's ihr ein: Herr Dietrich, ihr
Geschichtslehrer! Herr Dietrich, der schüchtern und ironisch gewesen war,
und mit ihnen wie mit erwachsenen Damen gesprochen hatte. Der Mutter und
Geschwister unterhielt, und dessen Leben liebreich dahinfließen mußte, voll
sanfter, gütiger, edler Gedanken. Dann aber war ihm ein gelber Strumpf über
den schwarzen Schuh gerutscht; er hatte mit der dicken Jenny kokettiert;
und hatte Lola das Haar wieder weggenommen, das sie ihm aus dem Ärmel
gezupft hatte. »So etwas tut man nicht!« und »gib's her!« hatte er gesagt
. . . Die Lust überkam sie, Arnold in das entlarvte Gesicht zu lachen. Ob
er nicht der dicken Köchin im geheimen begehrliche Blicke nachwarf? Der
Strumpf rutschte ihm nun auch. Und er vertrat keinen guten Geschmack,
dieser Strumpf. Arnolds Anzug war manchmal schlechthin der des Herrn
Dietrich. Andere Male war er zu sehr das Gegenteil. Er übertrieb und
verweichlichte dann die Mode, in der Art italienischer Stutzer. Pardi war
maßvoll dagegen; auch brachte er es nicht fertig, einen Lodenkragen dazu
anzuziehen. Arnold kleidete sich ungleich, wie jemand, der nicht weiß, was
er aus sich machen soll, in welcher Gestalt er sich zeigen und für wen er
selbst sich halten soll. Lola erinnerte sich all der Widersprüche in seinen
Gesprächen; -- und sie bemerkte, daß sie, mochte er ihr auch alles in sich
enthüllt haben, doch kein fertiges Bild von ihm habe. Wenn er ihr das
Nächste eröffnet hatte, war ihr das vorige schon nicht mehr gegenwärtig,
nicht mehr recht begreiflich: -- wie es mit unseren eigenen Erlebnissen
geht. Sie dachte: »In ihm fließt alles durcheinander, wie sonst nur in mir
selbst. Von den anderen Menschen hat man doch immer einen kurzen, klaren
Abriß.«
Sie versuchte ihn abzutun: »Er ist widerlich kompliziert. Er kennt keine
unmittelbare Regung. Niemals könnte er lieben.«
Bei Pardi wußte man wenigstens, was vorging: die einfachsten Triebe
wirkten, das Leben war frischer, ursprünglicher. Man gab sich nicht von
seinen Stimmungen Rechenschaft, und nicht von denen der Landschaft, durch
die man ging: man bewunderte darauf los, man hörte mit grundlosem Lachen
Komplimente an, die aufs Geratewohl gemacht wurden. Man trat in die
Bauernhäuser, war mitteilsam, furchtlos und menschenfreundlich. Man
grübelte nicht über Almosen. »Wie sehr sehnte ich mich in meiner
schlimmsten Verlassenheit, unlängst auf dem Meer, nach dem Gefühl
menschlicher Gemeinschaft, nach einfacher Liebe zu Menschen!« Hier war das
Wohlwollen, das aus Stärke hervorging; waren entschlossene männliche
Meinungen, die aus der Frau keine große Frage und nicht viel Federlesen mit
ihr machten. Manchmal ließ man sich das gern gefallen, auch wenn man
widersprach. Man brauchte sich selbst nicht gar wichtig zu nehmen und hatte
es leichter. Warum nicht in diesem warmen Lebensstrom dahintreiben?
Und doch störte es sie in Pardis Gesellschaft, daß sie einen Selteneren,
Wertvolleren in der Nähe wußte. Sie wehrte sich. »Ich bin doch jung.« Und
sie empörte sich gegen Arnold, als hätte er sie an ihrer Jugend, an den
Rechten ihrer zwanzig Jahre kürzen wollen.
* * * * *
Wenn sie jetzt sang, ward unterm Fenster schallend mitgepfiffen; dann
erschien im hellen Rahmen Pardis Kopf; Pardi arbeitete sich herauf, schwang
sich lautlos ins Zimmer, störte mit keiner Regung mehr die Sängerin, die,
in Tönen befangen, das alles nur wie fernes Schattenspiel geahnt hatte; --
und nun sie endete, brach er in stürmisch überzeugten Beifall aus. Seine
Begeisterung hatte Herzensklang; naiv gab er sich der Lust hin, die ihr
Gesang ihm erregte; und keinen Augenblick war er im Zweifel, daß aller Welt
gefallen werde, was ihm gefiel.
»Sie werden Glück haben, ich fühle das!«
Aus der Fülle seines Glaubens an sich selbst gab er Lola ab. Ihre Zukunft
zeigte sich auf einmal besonnt. »Was will ich denn? Alles geht doch
herrlich! Wie konnte ich mir neulich einbilden lassen, die Stimme sei in
den Hals gerutscht und tremoliere?« Denn sie hatte das Gefühl, daß diese
Ängste ihr nur von Arnold eingegeben seien. Auch Mai hatte es.
»Siehst du jetzt, daß du eine große Sängerin bist? Als jener Deutsche wie
ein Stock dabeistand, mußte er dich natürlich entmutigen!«
Pardi schlug die Noten um; er flüsterte ihr, über sie gebeugt, in den
Nacken; und Mai bekam, in seinen Atem gehüllt, starr lächelnde Augen. Auch
in ihrem Zimmer sah Lola sie abwesend lächeln. Mai hatte etwas Erweichtes
und Verwirrtes, seufzte oft und warf die Augen, wie zum Sprechen, auf Lola.
Doch schwieg sie, unter Nöten.
»Ist das Fältchen am Auge jetzt wirklich fort?« fragte sie nach
stundenlangen Bemühungen vor dem Spiegel. »Kann niemand sehen, daß es
einmal da war?«
»Überhaupt bist du wieder in einer Zeit, Mai, wo du alle Tage jünger
wirst.«
Ein neuer Anbeter: und Mai verjüngte sich. Wieder kam sie im Hemd, zum
Gutenachtkuß, an Lolas Bett, Vertraulichkeiten auszutauschen, als ältere
Schwester.
»Ich glaube, Pardi liebt mich. Hast du nicht auch den Eindruck? Gestern den
ganzen Abend hat er sich mit mir unterhalten: die Anderen barsten; und
heute, wie er mich in der Hängematte schaukelte, hat er mir Dinge gesagt
. . .«
»Er sagt allen Dinge, Mai.«
»Mich aber liebt er: das ist ein Unterschied.«
»Wie so einer liebt! Du bist kindlich, Mai! Kannst du dir nicht denken, daß
er im Dorf schon ein Verhältnis hat?«
»Wer sagt das?«
»Nein, erschrick nicht; ich weiß nichts. Das aber mußt wohl auch du sehen,
daß er den anderen drei Frauen hier nicht weniger den Hof macht als dir.«
Mai stutzte und lächelte frohlockend:
»Ach so! Du bist eifersüchtig auf mich?«
Aber da sie Lola erröten sah, warf sie ihr die Arme um den Leib, und ihre
Stimme feuchtete sich.
»Du liebst ihn! Ich will nicht deinem Glück im Wege sein! Ich opfere mich!«
Lola machte sich zornig los.
»Darum handelt sich's nicht, Mai. Hast du nicht bemerkt, daß er den ganzen
Nachmittag mit seiner Cousine fort war? Sie sind bei der Heuernte gewesen;
sie haben im Heu gesessen und, was weiß ich: Bier getrunken.«
»Das ist schrecklich!« -- und Mai stampfte auf. »Er wird erfahren, daß man
mich nicht zum Besten hält!«
»Sei kein Kind, Mai! Die Baronesse Thekla ist vernünftig genug, und sie
weiß, daß er der Marie halbnackt Modell steht und mit der kleinen Tini --«
»Halbnackt!«
Mais Aufschrei erbarmte Lola. Sie trocknete ihr die Tränen, herzte und
tröstete sie.
»Den Eindruck habe ich zwar doch, daß du, Mai, ihm am meisten gefällst von
uns allen. Ihr versteht euch am besten, weißt du.«
»Nicht wahr?« -- und Mai ließ sich zu Bett bringen.
»Möchtest du denn Kontessa Pardi werden, Mai? Die Frau von Cesare Augusto
Pardi? Welch stolzer Name!«
»Wer weiß . . . Vielleicht. Aber nur, wenn du es nicht möchtest.«
»Ausgeschlossen, Mai. Ich könnte ihn niemals lieben.«
Warum lieben? Lola überlegte es oft: was gab es Persönliches an Pardi zu
lieben? »Mit diesem Typus bin ich doch wohl glücklich fertig. Alle waren
so, Da Silva und die früheren. Und da ich jene losgeworden bin und auch Da
Silva entbehren kann --.« In manchen Augenblicken und besonders einmal, als
Pardi gelaufen kam: gierig wie ein Tier, ganz auf das Ziel zusammengezogen
war er dahergelaufen: da hatte sie geglaubt, Da Silva zu sehen. Sie führte
absichtlich dieselben Gespräche mit Pardi wie mit Da Silva, und wußte seine
Antworten voraus. Daß er von »Emanzipation« schon gehört hatte, wunderte
sie . . . Nur stand hier der Typus auf der Höhe des Lebens, war gereist und
vollendet: aber nicht gesättigt. Immer noch waren seine Äußerungen auf eine
Art, die Lola merkwürdig stark zum Kampf reizte, aus Abenteurerhaftem und
Philisterei gemischt.
Gleichviel: Lola hätte es nicht rühmlich gefunden, in den sich zu
verlieben, dem links und rechts die Frauen zufallen mußten, der über alle
die gleiche, beschämend sinnliche Macht erlangte. Sie spürte eifersüchtiges
Unbehagen, wenn sie eine der anderen bei Pardi glänzendere Augen und
schmachtendes Wesen bekommen sah; -- und gleichzeitig schämte sie sich.
Der Italiener erhielt fortwährend alle in Bewegung. Während die eine noch
mit verträumten Wangen umherging, triumphierte schon eine andere; und die
dritte, die zurückkehrte, ward mit Unruhe gemustert. Mai schmollte halbe
Tage, lachte dann wieder alle aus, und am Abend hatte sie eine Tränenkrise.
Die Baronesse Thekla fluchte auf bayrisch und kam wenig mehr nach Haus.
Frau Gugigl nötigte Tini, mit ihr, nach ihren Einfällen und von der Mode
unabhängig, Hüte aufzuputzen. Sie trug den Zopf als Fladen an die linke
Schläfe gedrückt und entlieh von den Bäuerinnen die dicken Goldlitzen aus
dem großmütterlichen Hochzeitsstaat, um sich Pardi in künstlerischen
Gewändern vorzuführen. Über Mais und Lolas Abhängigkeit von Paris gönnte
sie sich jetzt spitze Bemerkungen. Saßen alle in der Stube, enthüllte sich
hier und da, kurz und halblaut, eine Feindseligkeit. Mai wollte die Läden
fast geschlossen, die Baroneß Thekla alles weit offen, und beide
erbitterten sich gegen Tini, weil ihr jedes Licht recht war. Frau Gugigl
verlangte ungewohnte Rücksichten von Lola, die nicht verheiratet sei.
