In Verona, nach dem Übernachten und wie der Omnibus schon vor dem Gasthof
stand, sagte Lola plötzlich:
»Jetzt wieder nach Venedig? Geht es wirklich nicht anders?«
»Uns zwingt doch niemand?« fragte Mai verdutzt.
»Das ist es. Uns zwingt nie jemand. Hierhin, dorthin: für uns ist alles
gleich.«
Und Lola ließ sich müde auf einen Stuhl nieder.
»Daß du auch grade in diesem Augenblick deine Nerven kriegst!«
Mai sah erschreckt hin und her zwischen Lola und dem Kellner, der zur
Abfahrt mahnte.
»Es scheint, wir reisen nicht.«
»Wozu?« seufzte Lola. »Um wieder einen Fingado zu treffen und einen Aguirre
und einen --?«
Sie besann sich.
»-- und alle die andern? . . . Weißt du noch nicht im voraus, wie deine
Verehrer aussehen werden, was sie dir sagen werden? Man kennt sie
auswendig, und es bleiben doch Fremde. Wir sollten lieber zu Pais
bayerischen Verwandten fahren. Nach deiner Ankunft in Europa sahen wir sie
nur so flüchtig; aber es schienen -- was weiß ich -- es schienen herzliche
Menschen.«
»Aber die Grimani erwartet uns.«
»Wir telegraphieren ihr ab.«
Sie telegraphierten auch nach München. Gugigls waren auf dem Lande; und
zwei Tage später, auf der kleinen Station zwischen Kufstein und Rosenheim,
jauchzte den Ankommenden ein ganzer Trupp festlich erregter Sommerfrischler
entgegen. Frau Gugigl und die Baroneß Utting schrien in einer Tonlage mit
der Lokomotive. Die eine schüttelte dabei ihre offenen Haare, die andere
ihre Zöpfe. Die Baroneß trat sofort an die Damen heran, zeigte auf ihr
Bauernkostüm und sagte stolz:
»I bin d'Oberdirn.«
Gugigl schwenkte noch, als Frau Gabriel schon vor ihm stand, auf die Zehen
gehißt, sein grünes Hütchen. Er war rotfleckig, hatte geblähte Nüstern, und
seine Kinnhaare wehten wirr. Die kleine Schwester seiner Frau ließ, als sie
Lola und Mai erblickte, seinen Arm los; ihr Geschrei brach ab; und mit
großen Augen, ganz entgeistert, sah sie den beiden eleganten Damen
entgegen. Gwinner küßte ihnen die Hand und führte von unten sein freundlich
freches Lächeln im Kreise umher, als hätte er einen Witz gemacht.
Frau Gugigl rühmte zuerst ihren Lodenkragen.
»Da schaut, wie er naß ist. Regenschirme gibt's bei uns nicht, meine
Lieben, und wenn man so daherkommt wie ihr . . .«
»Aber was ist denn hier los?« fragte Lola, da sie gleich hinter dem Bahnhof
in ein bäurisches Gedränge und Geschrei, in Jahrmarktsgerüche und
Blechmusik gerieten.
»Das ist das Gaufest.«
Und zu der gespannt horchenden Frau Gabriel:
»Ja, auf französisch, Tante, kann ich das Wort nicht sagen. Die Bauern
zeigen ihr Vieh und sich selbst her, in den alten Trachten.«
»Das Vieh in den Trachten,« ergänzte Gwinner und gab Lola durch
unterwürfiges Grinsen zu verstehen, daß er bei Gott nicht über sie sich
lustig mache; nur könne er nicht gegen seine Natur. Er umtastete die
Spinnenfinger der einen Hand leise mit denen der andern. Den runden,
schwarz und gelben Kopf trug er eigen vorsichtig zwischen den hohen
Schultern, als sei sein Nacken leicht zerbrechlich. Lola wandte sich weg.
Gugigl krähte in das Gebrüll der beim Wirtshaus Tafelnden hinein:
»A Bier! Cehn--zi! A Bier kriag' i!«
»Grüß Gott, Spezi!« rief die Baroneß.
»Dees is nämlich mein Oberknecht,« erklärte sie, lief hin und schwang sich,
rotbackig, mit dicken, fliegenden Zöpfen in die Bank zu den Bauern, die sie
feierten. »Ihre Zöpfe sind fast von der Farbe meines Haars,« dachte Lola;
und: »Wenn ich mich zu den Bauern setzen sollte! Wie wäre einem zu Mut,
wenn man hier heimisch wäre?«
Da begegnete sie dem bewundernden Blick der kleinen Tini.
»Wir haben uns noch gar nicht recht begrüßt. Sie sind groß geworden.«
»Wie geht es Ihnen?« stammelte das junge Mädchen.
»So nennt's euch doch du!« schrie Gugigl und drängte der Kellnerin nach.
»Gut. Und -- also, und dir?« fragte Lola, lächelnd. Tini errötete; dann
entschloß sie sich:
»Du hast Ähnlichkeit mit deinem Papa.«
»Ach! Hast du ihn gekannt?«
»Sehr gut; und nie hab' ich ihn vergessen. Er hat mir meine Lieblingspuppe
mitgebracht. Nach ihm hieß sie Gustl, weil er Gustav hieß, nicht? Jetzt ist
sie zwar kaputt . . .«