Sie versprach ihm innerlich große Aufrichtigkeit und Güte. Als er eine
Stunde später bei ihr anklopfte, war sie zum Ausgehen fertig.
»Sie sind sehr zuverlässig,« sagte sie.
Er war befangen. Wie sie das Haus hinter sich hatten, fing er an:
»Sie haben mir mein gestriges Benehmen hoffentlich verziehen. Ich darf
versichern, daß ich es bedauere und nicht mehr ganz begreife. Die Stimmung
der Nacht war schuld, meine Nerven, und das so ungewöhnliche Zusammensein,
das sie als Vorwand für eine Entladung nahmen.«
»Ich bitte Sie: wem wäre es anders ergangen. Man müßte schon Nerven haben
wie der Fabrikant. Sie mögen mir's glauben oder nicht, aber ich selbst habe
noch eine Stunde lang am Fenster gestanden und den Mond angeschwärmt
. . . Übrigens, darf ich Ihnen einen Rat geben? Sie sollten nie um
Entschuldigung bitten. Sie sind zu bescheiden. Sie müssen die Leute fühlen
lassen, daß Sie Ihren Wert kennen, und daß, wer ihn bezweifelt, sich eine
Blöße gibt. Je mehr man aus sich macht, desto mehr ist man.«
»Zweifellos . . . Wenn nun aber das Urteil derer, denen ich erst imponieren
müßte, mich gleichgültig läßt.«
»Dann -- allerdings.«
Und sie wußte nicht, ob sie bewundern oder zweifeln sollte. Er hatte wohl
mehr Mut, indem er die Meinungen verachtete, als wenn er sie zu erobern
getrachtet hätte. Vielleicht aber machte er aus der Not eine Tugend? Bei
ihm wußte man nie, was Stärke, was Schwäche war; und wenn er schwach
schien, hatte sie schon erfahren, war er manchmal grade stark . . .
»Sie sagten gestern, ich glaube, Sie seien menschlicher Gemeinschaft
entwöhnt; und das können Sie nicht leugnen, daß Sie schüchtern sind.«
»Ich bin schüchtern, war es immer. Heute aber bin ich auf eine merkwürdige
Weise schüchtern. Nehmen Sie an, eine der ersten Persönlichkeiten eines
Landes reise in der Fremde, während bei ihr zu Hause alles drunter und
drüber geht. Nun ist plötzlich sein Geld wertlos, der Titel, den er sich
gibt, lächerlich; mit Sprache und Geistesart dieser Menschen weiß er nichts
anzufangen; in sein Gebiet ist der Weg abgeschnitten; und er ist hier
nichts und dort nichts. In dieser Lage, beiläufig, sehen Sie mich.«
»Der Heimweg abgeschnitten,« hörte Lola und fühlte sich mitgetroffen. Ihr
war's, als ahnte sie alles voraus, was er sagen konnte; als hebe der Geist
des Ortes, den sie betraten, eine Schwermut aus ihren Seelen, die bei ihr
und bei ihm mit den gleichen Erinnerungen genährt sei.
Sie waren, lässig von der Wärme, den verwischten Wiesenweg zu Ende
gegangen; und nun verfing sich und erstickte der Tag in diesem violetten
Moor. Wald umkränzte es, lichtete sich, zog, Stamm für Stamm, von dannen
. . . In dem Gewebe von Zweigen, abgehalten, besänftigt, schimmerte
silberiger Himmel, und fern, ganz draußen, blauten Berge. Man stand, senkte
die Hände und ließ sich betäuben vom Zirpen. Lola sah sich um, wo es gut zu
ruhen sei.
»Erzählen Sie weiter?«
»Sobald ich frei war, schon mit zwanzig Jahren, zog ich mich in die
Einsamkeit des Reiselebens zurück. Ich hatte genug von meiner Jugend, von
ihrem Elend, ihrer Scham; hatte mich genug verstecken müssen, der falschen
Gemeinschaft übergenug ertragen. War ich nicht über Versen gelegen, deren
Entdeckung mich zum Selbstmord gezwungen hätte? Hatte ich nicht, auf Gängen
über den Stadtwall, Visionen meiner künftigen Größe erlitten, die mir
solche Wahnsinnsschwindel durch den Kopf jagten, daß meine Knie schwankten?