Männerschritte wurden hörbar: und sogleich lief ein künstlich angeregtes
Lachen um. Dann waren's nur Gugigl und Gwinner, und sie wurden mit
Geringschätzung empfangen.
Sie rächten sich, nun er nicht dabei war, an dem, der sie verdrängte und
kleinlaut machte.
»Wo is denn der Katzlmacher?« fragte zuerst Gugigl, und bat mit gutmütigem
Grinsen der Baroneß Thekla die Kränkung ihres Vetters ab. Sie hatte nichts
dagegen, der anderen wegen, die es in ihren Gefühlen verletzte. Und jede
lachte mit: weil sie den übrigen einen Stich gönnte, und auch, um sich
gegen Pardi zu waffnen. Wie Gugigl doch komisch war! »Der galante
Ratzifatzi«, verkündete er und krümmte sich wie eine betrunkene Schlange
und das Gesicht von Süßigkeit ganz verrenkt, um die Damen her. Ja, so war
Pardi eigentlich! Gwinner legte, den runden Kopf vorsichtig zwischen den
hohen Schultern, Eier um sie her, die Witze waren. Er sagte:
»Alles gleicht sich aus. Wenn ich solchen übermenschlichen Schick sehe,
denke ich immer an Löcher im Hemd.«
Er wiederholte dies häufig, gab Rätsel auf, deren Lösung »ein Loch im Hemd
Pardis« war, beteuerte jede seiner Behauptungen »bei den Löchern im Hemd
des Pardi«. In Pardis Gegenwart umschrieb er: »Bei den Löchern, Sie wissen
schon in wessen Hemd.« Die Damen kicherten verlegen; Pardi, der umsonst
aufhorchte, lachte mit, ein Lachen, das sie rührte, und bei dem sie ihm,
wie um Verzeihung, zunickten. Er stutzte, ward plötzlich ernst. Das nächste
Mal, als er die rätselhaften Laute fallen und die Mienen wieder so
verdächtig mitleidig sah, schlug sein bezauberndes Lächeln unvermittelt in
eine breite, katzenhafte Drohung um. Die Damen erschraken, Gwinner machte
eine kleine demütige Verbeugung. Aber Gugigl, der soeben seinen Maßkrug
geleert hatte, richtete sich kühn auf, strich mit der Hand über den
feuchten Bart und blickte gefaßt und kundig umher, als sei er er bereit,
Hand anzulegen, wo es fehlte: ein Faß Bier anzuzapfen oder einem Huhn den
Kopf umzudrehen.
»Was is denn?« fragte er, inmitten der Stille, mit hoher Trompetenstimme.
»Hier hat doch überhaupt gar niemand Löcher im Hemd.«
Pardi faßte jetzt ihn ins Auge. Gugigl schmetterte prahlerisch:
»Und Katzlmacher gibt's hier auch keinen!«
»Sie meinen?« fragte Pardi. »Was, bitte?«
Seine Cousine schlug auf den Tisch. Ihre nackten, gebräunten Arme lagen
darauf; sie beugte sich weit darüber und sah aus, als erstickte sie: so
voll zornigen Vergnügens war sie. Das war eine Hetz! Am End' ward noch
gerauft!
»Dummer Bua, _dich_ meint er!« schrie sie ihrem Vetter ins Gesicht.
Er verbeugte sich leicht vor ihr. Plötzlich trug er das liebenswürdigste
Lächeln, wandte sich an Mai, an Arnold . . . Gugigl, den er nicht mehr
beachtete, nahm große Schlucke. In allzu geräuschvoller Heiterkeit endete
das Mittagessen. Wie man aufgestanden war, wurden Gugigl und Pardi vermißt.
Tini stürzte herein, die Augen erweitert von banger und wilder
Feierlichkeit.
»Sie sind draußen. Sie wollen sich schlagen!«
»Wer? Bist du verrückt?«
»Pardi verlangt es!«
»Himmel!« machte Frau Gugigl, mit einer kleinen, irren Stimme, die
Schultern hinausgezogen und die geschlossene Hand am Mundwinkel. Die
Baroneß Thekla warf barsch hin:
»Blöde Mannsbilder, blöde!«
Mai, die nichts begriff, lachte über sie. Aber Lola gewahrte Gwinner, der
aus einem unbeteiligten Winkel herschielte. In einer Wallung von Haß, die
sie selbst überraschte, und in dem jähen Drang, zu handeln, sich zu äußern,
ging sie auf ihn los.
»Da haben Sie's! Sind Sie zufrieden? Das kommt von Ihren unanständigen
Witzeleien! So unanständig wie billig! Jemand braucht nur elegant angezogen
zu sein --«
Sie erschrak und brach ab. Gwinner hatte sie demütig, blaß feixend
angehört; und von den anderen, die Lolas Ausbruch sicher verstanden hatten,
legte niemand ihm Gewicht bei, so verstört waren alle. Lola selbst atmete
rascher. Ihr fiel ein, daß Frau Gugigl und die Baroneß Thekla zu ihrem Mann
und ihrem Vetter hinausmüßten; -- und dann trat sie selbst in die Haustür
und beobachtete, wie die beiden Frauen, an die Arme der Männer gehängt, auf
sie einsprachen.
Da polterte es auf der Brücke zum Schlafzimmer des Barons Utting; der
Pferdekopf erschien an der Hausecke; und neben dem Tier ging Arnold. Der
Alte ritt hinüber, vor die Öffnung des Baumganges, beugte sich vom Pferd,
legte die Hände auf die Schultern der beiden Gegner. Sein großer heller
Bart stieg in der Sonne auf und nieder. Die Gesichter blinzelten, mit
scharfen Schlagschatten, zu ihm hinauf. Frau Gugigl flatterte, unter den
kleinen, bunten Flügelschlägen ihrer weiten Hängeärmel, um die eifrige
Gruppe.
Nun schien es dem Alten gelungen, er wandte das Pferd. Lola kehrte ins
Zimmer zurück. Gleich nach ihr kam Gugigl, hob die Arme, schnitt Fratzen
und krähte darauf los:
»Mir war's g'nua! Eine Courasch wenn der Katzlmacher hat!«
Der Anblick seines Maßkruges gab ihm Festigkeit. Er ergriff ihn, stemmte
sich auf gespreizte Beine und hob ihn nervig an die Lippen. Die beiden
Frauen brachten Pardi herein; er mußte mit Gugigl trinken. Er tat es unter
knirschendem Lächeln, richtete an die Damen einige galante Sätze und
verschwand wieder. Man war besorgt und unzufrieden.
»Ah! der stört die Gemütlichkeit!« rief seine Cousine. »Da sicht mer's, was
dees da drunt für Bazi sein!«
»Gehn's, machen's doch an Witz!« -- und Gugigl sah aus geröteten Augen
erbittert auf Gwinner.
»Wissen Sie, warum er sich mit Ihnen schießen möchte?« begann Gwinner
pünktlich. »Damit auch Ihr Hemd Löcher kriegt!«
Nur Frau Gugigl lachte. Tini fragte tiefernst, mit etwas Starrem im Ton:
»Und Sie, Herr Gwinner? Würden Sie sich schlagen?«
»Ach ja, das ist interessant!« -- und Frau Gugigl hüpfte empor. »Wie stehen
wir eigentlich zu der Frage im allgemeinen?«
Gwinner erklärte, er würde solche Sache in zwei Minuten erledigt haben. Für
ihn als modernen Menschen sei der Zweikampf ein einfacher Unfug und tief
unter seiner Würde; -- und er erklärte es in so herausfordernder
Sprechweise, als hätte er jedes Wort sogleich mit der Waffe vertreten. Frau
Gugigl stimmte begeistert zu. Tini stand ohne Regung; sie sagte langsam,
und jede Silbe ward von einer rätselhaften Schwere erschüttert:
»Das hatte ich von Ihnen nicht anders erwartet.«
Lola wandte sich nach Arnold um.
»Wie denken Sie?«
Ȇber den Zweikampf? . . . Ich habe vorhin eingegriffen, um einen zu
verhindern . . . Was mich betrifft: -- aus eigenem Drang würde ich mich
vielleicht schlagen, nie um der Welt willen. Es muß jemand da sein, der
nicht mehr leben darf: dann ja . . . Aber wer hat so starke Affekte?
Vielleicht . . . Ich weiß nicht, komme ich für das Duell in Betracht? Alles
kann eintreten: auch daß ich einen Orden erhalte oder ins Zuchthaus komme.
Nur kann ich mir's nicht vorstellen . . .«
»Ist er nicht zu komisch?« fragte Frau Gugigl. Ihr Mann bemerkte:
»Ah! Freunderl! Sie san g'scheit.«
Und Lola schwieg, enttäuscht. Sie hatte sich gewünscht, auch ihn verachten
zu dürfen. Nein: er behielt das Recht, ihr Blumen, als Mahnungen, ins
Zimmer stellen . . .
* * * * *
Plötzlich stieß Mai einen Schrei aus. Sie hatte begriffen, was vorgegangen
war! Nachträglich kam alles in ihr in Wallung. Lola brachte sie hinauf. Wie
Lola dann am Fenster stand, sah sie, unvorbereitet, Pardi aus den Büschen
treten. Er stand grade unter ihr, ganz nahe: sie unterschied die
gesträubten schwarzen Härchen auf der energischen Blässe seines Gesichts
und erschauerte, als werde sie von seinen Wimpern gekitzelt. Flüsternd und
eindringlich, mit einer Art herrischen Flehens, verlangte er, daß sie
hinunterkomme. Sie sah sich um: Mai hatte nichts gehört; und sie ging,
leicht betäubt.
Pardi erwartete sie am selben Fleck. Sie vermieden die Vorderseite des
Hauses und erreichten durch eine vorsichtig geöffnete Seitenpforte den
lautlosen Wiesenboden.
»Ich danke Ihnen!« sagte Pardi, leise und stürmisch. »Wie sehr habe ich es
in diesem Augenblick nötig, zu jemand zu sprechen, der mich versteht! Ist
es zu glauben, daß man hier die Dienstboten mit >Sie< anredet und sogar den
Kopf vor ihnen entblößt?«
Lola sah ihn rasch an, -- und dann konnte sie ihr Gelächter nicht mehr
dämmen. Er war zornig erstaunt.
»Auch Sie? Lachen Sie doch nicht! Sie kennen diese Leute noch nicht. Alles
Sozialisten und Schlechterzogene! Man braucht nur ihre Kleidung anzusehen.
Die Schuhe und die Nase dieses Gugigl: beide krümmen sich nach oben.
