»Mit jungen Mädchen ist hier nicht zu verkehren,« bestätigte Nutini; und

Botta setzte hinzu:

»Auch haben andere mehr Herz.«

»Schon wieder deine Olimpia? Dieser Gigi hat nämlich hier im Walde an einem

Teich einen halben Sommer mit einer Balletteuse verbracht.«

»Ach ja,« seufzte Botta und schlug sich auf die Brust, daß sein fetter

Tenor ins Zittern kam. Nutini störte ihn: schließlich sei sie ihm doch

davongelaufen; und Botta fuhr verwundet gegen ihn los.

Deneris seufzte laut. Er lehnte rückwärts auf den Balkon und schmachtete

von unten Mai an. Seit seinem Eintritt hatte er sich keinen Augenblick von

Mai getrennt. Es gäbe wertvollere Frauen, versicherte er in gezogenem Ton,

als die Balletteuse Olimpia.

»Wenn die Mühe, die man sich ihretwegen gibt, ihren Wert bestimmt --«

meinte Pardi. Nutini klopfte nun Deneris.

»Ja, du hast das Talent, unglücklich zu lieben.«

»Könnten Sie das?« sagte Cavà kindlich zu Lola. Sie mußte lächeln.

»Ich habe in der Liebe keine Erfahrung.«

Sogleich begann Botta, um Lola die Liebe zu erläutern, wieder von seiner

Olimpia. Und auf Lolas ungläubiges Lächeln:

»Denken Sie nur an die Lieblingspuppe, die Sie gewiß gehabt haben, und wenn

Sie sich die Arme Ihres kleinen Lieblings um den Hals legten. Auch wir

jungen Leute spielen gern mit Puppen, aber ach! nicht selten werden sie uns

gefährlich.«

»Wirklich?« machte Lola, dankbar. Botta sprach mit dicker Zunge,

schmatzend, und rollte in seinem massigen Gesicht selbstzufriedene

Kuhaugen. Aber Deneris wartete nur, daß er fertig sei. Er hatte sich

aufgerichtet, das Monokel eingesetzt und trachtete mit Gesten, die beiden

Damen um sich zu versammeln. Auf seinem kleinen blassen Kopf lagen die

kanariengelben Härchen seiden wie Kinderhaare. Seine blauen Augen starrten

ängstlich.

»Wissen Sie wohl, daß ich um die, die ich liebte, zu sehen: jawohl, nur um

sie zu sehen, täglich sechs Stunden mit der Bahn gefahren bin? So ist es:

dreiundeinenhalben Monat täglich nach Pisa und unter ihrem Fenster vorbei.

Selten ließ sie sich sehen; aber im Salon eines Photographen stand ihr

lebensgroßes Porträt, -- vor dem ich mich eines Tages fast erschossen

hätte. Wäre nicht gerade der Photograph gekommen --«

»Er spricht wahr,« sagte Cavà, mit Achtung. »Der Photograph hat es überall

erzählt.«

»Dein Tod, mein Lieber,« sagte Nutini und klopfte Deneris, »wäre zu

öffentlich gewesen. Viel zartfühlender handelte doch die Contessa Gavazzo,

als sie um meinetwillen Gift nahm. Eigens reiste sie nach der Schweiz.«

»Sie war eine Morphinistin, mein Lieber,« wandte Botta ein.

»Mein Lieber --« und Nutini nickte dringlich, »ich weiß wie jene Frau mich

liebte.«

»Ich aber weiß,« entgegnete Botta, von sich erfüllt, »wie es war, als ich

die Olimpia liebte; und ich werde es Ihnen erklären, mein Fräulein.«

Pardi unterbrach ihn:

»Ich könnte Liebe nicht erklären: ich vergesse jedesmal wieder, wie es war.

Ist sie aber da, weiß ich's, und handle!«

Als er der Wirkung ein wenig Zeit gelassen hatte:

»Wir holen die Damen ab, nachdem sie sich angezogen haben.«

Von der Schwelle mußte er noch mahnen:

»Marchese, komm!«

Denn Deneris konnte sich von Mai nicht trennen. Sie strahlte.

»Ist das nicht ein reizender Mensch? Sage, Lola! Es scheint, daß er mich

liebt?«

Und Lola, voll Freude:

»Gewiß, Mai! Das muß jeder sehen!«

Die Dazwischenkunft all dieser Männer hatte ihre Spannung unterbrochen. Zum

erstenmal konnten sie einander wieder unbefangen und mit Wohlwollen ins

Gesicht sehen.

»Ich freue mich eigentlich auf das Ausgehen. Es ist doch schön, daß wir

hergekommen sind!« sagte Lola. Und Mai:

»Heute abend werden wir also tanzen! Was soll ich nur anziehen?«

Lola ging mit in Mais Zimmer. Wie sie zurückkehrte, stieß sie im Korridor

auf Nutini. Sie blieb unschlüssig auf der Schwelle des Salons.

»Dieser Botta macht mich lachen,« sagte Nutini. »Wissen Sie wohl, daß er

von seiner Olimpia ganz einfach ausgehalten worden ist?«

»Nicht möglich --« und Lola brach ab. Sie hatte sagen wollen, Botta mache

ihr gerade den Eindruck des vollkommenen Liebhabers. Nutini zuckte die

Achseln.

»Aber nicht dies führt mich her. Sondern ich möchte Sie bitten, mir doch

gleich jetzt Ihre Noten zu geben. Im Augenblick habe ich Zeit, die

Begleitung zu üben. Denn das Geschwätz der andern zieht mich nicht an.«

»Wohin sind die andern gegangen?«

»Ich weiß es nicht einmal.«

»Aber die Noten sind unten im Koffer, und er steht in meinem Zimmer.«

»Mein Fräulein! Ein guter Freund spricht mit Ihnen, -- wenn er's auch erst

seit kurzem ist. Wären Sie eins unserer Püppchen, ich würde mich Ihnen zum

Auspacken Ihres Koffers nicht anbieten. Aber Sie sind eine Amerikanerin

. . .«

Lola erinnerte sich, daß nicht sie, sondern Germaine die Sachen

hineingelegt habe: sie lagen sicher sehr ordentlich. Sie öffnete Nutini ihr

Zimmer.

Er schob zuerst die Jalousietür weg, half ihr dann geschickt und diskret

und trat mit den Noten ans Licht, auf den Balkon. Er schien sich in die

Musik zu vertiefen und stieß nur seltene Worte der Bewunderung aus. Lola

mußte auf die Stimmen hören, die aus der Nähe kamen. Zuerst war's die

kindliche des Leutnants Cavà; Lola wollte es nicht glauben, daß sie diese

Dinge sagte; dann, bevor Lola sich gefaßt hatte, die schmatzende Bottas und

Deneris' näselnde. Eins seiner Worte ward von Gelächter zugedeckt. Dann

beglückwünschten sie Pardi. Er antwortete:

»Mich reizte es, sie einem Deutschen wegzunehmen.«

Bei seinem verächtlichen Auflachen errötete Lola und erblaßte wieder. Sie

hielt sich am Pfosten, begriff nicht, daß sie noch dastand, und starrte

angstvoll auf Nutini, der über die Noten geneigt blieb und manchmal

entzückt den Hals bewegte. Lola dachte in einem Atem und im Wechsel ihres

Errötens und Erblassens: »Wenn er hört!« und »Er hat mich herausgeholt,

damit ich hören sollte!«

»Was ist Ihnen?« fragte plötzlich Nutini und warf alles hin. Sie brachte

nichts hervor; und deutlich kamen Bottas Worte herauf:

»Wenn ich wählen sollte: Teufel. Vielleicht beide -- auf einmal.«

»Prahlhans!« rief Pardi scharf. »Handeln ist alles!«

»Wovon redet man? Mein Gott! Doch nicht --«

Nutini schlug sich vor die Stirn.

»Ich Unseliger! Konnte ich aber ahnen, daß diese Leute drunten bei offenem

Fenster solche Abscheulichkeiten von sich geben würden? Halte ich selbst

mich doch meist von ihnen zurück. Aber dieser Art Menschen ist nie zu

trauen . . .«

Und drinnen, flüsternd:

»Dem Pardi noch weniger als den anderen. Wenn ich Ihnen erzählen wollte,

wie er's mit den Damen Arletti getrieben hat . . .«

»Lassen Sie's!« stieß Lola aus. Sie warf die Balkontür zu.

»Sie haben gehört, wie er über Sie und Ihre Frau Mutter spricht. Denn so

ungeheuerlich es mir vorkommt, er meinte offenbar Sie! Ich kann nur

wiederholen, wie schmerzlich ich bedauere --«

»Ich vermute,« sagte Lola kalt, »daß so über alle gesprochen wird.«

»In der Tat, es gibt Männer: die Mehrzahl sogar, kann man sagen, ändert,

kaum daß sie die Damen verlassen hat, durchaus den Ton. Die Damen, die all

die Achtung und Rücksicht um sich sehen, ahnen nicht --«

»Es ist auch nicht nötig.«

Unvermittelt kam ihr Wut auf sich selbst, daß sie diesen Menschen nicht

hinauswies. Vorgebeugt, ihre dicke Falte zwischen den Brauen, sagte sie in

unheimlich hellem Frageton:

»Wollen Sie mich jetzt nicht allein lassen? Ich habe etwas Kopfschmerzen.«

»Tatsächlich sind Sie sehr blaß,« stammelte Nutini, und sein eingefallenes

Gesicht erblaßte selbst noch mehr. Er verbeugte sich. Lola sah, immer in

derselben Haltung, seinen weichlich geschweiften Rücken sich dem Ausgang

zuwiegen. Als sein Händchen in dem nach vorne weibisch erweiterten Ärmel

die Tür geöffnet und geschlossen hatte, fiel Lola auf einen Stuhl, gelähmt

von Ekel. So war nun hier die Welt! Weil sie gerade aus einer anderen kam,

hatte sie sich eine Stunde lang täuschen lassen können. Sonnig, elegant und

herzlich hatte es sich ausgenommen: alles gerade entgegengesetzt den

schlecht gekleideten, geistig hochmütigen Menschen dort hinten in ihrem

Nebel. Aber wäre jener Arnold fähig gewesen, mit allen Leuten und zum

offenen Fenster hinaus über ihren Körper zu verhandeln? Die Frage demütigte

sie so, daß sie das Gesicht in die gerungenen Hände drückte . . . Auch

Gugigl hätte das nicht fertig gebracht, und nicht einmal Gwinner! So aber

war man hier. So war der Mann, den sie vielleicht lieben wollte. Ach! es

hatte keinen Sinn, sich ihm befreundet zu fühlen, ihn vor diesem Nutini zu

warnen. Der Intrigant und der Brutale waren einander wert.

* * * * *

Mai wußte schon durch Germaine, Lola sei schlechter Laune. Zögernd kam sie

herein.

»Bist du fertig? Mein Gott, hast du mit den Sachen herumgeworfen! Die

letzten Haare wirst du dir noch abbrennen!«

»Mach mich nicht ganz verrückt, ich bitte dich, Mai!«

»Dort liegen diese dummen Bücher! Du hast gewiß wieder gelesen, und dann

kommen die Kopfschmerzen.«

»Ja, ich habe gelesen.«

»Sie liest, Pardi! Kommen Sie doch herein und schelten sie! Sie ist ein

wahres Kind.«

»Sie sind schlecht angezogen,« sagte Pardi sofort. »Sie müssen sich noch

einmal umziehen.«

Lola fuhr auf.

»Was fällt Ihnen ein!«

»Wenigstens müssen Sie das Halsband anders stecken, es liegt in Falten. Auf

den Schultern haben Sie übrigens zu viel Puder.«

»Das ist nicht Ihre Sache. Erwarten Sie mich im Salon! Hätten Sie sich

früher vielleicht erlaubt, mein Zimmer zu betreten?«

»Hier ist es etwas anderes. Ich bin für Sie verantwortlich.«

»Ach ja, ich kompromittiere Sie! Warum aber sagen Sie Mai niemals etwas?«

»Ihre Mama ist tadellos angezogen.«

Mai konnte ihren frohlockenden Blick nicht mehr zurückholen. Lola hatte ihn

aufgefangen und wandte sich stumm weg.

Beim Aufbruch hatte sie noch etwas gefunden, was ihn treffen sollte.

»Jetzt sagen Sie mir, was Sie auf der Reise ausgelegt haben!«

»Das hat Zeit, gehen wir!«

»Ich will Ihnen nichts schuldig sein.«

»Gehen wir! Die Herren warten.«

»Ich soll gehen, ich? Weil die Herren warten?«

»Aber Lola!« sagte Mai, ganz erschrocken über so viel heftigen Widerstand.

Pardi nickte ihr zu.

