Der Geistlichkeit waren derartige Verbote Wasser auf ihre Mühlen, sie
setzten in ihren Predigten immer noch Trümpfe auf, wie Murner, der
sich auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt
die Wahrheit sagt:
Die Fraun der Scham entbehren thun.
So gross ward jetzund schlechte Zucht,
Dass man in #Blösse Zierde# sucht:
Man sieht ihnen mitten auf den Rücken
Und meisterhaft sie können schicken
Die Brüst' herfür, recht mit Behagen,
Die von Gestellen sind getragen;
Sie könnten sonst im Tuch ersticken.
»Mehr als die Hälfte lass' ich blicken,
Dass sie den Narren Lockung sei'n.
›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹,
Wenn er die Brust will greifen an:
›Was seid ihr für ein böser Mann!‹
Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr,
So frech noch nie ein Mannsbild war!«
Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt,
Als wenn dem Esel der Sack entfällt.
Ganz heimlich greift sie mit der Hand,
Indem sie leistet Widerstand,
Und hängt ganz still das Häkchen aus,
Damit der Milchmarkt fällt heraus.[8]
[8] Narrenbeschw. 26. 44 ff.
»Ich hort einist von eim Fürsten, der sprach zuo mir: »eintweders
unsere frawen lernen von den metzen ihr cleidung oder aber die metzen
lernen von unsern frawen die cleidung,« sagt Geiler in seinen
»Brösamlin«. Sie malten nach Murners Vorbild die Zuchtlosigkeit der
Kleidung recht schön deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft
zerknirscht, aber nicht gebessert. Narrheiten und Moden ist eben mit
Verboten nicht beizukommen, sie wirken ansteckend und müssen, wie
andere Epidemien auch, von selbst verlöschen.
Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes Capistranus in dem ob der
Leichtfertigkeit seiner Weiber verschrienen Ulm -- »Huet dich vor
Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter Handschrift von 1410 -- die
Geister seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen wusste, dass drei
Frauen, die des Predigers spotteten, vom Volke auf der Strasse
gelyncht wurden[9], so fand es doch der Rat für gut, den Störenfried
aus der Stadt zu weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten doch
nichts, wohl aber geschadet.
[9] Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509.
Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges, sondern direkt
Schamloses verlangte die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen von
Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo der Rat verbieten musste, völlig
nackt in der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen[10], die ich als
Ausnahme gelten lassen will, denn soweit verstieg sich denn doch die
Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch genug Schandbares, besonders
in der Männerkleidung, übrig. »Hinden plotz und vor verschamt,«
spottet Suchenwirt über das hinten möglichst anliegende, dafür vorn um
so weiter auslegende Beinkleid. Conrad Celtes, der berühmte Humanist
(† 1508) spricht sich in seiner »Descriptio Urbis Norinbergae«
(Beschreibung der Stadt Nürnberg) Kap. VI über diese Moden also aus:
Er schildert erst, dass die Leute meist in schwarz nach der Mode
verschiedener Länder gekleidet seien und fährt dann fort: Bald in
weiten, faltenreichen Kleidern nach Art der Sarmaten, eine Binde
umgiebt den Kopf und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen sie
die heimische Tracht gegen Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien,
bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit Borten besetzte Mäntel und
Röcke mit Ärmel, #bald pressen sie den Körper aufs knappste in enge
Hosen und Unterkleider, so dass alle Formen des Leibes sich scharf
ausprägen# ....
[10] Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag vor Corpus Christi
1503, bei Scherr.
Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden Beinlinge konnten, um dem
Träger das Bücken nicht unmöglich zu machen, nur einseitig befestigt
werden, wodurch sie meist hinten hinabrutschten, was allein schon
Anlass zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein des Anstosses waren die
Hosenlätze. Um das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern, setzte
man auf den Vorderteil des Beinkleides einen Latz auf, was an sich
vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen wäre, wenn die
Modelaune nicht verlangt hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen
diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam hinzulenken.