Verkommen sind alle, überzeugungslos und feige. Sind das noch Männer, die
ihren Frauen diese Sitten gestatten und diesen Ton? Wer stopft hier die
Socken? Mulier subiecta viro. Leugnen Sie es nicht! Ich weiß, welche Ideen
Ihnen jener Hölzerne, Furchtsame, einzuimpfen trachtet. Aber sehen Sie nur
seine Hände an, die immer weich werden und anschwellen . . .«
Lolas Lachen brach ab.
»Sie sind zu klug: Sie lassen sich nicht unglücklich machen. Glauben Sie
mir: die Frauen hier sind sämtlich unglücklich. Man hat ihnen die Zügel
abgenommen, und allein wissen Sie nicht wohin und wie sich wehren . . . Sie
aber, was tun Sie hier? Sie sind doch stärker als alle diese.«
Er ließ ihr den Vortritt auf das Brett über einer sumpfigen Stelle. Aber am
Ende des Brettes trat sie in Wasser und wandte sich um. Auch er blieb
stehen.
»Sie sind doch stärker!« wiederholte er und warf sich dabei selbst in die
Brust; und durch seinen leichten, engen Leinenärmel hindurch sah sie, daß
er die Muskeln anspannte. Feindselig, auf ihrer Hut, führte sie ihren Blick
hinauf, bis in seine Augen; -- und in den sprachlosen Sekunden, die sie
einander musterten, war es ihr auf einmal heftig erleuchtet, nicht mit den
Hiesigen und nicht mit Arnold habe sie Zusammenhang . . . Sie erschrak über
den Leichtsinn, mit dem sie zu dieser Begegnung ausgegangen war, und
darüber, daß sie noch soeben gelacht hatte.
»Also kehren wir um!«
»Haben Sie Furcht?«
»Wovor denn? Die Wiese ist ungangbar. Vor Ihnen doch nicht? Sie sind ja
noch einer von den Rittern.«
»Ein Jäger, sagen Sie! Der Mann ist Jäger.«
Da sie schwieg:
»Ihre Mama spricht davon, nach Italien zu gehen. Sie werden mir hoffentlich
bald nachkommen. Denn Sie begreifen, daß ich nach dem Vorgefallenen nur
noch der Form wegen zwei Tage mit der Abreise warte. Wir müssen uns aber
wiedersehen!«
»Es wird mich freuen, wenn es sich so macht.«
»Nein! Wir selbst müssen es machen! Ich gehe nach Viareggio; aber ein
Telegramm, und ich fahre Ihnen entgegen, wie weit Sie wollen!«
»Ich begreife gar nicht . . .«
»Sie begreifen vollkommen, daß Sie zu uns gehören. Warum? Warum? Erstens
haben Sie eine gute Schneiderin.«
»Das allerdings.«
»Und dann viel Leidenschaft.«
»Das ist nicht wahr!«
»Das Temperament, womit Sie's leugnen! So viel bringt man hierzulande
höchstens auf, wenn man getrunken hat.«
Er neigte den Kopf auf die Schulter.
»Sie sind anbetungswürdig.«
»Sagten Sie nicht, daß Sie Jäger seien? Wirtlich, manchmal sind Sie wie ein
Jäger, der sein Wild gerührt bewundert, bevor er es totschießt.«
* * * * *
Sie waren bei der Pforte. Lola dachte daran, wie sie ihn los werde, bevor
man sie sähe: da verabschiedete er sich; er gehe noch nach dem Walde.
Hinter einem Busch rief Tinis Stimme, und sie klang erstickt:
»Komm her, Lola, ich muß mit dir reden!«
»Was ist denn, Tini? Wie hast du dich komisch hingesetzt?«
Tini saß neben einer Bank, fast unter ihr; griff mit ihren langen Armen um
das Sitzbrett herum und hielt den Mund in die Arme gepreßt.
»Lola, wie ist nun alles schrecklich!« jammerte sie und hob nur die Augen
auf. »Warum mußten sie in Streit kommen! Jetzt hab' ich gesehen, daß
Gwinner ein Feigling ist.«
Lola ließ sich rasch neben Tini auf die Knie, zog Tini in ihre Arme, hielt
ihr den Mund mit ihren Lippen zu.
»Er ist kein Feigling, arme Tini! Wie kannst du nur glauben! Er will keine
Gewalttat begehen, weil er sie ungerecht und unschön findet.«
»Du willst mich trösten.« Aufschluchzend: »Du bist gut. Aber das ist doch
klar, daß Pardi ein stärkerer Mann ist. Und dann kann mir die moderne
Weltanschauung auch nichts nützen, wenn einer sich nicht schlägt. Denke
dir, man wird beleidigt, und er schlägt sich nicht für mich. Schrecklich!
Schrecklich!«
Der Schmerz schüttelte Tinis Kopf, und das Weinen verzerrte ihr Gesicht zu
einer Kindergrimasse.
»Du hast ihn wohl sehr lieb gehabt, Tini?«
Tini schrak auf, -- und plötzlich fiel sie in Zorn.
»Nicht die Spur! Nur mit Reden hat er mir imponiert, gerade wie -- na, ich
kann's wohl sagen: gerade wie der Arnold dir!«
Lola ließ Tini los; schnell, ehe sie die Kränkung, die sie fühlte, bedacht
hatte:
»Der taugt doch wohl mehr, Tini.«
»Wieso?«
Beide senkten die Hände bis zur Erde, und, Tini sitzend, Lola auf den
Knien, sahen sie einander ganz nahe in die Augen.
»Hat er vor Pardi nicht Reißaus genommen? Meinst du, ich merke nicht, was
du durchmachst? . . . Und ich mit Gwinner! Du weißt noch gar nicht: ich
wollte Diakonissin werden, so fromm war ich. Immer hab' ich mich geschämt,
es dir zu sagen. Er aber hat mir Nietzsche zu lesen gegeben und mir soviel
Sprüche gemacht, bis ich glücklich ein modernes Weib war. Da hab' ich nicht
mehr gewußt, bin ich in ihn verliebt? Ich fragte dich doch, an was man's
kennt! Und wollte, daß er mich entführen sollte. Er sagte natürlich, es sei
nicht modern. Das sagt er immer; damit redet er sich aus allem heraus:
gerade wie dein Arnold. So sind sie jetzt. Ich aber bin anders!«
Und Lola sah wieder in die haltlos kreuzenden Augen eines wilden jungen
Vogels. Sie wich ein wenig zurück.
»Da kam der Pardi,« sagte Tini und nickte heftig. »Das ist einer, der täte
es. Aber meinst du, daß ich ihn mag? Er macht mir einen so gemeinen
Eindruck, Lola! Ich kann dich nicht genug vor ihm warnen!«
»Du bist noch sehr jung, Tini.«
»Aber schon furchtbar verdorben!«
Mit einem großen Ruck:
»Ich muß knien, ich!«
»Du, verdorben?« -- und Lola streckte wieder die Arme aus. »Durch was denn?
Nichts ist geschehen, arme Tini. Mit dir nicht und mit mir nicht . . .«
Ganz neues, durchdringendes Mitleid fiel Lola an, mit Tini, mit sich: als
seien sie beide verschmäht worden; und sie fühlte sich demselben haltlosen
Kinderweinen nahe, das vorhin Tini erschüttert hatte. Gern hätte sie Tini
wieder an ihrer Brust gehabt; aber Tini machte sich steif, und sie war
stärker.
»Was soll denn geschehen?« fragte sie mit ganz leerem Jungfrauengesicht.
»Wir haben doch unsere Gedanken, nicht? Und die sind nun anders und kommen
nicht mehr so wieder wie einst . . . Ich wollte, ich könnte noch
Diakonissin werden!«
Und bekennerhaft zurückgeworfen, mit leidenschaftlichem Atem:
»Es ist nicht wahr, daß ich Pardi nicht möchte. Ich hab' dich gehaßt, und
deine Mama auch, und die anderen auch: weil ihr mir ihn wegnehmt!«
»Ich nehme ihn dir nicht weg, Tini.«
»Doch! Gerade du! Paß auf, du wirst ihm folgen, wenn er fortgeht!«
Wie Lola sie mit Grauen ansah, warf Tini sich über sie.
»Und ich --« krampfhaft, erstickt: »-- werde dir dazu helfen. Du sollst
sehen! Denn dich will ich nicht hassen, Lola. Du bist die einzige, die ich
wirklich liebe, Lola: du bist mein Ideal . . . Mit den Männern ist es
nichts . . .«
Durch Tränen befreit, begann sie ein Liebkosen.
»Warum liebst du mich nicht?«
»Ich habe dich so lieb wie meine liebste Schwester.«
»Wirklich? Ich dich aber viel mehr! Schwester: was heißt das? . . . Und
warum hast du mir nie ein Wort des Dankes für meine Blumen gesagt?«
»Deine Blumen?«
»Die ich dir fast jeden Tag hingestellt habe.«
»Du hast --. Das warst du?«
»Wer sonst? . . . Ach! Arnold? Du dachtest? . . . O! Mach nicht solch
Gesicht! Das ist entsetzlich! Ich wollte, ich hätte nichts gesagt.
Vielleicht hat auch er welche hingestellt . . . Bist du mir nun böse?«
Lola faßte sich.
»Es macht gar nichts. Ich dachte wahrhaftig, er sei verliebt in mich; --
und wenn man dann merkt, er ist es nicht, ist man blamiert, weißt du.«
Tini hielt Lolas Gesicht zwischen den Handflächen fest und ging mit den
Augen darauf los.
»Und du liebst ihn nicht?«
»Nein!«
»Das ist recht: du hast nicht gezuckt . . . Hab' ich dir nicht längst
gesagt, daß er mir widerwärtig ist? Und auch unheimlich? Das ist nichts für
dich, meine Lola. Ich habe jetzt meine Erfahrungen, und wenn du einen Mann
willst, nimm schon lieber den Pardi!«
»Ich will mir's überlegen.«
Lola stand auf. Tini fiel vornüber auf die Hände.
»Au au! Hilf mir auf, Lola! Hast du dir nicht auch die Steine in die Knie
gedrückt?«
Mit wehmütigem Rückblick auf die Stelle, wo sie gelegen hatten, und
aufseufzend:
»Wenigstens hab' ich Hunger gekriegt.«
* * * * *
Auf der Schwelle, wie sie schon wieder die gewohnten Menschen um denselben
Tisch sitzen sah, merkte Lola, daß sie am liebsten umgekehrt wäre. Alle
Anstrengungen, unbefangen zu scheinen, ermöglichten ihr kaum, höflich zu
bleiben; und es ward ihr zur Qual, beim Sprechen den Leuten ins Gesicht zu
sehen. Zum Glück war die Verstimmung allgemein. Jeder nahm sich sichtlich
zusammen, um nicht auszubrechen gegen jeden. Mai sagte plötzlich etwas
Unliebsames zu Arnold. Pardi legte sich geschmeidig ins Mittel: er war der
einzige, der sich nichts anmerken ließ; und Lola war ihm dankbar dafür, daß
er sich in der Gewalt hatte. Wenn er sie anredete, atmete sie auf.