Hatte ich nicht, um mehrerer Frauen willen, starr, wie mit heißem Sand
gefüllt, die Nächte und die Tage vorübergeschickt, tränenlos vor Ohnmacht,
und mein Leben nur zurückgerungen, um es aufs neue der Fieberlust der Liebe
aussetzen zu dürfen? . . . Das beste, wenn ich meiner Kindheit und ihrer
alten Stadt gedenke, war zwischen grauen leeren Häusern ein Garten: Neben
meinem Buch standen Maiglöckchen, über ihm schaukelten Fliederdolden; und
wenn ich die Stirn zurücklegte und die Lider schloß, brannte auf ihnen die
Sonne. O wie tief, tief ging's da in Sonne und Duft! Und das Gemurmel der
Quelle vorm Tor: ich blieb bei ihr zurück, wenn man über Land zog, und
nasses Laub hing mir in die Schläfen: wie wunderbar öffnete sich mir das
Gemurmel! Wie eine Muschel, in deren perlhelle Windungen ich hineinfand!«
»Ganz dasselbe!« sagte Lola, und ein Schauer überlief sie. In der
Verbannung erwachsen und inmitten vieles Elends manchmal eine Stunde der
einsamen, geheimnisvollen Süßigkeit: Das war sie selbst, und ihr graute vor
solcher Beschwörung ihres Eigensten. Dort auf dem Moor, in dem dünnen
Sonnenhusch tänzelten dort nicht einige kleine Mädchen -- sie und wieder
sie --? und verneigten sich vor ihr, gelenkt von den Fäden in der Hand des
Fremden neben ihr, den sie nicht ansah? . . . Sie hörte:
»Ich fand nach Italien; -- und da war mir's, als hätte ich nach Haus
gefunden. Welch ein Jubel! Ich erkannte mich selbst in den Bildern, die
alle auf Größe und Lust aus sind, in den Landschaften der Helden, worin
keine Träne lange hängen bleibt, in dem ewig jünglinghaften Volk. Hier war
eine heftigere Welt wie aus meinem Herzen ans Licht getreten. Die ersten
vier Wochen in Rom ging ich umher im ununterbrochenen Zustand dessen, den
der erste Liebesblick trifft: in seinem ungläubigen Entzücken. Ich ging
planlos; die Erwartung einer Straßenbiegung machte mir Herzklopfen; ein
Monument war ein Abenteuer. Durch die Campagna, unabsehbar, trugen mich
grade Straßen und durchsonnter Wind; und mir war zumut wie in einer
Verzauberung, worin ich angemessene Kräfte hatte. Ich ward freigebig mit
mir, froh der schwersten Hitze, trank ohne Vorsicht und liebte mit
Leidenschaft. Dies alles in Untergangsmut und, wie vom Frühdämmern,
manchmal von dem fahlen Erstaunen betroffen, daß es dauere.«
»Es dauerte bis zu einem nervösen Zusammenbruch; -- und in dem Dunkel, in
das ich mich nun zurückziehen mußte, sah ich plötzlich aus meinem Kopf ein
grelles Licht fallen und darin umhertaumeln, was mir je begegnet, je mit
mir geschehen war: aber in viel größeren Gesten, schneidenderen, weit
bedeutsameren, von unverschämterem Schmutz, wilderer Groteske oder
schmelzenderer Zärtlichkeit. Nicht rasch genug konnte ich alles in Sätze
bringen. Ich war plötzlich vom Talent ergriffen. Es war ein Rausch, allein
vergleichbar dem, als ich Rom entdeckte.«
»Ein Visionär, dem seine Höhle in Flammen steht, dem jedes Schneckenhaus
zum Feenpalast aufschießt, hinter jedem Felsblock Satan hervorschnellt und
lechzende schwarze Blicke aus allen Morgennebeln brechen: Das war ich
sieben Jahre lang. Ich haftete nirgends, fing nur im unbemerkten
Vorbeikommen Leben auf; und jedes der Zufallsquartiere, wo ich mich vor
einen Haufen Papier setzte, war umtobt von einer Welt, die ich zu bändigen
hatte. Ich lebte, erhielt mich nur, um zu schreiben; alle Sinne darbten;
und über jedes Bild, das halbfertig auf einer Seite stand, erwartete ich,
daß sich der schwarze Vorhang senke.«
Lola horchte, was ihr eigenes Leben zu ihr spreche: ihr Wanderleben mit
seinen Lockungen, seinem Taumel und, mitten darin, dem entrückten, gefeiten
Flecken, den das vertrackte Genie der Branzilla mit Zauber geschlagen
hatte. Aber Lola war fortgerissen worden; etwas wie ein schwarzer Vorhang
hatte sich gesenkt; und man wußte nicht mehr, was kam.