Man suchte diesen Zweck auf verschiedene Weise zu erreichen. Entweder
fertigte man den Latz in einer anderen Farbe an, als die Hose selbst
hatte, wodurch der Latz um so auffallender wurde, besonders dann, wenn
die einzelnen Beinlinge ohnehin schon in mi-parti, d. h. in zweierlei
Farben angefertigt waren. Oder man stopfte den Latz derart aus, dass
er weit aus der Hose hervorstand, so dass Joh. Fischart von
Ochsenköpfen-, Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein- u. s. w. Lätzen
reden konnte und ein Fliegendes Blatt 1555[11] sagt: »Ein Latz muss
sein darneben, wol eines Kalbskopfs gross.« Der Nürnberger Rat rügte
dies mit derben Worten, die erkennen lassen, dass diese Latzarten
ebenso verschiedenartig wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen
mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare übung und gewonhait
entstannden ist, also das sie ire letz an den hosen on notturfft
grössen lassen und dieselben an tenntzen und anderhalben vor erbarn
frowen und junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt tragen, das
dann nit alleyn Got, sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht wider
und unzymlich ist, demnach ist ein erber rat daran komen, vestigclich
gebiettennde, das hinfüro eyn yedes mannspilde, burger oder inwoner
dieser statt, seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt, offenn
oder sichtigclich dragen, sonnder alle seine cleyder dermassen machen
lassen und geprawchen soll, damit sein scham und latz der hosen wol
bedeckt unnd nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher sich also damit
entplosset und desshalb gerügt oder fürbracht wurde, und sich das mit
seinem rechten nit benemen möcht, der solle darumb von eyner yeden
überfaren fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner statt zu puss
verfallen sein und geben drey guldin.«[12]
[11] Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525.
[12] Bader, Polizeiordnungen, S. 105.
Eine Strassburger Verordnung vom 8. August 1480 befiehlt allen
»snydern, meistern und knechten bei iren eiden« hinfüro keine kurzen
Mäntel mehr zu machen, die den Latz nicht bedecken, »doch mögent sie
es eym jeglichen wol lange machen.«[13]
[13] J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft- und
Polizeiordnungen, Strassb. 1889.
Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit diese Mode nicht
ungerügt lassen. »Ich hab hören einen Mönch predigen, einen Bruder aus
der Observanz: als dieser verdammt und heftig red'te wider den
Überfluss der Kleider und wider den unverschamten Form, der daran und
darin gemacht würd', beschloss er zuletzt auf #die# Weis mit solchen
Worten: Die Buhler in unserer stadt sie strecken ihre Lätz, so weit
aus den Hosen herfür, verwickelns auch und verstopfens mit so viel
Tüchlein, dass, so die Metzen wähnen, es seind Zumpen, so sind es
Lumpen.«[14]
[14] Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae (Argentine
1509) i. iiij b.
Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker konnten diesen Moden etwas
anhaben, sie bestanden allen Widersachern zum Trotz ruhig fort, ohne
sich viel um Edikte und Schmähungen zu kümmern. Männer und Frauen
blieben gleich kühl und thaten, was ihnen gefiel. Dies beweist
schlagend folgende Notiz in der Eurisheimer Chronik[15]: »Anno 1492
was der Hoffart so viel, dass man weder geschrieben noch gelesen fand.
dan man trug selzame Kleider, besonders die mann, von vielen farben
und stückern, von flammen, bäumen, von asten, laubern und von
buchstaben, das ist in warheit war, dass man wol ein wammest und
hossen fand, das so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und kost ein
kleid alweg zweymal so viel zu machen, als das tuch dazu. Und trug das
jung volck röck, die giengen mit mehr dann eyner hand breyt under dem
gürtel, und sach man ihm die bruch -- kurze Unterhose -- hinten und
vornen und was so scharf gemacht, das im die hosen die arsskerb
austheilten, das was ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn gross
und spitz voraus gohn, und man einer vor dem tisch stund, so lag ihm
die zull auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser, König, Fürsten und
herren und für ehrbare frauen. Und gieng es so schandbar zu unter
frauen und mannen, dass es gott leyd was. Die #frauen# trugen röck,
dass man ihnen die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen und hinten
mitten in rücken, und köstlich von tuch und um das hauptloch und ermel
was von seiten belegt« u. s. w.
[15] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg. 1857 S. 380.
Gleich scharf geht Sebastian Brant in seinem 1494 erschienenen
Narrenschiff gegen die Modethorheiten ins Gericht.
»Auch Mädchen haben Narrenröcke;
Sie wollen jetzt tragen offenbar
Was sonst für #Männer# schändlich war:
Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke,
Dass man den Milchmarkt nicht bedecke;
Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe
Und machen Hörner auf die Köpfe,
Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier;
Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«[16]
[16] Vorrede zum Narrenschiff.
heisst es über die Frauen, dann wieder mit edler Unparteilichkeit vom
stärkeren Geschlecht und seiner Gigerlhaftigheit:
»Was sonst wol war ein schändlich Ding,
Das schätzt man schlicht jetzt und gering:
Sonst trug mit Ehren man den Bart,
Jetzt lernen Männer Weiberart
Und schmieren sich mit Affenschmalz
Und lassen am entblössten Hals
Viel Ring' und goldne Ketten sehn,
Als sollten sie vor Lienhart stehn.
Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar'
Und schlägt darein dann Eierklar,
Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus.
#Der# hängt den Kopf zum Fenster 'raus,
#Der# bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer.
Darunter sind die Läus nicht theuer.
Die können es jetzt wol aushalten,
Denn alle Kleider sind voll Falten:
So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh,
Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu,
Wildschur und die Verbrämung d'ran:
Der #Juden# Sitt' man sehen kann.
Vor #einer# Mod' die #andre# weicht,
Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht
Und wandelbar zu aller Schande,
Und wieviel Neuerung ist im Lande.
Der Rock, -- wie kurz und wie beschnitten! --
Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten!
Pfui Schande deutscher Nation,
Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn,
Und zeigt, was die Natur verhehlt!
Drum ist es leider schlecht bestellt......«[17]
[17] IV von nuwen Funden (von neuen Moden).
Geiler von Kaisersberg kommentiert in seinen Predigten über das
Narrenschiff diesen Text in seiner geistvollen Weise, wobei er aber
manches von Brant nur Angedeutete mit Behagen breittritt. Er spricht
von den zerschnittenen und zerstochenen Wämsern, die vorn so offen
sind, »das man mannen und frauen in busen sehen kann, den brustkernen,
het schier gesagt: den brusthurenspiegel.« Geiler resümiert ferner in
seiner Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b) alle nützen wie
unnützen Zierden, mit denen sich die Frauen zu verschönern suchen: Für
unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées), das har krauss machen;
2. Halsbänder; 3. Spangen von den Frauen an der Brust getragen; 4.
Stirnschmuck, »do sein etwa berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander
edelgestein«; 5. Armzierden, als gestickte Ärmel, die sie auf den
Achseln tragen, »und silbrin steffzen an den menteln; 6. Ohrringe,
»als die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz an den Röcken und an
den menteln«; 8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz an den
mussecken (Brüsten) muss herussgon«; 9. Die stumpfen und die spitzen
Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen, die keiner Knöpfe bedürfen;
11. Die zerhauenen Kleider, »wenn sie sie da tragen zerschnitten und
zerhacket«[18]; 12. »#So sind es die zoepff, die die frawen machen,
da kein oder wenig har ist, und nemen frembd har und ist etwann
todten har#, das sie darzu binden und muoss dan herfür gon, das man
es sehe und man wen (man wähne), sie haben hübsch har; 13. #Die die
in das bücksslin blosen, das sie ein ferblin empfahen# (d. h. die
sich schminken, um bessere Farbe zu bekommen); 14. #Die Säcke, die
sie um sich gürten.# Wenn die #Frauen# mager sind, so nehmen sie
einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist etwann mit baumwollen
gefült«, das binden sie um sich, um dick zu erscheinen, wie ein
»brotbeckerknecht«.[19]
[18] Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog Heinrichs von
Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius, Curiositäten II. 336, erzählt von
der Braut des Herzogs, die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen
hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt habe. Die Hauptfarbe
der Seidenflicken war rot und gelb, mit zwischengesetzten Lappen in
»Rosinfarbe, Aschfarbe und Weiss«.
[19] Diese Säcke, der sogenannte #Speck#, war ein bis fünfundzwanzig
Pfund schwerer Wulst, der die Frauen aussehen machte, als ob sie sich
in anderen Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten,
S. 54.
Doch was waren alle diese Ausfälle gegen die Verbissenheit, mit
welcher protestantische Theologen, allen voran der Oberpfarrer in
Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen den aus den Niederlanden
gekommenen Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die schamlosen,
geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen Pluderhosen, zu denen bis zu
hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden musste. Zu welchen
Verwünschungen verstieg sich nicht der gelahrte Mann in seinem »Vom
zuluderten, zucht und ehrerwegenen, pludrichten Hosen Teuffel
Vermahnung und Warnung«. Es wäre kein Wunder, wenn die Sonne nicht
mehr schiene, die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den nächsten
Tagen wegen dieser greulichen und unmenschlichen Kleidung
dreinschlüge; solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten Tag
herbeiführen u. s. w. ad infinitum mit Grazie, bis sich diese
Hosenmode als Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn Gebote erwiesen
hatte. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg unterstützte seines
Lieblings Musculus' Bemühungen gegen die Pluderhosen durch Gewaltakte,
so indem er drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen in einen
Narrenkasten stecken liess, vor dem Tag und Nacht ein Musikant seine
Weisen ertönen lassen musste zur Anlockung von Neugierigen. Einmal
liess er einem Gecken auf offener Strasse die Gurten durchschneiden,
so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten und der arme Modeherr
im blossen Hemde dastand.[20]
[20] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff.
