Behörde ein Erstrecht entgegenzusetzen, um so mehr, wo es sich bei
ihm um altehrwürdige Institutionen handelte, die er innig verwachsen
mit seinem Leben hielt. Der Vater verzieh dem Sohne gerne, was er
selbst in der Jugend getrieben, und die Mutter, die sich vielleicht
bei den Spinnstubenscherzen den Mann ergattert, hoffte von der Tochter
dasselbe. Darum bestanden denn auch die Spinnstuben fort, bis sie die
fortgeschrittene Industrie überflüssig gemacht; heute sind sie eine
seltene Erscheinung geworden, die nur noch in entlegenen, vom Verkehre
abgeschlossenen Wald- oder Gebirgsdörfern hier und da auftauchen.
In den Spinnstuben erklangen viele der Volkslieder zum ersten Male,
die von dort aus ihren Weg in das Dörfchen und in das weite Land
fanden, jene naiv sentimentalen oder kernig derben Gesänge, die
Tagesereignisse, lokale Vorkommnisse oder irgend eine der ungeschulten
Phantasie entsprungene Erzählung in ungefügen Versen illustrieren. Um
manche dieser Lieder, wahre Perlen unserer Volkslitteratur, sei den
Spinnstuben die von ihnen geübte Unmoral herzlich gern verziehen.
Nur der Vollständigkeit halber will ich noch #die Spielkarten#
erwähnen, in deren Bildern sich häufig die Freude unserer Vorfahren an
unflätigen Scherzen ausdrückte. Derartige Karten, die z. B. Jost Amman
verfertigte, sind aber kaum in alle Volksschichten gedrungen,
ebensowenig wie die bodenlos schmutzigen Blätter, deren sich gewisse
Potentätchen des 17. und 18. Jahrhunderts bedienten, die sich
bemühten, die auf ihrer grossen Tour nach Frankreich aufgeschnappten
Versailler Cochonnerien auf deutsche Erde zu verpflanzen und neben
anderen »Desbauchen«, wie die grundehrliche, kernig-deutsche Elisabeth
Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orleans, sagt, auch Spielkarten
mit Scenen à la Marquis de Sade verwendeten. Diese Schweinereien
blieben zum Glück nur auf die »feine Gesellschaft« beschränkt, ebenso
wie jene den tollsten Ausschweifungen huldigenden »Vergnügungsvereine«
der Feigenbrüder u. s. w.
Das Schönheitsideal.
Die ganze rein sinnliche Denkungsart des Mittelalters drückt sich in
dem Schönheitsideal aus, das die berufenen Vertreter der allgemein
geltenden Anschauungen ihrer Zeit, die Dichter, der Nachwelt
überlieferten. Nur rein körperliche Schönheiten heischen sie vom
Weibe, denn wer bei ihnen schön ist, ist auch gut und edel, in einem
hässlichen Körper wohnt nur eine schwarze Seele. Je weiter sich das
Mittelalter der Neuzeit nähert, je mehr sich der Sittenverfall
ausbreitet, um so gröber und materieller werden die Anforderungen, die
man an den Frauenleib stellt, denn von seelischen Schönheiten ahnte
man nichts.
In der Epoche des Werdens, in der noch einzelne Naturlaute aus dem
germanischen Wald- und Jagdleben in das unter fremden Einflüssen
zusehends fortschreitende Leben nachklingen, teilte man den der
Germanin eigenen Rasseeigenschaften den Schönheitspreis zu. Ein bis ins
Detail gehendes Bild einer wahrhaft schönen Frau setzt Alwin Schultz[1]
mosaikartig aus allen ihm zugänglichen frühmittelalterlichen Quellen
wie folgt zusammen:
[1] Höfisches Leben z. Z. d. Minnesänger, S. 211 ff.
