[7] Der curieuse Zauberarzt, wie man alle Artzneyen verfertigen auch

per sympathiam, et antipathiam, transplantationem, amuleta et magiam

naturalem od. vermeynte Hexerey die vornehmsten Kranckheiten curiren

könne. Frankfurt a. M. 1725.

[8] Paullinus a. a. O. I. S. 344.

Um Liebe auf sympathetische Weise zu erwecken, gab es in jeder

Landschaft Deutschlands andere Mittel, deren Aufzeichnung einen viele

hundert Seiten starken tragikomischen Beitrag zur Geschichte der

menschlichen Narrheit bilden würde.

In der Frühzeit zeichneten sich neben den alten Weibern, die ihre

vermeintliche Wunderkraft meist auf dem Scheiterhaufen büssten, die

fahrenden Schüler als Zauberer aus.

»Mit wunderlichen sachen

Ler ich sie denne machen

Von wachs einen kobold

Wil sie, daz er ir werde hold

Und teuf es in den brunnen

Und leg in an die sunnen

Und heiz widereins (rückwärts)

Umb die kuchen gan.«[9]

[9] »Von einem fahrenden Schüler.« Altdeutsche Wälder, II. 55.

Sie lehrten auch für Geld und gute Worte jene sinnlosen Gebräuche, die

sich zum Teil noch heute erhalten haben, von denen ich einige wenige

als Beispiele für die Denkweise unserer Vorfahren hierhersetzen will.

Berthold v. Regensburg sagt von den Bauern »Pfî, wiltû einen man alsô

mit zouberîe gewinnen! ..... Sô nimt din her ein toufet ein wahs, din

ein holz, din ein tôtenbein, allez daz sie dâ mite bezouber. Dâ

zoubert din mit den Kriutern, din mit dem heiligen Krismen, din mit

dem heiligen gotes lîchnamen.«[10]

[10] Predigten, II. 70. 25 bei Schultz, H. L., S. 650.

»Dass dich eine lieben muss.«

»Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz, druck sie dreimal in die Hand.

Probatum.« Oder: »Nehme eine Turteltaubenzung ins Maul (!), rede mit

ihr lieblich, küsse sie darnach auf den Munde« -- natürlich sie, die

Angebetete, nicht die Turteltaubenzung -- »so hat sie dich so lieb,

dass sie dich nicht mehr lassen kann.«[11]

[11] Scheibles Schaltjahr, II. 45.

»Rezept zum Liebespulver. Nimm eine Hostie, die jedoch nicht geweiht

sein darf, schreibe auf sie einige Worte mit Blut aus dem Ringfinger

und lasse alsdann von einem Priester fünf Messen darüber lesen. Dann

teile die Hostie in zwei gleiche Teile, deren einen nimm selbst, den

anderen gebe der Person ein, deren Liebe du gewinnen willst.«

»Nimm von deinem Blut an einem Freitag im Frühling, lass es mit den

beiden Testikeln eines Hasen und der Leber einer Taube in einem nicht

zu warmen Ofen in einem kleinen Topf trocknen, machs zu feinem Pulver

und lass die Person, von der du geliebt sein willst, davon geniessen,

ungefähr einer halben Drachme schwer. Wenns aufs erstemal nicht wirkt,

so wiederhole es bis zu dreimal und du wirst geliebt werden.«

»Die weisse Lilienwurzel, unter gewissen Zeichen gesammelt, und bei

sich getragen, grosse Liebe und Freundschaft (sic) zwischen Personen

beiderlei Geschlechtes erwecken und erhalten soll.«[12] _Sapienti

sat!_

[12] Anleitung zu den curiösen Wissenschaften. Frankfurt 1717.

