[7] Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1856, S. 367.

Der Geistlichkeit waren derartige Verbote Wasser auf ihre Mühlen, sie

setzten in ihren Predigten immer noch Trümpfe auf, wie Murner, der

sich auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt

die Wahrheit sagt:

Die Fraun der Scham entbehren thun.

So gross ward jetzund schlechte Zucht,

Dass man in #Blösse Zierde# sucht:

Man sieht ihnen mitten auf den Rücken

Und meisterhaft sie können schicken

Die Brüst' herfür, recht mit Behagen,

Die von Gestellen sind getragen;

Sie könnten sonst im Tuch ersticken.

»Mehr als die Hälfte lass' ich blicken,

Dass sie den Narren Lockung sei'n.

›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹,

Wenn er die Brust will greifen an:

›Was seid ihr für ein böser Mann!‹

Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr,

So frech noch nie ein Mannsbild war!«

Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt,

Als wenn dem Esel der Sack entfällt.

Ganz heimlich greift sie mit der Hand,

Indem sie leistet Widerstand,

Und hängt ganz still das Häkchen aus,

Damit der Milchmarkt fällt heraus.[8]

[8] Narrenbeschw. 26. 44 ff.

»Ich hort einist von eim Fürsten, der sprach zuo mir: »eintweders

unsere frawen lernen von den metzen ihr cleidung oder aber die metzen

lernen von unsern frawen die cleidung,« sagt Geiler in seinen

»Brösamlin«. Sie malten nach Murners Vorbild die Zuchtlosigkeit der

Kleidung recht schön deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft

zerknirscht, aber nicht gebessert. Narrheiten und Moden ist eben mit

Verboten nicht beizukommen, sie wirken ansteckend und müssen, wie

andere Epidemien auch, von selbst verlöschen.

Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes Capistranus in dem ob der

Leichtfertigkeit seiner Weiber verschrienen Ulm -- »Huet dich vor

Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter Handschrift von 1410 -- die

Geister seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen wusste, dass drei

Frauen, die des Predigers spotteten, vom Volke auf der Strasse

gelyncht wurden[9], so fand es doch der Rat für gut, den Störenfried

aus der Stadt zu weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten doch

nichts, wohl aber geschadet.

[9] Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509.

Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges, sondern direkt

Schamloses verlangte die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen von

Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo der Rat verbieten musste, völlig

nackt in der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen[10], die ich als

Ausnahme gelten lassen will, denn soweit verstieg sich denn doch die

Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch genug Schandbares, besonders

in der Männerkleidung, übrig. »Hinden plotz und vor verschamt,«

spottet Suchenwirt über das hinten möglichst anliegende, dafür vorn um

so weiter auslegende Beinkleid. Conrad Celtes, der berühmte Humanist

(† 1508) spricht sich in seiner »Descriptio Urbis Norinbergae«

(Beschreibung der Stadt Nürnberg) Kap. VI über diese Moden also aus:

Er schildert erst, dass die Leute meist in schwarz nach der Mode

verschiedener Länder gekleidet seien und fährt dann fort: Bald in

weiten, faltenreichen Kleidern nach Art der Sarmaten, eine Binde

umgiebt den Kopf und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen sie

die heimische Tracht gegen Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien,

bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit Borten besetzte Mäntel und

Röcke mit Ärmel, #bald pressen sie den Körper aufs knappste in enge

Hosen und Unterkleider, so dass alle Formen des Leibes sich scharf

ausprägen# ....

[10] Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag vor Corpus Christi

1503, bei Scherr.

Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden Beinlinge konnten, um dem

Träger das Bücken nicht unmöglich zu machen, nur einseitig befestigt

werden, wodurch sie meist hinten hinabrutschten, was allein schon

Anlass zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein des Anstosses waren die

Hosenlätze. Um das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern, setzte

man auf den Vorderteil des Beinkleides einen Latz auf, was an sich

vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen wäre, wenn die

Modelaune nicht verlangt hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen

diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam hinzulenken.