»Im Allgemeinen galt also damals für schön, was auch dem Römer und
Griechen, was ebenso uns heute noch so erscheint, indessen ist man in
jener Zeit etwas weniger tolerant. Wir finden zum Beispiel die
Blondine, wie die Brünette schön; gab es doch vor Kurzem eine Zeit,
die selbst das rote Haar für schön erklärte[2]: die Dichter des
Mittelalters lassen nur das goldblonde Haar gelten. Eine mässig (ze
mâzen) hohe Gestalt, blonde Haare, die glänzend, dem gesponnenen Golde
gleich, in natürliche Locken gekräuselt, bei den Frauen zumal in Fülle
lang herabwallen, ein weisser Scheitel, weisse, glatte, rundliche
Stirn, schneeweisse Schläfe, dunkle, womöglich schwarze, schmale,
gewölbte, nicht zusammenstossende Augenbrauen, leuchtende, bewegliche
Augen, eine mässig lange, nicht zu sehr vorstehende, gerade, nicht
gebogene Nase, weiche, rosig angehauchte Wangen, ein kleiner Mund mit
vollen, weichen, rothen, feurigen Lippen (ein kleinoelhitzerôter munt,
wie Ulrich von Lichtenstein sagt), kleine, weisse, gleiche und
dichtgestellte Zähne, ein ziemlich kleines, rundliches, weisses Kinn
mit einem Grübchen, kleine, weisse, rundliche Ohren galten bei Frauen
wie bei Männern für schön.
[2] Ich bemerke ausdrücklich, dass Schultz und nicht ich diesen
Ausspruch thut, denn über diese Ansicht des grossen Prager Kunst- und
Kulturhistorikers lässt sich sehr gut streiten. M.B.
Der Hals soll mässig lang und stark sein, weiss, glatt und weich, die
Kehle weiss und voll mit glatter Haut. Von einer schönen Frau
behauptete man, die Haut ihrer Kehle sei so zart, dass man, wenn die
Dame roten Wein trinkt, ihn hinabfliessen sehe.[3] Der Nacken ist
weiss, die Schultern beim Manne breit, bei Frauen schmal.
Feingebildete Achseln, runde, mässig lange Arme, weisse, lange und
weiche Hände, lange, rundliche, innen rosige Finger, deren Gelenke
nicht vorstehen, glänzende, gut gehaltene Nägel, wurden von einer
wahrhaft schönen Erscheinung gleichfalls verlangt. Den Frauen steht
wohl an ein weisser, voller Busen, rundliche, wie gedrechselte, kleine
und dicht gestellte Brüste[4]; beim Manne schätzte man eine hohe und
breite, wohlgewölbte Brust. Der Körper sollte schlank, mit feiner
beweglicher Taille gebildet sein. Die übrigen Körperteile beschreiben
die Dichter in der Regel nicht ... Die Füsse beider Geschlechter
wünschte man schmal und klein, mit gewölbter Fußsohle; endlich galt
zur Schönheit unbedingt eine weiche, glatte Haut, ein wie aus Rosen
und Lilien gemischter Teint.«[5]
[3] Philippine Welser soll über einen derartigen zarten Teint verfügt
haben. Scherr.
[4] »Zwêne epfel« oder »zwô birn«.
[5] Karl Weinhold liefert in seinem Buche »Die d. Frauen im
Mittelalter«, 2. Aufl. I., S. 222 ff., eine selbständig ausgearbeitete
Zusammenstellung der Schönheitserfordernisse, die sich aber in der
Hauptsache mit den Schultzschen Angaben deckt.
Man muss ohne weiteres zugeben, dass sich in diesem Bilde ein
geläuterter Geschmack offenbart, der dem moderner Dichter nicht
nachsteht. Konrad Flecks Beschreibung der Blancheflur in seinem »Flore
und Blancheflur« kann ohne Zusatz von einem neuzeitlichen Romantiker,
um dessen Romane sich die Familienzeitschriften reissen, adoptiert
werden. »Goldglänzende Haare umspielen die weisser als Schnee
glänzenden Schläfen. Feine, gerade Brauen ziehen sich über die Augen,
deren Gewalt sich Keiner zu erwehren vermochte; Wangen und Mund rot
und weiss, die elfenbeinernen Zähne ohne Tadel. Hals und Nacken wie
vom Schwan, die Brust voll, die Seiten lang, die Taille zart und
fein[6]« -- das dürfte ganz gut die Marlitt oder Nataly von Eschstruth
geschrieben haben, wie der alte Konrad Fleck, den schon mehr als ein
halbes Jahrtausend die kühle Erde deckt, ebenso wie der reizende
Liebesbrief aus dem 14. Jahrhundert, namentlich folgende Stelle:
[6] Weinhold a. a. O. I. S. 222.
