III

In Verona, nach dem Übernachten und wie der Omnibus schon vor dem Gasthof

stand, sagte Lola plötzlich:

»Jetzt wieder nach Venedig? Geht es wirklich nicht anders?«

»Uns zwingt doch niemand?« fragte Mai verdutzt.

»Das ist es. Uns zwingt nie jemand. Hierhin, dorthin: für uns ist alles

gleich.«

Und Lola ließ sich müde auf einen Stuhl nieder.

»Daß du auch grade in diesem Augenblick deine Nerven kriegst!«

Mai sah erschreckt hin und her zwischen Lola und dem Kellner, der zur

Abfahrt mahnte.

»Es scheint, wir reisen nicht.«

»Wozu?« seufzte Lola. »Um wieder einen Fingado zu treffen und einen Aguirre

und einen --?«

Sie besann sich.

»-- und alle die andern? . . . Weißt du noch nicht im voraus, wie deine

Verehrer aussehen werden, was sie dir sagen werden? Man kennt sie

auswendig, und es bleiben doch Fremde. Wir sollten lieber zu Pais

bayerischen Verwandten fahren. Nach deiner Ankunft in Europa sahen wir sie

nur so flüchtig; aber es schienen -- was weiß ich -- es schienen herzliche

Menschen.«

»Aber die Grimani erwartet uns.«

»Wir telegraphieren ihr ab.«

Sie telegraphierten auch nach München. Gugigls waren auf dem Lande; und

zwei Tage später, auf der kleinen Station zwischen Kufstein und Rosenheim,

jauchzte den Ankommenden ein ganzer Trupp festlich erregter Sommerfrischler

entgegen. Frau Gugigl und die Baroneß Utting schrien in einer Tonlage mit

der Lokomotive. Die eine schüttelte dabei ihre offenen Haare, die andere

ihre Zöpfe. Die Baroneß trat sofort an die Damen heran, zeigte auf ihr

Bauernkostüm und sagte stolz:

»I bin d'Oberdirn.«

Gugigl schwenkte noch, als Frau Gabriel schon vor ihm stand, auf die Zehen

gehißt, sein grünes Hütchen. Er war rotfleckig, hatte geblähte Nüstern, und

seine Kinnhaare wehten wirr. Die kleine Schwester seiner Frau ließ, als sie

Lola und Mai erblickte, seinen Arm los; ihr Geschrei brach ab; und mit

großen Augen, ganz entgeistert, sah sie den beiden eleganten Damen

entgegen. Gwinner küßte ihnen die Hand und führte von unten sein freundlich

freches Lächeln im Kreise umher, als hätte er einen Witz gemacht.

Frau Gugigl rühmte zuerst ihren Lodenkragen.

»Da schaut, wie er naß ist. Regenschirme gibt's bei uns nicht, meine

Lieben, und wenn man so daherkommt wie ihr . . .«

»Aber was ist denn hier los?« fragte Lola, da sie gleich hinter dem Bahnhof

in ein bäurisches Gedränge und Geschrei, in Jahrmarktsgerüche und

Blechmusik gerieten.

»Das ist das Gaufest.«

Und zu der gespannt horchenden Frau Gabriel:

»Ja, auf französisch, Tante, kann ich das Wort nicht sagen. Die Bauern

zeigen ihr Vieh und sich selbst her, in den alten Trachten.«

»Das Vieh in den Trachten,« ergänzte Gwinner und gab Lola durch

unterwürfiges Grinsen zu verstehen, daß er bei Gott nicht über sie sich

lustig mache; nur könne er nicht gegen seine Natur. Er umtastete die

Spinnenfinger der einen Hand leise mit denen der andern. Den runden,

schwarz und gelben Kopf trug er eigen vorsichtig zwischen den hohen

Schultern, als sei sein Nacken leicht zerbrechlich. Lola wandte sich weg.

Gugigl krähte in das Gebrüll der beim Wirtshaus Tafelnden hinein:

»A Bier! Cehn--zi! A Bier kriag' i!«

»Grüß Gott, Spezi!« rief die Baroneß.

»Dees is nämlich mein Oberknecht,« erklärte sie, lief hin und schwang sich,

rotbackig, mit dicken, fliegenden Zöpfen in die Bank zu den Bauern, die sie

feierten. »Ihre Zöpfe sind fast von der Farbe meines Haars,« dachte Lola;

und: »Wenn ich mich zu den Bauern setzen sollte! Wie wäre einem zu Mut,

wenn man hier heimisch wäre?«

Da begegnete sie dem bewundernden Blick der kleinen Tini.

»Wir haben uns noch gar nicht recht begrüßt. Sie sind groß geworden.«

»Wie geht es Ihnen?« stammelte das junge Mädchen.

»So nennt's euch doch du!« schrie Gugigl und drängte der Kellnerin nach.

»Gut. Und -- also, und dir?« fragte Lola, lächelnd. Tini errötete; dann

entschloß sie sich:

»Du hast Ähnlichkeit mit deinem Papa.«

»Ach! Hast du ihn gekannt?«

»Sehr gut; und nie hab' ich ihn vergessen. Er hat mir meine Lieblingspuppe

mitgebracht. Nach ihm hieß sie Gustl, weil er Gustav hieß, nicht? Jetzt ist

sie zwar kaputt . . .«

Zwischen den Rassen: Roman · 第 7 / 25 题