Der Tanz ist, sobald der Fiedler oder Spielmann aufmacht, ein

stätiges, unordentliches Rennen und Laufen. Wie das unvernünftige Vieh

laufen sie durcheinander; auch mit tollem, unvernünftigem Geläuf

laufen sie von fern mit den Köpfen zusammen, und treffen eins das

andere zu Boden, nicht allein von hinten auf die Füsse, dass die

Schuhe entfallen, sondern sie rennen sich auch gar darnieder und

machen ein so gräulichen Staub, dass vernünftige, fromme Leute in der

Stube nicht bleiben können. Die Tanzenden offt durcheinander gehen,

unordentlich gehen und lauffen wie die bisenden Küh, sich werfen und

verdrehen, welches man jetzt verködern heisset. So geschiehet nun

solch schendtlich, unverschämt schwingen, werffen, verdrehen und

verködern von den Tantzteuffeln, so geschwinde, auch in aller Höhe,

wie der Bawer den Flegel schwinget, dass bissweilen den Jungfrauwen,

Dirnen und Mägden die Kleider biss über den Gürtel, ja biss über den

Kopff fliegen. Oder werffens sonst zu boden, fallen auch wol beide und

andere viele mehr, welche geschwinde und unvorsichtig hernach lauffen

und rennen, dass sie über einem hauffen liegen. Die gerne unzüchtig

Ding sehen, denen gefellt solch schwingen, fallen und Kleiderfliegen

sehr wol, lachet und seind fröhlich dabei, denn man machet jnen gar

ein fein welsch Bellvidere. Welche Jungfraw, Magd und Dirne am meisten

am Tantze herumgefüret, geschwungen, gedrehet und geschawet wirdt, die

ist die fürnembste und beste und rühmen und sagen die Mütterlein

selber: »Es ist gar bedrang umb meine Tochter am Tantze, jedermann wil

mit jr tantzen, sie hat heut am Tantz guten Markt gehabt. Auch sticht

der Narr unsre jungen und alten Witwen, die treibens ja so körbisch,

wilde und unfletig als die jungen Mägdlein ....«

»Alle Tänze sind jetzt gemeiniglich also geartet, gar wenige

ausgenommen, dass wahrlich an auch den Tänzen, die bald nach

geschehener Mahlzeit auf den Wirthschaften gehalten, nicht viel zu

loben ist, denn das junge Volk ist gar vom Teufel besessen, dass sie

keine Zucht, Ehre und Tugend mehr lieben. Die jungen Gesellen meinen,

wenn sie Fochtel und Degen neben den Tanz an der Seite tragen, sich

ungebärtig stellen, hoch springen, schreien, wüthen und drohen, sie

hätten nicht recht getanzt, zu geschweigen der unzüchtigen Worte und

Geberden, so die garstigen Esel am Tanze treiben.« Luther verdammt das

Tanzen an sich nicht, »wo es züchtig zugeht«. »Dass aber Sünde da

geschehen, ist des Tanzes Schuld nicht allein, sintemal auch über

Tisch und in der Kirche dergleichen geschehen. Gleichwie es nicht des

Essens und Trinkens Schuld ist, dass etliche zu Säuen darüber

werden.«[9]

[9] Kirchen-Postill auf den zweiten Sonntag nach Epiphanias.

In dem »Ehespiegel« des Cyriakus Spangenberg (1578), in dem 50

Brautpredigten des Verfassers enthalten sind, werden für das letzte

Viertel des 16. Jahrhunderts die alten Klagen laut. Spangenberg stellt

dem ehrbaren »Bürgerlichen« den »Buben- und Hurentanz« gegenüber, bei

denen es zuging, »dass einer schwört, es hätten die Unfläter, so

solchen Regenführern, aller Zucht und Ehre vergessen, wären taub und

unsinnig und tanzten St. Veitstanz«.