»So var nun hin, du verst mit ere,
Und grüsse mir die minnigliche, here,
Grüss mir irn rosen-varben mund
Grüss sie von mir zu tausend stund
Grüss mir ir' wänglein rosen-var
Grüss mir ir' spilden äuglein-klar
Grüss mir ir' hälslein harmin-weiss
Grüss die liebe mir mit fleiss
Grüss mir ir herz und ire sinne
Grüss mir meins herzens Königinne ...«[7]
einen Romantiker aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum
Verfasser haben könnte.
[7] Mitgeteilt von Moritz Bermann in »Alt- und Neu-Wien«.
Kein Mensch wird es den Damen der Ritterzeit verdenken, wenn sie, als
echte Evastöchter, Reize, die ihnen Mutter Natur versagte, durch
kleine Nachhelfungen zur vollen Höhe jenes dichterischen Ideals zu
heben suchten. Man strich sich das Gesicht mit roter und weisser
Schminke an, trotzdem das Schminken nicht für anständig galt. Weisse
Farbe, Firnis, Alaun, Quecksilber, Kampfer, Weizenmehl, Rotholz,
pulverisierte Cyclamenwurzeln (_panis porciuso_) wurden zu Schminken
verarbeitet. Wer die Fabrikation der Schminke scheute, der konnte sie
von einem wandernden Krämer erstehen.
»Krämer gip die varwe mir,
Di min wengel röte«
bittet eine Ritterdame einen dieser Hausierer.[8]
[8] Christi Leiden in Fundgruben II., 247.
Im Nibelungenlied wird rühmend hervorgehoben, dass sich am Hofe des
Markgrafen Rüdigers in Bechelaren keine »gevelschet« Frauen fanden,
woraus dieses Vorkommnis als Ausnahmefall, der besonderer Erwähnung
verdient, erkannt wird. Wie allgemein die Unsitte des Schminkens
verbreitet war, geht schon daraus hervor, dass sich selbst um 1170 die
Bäuerinnen »vremde varwe« ins Gesicht schmierten, um den Töchtern
vornehmer Leute zu gleichen.[9] Auch die Herren der Schöpfung mögen
bisweilen zum Schminktopfe gegriffen haben, was aber nicht zur
Erhöhung ihres Ansehens beitrug.[10]
[9] Weinhold a. a. O. II. 311.
[10] Schultz, Höfisches Leben, S. 290.
Bruder Berthold von Regensburg erklärt diesen »Färberinnen« und
»Gilberinnen«, d. i. denen, die sich das Haar blond beizen, den Krieg,
indem er ihnen von der Kanzel herab die Worte in das Gesicht
schleudert: »Die Gemalten und Gefärbten schämen sich ihres Antlitzes,
das Gott nach sich gebildet hat, und darum wird auch er sich ihrer
schämen und sie werfen in den Abgrund der Hölle!« Der Augustinermönch
Gottschalk Hallen zu Osnabrück († 1481) sagt sogar den Nonnen nach,
dass sie sich die Gesichter anstreichen. Wie sich später die Damen
Gesicht und Körper zu korrigieren wussten, soll noch mitgeteilt
werden.
Je weiter das Mittelalter sich seinem Übergange zur Neuzeit nähert,
desto derb-sinnlicher wird der Schönheitsbegriff, bis er endlich bei
einem Punkte angelangt ist, wo das Weib nur nach seiner Tauglichkeit
zur Sinnenlust beurteilt wird.
Wenn Eberhard von Cersne einst allen Ernstes die Frage erörterte und
Zweifel darüber hegt, ob die obere oder die untere Hälfte der
Geliebten der bessere Teil sei[11], so entscheidet sich die unter dem
Zeichen des heiligen Grobianus stehende Zeit für den unteren Teil.
[11] Minneregel, edd. Weber, Vers 1019-1274.