Er unterhielt die Gesellschaft von Monte Carlo, erklärte ihnen sein System,
glitt allmählich von den anderen ab und trachtete nur noch Lola zu
überzeugen. Überrascht, da sie zurückblieb:
»Sie haben nie gespielt?«
»Ich traue mir kein Glück zu.«
»Das müssen Sie: sonst verlieren Sie.«
»Drum habe ich nie auch nur das einfachste Kartenspiel gelernt.«
»Ich zeige Ihnen eins. Wollen Sie? Sie werden gewinnen!«
Sie richteten sich im Winkel ein. Aber die Regeln des Whist machten Lola
hoffnungslose Langeweile; sie mußte dazwischen nach Gwinner hinhören, der
wieder einmal Schriftzüge und Handflächen deutete. Tini hielt ihm ihre hin
und machte sich dabei, weit von ihm weggebeugt, ganz steif.
»Bei mir muß sich manches gründlich verändert haben,« sagte sie fast
ausdruckslos, vielleicht mit leiser Trauer und entferntem Hohn.
Er stotterte, fand nichts zu sagen; und von der Hand aufzusehen, wagte er
auch nicht.
»Doch, ich weiß eins,« entdeckte Lola plötzlich. »Ein sehr altes, ganz
einfaches: als Kind lernte ich es von meiner Großmutter, drüben auf der
Großen Insel. Lassen Sie mich's wiedersuchen!«
Sie warf die Karten durcheinander, teilte sie neu aus, probierte, dachte
nach . . . Ihr war, als zöge sie ein Stück Kindheit wieder an sich,
abhanden gekommenes Glück und verlernte Zuversicht. Ein etwas mißgelauntes
altes Gesicht unter einer Faltenhaube erschien ihr. Erregt lachte sie vor
sich hin. »Damals gewann ich immer! Alle Orangen gewann ich Großmama ab. O,
in diesem Spiel werde ich auch heute noch gewinnen!«
»So, also so: passen Sie auf! . . . Sie haben begriffen? Einen Pfennig die
Partie.«
Pardi lachte, erklärte das Spiel für sehr schwierig und verlor. Er verlor
mehrmals.
»Ich bin unglücklich, solange das Glück keinen Gegenstand hat. Haben Sie
etwas dagegen, daß wir diesem Pfennig den Wert einer Million beilegen?«
Lola erschrak.
»Aber -- das ist etwas ganz anderes. Und ich habe nicht so viel Geld.«
Pardi wollte sich ausschütten.
»Was denken Sie! Wenn das Spiel aus ist, wird der Pfennig wieder zum
Pfennig und verpflichtet zu nichts.«
»Also gut.«
Sie schämte sich ihrer Furcht. Lachend verlor sie die erste Partie, lachend
die zweite.
»Drei Millionen!« sagte Pardi nach der dritten und sah sie, beim Geben, von
unten an. Sie stutzte. Seine Stimme klang ihr weicher und gefährlicher als
sonst. Unter dem Überfall eines kindischen Entsetzens glaubte sie seinen
Mund teuflisch verzogen zu sehen.
Sie verlor weiter. Betäubt ließ sie's geschehen und sah zu, wie seine allzu
geschickten, weißen und starken Hände mit Karten hantierten, das Kettchen
am Gelenk erklirren ließen, auf ein Papier ungeheure Zahlen setzten, die
sie verloren hatte . . .
»Sind wir nicht Kinder?«
»Ja -- aber ich habe genug, ich bin müde.«
»Also sieben Millionen: merken Sie sich's. Vielleicht, daß ich später meine
Forderung einziehe.«
Sie versuchte, noch im Weggehen, zu lachen. Aber in ihrem Zimmer schloß sie
die Läden, kämmte sich langsam und mochte noch lange das Licht nicht
löschen.
»Wenn es nicht das alte Kinderspiel gewesen wäre, in dem ich immer gewonnen
hatte!«
Aber erklärte dies wirklich ihr Grauen vor dem Scherz, der ihr eine Schuld
an Pardi auferlegte: eine untilgbare, lebenslängliche?
* * * * *
Aus unruhigen Morgenträumen fuhr sie auf, unzufrieden, weil es schon so
spät war. Vor Tag, erinnerte sie sich, war sie schon einmal aufgestanden,
hatte das Fenster geöffnet und sich versprochen, in der stillsten Frühe in
den Tau hinauszuwandern. Welche Erfrischung ihr das bringen sollte! Nun
lasteten Sonne und Leben schon wieder schwer. Um nicht mit Pardi
zusammenzutreffen, verzichtete sie auf das Frühstück, ging gleich ins Freie
und war froh, den Gugigls mit Tini und Gwinner zu begegnen, sich in den
Haufen bergen zu können. Auch Arnold war dabei, und wie die andern unter
sich beschäftigt waren, begann er schon:
»Sie sind dieser Tage in Unruhe . . .«
Und das klang, als ob er Aufklärung, Ordnung für alles wisse; und Lola
hielt sich schon vor, mit welchem Recht sie ihn verachten wolle, ihn
abgetan glaube. Die Blumen? Wann hatte er vorgegeben, ihr zu huldigen?
Da kam aber Frau Gugigl dazwischen. Etwas Wichtiges war im Gange. Gugigl
keuchte unter einem Sack: darin waren leere Farbentuben, deren Blei er
einschmelzen wollte. Den Kessel trug Gwinner. Er stellte ihn auf den
Grashügel. Tini und Frau Gugigl liefen nach Reisig. Gugigl leerte, unter
Kommandorufen an die Helfer, den Sack in den Kessel, beaufsichtigte,
entschlossenen Blickes, den Vorgang des Schmelzens, rührte in dem Brei,
entfaltete, indes ihm die Frauen achtungsvoll zusahen, eine ernste und
gespannte Tätigkeit.
»Einen Klump gibt's, einen großartigen!« verhieß er, heimlich fiebernd.
Gwinner fragte ihn wohlwollend und nicht besonders sachlich, wie einen
talentvollen Knaben:
»Und wozu brauchen Sie eigentlich den Klumpen?«
Gugigl wandte sich rasch und kühn nach ihm um.
»No -- damit i halt an Klump hab'!«
Der Kübel Wasser, den er verlangt hatte, ward von zwei Mägden
herbeigeschleppt. Gugigl setzte ihn auf den Rand des Kessels. Alle reckten
im Kreise die Hälse.
»Jetzt abkühlen!« -- und er stülpte den Kübel um.
Im nächsten Augenblick taumelte Lola, die Augen zugedrückt, mit Tini
zusammen. Es hatte furchtbar geknallt, und noch immer flogen Bleistücke
umher. Mit Grauen kam man näher. Gugigl stand sprachlos da und zupfte sich
das Metall aus den Kleidern. Sein erstes Wort war:
»O damisch!«
Und das Gwinners:
»Hat zufällig einer der Herrschaften noch seine beiden Augen?«
Dann brach große Heiterkeit an; -- und Lola war glücklich über alles: daß
es Menschen gab, die solchen Unsinn betrieben; daß man lachen konnte, und
daß man in Gefahr war; daß etwas geschah und nicht in ihrem Innern geschah
. . .
* * * * *
Gegen Abend wollte sie, um auszugehen, wie immer, durch die Stube. Noch
rechtzeitig sah sie durch den Spalt und schrak zurück: da stand er. Wartete
er? Langweilte er sich einfach? Er nahm eine Zeitung, warf sie wieder hin,
ging zum Fenster und zurück, mit den Augen auf der Tür, hinter der Lola ihn
belauschte. Einen Moment fürchtete sie, er bemerke sie: so wach war sein
Blick. Er wendete sich, streckte elegant die Büste, tat keine Bewegung, der
nicht eine Gesellschaft hätte zusehen dürfen. Lola dachte an Arnold,
damals, wie sie ihn mit sich selbst belauscht hatte. Pardi -- sie erkannte
es mit einer Art Grauen -- war nicht allein: war offenbar nie allein; war
immer in Gegenwart seiner Menschen, seiner -- Opfer, mußte sie denken; war
immer sprungbereit. Keinen Augenblick vergaß er einen, und immer mußte man
vor ihm auf der Hut sein . . . Vorsichtig ging sie von außen um die Stube
herum.
Von einem hohen Acker vor der Sonne, auf dem Heu gebunden ward, rief ihr
jemand nach, und wie sie noch umsonst hinaufblinzelte, lief die Baroneß
Thekla ihr entgegen. Droben kreischten die Dirnen; eine schrie hinter der
Laufenden her:
»So eine reine Jungfrau als wie du!«
»Ich schwatze mit ihnen über ihre Liebesgeschichten und stelle mich naiv,«
sagte die Baroneß Thekla zu Lola. »Dabei haben sie keine Ahnung, was ich
durchgemacht habe.« Und sie begann von einem Leutnant . . . Vielleicht
hatten die Ereignisse, hatte die wühlerische Stimmung des Hauses sie in
Fluß gebracht. Vielleicht trieb es sie, Lola vorzuführen, daß es ihr mit
Pardi nicht Ernst sei und sein Verschwinden an ihr nichts ändern werde.
Ausführlich klagte sie. Der Leutnant war zart und fein; auf einem Hofball
hatten sie sich kennen gelernt. Er konnte Schnadahüpfln singen. Aber er
hatte kein Geld, und um sie zu trennen, war er in die Provinz versetzt
worden. Die Baroneß Thekla mochte keinen andern, sie haßte die Gesellschaft
und wäre lieber eine Bauernmagd gewesen.
Lola hörte dem zu und verachtete es. Sie verachtete die Trägerin dieser
landläufigen, billigen Schmerzen, und aus der Ferne beneidete sie sie auch.
Lieben, nicht glücklich werden dürfen und sich trösten, wie es geht: damit
war man in der Ordnung und hatte es leicht. Aber zu einem Manne hingezogen
sein und ihn dabei höhnisch durchschauen! Aber seinem Gegner sich so nahe
fühlen als ihm! Aber nie wissen, ob man für die Liebe gemacht ist, die doch
bereit wäre, in einem aufzustehen! Sich selbst nicht trauen dürfen! Geteilt
sein! Nirgends ganz zu Hause, seines Eigensten nicht habhaft, fragwürdig
und der Antwort auf immer unmächtig!
* * * * *
So ward es Abend. »Glücklich der letzte Abend: und morgen ist er fort, und
ich werde aufatmen.« Lola war lauter als sonst, weil sie Befangenheit
verbarg. Im Lauf des Pfänderspiels zog sie den Stuhl weg, auf den Gwinner
sich eben setzte, hob Gwinner mit erschrecktem Gelächter vom Boden auf und
lachte, indes er vor verwundeter Eitelkeit knirschte, haltlos weiter.