»Ich verstehe,« sagte sie, -- indes er schloß:
»Und eines Tages war's aus. Mein Trieb, zu gestalten, ward lahm; das Chaos,
dem ich hätte Formen entreißen sollen, hob sich dampfend, und tote Wände
umstanden mich. Ich ging hinaus . . . Wohin? Wo ist ein Elixier, stark
genug zur Belebung eines so sehr Ernüchterten? Nicht mehr in dem Italien,
das ich einst feierte. Ich gehe noch hin, weil ich Erinnerungen und
Gewohnheiten habe; aber mir ist, als hätte ich im geheimen immer ein wenig
Verachtung bewahrt für die schwungvolle Sinnlichkeit dort unten. Sehe ich
jetzt Bilder der Venetianer wieder, befremden sie mich: in einigen Monaten
haben sie mehr gealtert, als während der vierhundert Jahre seit ihrer
Erschaffung. In ihnen ist niemand mit sich allein; kein Leiden geschieht
darin ohne Zuschauer: was gehen sie einen an, der bei Festtafeln und
geschmückten Freunden kein Genügen fände? Das kunstlose Träumen meiner
Kindheit verlockt mich wieder. Die Sehnsucht nach innerer Gemeinschaft
entfaltet sich wieder in mir. Ich suche Menschen auf, ohne Arg, nicht um
sie zu belauschen, sondern weil ich mit ihnen leben möchte. Aber ich errege
Verdacht. Man fühlt: hier ist ein abnormes Leben verbracht worden. Ich gebe
der Neugier nach, berichte das einzige Interessante, das ich erlebt habe:
mich selbst; -- und nun ist der Waldmensch ausgefragt und ohne Reiz.
Beginnt er noch von seiner Marotte, fährt man ihm über den Mund. Er ist
durch langes Alleinsein allzu gutmütig gemacht, hat auf nichts eine rasche
Antwort; und wenn alles vorüber ist, erbittert ihn seine Vernachlässigung
und das Andenken seiner starken Vergangenheit. Er ist wahrhaftig die große
Persönlichkeit, bei der zu Hause alles drunter und drüber ging, und die
übel behandelt und voll ungültiger Ansprüche, in der Fremde fortlebt.«
Lola lächelte, weil er es tat; aber sie fühlte sich lahm und schmerzhaft,
als habe er sie stundenlang schlimme, zerrissene Wege geführt. Das Gewebe
der Zweige überzog jetzt einen schwach rosigen Himmel, und hier drinnen um
das Moor dunkelte es dumpf. Lola erschauerte und stand auf.
Draußen war's weit, bewegt und goldig; und Lola sah ihren Begleiter
aufatmend an, als seien sie zusammen entronnen. Ein wenig Stolz, ein leises
Glück sogar spürte sie, weil sie ihn herausgeholt hatte und ihm all dies
helle Land anbot.
»Ist das nicht eine Farbe, die man trinken möchte?« fragte er und zeigte
nach dem Rotgelb von Ähren, worin durchsonnte Mohnfähnchen flatterten.
»Obenauf wenigstens,« sagte Lola, »ist die Welt schön.«
»Aber die blühende Scholle ist das Erzeugnis der lichtlosen Tiefe. Wo
Schönheit ist, ist Tiefe.«
Sie begriff es. Sie legte den Kopf in den Nacken, sah Schwalben die von
Gold flimmernde Luft durchstreichen und empfand, es sei eine Lust zu denken
an solchem Tage. Er wies in die Weite, auf Schnitter, die hintereinander,
Sensen und Rechen über den Schultern, in langsamen Bogen zwischen den
Äckern hinzogen.
