»Spielst du noch mit Puppen?« fragte sie mühsam.
»O nein . . .«
Und, als sei endlich das Eigentliche herbeigeführt:
»Lola, du bist wunderschön!«
»Du sagst das? Du wirst viel schöner werden als ich; man sieht es schon
jetzt.«
Sie liebkoste das schwarz eingerahmte, sentimentale Gesichtchen. »Noch
etwas zu lang und zu blaß ist es,« dachte sie zärtlich. Da drehte sie rasch
den Kopf.
»Mai! Mai! Die Tini hat Pai gekannt!«
Mais Miene, die ganz Befremdung und Verlassenheit war, ward auf einmal
kindlich beglückt; und Lola nickte ihr strahlend zu: »Wie schön, nicht
wahr, daß wir hergekommen sind!«
Da waren nun Wesen, die Pai gekannt hatten, die mit Lola verbunden waren,
vielleicht denselben Menschen lieb gehabt hatten wie sie!
»Hast du meinen Papa gern gehabt?« fragte sie.
»Sehr,« sagte Tini; und sie setzte nochmals an: »Und auch --«; aber dann
schwieg sie, ganz rosig.
»Sage, wie du ihn gefunden hast? Als er mich nach Europa brachte, trug er
meist einen grauen Anzug . . .«
»Ach, was für Dummheiten!« merkte sie selbst. Mai, die dazwischenschwatzte,
konnte sich nicht naiver gebärden. Wie das belebte! Wie einem warm ward!
Sie sah sich um, sie hatte Lust, diese Menschen zusammenzurufen, die Pai
gekannt hatten, die ihr du sagten, die ein wenig Blut mit ihr gemeinsam
hatten. Gugigl trank ihr zu. Er stand dahinten, auf gespreizte Beine
gestemmt, hob das endlich eroberte Glas Bier nervig an sein Gesicht, das es
mit geblähten Nüstern erwartete, und führte Lola, den Blick fest und ernst
in ihrem, seine Schluckkunst vor. Seine Frau hatte ihren Lodenkragen
abgeworfen, hatte flatternden Haares die tannenbekränzte Estrade der
Schuhplattler erstürmt, die Dirn weggestoßen und sich statt ihrer gegen den
beleibten Balzer geschmiegt. Aber von ihrem Tanzdämon überzeugt, kam sie
seinen Bewegungen zuvor, brachte die Äußerungen seiner gravitätischen
Brunst in Verwirrung, zappelte in der Luft, wie er sie emporstemmte: -- und
ohne vorherige Ankündigung, im Zorn noch mit gelassener Kraft, setzte er
die enttäuschte Mänade über das bekränzte Geländer. Frau Gugigl mußte
einige Pfiffe hören, trotzte aber der Menge und holte sich ihren Mann, um
ihn herumzuschwenken.
Mehrere Paare drehten sich, zwischen den Püffen der Vorbeidrängenden. Die
meisten saßen indessen unter den tropfenden Kastanien, Rücken an Rücken,
die Arme auf die Tischkanten gewälzt; und so oft die Musik sich von ihrem
Knarren und Meckern ausruhte, sangen sie sich gegenseitig in die Münder. In
ziehenden Tönen, deren Ende sie vor Gefühl nicht fanden, stimmten die
Burschen unwahrscheinlich schmutzige Verse an; und die Madln unter ihren
Zopfkränzen fielen herzhaft ein, wie in der Kirche. Aus dem Winkel beim
Hause wurden sie beobachtet von der eleganten Gesellschaft, deren ragender
offener Reisewagen aus dem Verschlage hervorstand. Die Dame hob das Lorgnon
vor ihre aufgerissenen Morphinistinnenaugen und führte ihre unbewegte,
schlaffe, perlfeine Miene langsam umher. Ein dürftig gewachsener Mensch,
der ihr den Rücken im Sonntagsrock halb zudrehte, fesselte sie länger als
die übrigen. Niemand fand an ihm vorbei, ohne die Faust, als solle sie das
biedere »Grüeß Gott, Schuasta«, verstärken, auf seinen eingedrückten
Nasenrücken fallen zu lassen. Der Schuster lachte verlegen, und von Zeit zu
Zeit wischte er mit dem Handrücken das Blut weg, das ihm sonst ins Bier
tropfte. Sichtlich war er's gewohnt, war dies ein durch lange Jahre
geweihter Brauch, dem sich zu entziehen er selbst am unpassendsten gefunden
hätte.
Das Lorgnon der Dame zielte unbewegt in dieselbe Richtung. Nun aber folgte
Mai ihm; und Mai begann, die Hand an der Wange, kleine entsetzte Schreie
auszustoßen. Gugigl, seine Frau und die Baroneß Utting liefen herbei:
»Ja, was gibt's? Der Schuster? Aber ihr seht doch, daß es ihm selber Spaß
macht. Seid ihr zartbesaitet!«
»Mir san derbes Volk,« erklärte die Baroneß.
Mai schrie auf: wieder war dem Schuster eine Faust auf die blutige Nase
gefallen; und Mai beruhigte sich nicht mehr, hörte auf kein Zureden,
verfiel, außer sich, in ihre heimische Sprache und wiederholte ihre Meinung
den um sie her feixenden Bauern auf französisch. Dies alles sei abscheulich
roh; sie sollten nicht trinken: nur die Neger tränken; sie sollten einander
wie Menschen behandeln.
»Sei still, Mai,« bat Lola, leise vor Scham. Ihr war, als trage sie ein
Stück Verantwortlichkeit für dies Volk, das Pais Sprache hatte, und zu dem
sie Mai hergeführt hatte wie zu den Ihren.
Aber Mai drang, erbittert durch die Grimassen, denen sie begegnete, auf
Gugigl ein. Ob er meine, sie kenne so etwas nicht. Auch zu Hause die Neger
begängen ihre Feste, tanzten -- nicht häßlicher als diese hier -- betränken
sich, schlügen einander blutig. Aber man gittere sie ein, stelle Wachen
herum, und kein anständiger Mensch sehe den schmutzigen Dingen zu. Lola war
sehr froh, daß Frau Gugigl und die Baroneß schon wieder in den Armen zweier
Knechte dahintollten. Gugigl verstand nichts; er äffte Mais erregte
Gebärden nach, klappte mit den Kiefern und parodierte, ihr vor den Füßen
hüpfend, irgend einen Laut, den sie grade gesprochen hatte: ganz stolz, daß
er, als studierter Beamter, nicht zwei französische Worte wußte. Mai brach
ab; die Augen naß vor Zorn in ihrem beleidigten Kindergesicht, drehte sie
ihm den Rücken. Gwinner kam -- und er trug den Kopf noch vorsichtiger --
mit dem gewaltigen Schuhplattler herbei. Vor der Ankunft machte er noch
einen Bogen, führte, demütig und frech grinsend, den ernsten Koloß den
Damen von allen Seiten vor, wie einen Preisochsen.
»Diese Damen,« äußerte er, »sind aus Amerika gekommen, um Sie zu sehen.«
»Viel Ehr', viel Ehr',« sagte der Mann, mit einer Stimme, der er eine
erbärmlich wirkende Zurückhaltung auferlegte. Gwinner hielt lächelnd die
Hand neben seinem Arm, wie um eine unsichtbare Kette. Er wies hinüber, von
wo die eingepferchten Tiere brüllten.
»Warum lehren Sie nicht auch die andern Ochsen das Schuhplatteln?«
Sein begütigendes Nicken hieß: »Es ging doch nicht anders.« Die kleinen
tückischen Augen des Riesen wanderten auf dem bleichen Gesicht umher, das
nach Frechheit rang; und unentschieden zwischen Drohung und Respekt, fragte
er:
»Ja, wie moanen's denn jetzt dös?«
Die kleine Tini trat energisch vor.
»Er meint, wer nicht tanzen kann, ist ein dummer Mensch; und jetzt müssen
wir nach Haus, es ist höchste Zeit. Benno! Thekla! Marie!«
Sie beruhigte sich nicht eher, als bis alle aus dem Biergarten heraus
waren. Auf der Straße zwischen den großen Fußspuren voll braunen
Regenwassers hieß es einen Eiertanz aufführen. Vor den vier Jahrmarktsbuden
lungerten einige Buben, ein paar Weiber mit den Schürzen über dem Kopf. Mit
starrem Gesicht führte ein verwittertes Mädchen eine Moritat vor.
»Haben Sie das verbrochen?« sagte Gwinner zu Gugigl, und zeigte auf das
Bild. Frau Gugigl sprang vor Freude in eine Pfütze.
»Aber Benno! Das ist ja eine Idee! ich mal' eine Moritat! Künstlerische
Moritaten gibt's noch nicht.«
»Mehr als genug,« meinte Gwinner; aber Frau Gugigl verlangte:
»Ohne Witz! Dem muß man künstlerisch nähertreten.«
Sie besprach dies im Weitergehen mit ihrem Mann und der Baroneß Thekla.
Gwinner bemühte sich, für Frau Gabriel französische Wortspiele zu erfinden.
Tini nahm plötzlich ihren Lodenkragen ab und legte ihn Lola um.
»Es regnet nicht mehr, dein Schirm nützt nichts: aber die Luft ist so
feucht.«
Lola sträubte sich vergebens.
»Bitte bitte! Du bist das nicht gewohnt Dort, woher du kommst, ist immer
blauer Himmel, nicht?«
»Was meinst du? Ich war ja die längste Zeit meines Lebens in Deutschland.«
»Ach! Du siehst ganz aus wie eine Fremde; und so elegant. Du mußt diesen
Kragen entschuldigen. Bei dir ist gewiß alles aus Paris?«
»O gar nicht; und ich finde deine Bluse sehr gut gemacht. Meine Mama und
ich haben zuletzt in Genua bestellt. Wenn es kommt, sollst du's sehen. Die
Schneiderin arbeitet für die halbe italienische Aristokratie sie kennt uns
schon . . .«
Und Lola dachte hinzu: »So wird sie uns hoffentlich für die Bezahlung Zeit
lassen.«
»Ein Gesellschaftskleid ist dabei, Empire, was wieder das Allerneueste ist.
Schwarze Gaze mit Chantillyspitze besetzt; und im Ausschnitt ist dicke
Silberspitze, unterlegt mit . . . Aber willst du mich nicht einhaken?«
»Unterlegt mit?« -- in seliger Erwartung.
»Mit türkisblauem, metallischem Stoff.«
»Wie wundervoll!«
»Auch unter der Chantillyspitze liegt er.«
»Ja. Aber --«
Tini hielt sich grader und sammelte sich; denn jetzt kam das, was sie Lolas
Toiletten entgegenzusetzen hatte.
»Hast du schon von der Umwertung aller Werte gehört?«
»Ich muß gestehen: nein. Und wer hat dir davon erzählt? Herr Gwinner?«
»Woher --«
»Erschrick nicht! Woher ich das weiß? Du sahst grade nach ihm hin.«
Tinis Blick hatte mit solcher schwermütigen Schwärmerei an seinen hohen
Schultern gehangen. »Darum,« erkannte Lola, »ihre Angst, vorhin bei dem
Riesen, als sie ihn in Gefahr sah.«
»Das muß interessant sein,« sagte sie. Da trennte die Baroneß Thekla sich
von ihren Freunden, lief -- und ihr kurzer roter Rock flatterte -- Lola
entgegen und schwang den Arm über ein entferntes Kornfeld hin.
»Morgen in der Früh gehts da droben wieder an die Arbeit!«
»Was für eine Arbeit?«
»Ans Kornschneiden. Ich bin allweil draußen mit die Knecht' und Mägd'. Mich
nennen's die Oberdirn . . . Ja, das wundert Sie. Aber meine Großmutter war
ja eine Bäuerin und hat drunt im Mühltal ihren Hof gehabt. Ich bin ein
richtiges Bauernblut, und in der Stadt freut's mich nicht.«
»Renommiert die Baroneß schon wieder?« fragte Gwinner, der sich umdrehte.