Derartige Derbheiten erregten Furcht und Unwillen, genügten aber
nicht, die nun einmal für schön gehaltene Tracht auszurotten,
ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen vermochten. Alle diese
Massregeln krankten daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren
im menschlichen Dasein, gegen die Eitelkeit richteten und sich dadurch
die Feindschaft des mächtigsten aller Geschöpfe, der Frau, zuzogen.
Was die Frau will, will Gott, und die Frau ist nun einmal zu allen
Zeiten und bei allen Völkern der Göttin Mode allzeit unterthänigste
Dienerin. Vernunftgründe und Strafen haben niemals auf die Dauer den
Willen der in solchen Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen zu
beugen vermocht; der Vernunft setzten sie weiblich schlau
ausgeklügelte Gegengründe, der Gewalt Trotz entgegen. Darum griffen
gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden Verwarnungen unbeherzigt
zu verhallen drohten und sie den Kampf gegen die Weiblichkeit, zu der
ja auch ihre Frauen und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer
durchführen wollten, zu jenem jesuitischen Auskunftsmittel, das ich
schon (S. 116) anführte, indem sie den Auswurf der mittelalterlichen
Gesellschaft -- Bordellmädchen, Henkersfrauen und -töchter,
Pfaffendirnen und Jüdinnen -- zwangen, die Missfallen erregenden Moden
anzulegen und sie dadurch für jede ehrbare Frau unmöglich zu machen.
Wenn aber auch dieses letzte Mittel nichts half, dann warfen die
Herren die Flinte ins Korn und liessen die Mode Mode sein, bis sie von
selbst durch eine andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt wurde.
Dann begann die ganze Geschichte wieder von vorn.
Liebeszauber und Zauberliebe.
Der Aberglauben, nach Bodenstedt der Glauben ohne Aber, hat alle
Wandlungen und Fortschritte der Kultur zu überstehen vermocht. In
seinen Uranfängen so alt wie die Menschheit und älter als die
Religion, aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen Begleiter
wurde, spukt er noch heute mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch
mancher allzu krasser Auswüchse beraubt, wie er es vormals gethan, wo
er alle Handlungen der Menschheit beeinflussend, selbst die hellsten
Köpfe in seinem unheilvollen Banne hielt.
Wenn Goethe einmal den Aberglauben die Poesie des Lebens nannte, so
hat er, als er diesen geistvollen Ausspruch that, jene Wahnbilder des
Aberglaubens vergessen, denen das Mittelalter jene zu Abertausenden
aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die unzähligen Unschuldigen
oder in unglückseliger Verblendung verfallenen zum grauenvollen Grabe
wurden, darum auch setzte er der erstgenannten Sentenz seine
Definition des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst, was sich über
diese Wahngebilde nur sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich
Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zusammenziehen, je
mehr man sich gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht vor ihm
sicher: trifft er aber ein dunkles Jahrhundert, so strebt des armen
Menschen umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, nach Einwirkung
ins Geisterreich, in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich eine
wundersame reiche Welt, von einem trüben Dunstkreise umgeben. Auf
ganzen Jahrhunderten lasten solche Übel und werden immer dichter und
dichter; die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit.
Die Vernunft scheint zu ihrem göttlichen Ursprunge gleich Asträa
zurückgekehrt zu sein, und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht
gelingt, seine Rechte durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das Feld
des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt: das naive, das komische,
das tragikomische und das tragische[1], so ziehe ich die einfache
Zweiteilung in gefährlichen und ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn,
um Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, jemand an die Unglückszahl
Dreizehn glaubt, so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen
in keiner Weise unheildrohend; wenn aber, wie dies leider nur zu
häufig der Fall ist, jemand noch Stein und Bein auf das Beschreien
und den bösen Blick schwört, so kann dies dem, angeblich mit dem
bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich werden, wie viele
Gerichtsverhandlungen aus ultramontanen Gegenden zur Genüge darthun.
Hingegen wird ein ursprünglich naiver Aberglauben, denn naiv ist eben
anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht auf seiner abschüssigen Bahn,
die alle vier Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem tragischen.