»Ihre Tochter ist tatsächlich noch ein Kind.«

Aber er rechnete zusammen. Lola gab ihm das Geld, mit vielem Geklapper der

Münzen. Pardi schloß kaltblütig:

»Ehrlich sind Sie.«

Lola war sprachlos. »Hat er das nicht erwartet?« dachte sie. »Er tut, als

wäre ich eine Kokotte . . . Das stimmt mit dem Gespräch beim offenen

Fenster. Wenigstens ist er konsequent.«

Und mochte sie's noch zu leugnen versuchen, seine Art, sie zu nehmen, ohne

Rücksicht auf ihre Stimmungen, ohne Verzärtelung: seine Art besiegte sie

und erleichterte sie. Auf der Treppe bemerkte sie, daß sie sich hätte

weigern sollen, mitzukommen, und ärgerte sich, weil sie keine Lust hatte,

umzukehren.

Den ganzen Abend unterhielt sie sich, und nicht schlechter am nächsten. Die

Tage vergingen mit Baden und Nichtstun. Das Bad dauerte Stunden. Man lebte

in diesem durchsonnten, blauen und weichen Wasser. Mai lachte vor Glück,

wenn sie ihre Hand hineintauchte, und sagte, es sei, wie wenn sie durch den

Stoff eines Ballkleides gleite. Man schwamm, so weit man mochte; und

ermüdete man, waren immer Herren mit einem Boot da. Man kletterte hinein;

-- und indes man recht unbeteiligt und träumerisch die Augen schloß,

gewahrte man durch ihren Spalt doch die hungrigen und diskreten Blicke des

halbnackten Ruderers. Sie prickelten einem auf der Haut. Pardi verbot ihnen

diese Rast im Boot; Lola hatte, in aller Beisein, einen Auftritt mit ihm.

Er hielt ihr Mai als Beispiel vor.

»Ihre Mama ist noch eine der wirklich weiblichen Frauen, die gehorchen

können. In Ihnen ist etwas Feindliches.«

»Glücklicherweise,« sagte Lola höhnisch.

Denn dies Feindliche reizte ihn! Lola sah immer deutlicher: »Mai gefällt

ihm. Zu mir zieht ihn seine Herrschsucht.«

»Eines Tages,« verhieß er, »werden wir uns auseinandersetzen müssen: ich

sage es Ihnen voraus.«

»Ich glaube, wir haben uns gar nichts zu sagen.«

»Zu sagen vielleicht nicht viel.«

Er lachte, und sie drehte ihm den Rücken. In dieser Minute hätte sie keine

heftige Antwort gewußt. Sie war erschlafft und einem weichen Weinen nahe.

Manchmal spürte sie so, inmitten seiner Unverschämtheiten, eine begehrliche

Wärme von ihm her, etwas wie einen jähen Stoß Südwind, daß einem der Atem

stockt; oder wie den heißen Brodem aus einem Tigerrachen, die Sekunde,

bevor er zuschnappt.

Tags darauf schwamm sie wie gewöhnlich hinaus.

Mai hatte ihr zugerufen, sie dürfe nicht weiter. Wie sie ins Boot wollte,

war keins zu sehen. »Diese Feiglinge!« Lola kehrte um. In immer kürzeren

Pausen mußte sie sich auf dem Rücken ausruhen. Solange sie noch einen

Überschuß an Kraft fühlte, dachte sie mit befriedigter Rachsucht daran, daß

sie nun vielleicht umkommen werde. In dem Augenblick, als es ihr ängstlich

ward, tauchte neben ihr Pardis Kopf auf. Wie lange war er denn unter Wasser

geschwommen?

»Rühren Sie mich nicht an!«

Auf der Stelle hatte sie ihre Kraft zurück und schoß in großen Zügen dem

Strande zu. Mai winkte mit dem Sonnenschirm.

»Kind, mein Kind! Hat er dich gerettet?«

Und sie fiel Lola um den Hals. Lola mußte erst zu Luft kommen. Sobald sie's

hervorbringen konnte:

»Wie käme ich dazu, mich von diesem Herrn retten zu lassen?«

Aber sie fühlte sich dennoch von Pardi überrumpelt und in ihrer Niederlage

glücklicher als Mai. Auch Mai mußte es fühlen. Sie sah von Lola zu Pardi,

der stumm blieb und ruhig atmete. Darauf betrachtete sie besorgt ihr

eigenes Kleid und dann die beiden in ihren triefenden, um die Körperformen

geklatschten Kostümen. Plötzlich wandte sie sich ab.

»Ich bin nicht schuld, wenn sie sich schlecht benimmt. Man hat mit nicht

erlaubt, sie zu erziehen.«

»Wir werden es nachholen,« sagte Pardi, -- indes Lola schon von dannen war.

* * * * *

Und es ward Mittag, und man flüchtete auf die Hotelveranda, an den

Frühstückstisch. Sah man hinaus, ward das Auge verbrannt von Sand und See;

von dem frechen Wirrwarr der roten, grünen, gelben Karren vor dem wütenden

Meerblau; von den weißen Flammen der Zelte, der Anzüge. Die Gäste traten

aufatmend in den Schatten, oder sie schlichen an seiner Grenze vorbei, die

Häuserreihe hin, in deren grausame Helle die Balkone scharf, dünn und

schwarz hineinschnitten. Ermattete, schöne Frauen, die sich rückwärts

bogen, willenlos und doch in einer Linie, als hätten sie Ballett tanzen

gelernt, riefen mit sehr häßlicher Stimme einen Namen, streckten, ohne

umzublicken, einen Arm nach hinten, -- und eins dieser Kinder hängte sich

daran, die nie ganz Kinder waren, die schon kokett waren, keine

Ungeschicklichkeit begingen, und deren schmelzend blasse Gesichter

manchmal, wie von Strapazen, die erst noch auszuhalten waren, unter den

Augen bräunlich dunkelten. Matronen flankierten, mit erfahrenem Lächeln,

Töchter, deren weißes Gesicht wie ein schmales Stück aus dem der Mutter

aussah. Näherten sie sich, lagen beide, das der Mutter und das der Tochter,

unter einem Teig von Schminke. Die alternden Männer bekamen Säcke unter die

gewölbten Augen; den sehr alten entleerte sich das Gesicht von Blut; --

aber sie blieben schlank, behielten den aufrechten, raschen Gang des

Jünglings und trugen, wie er, ihre silbernen und goldenen Stockgriffe, über

den Arm gehängt, spazieren. Die aristokratische Gruppe auffallender, lauter

Damen und verlebter Herren in großgewürfelten Anzügen streifte an eine

Bande von Lastträgern und Schiffern; und beide sprachen mit schleierlosen

Stimmen und Gebärden von Liebe und von Geld. Alle waren aus einem Blut; und

wie sie gleichmäßig schritten und sich kleideten, war sicher, meinte Lola,

auch die Art, zu denken und zu lieben, bei allen dieselbe. Lola gedachte

der Menschen im Norden, die sie verlassen hatte, wie an Sonderlinge, von

denen jeder seinen kleinen verrückten Kreis lief. Der alte Baron Utting

übertrieb nur ein wenig die Sucht der übrigen. Hier ließ sich keiner aus

der Masse reißen: er wäre verloren und sinnlos gewesen. Die Amerikanerinnen

allein kreuzten dazwischen in gelben Winkeln, zu scharf von Umriß, um von

der Sonne gedämpft zu werden. Die anderen alle schwammen ohne Mühe und

jeder für sich fast unbemerkt, in dieser Atmosphäre, die sie getönt hatte

und ineinander mischte.

Die Sonne tränkte gleichmäßig alles, berauschte, erschlaffte und

verzauberte alles und einen selbst. Hohe, dünne Gerten mit Blumen, die

nicht daran gewachsen waren, umstanden einen als Hecken, man lehnte sich in

grell lackierte Sessel, hörte springenden oder schmachtenden Noten zu,

fühlte sich, in seiner gewagteren Strandkleidung, freier und dreister als

sonst, trank mehr, lachte mehr, ließ losere Worte zu, glaubte halb, man

träume, und empfand bei allem, was geschah und was man tat, daß nichts

darauf ankomme. Mit Cavà hatte Lola Freundschaft geschlossen. Seine rohen

Worte von neulich deuchten ihr kaum noch wirklich, wenn sie seine

Knabenaugen ansah. »Man vergißt hier so rasch. Übrigens würde man mit

niemand leben können, wollte man daran denken, was die Leute sagen und tun,

wenn man nicht dabei ist.«

An Mais und Lolas Tisch war ein Hin und Her von Herren: Nutini, Botta und

Deneris führten Freunde ein. Der Dichter Merluzzo war dabei, mit den

Puppenaugen in seinem Modellkopf, auf seinem langen, nackten Halse. Er

huldigte Lola mit seiner Altweiberstimme und versprach ihr, vorzulesen,

wenn sie singe. Sie sang, ohne ihn um das Seine zu bitten: sang

leichtfertig darauf los und freute sich des Beifalls, ob er verdient oder

unverdient war. Sie lachte.

»Klatschen Sie! Sie klatschen doch auch, wenn der kleine Beppo aus Neapel

uns in seinem weiten Frack und seinem Riesenzylinder Späße vormacht. Fragt

man das Kind, ob es auch in Rom auftreten werde, schneidet es eine

betretene Fratze und sagt: >O nein, so stolz sind wir nicht.< Auch ich bin

nicht so stolz . . .«

In aller Ausgelassenheit fühlte sie sich eifersüchtig bewacht von Pardi.

Mai, harmloser, vergaß; einmal hörte sie Deneris zu lange an. In seiner

schwermütigen Schwärmerei war er eben dahin gelangt, daß er nach Afrika

wollte, um sich von der Schlaffliege den rätselhaften Tod geben zu lassen.

Da erklärte ihm Pardi, daß diese Dame unter seinem Schutze stehe! -- und

verblüfft, des Widerstandes unfähig wich unter seinem Ansturm Deneris vom

Tisch. Nur noch heimlich wagte er sich, dem Verbot zum Trotz, an Mai. Sie

ergab sich dann zum voraus in das Geschick, die Seufzer des einen mit der

barschen Rüge des anderen zu büßen. Lola versuchte umsonst, sie

aufzuhetzen.

»Du kennst das nicht: so sind sie. Auch dein Vater war so.«

Pardi faltete die Brauen, und Mai senkte die Stirn.

Den und jenen schloß er von der Vorstellung aus: sie hatten sich mit einer

zweifelhaften Person gezeigt!

»Und sie sind wohl nicht langweilig genug?« fragte Lola, kampfbegierig.

Dann:

»Warum machen Sie uns mit keiner Dame bekannt? Fürchten Sie, daß uns

Geschichten über Sie zu Ohren kommen? Wie sind die beiden puppenhaften

Blonden mit den rotgeschminkten Lidern?«

Cavà antwortete statt Pardis:

»Die Contessa Bernabei und ihre Schwester.«

»Eher die hätte ich für zweifelhaft gehalten.«

»Bedenken Sie, was Sie sagen!« heischte Pardi.

»Ach! Sie sind sehr befreundet mit ihnen?«

Lola lag nichts an Frauen. Dennoch warf sie es Pardi immer wieder vor, daß

er gleich bei der Ankunft durch seine rücksichtslose Eroberung der Zimmer

alle Damen des Hotels zu ihren Feindinnen gemacht habe. Einmal, im Wasser,

hoffte sie eine für sich gewonnen zu haben, eine noch Unbekannte. Als

nachher Pardi ihnen entgegenkam, ward die neue Freundin verlegen, Pardi

verhielt sich unleidlich abweisend und Lola brach, als die Fremde sich

ängstlich entschuldigt hatte, in ernste Wut aus. Er wartete mit steinernem

Gesicht, bis sie ihn sprechen ließ.

»Sie ist eine Chanteuse.«

Erst als Lola sich durch diese Enthüllung nicht geschlagen zeigte: was das

schade, im Wasser habe die Dame keine schlüpfrigen Lieder gesungen, -- da

verfiel auch er in Sturm. Lola habe haarsträubende Begriffe; er werde sich

von ihr trennen oder sie einschließen müssen. Er verstieg sich zu der

Frage:

»Warum sind Sie hergekommen, wenn Sie eine Wilde bleiben wollen?«

»Ich werde abreisen, um Sie nicht länger zu kompromittieren,« entschied sie

mit Leidenschaft. Statt dessen hielt sie sich bei Tische heftig über Pardis

Lächerlichkeit auf; denn er habe ein hübsches Mädchen nur darum vom

Blumenkorso ausgeschlossen, weil sie eine Schneiderstochter sei. Woher

sie's wisse, fragte er; und kaum, daß sie einen Namen genannt hatte, stand

er auf. Man sah dort hinten ihn und den andern gegeneinander fuchteln.

Pardi verlangte, daß ein Gericht sich bilde und sofort über seine

Handlungsweise entscheide. Als er recht bekommen hatte, forderte er seinen

Kritiker. Mit Mühe besänftigte man ihn; -- und wie er dann, entladen,

heiter, bezaubernd, unter lauter bewundernden Blicken an den Tisch

zurückkehrte, begann Lolas Herz nachträglich zu klopfen. Was sie nun fast

angerichtet hätte! Sie kannte ihn doch: er verlor mitunter die Besinnung.