»Mir ist's ernst,« erklärte sie; und er, nachgiebig:
»Ich weiß, bei Ihnen kommt's von Herzen.«
Tini lachte Beifall:
»Schon wieder!« flüsterte sie, vor Stolz errötet, Lola zu. »Ist er
geistreich! Sie hat ja eine unglückliche Liebe; darum kommt bei ihr das
Bauerngetue >von Herzen<!«
Gwinner merkte erst jetzt, daß er einen Witz gemacht hatte, und dankte mit
den Augen.
Die schmale Straße aus nassem, durchfurchtem Lehm krümmte sich zwischen den
flach ansteigenden Äckern hin. Die gelben und die grünen erglänzten
gewitterhaft in dem späten Licht, das unter dem schwarzen Himmel hervor,
schräge über sie hinschlich; und jäh an den letzten, der heller vor ihr
flackerte, schien die blauschwarze Bergwand zu stoßen. Frau Gugigl jagte
vorbei.
»Kinder, kriegt ihr nicht auch Magenkrämpfe? Mir kommt's bald vor, als
wären das --«
Sie wies über das gelbgrüne Land hin.
»-- Pfannkuchen mit Spinat, und ich möchte mich draufsetzen wie eine
Fliege.«
Die Baroneß fuhr auf.
»Ich hoff' nur, du hast für eine Haxn und Knödln gesorgt; sonst müßt' ich
dir die Wirtschaft wieder abnehmen!«
Gugigl hatte sie erwartet.
»Die Marie ist ja ein Kulturmensch,« versicherte er. »Sie schaut nach der
Küche, nicht weil sie muß, sondern weil sie weiß, daß die Frau, je höher
sie steht --«
Gwinner legte ihm zärtlich die Hand ans Haupt.
»Schlaukopf,« sagte er.
»Gleich kommt's!« rief Tini und ließ Lola nach der Stelle sehen, wo hinter
der Senkung ihr Haus auftauchen sollte. Inzwischen polterte mit
Harmonikagedudel und betrunkenem Gesang ein Stellwagen herbei; alle mußten
auf den Grabenrand treten; und die Baroneß tauschte mit den Vorbeirasenden
Scherze aus. Nachher entzückte sie sich.
»So lebfrische Buam!«
Mai, von ihren Rädern arg bespritzt, sah ihnen wütend nach.
Einige Schritte vorm Ziel bog aus einem Seitenweg ein junger Mann, der den
Lodenkragen über der Brust zusammenhielt und den Kopf gesenkt trug. Gugigl
machte Zeichen, man solle sich ruhig verhalten; und wie jener dicht
herangekommen war, brach er mit seiner Frau, der Baroneß Thekla und Tini in
gelles Geschrei aus. Der andere fuhr herum und hielt der Schadenfreude ein
etwas schüchternes, etwas trübes Lächeln entgegen. Noch während sie ihn
auslachten, fragte er, ob sie sich gut unterhalten hätten.
»Und Sie, sanfter Träumer?« erwiderte Gwinner, und sein Grinsen war geduckt
und geärgert.
»Das Wetter drückt mich; ich hätte nicht auch noch den Lärm der Bauern
ertragen.«
Dies berührte Lola verwandt; sie gönnte auch Mai eine Genugtuung und
übersetzte seine Antwort. Mai belebte sich. Wie man die Veranda betrat,
sagte sie:
»Nicht wahr? Das Fest wäre ganz hübsch: aber diese Menschen . . .«
»Ein Fest ohne Menschen, gnädige Frau?« fragte Gwinner. »Musik, die
freiwillig aus den Instrumenten kommt, und Bier, das sich selbst trinkt?
Nein --«
Und er wandte sich nicht mehr gegen Mai und ihren unbesonnenen Ausspruch.
»Menschen bleiben die Hauptsache: Das verkennt Herr Arnold Acton. Was haben
wir von Einsamkeit? Ich weiß nur, was sie uns nicht gibt: Menschenkenntnis,
Geistesgegenwart, Sinn für das Mögliche und das Wirksame.«
»Bravo!« machte Gugigl; »und jetzt gehn's mit, Bier abziehen!«
Sie gingen. Frau Gugigl hatte gerufen:
»Ich richt nur rasch eure Zimmer!« -- und war mit ihrer Schwester und der
Baroneß von dannen. Lola und Mai betraten die große, ganz hölzerne, stark
dämmerige Stube. Arnold Acton war hinter ihnen; Lola wartete noch immer,
was er zu sagen habe: mit einer seltsamen Angst davor, er möchte nichts
wissen. Er sagte mit verschleierter Stimme und in Pausen zum Prüfen der
Worte:
»Menschenkenntnis . . . Geistesgegenwart . . . Sinn für das Mögliche und
das Wirksame . . . Sehr scharf. Sehr richtig. Wenn nur nicht alles das
hoffnungslos zweiten Ranges wäre! Die Einsamkeit, es ist klar, unterrichtet
uns nicht über die Welt, lehrt uns nicht, ihr antworten, ihren Spott
bestehen . . . Oder doch? Käme uns ein von ihr abgewandtes, ihr nicht mehr
untertanes Wissen, wenn wir allein sind: Wissen über sie und uns, in einem?
. . Ich weiß nicht, ob Sie, gnädiges Fräulein, das kennen: ein kleines
Zimmer, allmählich in allen Winkeln voll von Erschautem und Erlittenem,
glücklichen und schlimmen Spielen; nächtliche Gänge, einen Buchenhügel oder
Terrassen mit Oliven hinan, wenn in den Laubschleiern ein vom Tal
heraufgeschwebter, merkwürdig stiller Glockenschlag zittert: wie hell und
gespannt einen das macht! Ganz zusammengezogen auf sich; frei von den
weltlichen Hemmungen. Man wird sich selbst zur Leidenschaft; genehmigen Sie
ein noch stärkeres Wort: ein Flügelrauschen rührt sich in einem, wie vom
eigenen Schicksal . . .«
»Ich glaube Sie zu verstehen . . .«
Lola fühlte, daß er unter einem Druck rede, vielleicht nur aus Unruhe, um
nicht zu schweigen; und daß er darauf gefaßt sei, wenn das Dunkel gelüftet
werde, ein befremdetes Gesicht vor sich zu haben. Ehrgeizig sagte sie:
»Ich selbst habe einsame Zeiten gehabt.«
Da er die Augenblicke vergehen ließ, sprach auch sie aus Befangenheit
weiter.
»Damals haßte ich die Menschen und ersann mir zum Trost eine eigene Welt
. . .«
»Ich möchte nicht sagen, daß es Haß ist. Sie abzuschütteln, fern zu halten,
ist das Bedürfnis; auch sie zu reinigen und zu übertreiben; und so über sie
zu herrschen. Von ihnen stammt nichts als das Alphabet, aus uns aber, als
die Verlängerung unserer Schicksalslinie, die prachtvolle Tirade, die bis
zu den Sternen schießt.«
»Auch für mich gab es Freude und Glück nur auf anderen Sternen.«
Jeder von ihnen tastete im Dunkel der fremden Erlebnisse nach den Umrissen
der eigenen.
»Die Welt: sie wird uns, sind wir sehr allein, zum Spiel nach eigenen
Rhythmen, dient uns als Vorwand, uns selbst zu genießen. Wir sind so gut
über sie im reinen, daß wir sie unter uns gebracht haben und, ihrer sicher
und getrost, nun anfangen können, sie zu lieben . . .«
»Wohl erinnere ich mich, daß ich nach solchem Gewittertag im Walde mit dem
Glauben heimkehrte, das ganze All liebe mich und ich solle jedes seiner
Geschöpfe lieben . . .«
Da ward die Tür aufgerissen, und Frau Gugigl rief:
»Was munkelt denn ihr da?«
Lola sah sich, in der plötzlichen Helle, neben einem Unbekannten an der
Wand eines fremden Zimmers sitzen; ihr war, als sei sie aus weiter Ferne
herversetzt; und sie sagte erstaunt:
»Wir sprachen von einsamen Spaziergängen.«
»Sicher hat er wieder von sich selbst gesprochen: das ist seine
Spezialität, und anfangs verblüfft er einen damit. Nachher kennt man's
schon. Gehen Sie mehr unter Menschen, Arnold! Schauen Sie Gwinner an: der
redet stundenlang, ohne sich selbst zu erwähnen.«
»Was gäbe es über ihn auch zu sagen!«
»Bravo, Sie werden boshaft! Endlich! . . Weißt du wohl, Lola, daß er
abreisen wollte, als er hörte, ihr kämet? Solch Waldmensch ist er.«
Lola sah ihn an, ließ aber seinen unfreien Träumerblick, aus
unwillkürlichem Respekt, gleich wieder los. Ihr schien, vorhin im Dunkel
habe er zusammengesunken dagesessen, und erst jetzt sich hager aufgereckt,
als gälte es, etwas zu bestehen. Sie fragte, ohne mit Frau Gugigl
mitzulachen:
»Wirklich? Sie wollten abreisen?«
Er stammelte:
»Im Gegenteil . . . Ich hatte den Wunsch, nach München zu gehen; ich
brauche wieder einmal die Stadt.«
»Und wozu?« fragte prompt Frau Gugigl. »Wen kennen Sie dort? Wen suchen Sie
auf? Sie sind ein merkwürdiger Mensch.«
Frau Gugigl drehte sich, vor Gereiztheit rot, halb weg und machte zwei
Schritte. Lola war im Begriff, zu sagen:
»Es ist immer schade, wenn jemand kein merkwürdiger Mensch ist.«
Aber es kam ihr vor, als hätte es ein wenig Geringschätzung bedeutet, wenn
sie ihn in Schutz genommen hätte.
»Also ich zeig' euch eure Zimmer,« schloß Frau Gugigl. »Wo steckt denn
deine Mama?«
»Mai!«
Mai kam aus der Ecke beim Ofen. Im Dunkeln war sie sofort kindlich
eingeschlafen.
»Ich habe nasse Füße,« sagte sie gekränkt.
Über eine leiterartige Stiege gelangten sie auf einen Flur aus Brettern,
die sich bogen. Das Zimmer war voll vom feuchten Duft des weiten, schwarzen
Landes. Wie Lola sich aus dem Fenster lehnte, geschah in ihrer Nähe ein
Poltern wie von Pferdehufen auf Holz; und da tauchte der Kopf des Tieres in
den Schein ihrer Kerze. Ein alter Herr ritt eine flache hölzerne Brücke
hinauf, bis vor eine Tür im ersten Stock. Er stieg ab; und das Pferd ward
vom Knecht gewendet und hinabgeführt.
Mai rief, durch die Spalten der Holzwand hindurch, nach Lola. Mai wußte
nicht, wo sie ihre Toilettengegenstände ausbreiten sollte. Wenn die Koffer
kämen, wohin dann mit den Kleidern. Dieser Schrank sei lächerlich.
»Er ist schön geschnitzt und bemalt. Er ist alt, weißt du.«
»Diese Fremden sind genügsam, daß sie sich mit alten Sachen begnügen.«
Mai gebrauchte noch immer ihren heimischen, verachtungsschweren Ausdruck
für die »Fremden« und meinte damit alle Europäer.
»Wenn man sich anzieht wie sie, die Dienstmädchen gleichen, genügt wohl
solch ein Schrank.«
Und Mai schüttelte das wacklige Möbel.
Zweimal klopfte die Magd an; endlich holte Frau Gugigl selbst sie hinunter.