Albrecht von Eyb, noch der Züchtigsten einer, citiert: »Es schreibt
Plautus, dass eine hübsche nackende Frau sey hübscher, denn sie ist
mit Purpur gekleidt.« Trotzdem weiss dieser gelehrte Humanist
(1420-1475) die Sittsamkeit der Frauen zu schätzen, denn sein
Schönheitsideal ist: »Ugolinus schreibt, dass die als eine hübsche
Frau werd angesehen, die da hübsch ist und geziert, von Haupt
wohlgestalt, eines fröhlichen Anblicks, von kleinen subtilen Gliedern
und schmalen Leibs, weiss als Milch und mürb als ein Hühnle, dass du
sie mit einem Nagel des Fingers schneiden magst, und ist züchtig und
schimpflich (scherzhaft) und schämig, und ist eines sittigen Gangs und
guter Sitten und ist mit Tugenden wohl geziert. Dieselbig Frau
übertrifft weit die Hübsche der Venus und ist zu preisen.«[12]
[12] Albr. von Eyb, Von der Schöne und Ungestalt der Frauen, bei
Scheible, Das Schaltjahr, II. 139.
In dieser Schilderung zeigt sich der von den Klassikern gebildete
Geist. Wo dieser fehlt, setzte man sich aus den, den Schönen der
verschiedensten Gegenden nachgerühmten Vollkommenheiten ein Ideal
zusammen, bei dem man selbst die intimsten Intimitäten nicht übersah.
Eine der zahmsten Beschreibungen dieser Art ist nachstehende Priamel:
»Ein Weib nach Hübschheit als ich sag,
Müsst haben eines Weibs Haupt von Prag
Ein Büschlein von einer aus Frankreich
Und zwei Brüstlein von Oesterreich,
Ein Kehl und Rücken von Brabant,
Von Kölner Weibern die weisse Hand,
Zwei Füsslein dort her vom Rhein
Von Baiern soll'n die Sitten sein
Und die Red dort her von Schwaben
So thäten sie die Frauen begaben.«[13]
[13] Eschenburgs Denkmäler, Bremen 1799, S. 397.
In einem ähnlichen Verschen wird die Frauenschönheit in
»fünfunddreissig Schönheitsstuck eines hübschen Jungfräuleins im
Hochzeitswald« also zerlegt:
»Drei weiss, drei schwarz, drei rothe Stück
Drei lang, drei kurze und drei dick,
Drei lang, drei kleine und drei enge,
Und sonsten rechte Breit und Länge,
Den Kopf von Prag, die Füss vom Rhein,
Die Brüst aus Oesterreich von Krain (Chrein)
Aus Frankreich den gewölbten Bauch,
Aus Baierland das Büschlein rauch,
Rücken aus Brabant, Händ aus Cöln,
Den A .... aus Schwaben küsst ihr Gselln.«
Weitere Schilderungen, so eine im Liederbuch der Hätzlerin und in den
Facetien Bebels[14] gehen #noch# mehr ins Detail, wie die angeführten,
darum verzeiht man mir wohl, wenn ich sie mir schenke. Weniger
drastisch ist die Schilderung einer Frankfurter Jungfrau, deren Lob in
einem Ständchen erklang, das in der Johannisnacht 1471 von Adolph
Knoblauch, Philipp Ratzmann, Heirt Egerheim, Arnold Schwarzenberg,
Bernhard Rohrbach und Theobald Börlin vorgetragen wurde, »und hatten
ein lauten darin und ging also«:
[14] Vulpius, Vorzeit III., S. 107.
»#Feil rosenblümelein.
Nun wach uf schöne Jungfrau fein!#
Nun kommen wir gegangen † (zweimal)
Und werden schön empfangen †
In einer schönen Jungfrauen haus
Die hie züchtig geht ein und aus
Woltet ir uns nit kennen †
So woln wir uns euch nennen:
Wir nennen uns mit rechte †
Der schön jungfrauen knechte †
Ach schön jungfrau seit wohlgemut †
Und nembt den schimpf von uns vor gut.
Sie ist so gar on argelist †
An zucht und eren ir nit gebrist †
Sie ist auch aller tugend voll: †
Was sie tut, das ziembt ir wol: †
Sie ist so tugendlich und fein †
Und leucht recht als der sonnen schein.
Sie gleicht euch wol dem hellen Tag
Kein mensch ir lob, schön preisen mag
Man kann an leib, gut oder eren
Der immer zarten nit verberen (nicht von ihr lassen) †
Sie hat ein rosenfarben mund, †
Zwei wängelein fein zu aller stund, †
Sie hat ein schönes goltfarb haar, †
Zwei äugelein lauter und klar. †
Ir zähn sind weiss als helfen bein,
Zwei brüstlein die sind rund und klein,
Ir seiten die sind dünn und lang, †
Zwei händlein schmal und dazu blank,
Ir füsslein schlecht und nit zu breit. †
Der eren kron sie billich treit. †
Jungfrau geht wieder hin zu bett. †
Gott geb euch alls, das ir gern hätt; †
Dass euer glück und heil sich mere †
Das gonn euch gott in hohen eren......