Einen Engländer hatte er aus dem Spielzimmer weisen wollen, weil ihm sein

Tabak nicht gut roch. Der Engländer aber hatte Humor gehabt, und jetzt

spielte Pardi mit ihm und rauchte aus seinem Beutel. Lola bemerkte

erstaunt, daß er, der sich mit hundert Dummheiten aufhielt, sich an die

Leitung von hundert Festen verzettelte, hundert Ehrenhändel erregte, bei

alledem nicht kleinlich wirkte. Denn er trat für jede Nichtigkeit mit

ganzer Persönlichkeit ein: immer bereit zur Verantwortung, immer im

Begriff, sich zu verfinstern, sich mit dem Zweifler zu messen. Lola dachte

an seine Erzählungen aus Afrika. Im Großen, das ihm bekannt war, blieb er

derselbe, wie hier im Flüchtigsten. Er war das Kind, das das Meer vor sich

hat, und doch darauf besteht, aus einem Sandloch, worin das Wasser

versickert, ein zweites Meer zu machen.

Sie ging umher und sann ihm nach. So war er. Er war etwas Ganzes, -- und

dies Ganze war vielleicht nicht weit von einem Helden. Die Frau, die ihn

geliebt hätte, wäre beinahe gerechtfertigt gewesen. Und eigentlich war's

von einer weniger starken Natur unnütze, peinliche Streitsucht, sich ihm zu

widersetzen . . . Da schrak sie auf. Lieben? Diesen Abenteurer, der nur

nach außen und nach allen Seiten lebte? Der sich nie hätte zusammenhalten

können für eine? Diesen unzuverlässigen Spieler, für den kein Gewinn,

nichts in Spiel oder Leben endgültig war? Diesen immer von seinen Launen

gequälten Mann aller Frauen?

»Mai will er gerade so sehr wie mich! Mehr vielleicht!«

Das war das Schlimmste. Darüber hätte man die Augen schließen mögen und gar

nicht mehr aufstehen. Aber Lola wollte alles wegwerfen. »Sollen sie tun,

was sie wollen!« Und sie kam nicht zu Tisch; war gleich nach dem Bade in

den Pinienwald gelaufen und durchstrich ihn weiter und weiter. Er nahm kein

Ende. Man konnte sich verirren: wie das kitzelte! Sie drehte sich mit

geschlossenen Augen mehrmals um und wußte nun die Richtung nicht mehr. Das

weiße Schloß lag tief, tief in den Bäumen: so gedämpft blaß, als hätte nie

Sonne es beschienen. Daß nun der Wald sich wie mit Schleiern füllte! War

das Dämmerung? Schon? Man konnte hier sitzen und sich in den fremden,

gelben Geruch all dieses Gestrüpps hineindenken, bis man weit fort war und

die Zeit vergaß. Zwar hatte man den ganzen Tag nichts gegessen, -- und

dort, auf der Lichtung, packten Holzfäller ihr Gerät zusammen und legten

Brote auf den Baumstamm . . . Nein, noch weiter: jetzt gerade, nun man

schon sehr, sehr müde war und die Nacht kam . . . Da sah mit Eulenaugen das

Meer zwischen die Stämme; die Richtung war wiedergefunden, die Stelle

erkannt. »Eine halbe Stunde höchstens nach Haus! War ich dumm!«

Sie kam zurück und fühlte sich ganz fremd und verachtend. Sie brauchte von

dem hellen, lauten Tisch nur wegzublicken, -- und ins Dunkel, jenseits der

Terrasse, waren friedevolle Bäume gezeichnet und Waldwege, die stumm

verrannen. Ganz erfüllt war sie noch von ihrem schönen Tag in Einsamkeit,

und das zwischen Menschen galt ihr gleich.

Erst Tags darauf fühlte sie, daß ihre Abwesenheit Mai und Pardi einander

irgendwie näher gebracht habe. Mai hatte ihr nur laue, etwas künstliche

Besorgnis gezeigt, Pardi ihr keinen Auftritt gemacht. Als die andern von

einer gestrigen Ruderpartie anfingen, schwiegen sie. Waren sie allein

geblieben? Mai sah an Lola, die sie prüfte, vorbei. Lola tat keine Frage.

Sie sprach mit vom Rudern. Pardi fiel ein:

»Sie wären gern dabei gewesen? Dann gehen Sie also heute mit! Ihre Mama

verträgt die See nicht, ich leiste ihr Gesellschaft.«

Lola sah von ihm zu Mai. Sie suchte nach einer spöttischen Ablehnung.

Plötzlich aber stieß sie hervor:

»Gut denn!«

Sie hatte sich geschämt! Als sie ins Boot stieg, bereute sie's. Mai gab den

Herren lauter Empfehlungen mit, zu Lolas Wohl. »Wie sie heuchelt!« Lola

dachte weiter: »Warum erlaube ich ihr, daß sie ihn mir wegnimmt! Gebe ich

mich denn auf? Ich habe doch mein Recht aufs Glück!« Sie beschloß: »Ich

werde mich nicht mehr fortdrängen lassen! Ich kann ihn gerade so gut haben

wie Mai. Er hat mir sogar gesagt, daß er Mai nur meinetwegen den Hof

macht.« Sie verlangte nach einer Bucht weit dort hinten; und wie

eingewendet ward, ihr Vormund werde böse sein:

»Meinen Vormund nennen Sie ihn? Es fehlte noch, daß er's wäre! Finden Sie

ihn nicht, im Ernst, ziemlich anmaßend?«

»Wenn man einen unverschämten Menschen sucht,« sagte Cavà frisch, »da hat

man ihn.«

»Er geht so weit, daß er mir manchmal unsympathisch wird,« sagte Botta.

»Das ist recht!« -- und Lolas üble Laune hob sich -- »schimpfen wir ein

bißchen auf ihn! Was wissen Sie von ihm, Marchese?«

Deneris antwortete:

»Als junger Mann hat er sich einmal selbstmorden wollen.«

»Das -- wollten Sie doch selbst schon.«

Deneris, tief erstaunt:

»Das ist doch etwas anderes. Übrigens hatte er keine unglückliche Liebe.

Höchstens Schulden.«

»Die sind ihm treu geblieben,« begann Nutini. »Trotz seinem großen

Familienbesitz kann man den Zeitpunkt seines Ruins schon berechnen. Leute

wie er, enden immer schlimm.«

»Tatsächlich hat er zusammengewachsene Brauen,« bemerkte Cavà. Botta

bedauerte das Haus Pardi.

»So altadelig!«

Deneris widersprach:

»Alt wohl, aber nicht lange adelig. Diese florentiner Bürgerhäuser sind

spät geadelt.«

Nutini wollte auf die Geldsachen zurückkommen, aber Lola verlangte:

»Lassen wir ihn gehen!«

Sie ertrug es auf einmal nicht mehr, hier draußen, abgesondert von ihm,

gemeinsame Sache zu machen mit seinen Feinden, von denen keiner sich an ihn

wagte. Auf einmal fühlte sie sich voll Angst: beklommen und gereizt durch

all das feindliche, leere Blau um sie her, durch die Gesichter, die sie

ansahen. Er liebte Mai: man mußte schnell ans Land, -- liebte Mai. Und Mai

ihn.

* * * * *

Sie begann Mai neu zu beobachten, mit Blicken, die sie selbst schmerzten,

und unter denen Mai sich verwandelte. Ihre liebenswürdigen kleinen

Torheiten bekamen etwas Untergeordnetes, ihre Kindlichkeit ward albern. Bei

jeder von Mais Äußerungen sah Lola in den Schoß, schämte sich und empfand

Genugtuung in einem. »Wie kann man so dumm sein!« Diese verbrauchten

Listen! Daß eine Mutter die Tochter, die sie fürchtete, als Kind

behandelte: es war so alt, so alt. Nur ein wenig Geschmack, und man ließ

es. Aber Mai wäre, in ihrer Eifersucht, nicht einmal davor

zurückgeschreckt, Lola schlecht anzuziehen! Mais Ratschläge empfing Lola

nur noch mit Mißtrauen. Einmal machte sie die Probe: frisierte sich

absichtlich sehr unvorteilhaft und fragte Mai, wie es ihr stehe. Mai war

entzückt: Lola wußte nun Bescheid. Zum Schein ging sie ein Stück mit; --

aber unten auf der Treppe blieb Mai stehen, ihr Gesicht war verwirrt und

errötet, und sie sagte:

»Laß dich noch einmal ansehen: nein, ich glaube, es geht doch nicht.«

Mais Kampf rührte Lola nicht. Es verdroß sie, daß sie nun weniger harte

Gedanken hegen mußte. Sie wollte jetzt wirklich, wie sie war, unter die

Leute. Aber Mai flehte und jammerte, bis sie Lola wieder oben im Zimmer

hatte und sie eigenhändig, mit eifrigen, reuigen Händen, von neuem

frisieren konnte. »Ist es Verstellung? Was hat sie vor?« dachte Lola und

haßte sich selbst dafür. Aber sie konnte nicht dagegen, daß Mais Hände auf

ihrem Kopf ihr widerstrebten. Sie konnte nicht hindern, daß Mais Art mit

den Männern sie erbitterte, ihr schließlich übel machte. Dieses Schnurren

und Schmachten, diese singende, lispelnde Sprechweise, diese seitwärts

geneigten Köpfe, unenthaltsamen Blicke, und dies ironische Lächeln einer

gedämpften Wollust, womit ein Mann und eine Frau sich verständigten! Und

der Mann war irgendeiner, -- nicht bloß Pardi: früher auch Deneris,

neuerdings auch Botta; und die Frau, das lockende Weibchen, war Lolas

Mutter, ihre eigene Mutter! Die Kokotten nebenan mochten dasselbe treiben,

und die Aristokratinnen; Lola mochte umringt sein von unreiner

Weiblichkeit; -- erst in Mai aber bekam sie etwas Groteskes und etwas, das

Grauen machte. Eine Mutter hatte nicht das Recht, noch Weib zu sein!

Je länger sie sich hineindachte, um so überwältigender deuchte ihr das

Unrecht, das sie von Mai erfuhr. »Als ich sie damals für gefallen hielt,

war's weniger schlimm. Es war wirr wie ein Weltuntergang; es peinigte

nicht, denn alles war auf einmal aus; -- und es war eigentlich nur, weil

ich Romane gelesen hatte. Ich wußte nichts, ich stand draußen. Jetzt sehe

ich von innen, wie alles geschieht. Ich liebe einen der Männer, mit dem sie

kokettiert: denn so würde sie es nennen, und doch ist es entsetzlicher, als

wenn sie ihn mir einfach wegnähme. Dann würde ich mich vielleicht töten! So

aber äfft sie, mit allen und ihm, die Liebe nach, die ich fühle, zeigt mir,

namenlos verzerrt, was eine Frau ist, macht mir Grauen, daß ich eine bin.

Ich liebe einen, mit dem meine Mutter solche Blicke wechselt! Bin ich nicht

beschimpft und ganz beschmutzt durch das, was ich in mir trage? Ich will

nicht Frau sein! Ich will nicht lieben!«

Sie machte sich jungfräulich steif, hörte von den Reden weg, die auf allen

Wegen zur Liebe glitten, und verlangte, daß man in ihrem Dabeisein von

ernsten Dingen spreche.

»Ich begreife nicht, daß man hier in einer Gesellschaft von Männern und

Frauen sich immer nur miteinander, nie mit unpersönlichen Fragen

beschäftigen kann.«

»Ja, Sie sind eine Amerikanerin,« sagte Cavà . . . Lola sah von allen

Seiten Komplimente für die Amerikanerinnen kommen, fiel nervös ein und

erklärte die Stellung der Frau in Italien für unwürdig und vollkommen

veraltet.

»Glücklicherweise wollen Ihre Minister endlich die Ehescheidung einführen.«

Botta bat:

»Nur das nicht. Wenn die Scheidung, was Gott verhüte, Gesetz wird, sind wir

verloren.«

»Sie machen wirklich ein ganz betretenes Gesicht. Solche Angst haben Sie

vor den Frauen?«

»Im Gegenteil,« versicherte Botta. »Ich habe Angst für sie. Denn sie zuerst

werden unter dem Gesetz leiden: haben sie doch wenig Urteil, die Armen. Sie

werden, kaum daß etwas sie ärgert, aus der Ehe laufen. Dann meiden alle

sie, und sie verkommen.«

»Schon jetzt,« begann Deneris, »sitzt die Caputi allein in den

Konditoreien, und sie ist nur getrennt. Was werden erst die Geschiedenen

tun!«

Nutini bemerkte:

»Ein Sodom und Gomorra wird entstehen. Wir jungen Leute werden uns nicht

darüber zu beklagen haben.«

Deneris aber klagte:

»Uns wird die poetischste Sache verloren gehen, nämlich unsere unbedingte

Ehrfurcht vor der Frau, die in der Ehe unantastbar und die Erste ist.«

»Ich hätte meine Mutter nicht achten können, wenn mein Vater sie hätte

entlassen dürfen!« rief Botta.

»Gut, Advokat!« machte Nutini.