Dann sollte sie draußen ihre Aufgabe erwarten. Sie stand auf der Veranda,
vor dem Dunkel, das sternenlos und schwül war; -- und wie drinnen die
Beratung ein wenig lange währte, näherte sich ihr die Versuchung, da hinaus
zu wandern, plötzlich alles abzuschütteln. Sie dachte daran nur wie an eine
bezaubernde Unmöglichkeit, eine Entführung durch den Widderwagen, den,
schlimmer Werbungen müde, Prinzessin Eselshaut besteigt. Nur im Spiel ging
sie die Stufen hinunter, tastete einige Schritte durch den Garten . . . Sie
lauschte rückwärts: Stille; -- und lächelnd über ihre unsinnige Tat und
immer noch als sei's nur Probe und ohne Belang, stieß sie die Pforte auf,
machte ein Stück der Straße, die sie nicht sah . . . Nochmals blieb sie
stehen; ihr war's, sie werde gerufen; -- und da lief sie geradeaus, stürzte
sich in das Dunkel, das so unwiderstehlich lockte mit seiner großen
Freiheit und Unempfindlichkeit.
»Sollen sie denken, was sie mögen! Für heute bin ich alles los!«
Aber das Dunkel regte sich. Wie es zirpte und duftete! Welche lauen,
schwarzen Wellen einen umspülten! »Warum habe ich nicht alle vorigen Nächte
solchen Spaziergang gemacht? Nie ist man wacher und nimmt freier auf als
wenn man allein ist. Ich will keine Menschen . . .« Sie hielt eine Weile
an, um einen einzelnen Glockenschlag zu genießen. Langsam, berauschend
erfüllte er ihr den Kopf. »Wenn ich die ganze Nacht wandern würde, wo mich
wohl die Sonne träfe? Seltsam, nichts erkenne ich wieder. Bin ich auf einen
unbekannten Weg geraten?« Eine riesige Mannesgestalt stand vor ihr auf. Mit
dem nächsten Blick und noch zitternd unterschied sie einen Heuhaufen.
Häufiger blieb sie stehen und lauschte auf etwas Unbekanntes. Wenn nun
Schritte kamen? Jemand konnte ihr nacheilen. Nur natürlich war's, wenn man
sie suchte. »Wer wird es sein?« Und plötzlich: »Wer jetzt zu mir stößt, der
ist es!«
Vor einem Walde zögerte sie lange. Dort innen ward ihr armer Weg vollends
erstickt. Jene regungslose Finsternis mußte einem den Atem nehmen! Man fand
nicht mehr heraus! Aber der Wald war unerbittlich: er zog Lola an sich,
legte Arme um sie . . . Da, rasche Schritte: rasche und starke Schritte,
quer übers Feld. Und einer kam auf sie zu, das Dunkel durchbrechend.
»Fräulein Lola?«
Pardi, selbstverständlich. »Der andere wird sich doch nicht aufraffen. Ich
konnte voraus wissen, wer von ihnen zu mir stoßen würde. Das bedeutet
natürlich nichts. Was für eine dumme Wette das war!«
Er war da.
»Fräulein Lola --«
Er gab ihr, hier zuerst, ihren Namen. Sie griff sofort ein.
»Sie haben es so eilig? Was gibt's denn?«
»Alle suchen Sie! Die anderen sind nach den übrigen Richtungen.«
»Suchen mich? Ich begreife nicht, was man will. Wie oft bin ich des Abends
auf einige Minuten allein hinausgegangen.«
»Einige Minuten! Eine Stunde sind Sie fort, und niemand weiß, was Ihnen
zugestoßen ist.«
»So hat mir's heute mehr Spaß gemacht als sonst. Und zustoßen? Was denn?
Die Gegend ist sehr friedlich. Überdies kenne ich jedes Haus am Wege.
Warten Sie: wenn wir durch den Wald sind, kommt links ein Holzhaufen und
dann ein Weg und ein Kruzifix.«
Entschlossen betrat sie den Wald.
»Auf diesem Baumstumpf habe ich oft genug gesessen. Die Form dort hinter
den Zweigen ist eine Holzfällerhütte. In dieser Zeit übernachtet meist
jemand darin . . .« Alles sehr sicher und umsichtig. Sie ging, die Arme auf
den Rücken verschränkt, dahin, indes Pardi stolperte, sich nicht zurecht
fand, auf nichts vorbereitet war. Und so oft er ihr mit einem Wort näher zu
kommen drohte:
»Achten Sie auf den Weg!«
Sie selbst war sich bewußt, einen höchst gewagten zu gehen, fast schon
durch leere Luft; -- und in Gegenwart der wirklichen Gefahr sah sie keine
Phantome mehr, hatte den Traum abgeschüttelt, das Spiel weggeworfen und
beaufsichtigte mit trockenem Mißtrauen, was geschah.
»Der Wald ist noch lang. Sie kennen ihn nicht, er ermüdet Sie. Ich habe die
Absicht, bis ans nächste Dorf zu gehen: kehren Sie um, ich werde es nicht
übelnehmen.«
In völliger Finsternis standen sie sich gegenüber; aber Lola klopfte das
Herz vor bangem Stolz, weil sie ihn in dieser Minute so sehr unterlegen
wußte, daß er zögerte und ihren Vorschlag vielleicht annahm . . . Plötzlich
sah sie sein Gesicht aufschimmern. Beide wandten sich: ein Licht schwankte
um die Bäume, Stimmen und Schritte waren unvermittelt da, eine rote Lache
lief über den Weg herbei, und große, dumpfe Schatten kamen mit.
»Hinter mich!« raunte Pardi und faßte Lolas Arm. Sie hatte Furcht; und ihre
plötzliche Einschüchterung und ihr Schutzbedürfnis genoß sie lautlos, wie
ein schimpfliches Glücksgefühl.
Die Kommenden wurden kenntlich. Ein Greis hielt einen Mann aufrecht, der
ein blasses, wütendes Gesicht und Blut unter den Haaren und am Hemd hatte.
Eine Frau trug die Laterne und zog ein Kind nach. Da, ehe der Alte zugriff,
war der Mann gegen einen Baum getaumelt und stöhnte auf. Pardi trat an sie
hinan. Lola ward sich bewußt, außer Gefahr und in Menschennähe zu sein; und
sie zitterte ganz vom Nachlassen der Spannung, worin dieser Gang zu zweien
und im Finstern sie erhalten hatte.
Sie mußte hin und die Erklärungen der Leute zu verstehen trachten. Der
Bauer sollte mit seinen Messerstichen zum Arzt geschafft werden. Seine
Betrunkenheit erschwerte das Vorwärtskommen nicht weniger als seine
Verletzungen. Der Alte war erschöpft . . . Pardi machte seine Handbewegung,
zog das Jackett aus, warf es der Frau zu, -- und mit einem Ruck hatte er
den Mann auf den Schultern.
»Vorwärts!« Und munter, ohne Keuchen: »Gnädiges Fräulein, Sie können mir
glauben, daß es mir lieber gewesen wäre, den Rückweg allein mit Ihnen zu
machen -- und im Dunkeln.«
»Wirklich? Aber Sie machen so eine viel bessere Figur!«
Sie fand es selbstverständlich, was er tat, mit solcher Leichtigkeit tat
er's, -- und doch sehr schön. Die schweißigen Ärmel des betrunkenen
Raufboldes engten ihm den Hals ein, verdarben ihm die Weste; die großen
schwarzen Hände fuhren ihm übers Gesicht; die steifen Knochen des Bauern
rutschten, Pardi mußte sie überall anpacken, stützen, mußte machen, daß sie
mit seinen geschmeidigen Bewegungen mitglitten. Lola lachte auf.
»Sie erinnern an einen Tiger, der den Bacchus trägt!«
Er antwortete fröhlich:
»Ich will die Frau Gugigl bitten, uns zu malen.«
Und sie bewunderte ihn vollends. O, er konnte auch Lachen vertragen: er
fühlte sich viel zu sehr in Tätigkeit und Kraft. Menschliche Schmerzen,
menschlicher Schmutz ekelten ihn nicht; er scheute nicht das feste Anpacken
menschlicher Körper. Er war selbst ein ganzer Mensch. Der andere war
keiner. Sie stellte sich vor, wie der sich hier benommen haben würde. »Ja:
den darf ich wirklich verachten!« Dieser aber war stark, eigentlich war
nichts gegen ihn zu machen. Mit einer Art von Begeisterung erkannte sie es
an. Sie sagte zu den Leuten, daß sie froh sein könnten, diesen Herrn
getroffen zu haben.
»Wollen Sie denn nicht ausruhen?« fragte sie ihn. Er brachte ein Nein
hervor, das sie wieder bewunderte. Dazwischen drang die Erkenntnis durch,
wie gefährlich ihr zu Sinn sei. Sie wollte glauben: »Er setzt sich in
Szene.« Aber er führte nur vor, was ihm stand. Übrigens galt es gleich. Die
dunkle Masse des Dorfes wuchs schon heran. Jetzt war noch das Wiedersehen
mit den andern zu überstehen, die Erklärungen des Abenteuers, die
öffentlichen Belobungen für Pardi, -- und morgen, Gott sei Dank, war's
ohnehin aus. »Wenn ich aufwache, ist er fort.«
* * * * *
Sie wachte auf, erinnerte sich und erschrak. Nun war er also fort. »Während
ich geschlafen habe.« Fast war's, als sei sie eingeschlafen, indes jemand
starb, und nun war er tot. Er war fort und so gut wie tot. Und sie fühlte
sich beklommen und unheimlich, wie nach einem Sterbefall, hatte keine Lust
aufzustehen und die Zimmer und die Wege wiederzusehen, in denen es jetzt
verlassen und gedrückt zugehen mußte.
Sie trat sogleich ins Freie, sie mochte niemand treffen, von niemand
bestätigt hören, daß er fort sei. Vielleicht war er noch da? Es war schwer
zu glauben, daß dies so rasch und glatt verlaufen sollte. »Kaum, daß wir
uns noch die Hand gedrückt haben. O, er war sehr aufrichtig, als er, erregt
und halblaut, noch einmal in mich drang, ihm zu schreiben, sobald ich nach
Italien käme. Ich bin überzeugt, er führe mir entgegen. Aber wird denn
etwas aus solchen Vorsätzen? Immer kommt anderes dazwischen, gleitet einem
auch wieder unter den Händen weg, und nichts bleibt übrig von all den
unterbrochenen Freundschaften als Bitterkeit. Immer vergeblicher erscheint
mir alles. Ist mir denn kein anderes Leben erreichbar als dieses
Reiseleben?«
Sie sann auch: »Was wäre gestern daraus geworden, wenn nicht der verwundete
Bauer dazwischengekommen wäre?« Aber sie brach ab. »Da er dazwischen kam,
mußte es wohl sein und ist es wohl besser.«
Bei Tisch trank Gugigl ihr zu.
»Gelt? Jetzt sind wir wieder unter uns. Diese Welschen sind ganz ein
hübscher Menschenschlag, aber trauen derf man keinem, und keine
Gemütlichkeit ham's.«
Selbst der alte Utting gab zu, daß ihm bei Pardi niemals recht warm
geworden sei. Alle verstanden sie sich! Ganz aufgeräumt waren sie jetzt!