Wie es auf einem Balle oder Tanzfeste im 16. Jahrhundert zuging, davon

gibt der gelehrte markgräflich badische Rat und Obervogt zu Pforzheim,

Johann von Münster in seinem zuerst 1594 gedruckten »gottseligen

Traktat vom ungottseligen Tanz« genaue Mitteilung: »Die deutsche

allgemeine Tanzform besteht hierinnen, dass nachdem bei den Pfeiffern

und Spielleuten der Tanz zuvor bestellet ist, der Tänzer aufs

Zierlichste, Höflichste, Prächtigste und Hoffärtigste herfürtrete und

aus allen allda gegenwärtigen Jungfrauen und Frauen eine Tänzerin, zu

welcher er eine besondere Affektion trägt, jene erwähle. Dieselbe mit

Reverentz, als mit Abnehmen des Hutes, Küssen der Hände, Kniebeugen,

freundlichen Worten und anderen Ceremonien bittet, dass sie mit ihm

einen lustigen, fröhlichen und ehrlichen Tanz halten wolle. Diese

(hochnöthige) Bitte schlägt die begehrte Frauensperson nicht

leichtlich ab, unangesehen auch der Tänzer, der den Tanz von ihr

begehrt, bissweilen ein schlimmer Pflugbengel, oder ein anderer

unnützer vollgesoffener Esel, und die Frauensperson eine stattliche

vom Adel, oder andere ansehnlich denn reiche Frau oder Jungfrau ist.

Es wäre denn, dass sie um eines Verstorbenen Willen trauert oder Leid

trüge. In dem Falle ist sie, und auch eine Mannsperson entschuldigt.

So ferne noch bei dem, der den Tanz begehret, so viel Verstandes übrig

ist, dass er diese Entschuldigung annehmen will. Ist aber der Kerl gar

voll und toll, der den Tanz begehret, so muss die Frauensperson eben

wol fort. Will sie nicht tanzen, so mag sie schleiffen. Will sie im

Tanz nicht lachen und frölich springen, so mag sie weinen und sauer

aussehen und traurig tanzen. Denn er verlässt sie nicht, weil er sie

bei der Hand hat, sondern er zieht mit ihr immer fort, zum Tanze, wie

mit einem Widder zur Küche. Darüber lachen etliche, die dabei stehen

und zusehen, etliche aber, denen die Frauensperson verwandt ist, sehen

übel aus, und dürfen bisweilen mit diesem unzeitigen Tänzer Händel und

Streit anfangen. Ist aber die Frauensperson also daran, dass sie aus

wahrer Erkenntnis Gottes den Tanz hasset und dem Tänzer den Tanz

abschlägt, oder aus anderen Ursachen mit ihm zu tanzen sich weigert,

so ist das Ei zertreten. Dann fängt der Tänzer an zu fragen, oder

beschickt die Frauensperson durch seine Freunde, was sie für Ursache

habe, ihm den Tanz zu verweigern, ob er nicht redlich, ehrlich oder

gut genug dazu sei u. s. w. Zuweilen wartet der Tänzer nicht so lange,

dass er die Beschickung kann fürnehmen, sondern schämt sich auch

nicht, die Jungfrau oder Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat,

wider alle Billigkeit, Rechtlichkeit und Recht #aufs Maul zu

schlagen#. Etliche geben dem Schläger Recht und verteidigen seine lose

Sache mit den Spruch: einem ehrlichen und redlichen Mann muss und soll

man keinen Tanz weigern. Darum ist der Person Recht geschehen u. s. w.

Andere aber halten dieses (wie denn billig ist), für eine solche

unbescheidene, tyrannische That, dass sie wert sei, dass die ganze

Gesellschaft derselben sich annehme und sie räche. Daraus dann endlich

solch Werk erfolget, dass ohne Blutvergiessen und ständigem Hasse

nicht wol oder kaum kann beigelegt und verglichen werden. Wenn aber

die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, treten

sie beide herfür, geben einander die Hände, #und umfangen und küssen

sich nach Gelegenheit des Landes#[10], auch wol recht auf den Mund,

und erzeigen sich sonst mit Worten und Geberden die Freundschaft, die

sie vor langer oder kurzer Zeit gewünscht haben, einander zu erzeigen.

Darnach, wenn es zum Tanze selbst gekommen ist, halten sie erstlich

den Vortanz, derselbe gehet etwan mit ziemlicher Gravität ab. Es kann

aber in diesem Vortanz das Gespräch und Unterredung, derer die sich

lieb haben, besser gebrauchet werden, als in den Nachtanz. Dies aber

haben sie gemein, dass die Tänzer, wenn sie zum End des Gemaches, in

welchem sie tanzen, gekommen sind, wieder umkehren, und sich zu beiden

Seiten, zur rechten und zur linken, so lang wenden und treiben,

vorgehen und folgen müssen, bis der Pfeiffer aufhört zu spielen, und

ihn gelüstet, ein Zeichen zu geben, dass der Vortanz ausgetanzet sei.