»Die Frau, die geschieden werden kann, wird man vielleicht nicht einmal

mehr zuerst grüßen,« fürchtete Deneris. Cavà rief entschlossen:

»Ich werde sie grüßen!«

»Genug,« folgerte Botta, »wir haben die Pflicht, die Frauen vor sich selbst

zu schützen.«

Lola hätte gern erwidert: »Und wie schützt ihr sie jetzt? Indem ihr

möglichst viele von ihnen zum Ehebruch verführt?« Aber Pardi kam über den

Sand herbei.

»Und Sie? Sie sind natürlich für die Scheidung?« fragte Lola ihn. Er

antwortete:

»Ich bin der unversöhnliche Gegner jeder Regierung, die sie uns aufzwingen

will!«

Cavà bedeutete Lola mit einem Blick, daß sie auf ihn sich verlassen könne.

»Warum soll unser Land das letzte von allen sein?« rief er hell. »Die

Amerikanerinnen sind meistens geschieden, und sie sind reizend . . .«

Botta unterbrach.

»Der Fortschritt! Das ist euer Wort. Wenn es nun aber bewiesen ist, daß die

Scheidung geschichtlich und etnographisch eine tiefstehende Einrichtung ist

und sich in direkter Verbindung mit allen Entartungserscheinungen der

menschlichen Psyche befindet, als da sind Verbrechen, Selbstmord, Wahnsinn

und -- noch mit einer, die ich vor Damen nicht nennen kann?«

»Gut, Advokat,« sagte Nutini. Cavà behauptete frisch:

»Die Ehe ist das Grab der Liebe!«

Seine drei Widersacher fielen zugleich über ihn her. Pardi verschränkte die

Arme und wartete. Als er sprechen konnte:

»Die Ehe ist das Grab der Liebe, wenn man von Liebe einen falschen Begriff

hat, wenn man für Liebe hält, was nichts weiter ist als tierische

Fleischlichkeit, nichts als die Berührung zweier Epidermen. Die echte Liebe

aber, die in der Seele wohnt und gereinigt, vergeistigt und von den Launen

der Sinne unabhängig ist, kann nur eine einzige Person angehen und nirgends

vorkommen als in der unlösbaren Ehe! Nur sie ist der ganz reine Herd dieser

Liebe!«

Lola betrachtete ihn: da stand er, der Idealist, und glaubte an sich! Unter

denen, die ihm so leidenschaftlich zustimmten, hätten vielleicht noch

einige Ehefrauen sein sollen, deren reiner Herd dank ihm etwas weniger rein

war, und ein paar Gatten, die er halbtot gestochen hatte.

»O!« machte sie. »Was Sie da sagen, ist die Logik eines Dichters. Wenn nun

die Wirklichkeit nicht immer so logisch wäre? Dann würde man, Ihrer Poesie

zuliebe, unglücklich!«

Er merkte gar nicht ihren Spott. Mit Strenge entgegnete er:

»Auf diese oder jene, vielleicht vorschnell geschlossene Ehe kann nicht

Rücksicht genommen werden, wo es sich um die Ehe als Grundstein des

gesamten gesellschaftlichen Gebäudes handelt.«

»Sehr richtig!« bemerkte Botta. »In der Ehe befiehlt der Staat.«

»Besteht der Staat nicht aus Menschen?« fragte Lola. Pardi erklärte:

»Sie haben sich zu opfern. Nicht ihr Glück ist das Wesentliche. Das Wohl

der Kinder geht ihm vor, der Bestand der Gesellschaft. Wer mit seinem

freien Willen gewisse Pflichten eingegangen ist, hat, was nachkommt, nur

sich zuzuschreiben und kein Recht, sich zu beklagen. Ich würde mich nicht

beklagen,« schloß er, durchdrungen.

»Und er ist ein Mensch,« dachte Lola, »der noch keine Handlung mit ruhigem

Blut und Voraussicht der Folgen begangen hat!« Sie äußerte:

»Wie Sie von Pflicht zu sprechen wissen! Sie sind förmlich ehrwürdig!«

»Tatsache ist,« sagte Botta, »daß Sie einen ausgezeichneten Verteidiger der

guten Sache geben würden; -- und Gott weiß, daß sie Verteidiger braucht

. . .«

Er wartete, ob man nicht ihn selbst auffordern werde. Dann beschied er

sich:

»Stellen Sie doch Ihre Kandidatur auf!«

Deneris und Cavà stimmten ein. Lola bestätigte:

»Sie müssen ins Parlament und die Ehe retten.«

Er sah ihr spähend in die Augen. »Sein Tigergesicht,« dachte sie.

»Von diesem Augenblick bin ich entschlossen, -- und Sie werden sehen, wer

recht behält!«

»Also wetten wir: für und gegen die unlösbare Ehe?« schlug Lola vor.

»Nein! Dafür ist es zu ernst. Aber Sie können schreiben, Nutini, daß ich

kandidiere. Bereiten wir doch gleich das Nötige vor . . .«

Schon ward er umringt, im voraus beglückwünscht und begann einem Kreise

Neugieriger sein Programm zu entwickeln. Die Hotelgäste kamen die Terrasse

herunter, und von weither sah man laufen. Die aristokratische Gesellschaft

mit ihren gewürfelten Anzügen und riesigen Schleiern drängte sich, warf

skeptische Bravos in die Rede, fächelte, plapperte; und während der Kopf

nach der andern Seite lächelte, betasteten unten sich irgendwelche Hände.

Pardi ließ keinen einzigen Scheidungsgrund zu, nicht Zuchthausstrafe, nicht

Wahnsinn.

»Wenn erst Bresche gelegt ist, gibt's kein Halten, und man endet dabei, daß

der Wunsch des einen Gatten genügt! Eher bin ich dafür, daß das Band noch

fester geknüpft wird, daß wir, meine Herren, die Verantwortung für unsere

Frauen übernehmen und sogar ihre Verbrechen büßen!«

»Welch wilder Romantiker!« dachte Lola, auf ihrem Sesselchen im Schatten

des Badekarrens.

»Dafür muß unsere Herrschaft nicht lockerer, sondern noch fester werden.

Meine Herren, es haben sich Richter gefunden, die entgegen dem Gesetz eine

Frau der Verpflichtung enthoben haben, ihren Mann zu begleiten, wohin immer

er befiehlt . . .«

Eine der beiden puppenhaften Blonden mit den rot geschminkten Lidern, die

Contessa Bernabei, wandte sich Lola zu, machte einen Schritt aus der Masse,

daß ihr Schatten darauf fiel, und hob, mit angeregter Miene, nochmals den

Fuß. Als Lola gleichgültig sitzen blieb, trat sie ärgerlich zurück, sprach

nach links und nach rechts, als rührte sie in einem Sandhaufen, -- und auf

einmal waren drei, vier Lorgnons auf Lola gerichtet.

Aber eine Stimme, Deneris' Stimme, zog die Aufmerksamkeit ins Innere des

Kreises zurück.

»Die Furcht vor der Scheidung würde keine Frau vom Ehebruch abhalten und

keinen Liebhaber. Denn in der Leidenschaft fürchten wir nichts.«

»Meine Meinung!« rief Pardi; und die beiden streckten einander die Hände

hin.

»Mag der Gatte aufpassen!« höhnte Cavà, knabenhaft hell; und der Chor

erklärte sich fürs Aufpassen.

Die Versammlung bröckelte ab; auch Mai löste sich heraus, mit Deneris

hinter sich.

»Hat er reizend für die Scheidung gesprochen, und auch Sie, Marchese! O!

ich schwärme für die Scheidung. Meine Tochter übrigens auch: Nicht wahr,

Lola?« -- und Mai lief trippelnd herbei, ganz unbefangen, wie immer, wenn

Leute dabei waren. Deneris hielt sie zurück; er hatte ihr etwas

zuzuflüstern. Mai schüttelte auf alles den Kopf. Schließlich sagte sie:

»Gut, daß Sie mit Pardi versöhnt sind; jetzt können Sie wieder mit uns

reden. Sonst aber: lieber Marchese, Sie dürfen es nicht übelnehmen, eine

glückliche Liebe würde Ihnen nicht stehen. Ihnen steht eine unglückliche.

Als Sie täglich sechs Stunden gereist sind und sich bei einem Photographen

haben erschießen wollen, da müssen Sie schön gewesen sein . . . Sollen wir

jetzt nicht baden, Lola?« -- und Mai ließ Deneris zurück.

Lola dachte: »Sie ist so dumm, daß sie keine zwei Worte versteht, die etwas

Allgemeines sagen. Gleich darauf aber, wenn es sich um ihren Körper handelt

und um die Sinne eines Mannes, wird sie beinahe geistreich. Muß man als

Frau so sein? Dann bin ich ein verfehlter Mann. Wenn ich hätte auftreten

dürfen: wie ich denen dort die Wahrheit gesagt hätte! Was für eine

Gesellschaft! Sie sind schlaff und unmenschlich zugleich; frivol und

philisterhaft, alles beides. Pardi ist das alles auch: nur heftiger als die

anderen. Ich kenne ihn: sich würde er alle Freiheiten nehmen und seine Frau

würde er einsperren. Draußen würde er wie ein wildes Tier herumstreichen

oder wie ein Narr, und in seinem Hause würde er alles abgezirkelt und

niedlich wie in einem Vogelbauer wollen. Kann man so abscheulich ungerecht

sein! Nein, ich möchte kein Mann sein. Oder ich wäre einer wie Arnold

. . .«

Zornig riß sie sich die Bluse auf, -- da erschien um die Ecke des Karrens

auf nacktem Hals der Modellkopf des Dichters Merluzzo. Seine Puppenaugen

spähten hinein.

»Was wollen Sie, mein Gott!«

Mai, schon halb entkleidet, schrie und stürzte umher.

»Endlich treffe ich Sie allein. Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen eine

Novelle vorlesen wollte?«

Es mußte sofort sein. Lola ließ ihn sich auf die Karrentreppe setzen und

versprach, hinter dem Vorhang genau zuzuhören. Aber die weichliche Stimme

reizte sie noch mehr. Zum Schluß sagte sie:

»Recht hübsch. Aber den Gedanken, daß an der Untreue der Frau auch der

Gatte schuld haben kann, finde ich sehr kühn.«

»Nicht wahr?« -- ganz stolz. »Das sagten mir schon andere: die Idee sei neu

und vielleicht zu kühn. Auch der Conte Pardi sagte es.«

»Das dachte ich mir,« -- Lola schlug den Vorhang zurück und ging in ihrem

Mantel an Merluzzo vorbei. Im Wasser erklärte Mai:

»Ich mag diese Dichter nicht. Dieser ähnelt wieder dem vorigen, dem in

Deutschland.«

Lola antwortete:

»Liebe Mai, solche Leute wie Deneris verstehst du sehr gut;« -- und dann

schwamm sie unter Wasser davon.

Mai sprach sie nicht wieder an. Am Abend ward Lola von Pardi zur Rede

gestellt. Sie sei so unartig, daß ihre Mutter geweint habe, und dabei

verschwende sie das Geld ihrer Mutter. Wie sie dazu komme, die ganze

Familie des Stubenmädchens zu unterhalten. Ob sie nicht sehe, daß der Mann

ein Lump sei, der nicht arbeiten wolle und sie belüge. Sie wisse es, sagte

Lola; da er aber einmal so sei und die Familie Not leide --

»Das ist unmoralisch!« behauptete Pardi.

»Wenn ich fragen wollte, wem ich helfe, käme ich nie zum Helfen. Glauben

Sie, daß der betrunkene Bauer in Deutschland, den Sie ins Dorf trugen und

so reich beschenkten, würdiger war?«

»Er war ein sehr guter Mann, ich habe mit den Leuten gesprochen.«

»Ich auch. Und er hatte die Messerstiche, weil er gestohlen hatte. Aber Ihr

Geld verdiente er darum, meine ich, nicht weniger.«

Da Pardi nur fuchtelte:

»Sehen Sie, Sie waren in Afrika, haben so vieles hinter sich: ich aber, die

ich nichts erlebt habe, bin enttäuschter als Sie. Sie brauchten mich

wirklich nicht so oft zu belehren.«

* * * * *

Das war ein Triumph! Auch daß er Merluzzos Albernheiten kühn gefunden

hatte, war einer; und daß die süßlichen Bilder im Saal ihn entzückten. Für

alles, was süßlich und veraltet war, für jeden Kitsch war er zu haben. Er

mußte als Held in älteren Romanen vorkommen. Seine Abenteuer, sein

Ehrbegriff, seine Ideen, seine Lebensanschauung und sein Urteil über

Menschen rührten von solchem Helden her. Für ihn gab es natürlich nur Gute

und Böse, Ehrenmänner und Schufte, und wer das Fechten verstand, erhielt

sich stets auf der Seite der Ehrenmänner. Eine Welt, so einfach in ihrer

Wildheit, daß es nicht zu glauben war. Eine Naivität, die manchmal rührte,

manchmal empörte: nur Achtung konnte sie nicht eingeben.