Man suchte diesen Zweck auf verschiedene Weise zu erreichen. Entweder

fertigte man den Latz in einer anderen Farbe an, als die Hose selbst

hatte, wodurch der Latz um so auffallender wurde, besonders dann, wenn

die einzelnen Beinlinge ohnehin schon in mi-parti, d. h. in zweierlei

Farben angefertigt waren. Oder man stopfte den Latz derart aus, dass

er weit aus der Hose hervorstand, so dass Joh. Fischart von

Ochsenköpfen-, Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein- u. s. w. Lätzen

reden konnte und ein Fliegendes Blatt 1555[11] sagt: »Ein Latz muss

sein darneben, wol eines Kalbskopfs gross.« Der Nürnberger Rat rügte

dies mit derben Worten, die erkennen lassen, dass diese Latzarten

ebenso verschiedenartig wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen

mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare übung und gewonhait

entstannden ist, also das sie ire letz an den hosen on notturfft

grössen lassen und dieselben an tenntzen und anderhalben vor erbarn

frowen und junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt tragen, das

dann nit alleyn Got, sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht wider

und unzymlich ist, demnach ist ein erber rat daran komen, vestigclich

gebiettennde, das hinfüro eyn yedes mannspilde, burger oder inwoner

dieser statt, seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt, offenn

oder sichtigclich dragen, sonnder alle seine cleyder dermassen machen

lassen und geprawchen soll, damit sein scham und latz der hosen wol

bedeckt unnd nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher sich also damit

entplosset und desshalb gerügt oder fürbracht wurde, und sich das mit

seinem rechten nit benemen möcht, der solle darumb von eyner yeden

überfaren fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner statt zu puss

verfallen sein und geben drey guldin.«[12]

[11] Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525.

[12] Bader, Polizeiordnungen, S. 105.

Eine Strassburger Verordnung vom 8. August 1480 befiehlt allen

»snydern, meistern und knechten bei iren eiden« hinfüro keine kurzen

Mäntel mehr zu machen, die den Latz nicht bedecken, »doch mögent sie

es eym jeglichen wol lange machen.«[13]

[13] J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft- und

Polizeiordnungen, Strassb. 1889.

Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit diese Mode nicht

ungerügt lassen. »Ich hab hören einen Mönch predigen, einen Bruder aus

der Observanz: als dieser verdammt und heftig red'te wider den

Überfluss der Kleider und wider den unverschamten Form, der daran und

darin gemacht würd', beschloss er zuletzt auf #die# Weis mit solchen

Worten: Die Buhler in unserer stadt sie strecken ihre Lätz, so weit

aus den Hosen herfür, verwickelns auch und verstopfens mit so viel

Tüchlein, dass, so die Metzen wähnen, es seind Zumpen, so sind es

Lumpen.«[14]

[14] Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae (Argentine

1509) i. iiij b.

Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker konnten diesen Moden etwas

anhaben, sie bestanden allen Widersachern zum Trotz ruhig fort, ohne

sich viel um Edikte und Schmähungen zu kümmern. Männer und Frauen

blieben gleich kühl und thaten, was ihnen gefiel. Dies beweist

schlagend folgende Notiz in der Eurisheimer Chronik[15]: »Anno 1492

was der Hoffart so viel, dass man weder geschrieben noch gelesen fand.

dan man trug selzame Kleider, besonders die mann, von vielen farben

und stückern, von flammen, bäumen, von asten, laubern und von

buchstaben, das ist in warheit war, dass man wol ein wammest und

hossen fand, das so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und kost ein

kleid alweg zweymal so viel zu machen, als das tuch dazu. Und trug das

jung volck röck, die giengen mit mehr dann eyner hand breyt under dem

gürtel, und sach man ihm die bruch -- kurze Unterhose -- hinten und

vornen und was so scharf gemacht, das im die hosen die arsskerb

austheilten, das was ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn gross

und spitz voraus gohn, und man einer vor dem tisch stund, so lag ihm

die zull auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser, König, Fürsten und

herren und für ehrbare frauen. Und gieng es so schandbar zu unter

frauen und mannen, dass es gott leyd was. Die #frauen# trugen röck,

dass man ihnen die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen und hinten

mitten in rücken, und köstlich von tuch und um das hauptloch und ermel

was von seiten belegt« u. s. w.

[15] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg. 1857 S. 380.

Gleich scharf geht Sebastian Brant in seinem 1494 erschienenen

Narrenschiff gegen die Modethorheiten ins Gericht.

»Auch Mädchen haben Narrenröcke;

Sie wollen jetzt tragen offenbar

Was sonst für #Männer# schändlich war:

Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke,

Dass man den Milchmarkt nicht bedecke;

Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe

Und machen Hörner auf die Köpfe,

Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier;

Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«[16]

[16] Vorrede zum Narrenschiff.

heisst es über die Frauen, dann wieder mit edler Unparteilichkeit vom

stärkeren Geschlecht und seiner Gigerlhaftigheit:

»Was sonst wol war ein schändlich Ding,

Das schätzt man schlicht jetzt und gering:

Sonst trug mit Ehren man den Bart,

Jetzt lernen Männer Weiberart

Und schmieren sich mit Affenschmalz

Und lassen am entblössten Hals

Viel Ring' und goldne Ketten sehn,

Als sollten sie vor Lienhart stehn.

Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar'

Und schlägt darein dann Eierklar,

Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus.

#Der# hängt den Kopf zum Fenster 'raus,

#Der# bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer.

Darunter sind die Läus nicht theuer.

Die können es jetzt wol aushalten,

Denn alle Kleider sind voll Falten:

So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh,

Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu,

Wildschur und die Verbrämung d'ran:

Der #Juden# Sitt' man sehen kann.

Vor #einer# Mod' die #andre# weicht,

Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht

Und wandelbar zu aller Schande,

Und wieviel Neuerung ist im Lande.

Der Rock, -- wie kurz und wie beschnitten! --

Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten!

Pfui Schande deutscher Nation,

Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn,

Und zeigt, was die Natur verhehlt!

Drum ist es leider schlecht bestellt......«[17]

[17] IV von nuwen Funden (von neuen Moden).

Geiler von Kaisersberg kommentiert in seinen Predigten über das

Narrenschiff diesen Text in seiner geistvollen Weise, wobei er aber

manches von Brant nur Angedeutete mit Behagen breittritt. Er spricht

von den zerschnittenen und zerstochenen Wämsern, die vorn so offen

sind, »das man mannen und frauen in busen sehen kann, den brustkernen,

het schier gesagt: den brusthurenspiegel.« Geiler resümiert ferner in

seiner Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b) alle nützen wie

unnützen Zierden, mit denen sich die Frauen zu verschönern suchen: Für

unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées), das har krauss machen;

2. Halsbänder; 3. Spangen von den Frauen an der Brust getragen; 4.

Stirnschmuck, »do sein etwa berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander

edelgestein«; 5. Armzierden, als gestickte Ärmel, die sie auf den

Achseln tragen, »und silbrin steffzen an den menteln; 6. Ohrringe,

»als die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz an den Röcken und an

den menteln«; 8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz an den

mussecken (Brüsten) muss herussgon«; 9. Die stumpfen und die spitzen

Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen, die keiner Knöpfe bedürfen;

11. Die zerhauenen Kleider, »wenn sie sie da tragen zerschnitten und

zerhacket«[18]; 12. »#So sind es die zoepff, die die frawen machen,

da kein oder wenig har ist, und nemen frembd har und ist etwann

todten har#, das sie darzu binden und muoss dan herfür gon, das man

es sehe und man wen (man wähne), sie haben hübsch har; 13. #Die die

in das bücksslin blosen, das sie ein ferblin empfahen# (d. h. die

sich schminken, um bessere Farbe zu bekommen); 14. #Die Säcke, die

sie um sich gürten.# Wenn die #Frauen# mager sind, so nehmen sie

einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist etwann mit baumwollen

gefült«, das binden sie um sich, um dick zu erscheinen, wie ein

»brotbeckerknecht«.[19]

[18] Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog Heinrichs von

Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius, Curiositäten II. 336, erzählt von

der Braut des Herzogs, die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen

hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt habe. Die Hauptfarbe

der Seidenflicken war rot und gelb, mit zwischengesetzten Lappen in

»Rosinfarbe, Aschfarbe und Weiss«.

[19] Diese Säcke, der sogenannte #Speck#, war ein bis fünfundzwanzig

Pfund schwerer Wulst, der die Frauen aussehen machte, als ob sie sich

in anderen Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten,

S. 54.

Doch was waren alle diese Ausfälle gegen die Verbissenheit, mit

welcher protestantische Theologen, allen voran der Oberpfarrer in

Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen den aus den Niederlanden

gekommenen Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die schamlosen,

geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen Pluderhosen, zu denen bis zu

hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden musste. Zu welchen

Verwünschungen verstieg sich nicht der gelahrte Mann in seinem »Vom

zuluderten, zucht und ehrerwegenen, pludrichten Hosen Teuffel

Vermahnung und Warnung«. Es wäre kein Wunder, wenn die Sonne nicht

mehr schiene, die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den nächsten

Tagen wegen dieser greulichen und unmenschlichen Kleidung

dreinschlüge; solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten Tag

herbeiführen u. s. w. ad infinitum mit Grazie, bis sich diese

Hosenmode als Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn Gebote erwiesen

hatte. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg unterstützte seines

Lieblings Musculus' Bemühungen gegen die Pluderhosen durch Gewaltakte,

so indem er drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen in einen

Narrenkasten stecken liess, vor dem Tag und Nacht ein Musikant seine

Weisen ertönen lassen musste zur Anlockung von Neugierigen. Einmal

liess er einem Gecken auf offener Strasse die Gurten durchschneiden,

so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten und der arme Modeherr

im blossen Hemde dastand.[20]

[20] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff.