Um den quadratischen Ecktisch und unter der Hängelampe saßen auf den
Wandbänken, auf lehnenlosen Schemeln und auf Stühlchen mit einem Herzen im
Rücken, schon alle beim Abendessen. Gugigl rief ihnen entgegen:
»A Gullasch ham mer.«
»Leitmotiv des Ästheten,« erläuterte Gwinner.
Frau Gugigl erlaubte Mai und Lola noch nicht, sich zu setzen; vorher mußten
sie sich, aus dem Schatten heraus, darüber klar werden, welche Farbenwerte
der erhellte Kreis vertrete.
»Ist es nicht künstlerisch? die Thekla in ihrem Rot und Weiß, die Tini in
ihrem Weiß und Blau, Gwinner in Creme, der Baron mit seinem angerauchten
Meerschaumbart: Kinder, wie auf den Bart das Licht draufgesetzt ist! Mein
Mann hat doch einen großartigen Kopf. Arnold dient als Dämpfer. Und in dem
Blumenstrauß in der Mitte wiederholt sich alles. Aber wartet, ich muß noch
mit hinein!«
Sie lief auf ihren Platz; ihr Reformkleid mit Schulterhenkeln war kraft
goldener Borten, die Brokat vorstellten, auf Renaissancepracht aus; und sie
sah sich strahlend um.
»Wie findet ihr das? Künstlerisch, nicht?«
Mai fühlte, was man von ihr wolle, und heuchelte Entzücken. Aber sie sah
nur abgetragene Kleider, die mit der Mode nichts zu tun hatten. Heimlich
prüfte sie die Hände, ob sie gewaschen seien.
Die Gulaschschüssel dampfte auf dem Bauernleinen, neben der Vase aus
Bauernsilber. Gugigl ruhte nicht, bis Mai aus dem Kruge getrunken hatte,
der vor ihr stand. Darauf, etwas fremd, zu Arnold Acton:
»Sehen Sie? So wie Sie gibt's keinen mehr.«
»Also bitte, einen Krug.«
»Gott sei Dank!«
Gugigl lief selbst. Er beaufsichtigte, indes auch er schluckte, den anderen
bei der Handlung des Trinkens. Dann, aufseufzend, unvermittelt herzlich:
»Also Freunderl, gut is! Aber 's ist schon so: mir wird bei einem Menschen
erst wohl, wenn ich ein Bier mit ihm getrunken hab'!«
Darauf fragte er den Baron Utting nach seinen Hunden. Der Baron hielt eine
Meute. Er wohnte zur Miete in einem Bauernhaus; aber in allen Waldungen
ringsum hatte er die Jagd gepachtet. Den Tag hatte er mit seinen Hunden
verbracht, sie erst gefüttert, dann gemalt, und am Abend war er aufs Pferd
gestiegen, um in sein Schlafzimmer zu reiten. Er war zufrieden mit seiner
Leistung. Seine Tochter und Gugigl waren, in ihrer Ecke, ganz bei der
Sache. Arnold Acton mischte sich von drüben ein: hastig, um den Augenblick
nicht zu verpassen, wo sich etwas für diese Menschen Geeignetes sagen ließ.
Er sagte, straff aufgerichtet, Jagdhunde seien ihm sympathisch, weil ihre
Triebe in Freiheit spielten; aber er hasse die hündischen Gendarmen, die in
Bauernhöfen und hinter den Staketen der Vorstädte umherstrichen, um, komme
ein Fremder, ein Armer nahe, mit blutunterlaufenen Augen und wüster Stimme
über die Bretter zu schnappen. Diese der Gesellschaft, dem Bestehenden
dienstbar gemachten Raubtiere seien, in ihrem viehischen Fanatismus für die
Rechte ihres Herrn, etwas wie das verkörperte Prinzip des Eigentums, etwas
wie die Verdichtung alles Harten, Stupiden und Unmenschlichen im
besitzenden Menschen. Nichts sei kläglicher und widerwärtiger als der
Argwohn des Hundes gegen jeden, der seinem Herrn etwas abzunehmen komme.
»Zum Beispiel gegen den Steuereinnehmer,« sagte Gwinner, gelassen und
scharf.
Eine Sekunde des Stutzens -- und alle lachten. Die Baroneß Thekla wühlte
das Gesicht in die aufgestützte Hand; Tini sah, unter kurzen Gänseschreien,
triumphierend von Gwinner zu Arnold: »Da haben Sie's!« Und Frau Gugigl
drüben ließ sich, den Kopf schüttelnd, mit geöffneten Armen vornüberfallen,
zum Zeichen von Arnolds Ohnmacht vor ihrem witzigen Freunde. Gwinner
lächelte demütig frech und Arnold ratlos. Lola, neben ihm, begann plötzlich
leise, als soufflierte sie ihm:
»Sie stellten den Hund als Gendarm, als Vertreter der gesetzlichen Ordnung
hin. Der Steuereinnehmer ist dasselbe, warum sollte er ihn anbellen. Herrn
Gwinners Witz war also keiner.«
Er hob die Schultern und bewegte schüchtern die Hand: sie möge es gut sein
lassen. Übrigens hatte Frau Gugigl zu fühlen angefangen, daß das Gespräch
eine Abwechselung brauche. Sie griff hinter sich nach einem Buch: diese
Stelle müsse unbedingt ihr Mann hören. Er kaute; und es sah aus, als kauten
auch seine abstehenden Ohren an dem, was ihnen zugeführt ward. Plötzlich
erklärte er, nur einen Augenblick habe er an sein Gulasch gedacht, und da
habe er den Faden verloren. Frau Gugigl fand dies unkünstlerisch. Sie fand
es auch unkünstlerisch, daß Arnold durch einen Bauernkopf an ein Bild
erinnert ward; sie verlangte Unmittelbarkeit. Riesig künstlerisch (sie
konnte nur noch »künschelrisch« sagen) war es, daß die Baroneß in ihrer
Bauerntracht mit aufgestütztem Arm aß. Hoffentlich werde es hier noch recht
kalt werden: dann wollten sie mit hölzernen Löffeln Fett essen, alle aus
einer Schüssel. Gwinner übersetzte dies für Mai, deren Augen erschraken.
Vom Gulasch aber nahm sie nochmals und reichte Gugigl, nachdem er ein wenig
gebeten hatte, nochmals ihren Krug. Ihr Nachbar Gwinner gefiel ihr, es ließ
sich mit ihm lachen; und immer, wenn sie etwas miteinander hatten, was Tini
nicht verstand, bekam sie, zu seiner Rechten, ein angstvolles Gesicht. Sie
wollte mit ihm von der Umwertung aller Werte beginnen, aber er antwortete
nur scherzhaft. Arnold vermutete, in Fräulein Tini wiege der Intellekt vor,
und Frau Gugigl rief ihm zu:
»Sind Sie ein schlechter Psychologe!«
Er hatte auch das Unglück, Gugigl eine Ansicht zum Malen zu empfehlen, die
seine Frau unkünstlerisch fand.
»Sehen Sie! Sie haben keine Ahnung, was ein Bild ist!«
Lola stellte sich, um nicht sprechen zu müssen, als lausche sie auf des
Barons Jagdgeschichte. Sie nahm es Arnold übel, daß nicht auch er schwieg.
Er fragte Mai nach Leuten in Rio: er habe eine Cousine dort. »O, eine
entfernte.«
Pünktlich fiel Gwinner ein:
»Natürlich entfernt: wenn sie in Rio ist.«
Wieder Gelächter; wieder Arnolds aus Ratlosigkeit beifällige Miene.
Nach einer Weile wagte er zu fragen:
»Macht Ihnen die hiesige Landschaft nicht Lust zum Spazierengehen?«
Lola antwortete:
»Ja. Sie erinnert mich an eine, in der ich als ganz junges Mädchen viel und
ganz einsam umherging.«
Und Gwinner, unentwegt:
»Ganz einsam. Also Abfuhr, mein Lieber: Ihre Begleitung ist nicht
genehmigt.«
Lola sah Arnold zornig an. Warum ließ er sich einschüchtern von einem
gemeinen Witzler, der in ihr Gespräch hineintappte, ohne seine Beziehungen
zu verstehen? . . . Er fand nichts; und sie stand auf.
Auch Frau Gugigl hatte ihren Platz verlassen, die Mandoline von der Wand
gehoben, und sang, ein Bein übergeschlagen, mit hoher Blechstimme Santa
Lucia. Dann begleitete sie die Baroneß Thekla, die das Schmachten der vom
Biergenuß erweichten Bauern nachahmte.
»Aaf da Wies schreit a Heischreck,
Aaf oamal is a stad,
Weil eam da dumm Bauer Michl
Hat an Kohpf abigmaht.«
Da Gwinner sich, unter Benutzung seiner dialektischen Gewandtheit und
Schärfe, mit Gugigl über die Zugverbindungen nach München stritt, legte
Tini den schweren Band, den sie feierlich herbeigetragen hatte, beiseite
und lief hinaus. Sie weigerte sich, zu sagen, was sie im Regen getan habe,
und setzte sich vor ein Blatt Papier. Sie wolle Namen sammeln, die auf l
endeten, und vorher müsse g oder p kommen oder so; und sie schrieb »Gugigl«
hin. Der Baron Utting sollte ihr helfen, mehr zu finden, aber auch ihm
fielen keine ein. Statt dessen hängte er in seine buschigen Brauen
Brotkrumen, die trotz Kopfschütteln nicht herausfielen: was Tini sehr
erheiterte, und auch Mai.
Lola führte mit der Baroneß Thekla ein Gespräch über Rom, woran Arnold
teilnahm. Die Baroneß hatte zuerst ein ahnungsloses Madl vorstellen wollen,
das einmal »zu die Welschen« verschlagen worden war, Fabeln daher
mitgebracht hatte, alles verwechselte und die Namen falsch aussprach.
Allmählich kam sie von ihrer Rolle ab und gab sich gescheit und dem Schönen
offen, wie sie war. Ihr Vater, erzählte sie, hatte sie damals in seine
Leidenschaft für Italien hineingezogen, wo sie Verwandte hatten; dann war
ihm eine andere gekommen, die für die Kunst seines französischen Koches.
Und seit diese zweite Passion ihn fast das Leben gekostet hätte, ergab er
sich der jetzigen, einer höchst merkwürdigen . . . Getrappel entstand, in
der Tür erschien ein Pferdekopf; und Baron Utting verabschiedete sich
höflich von jedem, ehe er aufsaß und zum Hause hinausritt. Gleich darauf
polterte es nochmals er ritt über die Brücke zu seinem Schlafzimmer.
Tini kauerte wieder fruchtlos vor ihrem Papier. Gwinner forderte sie auf,
irgend etwas darauf zu schreiben, und legte ihren Charakter in ihrer
Schrift bloß. Sie sei eine zärtliche, suchende Natur; sie habe eine Liebe,
die Vorsicht heische: -- eine glückliche, eine unglückliche, es sei noch
nicht deutlich zu ersehen. Frau Gugigl musterte sie unruhig. Da Lola
ablehnte, kam sie selbst daran. Sie war eine sehr grade, wahre und freie
Seele. Daß der erste Bogen beim M viel höher war als die beiden anderen,
bekundete berechtigtes Selbstbewußtsein. Eine geheime Leidenschaft war zu
erkennen . . . Frau Gugigl saß, indes Gwinner über sie gebeugt an ihr
herumrätselte, ganz zusammengerollt, hatte weichere Bewegungen und schien
zu schnurren. Ihr Mann klagte, daß ihm nach der Mehlspeise das Bier nicht
mehr schmecke; er müsse einen Käs haben. Die moderne Frau sei frei, aber
sie bekümmere sich um solche Dinge aus künstlerischem Gewissen. Ob in der
Handschrift seiner Frau das künstlerische Gewissen nicht besonders zur
Geltung komme. Gwinner bestätigte es, zwinkernd; und Frau Gugigl holte den
Käse.