Lola trennte sich in ihrem Sinn von Ihnen mit Heftigkeit, rechnete sich
ganz dem Abwesenden zu, verachtete in seinem Namen diese alle. Wie er sich
über die täppischen Bewegungen der Männer lustig gemacht haben mußte, er,
der ein Fechter war! Und über die Frauen in ihrem selbst erdichteten
Plunder! Lola verglich sich angstvoll mit ihnen: ob gar keine Ähnlichkeit
da sei. Nein: dies war eine andere Rasse von Frauen, mit schmalen Schultern
und breiten Hüften; und damit sie noch breiter würden, trugen sie riesige
Gürtel. »Doch! Den schlechten Haaransatz habe ich von ihnen.« Und sie
beugte sich, unter der Scham, über ihren Teller.
»Künstlerisch!« hörte sie Frau Gugigl sagen; und dann war von dem
Kitschgeschmack der Italiener die Rede. Lola fuhr auf. Ihr sei etwas
eingefallen; und sie bat Gugigl, ihr ein Fenster der Münchner Frauenkirche
genau aufzuzeichnen.
»So aus dem Kopf? Ja, das kann man doch nicht. Wie schauens denn aus, die
Fenster?«
Seine Frau dachte nach, die andern dachten nach.
»Das kann überhaupt kein Mensch!«
Lola lächelte und sagte, es sei gut. Das konnte kein Mensch: aber Pardi, --
wie einst Arnold den Florentinern vorgeworfen hatte, die Fassade ihres
Domes weiche in manchem vom Vorbild des Glockenturmes ab: Pardi hatte in
den Sand gezeichnet und gefunden:
»Es ist wahr: die Terrassen auf den Pfeilern des Turmes sind achteckig, und
die der Fassade haben nur vier Seiten.«
Und Pardi war kein Künstler. Aber er hatte das Blut von Menschen, die mit
einem Griff durch die Luft mehr Kunst machten als diese hier, wenn sie
malten! Menschen mit einer Erziehung des Auges, aller Sinne, des ganzen
Körpers, die weit zurückreichte. Sie stellte sich Pardis gewölbte Augen
vor. Er sah, -- sah so stark, daß er, ohne daran zu denken, zum Seelenleser
ward . . . Bei diesen hier war das Leibliche lange vernachlässigt, das Auge
fast schon tot. Gewaltsam sollte es sich nun ermuntern, und über Nacht
mußte alles »künstlerisch« werden . . . Da begegnete sie Arnolds Blick und
verstand: was sie dachte, kam von ihm. Er hatte erraten, weshalb sie nach
den Fenstern der Frauenkirche gefragt hatte. Das Gefühl erbitterte sie, daß
sie kaum noch ihre Gedanken vor ihm wahren könne. Hundert Gespräche mit ihm
hatten sie ihm bloßgelegt, und sie hatte den Kopf, sie mußte es wohl gelten
lassen, voll von Dingen, die ohne ihn nicht darin entstanden wären. Er
durchschaute auch, was sie zu Pardi zog, was Pardi vor ihm selbst
auszeichnete, Lolas Kämpfe, und daß sie in diesem Augenblick wieder
vergebens danach lechzte, ihn verachten zu können, ihn in den Haufen der
übrigen zurückstoßen zu können. Er wußte alles; und sein großes Wissen um
sie gab ihm selbst das Recht, sie zu verachten: sie, die einen Geist wie
ihm hätte auf seine Höhe folgen können, und die sich zu einem baren
Sinnlichen hinabließ. Es war ihr, als lebte sie unter dem Auge eines Herrn.
Sie liebte ihn nicht, gab ihm kein Recht auf sich: und doch -- so groß war
die Macht des Geistes -- fühlte sie sich ohnmächtig vor ihn hingebreitet!
»Wäre ich ihm erst entronnen!« Der Trieb brannte sie, aufzuspringen und
davonzulaufen.
Sie suchte sich ihn im Kampf mit Pardi vorzustellen und in der kläglichen
Rolle, die ihm dabei bestimmt gewesen wäre. Und sie mußte sehen, daß Pardis
Manneskraft sich an diesem brach, der kein tüchtiger Mann, aber vielleicht
mehr als Mann war? Sie fühlte: Pardi und er konnten sich nicht nahe kommen,
auch nicht zum Kampf. Dieser bot einem Pardi keine Angriffsstelle, -- so
wenig wie er ihr gestattete, ihm seine Untüchtigkeit anzurechnen, die er im
voraus gerechtfertigt, vermöge vieler Sophismen in Tugend umgewandelt
hatte. Wenn er sich eine Blöße gegeben hätte! Wenn er mit den anderen auf
den Abwesenden gescholten hätte! Nein: er hütete sich. Er war ja ein Mensch
von Geschmack. Hatte er nicht die ganze Moral, wenn sie selbsterworben sei,
für ein Ergebnis ästhetischen Sinnes erklärt? Ihm war nicht beizukommen,
man mußte ihn laufen lassen.
Sie wich ihm nicht aus; eher erwartete sie ihn, erwartete, daß er sich um
die freigewordene Stelle nun wieder bewerbe, ein wenig Würdelosigkeit
zeige, -- und litt, weil er's nicht tat. Es zog sie zu Tini, sie hätte sich
mit ihr verbünden wollen; denn auch Tini fand Arnold unheimlich und haßte
ihn. Aber Tini verhielt sich jetzt herbe und scheu. Launisch ging sie Lola
aus dem Wege. Waren sie zusammen im Zimmer, fühlte Lola die großen Augen
beunruhigend hart auf sich haften, -- und wenn sie hinsah, waren sie schon
gesenkt. »Ist sie nachträglich wieder eifersüchtig? Sie könnte sich's
sparen.« Wie unwichtig Lola diese Backfischnöte erschienen neben ihrer
eigenen Qual!
Schlimmer war's, daß sie auch mit Mai nicht sprechen konnte. Den ersten Tag
hatte Mai sich in der Gesellschaft so betragen, als sei durch Pardis
Fortgang ihr ein besonderes Unrecht angetan, als habe man ihn vertrieben,
um ihn ihr wegzunehmen. Bald hatte sie sich zurückgewinnen lassen: nur mit
Lola schmollte sie noch, bot ihr keins von den mitgebrachten Handtüchern an
und kam nicht zum Gutenachtkuß. Und wäre sie gekommen: an das
Unausgesprochene hätte Lola sich nicht gewagt. Wie stand Mai mit Pardi?
Sehnen mußte sie sich. Dann aber sann sie auf die Abreise nach Italien, --
auf die auch Lola sann. Nur aus Befangenheit voreinander taten beide, als
gäbe es nichts zu beschließen, und ließen dies Dasein fortdauern, das doch
bloß noch Last war. Denn Lola ward gedemütigt von ihren herabsetzenden
Entdeckungen an diesen Menschen, deren Gast sie war. Jeder Tag vermehrte
ihren Widerwillen und ihre Scham.
* * * * *
Am dritten Morgen aber fand sie auf ihrem Tisch wieder Blumen; zwei Tage
lang hatte Tini sie vernachlässigt; -- und darin steckte ein Briefchen.
»Heute mittag,« schrieb Tini, »wirst du nämlich mit der Post einen Brief
aus Mantua bekommen, von einer Pensionsfreundin. Sie hat zufällig erfahren,
daß du hier bist, und möchte, daß du rasch hinkommst, denn lange bleibt sie
nicht. In Wirklichkeit aber ist der Brief von mir. Ich habe es mir schon
längst ausgedacht und habe mir dazu den Umschlag von einem Brief an Pardi
aufgehoben, den er aus Mantua gekriegt hatte. Da mußte ich denn aus seinem
Namen deinen machen, mir ganz genau dieselbe Schrift einüben und auch das
Kuvert wieder heil machen. Das war eine ziemliche Geduldprobe, daher mußt
du entschuldigen, daß ich mich die letzten Tage so wenig um dich bekümmern
konnte. Du siehst nun doch, wie lieb ich dich habe, Lola, daß ich dies für
dich getan habe! Jetzt ist der Brief mir sehr gelungen, du kannst ihn allen
zeigen, sie werden es dir gewiß glauben: und dann kannst du hinreisen.
Italien muß herrlich sein. Du wirst gewiß noch einmal sehr, sehr glücklich
werden. Vergiß nicht deine Tini.«
»Welche heroische Kinderei!« dachte Lola und wollte die Achseln zucken.
Aber ihr kamen Tränen. Sie ließ das Blatt sinken, verschloß die Tür und
drängte sich in einen Winkel, um, vor sich selbst versteckt, diese Tränen
zu weinen, ohne zu wissen wem? Sich? Tini? Den Dingen?
Bei Tisch blieb Tinis Stuhl frei, aber auf Lolas Platz lag der Brief. Frau
Gugigl hatte schon gesehen, daß er aus Italien kam. Niemand nahm Anstoß an
dem, was darin stand: auch Mai nicht. Wie sie von der Einladung hörte,
erhob sie schon die Hände, um hineinzuklatschen, besann sich aber
rechtzeitig und machte ein trauriges Gesicht.
»Wir sollen also fort? O!«
»Es wird nicht anders gehen,« erklärte Lola. »Meine Freundin erwartet uns
übermorgen. Morgen müssen wir reisen: morgen mit dem ersten Zug.«
Gugigl wollte beweisen, es sei auch abends noch rechtzeitig. Ein Streit
über das Kursbuch entstand.
»Und der Tini geht's wirklich nicht gut?« fragte Lola. »Kann ich sie nicht
sehen?«
Frau Gugigl ging mit. Tini habe Fieber: es komme bei ihr plötzlich und
verschwinde wieder; sie sei noch wie ein Kind.
Als sie, mit aufwärts verdrehten Augen, Lola am Kopfende ihres Bettes sah,
fuhr sie aus den Decken.
»Was hast du, Tini?« -- und Lola warf sich auf die Knie und nahm Tini in
die Arme.
»Mir hat geträumt, Lola, du gingst weg.«
»Nein! Wenn du lieber möchtest, daß ich dableibe, bleibe ich.«
Tini hielt sich ganz steif in Lolas Armen. Sie rückte mit dem Gesicht ein
Stück fort; ihre dunkeln Blicke erweiterten sich gespenstisch; und mit
ihren blassen Lippen, tonlos bewegt, daß ihre Schwester hinter ihr nichts
hören konnte, sagte sie:
»Geh nur hin!«
Lola mußte die Augen niederschlagen.
* * * * *
Sie packte, ohne zu wissen, was ihr bevorstehe, was sie wähle. Nur erst
hier heraus, wo so viel Wirrnis erlitten war und alles verbrauchte,
zwecklose Gesichter trug. »Wenn ich ihn wiedersehe, soll mir's recht sein;
wenn nicht, ist's auch gut,« dachte sie im Einschlafen; und bei
Tagesanbruch, unlustig und mit Gähnen, vor den fertigen Koffern: »Wie
unwahrscheinlich ist das Wiedersehen! Ich werde ihm doch nicht nachreisen.