»Sie scheinen sich kaum zu bewegen, so groß ist die Erde um sie her: und
doch, wo immer ein Mensch sichtbar wird, können wir schwer noch von ihm
absehen. Er stört uns aus unserer Naturversunkenheit; wir merken: ihm
entkommen wir nicht, und ihn vor allem brauchen wir.«
»Besonders Sie, der so große Hoffnungen auf die Menschheit setzt! Und dabei
haben Sie den wichtigsten Teil Ihres Lebens dazu benutzt, sich in Ihrer
Verschlossenheit von den Phantomen der Menschheit etwas vorspielen zu
lassen: etwas Bösartiges, so viel ich verstehe . . . Sie sind eigentlich
sehr naiv.«
»Das sagt auch die hiesige Gesellschaft. Sie aber sagen es anders . . .
Sagen Sie übrigens ruhig kindisch. Ich muß Ihnen erzählen, wie sehr. Auf
einem Wege, den ich täglich ging, ward ich eines Nachts angefallen und
entkam durch einen Zufall. Die Aussicht auf eine zweite Begegnung mit
meinen Mördern zwang mich, die Anschaffung einer Waffe zu erwägen. Es ist
schwer zu sagen, mit welchem Widerwillen ich an dieses Handwerkzeug
heranging. Ich hatte es so ganz andern Lebenskreisen zu entnehmen! Endlich
trat ich dem Waffenschmied unter die Augen. Die Augen des Mannes waren
finster, und ich höre noch sein >Ach so<, als ich nach umständlicher
Prüfung des Revolvers die Frage gewagt hatte, wie man abschieße. Nun trug
ich ihn über die Straße und kann versichern, daß ich hinkte: so sehr war
ich darauf gefaßt, das Unding werde in meiner Tasche losgehen. Die
Schießübungen zu Hause waren aufreibend. Nie hatte ich rasch genug die
Sicherung heruntergedrückt und den Hahn gespannt. Die beiden Abenteurer
zückten schon unter meiner Nase ihre Messer, wenn ich noch den Kolben aus
den Taschenfalten zerrte. Ehe ich dann wirklich den Gang über die
verhängnisvolle Wiese antrat, saß ich im Dunkeln und nahm mit einer
Phantasie, die mich zehn Tode erleiden ließ, alle Einzelheiten der
Begegnung vorweg. Sehr merkwürdig war's, welche Erleichterung ich spürte,
als die Stunde zu handeln da war. Ich riß den Revolver aus der Schieblade
und lief.«
Er lachte hell auf; dann:
»Jetzt lachen wir; aber Sie wissen noch nicht, welche beschämenden
Neuigkeiten mich mein Revolver über unsere Seele lehrte. Ich erfuhr, daß
ich ungerecht und hart sein könne; daß Mut und ritterliches Ehrgefühl
vorwiegend in einem Stahlklotz stecken; und daß unschwer Gewaltmensch wird,
wer das Mittel zur Gewalt in der Tasche fühlt. Nur mit Ekel an mir ging ich
noch umher. Es war wirklich die einzige Zeit, wo ich mich lieber nicht mehr
hätte leben gesehen. Wie ich eines Nachts mich dem einen meiner zerlumpten
Angreifer gegenüberfand, hielt ich ihn an, schenkte ihm den Revolver und
wartete. Er dankte aber und ging weiter . . . Nun, ich war befreit . . .
Laufen wir diesen Hügel hinauf?«
Sie liefen; -- und von oben ließen sie sich, stärker atmend, von ihren
Blicken über viele Wiesen und Felder tragen, durch tiefes Waldgrün zu
blauem Wald, und jenseits des Luftblaus der ersten Alpen bis in Alpen, die
am Abendrot zerflossen.
»Das Verwunderlichste war, daß ich in all meinem Überdruß kindisch blieb:
mir in einem Theatersaal die Wirkung vorstellte, wenn plötzlich in meiner
Tasche ein Knall geschähe, und am Teetisch die Damen darauf ansah, was sie
für Gesichter machen würden, wenn ich ihnen die Tasse vom Munde wegschösse.