Noch eines Sympathiemittels muss, um nicht unvollständig zu sein, wenn

auch widerstrebend, gedacht werden. »Ein fleissiger _Studiosus

Medizinae_, mein ehemaliger guter Freund, ward offt von des Nachbars

Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran. Einst schlieff er bey

ihrem Bruder in ihres Vatters Hause, und ward gantz umgekehrt, doch

aber kam er nicht zu ihr. Nur des Nachts, mehrenteils um 12 Uhr, stund

er leise uff, lieff vor des Mägdleins Hauss, küssete die Thür dreymahl

und gieng wieder von dannen. Wie es seine Schlaffgesellen merkten,

verwiesen sie ihm die Thorheit, doch konnten sie ihn nicht davon

abhalten. Einst wollte er sein Kleid vom Schneider umwenden lassen, da

fand man in den Hosen einen linnenen Beutel und in demselben einen

Hasenschwantz, krausse Haare, vielleicht von einem ungenannten Ort der

Dirne abgeschnitten und diese Buchstaben S. T. T. I. A. M., welche

einige so verdolmetschen: _Satanus te trahat in amorem mei_.[13]

Sobald aber das Säcklein mit Schwantzhaaren und allem verbrandt war,

hatte der Geck auch Ruhe.«[14]

[13] Der Teufel ziehe dich in meine Liebe.

[14] Paullinus a. a. O. I. 344 ff.

Einen interessanten Beitrag zum Glauben an die Kraft dieser

Weiberhaare findet sich in der Biographie der Magdalena Sibylla von

Neitschütz, die ihren Geliebten, Johann Georg IV. von Sachsen, auf

diese Weise an sich gekettet haben sollte[15].

[15] F. Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, 2.

Auflage, III. Band (1863). Die Gräfin von Rochlitz, S. 1 ff.

Solange die weltliche Obrigkeit gegen derartige Zaubereien noch nichts

einzuwenden hatte, ging es noch; aus Predigten und Konzilsbeschlüssen

machte man sich blutwenig, denn kirchliche Strafen waren eben nur

Ehrenstrafen, die sich schliesslich überstehen liessen, wenn sie auch

hart genug trafen. So ordnete ein Pariser Pönitentiale an: »Wer Blut

oder seinen virile um der Liebe oder einer anderen Sache wegen einem

Mann oder einer Frau zu trinken giebt, soll drei Jahre büssen«[16],

oder wenn, wie aus einem Fastnachtsspiele hervorgeht[17], alle

diejenigen von der Kommunion ausgeschlossen blieben, die »zu essen

geben oder in annder weiss machen, das leut schullen an einander liep

oder feinter werden, und was solicher sach sein«, so konnte sich der

Übelthäter immerhin noch, sei es durch Geldopfer oder eine andere vom

Geistlichen auferlegte Busse, wieder reinwaschen. Anders stand dies

aber in einer Zeit, wo der Hexenwahn die Gemüter ergriffen hatte,

Laien und Pfaffen beiderlei Konfessionen in unersättlichem Blutdurste

alles, was den Namen Weib führte, in unerhörtester Weise besudelten

und »ad majorem Dei gloriam« zu Tode schleiften, nachdem sie vorher

auf das schamloseste die Körper und die Gemüter der auf der Folter

gefügig gemachten Opfer gebrochen; wo ein scheinheiliger Rechtslehrer,

Benedikt Carpzow, sich in einem Atem und unter demselben Augenaufschlag

rühmen konnte, dreiundfünfzigmal die ganze Bibel durchgelesen und

zwanzigtausend Todesurteile gefällt zu haben, die zumeist arme

Weiber, denen das Hirngespinst des grossen Leipziger Schurken nie

ausgeführte Verbrechen angedichtet hatte, zur Einäscherung, im besten

Falle zur Hinrichtung durch das Schwert verdammte, da war schon der

Gedanke an ein Liebesmittel eine Anwartschaft auf den Tod, da er auf

unzweifelhaften Verkehr mit dem Teufel hinwies. Mit ebenso stupender

wie stupider Gelehrsamkeit hatte sich der jedes Gefühles bare Carpzow

und mit ihm der ganze Schwarm Gottesgelahrter und Richter ein System

zurechtgebaut, aus dem das erotische Moment in einer Teufelsfratze

allenthalben hervorgrinste. »So sehr war durch den Einfluss des

Teufelsglaubens die altgermanische Frauenverehrung, welche im Weibe

›etwas Heiliges‹ gesehen hatte, getrübt worden, dass unsere Altvorderen

etliche Jahrhunderte hindurch es für möglich, ja für wirklich hielten,

deutsche Mädchen und Frauen gäben Sitte und Scham, alles Hohe und

Heilige, was der Mensch besitzen kann, für die widerliche Umarmung

eines scheusslichen Bockes hin. Es dürfte doch schwer sein, auf

dem ganzen Gebiete menschlicher Narrheit etwas aufzufinden, was an

blödsinniger Gemeinheit dieser christlich-theologischen Phantasie nur

halbwegs gleichkäme.«[18]

[16] Arved Straten, Blutmord, Blutzauber, Aberglauben, Siegen 1901.