Feil rosenblümelein!
Nun schlafet schöne jungfrau fein.[15]«
[15] Bernh. Rorbachs Liber gestorum, Frankfurt a/M., bei Schultz, D.
Leben, S. 422 ff.
Um diesem Ideal möglichst nahe zu kommen, griff man schon um die Mitte
des zwölften Jahrhunderts zu den Gewaltmassregeln des Einschnürens.
Die heilige Elisabeth von Schönau (1156-57) liess dagegen schon
strenge Ermahnungen ergehen[16], die sich dann bis zum heutigen Tage
wiederholten. Zu Ende des 14. Jahrhunderts klagt ein Dichter: »Vor
Zeiten zwängte man Leib und Gewand nicht zusammen. Das hat sich jetzt
ganz verändert: die Frauen binden sich nun selbst an Leib und Armen.
Das möge Gott erbarmen, dass sich heute ein zartes Weib selbst den
hübschen Leib bindet, so dass sie sich nicht rühren kann, gleich dem,
als wäre sie in einen Sack gestossen und gebunden.«[17]
[16] »Von den newen Sitten«, Keller, Erzählungen aus altdeutschen
Handschriften, S. 676.
[17] Weinhold II., S. 262.
Der österreichische Sittendichter Peter Suchenwirt, wirft den eitlen
Weibern vor, dass sie sich die Hüften mit Watte auspolsterten.
Dasselbe rügt das Gedicht »Das Teufels Netz«; sie schnüren sich, »das
sie enmitten werdind klain (schlank)«, und wenn sie hinten »als ain
brett« sind, machen sie sich doch gross und dick, und des Nachts
hängen sie dann derartige Turnüren zum Auslüften an die Stange. In
Thüringen waren um 1400 ähnliche Polsterungen Mode.
Wo starke Brüste Mode waren, stopfte man sich die Brust aus, im
Gegenteile suchte man durch das enge Obergewand den Busen thunlichst
zu verkleinern.
Falsche Zähne, falsches Gelock[18] und andere weibliche Falschheiten
waren üppigen Frauen längst nichts Neues mehr, desgleichen die
Schminke und ihre kunstvolle Verwendung:
[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 234 ff.
»Habt ihr zu Haus auch dran gedacht,
Dass ihr das Kästchen mitgebracht,
Aus welchem ihr euch täglich putzt
Und zu dem Feiertag aufstutzt?
Das Büchslein liegt verschlossen drin,
Daraus ihr färbet euer Kinn
Und auch die Bäcklein farbig malt,
Auf dass ihr schön und zierlich strahlt;
Durch Schminke lasst die Haut ihr blitzen.«
fragt Murner.[19] Und »er Angesichte vorwanschapen (verunstalten) se
mit Düvels drecke vnde Sathans specke, dat ydt glentzet, alse eme
gemalete Hilligen larwe« sagt der Rostocker Prediger Nikolaus Gryse in
seiner Laienbibel.
[19] Narrenbeschwörung, XLIV.
»Sie värwend och ir blaichen wang,
Daz si dert her gat glitzen,
Als obs us aim badgang switzen«
steht im »Teufels Netz«.
Selbstverständlich ist die Dame ängstlich besorgt, ihre
Toilettengeheimnisse nicht zu verraten:
»Wescht, malt doby das angesicht,
Daruff hab acht ein yedes wib:
Die kunst domit sy ziert den lyb,
Das die dem mann nit kum zu henden;
Sie möcht sich selber domit schenden.
Nit strel, nit zwag, nit richt dyn har,
Das solchs ein man sehe offenbar.
Du möchst im sunst missfallen gar.«[20]
[20] Schultz, D. L., S. 365.
Die Kleidung.
Die Kleidung der Germanen war einfach und rauh wie ihre Heimat und
ihre Lebensweise. Wie Pomponius Mela berichtet, gingen die Knaben bis
zur vollendeten Reife selbst in der grössten Kälte nackt umher;
nachdem sie erwachsen sind, bedienten sie sich nur eines wollenen,
viereckigen Schulterumhangs oder einer aus Bast geflochtenen Decke.