Inzwischen verlangte Mai, daß Gwinner ihr wahrsage, und hielt ihm ihre
kleine unschuldige und schicksallose Hand hin. Er ergoß ironische
Schmeicheleien über sie, und sie kicherte vor Freude. Als es ihm einfiel,
ihr sehr viel Geld zu verheißen, schrie sie auf. Dann lief sie zu Lola.
»Laß dir auch wahrsagen! . . . Warum denn nicht?«
Mai war mit ihrer neuen Umgebung versöhnt. Alles regte sie an: die
sonderbaren Gesänge; der komische alte Herr mit den Krumen in den Brauen,
der aus dem Zimmer ritt; die vielen Scherze, das viele Hinundher; das
unglaubliche Essen und dieses Bier, das schließlich nicht so übel war; die
phantastischen, gutgelaunten Menschen, die wohl zu ihren Ehren etwas
aufführten, im Lichtkreis dieses bizarren Raumes, in dessen Schatten
Heiligenbilder mit unbegreiflichen, noch nassen Klexereien wechselten,
unter dessen Decke Tabaksqualm hinzog, und zu dessen engen Fenstern der
Garten feucht und kühl hereinduftete. Mai lugte aus der Tür. Tini schoß an
ihr vorbei, in den Regen, zum Briefkasten. Mit leeren Händen aber nicht
trauriger als vorher, kehrte sie zurück. Da wagte sich auch Mai auf die
Veranda, hörte erstaunt das weite, regnerische Dunkel rauschen und hinter
sich das bunte Gejauchze, -- und lief, mit plötzlicher Lust, in die Hände
zu klatschen, entzückt von Abenteuerstimmung, wieder hinein.
»Sieh nur!« flüsterte sie Lola zu. »Sind sie schlecht angezogen, und dabei
so unterhaltend!«
Lola unterhielt sich wenig. Alles erschien ihr anspruchsvoll, gemacht und
ärmlich. Sie wünschte sich aus dieser geschminkten Bauernstube nach dem
Café in Barcelona, zu der Gelida, Da Silva und dem natürlichen Pathos des
Dichters, der Verse sprach. Gwinners Witze klangen daneben hektisch. Frau
Gugigl machte ihr Scham: sie hatte die Vordringlichkeit einer kürzlich
Freigelassenen, und die Männer sahen ihr zu wie einem Spielzeug, das allein
durchs Zimmer laufen durfte.
Gwinner hatte auch in Tinis Hand die Zeichen gedeutet, und ersuchte Arnold
um die seine. Sie lag auf dem Tischrand; Arnold selbst betrachtete sie
unschlüssig, und auch Lola sah sie an. Sie strafte die mühsam angespannte
Haltung seines Körpers Lügen. Sie war weich, leidend; die geschwollenen
Adern machten sie molluskenhaft und charakterlos . . . Arnold gab sie hin.
Gwinner suchte mit einem vieldeutigen Lächeln in ihren Linien umher,
wendete sie, blinzelte über sie weg. Frau Gugigl zu.
»Bei Ihnen steht noch gar nichts fest. Alles unentwickelt. Sie sind noch
sehr jung. So jung!« Gerührt und höhnisch. »Wie alt sind Sie denn?«
Lola horchte auf. Wahrhaftig, er anwortete.
»Zweiunddreißig.«
»In Wirklichkeit sind Sie viel jünger:« und mit ruhiger Geringschätzung
ließ Gwinner die Hand fahren. Arnold lachte mit, mußte Tinis verachtenden
Augen ausweichen, sagte ein paar matte Worte und setzte sich in den
Schatten.
Gugigl entdeckte in der Zeitung, daß ein alter, berühmter Maler seine Frau
verloren habe. Die Baroneß Thekla wußte, daß die Gatten schlecht
miteinander gestanden hatten; und sogleich warf Gwinner sich auf das
Parodieren der Traueranzeige.
»Mit dem Tode meiner Frau trifft mich kein Schlag: nur sie hat er getroffen
. . . Oder: der Tod meiner lieben Frau ist ein Schmerz für mich, aber ein
unverhoffter . . . Oder: Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, durch den
Tod meiner lieben Frau mich von langem Leiden zu erlösen . . .«
Dies ging mühelos so weiter. Gwinner wanderte, die Hände in den Taschen,
durchs Zimmer, und aus seinem runden Kopf, den er mit Vorsicht zwischen den
hohen Schultern trug, kamen die Witze fast gleichzeitig, wie Kücken aus den
Eiern. Der ganze Hühnerhof begackerte sie. Die Baroneß Thekla hielt sich
die Seiten, Frau Gugigl schluchzte auf dem Tisch, Tini klaschte in die
Hände vor Glück und Stolz, und Mai, die kein Wort verstand, jubelte noch
lauter.
Lola und Arnold lachten beklommen mit. Da trafen sich ihre Blicke; sie
bekamen auf einmal ernste, erschöpfte Gesichter und rückten, beide im
selben Augenblick, einander näher. Er wies unbestimmt in den hellen Kreis,
den Gwinner, herumwandernd, mit Witzen anfüllte.
»Wie finden Sie das?« fragte er befangen. Sie erwiderte, halb lächelnd:
»Künstlerisch.«
»Ich verliere manchmal ganz den Mut, noch in Gesellschaft zu gehen.«
Sie fand, er sage ihr schon wieder mehr, als ihr zukomme, und begriff jene
erste Beichte, im Dunkeln, sei schuld daran. Ihr war befangen, weil sie
sich diesem Fremden verbunden fühlte; und ohne Willen kam ihr der Ton
kameradschaftlichen Ärgers.
»Warum sind Sie da? So viel ich sehe, passen Sie gar nicht hierher.«
»Ich weiß; und ich hänge so sehr davon ab, wie man mir gesinnt ist: es ist
krankhaft, es ist kindisch . . . Aber im äußeren Leben kommt so vieles
zufällig. Ich behandle es nachlässig.«
Sie nickte, als erinnerte sie sich. Dann:
»Mehrmals habe ich mich doch für Sie geärgert.«
»Zum Beispiel hätte ich die Hand nicht geben sollen . . .«
Lola mußte sie ansehen: sie sah nicht mehr weichlich aus; ihre Adern hatten
sich entleert, und sie schien fester und nerviger.
»Aber ich schäme mich in solchen Augenblicken ein wenig -- und das
verhindert die Geistesgegenwart --: schäme mich für mich, und auch für den,
der seine dumme Herrschsucht an mir auslassen mag . . . Dabei glaubt dieser
Herr sehr geistreich zu sein.«
»O sehr;« und sie horchte flüchtig auf das Gelächter, das Gwinner
unterhielt.
»Fällt Ihnen aber gar nicht ein, daß Sie die Hand aufheben könnten?« sagte
sie, mit einer Wallung von Zorn. Er antwortete:
»Nachher manchmal, ja. Doch möchte ich's im Grunde nicht getan haben. Die
Gebärde dessen, der schlägt, kann ich nicht umhin, ein wenig grotesk zu
finden. Zu viel Selbstbehauptung. Wer die Dinge überblickt, regt sich nicht
so stark und legt sich selbst nicht so viel Recht bei.«
»Ach! . . .«
Sie setzte mehrmals an; hiermit mußte sie erst fertig werden; und
inzwischen sah sie ihn dasitzen, schon wieder so zusammengesunken, wie er
wohl auch im Dunkeln neben ihr gesessen hatte, die breiten, flachen
Schläfen vorgeneigt und das schwache Untergesicht von ihnen beschattet, --
und in dieser spannungslosen Haltung viel sicherer, viel edler, sichtlich
viel mehr er selbst, als wenn er sich krampfhaft zu kriegerischen Mienen
nötigte, die jeder durchschaute, deren jeder spottete . . . Seine Haltung
war's, die ihr Verständnis für seine Worte gab, Mitempfinden seiner Worte.
»Das ist enthaltsam -- rein, wenn Sie wollen. Aber ist es nicht
widermenschlich?«
»Wider den herkömmlichen Menschen, wohl.«
»Und Sie waren immer so? Sie haben wirklich als Knabe keinen Frosch
gequält?«
»Natürlich habe ich. Aber die Nerven werden schwächer, und man kommt zur
Güte.«
»O! Der Gütige wäre immer ein Schwacher?«
»Da nur Schwäche Geist hervorbringt und Güte von Erkenntnis abhängt . . .«
Lola erinnerte sich ihrer selbst.
»Ich weiß, daß, wer ohnmächtig und unglücklich ist, auch mißtrauisch wird,
und boshaft.«
»Viel schlimmer noch als unsere Ohnmacht ist's, wenn wir zufällig zur Macht
gelangen. Der Schwache kommt dann in Gefahr, die Herrschaft über seine
Nerven zu verlieren; die abscheulichsten Triebe des primitiven Menschen
werden wieder in ihm heraufdürfen. Denken Sie an die neurasthenischen
Könige von jetzt, an ihre Rückfälle in blöde Tyrannei, an ihre Sucht,
wehrloses Wild niederzuknallen, an ihre Gier nach dem kriegerischen
Gepränge der Starken . . . Kein Mensch kann verächtlicher sein, als solch
ein Schwacher, der den Geist und die Menschlichkeit, für die er
ausgestattet und denen er verpflichtet wäre, verleugnet und sich zu den
Starken und Rohen schlägt.«
»Sie sind Fanatiker;« -- und Lola war froh, daß sie lächeln durfte.
»Meinen Sie, daß Frau Gugigl glücklich ist?« fragte sie.
Er sah erstaunt auf.
»Wie wäre sie's nicht? Vor allem denkt sie niemals.«
»Das wohl«
»Und dann tut sie mit ihrem Mann, was sie will.«
Lola lächelte nochmals.
»Mir scheint, vielmehr erreicht er mit ihr, was er will. Und das sehen auch
andere.«
»Bin ich ein so schlechter Beobachter?«
Sie schwieg ein wenig. Dann:
»Von allen Frauen, die ich kenne, haben es die deutschen am schwersten.
Frau Gugigls Übermut und Selbsttäuschung ändert nichts. Sie sind noch immer
rechtlos und müssen dabei arbeiten. Verdient nicht meine Cousine für den
Haushalt, -- den sie besorgt? Immer noch lieber in Brasilien verheiratet
sein. Auch dort ist man Untertanin; aber man liegt in der Hängematte, wird
vom Mann und Herrn bedient, und nach dem Gesetz gehört die Hälfte von allem
was er einnimmt, seiner Frau.«
»Wo ist das?« fragte Frau Gugigl und setzte sich zu ihnen. Als sie's
erfahren hatte, fand sie die Brasilianerin riesig künstlerisch. Arnold,
Hals über Kopf, als gälte es, nur etwas zu sagen:
»Vielleicht hört die Frau auf, Künstlerin zu sein, sobald sie eine Kunst
ausübt.«
»Ich singe,« sagte Lola lächelnd. Frau Gugigl lachte wild.
»Er ist schon eine herrliche Einrichtung!«
»Verzeihung,« und seine nervige Haltung täuschte niemand über seine
Befangenheit, »ich wollte sagen: die Frau verzichtet schwer auf das Leben;
und das muß der Künstler.«
»Daher die Künstlerredouten,« schob Gwinner ein. Frau Gugigl stieß den Arm
vor.
»Sehen Sie?«
Arnold schien mit der Schulter eine Fliege zu vertreiben.