Derartige Derbheiten erregten Furcht und Unwillen, genügten aber

nicht, die nun einmal für schön gehaltene Tracht auszurotten,

ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen vermochten. Alle diese

Massregeln krankten daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren

im menschlichen Dasein, gegen die Eitelkeit richteten und sich dadurch

die Feindschaft des mächtigsten aller Geschöpfe, der Frau, zuzogen.

Was die Frau will, will Gott, und die Frau ist nun einmal zu allen

Zeiten und bei allen Völkern der Göttin Mode allzeit unterthänigste

Dienerin. Vernunftgründe und Strafen haben niemals auf die Dauer den

Willen der in solchen Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen zu

beugen vermocht; der Vernunft setzten sie weiblich schlau

ausgeklügelte Gegengründe, der Gewalt Trotz entgegen. Darum griffen

gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden Verwarnungen unbeherzigt

zu verhallen drohten und sie den Kampf gegen die Weiblichkeit, zu der

ja auch ihre Frauen und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer

durchführen wollten, zu jenem jesuitischen Auskunftsmittel, das ich

schon (S. 116) anführte, indem sie den Auswurf der mittelalterlichen

Gesellschaft -- Bordellmädchen, Henkersfrauen und -töchter,

Pfaffendirnen und Jüdinnen -- zwangen, die Missfallen erregenden Moden

anzulegen und sie dadurch für jede ehrbare Frau unmöglich zu machen.

Wenn aber auch dieses letzte Mittel nichts half, dann warfen die

Herren die Flinte ins Korn und liessen die Mode Mode sein, bis sie von

selbst durch eine andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt wurde.

Dann begann die ganze Geschichte wieder von vorn.

Liebeszauber und Zauberliebe.

Der Aberglauben, nach Bodenstedt der Glauben ohne Aber, hat alle

Wandlungen und Fortschritte der Kultur zu überstehen vermocht. In

seinen Uranfängen so alt wie die Menschheit und älter als die

Religion, aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen Begleiter

wurde, spukt er noch heute mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch

mancher allzu krasser Auswüchse beraubt, wie er es vormals gethan, wo

er alle Handlungen der Menschheit beeinflussend, selbst die hellsten

Köpfe in seinem unheilvollen Banne hielt.

Wenn Goethe einmal den Aberglauben die Poesie des Lebens nannte, so

hat er, als er diesen geistvollen Ausspruch that, jene Wahnbilder des

Aberglaubens vergessen, denen das Mittelalter jene zu Abertausenden

aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die unzähligen Unschuldigen

oder in unglückseliger Verblendung verfallenen zum grauenvollen Grabe

wurden, darum auch setzte er der erstgenannten Sentenz seine

Definition des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst, was sich über

diese Wahngebilde nur sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich

Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zusammenziehen, je

mehr man sich gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht vor ihm

sicher: trifft er aber ein dunkles Jahrhundert, so strebt des armen

Menschen umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, nach Einwirkung

ins Geisterreich, in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich eine

wundersame reiche Welt, von einem trüben Dunstkreise umgeben. Auf

ganzen Jahrhunderten lasten solche Übel und werden immer dichter und

dichter; die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit.

Die Vernunft scheint zu ihrem göttlichen Ursprunge gleich Asträa

zurückgekehrt zu sein, und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht

gelingt, seine Rechte durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das Feld

des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt: das naive, das komische,

das tragikomische und das tragische[1], so ziehe ich die einfache

Zweiteilung in gefährlichen und ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn,

um Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, jemand an die Unglückszahl

Dreizehn glaubt, so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen

in keiner Weise unheildrohend; wenn aber, wie dies leider nur zu

häufig der Fall ist, jemand noch Stein und Bein auf das Beschreien

und den bösen Blick schwört, so kann dies dem, angeblich mit dem

bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich werden, wie viele

Gerichtsverhandlungen aus ultramontanen Gegenden zur Genüge darthun.

Hingegen wird ein ursprünglich naiver Aberglauben, denn naiv ist eben

anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht auf seiner abschüssigen Bahn,

die alle vier Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem tragischen.