Begreifen Sie das?«
»Sehr gut,« sagte Lola und lachte mit. »Wozu sind wir den Hügel
heraufgelaufen, den wir gleich wieder hinunter müssen? Sehen Sie? Weil Sie
eigentlich ein Junge sind.«
»Nehmen Sie einmal an, daß Herr Gwinner für jeden Witz, den er macht, eine
Schrotladung bekäme!«
»Oder Frau Gugigl für jedes >künstlerisch<!«
»Wenn man sich nicht mehr anders zu helfen weiß --«
Da waren sie drunten vor einer kleinen Eiche; der frische Wind, den ihr
Lauf erregte, brach plötzlich ab. Hinter der Eiche lag über den von letzter
Sonne buntem Rasen ein Weg geschlängelt, blaugrün, -- und auf einmal
verschlang ihn Walddunkel.
»Nur noch dies eine Gehölz, dann können wir das Haus sehen;« -- und zu
ihren langsamen Schritten durch die Dämmerung mußte Lola denken: »Eben noch
haben wir gelaufen und gelacht. Wie kam das? Wie kommt es, daß er mir seine
Geheimnisse sagt, und daß ich sie hinnehme, als müßt' es sein? Eigentlich
haben wir doch nichts miteinander zu tun. Oder wie stehen wir?«
Als das Gehölz zu Ende war, wollte sie etwas sagen, ließ es aber. »Was habe
ich denn? Warum nicht gleich den nächsten Spaziergang verabreden? Er ist so
zerstreut und hat immer mit sich selbst zu tun. Ein rechter Egoist
eigentlich. An die wirklichen Dinge muß ich selbst denken.« Aber kurz vor
der Ankunft hörte sie ihn in Eile und Verwirrung mit der Bitte
herauskommen, an deren Gewährung ihr gelegen war, -- und sie biß sich auf
die Lippen. »Bin ich vorschnell! Ich weiß doch, daß er bloß schüchtern
ist!«
* * * * *
Es war nie ganz sicher. Am Abend inmitten aller sah's aus, als drängte er
neben sie: Frau Gugigl und Tini bestätigten es ihr durch Blicke. Dafür zog
er sich manche Stunde, die er mit ihr hätte allein sein können, zurück, um
zu lesen. Er kam ihr oft genug in den Weg, klopfte jeden Tag mehrmals an
ihre Tür. Sie hatte auf dies Klopfen gewartet und war, zeigte sich nun sein
Gesicht, beschämt, weil es nicht glücklicher war. Einmal rief sie ihm im
Garten nach, und wie er sich umwandte, war kein Zweifel, daß er sich
bezwang, um erfreut zu scheinen. Aber als sie ihn einen Nachmittag
unbeachtet gelassen hatte, da war er arg verstört, kleinlaut wie ein
schlecht behandelter Junge, und kam nicht darüber zur Ruhe, daß sie etwas
gegen ihn haben müsse.
Wie sie das alles schon kannte! Wie sie seine Nervosität mitfühlte, die
matte Geste zwischen seine zusammengezogenen Brauen und dann, draußen in
der Luft, sein allmähliches Durchdringen, bis er frei war und die Oberhand
hatte! Voll Staunen bemerkte sie, daß sie ihn sich gar nicht wegdenken
könne: auch aus ihrem früheren Leben nicht. Wie ein älterer Bruder war er,
den die Schwester schon heulend und geprügelt gesehen hat: und doch bleibt
er, mag sie's kaum wissen, der erste, und seine Liebesgeschichten machen
ihr Eifersucht. Lola fragte sich oft: »Hat er wirklich nie etwas gehabt?
Alles hat er mir gesagt, nur davon kein Wort.« Aber sie fand und sagte ihm:
»Ich wüßte eigentlich keine Frau, mit der ich mir Sie denken könnte.«
Er überlegte.
»Und ich keinen Mann für Sie,« entschied er. Nach einer Weile begann er
wieder:
»Was würden Sie denn besonders beanspruchen?«
»Von einem Mann? Zuverlässigkeit.«
Und sofort erschrak sie, weil ihr einfiel, daß sie ihm schon mehrmals
bestätigt habe, er sei zuverlässig.