[17] Keller, S. 1463.

[18] Scherr, G. d. d. F., II. 139.

Vergessen war die abgöttische Verehrung, die man dem Weibe in der

Jungfrau Maria dargebracht, vergessen die Achtung, die man der Mutter,

der Hausfrau gezollt, das Weib war nur das unreine Gefäss, durch das,

nach theologischer Weisheit, »die Sünde« überhaupt in die Welt

gekommen, das daher teuflischen Einflüssen um so leichter zugänglich

sein musste.

Da nun »die Teufel, die nicht zu zählen sind«, die Welt durchstreifen,

um Menschen zu verführen und jeden zu ergattern, »die um ein sehr

lange Zeit daher, über fünftausend Jahre, durch stete Uebung überaus

klug und erfahren sind worden«[19], so wandten sie sich zuerst an die

Frauen, um sie körperlich und seelisch zu verführen und sie zu

Werkzeugen zu machen, durch die ihnen weitere Opfer zugeführt wurden.

[19] Luthers Tischreden oder Colloquia, Vom Teufel und seinen Werken,

(Anno 39 den 15. Januarii).

Das Hauptmittel, die Weiber zu Hexen zu machen, bestand für den Teufel

in der Buhlschaft. Um mit den Hexen geschlechtlich zu verkehren,

besucht er sie in allerlei Verkleidungen in ihren Wohnungen. Bald

tritt er als schwarz gekleideter Herr, bald als Mann mit Federhut,

gelben Strümpfen und einem Esels- oder Pferdefuss, bald wieder als

langer, schwarzer Mann mit Hörnern auf[20], oder er naht sich ihnen

unter der Maske eines Junkers, Jägers, Reiters und unter den Namen

Junker Hans, Voland, Hämmerlein, Federhanns, Schönhans, Peterlein,

Federlein, Papperlen, Klaus, Grässle, Grünhütel oder ähnlichen.[21]

Manchesmal aber suchte sich der Junker Hans auch ganz ausgefallene

Örter zum Buhlen aus. Am 6. März 1604 wurde in Lauchstädt eine

Zauberin, die Haferkastin nebst einer anderen Hexe verbrannt, die

bekannt haben sollte, vom Teufel auf die Spitze des Roten Turmes zu

Halle geführt worden zu sein, wo er ihr gedroht habe, sie hinunter zu

stürzen, wenn sie ihm ihr gegebenes Versprechen nicht halte. Darauf

sei sie ihm zu Willen gewesen und habe fünfmal mit ihm #auf der

Turmspitze# Unzucht getrieben. Etwas Derartiges konnten Menschen, die

sich ihrer fünf gesunden Sinne rühmten, für bare Münze nehmen!

[20] Curt Müller, Hexenaberglaube und Hexenprozesse in Deutschland

(Reclam), S. 26.

[21] Scherr, Frauenwelt, II. 149, und Müller a. a. O., Urteilssprüche

Leipziger Schöffen, 139 ff.

Über die Art des geschlechtlichen Verkehrs ergehen sich die Werke

Carpzows und das »aus frommem Wahnsinn und fanatischer Grausamkeit«

bestehende Schandbuch des Ketzerrichters und Theologie-Professors

Jakob Sprenger, der im Jahre 1489 mit Approbation der Kölner

theologischen Fakultät gedruckte »Malleus maleficarum«, zu deutsch der

Hexenhammer, in einer Breite, deren Unflätereien lebhaft an Liguoris

Moraltheorie erinnern. »Der Autor schreibt wie ein Kerl, der etliche

bordels ausgehuret hat«, sagt bereits Hauber von Sprenger.[22] Es

sträubt sich meine gewiss nicht prüde Feder, diese mit behaglicher

Ruhe vorgetragenen Schweinereien eines im Cölibate lebenden

hochwürdigen Herrn auch nur andeutungsweise wiederzugeben.[23]

[22] Bibliotheka magica, 1741, I., 26 ff.