Und bis der Zufall es einrichtet, ist er vielleicht wieder in Afrika.«
Der Wagen mit dem Gepäck stand auf der Landstraße. Mai hatte noch mit ihrem
Schleier zu tun gehabt. Niemand war aufgestanden: Lola hatte es sich
dringend verbeten. Fröstelnd durcheilte sie den grauen Garten. »Dieselbe
unwirtliche Stunde, zu der vor drei Tagen er fortging.« Im Laubgang roch es
nach Nebel. Der Sommer war fast zu Ende, merkte sie plötzlich. Sie blieb
stehen: eine solche Trostlosigkeit durchdrang sie bei diesem Gedanken, daß
ihr der Mut zum nächsten Schritt fehlte. Dahinten, über dem Lande, wallte
es weißlich und ohne Grenze. So ging man denn wieder allein, allein
dahinaus.
Wie sie die Hand auf die Pforte legte, tat von der andern Seite Arnold es.
»Sie -- schon auf?« stammelte Lola.
»Ich konnte nicht schlafen,« erklärte er. Sie sah ihm ungläubig in die
Augen und fand sie übernächtig.
»Dann bin ich froh, Ihnen nochmals Lebewohl wünschen zu können,« äußerte
sie, unschlüssig. Er schien zu wissen, was er sagen wollte.
»Ich habe Ihnen für einige der besten Stunden zu danken, die Menschen mir
gewähren konnten. Ich hatte so viel nicht erwartet;« -- ganz ohne
Bitterkeit: was ihr Staunen machte. Er senkte kurz die Lider. Dann:
»Daß mehr Glück als dieses nicht an meinem Wege liege, daran habe ich
keinen Tag gezweifelt. Aber auch in Ihr Schicksal glaube ich einen Blick
getan zu haben und fürchte, daß Sie heute noch im Irrtum sind. Könnte ich
Sie für eine Minute so sehen machen, wie Sie nach einiger Zeit sehen
werden!«
»Sie geben mir ein Orakel mit auf den Weg?« -- und Lola suchte hochmütig zu
lächeln. »Ich kenne Sie auch: Ihnen verwickelt sich das Einfachste.«
Wie es schal und hassenswert war, dieses Zweifeln, dieses Zögern! Jetzt
quälte ihn die verdiente Eisersucht auf den, der glücklicher war und sie
glücklicher machen würde. Er hätte sie so ratlos und an allem unteilhaftig
gewollt, wie er selbst war! . . . Vor Zorn und Kummer war sie bleich. Er
war bleich von den Worten, die er gesagt hatte.
Und er konnte recht haben! Jener andere lebte jetzt schon wieder darauflos,
wie je. Was war sie ihm? Was änderte sie an ihm? . . . Und an diesem hier?
Nichts, als daß er nicht schlief. »Und wenn er tiefer leiden kann: was habe
ich davon!«
Sie wandte sich ab. Sein Gesicht glitt langsam an ihrem vorüber. Nun sah
sie es nicht mehr. Ein äußerster Zweifel schnürte ihr die Brust zu. Sie
schluckte ihn hinunter. »Wenn es bestimmt wäre, käme es.« Und mit
Grausamkeit gegen ihn und gegen sich: »Das Leben ist nicht anders.«
V
Nachts stiegen sie in Mantua aus, aber es war schwül wie bei Tage. Am
Morgen erschrak Mai über Lolas Aussehen. Sie habe kaum atmen können, sagte
Lola; Mücken seien unter ihren Bettschleier gedrungen. Und Mai:
»Ah! Du verträgst nichts. Drüben bei uns würdest du etwas erleben.«
Kaum aufgestanden, streckte sie sich wieder aus. Von den geschlossenen
Läden war ein grünlicher Schimmer auf ihrem weißen, runden Arm, den sie mit
kindlicher Genugtuung betrachtete.
»Jetzt ist's ganz wie zu Hause.«
Nie hatte Lola sich weniger heimisch gefühlt. Sie überlegte, daß sie
hierher nur wegen einer Persönlichkeit geraten sei, die es gar nicht gab.
»Nun muß ich mich wohl nach meiner Freundin umsehen,« äußerte sie.
»Es ist wahr, du bist schon wieder angezogen. Eine richtige Deutsche bist
du!«
Lola überließ Mai der Einschläferung durch die träumerischen Geräusche im
Hof und ging aus. Die Straße war von Hitze wie verzaubert. Unter dem alten
Urturm hatte ein kleines, von Zeltdächern beschirmtes Marktgedränge etwas
künstlich Aufgewecktes: als würden diese paar munteren Wesen dem ungeheuren
Druck der leeren, heißen Stadt auf einmal nicht mehr widerstehen können,
sich aneinander lehnen und einschlafen. Am Ende der nächsten Gasse galt es,
sich in einen Platz zu stürzen, über dem das Licht wogte und blendete, wie
auf einem Meer. Dort weit hinten, am schmalen Schattenufer von kaum
durchdringlicher Schwärze, begegneten zwei schwarze Gestalten sich, neigten
mit groteskem Ruck die großen Priesterhüte gegeneinander, -- und plötzlich
klappte die Matratze der Domtür über ihnen zu.
Lola eilte mit angehaltenem Atem durch die Sonne. Ein Arkadenhof nahm sie
auf, überlieferte sie einem zweiten mit einer feurig geschweiften
Kirchenfassade, -- und dann fand sie sich in einem, um den die Säulen
zerbrechlicher tänzelten und, wie unter Komplimenten, zu einem kleinen
gezierten Theater geleiteten, das geborsten, bemoost, mit Schutt auf seinen
rosigen Marmorschwellen, noch zu lächeln schien, galant und schmerzlich,
wie ein Rokokogesicht, worauf die Schminke eintrocknet in Staub. Gras wuchs
aus den feinen Fliesen; darüber flimmerte die Luft; und ging man, wandte
man rasch noch den Kopf nach einem gespenstischen Kichern und
Fächerschlagen . . . Da starrte aber, im nächsten Hof, eine riesige dunkle
Burg einen an. Hinter ihrem Tor setzte eine graue Brücke ein, um, ein
endloser Trauermarsch, durch Sümpfe zu ziehen.
Wie Lola sich in ihre Straße zurückgefunden hatte, ward vor einem Café,
dessen Tür Karyatiden bewachten und worin niemand saß, ein sehr alter Herr
von Wirt und Kellner an eine ungetüme schwarze Karrosse begleitet. Der
Kutscher nahm die schwarze Peitsche in seinen schwarzen, faltigen
Handschuh, und knarrend bewegte sich das Gefährt.
Im Hotel hing Mais Hand noch über dieselbe Armlehne.
»Meine Freundin ist --«
Lola hatte sagen wollen: »Abgereist,« schrak aber vor einer ganzen Lüge
zurück.
»-- ist nicht zu finden,« sagte sie.
Mai erstaunte nur leicht.
»Wirst du sie noch einmal suchen?« fragte sie.
Lola suchte sie bis zum Abend noch mehrmals. Dann erklärte sie die Wohnung
der Freundin für gefunden, sie selbst aber kehre erst in mehreren Tagen von
einer Reise zurück.
»Wir haben nichts Besonderes vor, wollen wir nicht hier warten?«
Mai wandte nichts ein. Wenigstens war Zeit gewonnen.
Und Lola, die im Zimmer nicht Ruhe fand, durchirrte weiter die tote Stadt,
betrat hinter verlassenen Haustoren, über denen die schöne Palastmauer
barst, feuchte Höfe mit schmuckreichen und zerbrochenen Brunnen -- und
mußte denken: wenn die müde, ausgestorbene Treppe nun in all seiner
Lebendigkeit Pardi herabliefe! Da drückte die Sonne noch dumpfer auf das
leere Pflaster. Alle hatten sie sich selbst überlassen!
Auf der Flucht vor der nahenden Sehnsucht fuhr sie, ganz allein, in das
braune, traurige Land hinaus. Weiß stand darin, auf ihren groben Säulen,
eine kleine Gnadenkirche: innen bäurisch bunt und die Wände umringt von
Holzfiguren in den schweren Stoffen und Rüstungen von einst, von den
Bildern Geretteter. Jener Ritter war aus der Schlacht bei Pavia heil
hervorgegangen, diese Dame von einem Pestgeschwür gesundet, und der
verdächtige Gauch dort in Schnürkittel und schütterem Bart hatte schon im
Block gelegen, mit Feuer an den Füßen, und doch hatte die Madonna ihn
freigemacht. Und Lola erschien sich auf einmal als die Beute einer
Leidenschaft, einer Krankheit, eines barbarischen Übels; wünschte sich,
gleich diesen die Madonna anrufen zu können; sank, vernichtet von der
Einsamkeit dessen, den keine Götter mehr hören, auf eine Bank.
Als ihr dann wieder die Sonne ins Gesicht schien, war sie beschämt, als
habe sie sich dort innen eine Komödie vorgespielt.
»Dieses Leben macht mich verrückt. Warum laß ich ihn nicht kommen: alles
wäre so einfach, wäre freundschaftlich abzumachen.«
Zwar bedachte sie sogleich, er sei kein Freund: er, der mit jedem Tage
schwerer zu Vermeidende . . . Und auch Mai hatte Lola hierbei nicht zur
Freundin. Das erbitterte sie. Wie oft hatte Mai sich, wenn's nicht not tat,
zu einem Opfer erboten. Jetzt kam's darauf an, -- und Mai schwieg. Sie
hütete sich, noch einmal, wie am Anfang der Bekanntschaft, Lola zu fragen,
ob sie Pardi heiraten wolle; denn diesmal fürchtete sie eine andere Antwort
zu bekommen. Sie tat, als sei nichts los, und nötigte Lola, zu heucheln.
Die Unaufrichtigkeit und die geheime Spannung zwischen ihnen beiden lagen,
fand Lola, nur an Mais bösem Willen.
Genug, ein Ende mußte gemacht werden; und wie Lola eintrat, sagte sie
sofort heraus:
»Also sie kommt nicht mehr zurück nach Mantua. Damit wir nun nicht ganz
umsonst gewartet haben, könnten wir wenigstens Pardi kommen lassen. Er hat
es mir angeboten.«
Gelassen antwortete Mai:
»Mir auch. Ich dachte sogar, wenn wir ankämen, würde er schon da sein. Du
würdest dafür gesorgt haben.«
Lola starrte Mai an. Da hatte sie die ganze Zeit gelegen, hatte Lola
gewähren lassen und sich ihr Teil gedacht!