Ihre Beobachtungen rieben sie auf, sie erschrak bei jeder neuen Waffe, die

sie gegen ihn in die Hand bekam, denn mit allen traf sie sich selbst. Sie

schlief nicht mehr, verbarg mit Mühe ihre ständige Gereiztheit, und von

früh bis spät war sie in der Angst, einen Zug an ihm zu bemerken, der ihn

entstellte, der ihn vervollständigte. Nutini war ihr Schrecken; bei jeder

Begegnung lüftete er, feixend oder unter Freundschaftsbeteuerungen, wieder

ein Stück von Pardis Vergangenheit. Pardi hatte die Chiarini, als sie von

ihm in anderen Umständen war, mit dem Wagen umgeworfen, wobei sie umkam

. . . Nutini verhehlte nie, Lola auf den Mut hinzuweisen, womit er sie über

den gefürchteten Duellanten aufkläre. Sie hielt trotzdem das meiste für

Verleumdung; aber ein ruheloses Mißtrauen und eine verzweifelte Lust an

seinem Gezischel trieben sie zu Nutini. Sie standen zusammen abseits,

wiesen nach dem Horizont, lachten laut, und dabei sagte Nutini:

»Sie wissen wohl nicht, warum die Bernabei Sie so viel durchs Lorgnon

ansieht?«

»Die mit dem zusammengedrückten Gesicht und den roten Lidern? Nein.«

»Weil sie Pardis Geliebte ist . . . Ja, man spricht seit zwei Tagen davon,

aber ich habe mich erst überzeugen wollen . . .«

Lola hörte gierig die Einzelheiten von Nutinis Entdeckung an.

»Sie begreifen nun, die Bernabei ist auf Sie eifersüchtig.«

»Aber neulich, als Pardi seine Rede gegen die Scheidung hielt, schien sie

sich mir ganz freundlich nähern zu wollen.«

»Das glaub ich!« -- und Nutini lachte auf, mit großen Falten neben dem

Munde; »Sie wissen wohl, was Eifersucht ist: man muß die Gegnerin kennen

lernen!«

»Nein, ich weiß das nicht. Und ich bin nicht die Gegnerin der Frau

Bernabei.«

»Im Ernst? . . . Ich will aufrichtig sein. Die Gräfin hat mich beauftragt,

zu machen, daß Sie beide sich kennen lernen.«

»Mich verlangt nicht nach der Bekanntschaft.«

»O! Sie sind nicht eifersüchtig. Sie sind ein bewundernswertes Geschöpf, in

das auch ein ernster Mann sich verlieben könnte. Unglaublich, wie viel

Seele in den Augen dieses Mädchens ist . . .«

Lola dachte: »Für alles andere habe ich Blick, nur nicht für Liebessachen

. . . Jetzt begrüßen sie sich: ja, es ist wahr. Daß ich das nicht früher

gesehen habe! Und doch war sie mir unsympathisch vom ersten Augenblick, und

ich habe mich ihretwegen mit ihm gestritten! Also hat er eine Geliebte:

hier gleich neben mir, die er doch behandelt, als ob ich ihm gehörte

. . .«

Gegen die Liebe in ihr vermochte das alles nichts; nur die Last dieser

Liebe konnte es vermehren. Ihr Wachstum war nicht mehr aufzuhalten. Kein

Tag, der ihr nicht Nahrung gab. Noch mit der Verachtung des Geliebten

nährte sie sich!

Und ihr Dasein glich jetzt ganz jenem Spaziergang, die letzte Nacht in

Deutschland, als sie in die Luft schlug, aus blinder Angst vor seiner

Berührung. Immer war sie in Angst, sich zu verraten: mochten ihre Worte

noch so gehalten sein, sich mit Blicken zu verraten, wie die Bernabei, mit

einer Betonung, die ihr, sie merkte es, ausglitt, mit einer Bewegung, die

entschlüpfte. Stand ihr nicht der Traum der vergangenen Nacht noch in den

Augen, als sie sich, einen steilen Weg hinab, fest auf ihn gestützt und

sich abgespannt und genesen gefühlt hatte? Konnte er nicht in sie

hineinsehen? Drang nicht ihre Leidenschaft ihr durch die Haut? Sie drang

doch bei allen durch, so lang die Terrasse war, so viele Menschen hier

gehäuft saßen, so viele Gesichter sich aufeinander zuneigten, so viele

Hände nacheinander tasteten. Lola sah jetzt dies alles und fühlte es, ohne

hinzusehen. Ein neuer Sinn war ihr gekommen für den Strom, der um diese

Tische und durch diese Menschen lief und von dem der Blick jedes Mannes und

jeder Frau, die sich ansahen, dieses ironisch gedämpfte Einverständnis

empfing. Sie fragte nicht mehr, warum hier zwischen Frauen und Männern kein

Gespräch über irgend eine draußen liegende Sache aufkam. Sie selbst konnte

nur noch darauflos schwatzen, schlaff lachen und, nun Nutini ihr den Hof

machte, sinnlos herausfordernd an seinen Augen haften. Dazwischen empörte

sie sich gegen ihren Zustand, begriff nicht, wie er hereingebrochen sei,

schrieb ihn dem Scirocco zu, der einem den Atem nahm, einen gedankenlos,

matt und nach Schauern gierig machte. Man zog die Mahlzeiten hin, trank,

rauchte, -- und wenn man die heiße, schlaffe Hand über das Geländer hängte,

traf Regen sie, der nicht kühlte. Die Gerüche dieser eleganten Menge

standen still in der Luft. Das Meer sandte bleierne Reflexe. Die Blicke

erschienen fiebrig, die Gesichter fahl, gedunsen und von aufstachelnder

Zerrüttung.

Lola fand jetzt viele beneidenswert schön. Manche dieser Frauen schminkten

sich Masken wie Kokotten. Man mußte das herausbekommen. Man mußte ihren

lauten Chic erlernen. Sie probierte des Nachts. Mai, sah sie, hatte täglich

breitere Kohleränder. Wenn sie zusammen die Terrasse betraten und von der

Bernabei und den anderen gemessen wurden, spürte Lola von weitem den

Erfolg. Mais dunkle, weiche Schönheit und Lolas herbere blonde Eleganz

hoben einander. Sie sprachen unter sich kaum ein Wort, sie hielten beim

Ankleiden die Tür zwischen sich geschlossen, gaben sich keinen Rat mehr: --

am Fuß der Treppe aber blieb Mai stehen, um Lola an ihre Seite zu nehmen;

und am Strande legten sie einander die Hand in den Arm und lachten sich zu.

»Wir sind eigentlich wie ein Paar Abenteurerinnen,« dachte Lola. »Wer uns

nicht kennt --.« Mit der Wucht des Schreckens vertiefte sie sich dahinein.

»Wir sind immer, ohne irgendwo hinzugehören, durch Europa gezogen, haben

nur an Plätzen gelebt, wo sich Abenteuer finden lassen, -- und haben wir

keine gefunden? Womit habe ich, wenn ich die Branzilla abziehe, meine Zeit

verbracht? Auch hatten wir nur unregelmäßig Geld . . .« Und da hatte sie

ihr Dasein umgesehen, verstand sich, sehr befremdet, auf einmal ganz

anders. »Ich bin es! Ich bin eine Abenteurerin! . . . Die anderen, die es

sind, wissen es vielleicht auch nicht. Man merkt das wohl selbst erst, wenn

die Leute es schon längst sehen . . .«

Sie wehrte sich: »Ich habe doch so viel gelesen; durch meinen Kopf, der

jetzt wohl leer ist, sind doch Gedanken gegangen, wie gewiß niemals durch

diese Köpfe hier. Wenn ich jetzt in diese Gesellschaft gehöre, -- noch vor

kurzem war ich doch mit ganz anderen Menschen fast verwandt. Wie war mir

zumut, als ich mit Arnold war? Alles war anders. Frauen, wie diese, die ich

jetzt nachahme, hätten mich gedemütigt durch ihre bloße Gegenwart.« Dann:

»Aber vorher war ich mit Da Silva. Auch das habe ich in mir. Und das bricht

jedesmal mehr durch. Jetzt bin ich hier und bin so.«

Einen halben Tag lag sie gelähmt von ihren Entdeckungen; und als sie

aufstand, hatte ihre Rolle einen tragischen Sinn bekommen. Wie Mai, die

nichts ahnte, es kläglich gut hatte! Für sie war, sobald Paolo einmal

wieder ein paar tausend Francs schickte, alles in Ordnung. Man mußte

sanfter mit ihr sein . . . Beim Anblick der Bernabei schnellte in ihr ein

Stolz auf, der sie erschütterte. »Diese Frau,« dachte sie, »wird sich mir

vorstellen! Sie wird in das Palais der Contessa Pardi kommen und sich ihr

vorstellen!« Sie ließ kein Erstaunen über den Einfall in sich aufkommen.

»Ah! Diese Leute halten mich für eine Abenteurerin. Der Geliebte solcher

Weltdame hat nebenher noch eine etwas verdächtige Bekanntschaft, die er in

die Gesellschaft nicht einführen kann. Denn er hält mich von ihnen

getrennt, er behandelt mich wie eine Kokotte. Aber sie sollen sehen! Er

soll sehen!«

Sie verachtete diese Menschen! Und dabei gab die Aufgabe, sich unter ihnen

Platz zu machen, ihr Begeisterung. Nun wußte sie sich wieder unangreifbar,

suchte keinen Schutz mehr vor Pardi, nahm ihn sogar mit auf ihre einsamen

Spazierwege.

»Nicht in den langweiligen Wald, bitte: nach den Bergen zu.«

»Es wird sehr heiß sein -- und weit.«

»Sie sehen ganz nahe aus, und droben geht gewiß Wind.«

»Wie Sie meinen . . . Übrigens wiederhole ich Ihnen, daß Sie verschwenden.

Ihre Mama weiß nicht mehr, wie sie die Kleider bezahlen soll, die jetzt

wieder für Sie da sind.«

»Möchten Sie, daß ich hinter der Bernabei zurückstehe?«

»Warum vergleichen Sie sich der Bernabei?«

Lola hörte, wie er stammelte. Sie fühlte sich, da sie den Namen seiner

Geliebten nannte, im Genuß einer Überlegenheit; fühlte, daß ihr kühles

Lächeln ihm unheimlich sei, wie gewissen Wilden eine Jungfrau.

»Ich kenne Sie schon,« sagte sie. »Sie gehören zu den Männern, die ihrer

Freundin etwas Festes im Monat geben und von ihr verlangen, daß sie darüber

abrechnet. Man kann, denke ich mir, ganz gut eine Menge Geld verspielen und

dann in Kleinigkeiten geizig sein. Nicht?«

»Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie!«

»Nehmen wir an, es wäre eine Frau, eine ältere Frau, die es Ihnen sagte.«

»Sie sind viel zu klug für eine Frau! Übrigens: wozu reden wir. Lange genug

haben wir getan, als ob nichts wäre zwischen uns, als ob wir nicht wüßten,

daß ich Sie besitzen werde, und daß Sie darauf warten. Ihre Klugheit ändert

daran nichts. Was Sie reden, sind bloß Worte; und im stillen wissen wir

mehr. Ist es nicht so?«

Seine Stimme fühlte sich an, wie eine Hand, die im Würgen noch schmeichelt.

»Was Sie sagen, schickt sich nicht für Sie,« erklärte Lola.

»Sie bringen mich zum äußersten!«

Halb ihr zugewendet, hielt er seine beiden, bebenden Fäuste vor sie hin.

Sie ging weiter, ohne hinzusehen.

»Was hindert mich: was? Wenn Sie die Contessa Dingsda wären oder auch das

Stubenmädchen --«

Er zischte nur noch; aber sie verstand ganz gut: man behandelte sie nicht

wie eins jener Weibchen. Eine Scheu benachrichtigte selbst diesen, daß das

nicht ging. Sehr hochgemut, mit Auflachen:

»Ich nehme an, daß dies alles einen Heiratsantrag bedeutet.«

»Nein!« -- ganz brutal. Lola duckte den Nacken, sie konnte nicht anders.

Sie versuchte zu trotzen:

»Einen Gegner der Ehescheidung könnte ich auch nicht brauchen.«

Aber sie dachte in Panik: »Soll ich sagen: wenn es keinen Antrag bedeutete,

war's Unverschämtheit? . . . Darf ich das noch? Ich hatte mich ihm

gleichgestellt! Plötzlich schlägt der Mann dann zu: so ist es immer. Dies

Nein werde ich nie vergessen.« Sie setzte sich hin.

»Gehen Sie, bitte, allein weiter. Ich will hier bleiben.«

»Auf der Mauer, in der Sonne? Ich warte natürlich, bis Sie sich ausgeruht

haben.«

Lola sah nach den Bergen und dachte: »In was für einer Lage! Mai wäre nie

in solcher: sie, die ich so oft dumm finde.« Sie lachte gewaltsam:

»Wissen Sie wohl, daß Sie ziemlich grob waren? Aber ich verzeihe Ihnen. Für

die dummen Frauen hat man die Galanterie; aber was tut man mit den Klugen.

Da ist man ratlos.«

Dann:

»Die Berge kommen aber gar nicht näher. Kehren wir also um.«

»Sehen Sie, daß Sie nachzugeben verstehen?« sagte Pardi.