[23] Wer den Mut hat, den stinkenden Sumpf des Hexenhammers zu

durchwaten, der sei auf Graf von Hoensbroechs »Das Papstthum in seiner

sozialkulturellen Wirksamkeit« hingewiesen (Leipzig 1900), dessen I.

Band eine ziemlich vollständige Übersetzung des Malleus maleficarum

enthält.

Aus den düsteren Gewölben, deren Kreuzbogen vom Gewinsel und Stöhnen

der armen, gefolterten Kinder und Frauen widerhallten, drang viel, zu

viel an die Öffentlichkeit, um nicht die Phantasie hysterischer und

vom allgemeinen Wahne ergriffener Weiber derart zu erhitzen, dass sie

alles das, was sie gehört, auch schliesslich selbst erlebt zu haben

glaubten und sich im Wahnsinne Verbrechen bezichtigten, die sie kaum

geträumt haben können. Sie geben unumwunden zu, was ihnen die Richter

in den Mund legen, oder gestehen es, ausgeschmückt mit eigenen

Zuthaten unter den Martern der oft menschlicher als die Richter

fühlenden Henker. Fühllos wie die Quadern der Folterkammern wohnten

diese Richter jahraus, jahrein jenen Greuelscenen bei, bis die

Gewohnheit jegliches Gefühl in ihnen abstumpfen musste. Wenn die

deutschen Richter auch nicht in den Zwischenakten eines Hexenprozesses

Laute spielten und Inkulpantinnen tanzen liessen, ehe sie sie an den

Holzstoss ablieferten, wie dies ein französischer Kollege that[24], so

fanden sich doch auch in deutschen Gauen nichtswürdige Hallunken genug

unter ihnen. Wenn sich unter der Regierung des Bischofs Heinrich

Julius von Halberstadt-Braunschweig im 17. Jahrhundert anlässlich

einer rebellischen Bewegung der Braunschweiger Bürger gegen den

geistlichen Herrn folgendes zutragen konnte, wird es bei den Prozessen

gegen die Unholdinnen keinesfalls besser, eher noch schlimmer

hergegangen sein, wofür viele Gründe sprechen. In dem besagten

Prozesse heisst es von den in der Marterkammer anwesenden

Gerichtspersonen: »Sie trunken einander fleissig zu, dass sie auch so

toll und voll wurden, dass sie einesteils eingeschlafen ... Etwan in

die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher

Trunkenheit ihr gefasstes Müthlein ziemlichermassen ausgeschüttet, seyn

sie für diesmal davongegangen ... Zum dritten male bin ich abermal in

die peinliche Kammer gebracht u. s. w. und Hans Saub war so trunken und

voll, dass er beim Tisch einschlief, und wann er hörte, dass ich etwas

härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend:

Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräther und wenn

er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen

soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus

Trunkenheit und sonsten so verbittert, dass nicht zu sagen ...«[25]

Das Martern und Foltern der Angeklagten war im Mittelalter ein derart

unzertrennlicher Bestandteil des Gerichtsverfahrens, dass der Richter

den Gedanken, ein Geständnis anders als durch die Folter zu erlangen,

einfach nicht fassen konnte. Und bei den Unholdinnen erst, die nichts

zu gestehen hatten, waren die Folterwerkzeuge unentbehrlich, denn ohne

sie hätte es eben keine Hexenprozesse gegeben.

[24] Roloff, Leben und Wirken des Teufels, Histor. Taschenbuch, 5.

Folge, 2. Jahrg., S. 165.

[25] F. Heinemann, Richter und Rechtspflege in der deutschen

Vergangenheit, S. 64.