»Muß in Abgeschiedenheit mit sich selbst zu Ende kommen, seine Gefühle auf
Gipfel treiben und überblicken, seine Instinkte ausnützen: den Mut zu ihnen
haben, grade zu den schlechtesten.«
»War net übel,« erklärte Gugigl. »Wir sind anständige Leut', möcht' ich
fein bitten.«
»Sie sind doch überhaupt nicht Künstler,« bemerkte seine Frau.
»Ziehen Sie sich keine Beleidigung von seiten der Künstlergenossenschaft
zu,« warnte Gwinner. »Sie ist eine Macht.«
»Hier kennen wir nur eine Macht: Ihren Witz,« sagte Lola und stand auf.
»Besonders um halb zwölf, wenn wir müde sind.«
Gwinner spreizte, wie um Gnade, die Hände aus, indes sein Gesicht von
demütiger Eitelkeit glänzte. Man trennte sich. Lola sagte zu Arnold:
»Wir sind abgelenkt, aber morgen möchte ich Sie noch etwas fragen.«
* * * * *
Als Mai endlich auf einem Bügeltisch ihre Nickelflaschen und das übrige für
die Toilette hatte ausbreiten können, war es nach neun, und Lola ließ sie
allein. Aus der Küche kam ungewohnt scharf Frau Gugigls Stimme. Dann zeigte
sie selbst sich, ohne zu laufen, wie gestern, wo sie keinen langsamen
Schritt getan hatte: ganz ohne Ausgelassenheit und Leichtigkeit, mit
lockeren, etwas staubigen Haaren, in die Länge gezogenem Gesicht, spitzerer
Nase und in einer alten Matrosenbluse, an der auch sie selbst kaum etwas
Künstlerisches entdeckt hätte. Sie rief ein recht lautes »Grüß Gott!«,
versuchte, indes sie Lola das Frühstück vorsetzte, hochgemut drauflos zu
schwatzen, von den andern, die alle schon draußen seien, bis auf Arnold
natürlich, -- und zog sich, im Augenblick, wo sie den sorglosen Ton
schlechterdings nicht mehr halten konnte, mit einem Gelächter über sich und
ihre Pflichten, in die Küche zurück.
Kurz darauf trat Arnold durch die innere Tür. Lola konnte noch bemerken,
daß er die trübe, aber gefestete Miene getragen hatte, unter der er wohl
mit sich allein war. Sobald er jemand gewahrte, ward sie erschüttert. Man
sah, er sei nicht mehr frei. Er streckte die Hand aus und zog sie
fluchtartig wieder zurück; sprach vom Wetter, von den schlechten
Bauernbetten; unterstützte, als Lola sie erwähnte, Mais Beschwerde über den
Mangel an Bequemlichkeit; tat es mit unvermittelter Heftigkeit und vertrat
Forderungen an das Landleben, die er sichtlich nur als Gesprächsstoff
zusammensuchte. Wie Lola ihm nicht half, ging er peinvoll umher, blieb vor
Bildern stehen, überflog verstohlen den Tisch.
»Ich werde meiner Cousine sagen, daß Sie frühstücken möchten.«
»Bitte, lassen Sie's. Ich verspäte mich zu häufig. Nein bitte, das Brot und
der Honig genügen mir. Ich bitte im Ernst; es würde mich in Verlegenheit
setzen . . .«
Es schien ihr, er habe vor allem die größte Abneigung gegen ein
Zusammentreffen mit Frau Gugigl.
»Nicht wahr?« sagte sie lachend, »am Morgen nimmt man es einander manchmal
gradezu übel, wenn man sich begegnet.«
»Gott sei Dank: Sie kennen es! Ich habe Sie also nur noch allein zu
lassen.«
»Aber nicht um meinetwillen.«
»Auch meinetwegen nicht,« -- dankbar und fast stürmisch.
»Nun, dann bleiben wir beide da . . . Wenn Sie rauchen wollen --«
»Nein. Übrigens -- nicht nur des Morgens fühle ich mich hier ungemütlich.«
»Dann rauche ich allein. Aber Sie sind schon eine Zeitlang hier?« -- und
sie belächelte seinen Ausbruch von Vertrauen.
»Ich will Ihnen sagen: es ist wohl gleich, wo man sich aufhält, wenn man
doch immer dieselbe Rolle spielt . . .«
Er lachte ihr kurz zu, als seien sie schon im Einverständnis.
»Sie haben's ja gestern gesehen . . . Wollte man sich zurückziehen, würde
man die andern im Bewußtsein ihrer Gutmütigkeit und Herzlichkeit empören
und hätte dann auch ihnen die Gemütlichkeit verdorben, die man selbst nicht
kennt. Das verdienen sie nicht.«
»Die Sonne kommt heraus; wollen wir in den Garten gehen?«
»Gut . . . Gehen wir den Weg rechts?«
»Er ist im Schatten!«
»Aber links: sehen Sie, in der Eiche, auf dem Boden, den er hineingelegt
hat, sitzt der alte Baron.«
»Ach! Ich sehe nur Rauch aus dem Laub steigen. Also, wenn Sie wollen,
weichen wir aus -- in den Schatten . . . Was heißt das: Sie kennen keine
Gemütlichkeit. Seit wann?«
»Seit zwanzig Jahren; seit ich mich beobachte. Verstehen Sie nicht? Man
sieht sich ganz klar; wie einen das Leben auch anfasse, man kennt vorher
den Platz, wo es schmerzen wird; wie andere Geister, andere Herzen uns
prüfen mögen, man ist unterrichtet, das eine geht, das andere nicht. Die
Figuren, die uns begegnen, erinnern uns an früher gekannte vom selben
Typus, und man weiß, was sie in uns anregen werden. Man weiß, was man
selbst vorbringen, womit man zurückhalten, welche Mienen man ringsum
bewirken wird. Man empfindet sich nur noch als abgenutzte Gliederpuppe. Man
erscheint sich als ein gealterter Weinreisender, der noch immer an allen
Gasthoftischen dieselbe Anekdote zum besten gibt. Er kann's, trotz
schlechtem Gewissen, nicht lassen.«
»Das ist schrecklich -- wenn man es bedenkt.«
»Was zum Glück fast niemand tut. Sie kennen sich nicht, vergessen, was
ihnen gestern geschah, und sind sich täglich neu. Sie kommen, so oft ihr
Stichwort fällt, vergnügt mit all dem bißchen heraus, was sie sind. Sie
werden nicht von der unablässigen Empfindung aufgerieben, daß jedes Wort,
das sie sagen können, ihnen vorgeschrieben ist. Sie halten sich für frei
und veränderlich, kennen weder den Zwang noch die Verantwortlichkeit des
Eigenen und nehmen es darum nicht genau, mit sich nicht und mit den andern
nicht. Das viele Unbewußte in ihnen, das viele Dumpfe hüllt sie alle in den
Dunst des Gemüts und der Gemütlichkeit, in dem wir Klareren es nicht
aushalten. Wir stehen allein und mit grellen Umrissen.«
Lola antwortete nicht. Sie streiften an die Wände eines nassen Laubganges;
der Weg roch nach faulendem Laub; -- und Lola bedachte, solch einen Weg,
dessen Herbstgeruch nie aufgetrocknet werde, gehe ihr Leben. Jeder Sommer
enthalte den Sterbeduft des letzten; bei jeder neuen Liebe werde sie des
Verlaufs der vorigen gedenken. Sie wisse die nächste voraus, kenne die
Brauen, den Mund, das Blut, vor dem sie schwach sei, die Rache, die sie
üben, und die Leiden, aus denen sie sich retten werde. Nun gehe sie hier
umher und warte . . .
»Aber könnte es nicht anders kommen? Wie viel hat eigentlich gefehlt, damit
es das letzte Mal anders kam?«
»Halten Sie mich für leidenschaftlich?« fragte sie plötzlich.
Er sah sie an. Sie hatten die Laube hinter sich und standen, drei Erdstufen
höher, auf einer bäurischen Altane, beide aus fliehenden Wolken von
zuckendem Licht ergriffen. Eben noch hatte es sie berührt, und schon hob es
in ungewisser Ferne eine Schar von Schnittern aus dem Grau des Bodens. Da
und dort entsprangen bunte Hügel dem Land und versanken, glänzte eine Sense
auf und erlosch, rauschte über einen Wald das Licht hin und ließ ihn in
stummem Schatten. Aber wie aus Sonne, Wind und Weite entrückt, sahen sie
einander an. Lola empfand in Hast, daß sie noch auf keines Mannes Worte so
gespannt gewesen sei. Er aber, viel zu erfüllt von sich selbst, um zu
begreifen, daß eine Frau ihn frage:
»Leidenschaft? Sie ist der Wille zu uns selbst. Sie treibt uns, ein Etwas,
das unsere Sache ist, aus unserem Blute kommt, gegen die Welt zu behaupten:
eine Idee, ein Schicksal oder eine Kunst . . .«
»Ach ja,« -- mit einem spöttischen Seufzer; »ich singe. Ganz im Ernst. Oder
habe doch gesungen. Jahrelang bin ich einer alten Italienerin nachgereist,
die einzig noch die gute Schule hatte. Jetzt habe ich sie verloren und bin
ratlos.«
»So fühlen Sie italienisch?«
»Nein. Warum? Es handelte sich um die Stimmbildung. Aber ich sang auch
deutsch . . . Ich kann nämlich, da ich beide Rassen in mir habe, die
germanische und die lateinische, mit beiden fühlen -- wenigstens ungefähr
. . . Nun ja, das Ungefähr muß genügen. Zwar -- Sie sagten vorhin, Sie
kennten keine rechte Gemütlichkeit? Das geht wohl auch mir so. Wo ich mich
hing --«
Sie verschluckte das »hingeben«.
»Wo ich mich gehen lassen möchte, muß ich Kritik üben. Das Temperament
meiner mütterlichen Rasse schätze ich, wenn ich in Deutschland bin. Bei
jenen aber sehne ich mich oft nach der deutschen Tiefe.«
»Das heißt, daß Sie ein wenig allein sind?«
Er nickte, schmerzlich und befriedigt: wie jemand nickt, wenn sein Kerker
sich öffnet und ein Leidensgefährte eintritt.
»O! Wenn ich erst singe, wird man mich verstehen, im Norden und im Süden.«
»Ich kann Ihnen mitteilen, daß Kunst sehr einsam macht.«
»Das hoffe ich nicht. Ich möchte eine Menge Anhänger und Verehrer haben.«
»Die nicht ahnen werden, wem sie anhängen und was sie verehren . . . Waren
Sie einmal dabei, wie auf einer Variétébühne eine Frau in der Tracht ihres
weitentfernten Landes ihre heimischen Tänze tanzte, und mit fremdartigen
Ausrufen sich selbst anfeuerte? Man klatscht, weil sie schön ist und ihre
Röcke aufflattern läßt: weiter versteht man nichts von ihr. Ihr Auftreten
und ihre Bewegungen geschehen nach Antrieben und Regeln, die siebenhundert
Meilen weit wegliegen; geschehen unerbittlich und in völliger Einsamkeit
. . . Ganz oben, werden Sie vielleicht erfahren, ergeht es dem Künstler
wieder so, wie dort ganz unten. Ja, seine Heimat liegt noch viel weiter
fort von den Hörern: in seinen Gesichten, seinen Klängen, in Ländern, denen
nur innere Sonnen scheinen . . .«
»Sehen Sie doch! Was macht denn der alte Baron? Jetzt legt er eine Leiter
von seinem Baum auf den nächsten und rutscht hinüber . . . Er steigt höher;
sind denn überall Treppen zwischen den Ästen? und schiebt die Leiter einen
weiter. Himmel! Fast wär' er gefallen: er hängt am Ast wie ein Affe . . .