* * * * *

Er trällernd im Tenor, Lola mit Kopfschmerzen: so kamen sie zurück. In

ihrem Zimmer schloß sie sich ein, fand aber keine Ruhe.

»Wenn er mich nicht heiratet, -- ich muß mich erschießen! Dies geht nicht

einfach vorüber, das weiß ich. O! wie ich ihn hasse.«

Im Umherirren gab sie ein leises Wimmern von sich. Plötzlich, stehen

bleibend:

»Oder -- ist das Haß? . . . Was tut er jetzt? Ist er bei der Bernabei?«

Sie horchte an Mais Tür, öffnete leise: Mai war nicht da.

»Und was tut Mai?«

Fieberhaft trieb es sie nach allen Seiten. Keinen Augenblick konnte sie

länger allein bleiben. Da kam Mai, und hatte wieder dies verdächtig

Unsichere.

»Woher kommst du?« fragte Lola hastig. Mai stutzte, und ihr Blick, der um

Teilnahme gebeten hatte, verschloß sich. Lola mußte sich erst sanft machen;

dann erfuhr sie, Mai habe wieder einmal Pai erblickt, vorhin, während ihrer

Nachmittagsruhe, -- aber noch seien ihre Augen offen gewesen; Pai sei von

links gekommen und habe ein schrecklich ernstes Gesicht gehabt.

Mais sklavische Angst entrüstete Lola auch diesmal. Sie wollte sagen: »Wenn

du mit vollem Magen schläfst --« Aber sie sagte:

»Pai ist offenbar nicht zufrieden mit dir. Wundert dich das?«

Mai sah vor sich hin. Ihre Brust ging immer heftiger. Da fiel sie Lola,

ohne ihr in die Augen zu sehen, um den Hals.

»Willst du Pardi? Ich lasse ihn dir. Ich begnüge mich mit Botta.«

Lola vermochte nichts gegen die eigene Gereiztheit. Sie erwehrte sich Mais.

»Du weinst mir das ganze Gesicht naß, und ich hatte mich eben gepudert

. . . Wie willst du mir Pardi lassen? Gehört er dir?«

Und Mai, enttäuscht, aus der Stimmung gerissen und auf einmal voll

Feindschaft:

»Also dann wirst du's sehen!«

»Was werde ich sehen, Mai?«

Sie maßen sich; -- und wie Lola dies haltlos und kindlich böse Gesicht

dringend betrachtete, brach ein Schauer von Mitleid über sie herein. »Das

ist doch Mai,« dachte sie. Da umfaßte sie Mai, drückte sie auf den Stuhl

nieder, legte, vor sie hingekniet, Stirn und Augen in ihren Schoß.

Dunkelheit: die tat wohl. Was sich noch eben so wild angefühlt hatte, war

nun abgeschafft. »Es ist doch gar nicht nötig,« dachte Lola.

»Ich brauche ihn gar nicht,« sagte sie und hielt die Augen geschlossen;

»ich liebe ihn gar nicht.«

Mai legte ihr die kleinen weichen Hände um das Gesicht.

»Das kennen wir,« flüsterte sie nur. Und wie Lola die Lider öffnete:

»Sagte ich's nicht?«

»Was sieht sie in meinen Augen?« dachte Lola und ging zum Spiegel.

»Ich habe wohl etwas Fieber, Mai. Meinst du, daß ich heute abend zu Hause

bleiben soll?«

»Ich meine, daß wir jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern dich

verheiraten müssen,« antwortete Mai wichtig. »Ich muß für dich handeln,

sonst kommen wir zu nichts. Du bist so klug, aber ich sagte dir's schon

oft, eine Negerin weiß die Männer geschickter zu nehmen als du. Auch betest

du zu keinem Heiligen. An welchen Gott glaubst du eigentlich?«

»Wie willst du handeln, Mai? Daß du ihm kein Wort sagst, du würdest mich

sehr böse machen.«

»Ich habe das Recht, ihm zu verbieten, daß er meine Tochter noch länger

kompromittiert. Man bleibt nicht mit einem jungen Mädchen drei Stunden vom

Hause fort. Laß mich nur machen, ich bin erfahrener.«

Lola wendete sich hin und her.

»Warum muß ich denn heiraten?«

»Damit du einmal zur Ruhe kommst. Weißt du das nicht? Und die Geldsachen

aufhören. Seit Paolo all unser Geld in dieses Ansiedelungsunternehmen

gesteckt hat, kriegen wir immer weniger.«

Mai war ganz Gesetztheit, ganz Vernunft.

»Aber wenn das Geschäft gelingt, sind wir reich.«

»Du selbst hast noch gestern gezweifelt. Besser, wir versorgen dich

gleich.«

»Mir widerstrebt es, Mai. Ich werde Pardi nur heiraten, wenn unser Geschäft

gelungen ist. Jetzt mußt du dich wohl anziehen,« setzte sie rasch hinzu.

»Nein,« sagte Mai ebenso rasch, und als habe sie darauf gewartet. »Ich

werde mich gar nicht anziehen. Ich bin gut genug, wie ich bin. Aber ich

werde dir helfen.«

»Was fällt dir jetzt ein? Irgend etwas mußt du doch anhaben.«

»Dann ziehe ich das grüne Kleid an.«

»Das die Schneiderin ganz verdorben hat? Und Grün steht dir nie!«

Mai wiederholte mit einer Festigkeit, unter der es zitterte:

»Ich ziehe das grüne Kleid an.«

»Du bist schrecklich!« -- und Lola sah sich verzweifelt nach allen Seiten

um. Daß Mai sich häßlich machen wollte, war ein peinlicheres Opfer, als

wenn sie ihr Pardi freiließ.

»Zu dem grünen mußt du wenigstens Rot auflegen, hörst du?«

»Ich werde mich überhaupt nicht schminken: nur Eau végétale.«

Und Mai ging, von sich selbst erschüttert, hinaus.

* * * * *

An diesem Abend schickte Mai alle Tänzer fort, machte Bekanntschaften unter

den Müttern einiger kleinen Provinzlerinnen und führte sorgenvolle

Gespräche über die Kinder. Dafür ließ sie sich das nächste Mal zu ihrer

silberbestickten weißen Empirerobe überreden; und jedesmal, wenn sie in

Pardis Arm an den Wänden hinglitt, trieb es Lola ihr nach. Sie gab dem

eigenen Begleiter keine Antwort, hing nur an Mais und Pardis Mienen, die zu

süß, zu vertieft waren, quälte sich um die Worte, die er in Mais Corsage

sprach, litt unter dem weichen Seidenfluß um Mais Gestalt, unter den

blaßbunten Palmen darauf aus altem Kaschmir, unter Mais Flimmern und

üppigen Gleiten und der nie gestörten Weiße ihres Gesichts in den breiten

schwarzen Haarwellen. Sie selbst erhitzte sich, ihren Fächer bewegte sie

nicht so melodisch, und nie würde sie es verstehen, solche Hingebung zu

spielen! »Diese Männer hier wollen nichts, als daß man ihren Augen

schmeichelt, und allen ihren Sinnen. Das ist alles, was sie kennen.« Sie

ließ sich ins Freie führen, ans Buffet, von einem Raum zum andern; in aller

Hitze klapperten ihr plötzlich die Zähne; und sie begann wahllos zu

schwatzen. »Wie ich mich schäme!« dachte sie dazwischen.

»Was haben Sie mit Mai gesprochen?« fragte sie Pardi und lachte.

»Wir haben uns gestritten. Ihre Mama will nicht, daß ich mit Ihnen

spazieren gehe. Sie wissen, daß ich darauf nicht verzichte: eher auf alles

andere,« sagte er mit dieser sengenden Süße. Sie lachte schwächer, schloß

eine Sekunde die Augen; -- und in der Sekunde war alles gut.

Beim Hinaufgehen verhielt Mai sich kleinlaut. Am Morgen sah sie verweint

aus, hatte eine Stimme voll Mitleid mit sich selbst, war einfach angezogen

und wollte, nur mit Botta, an den unbelebten Strand unter der Pineta. »Bis

zum nächsten Mal,« dachte Lola. Denn sie wußte jetzt: Mai opferte sich

stückweise. Immer noch blieb ein Rest Selbstsucht zu bezwingen. Aber ihre

unerklärten Abwesenheiten mit Pardi wurden seltener, und nach ihnen war's,

als flüchtete sie sich, verstört, zu Lola, als wollte sie nie mehr von

ihrer Seite, mit Blicken und Bewegungen, wie um Schutz und um Verzeihung

. . . Lola erinnerte sich seines furchtbaren »Was hindert mich --«

Vielleicht daß ihn bei Mai nichts hinderte? Nicht die Scheu, die sie selbst

umgab? Nein! Bei Mai nichts. Und Bilder brachen herein . . .

Kein Mittel gab es, ruhig zu atmen, als wenn man aus jeder Stunde wußte,

was sie getan hatten, sie und er. Lola verbündete sich enger mit Nutini.

»Wir betragen uns zu sehr als Amerikanerinnen, nicht? Mai ist wieder mit

jemand allein fort, ich glaube mit Pardi. Gestern auch, glaube ich.«

»Nein, gestern mit Botta. Sie haben droben an der Düne gelegen. Aber jemand

lag auf der andern Seite und hat sie belauscht. Botta hat zuerst von seiner

Balleteuse geseufzt, dann hat er Ihrer Mama einen Antrag gemacht, und

nachdem er abgelehnt war, hat er sie um Geld gebeten. Es scheint, er

steckt, von der Balleteuse her, noch immer in Schulden.«

»Wie man hier, bei allem Gefühl, praktisch ist. Das gefällt mir. Also Geld

sucht man bei uns? Aber hält man uns denn nicht für Abenteurerinnen? Sagen

Sie's nur!«

»Mein Gott, manche geben vor, es zu glauben. Wer Ihnen schadet, ist Pardi.

Hat er nicht geprahlt, er werde Sie beide zu seinen Geliebten machen? Ihre

Mama und Sie?«

Lola sah ihm in die Augen: sie waren lügnerisch. »Und doch könnte Pardi das

sagen!« mußte sie denken.

»Wo und wann hat er das geäußert?«

»Vor aller Welt, noch gestern. Sie und Ihre Mama brauchen nur den Rücken zu

wenden.«

Lola bebte vor Zorn.

»Das lassen Sie ihn sagen? Und Sie behaupten manchmal, Sie lieben mich.«

»Ich liebe Sie,« wiederholte Nutini, durchdrungen. Gleich darauf nahm sein

Gesicht einen anderen Faltenwurf an.

»Was den Herrn Pardi betrifft, verachte ich ihn zu tief, um seine

Prahlereien wichtig zu nehmen. Niemand nimmt sie wichtig. Übrigens macht er

mich nicht eifersüchtig, denn ich habe die Überzeugung, daß er es viel mehr

auf Ihre Mama absieht.«

Lola zuckte zusammen. Vergebens hielt sie sich vor: »Nur aus Feigheit

spricht er so.« Sie fühlte sich tief niedergeschlagen und rätselhaft

gefangen, wie mit Stricken aus Luft. Nutinis Ränke, Pardis

Unzuverlässigkeit, Mais Schwäche und Lolas eigene Ängste würden immer so

weiter gehen. Eine atemlose Ungeduld quälte sie auf einmal. Keinen

Augenblick länger durfte dies alles dauern. Sie machte eine Bewegung, als

risse sie sich los.

»Daß ihr Männer, kaum daß ihr unter euch seid, von uns Frauen so redet, das

ist mir nichts Neues. Sie erinnern sich, was ich einmal, auf meinem Balkon,

von euch zu hören bekam.«

Nutini legte die Hand aufs Herz.

»Ich war nicht dabei: vergessen Sie das nicht.«

»Auch Sie hätten dabei sein können. Was würde das ändern. Nur von Pardi

glaube ich nichts.«

»Damals haben Sie seine Stimme wohl erkannt; und was seine Worte von

gestern betrifft --«

»Nichts glaube ich, und dürfte es auch nicht; denn --«

Laut:

»Ich liebe ihn!«

Aufatmend, mit Stolz:

»Ja: ich liebe ihn. So ist es. Was wollen Sie dabei tun.«

Sie grüßte und ging. Das tat wohl: etwas Unwiderrufliches war geschehen.

Zurück ging's nun nicht mehr. Nutini würde dies herumschwatzen. Pardi

erfuhr es . . . Er konnte sie auslachen -- oder sie heiraten. »Wenn nicht,

erschieße ich mich.« Das Mitwissen aller konnte auch einen Druck auf ihn

bewirken, konnte ihn nötigen, sie zu heiraten. »Wie ich berechne! Ich werde

wirklich zur Abenteurerin.« Gleichviel: wer alles wagte, hatte Rechte auf

alles. »Werde ich mich nicht erschießen?«

* * * * *

Pardi holte sie ein; er war ganz in Flammen.