Bei Weibern, die sich dem Satan zu eigen gegeben, wäre Milde des

Richters ein Verbrechen gewesen, das ihn vielleicht selbst in eine

zweideutige Stellung gebracht hätte, darum suchte jeder einzelne genau

nach der Schablone zu handeln. Lag es auch in seinem Belieben, die

schauerliche Wirkung der Tortur zu erhöhen oder zu mildern, so

brauchte er seine Macht doch kaum jemals zu Gunsten einer Hexe,

ebensowenig wie er sich daran kehrte, die heuchlerische Vorschrift des

Hexenhammers zu befolgen, bei der Tortur kein Blut zu vergiessen. Er

war unumschränkter Herr in der Folterkammer und gebrauchte seine Macht

oder missbrauchte sie, ganz wie es ihm beliebte. Hatte er jemanden

freilassen müssen, weil seine Unschuld denn doch zu klar lag, so liess

er eben den unschuldig Gepeinigten Urfehde schwören, sich niemals an

ihm und den Seinen zu rächen. Bei einer Hexe war aber diese Gefahr für

den Inquisitor nicht zu befürchten, denn kaum eine dieser Unthat

bezichtigte Weibsperson entrann jemals dem Arm »der Gerechtigkeit«.

Schon vorm Beginn des Prozesses brach man die Seelenkraft der

Angeklagten, die schliesslich so mürbe werden musste, dass sie sich

schuldig bekannte, um durch den Tod von weiteren Quälereien befreit zu

werden.

Ehe man die Hexe dem Richter vorführte, zog man sie splitternackt aus

und untersuchte ihren Körper, ob sie nicht Zaubermittel bei sich

führte, mit denen sie dem Richter Schaden zufügen könnte. Obwohl der

Hexenhammer vorschrieb, diese Untersuchung von ehrsamen Frauen

vornehmen zu lassen, so scherte sich in der Praxis kein Richter darum,

sondern überliess die Wehrlose den Henkersknechten, die diese günstige

Gelegenheit nicht vorübergehen liessen, sich tierisch an jungen Hexen,

selbst unmündigen Kindern zu vergreifen und dem Teufel die Schuld

zuzuschieben. Der wütende Hexenrichter Remigius, der sich in seiner

»Daemonolatria« rühmt, binnen fünfzehn Jahren (1580-1595) in

Lothringen achthundert Hexen eingeäschert zu haben, erzählt von einem

seiner Opfer, Katharina genannt, sie wäre, obgleich noch ein

unmannbares Kind, im Kerker wiederholt derart vom Teufel genotzüchtigt

worden, dass man sie halbtot aufgefunden habe.[26] Wem hätten auch die

Geschändeten die ihnen angethane Schmach klagen sollen, dem Richter?

Der wusste doch, dass alles, was die Hexe sprach, Lüge und Blendwerk

der Hölle sei, oder ihren Beichtvätern, »gleichviel ob katholisch oder

protestantisch, die die gefangenen Hexen in den Kerkern aufsuchten

und, anstatt ihnen Trost und Mut zuzusprechen und durch das Gebet für

ihren Martergang zu stärken, sie mit allen möglichen Kreuz- und

Querfragen in Fallen zu locken suchten; ihnen das Gewissen

beängstigten; sie zu falschem Geständnisse zwangen? Diese gemeine,

niederträchtige Pfaffenbrut war gefährlicher als die Henkersknechte

und Inquisitoren resp. Richter. Denn selbstverständlich hing sich ein

bis zu Tod geängstigtes Weib mit aller Gewalt an den Seelensorger;

suchte bei ihm Trost und folgte seinem Rate. Musste ein solch armes

Wesen nicht von Sinnen kommen, wenn sie sogar von dem Manne, den sie

als heilig und fromm verehrte, als Hexe betrachtet wurde? Und wie er

ihr ins Gewissen redete! Wie er, wenn sie bekennen würde, ihr von Heil

und Rettung, von Gnade und Barmherzigkeit vorpredigte! Jede

verfängliche Aussage, die ein so verzweifeltes Weib fallen liess, nahm

der Beichtvater zu Protokoll. Hatte er genug aus der Unglücklichen

herausgepresst, so gab er dem Richter genauen Bericht. So kam es, dass

der Richter bereits das ganze Untersuchungsprotokoll, die ganze

Beweisaufnahme in den Händen hatte, ehe er überhaupt die Hexe verhört

hatte. Er hatte somit leichte Arbeit, indem das Verhör seinerseits nur

kurze Zeit in Anspruch nahm, das übrige that die Folter.«[27]

[26] Scherr, Kulturgeschichte, S. 387.