»Ich bin nämlich sehr mißtrauisch,« erklärte sie und fragte eilig:
»Und Sie? Was brauchen Sie?«
»Meinetwegen,« dachte sie, ein wenig gekitzelt; »spielen wir mit dem
Feuer!«
»Ich? Etwas Achtung natürlich vor dem, was ich bin. Aber noch so vieles
andere. Das ist weitläufig und aussichtslos.«
Und während Lola schwankte, ob weiter zu fragen sei:
»In Deutschland traf ich am häufigsten die eben erst Emanzipierte. Ihr
frisches Wissen und Können scheint mir noch gewaltsam; seine Äußerungen
führt kein sicherer Geschmack. Fehlen ihr zu diesem nicht überhaupt und von
Rasse wegen die Mittel? Die Deutschen bleiben, trotz allen heutigen
Bemühungen um die Form, zur Überfütterung des Innenlebens verurteilt und
auf Geringschätzung der Augenkultur angewiesen, die doch vornehm macht
. . . Italienerinnen haben mich versucht. Alles Glück, das einem die
Städte, die Landschaften, die Bilder versprechen, sieht man erfüllt in
diesen weißen, schwarzhaarigen Geschöpfen mit den knabenhaften schlanken
Bewegungen. Wie schön sie sind, solange sie stumm bleiben! Den, der gleich
im ersten halben Jahr eine von ihnen heiratet, begreife ich. Nachher hat
man in ihren weiten, undurchsichtigen Augen wohl doch die Leere ermessen
und sich besonnen. Eine auf immer unmündige Existenz neben der meinen?
Eine, die mein deutsches Erbe, alle jene moralischen Verfeinerungen, die
ihre Rasse niemals erreichen kann, mit animalischer Sicherheit verachten
würde?«
»Sie verlangen eine Schöne, die auch noch Geist hat. Sie sind entsetzlich
schwierig.«
»Sie haben Recht, ich stelle die unverschämtesten Forderungen. Warum
übrigens sollte ich sie zügeln, da ich von vornherein mit ihrer
Unerfüllbarkeit rechne? Mehrmals näherte ich mich Frauen gemischten Blutes:
sie waren mit einem verflachten Innenleben begabt und mit irgendwie
verunglückten Körpern; oder sie hatten sich ganz zu der einen ihrer beiden
Rassen geschlagen und verleugneten die andere. Wie nun, wenn das Gute von
beiden in einem Wesen zusammenkäme? Ich setze den günstigsten Fall; und bei
der Frau, die ich mir vorstelle, hat erstaunlicher Weise der Körper eine
ebenso alte, starke Kultur wie der Geist; sie ist der Bildung offen und
elegant, hat Geschmack und Tiefe. Das scheint gegen die Natur; scheint über
sie hinaus: und doch stelle ich mir's vor . . .«
Nach einem Schweigen, während dessen Lola aufhorchte, schloß er gepreßt:
»Nicht seit langem.«
Und Lola dachte:
»Ist es zu glauben? Alles kommt sehr um die Ecke. Aber meinen tut er doch
wohl mich?«
Sie hatte Lust, aufzulachen. So viele Gedanken, die sie zur Achtung
nötigten: und das Ziel wirklich nur sie selbst? Sie empfand ein wenig
Mitleid mit dem Armen, der sich nun bloßgestellt hatte. Sie sah auf ihn
herab, wie er errötet, mit regungslosem Kopf vor sich hinging und vor ihr
Furcht hatte . . . Aber da errötete sie selbst; das überschwengliche Bild,
das er von ihr im Kopf hatte, beschämte sie und machte ihr bange, wie ein
Betrug. Sie dachte: »Ich bin gar nicht schön und gar nicht gebildet. Ich
habe auch gar nicht das Äußere von der einen Rasse und das Seelische von
der andern. Meine Haare setzen durchaus nicht so untadelig an, wie bei den
romanischen Frauen; er sieht bloß nicht, wie ich meine kahlen Schläfen
verstecke.«
Er sagte in merkwürdig ungefälligem Ton, der zitterte:
»Ich denke sie mir in keinem der europäischen Vaterländer daheim; auch ich
gehöre in keins. Sie kommt von weither, aus einem Lande, das sie vergessen
hat, und in das sie nicht wieder zurückkehren wird.«
»Auch das noch,« dachte Lola.