»Wissen Sie, daß ich den Nutini zur Rede stellen werde? Ihre Duos mit ihm

gefallen mir nicht mehr.«

»Wenn sie aber mir gefallen?«

»Das genügt nicht --« und sie zankten schon wieder, vorgeneigt, mit

leidenden Gesichtern, aufeinander ein. Lola verfiel in die Furcht, er

möchte schon wissen, was sie erst eben gesagt hatte; der Lauscher, der hier

hinter jedem Baume stand, hatte wohl schon gesprochen! Und jetzt, da sie

ihm in die Augen sah, begriff sie nicht mehr, daß sie's hatte sagen können.

»Ich habe mich aufgegeben, ich habe ihn zu meinem Herrn gemacht!« In

Verzweiflung:

»Was geht Sie's an: ich liebe Nutini!«

Pardi war plötzlich still. Lola sah verstört beiseite. Er erholte sich.

»Das ist natürlich wieder eine Lüge.«

»Wie kommen Sie dazu --«

»Sonst würde es ihm schlecht ergehen. Aber Sie werden ihn nicht

wiedersehen. Sie werden ihn wegschicken, wenn er Sie anredet!«

»Sie sind verrückt. Sie vielmehr: Sie werde ich besser einige Tage nicht

sehen. Heute Abend fahren wir nach dem Hause, wo Botta die Balleteuse

geliebt hat. Ich bitte Sie, hierzubleiben.«

»Heute Abend überreiche ich dem Kommandanten der >Savoia< im Namen des

Komitees die Fahne. Sie werden mit mir auf das Schiff kommen.«

»Ich werde im Hause der Balleteuse dinieren.«

»Sie werden mit mir auf das Schiff kommen!«

»Gute Unterhaltung!«

»Ich befehle Ihnen . . .«

»Bitte?«

»Sie werden nicht mit Nutini gehen! Sie werden ihn nicht lieben!«

»Ich liebe, wen ich will.«

»Hüten Sie sich!«

»Morgen reise ich, und er folgt mir.«

»Schweigen Sie! Ich befehle es!«

»Sie befehlen mir? Gehen Sie!«

Die lange Halskette, die von ihren vorgestreckten Schultern

herabschaukelte, knirschte unter Lolas Fingern: sie hatten eine Perle

zerrieben. Die andern rannen auf den Teppich, ein dünner, bunter Regen.

Pardi sah zuerst ihn, dann Lolas dicke Falte, die bewußtlose Wut ihrer

Augen, die ganz leise und ohne die seinen loszulassen, hin und herrückten.

Und da gewahrte Lola, wie er rückwärts ging. Kein Wort mehr sagte er,

tastete hinter sich nach dem Türgriff und verschwand. Lola erstaunte; aber

im Begriff, sich aufzurichten, erkannte sie im Spiegel den ganzen irren

Schwung des Hasses, den ihr Körper ausdrückte. Sie setzte sich, strich sich

über die Stirn. »Er hat wohl geglaubt, ich würde ihm in die Augen

springen?« Die Wonne der Freiheit begann plötzlich in ihr zu strömen. »Ich

bin ihn los! Er ist vor mir davongelaufen! Ich kann tun, was ich will!«

Sie stellte sich mit einer Zigarette auf den Balkon. Dann:

»Mai! Mai! Heute abend wird an den See gefahren, den Kanal hinauf. Wir

wollen uns furchtbar amüsieren!«

Und als Mai die Fahne und Pardi einwendete:

»Er ist vor mir davongelaufen! Wir sind ihn los! Mai! wir wollen tanzen!«

Ohne Mai Fragen zu erlauben, drehte sie sie herum. Als Mai endlich,

atemlos, zu Wort kam:

»Ich muß aber hier bleiben.«

Dabei verharrte sie, weinerlich und feindlich.

»Mai! du kannst mir nicht in die Augen sehen. Das ist nicht recht. Das ist

nicht recht.«

Und Lola ging aufgebracht durch das Zimmer. Mai klagte:

»Was soll ich denn tun?«

»Wählen!« antwortete Lola, den Türgriff in der Hand.

»Also . . . fahren wir an . . . diesen dummen See?«

»Und inzwischen packt Germaine! Und wir werden Pardi nie wiedersehen!«

»Das glaubst du selbst nicht,« sagte Mai.

* * * * *

Sie behandelte den Ausflug mit Verachtung, lehnte es ab, sich dafür

anzuziehen und fragte schon wie man ins Boot stieg, ob es lange dauere.

Lola erklärte sich zu allem aufgelegt. Sie warf den Kindern, die am Ufer

des Kanals mitliefen, Süßigkeiten zu. Nutini hatte eine Gitarre, Cavà

setzte sich, seiner Uniform ungeachtet, eine künstliche Nase auf. Die

kreischenden Kleinen blieben allmählich zurück. Mai nahm die Hände von den

Ohren und sagte »Gott sei Dank«. Die große Stille der leeren Wiesen, der

grenzenlos umblauten Kornfelder ward fühlbar. Mochte Botta ihn verhöhnen:

Deneris seufzte ergriffen. Als Lola zu singen begann, nahm Cavà seine Nase

wieder ab. Ihr Lied galt der rosigen Wasserbahn, die man, ohne je zu

landen, ohne je mit Menschen Gemeinschaft zu wollen, einsam entlang gleite.

Nur fremd und gleich wieder entrückt, konnte man die Menschen lieben,

konnte von ihrer Liebe träumen, wie die blauen Pfade dem Walde

entgegenträumen.

Sie sang dies am Boden ausgestreckt, den Kopf im Arm, der sich auf die Bank

stützte. Mai fragte, widerspenstig:

»Riechst du denn nicht die Füße des Ruderers? Was für eine ekle Hitze!

Während wir in unserm kühlen Salon liegen könnten!«

Aber Lola verlangte ein kleines Mädchen ins Boot zu nehmen, das im dünnen

Schatten der seltenen Pappeln ein Lamm vor sich hertrieb. Sofort flüchtete

Mai vor dem Lamm an das Ende des Bootes. Die Herren bewunderten es. Unter

Lolas Augen überboten sie sich mit Zärtlichkeiten an die Kleine. Deneris

küßte sie, Cavà schenkte ihr seine Nase, Botta gab ihr, im fetten Tenor,

väterliche Ratschläge, Nutini schnitt ihr Fratzen. Dann sahen alle sie mit

wehmütigen Köpfen an, wie Lola sie in den Armen hielt.

»Ich dachte, Ihr würdet viel lustiger sein,« bemerkte Mai boshaft.

Und Lola gestand sich, daß sie Komödie spiele; daß der schöne Abend ihr

verloren sei; daß nicht auf der rosigsten Bahn das Glück mitfahre, wenn sie

abgewendet sei von ihm. Leere und Verlassenheit ängsteten Lola. Das Kind

fing an zu weinen: es war an seinem Hause vorüber und glaubte, es solle

entführt werden. Es ward ausgesetzt; -- und nun glitt das Boot in den lang

vorgeschobenen Schatten des Waldes. Der dunkle Wasserweg blinkte tief

drinnen auf. Das nasse alte Grün duftete wild und einsam; die Ruderschläge

hörten sich an wie ein Wagnis.

»Ihr habt alle fahlgrüne Gesichter,« sagte Botta.

»Die Fahrt zur Unterwelt!« sagte Cavà.

Mai klagte, sie werde sich erkälten. Da wichen die Laubmauern zurück; und

unbewegt, dreieckig, und voll abgründiger Schatten, öffnete sich der See.

Das Haus drüben im letzten Licht sah, über sein Spiegelbild hinweg, weiß

und sehnsüchtig her, wie eine Gefangene, deren Kleid im Wasser schleppte.

»Ich kann nicht glauben, daß sie fort ist,« sagte Botta, durchdrungen,

indes er die Tür aufschloß.

»Olimpia!« rief Cavà, unter ein Sofa und schlug sich dabei lockend aufs

Knie.

»Zeige uns die Küche!« verlangte Deneris. »Die gnädige Frau will die Güte

haben, uns eine süße Speise zu bereiten.«

Er sah, die Hand am Herzen, in Mais schmollendes Gesicht.

Dann kehrte Botta mit Lola vor eine noch verschlossene Tür zurück. Er

sperrte auf.

»Das Schlafzimmer!« -- und er seufzte, aus fetter Brust. Lola lächelte

trübselig. Sie gingen hindurch, traten auf den Balkon und lehnten sich über

das Wasser. Botta seufzte nochmals: »Wie oft habe ich hier mit ihr

gebadet!« -- und er spuckte hinab. Aus jener Bucht kam mit Nutinis

Geklimper Cavàs frische Stimme gesprungen.

»Da nun Succi bewiesen hat, daß man ohne Essen leben kann, liebe Nina, will

ich dich heiraten: dann können wir zusammen fasten.«

»Was ist der Mensch,« sagte Botta. »Ein wenig Gesang, einen Sommerabend am

Wasser, -- und ein Herz, das sich alt glaubte, wird wieder ungestüm.

Fräulein Lola, haben Sie Mitleid mit einem, der leidet: holen Sie Deneris

aus der Küche, ich muß mit Ihrer Mama sprechen. Alles hängt davon ab!«

»Ich glaube,« sagte Lola, »Deneris spricht schon mit ihr: er tut es, so oft

er kann.«

»Ein hochherziges Geschöpf wie Sie kann nicht den gemeinen Eitelkeiten des

Weibes verfallen: ich weiß, Sie sind nicht eifersüchtig auf Ihre Mama. Auch

werden Sie es angenehm finden, wenn ein ehrenhafter Mann Ihre Mama

heiratet. Die Sorge um sie, die von Ihnen beiden das Kind ist, nimmt er

Ihnen ab . . .«

Lola dachte: »Er hat recht: ich würde sie nicht mehr vor all den Männern

behüten müssen.« Aber darunter, insgeheim: »Sie würde mir nicht mehr ihn

wegnehmen!«

»Sind Sie meine Bundesgenossin?« fragte Botta vertraulich. »O, natürlich

erwarten Sie auch Ihren Nutzen davon.«

Da sie errötete:

»Das ist billig . . . Seien wir offen. Mag das dumme Volk hier glauben, was

es will: ich habe mich nach Ihnen erkundigt und weiß, daß Ihr Herr Bruder

sehr aussichtsreiche Geschäfte in Händen hat. Sie werden einmal reich sein.

Aber Ihnen persönlich nützt dies nichts, bevor Sie heiraten, und (ich kenne

die Sitten Ihres Landes) nur wenig, bis zum Tode Ihrer Mama. Machen wir

einen Pakt: Sie begünstigen meine Werbung um Ihre Mama; und im Fall, daß

ich sie bekomme, verpflichte ich mich Ihnen zur Abzahlung eines noch zu

bestimmenden Kapitals . . .«

Lola dachte, ohne sich zu regen: »O mein Gott, und eben wünsche ich mir,

Mai möchte ihn nehmen!« Sie wandte ihm das Gesicht zu.

»Aber ich habe meine Mutter nicht zu verkaufen.«

Botta sagte im selben väterlich vertraulichen Ton, wie das übrige:

»Sie sind noch sehr jung.«

»Dann warten wir also, bis ich älter bin.«

Sie richtete sich auf. Drinnen war's nun ganz finster. Cavà und Nutini

riefen nach Licht. Wie man die Speisekörbe auf den Tisch leerte, trat Mai

ein, lächelnd, als brächte sie ein Versöhnungsgeschenk, -- und Deneris trug

hinter ihr das süße Gericht. Es ward bestaunt; jeder verlangte gleich eine

Probe.

»Du tust ja, als wäre es dein!« sagte Botta zu Deneris.

»Wer weiß,« machte er, bedeutsam, und starrte glücklich auf Mai, die an ihm

vorbeilächelte.

»Wie du heute gesund aussiehst!« bemerkte Cavà.

»Und ich?« fragte Nutini an Lolas Ohr. »Werden Sie den gesund machen, dem

ihretwegen die Wangen einfallen?«

Bei Tisch, neben ihr:

»Ich kann Ihnen versichern, daß Sie heute ungewöhnlich schön sind. Der

andere schadet Ihnen. Sie haben förmlich etwas Beruhigtes. Eine Frau mit

Ihren Nerven braucht einen bequemen Gatten. Ich würde einer sein: Sie

dürfen es glauben. Ich liebe Sie so sehr, so sehr, daß ich sogar bereit

wäre, wegzusehen, wenn einmal eine Laune Sie ankäme . . .«

»Das ist mehr, als ich erwartete,« sagte Lola.

»Nein,« dachte sie, »Pardi würde nicht wegsehen. Weder Bottas Vorschlag

wäre ihm eingefallen, noch das, was ich nun gehört habe . . .«

Cavà sah mit knabenhaftem Spott herüber, indes er seinen Uniformrock

aufknöpfte und ihm eine Photographie entnahm. Er stellte sie vor Lola hin:

Pardi!

Alle lachten: da ging die Haustür. »Nun?« Jemand tastete die Treppe herauf.