Darnach ruhen sie ein wenig, stehen aber nicht lange still. Sind es

gute Freunde, so reden sie miteinander von den Dingen, die sie gern

hören. Ist aber die Freundschaft nicht so gross, so schweigen sie

still, und warten bis der Pfeiffer wiederum aufblaset zum Nachtanz. In

diesem gehet es was unordentlicher zu, als in dem vorigen. Denn

allhier des Lauffens, Tummels, Handdrückens, heimlichen Anstossens,

Springens und bäurischen Rufens und anderer ungebührlichen Dinge, die

ich Ehren wegen verschweige, nicht verschonet wird, bis dass der

Pfeiffer die Leute, die wohl gern, wenn sie könnten, einen ganzen Tag

also toller Weise zusammenliefen, durch sein Stillschweigen geschieden

hat. Da hört man denn oft einen schrecklichen Fluch über den Pfeiffer,

dass er viel zu bald den Tanz ausspielet, oder auch manchmal den Tanz

zu lang gemacht hat. Denn sie schämen sich aufzuhören zu tanzen, ehe

und bevor der Spieler aufgehört hat zu pfeiffen. Die Strafe wird ihm

bisweilen auch zugelegt, dass er noch einmal um dasselbe Geld (wie sie

reden) aufblasen muss. Da gilt es denn mit Tanzen aufs Neu. Wenn aber

der Tanz zu Ende gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum

an ihren Ort, da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt

Urlaub und bleibet auch wol #auf ihrem Schoss sitzen# und redet mit

ihr, darzu er durch den Tanz sehr gute und keine bessere Gelegenheit

hat finden mögen.«[11]

[10] Siehe hierzu das Bild Aldegrevers in M. L. Beckers prächtigem

Geschenkwerke »Der Tanz«, Verlag von Herm. Seemann Nachfolger in

Leipzig.

[11] Wilh. Angerstein, Volkstänze im deutschen Mittelalter, S. 30 ff.

Alle diese Anklagen finden amtliche Bestätigung durch die zahllosen

Tanzordnungen, wie solche die ganzen Jahrhunderte hindurch erlassen

wurden und immer wieder erneut werden mussten bis in das 17.

Jahrhundert hinein. Man gab genaue Vorschriften, wie man sich beim

Tanze zu benehmen und zu kleiden hatte, welche Tänze erlaubt und

welche verpönt waren. In Zürich war sogar das Verbot nötig, nicht »bei

nacktem Leibe« auf dem Tanzboden zu erscheinen. Nürnberg untersagte

nur das »halsen und umbfahen«, während die Sächsisch-Meissnische

Polizeiordnung von 1555 gar das Kind mit dem Bade ausschüttete, denn

sie besagt, es sei besser, für manche Orte überhaupt keinen Tanz zu

gestatten, da sich bei solchen viele Mannspersonen unzüchtig und

Ärgernis erregend benahmen. Deshalb hätten Männer und Frauen züchtig

bekleidet zu sein und müsse das unziemliche Drehen, Geschrei und

unanständige Gebärden unter allen Umständen unterbleiben. In Danzig

wurden 1530 sieben Männer und ebensoviele Weiber gestäupt und ihnen

die Stadt »auf ewig« verboten, weil sie »in nicht gebräuchlicher,

unanständiger Kleidung« öffentlich getanzt hatten.[12] In Freiburg im

Breisgau legte man 1556 die Spielleute, die bei einem Tanze mitgewirkt,

in das Spitals-Gefängnis. Als alles dies nichts half, lenkte man

in einzelnen Städten ein und sandte zu den Tanzunterhaltungen

Beamte als Zensoren, um darüber zu wachen, dass nicht allzu grobe

Ausgelassenheiten vorfielen.[13]

[12] Rudolph Voss, Der Tanz und seine Geschichte, 1869, S. 281, und

Reinöhl in »Das Kloster« IV. 421 ff.

[13] Ritter bei Rudeck a. a. O. S. 58.