»So ist sie mir ähnlicher. Denn auch mich haben, nicht meine Geburt, aber
meine Schicksale zwischen die Rassen gestellt, und ich habe dort so viel
erlitten, daß meine Gefährtin mir von keiner Not berichten könnte, um
derenwillen sie nicht meine Gefährtin wäre. Ich habe sie mir verdient.«
Plötzlich war Lola erschüttert und stammelte mit feuchten Augen und ohne
mehr daran zu denken, daß dies alles ihr selbst gelte:
»Ich hoffe, Sie werden noch einmal glücklich.«
Da erschrak sie und ging rascher dem Hause zu. Wie sie aber Tini
herbeilaufen sah, lachte sie auf. Als ob er mit der Sprache herausgekommen
wäre! Aber das nützte ihm jetzt nichts mehr. Sie wußte setzt Bescheid, war
ihre Unruhe los und hatte die Sache in der Hand. Er hatte geworben.
* * * * *
Und nun ordnete sie sich im Gespräch ihm nicht mehr regelmäßig unter.
Sie widersprach ihm sogar vor den andern, stimmte Gwinner bei. Später unter
vier Augen zeigte sie sich weich und nachgiebig, und der gütige Spott ihres
Blickes und ihrer Stimme gab ihm zu verstehen, er wisse wohl selbst, daß
alles sich verändert habe; aber was sie tue, bedeute Gunst.
Das Bedürfnis war ihr gekommen, ihn anzuzweifeln und anzugreifen. Sie
führte ihre Spazierwege möglichst dicht an Bauernhöfen vorbei.
»Da sind nun die hündischen Gendarmen, die Sie so hassen. Ja, der hat noch
ein robustes Gewissen.«
Er mußte sie und sich, fortwährend mit Steinen werfend, aus der Nähe des
schnappenden Bellers retten.
»Jetzt könnten wir Ihren Revolver brauchen, wenn Sie nicht selbst vor ihm
Furcht gehabt hätten.«
Und auf sein niedergeschlagenes Lachen, plötzlich ganz ergriffen:
»Bitte, verzeihen Sie mir!«
Einmal ging er unentschlossen an einer alten Frau vorbei, die gebettelt
hatte.
»Sind Sie geizig?«
Er antwortete:
»Ich schäme mich der Überlegenheit in der Gebärde des Almosengebens; schäme
mich des kleinen Schauers von Selbstzufriedenheit und trügerischem
Gütegefühl, der den Geber überrinnt.«
»Immer finden Sie schöne Worte. Vielleicht sind Sie doch geizig?«
»Wenn Sie mich nicht verstehen können --«
Ein unfreundliches Schweigen brach herein. Erst bei der Ankunft flüsterte
Lola hastig:
»Ich habe Sie sehr gut verstanden und glaube Ihnen auch. Aber ich bin
manchmal nervös.«
Er fiel ihr ins Wort, stürmisch vor Reue:
»Ich hätte geben sollen! Naiv oder mit Scham: ich hätte geben sollen!«
»Aber ich habe Sie verstanden« wiederholte Lola.
Denn was er äußerte, fand sie, wenn ihr's auch bestimmt noch keiner gesagt
hatte, alles ganz vertraut. Es waren Selbstverständlichkeiten, an die sie
bisher nicht gedacht hatte. Er selbst -- immer näher fühlte sie's, daß sie
ihn schon gekannt habe: seine gewohnte Geste nach den Brauen hin, seinen
Träumergang, den Fall seiner Stimme. Ein Weg, den sie durchschritten,
konnte sie stutzig machen: »Wann war ich hier?« Und einmal, wie die Sonne
auf eine lange Hecke fiel, erinnerte sie sich plötzlich auf das
Dringlichste einer Landschaft, die sie irgendwann einmal im Traum gesehen
haben mußte: darin war alles dämmerig und nur eine Reihe von Büschen grell
beschienen gewesen, und es war genau diese gewesen.
Was zwischen ihnen vorgehe, quälte sie nicht mehr. Sie lächelte, als er
sagte:
»Wenn irgend Aussicht gewesen wäre: in Sie hätte ich mich sehr verlieben
können.«
Sie wußte, er verstecke sich. Aber das alles hatte Zeit . . . Und
inzwischen genossen sie ein pflichtenloses Gefühl der Zusammengehörigkeit
inmitten Fremder. Ihre Geister rührten bei einander an alles; sie suchten
in jeder Erde nach Edelsteinen und waren froh, wenn sie auf einen Kiesel
stießen, an dessen Gleichen sie sich beide schon einmal verwundet hatten.