Die Tini lacht ihn aus. Was will sie denn, ganz heißgelaufen? Ah, an den
Briefkasten. Nichts drin: auch gut. Schon ist sie fort, und Baron Utting
steckt wieder tief im Laub . . .«
»Ich weiß nicht, ob ich bitten darf . . . Man darf darum nicht leichthin
bitten . . . Möchten Sie nicht singen?«
»Mit Freuden! Hätten Sie mich nicht aufgefordert, würde ich's von selbst
getan haben. Gehen wir? Wie jetzt der Garten voll Sonne ist!«
Sie streckte sich und tat ein paar tiefe Atemzüge aus der wilden,
klingenden Luft, die über all dies Land und bis in ihre Brust stürmte, wie
die Freiheit selbst. Sie würde der Freiheit froh werden, kraft ihres
Gesanges; würde über allen Ärmlichkeiten schweben und singend selbst den
Menschen die Lust der klingenden Weiten eingießen, wie ihr der Wind. Was
vermochte alles andere? Was meinte dieser Traurige? Seine Enttäuschung war
ihr ein Stachel mehr, -- wie bei denen, die sich einer Menge vorführen, der
Erfolg des einen erhöht wird durch des andern Unglück. Die Frau, von der er
gesprochen hatte, die in klirrender Tracht über eine Bühne tollte! Jawohl,
solch einen Rhythmus fühlte jetzt Lola in sich. Kunst und Leben, beides im
Triumph! Kunst und Feste!
Sie kam ins Laufen, rief laufend ins Haus:
»Mai!«
Mai wagte sich nicht in den Wind hinaus; sie hatte das Wettermännchen von
der Wand gehoben und es kaputt gemacht, hatte immer noch einmal vom Honig
geschleckt, am Fenster ein wenig geseufzt und von neuem mit der Schleppe
ihres Morgenkleides den Staub aus den Ecken gefegt.
»Ja, ich werde dich begleiten; und Sie, mein Herr, werden sehen, was für
eine Künstlerin sie ist!«
Sie kletterten über die Stiege; in dem niedrigen Saal fanden sie, von
Büchergestellen umgeben, den alten braunen Stutzflügel; Lola lachte nur
über sein Geklapper, das Mai entsetzte; und sie sang. Sie sang, als flöge
sie einen Berg hinauf, so daß die Lungen frisch, die Füße munter und
unbestaubt bleiben. Beim letzten Aufschrei ging sie ganz in einem Schauer
unter und stand noch, von Glück verwirrt, da, indes Mai entzückt darauf
losschwatzte. Alle diese Dissonanzen, und dies plötzliche Fallen: o, das
sei äußerst modern und komme aus Paris. Was der Herr nun sage! Was er nun
sage! Mai begriff nicht, warum er nicht jubele . . . Er war verlegen aus
Furcht vor nichtssagenden Übertreibungen.
»Sehr gut -- so viel ich verstehe. Und Ihr Alt: ich darf sagen, ich hörte
nie dergleichen.«
Lola wandte sich erregt um.
»Ich wußte, daß ich heute etwas können würde! Wenn ich gut singen werde,
weiß ich's schon früh beim Erwachen, ehe ich einen Ton von mir gegeben
habe.«
Und mit Ungeduld:
»Jetzt, Mai, das von Gluck!«
Arnold wechselte den Platz, um diese tiefen, starken und weichen Klänge
ihren Lippen entrollen zu sehen: er hätte es sonst nicht geglaubt. Das Rot
dieser Lippen verschärfte sich in dem erblaßten Gesicht und beim fiebrigen
Licht der Augen. Das Gesicht schien ein Lächeln der Pein zu tragen unter
der Gewalt der herausquellenden, mühsam gedämmten, mit Kunst entsandten
Töne. Eine Hand fingerte angstvoll auf der Brust. Diese weiße kleine
Gestalt, die im Rahmen des Fensters verschwamm, sich unter dem Geflimmer
einer blonden Haarwolke in das Mittagslicht auflöste, sie dünkte ihm zu
schwach für die Gewalten, denen sie sich zum Gefäß gab.
Da brach Lola ab.
»Nicht den Lauf! Mein Gott, was willst du immer mit dem Lauf? Fühlst du
denn gar nicht, daß solche Kleinigkeiten in dieser Musik nicht Platz
haben?«
»Ich will es nicht wieder tun,« bat Mai. »Sei gut, fang von vorn an. Es war
so schön. Nicht wahr, mein Herr, es war schön?«
Arnold wagte nicht zu sprechen. Er sah die Sängerin in Verzweiflung einige
Schritte tun, sich mühsam fassen . . . Sie trat nochmals neben das
Instrument, begann nochmals; wandte sich aber, wie Hilfe suchend, hin und
her; -- und plötzlich warf sie die Noten durcheinander.
»Aus! Die Stimme zittert wieder. Da haben wir's.«
»Aber Kind! Nicht die Spur!«
»Du hörst es ganz gut! Von Anfang an hat sie gezittert: ich wollte es bloß
nicht merken.«
»Es ging so gut!« jammerte Mai; und zu Arnold, zornig, weil er ihr nicht
half:
»Ging es etwa nicht gut?«
»So viel ich hören konnte --«
»Es war schon fast Tremolieren! Die Branzilla hatte mich doch genug
gehunzt, bis die Stimme wieder fest war. Und vorn im Munde muß sie liegen.
Jetzt ist sie wieder in den Hals gerutscht, wie bei allen andern.«
»Sie ist nervös, mein Herr!« und Mai rang die Hände. »Das kommt immer ganz
plötzlich; aber darum hat ihr doch der berühmte Lamare die größte Zukunft
prophezeit.«
Sie schloß Lola in die Arme und flüsterte:
»Dieser steife Mensch geht dir auf die Nerven. Es ist unerträglich, einen
Stock zum Zuhörer zu haben.«
Lola machte sich heftig los; sie ging zum Fenster. Arnold trat hinter sie;
er schluckte hinunter und sagte:
»Ihre Stimme war so weich, daß ich's kaum begriff.«
»Warum sagen Sie nicht, daß sie hart war?« -- und sie schüttelte die
Schultern. »Nun sind es zwei Monate, daß ich keine Stunden mehr nehme: und
schon ist alles dahin.«
Er erwiderte nichts. Sie starrte hinaus; sie sah den alten Baron aus dem
letzten Baum der Allee eine Leiter hinabsteigen, sich von einer der
Sprossen auf sein Pferd schwingen und auf das Haus zureiten.
»Was macht er nur?« fragte sie gereizt. Arnold murmelte:
»Er hat die Sucht, niemals den Erdboden zu berühren.«
Die hölzerne Brücke zu des Alten Schlafzimmer erdröhnte unter den Hufen.
Lola fühlte sich unheimlich, wie ausgestoßen in eine harte Ausnahmewelt.
Sie meinte, der Tag habe sich verdüstert. Tini stürzte schon wieder, rot,
mit lockeren Gliedmaßen, zur Pforte herein und an den Briefkasten. Noch
immer nichts: aber das tat nichts; schon war sie von dannen. »O, all die
unüberlegten Hoffnungen!« dachte Lola. »Man kennt sie selbst nicht.
Leuchtet man ihnen aber ins Gesicht, sind sie tot.« Hatte sie mit ihrem
Gesang nicht Herzen werben wollen: ohne zu verstehen, was sie wollte? In
Herzen Liebe entdecken und in einem Stück Erde eine Heimat: mit ihrer
Stimme, wie mit einer Wünschelrute? . . . Nun war die Rute zerbrochen. Und
wäre sie's nicht gewesen, sie hätte doch niemals Zauber gewirkt.
»Man ist grauenhaft allein,« sagte sie vor sich hin.
Nach einer Weile setzte er hinzu:
»Und möchte doch mit keinem derer tauschen, die beisammen sind.«
Lola stutzte; -- und erstaunt bemerkte sie, daß sie nicht Tini hätte sein
wollen. Sie suchte unter bekannten Menschen und fand, wie einen feierlichen
Trost, daß sie um keines anderen Schicksals willen das ihre hätte abdanken
wollen. Eine Erkenntnis kam ihr.
»Sie hatten recht, daß Leidenschaft und Schicksal zusammenhängen, -- oder
was Sie da sagten: es war richtig.«
* * * * *
Er verließ sie; sie sah ihn ins Feld hinausgehen. Sie blätterte in Büchern.
Mai überlegte laut, und sank dabei von einem Sessel in den andern, wie viel
amüsanter es jetzt bei der Grimani gewesen wäre.
Vor dem Mittagessen fand Lola in ihrem Zimmer einen Strauß Feldblumen. Sie
vermutete, sie seien von Arnold; aber er ließ sich nichts merken. »Das
sieht ihm ähnlich,« dachte sie. Dann zog er sich zurück, um zu lesen. Alle
andern blieben bei Tisch, bis es Zeit war, einen Freund Gugigls von der
Bahn zu holen, einen Fabrikanten, breit und gewöhnlich und für niemand von
Wichtigkeit.
Tini hielt sich zu Lola. Sie zeigte ihr, den Arm um Lolas Schultern, ihre
Ansichtskarten, stellte Fragen und begeisterte sich. Jedes dieser kleinen
viereckigen Papierstücke trachtete Tini mit Hilfe derer, die alles schon
kannte, zu einem Stück Welt umzuwandeln, die dargestellte Straße zu
verlängern, die Menschen vor den Häusern in Bewegung zu setzen.
»Du mußt doch welche kennen von denen, die mit drauf sind!«
»Weißt du, daß man auf Reisen eigentlich wenige gut kennen lernt und die
meisten wieder vergißt? Du hast sicher mehr Freunde als ich.«
»Nein, bloß eine Freundin.«
»Aber du siehst oft nach, ob Briefe da sind.«
»Ich?« -- und Tini ward rot. »Nun ja, du darfst es gern wissen. Ich hoffe
immer --. Es gibt doch Millionen Menschen. Wer weiß, wie mancher einen mal
gesehen hat und denkt noch an einen. Es kann ja irgend etwas geschehen; so
viele Dinge kommen vor; und zum letzten Neujahr habe ich eine Schachtel
Konfekt bekommen und habe nie herausgekriegt, von wem. Ist dir das auch
einmal passiert?«
»Nein.«
»Glaubst du nicht, daß man ein Glück haben kann, an das man gar nicht
gedacht hat?«
Da Lola zögerte, antwortete Gwinner:
»Wer ein Los hat, sieht gewöhnlich in jeder Ziehungsliste nach.«
Überrascht sah Lola auf; aber sie stellte fest, es sei wieder nur ein Witz
gewesen. Tini lachte dankbar; dann, ernst, mit Hingebung:
»Aber von dir, Lola, glaube ich sicher, daß du noch mal ein großes Glück
haben wirst, und du weißt es gar nicht.«
* * * * *
Alle begleiteten den Baron Utting, als er am Abend aus dem Zimmer ritt.
Arnold und Lola sahen erstaunt den Laubgang hinunter, an dessen Ende sie
heute morgen im Winde gestanden hatten, auf weichem Boden, der faul
duftete. Jetzt zogen sich über düstere Erzwände Rinnsale von Mondlicht und
flossen auf dem Grunde zu weißen Lachen zusammen.
»Das ist ja riesig künstlerisch!« rief Frau Gugigl. »Wißt ihr was? Wir
machen einen Mondscheinspaziergang. Holt eure Mäntel, gelt? . . . Benno!«
Sie flüsterte ihrem Manne etwas zu, stürzte, die Augen aufgerissen von
ihrem Geheimnis, hin und her:
»Kinder, es gibt eine Überraschung!«
Wie die Pforte aufs Feld hinaus aufging, standen alle still: so fremd und
einschüchternd fanden sie das Land, das auf makellose Welten erhoben, in
geschmolzenen Sternen gebadet schien. Von den Schattenhängen, glaubte man,
waren die Geisterströme herabgerollt, um gegenüber den Hügel hell
emporzuschlagen, himmelan zu sprühen, sich auf entferntere Erdfalten
niederzulassen, die letzten Berge in sich aufzulösen, und unter bläulichen
Schleiern voll namenloser Lockungen die Nacht der Unendlichkeit
entgegenzuführen.