Der älteste Tanz des deutschen Volkes ist der auch heute noch in

manchen entlegeneren, namentlich Gebirgsgegenden nicht gänzlich

verschwundene #Johannistanz#, wenn auch Voss seine Behauptung vom

Ursprunge dieses Tanzes unter dem vierten König der Gallier, Bardus

II., etwa 2140 oder 2174 v. Chr. G., nicht zu beweisen vermag.[14]

Immerhin besitzt er ein ehrwürdiges Alter, denn schon das sechste

Konzil zu Konstantinopel im Jahre 680 schritt gegen die »abgöttischen

Feuertänze« der Christen, der heilige Elipsius um dieselbe Zeit gegen

diese heidnische Sitte der Deutschen ein, »die an dem Johannisfeste

die Sonnwendlieder und andere teuflische Gesänge, Tanz und Sprünge

üben«. Als die Geistlichkeit einsah, diese althergebrachten Festbräuche

nicht ausrotten zu können, nahm sie sich -- sanft wie die Tauben und

klug wie die Schlangen -- ihrer an, gab ihnen durch Aufoctroyierung

eines Heiligen als Paten einen kirchlichen Charakter, und ein neuer

Feiertag mit Kirchgang und Opferung war fertig. Die Hauptsache an dem

neugebackenen St. Johannistag blieben aber die Johannisfeuer, mächtige

Scheiterhaufen, die von der Jugend unter heiteren Gesängen umtanzt und,

wenn die Flammen in den zusammengesunkenen Scheitern nur noch glimmten

und Rauchwolken den verkohlten Hölzern entströmten, mit kühnen Sätzen

durchsprungen wurden. In Stadt und Land freute sich mondelang vorher

die tanzfreudige Jugend auf den Sonnwendabend, der hoch und gering auf

den Feuerplätzen versammelt sah.

[14] a. a. O. S. 73, S. 81.

In München fand sich 1401 der lustige Herzog Stephan, Kaiser Ludwigs

des Bayern Sohn, mit seiner Gemahlin beim Sonnwendtanze ein, ebenso

tanzte König Friedrich IV. auf einem Reichstage in Regensburg 1471 im

Reigen um das Feuer. Kaiser Maximilians Sohn Philipp liess am

Johannistage 1496 auf dem Fronhof zu Augsburg einen 54 Schuh hohen

Scheiterhaufen aufrichten. Alle »Frauenzimmer« der Geschlechter waren

eingeladen und erschienen im höchsten Putze, weil bekannt worden war,

dass der Prinz eine von ihnen zum Tanze auffordern würde. Einer

schönen Ulmerin, der Susanne Neidhartin, wurde dies Glück zu teil; sie

durfte mit einer Fackel den Holzstoss entzünden, den unter Trompeten-

und Paukenschall die ganze Gesellschaft umtanzte.[15] Dass zu diesen

Tänzen auch die leichtfertigen Weiber der städtischen Bordelle

zugelassen waren, ist bereits oben mitgeteilt worden, daher dürfte es

auch nicht an Ausschreitungen gefehlt haben, wozu die Sprünge durch

das Feuer mit hochgeschürzten Kleidern willkommenen Anlass boten.

[15] Voss a. a. O. S. 84.

Die Schamlosigkeit der meisten Tänze, die sich, je weiter das

Mittelalter vorschritt, immer mehr vergröberte, und in der von Thränen

und Blut triefenden Wiedertäufertragödie zu Münster (1534-1535) ihren

Kulminationspunkt erreichte, den selbst die allgemeine Verwilderung

der grausen 30 Kriegsjahre nicht zu erreichen vermochte[16], fand

stellenweise durch das Volk selbst eine drastische Verurteilung, die

sich gegen jene Mädchen richtete, deren Moralität durch allzu häufiges

Aufsuchen von Tanzgelegenheiten in Zweifel gezogen wurde.

So herrschte am Rhein, in »Franckenland und ettlichen anderen Ortten«

folgender Gebrauch: »Merkwürdig ist, was am Aschtage (Aschermittwoch)

an den meisten Orten geschieht. Alle Jungfrauen, die in dem Jahre an

dem Tanze teilgenommen, werden von den jungen Männern zusammengebracht,

statt der Pferde an einen Pflug gespannt und samt dem Pfeifer, der

spielend auf dem Rosse sitzt, in einen Fluss oder einen See

hineingetrieben. Warum das geschieht, sehe ich nicht ein; ich denke

mir, sie wollen damit abbüssen, dass sie an den Feiertagen gegen das

Gebot der Kirche sich von leichtsinnigen Vergnügungen nicht

fernhielten.«[17]

[16] Näheres über das Treiben jener Wahnsinnigen in dem markigen Buche

Joh. Scherrs »Grössenwahn, vier Kapitel aus der Geschichte

menschlicher Narrheit«, S. 75 ff.

[17] Johannes Boëmus bei Schultz, D. L., S. 445.