[27] C. Müller a. a. O. S. 90.

Doch noch eine zweite Entwürdigung hatte die Hexe vor dem Richter

durchzumachen. Man schor ihr jedes Haar am Körper ab, um eines jener

Teufelsmale, Stigma, zu entdecken, mit dem der Satan alle Weiber

kennzeichnete, die er als Buhlerinnen gebraucht. Fand man einen

Leberfleck, ein Muttermal oder eine Warze, so stach der Henker mit

einer Nadel darein, um seine Empfindlichkeit zu prüfen. Schmerzte der

Stich nicht, dann war die Teufelsliebe erwiesen, im anderen Falle

hatte der Teufel der Hexe das Mal empfindlich gelassen, um die Richter

zu täuschen. Fehlte ein solches Mal gänzlich, so hatte es der Teufel

verwischt. Gestand nun die Hexe, eingeschüchtert durch die Aussicht

auf die Tortur, oder getäuscht von lügenhaften Vorspiegelungen des

Beichtvaters oder des Richters, dann war sie verloren. Leugnete sie,

dann unterwarf man sie der peinlichen Frage, die mit der amtlichen

Formel begann: »Du sollst so dünn gefoltert werden, dass die Sonne

durch dich scheint!« Diese Drohung war keine leere, und die Feder

sträubt sich, all das Entsetzliche niederzuschreiben, was man nun mit

den armen, schwachen Weibern vornahm. Mädchen im zartesten

Kindesalter, sieben-, acht-, zehn- und zwölfjährige Mädchen[28],

schwangere Frauen[29], sechzig-, selbst achtzigjährige Greisinnen, sie

alle verliessen verbrannt, zerrissen, mit gebrochenen Gliedern, aus

hundert Wunden blutend die Folterkammern.

[28] Scherr, Gesch. d. d. Frauenwelt, II. 161.

[29] Scherr, Kulturgeschichte, S. 640 ff.

Alle Bande des Blutes löste der unglückselige Wahn. Wolf Rossmann, ein

Bauer zu Amorbach, gab seine eigene Mutter als Hexe an.[30] Vielleicht

um sich ihrer zu entledigen, wie es Männer mit ihren Frauen thaten,

Brüder mit Schwestern, denen sie das Erbe missgönnten, selbst Väter

mit ihren Töchtern.

[30] Zeitschrift für d. Kulturgesch., 1859 S. 427.

Und der ewig wiederkehrende Punkt bei allen Hexenprozessen ist

geschlechtlicher Natur, in allen den vielen Protokollen, die auf uns

gekommen sind, kehrt er, wenn nicht als Teufelsbuhlschaft allein, so

in irgend einer anderen Form neben dieser wieder. Ein solches

Protokoll, herausgerissen aus hundert beinahe gleichen, möge hier

stehen. Es stammt aus dem Jahre 1572 aus der Umgebung von Trier und

wird von Dr. Hennen mitgeteilt. Eine gewisse Eva, eine überführte

Kindesmörderin aus dem Dorfe Kenn ist beschuldigt, mit dem

Höllenfürsten Umgang gehabt zu haben. Sie besässe die Kunst zu hexen

und hätte einen Knecht auf dem »grünen Haus« verzaubert, dass er in

Liebe zu ihr entbrennen sollte. Die Angeklagte antwortete, dass sie

die Zauberkunst nicht verstände. Sie hätte nur dem Zymmerhansen, dem

Knecht, einen Ring gegeben; dieser hätte ihr versprochen, sie einst zu

ehelichen. Das war das kurze Verhör. Die Folter wurde vorläufig nicht

angewendet. Die Angeklagte wurde hierauf ins Gefängnis abgeführt.

An demselben Nachmittage wurde sie nochmals dem Amtmann, Schultheissen

und zwei Schöffen vorgeführt. Sie verharrte auf ihrer Aussage, dass

sie nichts von Zauberei verstünde. Nun wurde sie den Henkersknechten

übergeben, die sie auf die Folter spannten.