. . . Gwinner äußerte:
»Jetzt noch ein paar betrunkene Bauern.«
Man lachte erlöst und schritt aus: durch das schlafende Dorf, hinunter in
die Talmulde. Der Weiher glänzte auf; Tini lief jubelnd hin, und angelangt,
blieb sie stumm über ihn geneigt, bis die andern nachgekommen waren. Die
Baroneß Thekla rundete die Hände vor dem Mund und stieß Juchzer hindurch.
Lola wünschte sich einen Nachen, und Frau Gugigl verhieß, es komme noch
viel schöner. Da bewegte drüben aus dem Busch hervor sich etwas Weißes:
eine Gestalt in flimmerndem Mantel, den spitzen Bart kühn in der Luft und
die Arme gekreuzt:
»Prost, Gugigl!« rief Gwinner. Aber seine Frau nahm es ernst.
»Er macht sich doch hoch künstlerisch! . . . Geh mehr ans andere Ufer, daß
du in den Schatten der Spiegelung kommst! . . . Kann man jetzt nicht Furcht
kriegen?«
Gugigl warf das Tuch ans Land. Mai schrie leise auf, aber dann kicherte
sie, denn Gugigls Schenkel waren nach außen gekrümmt. Seine Frau bemerkte,
was die Wirkung hintanhielt; sie kommandierte ihn ins tiefere Wasser. Er
prustete ihr zu laut, er arbeitete sich zu sehr ab.
»Denk doch an deine Linie!« rief sie.
»Wird er jetzt nicht sagen: die Linie ist krumm?« flüsterte Lola; und
Gwinner sagte es. Er forderte auch den beleibten Fabrikanten auf, seinem
Freunde beizuspringen: ins Wasser zu gehen, damit es steige.
»Das wird es pflichtschuldigst tun! Wie die Papiere, wenn ich mich
hineinlege!« -- und der Fabrikant lachte dröhnend.
Die Baroneß Thekla saß und sah nach der Kirchturmspitze überm Hügel.
»Jetzt wenn die Bauern uns sehen täten, na wär's g'fehlt,« sagte sie zu
Lola.
»Warum?«
»Weil's uns derschlag'n möcht'n! Ausg'schamt muß ma sein, daß ma am
Mannsbild im Bad zuschaut.«
»Ohnedies gilt Baden hier als Schande,« setzte Arnold hinzu; und Gwinner
wußte von einem alten Bauern, der dem Arzt entrüstet geantwortet habe: nie
sei auf seine Haut ein Tropfen Wasser gekommen.
Die Baroneß Thekla verteidigte ihre Landsleute.
»Ihr wißt wohl gar nicht, daß der Sepp beim Wurzererbauern eine ganze Masse
französische Romane gelesen hat? Er kennt alles, mir wär' er zum Mann zu
gebüldet.«
Tini, Gwinner und Frau Gugigl beschlossen, sich gleich morgen den Sepp
anzusehen. Als Mai verständigt war, bekundete sie Neugier.
»Kommst du nicht auch, Lola?«
Lola öffnete den Mund, um zuzusagen; aber Arnold erklärte, er würde sich
schämen, vor einen Menschen, der vielleicht kämpfe, vielleicht ein schweres
Ausnahmeleben führe, hinzutreten wie vor eine Sehenswürdigkeit; -- und Lola
sagte, verwirrt:
»Gehe, bitte, ohne mich, Mai!«
Gugigl kam heraus. Seine Frau prüfte ihn hinter ihrem erhobenen Daumen.
»Er hat doch einen großartigen Akt! Riesig künstlerisch!«
Gugigl schlug Falten mit seinem Badetuch, wie eine Schleiertänzerin, und
reckte die Arme aus, wie ein Mondanbeter.
Als er fertig war, ging's weiter: an Gehöften vorbei, deren Dächer
schimmerten, und Wäldern entgegen, die mitten im grellen Feld schwarz
dalagen wie ein zusammengerolltes Tier, das atmete. Immer aufs neue
versuchten einen blaue Pfade und machte die Leichtigkeit des Schattens, daß
man durch ihn hin wie durch einen Traum ging. Tini lief zurück, wo Lola und
Arnold noch verweilten, hängte sich an Lolas Arm und flüsterte ihr etwas
Schwärmerisches zu. Dann sah sie, die Lippen ein wenig offen, in den großen
Mond und ließ die Schritte schleppen.
Arnold sprach weiter. Wie der sich fühlen möge, für den in diesen
Mondschleiern ein Geist zwischen Himmel und Erde hin und hergehe, der dies
Licht als göttliche Liebe hingebreitet sehe: kurz, dem diese Nacht voller
Täuschungen in Wahrheit beseelt sei. Warum, fragte Lola, solle sie
täuschen.
»Können wir uns von ihr nicht überreden lassen, an die Seele zu glauben?
Sogleich wäre alles besser.«
Besser? Was? Wenn man endlich tot sei, nicht gründlich tot zu sein? Neue,
fragwürdige Abenteuer gewärtigen zu müssen? »Der wäre mit seinem Ich
verdammt zufrieden, der ihm Unsterblichkeit wünschte« . . . Im Sprechen
aber bemerkte er, daß er aus der Erinnerung spreche und, was er vorbringe,
zu dieser Stunde nicht mehr ganz begreife. Er hörte auf, bevor er zu Ende
war.
Lola dachte ihres einstigen Glaubens an die unendliche Höherentwickelung
des Einzelwesens, sein Besserwerden von Stern zu Stern, -- und zum
erstenmal seit jenem erschütterten Lebensalter gab das Andenken an diesen
Gedanken ihr mehr als mitleidige Sehnsucht: fragte sie wieder nach seiner
Möglichkeit.
»Wenn wenigstens ein beseeltes All mich aufnähme! Nicht ich würde noch von
mir wissen; aber vielleicht das All?«
Er hatte eine Entgegnung bereit; aber wie er den Mund öffnete, merkte er,
daß sie ihn ekele: so verbraucht war sie in hundert Gesprächen, so plump
blieb sie zurück hinter dem, was hier erlebt ward, von ihm und der Frau
neben ihm. Er fürchtete sich, an ihren Geist zu rühren; er murmelte:
»Wir sind beschränkt; wir sehen nicht voraus, was uns bei der nächsten
Wegbiegung erwartet; und doch . . .«
Sie schwiegen. Dann sagten sie sich, es sei seltsam, diese Nacht klinge,
während man plaudere, von Harmonien; und nun, da man anhalte und lausche,
sammele sich alles zu dem einzigen Ton einer sehr sanften Flöte.
Aber auch die Gespräche hörten sie, die vor ihnen anschwollen. Der
Fabrikant wendete sein weißes, dickes, plattnasiges Gesicht dem Monde zu;
es war harmlos und sein Schnurrbart bemühte sich zu drohen; und der
Fabrikant verlangte den Krieg mit England. Gugigl hatte nichts dagegen,
bezweifelte aber die Kriegslust der Massen. Darauf forderte der Fabrikant
die Unterdrückung der Sozialdemokratie, also vor allem die Abschaffung des
allgemeinen Wahlrechtes und die Einführung des Klassenwahlsystems. Auch sei
aus den Schulen das Lateinische und das Griechische zu entfernen, denn mit
dem Humanismus werde man die falsche Humanität los sein und endlich zur
zweifachen Justiz den Mut haben: einer für Weiße, einer für Schwarze, einer
für die Herren, einer für die Umstürzler.
»Das ist aber abscheulich,« sagte Lola.
»Warum!« meinte Tini, aufgeweckt. »Ich finde es fein. Hast du nicht gehört,
daß wir jenseits von Gut und Böse sind? Ich schwärme für Herrenmoral!«
Und sie eilte, voll Bildungstrieb, nach vorn.
»Was Liebe kann,« bemerkte Arnold und sah Gwinners Rücken an.
»Sagen Sie: was Eitelkeit kann. Sie liebt ihn kaum, sie wartet noch auf
alles Mögliche; aber er schmeichelt ihrem Kopf; und es scheint, hier lassen
sich alle am liebsten auf diese Weise schmeicheln . . . übrigens hatte der
Fabrikant einen Ton, als ob auch er sich auf seine Unmenschlichkeiten etwas
besonderes einbildete.«
»Er hält sie für klug. Er kennt nicht Rousseaus Rat: >Menschen, seid
menschlich! Welche Weisheit gibt's für euch außerhalb der Menschlichkeit.<
Ein törichter Stolz auf eine von Träumereien unberührte Härte verführt die
meisten von uns; eine dem wahren Zustande unserer Körper und unserer
Geister ganz unangemessene Vorliebe für die nackte Macht. Die Frage ist, ob
wir nicht in unserm richtigen Element wären, wenn wir ein wenig Güte übten
und erwarteten: ob wir uns nicht wohler dabei fühlen und mehr damit
erreichen würden.«
»Das Trumpfen auf Illusionslosigkeit ist natürlich geschmacklos; aber Güte
erwarten? Mir scheint --«
Sie dachte an ihre Erfahrungen mit Menschen, mit Männern, an die Lehren
ihrer zwei letzten Jahre, und sie lächelte bitter. Arnold entgegnete:
»Heute gilt eine hoffnungslose Auffassung der menschlichen Zukunft. Dennoch
ist es klar, daß mit der Abnahme der rohen Kraft auch die Grausamkeit an
Gebiet verloren hat. Was hindert mich zu glauben, daß der Geist, der die
Folterkammern sprengte: daß der Geist auch die Waffenmagazine sprengen
wird.«
»Es wäre wohl noch wenig getan . . .«
»Ich weiß, ich weiß. Aber vermögen Sie einzusehen, warum man auf der Gewalt
besteht und die Macht um keinen Preis abdanken möchte, nicht einmal um den
Frieden der Seele? Auch ich gehöre zu den Besitzenden: aber wenn ich in
eine wahre menschliche Gemeinschaft den Weg finden könnte vermöge einiger
Stunden körperlicher Arbeit, die überdies ein mir nützliches Gegengewicht
zu denen am Schreibtisch wären --«
Er belebte sich; seine Stimme ward erst jetzt freier und stärker.
»Ich wäre mit Freuden ein Bürger des neuen Staates! Welcher Genuß des
Gewissens: nicht länger den Anteil derer mitzuessen, die vergeblich
arbeiten! Und welcher Zuwachs an Würde im Menschengeschlecht, wenn es sich
vor keinen schwindelhaften Größen mehr bücken wird, vor dem Zufall des
Eigentums so wenig wie vor dem der Geburt! Viel verspreche ich mir von dem
Sturz der Könige. Wären sie auch schon machtlos: ihr Dasein bleibt das am
höchsten ragende Denkmal menschlicher Würdelosigkeit. Wie können
Kulturmenschen, wie kann der Geist eine Macht ertragen, die nicht vom
Geiste ist! . . . Da die gleiche Verteilung der Leiden und Freuden des
Körpers und des Geistes, da die Nivellierung der Menschheit unser aller
heimliche Forderung ist, die wir nur mit Trug zum Schweigen bringen, von
der wir nur mit Scham absehen: warum schrecken wir vor dem Wege zurück, der
hinführt? Es wird keinen einsam leidenden Genius mehr geben, und keine
darbende Masse. Der Paria der Höhe wird verschwunden sein mit denen der
Tiefe. Welche Erleichterung, welche neue Unschuld!«
Lola hörte mit Spannung und dunkler Sehnsucht seine erregten Worte zu
Entzücken ansteigen, und sah Schmerz herausblicken. Sie empfand, daß auf
fester Erde sein Traum keine Stätte habe. »Ist er denn so selten enttäuscht
worden?« dachte sie, und sie fühlte sich alt.