In einer Geschichte des Geschlechtslebens dürfen auch die #Hexentänze#

nicht übergangen werden, da sie zeigen, welch grauenvolle Bilder

sexueller Ausschweifungen verderbte Gemüter jener finstersten Zeit des

finsteren Mittelalters auszuhecken im stande waren. Was auf den

Hexenversammlungen auf dem Blocksberg, Heuberg, Hörselberg, Fellerberg

u. s. w. an den Hexensabbathen vorgegangen sein soll, füllt die

zahllosen Protokolle der Hexenprozesse mit dem ekelhaftesten Schmutz.

Nur der ausgesprochene Irrsinn oder wahrhaft teuflische Verderbtheit

konnte jene Beschreibungen diktiert haben, die entmenschte Richter den

sich unter Folterqualen windenden »Hexen« in den Mund legten.[18]

[18] Siehe Kapitel: Liebeszauber und Zauberliebe.

Eine weitere Erscheinung, die den mittelalterlichen Tanz als Ursache

hat, war die um 1021, 1278, 1374 und 1418 grassierende #Tanzwut#. Noch

waren die Gräber der vielen Millionen von der Pest, dem schwarzen Tod,

dahingerafften Menschen nicht überwachsen, als eine seltsame Krankheit

die Menschheit ergriff. Bei ihrem ersten Erscheinen, im 11. und im 13.

Jahrhundert, nur einzelne Individuen ergreifend, tauchten 1374 in

Aachen Scharen von Männern und Frauen auf, die, wie von einer höheren

Macht getrieben, Hand in Hand Reigen bildeten, und erst gemächlich,

dann immer toller, anscheinend ihrer Sinne nicht mächtig in wilder

Raserei ohne Scheu vor den Zuschauern tanzten, bis sie erschöpft zu

Boden sanken. Wie eine Epidemie breitete sich diese Tanzlust aus,

namentlich aus den niederen Volksschichten unzählbaren Zuzug

erhaltend. Nach allen Städten verpflanzte sich durch umherziehende

Tanzkranke diese Seuche, die Müssiggängern und losen Weibern ein

willkommener Deckmantel war, betteln und ihren Gelüsten frönen zu

können. Denn zweifellos befanden sich unter den armen hysterischen St.

Veitstänzern eine Unzahl von Simulanten, worüber übrigens helle Köpfe

schon damals nicht im Zweifel waren[19], wie aus folgender

zeitgenössischer Schilderung hervorgeht: »Anno 1374 zu mitten im

Sommer, da erhub sich ein wunderlich Ding auff Erdreich, und

sonderlich in Teuttschen Landen, auff dem Rhein und auff der Mosel,

also dass Leute anhuben zu tantzen und zu rasen, und stunden je zwey

gegen ein, und tantzten auff einer Stätte ein halben Tag, und in dem

Tantz da fielen sie etwan ufft nieder, und liessen sich mit Füssen

tretten, auff ihren Leib. Davon nahmen sie sich an, dass sie genesen

wären. Und lieffen von einer Stadt zu der andern, und von einer

Kirchen zu der andern, und huben Geld auff von den Leuten, wo es ihnen

mocht gewerden. Und wurd des Dings also viel, dass man zu Cölln in der

Stadt mehr dann fünfhundert Täntzer fand. Und fand man, dass es eine

Ketzerey war, und geschahe um Golds willen, dass ihr ein Theil Frau

und Mann in Unkeuschheit mochten kommen, und die vollbringen. Und fand

man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen und Dienstmägde, die

nichteheliche Männer hatten. Die wurden alle in der Täntzerey

Kinder-tragend, und wann dass sie tantzeten, so bunden und knebelten

sie sich hart um den Leib, dass sie desto geringer wären. Hierauff

sprachen ein Theils Meister, sonderlich der guten Artzt, dass ein

Theil werden tantzend, die von heisser Natur wären, und von andern

gebrechlichen natürlichen Sachen. Dann deren war wenig, denen das

geschahe. Die Meister von der heiligen Schrift, die beschwohren der

Täntzer ein Theil, die maynten, dass sie besessen wären von dem bösen

Geist. Also nahm es ein betrogen End, und währete wohl sechszehn

Wochen in diesen Landen oder in der Mass. Auch nahmen die vorgenannten

Täntzer Mann und Frauen sich an, dass sie kein roth sehen möchten. Und

war ein eitel Teuscherey, und ist verbottschaft gewesen an Christum

nach meinem Bedünken.«[20] Da auch die Kölner Chronik von 1374 (Cöllen

1499) »vill bouerie« (Büberei) unter den Tanzkranken vermutet, was auf

sich allgemein ausbreitendes Misstrauen schliessen liess, so erlosch

die Krankheit nach und nach von selbst, als die Teilnahme des

Publikums für die von ihr Befallenen gänzlich erstorben war, um noch

einmal im Verlauf der Geschichte, in Frankreich während der Jahre 1727

bis 1762, also volle 40 Jahre, als »Konvulsionen« mit ausgeprägt

erotischem Charakter, eine Rolle zu spielen.[21]

[19] Dr. J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im

Mittelalter. Berlin 1832.