Cäsar[1] gibt an, die Germanen trugen ein kurzes Gewand aus
Tierfellen, das einen grossen Teil des Körpers unbedeckt lasse.
Ausführlicher ist Tacitus.[2] Er schreibt: »Die allgemeine Tracht ist
ein Mantel, der mit einer Spange oder in deren Ermangelung mit einem
Dorn zusammengehalten ist. So bringen sie, ohne weitere Bekleidung,
den ganzen Tag am Herdfeuer zu. Nur die Wohlhabendsten tragen ein
besonderes Gewand, das nicht wallend, wie das sarmatische und
persische, sondern eng anliegend ist und jeden Körperteil hervortreten
lässt. Auch Tierfelle tragen sie; die in der Nähe des Rheins ohne
weitere Auswahl, die weiter im Innern mehr auserlesene, da kein
Handelsverkehr ihnen anderen Schmuck liefert. Sie suchen daher die
verschiedenen Tierarten aus und verbrämen deren Fell noch mit den
gefleckten Pelzen gewisser Tiere, die vom nördlichen Ozean und
unbekannten Küsten kommen. Das Weib hat keine andere Tracht wie der
Mann, nur kleidet es sich häufiger in leinene mit Purpurstreifen
verzierte Gewänder. Diese haben keine Ärmel, so dass Schultern, Arme
und ein Teil der Brust unbedeckt bleiben.« Strabo ergänzt dieses Bild
durch die Schilderung von Priesterinnen der Cimbrer dahin: »Unter den
mit ins Feld gezogenen Weibern befanden sich auch altersgraue,
wahrsagende Priesterinnen, in weissen Gewändern, deren Oberkleid, aus
feinem Flachs, mit einer Schnalle befestigt war, mit ehernem Gürtel
und nackten Füssen.«[3]
[1] De bello Gallico IV., 1, VI., 21.
[2] Germania, 17.
[3] Geographie, VII. Buch, 2. Kap.
Da bald nach der ersten Berührung mit den Römern die Männer sich eng
anliegende Hosen zulegten, auch die Frauen ihre Oberkleider immer
höher dem Halse zu emporsteigen liessen, so machte die altgermanische
Kleidung einen durchaus ästhetischen Eindruck, an dem selbst ein
Splitterrichter nichts auszusetzen gehabt hätte. Im frühen Mittelalter
bis zum elften Jahrhundert zeichnete sich die Gewandung durch kostbare
Stoffe in reichen Farben aus, über deren Pracht wohl hie und da eine
Stimme, sogar im Jahre 808 die erste der »Kleiderverordnungen«, laut
wird, nicht aber über den Schnitt.
Erst im elften Jahrhundert erregte die Enge der Frauenkleidung, die die
Körperformen weit plastischer hervortreten liess als die bisherige,
vom Oberkörper niederwallende, als leichtfertig und schamlos den Zorn
der Geistlichkeit. Ein Anzug eines jungen Mädchens dieser Zeit würde
auch heute nicht ganz einwandfrei passieren können. »Die Dame trägt
ein dunkelblaues, mit roten Ringornamenten gewirktes Oberkleid, das
bis auf die Oberschenkeln reicht. Das weisse Unterkleid ist von hier
an ausgeschnitten und fällt zurück. Man sieht daher die mit roten
Langstrümpfen bekleideten Beine, an denen eine Reihe weisser Knöpfe
hinunterläuft. Das Oberkleid hat um die Taille und am unteren Ende
einen breiten goldenen Bortenbesatz, am Halse einen mennigfarbenen. Die
Ärmel sind eng.«[4]
[4] von Hefner-Alteneck, Trachten I., 120, Tafel 90.
Die Bestandteile der Kleidung waren ein mehr oder weniger feines,
selbst seidenes und goldgesticktes Hemd, darüber der Rock, den um die
Taille ein Gürtel oder Riemen zusammenhielt und je nach der Jahreszeit
ein gefütterter Mantel. Die Füsse deckten genähte Strümpfe. Sonst gab
es keine Unterkleider, wenigstens waren sie nicht allgemein. Nur zu
starke Busen wurden durch ein Tuch unter dem Kleide zusammengehalten.
Bei den Bäuerinnen wird wohl das Mieder -- muoder -- den gleichen
Zweck erfüllt haben.