Und so ging es fast jedem Aberglauben des Mittelalters, wenn ein

Nebenmensch mit diesem Afterglauben in Verbindung gebracht wurde, was

vorzugsweise dann der Fall war, wenn der Aberglauben eines seiner

beiden Hauptfelder betraf: jemandem zu schaden, oder ihn sich geneigt

zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn er dem Hass oder der Liebe

Dienste leisten sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung und ihrer

Wirkung etwas Zauberhaftes an sich hat, so war für alle jene Epochen,

die blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib und Seele schworen, die

Annahme eines Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den meisten

Völkern des Altertums ist demnach auch der Glauben an zauberische

Mittel verbreitet, durch die man Liebe erwecken kann.

[1] Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und Völkerverkehr, S. 103 ff.

Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg des Mannes harrte, dem sie

sich zu Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste, räucherte mit Liebe

schaffender Kleie[2]; die Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes,

Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und anderen mehr oder weniger

ekelhaften animalischen Ingredienzien, in deren genauer Zusammensetzung

besonders die thessalischen Weiber sehr erfahren waren.

[2] Baruch 6, 42. 43.

Aus dem skandinavischen Norden kamen jene Runenstäbe nach dem

stammesverwandten Germanien, in die der zauberkundige Liebhaber

geheimnisvolle Zeichen eingekerbt, um durch sie das Herz der spröden

Geliebten sich zuzuwenden. Doch auch Tränke zu brauen verstanden jene

Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen im Waldesdüster ihr

Dasein verträumten, mit Odins geheiligtem Tiere, dem Raben, als

einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen, Liedern und Runen wussten sie

die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen zu segnen und wirksam

zu machen.[3] Man küsste die Geliebte, denn im Kusse lag ein

allmächtiger Zauber[4], ehedem wie heute, und wer dieser Macht nicht

traute, verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im Munde.[5]

[3] Weinhold a. a. O. I. 236.

[4] Grimm, Mythologie, 1055.

[5] Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30.

Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich die Bereitung von

Liebesmitteln zu einer Geheimwissenschaft aus, die den leitenden

Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei Wege, durch Arcana und

auf sympathetische Weise, Liebe erwecken könne.

Die Medikamente bestanden vornehmlich aus den abscheulichsten Teilen

von Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen, beziehungsweise, wenn

einer Frau Gegenliebe octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen

einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren und Exkrementen. Doch alle

diese Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte Gliedmassen verwendeten,

sind lieblich zu nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten

Medikamenten der Liebestränke, die vom Menschen selbst genommen

wurden. Zu den harmlosesten Dingen dieser Art zählt noch die

vielgebrauchte Frauenmilch. Eine lustige Geschichte über den Zauber

durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer[6] dem Diarium des Andreas

Ratisponensis, das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt: »In der

obern Pfalz hat sich wie landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich in

eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und da sie in dem Kindbett

gelegen, von ihrer Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, etlich

Tropfen von der Frauenmilch begehrt. Die gab ihm aber Geissenmilch.

Was er damit gethan, ist unbewusst, das aber hat er erfahren, dass ihm

die Geiss in die Kirch bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl

nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne hätte thun müssen, so er ihre

Milch zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers nicht ledig werden, bis er

es kaufte und schlachten liess.«

[6] »Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«, 1653.

Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit dieses Liebesmittels drückte

sich in Harsdörfers Vortrag aus, und ebensowenig wie dieses geistvolle

Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer

seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts irgend einen

Zweifel an Liebestränken und Liebesbissen, über deren ekelhafteste

Zuthaten ich einen anderen berichten lassen will. Chr. von Hellwig,

der unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann ein von Borniertheiten

strotzendes Buch von Heilmitteln herausgab[7], von dem Scheible in

Stuttgart einen Neudruck veranstaltete, schreibt: »Zu magischen und

teuflischen Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen teils

allerhand Worte, Zeichen, Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils

brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein Stückchen Tuch von der

Kleidung oder sonst etwas von der Person, welches sie vergraben, es

sei nun unter die Thüre oder eine andere Schwelle. Huren und

dergleichen Gesindel, erwählen zwar auch natürliche Dinge aus allen

drei Naturreichen; sie bedienen sich ihrer monatlichen Blume, des

Mannes Samen, Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel, Haar,

Nägel, Nabelschnur, Gehirn von einer Quappe oder Aalraupen, welch

letztere hierin vor ein Spezificum gehalten wird die Liebe zu

erwecken.« Das Register hat ein Loch, denn Kräutermann hat eine

Ingredienz vergessen -- den Kot der Liebsten.[8]

Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit · 第 15 / 18 段