»Sie sind vertrauensvoller als ich,« sagte sie und betrachtete ihn von der
Seite. Er sah ihr in die Augen.
»Vorhin waren Sie die Gläubigere . . . Erinnern Sie sich, daß es schon
einmal genügt hat, an die irdische Vervollkommnung des Menschengeschlechtes
zu glauben: und es machte einen stürmischen Schritt auf sie zu. Die
glücklichen Menschen des achtzehnten Jahrhunderts glaubten. Das Jahr 1789
war ihr Lohn. Dies Jahr war da. Dies arkadische Verbrüderungsfest ist
gefeiert worden. Sein Gedächtnis ist unser Trost. Seit diesem Ausbruch des
Besseren im Menschen ist alles möglich . . .«
Er schien stolz, daß nun auch er einen Glauben bekennen durfte. Ihr war's,
als lauschte sie einer Werbung, der sie sich immer schwächer
entgegenstemmte. Und ohne der Verwirklichung seines Glaubens nachzudenken,
empfand sie bei seinen von innerer Kraft federnden Worten, daß es sich
leichter und höher durch das Mondgespinst dieser Nacht gehe.
Da bemerkten sie, daß das Haus vor ihnen lag, und daß sie allein waren.
»Die andern müssen nach dem Dorfe abgebogen sein, vielleicht um den
Fabrikanten zur Bahn zu bringen.«
»Und was tun wir? Folgen wir ihnen?«
Aber sie blieben am Wege stehen, schauten in alle Richtungen, nannten
einander die Ortschaften auf fernen Hügeln, horchten auf den Pfiff einer
Lokomotive.
»Gehen wir ins Haus?«
Aber Lola bückte sich nach einer Blume; und nun pflückte er vom Feldrain
eine Hand voll der Blumen, deren Rot und deren Blau blaß vom Mond war. Sie
meinte, er werde sie ihr bringen; aber er ließ sie, als dachte er schon
nicht mehr an sie, herabhängen. Stimmen kamen weither, -- und plötzlich
setzten sie sich in Bewegung. Hinter dem schwarzen Laubgang, wie am Ende
eines Schachtes, schien das still beglänzte Haus sein eigenes, verlassenes
Leben zu führen. Die Tür zur Stube stand offen, auf der Diele drinnen lagen
weiße Vierecke. An den hölzernen Pfeilern der Veranda unterschied man jede
der kleinen Weinbeeren.
»Wie schön!« sagte Lola, indes sie in die Helle traten. »Man möchte in
diesem Licht einen neuen Tag anfangen.«
»Werden wir im Laufe des morgigen wieder einer solchen Stunde begegnen?«
Überrascht sah sie sich nach dem Gesicht um, aus dem diese fassungslos
klingende Frage kam, und fand Tränen darin. Ihr Blick verwirrte sich von
Mitleid, und sie sagte rasch:
»Gegen Abend mache ich meinen Spaziergang.«
»Ich bin menschlicher Gemeinschaft etwas entwöhnt . . .«
Wie er noch stammelte, schloß sie:
»Gehen wir also hinein?«
Bevor sie in ihr Zimmer trat, reichte sie ihm die Hand. Dann ging sie
gradeswegs auf das Fenster zu, schaute nach der Landschaft dahinten aus,
durch die sie erst eben mit Arnold geschritten war, und schüttelte den
Kopf, als sei sie erstaunt, sie unverändert zu finden, in der gleichen
bläulichen Verzauberung. Da fiel ihr die Nacht ein, in der sie über dem
Hafen von Barcelona auf einer einsamen und dunkeln Terrasse gelehnt hatte,
neben Da Silva. Der Mond, den sie mit einer seltsamen Inbrunst erwartet
hatten, war nicht aufgegangen. Hier lag er; jeder von ihren und Arnolds
Schritten hatte durch seinen Schein geführt. Sie fühlte sich umgeben und
erfüllt von Bedeutungen; unruhvoll schlang sie die Finger ineinander,
wendete sich ab und seufzte auf. Da war nun das kleine Zimmer, in das sie
eingezogen war, wie in ein gleichgültiges und unzulängliches Quartier.
Jetzt hatte jedes Möbel Wichtigkeit: sie sah den Stuhl an, den Schrank
. . . Dann glitten ihre Blicke an den unsicheren Umrissen der Berge hin, an
denen der Kirche dorthinten . . . Nun hatte sie alles in ihrem Kopf, durfte
ihn ans Fensterkreuz lehnen und die Augen schließen. Aber unter den Lidern
drängten Tränen hervor; -- und wie Lola, trunken von einer unbekannten,
lieben Müdigkeit, auf den Wangen ihr Rinnen spürte, meinte sie eine Weile,
es seien dieselben, die sie vorhin in Arnolds Gesicht erblickt hatte.
* * * * *
Als sie vom Frühstück in ihr Zimmer zurückkehrte, standen Kornblumen und
Mohn auf dem Tisch.
»Es sind dieselben, die er mir gestern nicht geben mochte.«
Sie ging rasch darauf zu -- und sah sie dann mit unschlüssig ablehnendem
Lächeln an . . . Sie waren nicht mehr vom Monde blaß und absonderlich; sie
hatten gewöhnliche, gesunde Tagesfarben. Lola blickte hinaus. Garten und
Land trugen in der mäßigen Alltagssonne hoffnungslos nüchterne Mienen. Lola
hob die Schultern.
Tini kam und warf auf die Blumen einen Blick, der Lola verwirrte. Tini
erinnerte sie daran, daß sie ihr Zimmer hatte besichtigen wollen. An den
Wänden war Manches zu sehen. »Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen«
stak, auf Stramei gestickt, in einem Rahmen, und daneben hing, als wenig
bekleidete Salome, eine Schauspielerin, für die Tini schwärmte. Sie zeigte
Lola ein Album mit Lesefrüchten und bemerkte bei jeder:
»Darüber möchte ich gerade deine Meinung hören.«
»Ich fand das vorige richtiger,« sagte Lola; und Tini, sofort:
»Dann mag ich es auch lieber.«
Nachdem sie hinausgehorcht hatte:
»Rauchst du vielleicht eine Zigarette? Aber du mußt es nicht meiner
Schwester sagen.«
»Die Marie raucht doch selbst.«
»Aber von mir findet sie's unpassend. Weißt du, im Grunde, im Grunde findet
sie eigentlich alles unpassend.«
Beide lachten.
»Blase den Rauch aus dem Fenster, bitte.«
»Ja, so machten wir's auch.«
»Im Ernst ist doch nichts dabei. Herr Gwinner sagt sogar, daß es mir
steht.«
»Herr Gwinner ist wohl immer auf deiner Seite?«
»Nein, gar nicht immer. Aber das macht mir nichts . . .«
Ein paar Sekunden hatte Tini die haltlos kreuzenden Augen eines wilden
jungen Vogels. Dann, bevor Lola sich hatte wundern können:
»Ach, Lola, ich wollte, ich hätte eine Freundin. Die, die ich habe, hat
keinen Zweck mehr. Ich kann dir sagen --«
Tini mußte hinunterschlucken.
»Du bist einfach mein Ideal.«
»Ja warum denn, Tini?«
»Erstens bist du modern und doch chik: das hab' ich noch nie
zusammengesehen. Dann bist du so gescheit, daß du über alles deine Meinung
hast. Du brauchst nicht zu denken, daß ich es nicht sehe, wenn du dich mit
dem Arnold über uns alle lustig machst.«
»Aber Tini! Du bist ja schrecklich.«
»Das nicht; aber ich bin nicht von gestern . . . Den Arnold, sage ich dir
offen, kann ich nicht ausstehen. Er ist mir gradezu widerwärtig -- und auch
unheimlich. Aber du wirst die Menschen wohl besser kennen. Du hast's gut:
kannst hingehen, wohin du magst, kannst alles vergleichen und dir die
Menschen aussuchen . . . Ich möchte dich wohl etwas fragen, aber du darfst
es nicht übel nehmen.«
»Sag's nur!«
Tini paffte und sah an Lola vorbei.
»An was erkennt man's eigentlich, wenn man sich verliebt hat?«
»Das ist aber wirklich eine Frage!«
»Siehst du, nun nimmst du's übel!«
»Durchaus nicht. Aber darüber . . . denkt man wohl überhaupt nicht nach
. . . Ich sollte meinen: wenn man das Gefühl hat, daß man jemand nicht mehr
entbehren kann.«
»Aber in Wirklichkeit kann man doch jeden entbehren!«
»Mag sein. Oder vielleicht doch nicht?«
»Ich habe keinen nötig, keiner braucht sich was einzubilden . . . Warum
sollte man überhaupt jemanden nicht entbehren können?«
»Was weiß ich. Wenn man einen höher achtet als die andern . . . Wenn er
einem Dinge sagt, die man selbst schon gefühlt hat . . . Wenn uns in seiner
Nähe ruhiger wird . . .«
»Pah!« machte Tini.
»Marie? Was ist?« rief sie aus dem Fenster. Und zu Lola:
»Wir sollen vor dem Essen noch ausgehen. Ach tu mit den Gefallen, geh schon
hinunter. Ich bürst' mir nach dem Rauchen doch lieber erst die Zähne.«
Drunten fand Lola Frau Gugigl nicht mehr. Aber im Vorübergehen bemerkte sie
durch einen Spalt in der Tür zur großen Stube, wie Arnold seinen Hut an den
Nagel hängte und sich unschlüssig umsah. Ehe sie's wollte, war sie
zurückgekehrt und stehen geblieben. »Was er wohl für ein Gesicht macht,«
dachte sie, »wenn er sich allein glaubt . . . Jetzt wird er etwas tun,
wobei er nicht an mich denkt, etwas, das nicht für mich bestimmt ist.«
Er saß auf der Bank, den Arm am Fenster und sah hinaus. Allmählich wendete
sein Kopf sich, die breiten Schläfen vorgeneigt, ins Zimmer, sank tiefer in
die Hand, die ihn hielt. Die andere hing von der Bank. Der Körper
erschlaffte zusehends. Der Blick schwamm am Boden.
»So ist er,« dachte Lola, »wenn er alle vergessen hat. Wenn er mich
vergessen hat. Ganz zeigt er sich uns andern nie.« Denn dies schien, mit
Ergebung in sich selbst, nur noch eine Seele. Sie war stark hinter ihren
Siegeln. Lola konnte nicht an sie hinan; -- und sie fühlte sich, hier
draußen, in beklemmender Einsamkeit. Ehrgeiz und Eifersucht zitterten
herauf. »Was will ich?« Und, ganz unvorhergesehen: »will ich ihn heiraten?«
Da polterte Tini über die Treppe; Frau Gugigl rief aus dem Garten; und Lola
ging, sehr erstaunt.
* * * * *
Bei Tisch mußte sie ihn sich ansehen und denken: »Da ißt er nun harmlos
seine Suppe. Wenn er wüßte, was ich vorhin für einen Einfall gehabt habe!
Er würde sich bedanken, Mann einer Virtuosin zu werden, mit ihr
herumzufahren und Impresario zu spielen. Lassen wir ihn nur in Frieden,
diesen Menschen der Einsamkeit!« Und sie lächelte spöttisch vor sich hin.
Frau Gugigl hatte etwas bemerkt und raunte:
»Hat er sich wieder eine Verrücktheit geleistet?«
»Wer denn? Aber nein!«