»Dann haben wir wohl Verstecken miteinander gespielt?« fragte sie. Mai
erwiderte:
»Komm her, ich will dich umarmen.«
Aber während der Liebkosungen errötete Lola. Sie ging hinaus. »O, sie hat
sich gehütet, zu fragen, ob ich ihn liebe!«
* * * * *
Bei seiner Ankunft waren sie am Bahnhof. Lola dachte: »Das erstemal, daß
Mai sich angezogen hat.« Er begrüßte Lola zuerst mit den Augen und Mai
zuerst mit der Hand. Lola achtete peinlich darauf. Keine Einzelheit seines
Verhaltens gegen sie und Mai entging ihr. Den Champagner bestellte er,
nachdem Lola ihn abgelehnt und Mai ihn angenommen hatte. Lola trank keinen
Tropfen. Er wünschte noch in Mantua zu bleiben.
»Wir haben es genossen,« erklärte Lola. Mai war's recht.
»Wunder romantischer Versunkenheit werde ich Ihnen zeigen,« verhieß er.
»Wir bekommen noch das Fieber,« meinte Lola; und Mai:
»Bisher hast du dich gar nicht gefürchtet und warst immer unterwegs.«
Im Palazzo del Tè, unter dem Schwall der Fleischlichkeiten, die nach
Jahrhunderten noch aus Decken und Wänden überquollen, beneidete und
verachtete Lola Mais unbefangene Freude. Sie selbst konnte Pardi nicht in
die Augen sehen und gab zornige Antworten. Er neckte sie anfangs mit ihrer
Übellaunigkeit, dann zeigte er sich um ihr Befinden besorgt, und auch Mai
äußerte Besorgnis. »Sie weiß ganz gut --« dachte Lola und verlor vollends
die Herrschaft über ihre Nerven. Als man sich in der Stadt eine Kapelle
zeigen ließ, stand sie teilnahmslos neben dem Sakristan, der den Stock mit
der Kerze über die Wände hinführte. Pardi drehte ihr, auf Mai geneigt, den
Rücken. »Ich werde ihnen nicht im Wege sein,« sagte Lola sich; »aber zu
ihrer Bedeckung gebe ich mich auch nicht her!« Und wie der Sakristan den
Schrein aufschloß, machte sie sich leise davon, schmerzlich berauscht von
ihrer Rache. Sie erwartete, Mai werde an ihr Bett kommen, und war
entschlossen, sich schlafend zu stellen. Aber Mai blieb aus.
Am Morgen beschäftigte Pardi sich nur mit Lola. Ihr schien's, daß Mai sich
zurückhalte; und sie argwöhnte, dies sei Verabredung, er habe Mai im voraus
um Entschuldigung gebeten. Sie sah ihn plötzlich fest an.
»Sie brauchen nicht so viel Rücksicht auf mich zu nehmen, wissen Sie.«
Wie er etwas einwandte, hob sie die Schultern.
»Nachgrade habe ich doch schon Erfahrung darin, daß meine Mutter besser
gefällt als ich; und ich kann Ihnen versichern, daß mich das nicht
beleidigt.«
»Sie sind kokett.«
»Gar nicht. Ich brauche niemand. Jeden gönne ich meiner Mutter.«
Er sagte zuredend:
»Sie werden doch begreifen, daß ich Ihrer Mama den Hof machen muß.«
Lola fand nichts mehr. Wie lag es nun? O, grundfalsch! Sie erschrak tief,
wie schlimm sie sich schon verrannt habe. Am zweiten Tage! »Was soll daraus
werden. Wenn ich mich nicht zusammennehmen kann, bin ich verloren.« Von der
Minute an war sie ruhig. Und aus der Genugtuung, daß sie nichts mehr
durchblicken ließ, ward allmählich wirkliche Überlegenheit.
Sie brachen nach Viareggio auf. Pardi hielt sie noch einen Abend in Florenz
zurück, obwohl Mai gern ihre Sachen ausgepackt und Lola lieber am Meer als
in der heißen Stadt geschlafen hätte. Aber er erklärte, es würde nicht gut
aussehen, wenn er mit fremden Damen so spät noch ankäme. Auch das Hotel zum
Übernachten wählte er ohne Rücksicht auf ihre Wünsche. Zuvorkommend und
bestimmt brachte er sie in eins, wo sie bessere Bedienung und ein
gediegeneres Publikum finden würden. Bevor er sich verabschiedete, um in
sein eignes Haus schlafen zu gehen, empfahl er sie dem Hotelier. Er, der
Conte Pardi, sei verantwortlich für die Damen.
»Hast du nicht auch den Eindruck?« sagte Lola nachher zu Mai. »Wenn wir
jetzt abreisen wollten, würde man ihn holen und uns vorher gar nicht
fortlassen.«
»Eigentlich ist es ganz hübsch hier,« antwortete Mai; und Lola dachte,
klarer als Mai: »Einmal nicht allein über sich bestimmen; nicht mehr gar so
frei sein und überall hingehen dürfen, ohne daß etwas darauf ankommt:
beinahe tut es wohl . . .«
Dennoch geriet sie noch vor der Weiterfahrt mit Pardi aneinander. Sie mußte
aus einem Coupé wieder aussteigen; ein Paar hatte darin gesessen, dessen
gesetzliche Zusammengehörigkeit Pardi leugnete.
»Aber Sie werden jetzt schrecklich!«
»Ich bin für Sie verantwortlich! Sie kompromittieren mich!«
Lola war fassungslos. Mai äußerte schüchtern:
»Auch ich habe dir so etwas schon manchmal verweisen wollen, Lola.«
Plötzlich fuhr Lola auf, als habe sie nun verstanden.
»Wie kann ich denn Sie --«
Aber sie nahm sich zusammen und sah lächelnd und mit Kopfschütteln zum
Fenster hinaus.
Bei der Ankunft wollte sie zu Fuß gehen, mußte aber, denn ein Auftritt
drohte, in den Omnibus steigen. Die Hotelzimmer, die Pardi seinen Damen
zugedacht hatte, waren am Abend vergeben. Lola sah ihn bei der Gelegenheit
zum erstenmal in Wut; sie dachte: »Gut, daß ich ihn kennen lerne.« Der Wirt
war trostlos, die Kellner traten mit den Zehen auf. Mai und Lola saßen, von
neugierigen Badegästen umringt, im Salon, wie feindliche Fürstinnen, denen
ihr Marschall die Unterwerfung der Völker erzwang, und die ihm mit
ebensoviel Angst wie Stolz dabei zusahen.
Er erreichte, daß die Fremden die Zimmer räumten. Dafür wurden Mai und Lola
beim Lunch mißbilligend gemustert. Pardi sah den Männern nacheinander in
die Augen, die auf einmal unbeteiligt dreinblickten. Er erklärte, man habe
die Leute nicht nötig, und bestellte die Gedecke künftig an eigenem
Tischchen.
Dann führte er seine Damen in ihre Zimmer, mit einer anmutigen Größe, als
vertrete er eroberte Provinzen. Die weißen Vorhänge flatterten von Stößen
blauer Luft. Die großen eisernen Betten sahen kühl aus unter ihren
Musselinzelten. In dem kleinen Salon standen die Theaterstühle in zwei
Reihen an den Wänden. Überall Spiegel: und wenn sie schräge hingen, rollten
Wellen darin und sprang Schaum.
»Mit Verlaub« -- in vier Stimmen; und vier Herren ließen sich vorstellen,
hatten schlechterdings nicht länger warten können, machten Pardi Vorwürfe,
daß er ihnen die Damen drei Tage vorenthalten habe, und fingen gleich an:
»Du weißt nicht, daß die kleine Miß Edith . . .«
Mai und Lola wurden auf das Laufende gebracht. Die ganze Gesellschaft zog
an ihnen vorbei, jedem war eine Bosheit angeheftet. Ihnen wurden alle
geopfert; sie brauchten nur fragend einen Namen nachzusprechen, und
sogleich beleuchteten ihn Geschichten. Die einzigen Unanfechtbaren blieben
sie selbst; und eine Ergebenheit ohne Grenzen, die rückhaltloseste
Zutraulichkeit und eine spontane Verehrung drangen in knabenhaft ehrlichen
Lauten und Gesten von vier Seiten auf sie ein. Nutini zog gleich seine
leeren Taschen ans Licht: alles verspielt. Der Leutnant Cavà handhabte
seinen Säbel mit so glücklichem Gesicht, als habe er ihn soeben geschenkt
bekommen; und seine Ballhandschuhe, errötend mußte er's gestehen, trug er
schon aus Vorfreude auf heute abend. Deneris sprach mit etwas schwächerer
Stimme als die andern; aber Botta wippte beim Reden mit den Absätzen und
schlug sich auf die fette, straff bekleidete Brust. Allen saßen die Anzüge
nach der Mode vom nächsten Jahr und ohne eine Falte, wie auf guten Bühnen.
Sobald Nutini zu Lola ein unbemerktes Wort sprechen konnte:
»Er hat Sie nicht früher herbringen wollen, wie? Und er hat recht gehabt:
denn die Damen Arletti sind erst heute früh fort.«
»Was machen uns die Damen Arletti?«
»O -- Ihnen, nichts. Aber ihm!«
Und Nutinis Miene stellte so viele Enthüllungen in Aussicht, daß Lola etwas
wie Schrecken kam.
»Sind Sie nicht sein Freund?« fragte sie.
»Versteht sich . . . Und weil ich sein Freund bin, freut mich's, daß die
Arletti fort sind. Ich glaube, es waren Abenteurerinnen. Er läßt sich zu
leicht ein. Sein Temperament ist sein Unglück. Ah, bitte, so viel Geld als
er nötig hätte, kann ihm auch der beste Freund nicht geben. Darum habe ich
vorhin meine Taschen sehen lassen.«
Lola lachte mit; aber indes sie Nutinis Augen funkeln sah in seinem
eingefallenen Gesicht, nahm sie sich, unter einer Wallung von Freundschaft,
vor, Pardi über diesen Feind aufzuklären. Pardi spähte schon herüber. Noch
bevor er da war, zeigte Nutini vom Balkon nach Badenden. Cavà rief über
Lolas Schultern, unaufhaltsam:
»Ist sie schön, die Mistreß Nicholson!«
»Bravo!« machte Pardi. »Sicher ist sie die längste der gelben Stangen.«
Nutini klopfte Cavà auf die Schulter.
»Mich hat er einmal mit meiner sechzigjährigen Sprachlehrerin gehen sehen,
und dann fragte er mich: Du, sag, wer war die wunderschöne Amerikanerin?«
Lola wandte sich lächelnd nach dem Leutnant um. Er lachte wehrlos. Seine
Augen in ihren sorgfältigen Wimpernhecken blickten aus seinem rosigen
Gesicht, wie aus einem Öldruck. Lola erinnerte sich, daß er vorhin nur den
harmlosen Klatsch mitgemacht habe.
»Sie haben alle in Italien diese Vorliebe für die Amerikanerinnen, und über
Ihre eigenen Damen wissen Sie nur Unvorteilhaftes. Wie kommt das?«
»Ja, sie sind nicht so schön,« erklärte Cavà. »Sie sind nicht blond.« Botta
wußte mehr.
»Wenn wir uns mit einem unserer jungen Mädchen sehen lassen, heißt es
sofort; wir sind verlobt.«