Die Männerkleidung jener Epoche bietet für unsere Zwecke nichts
Bemerkenswertes. Erwähnt zu werden verdient nur, dass Männer mit
Frauen in der Kostbarkeit fremdländischer Stoffe wetteiferten, wogegen
Luxusgesetze nichts auszurichten vermochten, geschweige denn
Predigten, wie sie Berthold von Regensburg hielt.
Das 14. Jahrhundert schuf einen jähen Modenwechsel. Die Männerkleider
gestalteten sich zur engen Hose, bei der man das Gesäss und jede
Muskel deutlich sah, und dem immer bizarrer werdenden Wamse um, das
immer kürzer wurde, bis es kaum eine Spanne unter den Gürtel reichte.
Man teilte es in zwei andersfarbige und anders gemusterte Hälften, wie
man auch zuweilen die Hosen aus zwei verschieden gefärbten Beinteilen
zusammensetzte. An den Füssen trug man die unschönen langen
Schnabelschuhe. In der Speierer Kleiderordnung von 1356 wird den
Männern befohlen, die kurzen Wämser länger zu machen und die
Schnabelschuhe abzulegen. Die Kölner Synode von 1371 untersagt den
Klerikern dieses Schuhwerk.
Von nun an häufen sich die Kleider- und Luxusordnungen in Stadt und
Land. Wie die Pilze nach dem Sommerregen schiessen sie empor und
jedes Nestchen im weiten deutschen Reich muss wie sein Frauenhaus
seine Kleiderordnungen haben, jene Äusserungen eines zopfigen
Windmühlenkampfes, denen schon beim Entstehen ihre Aussichtslosigkeit
prophezeit werden konnte.
Besonders gegen die Frauen richtete sich der Tenor aller
Kleiderordnungen, besonders aber gegen einen Punkt, der fast allen
diesen Edikten gemeinsam ist -- die Dekolletage.
Als die Pest, der schwarze Tod, seinen Würgezug beendet, bemächtigte
sich der Verschonten eine tolle Daseinslust, die nach den eben
durchlebten Zeiten des Grauens doppelt begreiflich erscheint. Der
Würgengel, dem Hekatomben zum Opfer gefallen, war an ihnen
vorübergegangen, wer wusste, ob er in seiner Unersättlichkeit nicht
auch sie noch dahinraffte, ehe sie ihr Leben genossen? Diese
Auffassung machte sich auf allen Gebieten des Lebens bemerkbar, am
markantesten aber in der Tracht, die die herrschende Leichtlebigkeit
wiederzuspiegeln begann. Der ernst gemessene Zuschnitt der Gewänder
veränderte sich allenthalben. Wurden die Beinkleider der Männer enger,
die Wämser bunter und kürzer, so verlängerten sich die Schleppen der
Damen, und was sie hinten an Länge zunahmen, das büssten sie an Hals
und Nacken ein.
»Unde die Frauwen drugen wide heubtfinster (Kopffenster,
Halsausschnitte) also daz man ire broste binah halbe sach.«[5] Die
Speierer Kleiderordnung von 1356, eine der ersten Erlasse dieser Art,
richtet sich gegen diese »Houbetloch«, aus dem die Schultern (ahsseln)
so verführerisch hervorlugen, ohne dass der Kleiderausschnitt auf
den Achseln aufliegt, und ebenso geht es in allen den unzähligen
Edikten[6], von denen als Beispiel eine Strassburger Verordnung hier
angeführt sei. »Item daz keine frowe, were die ist, hinnanfür me sich
nit me schürtzen sol mit iren brüsten, weder mit hemeden noch gebrisen
röcken noch mit keinre ander gevengnüsse, und daz ouch kein frowe sich
nit me verwe und locke von totten har anhencken sülle. Und sunderliche,
daz houptloch sol sin daz man ir die brüste nit gesehen müge, wenne die
houptlöcher süllent sin nutz an die ahsseln.«[7]
[5] Limburger Chronik, herausgeg. von Arthur Wyss, S. 38 ff.
[6] Eine reiche Auswahl dieser Kleiderordnungen vom l4. Jahrhundert
bis zur Gegenwart enthalten die Kostümkunde von Weiss, S. 1426 ff.,
und Schultz, Deutsches Leben, S. 302 ff.