Und so ging es fast jedem Aberglauben des Mittelalters, wenn ein
Nebenmensch mit diesem Afterglauben in Verbindung gebracht wurde, was
vorzugsweise dann der Fall war, wenn der Aberglauben eines seiner
beiden Hauptfelder betraf: jemandem zu schaden, oder ihn sich geneigt
zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn er dem Hass oder der Liebe
Dienste leisten sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung und ihrer
Wirkung etwas Zauberhaftes an sich hat, so war für alle jene Epochen,
die blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib und Seele schworen, die
Annahme eines Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den meisten
Völkern des Altertums ist demnach auch der Glauben an zauberische
Mittel verbreitet, durch die man Liebe erwecken kann.
[1] Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und Völkerverkehr, S. 103 ff.
Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg des Mannes harrte, dem sie
sich zu Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste, räucherte mit Liebe
schaffender Kleie[2]; die Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes,
Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und anderen mehr oder weniger
ekelhaften animalischen Ingredienzien, in deren genauer Zusammensetzung
besonders die thessalischen Weiber sehr erfahren waren.
[2] Baruch 6, 42. 43.
Aus dem skandinavischen Norden kamen jene Runenstäbe nach dem
stammesverwandten Germanien, in die der zauberkundige Liebhaber
geheimnisvolle Zeichen eingekerbt, um durch sie das Herz der spröden
Geliebten sich zuzuwenden. Doch auch Tränke zu brauen verstanden jene
Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen im Waldesdüster ihr
Dasein verträumten, mit Odins geheiligtem Tiere, dem Raben, als
einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen, Liedern und Runen wussten sie
die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen zu segnen und wirksam
zu machen.[3] Man küsste die Geliebte, denn im Kusse lag ein
allmächtiger Zauber[4], ehedem wie heute, und wer dieser Macht nicht
traute, verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im Munde.[5]
[3] Weinhold a. a. O. I. 236.
[4] Grimm, Mythologie, 1055.
[5] Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30.
Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich die Bereitung von
Liebesmitteln zu einer Geheimwissenschaft aus, die den leitenden
Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei Wege, durch Arcana und
auf sympathetische Weise, Liebe erwecken könne.
Die Medikamente bestanden vornehmlich aus den abscheulichsten Teilen
von Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen, beziehungsweise, wenn
einer Frau Gegenliebe octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen
einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren und Exkrementen. Doch alle
diese Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte Gliedmassen verwendeten,
sind lieblich zu nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten
Medikamenten der Liebestränke, die vom Menschen selbst genommen
wurden. Zu den harmlosesten Dingen dieser Art zählt noch die
vielgebrauchte Frauenmilch. Eine lustige Geschichte über den Zauber
durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer[6] dem Diarium des Andreas
Ratisponensis, das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt: »In der
obern Pfalz hat sich wie landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich in
eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und da sie in dem Kindbett
gelegen, von ihrer Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, etlich
Tropfen von der Frauenmilch begehrt. Die gab ihm aber Geissenmilch.
Was er damit gethan, ist unbewusst, das aber hat er erfahren, dass ihm
die Geiss in die Kirch bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl
nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne hätte thun müssen, so er ihre
Milch zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers nicht ledig werden, bis er
es kaufte und schlachten liess.«
[6] »Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«, 1653.
Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit dieses Liebesmittels drückte
sich in Harsdörfers Vortrag aus, und ebensowenig wie dieses geistvolle
Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer
seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts irgend einen
Zweifel an Liebestränken und Liebesbissen, über deren ekelhafteste
Zuthaten ich einen anderen berichten lassen will. Chr. von Hellwig,
der unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann ein von Borniertheiten
strotzendes Buch von Heilmitteln herausgab[7], von dem Scheible in
Stuttgart einen Neudruck veranstaltete, schreibt: »Zu magischen und
teuflischen Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen teils
allerhand Worte, Zeichen, Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils
brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein Stückchen Tuch von der
Kleidung oder sonst etwas von der Person, welches sie vergraben, es
sei nun unter die Thüre oder eine andere Schwelle. Huren und
dergleichen Gesindel, erwählen zwar auch natürliche Dinge aus allen
drei Naturreichen; sie bedienen sich ihrer monatlichen Blume, des
Mannes Samen, Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel, Haar,
Nägel, Nabelschnur, Gehirn von einer Quappe oder Aalraupen, welch
letztere hierin vor ein Spezificum gehalten wird die Liebe zu
erwecken.« Das Register hat ein Loch, denn Kräutermann hat eine
Ingredienz vergessen -- den Kot der Liebsten.[8]