Noch rührte sich keiner; man sah einander in die Augen. Cavà lachte laut

auf:

»Er wird uns doch nicht alle umbringen!«

Und auf einmal sprangen alle Männer an die Tür. Lola erschauerte vor Grauen

und Stolz. »Welche Furcht haben sie alle vor ihm!« Sie leuchteten in den

Gang; und auf die Schwelle trat in dürftiger Eleganz ein blasser Kellner

aus dem Hotel und hielt einen Brief hin. »Wer? Wer? . . . Nutini!« Die

andern zogen sich ein wenig von ihm zurück, wie von einem, den's getroffen

hatte. Er hatte gelesen und sah erbleicht umher.

»Er fordert mich. Pah!«

»Gratuliere,« sagte Cavà.

»Endlich!« -- und Nutini schielte hastig nach den Damen. In die Brust

geworfen, fuchtelnd: »Ich habe ihn erwartet! O! ich triumphiere. Zu spät

wird er erkennen, daß er diesmal an den Rechten kam.«

Er schrie den Kellner an:

»Sage dem, der dich schickt, daß er's bereuen wird! Daß dies sein letztes

Duell sein wird!«

»Beachte die Formen!« sagte Botta. »Du sprichst mit Pardis Sekundanten.«

»Er sieht verhungert aus, der Sekundant. Er soll essen!«

Nutini drückte ihm, gewaltsam lachend, die Schüssel mit Mais süßer Speise

in die Hand und schob ihn zur Tür hinaus. Mai griff nicht ein; sie hielt

eine angstvoll geballte Faust an den Mund und wimmerte. Lola saß reglos da,

mit erweiterten Augen und ineinander gepreßten Fingern. Nutini nahm den

Brief vom Boden auf, schien ihn nochmals lesen zu wollen. Plötzlich zerriß

er ihn in zackige Fetzen und stampfte darauf. Dann fiel er gegen den

Türpfosten, griff sich, rasch atmend, ans Herz und zerdrückte, unter

krampfigen Grimassen, Tränen zwischen den Lidern. Stockend murmelte er:

»Was will er übrigens von mir . . .«

Sogleich, wie gehetzt, fuhr er wieder auf, schielte wild nach den Damen,

gab sich verzweifelt Haltung.

»Laß nur!« -- und Cavà reichte ihm ein Glas Champagner. »Das würde jedem

passieren. Im ersten Augenblick macht solche Forderung uns stolz, im

zweiten besinnen wir uns. Der Pardi ist ja wirklich ein furchtbarer Gegner.

Wer aber seinen Schrecken sehen läßt --«

Cavà, wandte sich den Damen zu.

»-- schlägt sich nachher oft am besten.«

Botta bemerkte:

»Aber schön siehst du nicht aus.«

»Schweige!« schrie Nutini. »Oder ich fordere auch dich und schone dich

ebensowenig!«

»Armer Kerl, _seine_ Forderung geht ja vor; und nachher, wo bist du dann?«

»Sst!« machte Cavà; -- und zu Mai und Lola:

»Die Damen begreifen, daß es in diesem Augenblick unter uns Männern einiges

zu besprechen gibt. Da Sie leider Zeuginnen der peinlichen Sache geworden

sind, darf ich Ihnen sagen, daß sie wohl schon bei Tagesanbruch geordnet

werden wird, und daß wir ein wenig Eile haben . . .«

Deneris bot Mai den Arm, Botta Lola. Sie machten ihnen im Schlafzimmer

Licht und ließen sie allein. Lola ging in einen Winkel, Mai in einen

andern. Ein erregtes Schweigen; -- plötzlich, unterdrückt:

»Lola!«

»Mai!«

Und Mai lief Lola entgegen, drängte sich in ihre Arme, die sie empfingen.

»Das darf doch nicht geschehen,« sagte Lola mehrmals, indes Mai nur

wimmerte. Da entquoll ihr alles auf einmal.

»Mit welchem gefährlichen Menschen haben wir uns eingelassen! O, Lola! Das

hättest du nicht tun sollen . . .«

Ohne auf Lolas Widerspruch zu hören:

»Wir sind viel zu weit mit ihm gegangen; jetzt schießt er, damit er uns

allein hat, um uns her die Leute tot. Warum hast du dich ihm auch

widersetzt! Bist nicht dageblieben, wegen dieser Fahne, wie er's wollte!

Einem solchen Mann darf man sich nicht widersetzen. Ich habe mehr Erfahrung

als du, aber du glaubst mir nicht. Wird er dich heiraten? Welche Ängste!

Was soll ich tun?«

»Beruhige dich, Mai, ich werde verhindern, daß er ihn tötet!«

»Was soll ich tun! Dein Vater erscheint mir, -- aber auch Pardi! Nur durch

den finstern Korridor brauche ich zu gehen, und mir ist's, als hätte ich

ihn hinter mir. Ich bin zwischen ihnen beiden, die mich ängstigen! Aber ein

Ende muß gemacht werden. Wir entkommen nicht anders: er muß dich heiraten.

Dein Vater verzeihe mir, aber ich werde alles tun, damit er dich heiratet:

ich werde mich opfern.«

Lola hörte das nur von fern, ohne einzudringen.

»Mai! Mai! Gib doch acht: ich muß verhindern, daß er diesen Menschen tötet.

Ich könnte das nicht aushalten: es wäre durch meinen Leichtsinn geschehen.

Denn ich habe ihm gesagt, daß ich Nutini liebe. Verstehst du: weil ich

kokett und widerspenstig und kleinlich bin und gelogen habe, stirbt ein

Mensch. Das ist furchtbar, das ist das äußerste. Davor muß ich mich retten!

Zu allem bin ich bereit. Soll ich mich ihm hingeben?«

»Nein! Was denkst du denn!«

Eine Pause. Mai löste sich aus Lolas Armen und nahm sie selbst in die

ihren.

»Du bist unpraktisch,« sagte sie mütterlich; und schmerzlich stolz: »Ich

bin viel praktischer.«

»Wie denn, Mai?«

Lola suchte, durch ihre Tränen hindurch, vergebens in Mais Gesicht. In

diesem Augenblick kam Mai ihr befremdend groß vor. Sie selbst fühlte sich

wie ein kleines Mädchen.

Wie sie den Kopf gegen Mais Schulter senkte, traten die Herren ein, sie

abzuholen: alle zusammen, mit Nutini an der Spitze, der Haltung zeigte. Er

beteiligte sich mit Maß und freiem Kopf an der Unterhaltung, die nichts

Kriegerisches hatte. Lola mußte immer nach ihm hinsehen, gequält von

nichtiger Neugier und unablässig versucht, von seiner schlimmen

Angelegenheit anzufangen, wie eine Verbrecherin, die nicht schweigen kann.

»Haben Sie nicht das Bedürfnis, sich zu betäuben?« fragte sie endlich,

durchschauert. Nein; Nutini war nüchtern und besonnen; er beabsichtigte

noch einige Stunden zu schlafen. Man stieg ins Boot. Vor dem Gesicht des

Schiffers, das plötzlich aus dem Dunkel trat, schrak Lola zurück. Nutini

war's, der sie festhielt, als ihr Fuß schon das Wasser berührte. Sie haßte

dies kurzatmige Klappen der Ruderschläge; es klang nach Flucht; -- und doch

wartete, wohin immer sie ins Dunkel die Augen richtete, kurz und

geisterhaft aufflammend, Pardis bleiches, drohendes Gesicht. Was die

anderen ihr sagten, machte ihr Ungeduld. Mai hatte ganz recht, daß sie

Deneris Geflüster abschnitt und ihn bat, er möge vergessen, was sie vorhin

verabredet hätten. Alles sei verändert; sie könne ihn nicht mehr heiraten.

»Natürlich,« dachte Lola. »Ist nicht alles in Auflösung?«

Sofort schickte sie nach Pardi. »Wäre ich nur die erste, mit der er

spräche!« Vom Balkon sah sie ihren Boten von Hotel zu Hotel irren und ohne

Eile in die schlafende Stadt biegen. Lola ging bis in den Winkel bei der

Tür, übersah das helle, heitere Zimmer, suchte den Stuhl aus, auf dem er

sitzen würde, und nahm sich zusammen: »Was werde ich ihm sagen?« »Damit er

den Nutini nicht tötet, mich ihm hingeben? Wie bin ich zu der

Überschwenglichkeit nur gekommen? Das dunkle, moderige Haus muß Schuld

haben, an dem unheimlichen See. Ich habe Phantasie, wie ein Mann. Nutini,

den es doch am nächsten angeht, ist viel nüchterner geblieben. Wie die

Menschen hier, trotz ihrem Feuer, eigentlich mäßig und vernünftig sind! Im

rechten Augenblick bekommen sie immer ihre Nerven in die Gewalt. Ich bin

sicher, Gugigl hätte sich betrunken. Er fing damals schon damit an . . .

Woran denke ich denn? Gleich wird er da sein. Was will ich? Ohne

Umschweife: ich will, daß er mich heiratet. Und hat er meinetwillen jemand

umgebracht, dann werden vielleicht alle und sein Gewissen ihn drängen, zu

tun, was ich will? Ich müßte also Nutinis Tod wünschen. Das bring' ich

nicht fertig. Dann muß ich ihm sagen: Es war eine Lüge, ich liebe nicht

Nutini. Und da er mir nicht glauben wird, muß ich hinzusetzen: Ich liebe

niemand und gleich morgen reise ich ab . . . Auch das kann ich nicht. Aber

es ist furchtbar, dort, wo man liebt, keinen Augenblick mit Rechtlichkeit

und Sanftmut rechnen zu dürfen, immer nur mit unbedingtem Drang . . .«

Wieder sah sie auf den Platz, den er einnehmen würde, und dachte sich dort

statt seiner eine verhaltene, befangene Geste, eine nachdenkliche,

verläßliche Freundesmiene: Arnold. Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

»Das ist abgetan. Der Zwang und das Leiden der Sinne sind gegeben und

erprobt. Ich kämpfe nicht mehr. Besser ist's, ich beruhige ihn und stimme

ihn menschlich . . .«

Da schrak sie auf; es klopfte heftig. Erregt trat sie ihm entgegen; der

Vorsatz der Milde war ihr schon entfallen; und sie sagte drohend:

»Wenn Sie sich mit Nutini schlagen, ist zwischen uns alles aus.«

»Ah! wie Sie ihn lieben. Aber lange genug haben Sie mich genarrt: ich werde

ihn töten.«

»Hören Sie die Wahrheit! Ich liebe ihn nicht. Erst wenn Sie ihn getroffen

haben, werde ich ihn lieben. Hüten Sie sich, ihn nicht ganz zu töten! Sie

werden sehen, wie ich ihn lieben werde!«

»O, ich treffe!« -- und sein Gesicht war zerfahren von Haß. Sie rief,

hingerissen, voll Not:

»Was wollen Sie! Sie lieben mich doch nicht!«

»Doch.«

»Dann heiraten Sie mich! Begreifen Sie nicht, daß Sie es mir längst

schulden? Was hält Sie ab? Ich bin aus angesehener Familie, die künftig

reich sein wird. Glauben Sie, sich meiner schämen zu müssen? Nein nein:

gerade aus Eitelkeit lieben Sie mich! und irgend eine zieht Sie von mir ab,

die Sie anders lieben.«

»Sie irren sich . . .«

»Sprechen Sie doch!«

Wie dies hassenswert und trostlos aussah: das Schwanken, die Unehrlichkeit

und Unzuverlässigkeit dieses von seinen Launen gequälten Mannes aller

Frauen! Und das mußte man begehren: gerade das!

»Was sage ich, irgend eine: alle vielmehr! Sie sind eine männliche Dirne!

Gehen Sie!«

Pardi zischte:

»Danken Sie Gott, daß Sie kein Mann sind!«

»Danken _Sie_ Gott dafür!«

Er rang sich nieder.

»Ich würde mich vergessen; lieber verlasse ich Sie. Ihre Mama hat mich

gerufen.«

Lola, über die Schulter:

»Mai heiratet Deneris.«

»Das ist nicht wahr! Ich werde es verhindern!«

»Gut, auch das noch.«

»Und dann sehen Sie mich wieder!«

Die Tür krachte. Lola ging, die Hände vor der Brust, rasch hin und her.

»Was geschieht nun! Mai wollte ihn mir lassen. Aber im äußersten Augenblick

vergißt man die andern. Mai ist schwach. Wenn er sie statt meiner will, sie

heiratet ihn!« Sie warf sich in Kissen, drückte das Gesicht weg. »Es ist

klar, war immer klar: sie liebt er, nicht mich!« Tiefer in die Kissen, weit

fort. »Was tun sie nun!« Nein: auf! Das Haar ordnen! Sich bereit halten,

stolz zu lächeln, wenn er eintrat und die erwarteten Worte sprach.

Da flog, ohne Klopfen, die Tür auf. Er stand da, stürmisches Glück auf

seinem schönen Gesicht. Wie er Lola ansah, kam ihm eine Falte; mit

wiedergekehrter Gereiztheit in der Stimme fragte er:

»Wollen Sie mich also heiraten?«

Sie antwortete, zornig nach vorn geworfen:

»Ja!«

Zwischen den Rassen: Roman · 第 11 / 25 题