Das unsinnigste Zeug brachte sie infolge der wahnsinnigen Schmerzen

vor. Sie zog andere mit ins Unglück, einen Mann und drei Frauen, da

sie, um nur sobald als möglich von den Folterqualen befreit zu werden,

andere angab, von denen sie die Hexerei gelernt haben wollte. Von der

einen behauptete sie, dass diese ihres (Evas) Mannes Mannbarkeit durch

Zauberei genommen habe; von einer zweiten Frau sagte sie, dass diese

ihr das Zaubermittel, wie man einen Mann an sich fesseln könnte,

gelernt hätte, indem man nämlich einige Tropfen Blutes in einer Birne

dem Betreffenden zu essen gäbe. Dies hätte sie nun auch mit dem

Zymmerhansen so gemacht.

Die Folter wurde noch verschärft. Da rief Eva vor Schmerz aus, man

sollte sie nur loslassen, sie wollte die Wahrheit eingestehen. Sie

könnte zaubern.

Als man mit Foltern nachliess, gestand sie, dass sie von jener Frau,

der sie die Entmannung ihres (Evas) Mannes zuschrieb, das Zaubern

gelernt hätte. Sie teilte nun dem Amtmanne mit, wie sie durch die

betreffende Frau, die Barbara hiess, mit dem Teufel zusammengekommen

wäre; wie sie Gott abgeschworen und den Teufel verehrt hätte mit den

Worten: »Ich sage Gott ab und dem Teufel zu und soll sein Eigen sein.«

Ferner gestand sie ein, mit dem Teufel etlichemal zu schaffen gehabt

zu haben, Vieh und Menschen bezaubert, Unwetter heraufbeschworen zu

haben. Die von ihr Bezichtigten erlagen gleichfalls unter der

Anklage.[31]

[31] Müller a. a. O. S. 109 ff.

Der Raub der Mannheit, dessen Eva die eine Hexe beschuldigte, wurde

durch »das Nestelknüpfen« erreicht, vermittelst Schürzung eines

zauberischen Knotens an einer der Hosennesteln eines Ehemannes, diesen

zeugungsunfähig zu machen, doch gab es auch noch viele andere, mehr

oder weniger blödsinnige Mittel, gegen die man sich aber auf gleich

sinnreiche Weise schützen konnte, so nach der »gestriegelten

Rockenphilosophie«, wenn der Bräutigam, bevor er in die Kirche zur

Trauung geht, das Bierfass anzapft und den Zapfen während der Trauung

bei sich trägt und andere ähnliche mehr, von denen Scheibles

Sammelwerke »Das Kloster« und »Das Schaltjahr« eine reiche Blütenlese

geben.

Rossberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.

Das wichtigste Thema der Gegenwart

»Neue Frauen -- Neue Männer«

behandeln folgende Schriften:

~Vera~:

Eine für Viele

Aus dem Tagebuche

eines Mädchens von heute

12. Auflage Preis M. 2.--

#Urteile der Presse#:

»Da haben wir das Wiener Saisonbuch, die litterarische Sensation für

heuer. Heimlich wandert es von Hand zu Hand, die Männer verstecken es

vor ihren Frauen, die Mütter vor den Töchtern, aber alle lesen es und

mehr noch, alle machen sich ihre Gedanken darüber. Mit Recht, denn

dieses Büchlein gehört zu den Dokumenten der Zeit, es spricht seine

eigene Sprache und öffnet die merkwürdigsten Aus- und Einblicke ...

»Ob man dieses Buch den Mädchen in die Hand geben soll? Ich glaube

nicht. Wozu denen, die noch nicht Wissende sind, ihre Illusionen

rauben? Aber die Väter und Mütter sollen es lesen, und auch die jungen

Männer. Diese vor Allem. Denn zum mindesten lernen sie daraus, dass

es Mädchen giebt, die den Ehrgeiz haben, etwas anderes zu sein und zu

werden, als, um mit Vera zu sprechen, dem Manne »ein Mobiliar seiner

Bequemlichkeit« ...

»Prager Tagblatt.«

Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit · 第 16 / 18 段