[20] Die Limburger Chronik, herausgegeben von C. D. Vogel, Marburg

1828, S. 71.

[21] Dr. Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 80 ff.

Eines der Hauptvergnügen für die mutwillige Jugend bestand, wie

erwähnt, bei den Reigentänzen im Umwerfen oder Fallenlassen der

Tänzerin, um dadurch ihre Kleider in Unordnung zu bringen. Ein

Sittenschilderer aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg klagt

darüber, es sei nichts gewöhnlicher, »als dass man auf #feierlichen

Hochzeiten# eine Menge von Kleidungsstücken abwarf und dann erst

tanzte, und dass man das Frauenzimmer mit Fleiss in ganz unerhörter

Weise fallen liess«.[22] Dieses #Umwerfen# wurde auch als

Gesellschaftsspiel geübt, bei dem es dem männlichen Spieler darauf

ankam, seine Partnerin, die auf dem Rücken eines mit aufgestützten

Händen knienden Pagen sass und ihre Fusssohle an die des Gegners

gestemmt hielt, umzuwerfen und dadurch zu entblössen. Ein Teppich im

Nürnberger Germanischen Museum enthält ein Bild dieses »über

Füesselin«, dem drei Damen, darunter eine Fürstin mit der Krone auf

dem Haupte, voll Interesse zusehen.

[22] Voss a. a. O. S. 111.

Ein Züricher Mandat von 1532 beschäftigt sich mit diesem Umwerfen,

ebenso das Nimburger Stadtwesen, das das »bolderböhmische« Spiel rügt.

Ein anderes Gesellschaftsspiel beschreibt Karlmeinet. Da tragen erst

die Herren die Damen und dann diese die Herren. Der Kussraub, wie dies

bei Karlmeinet Godyn der Orie thut, wird wohl ein wichtiges Moment

dieses Spieles gewesen sein, denn Küssen als Spiel kommt gleichfalls

in der langen Reihe von höfischen Gesellschaftsspielen vor, die der

Verfasser des Gedichtes »Der tugenden schatz«[23] wie folgt berührt:

»Zwei halsten mit luste,

Zwei einz daz ander kuste.«

[23] Schultz, D. L., S. 516.

Das von Murner erwähnte Spiel oder Lied »Der Schäfer von der neuen

Stadt«[24] endete mit einer allgemeinen Abküsserei, daher die von dem

Dichter angeknüpfte Nutzanwendung.

[24] Siehe S. 277.

Ein Bauernspiel erwähnt Nithart von Reuenthal als »wemplink

bergen« in einem von gemeinstem Cynismus strotzenden, geradezu

landsknechtsmässigem Gedicht. Da er dem »Wemplink« eine obscöne

Nebendeutung gibt, ist aus dem Gedichte nicht ersichtlich, wie dieses

Spiel in Wirklichkeit vor sich ging.

Wenn Hans Sebald Beham (ca. 1500 bis 1550) nicht übertreibt, was bei

der photographischen Treue seiner geistvollen Bilder kaum anzunehmen

ist, so war das Umwerfen besonders in den #Spinnstuben# der Dörfer

gleich vielen anderen Rüdheiten heimisch.

Das bekannte Spinnstubenbild des Nürnberger Meisters gibt eine ganze

Musterkarte von abstossenden Zuchtlosigkeiten in einer Spinnstube,

die, wenn sie auch in ihrer Gesamtheit übertrieben oder einzelne von

ihnen aufgebauscht sein mögen, doch noch immer das einmütige

Verdammungsurteil gegen die Spinnstuben rechtfertigen. Es müssen wahre

Lasterhöhlen gewesen sein, diese Bauernstuben, in denen sich die

Dorfweiblichkeit an den langen Winterabenden zum gemeinsamen Spinnen

versammelte. Wo die Mädchen waren, blieben natürlich auch die Burschen

nicht aus, um die Schönen bei der Arbeit zu zerstreuen und ihnen beim

Spinnen zu helfen. Namentlich das Abschütteln der Abfälle des Hanfs,

des Agen, von den Kleidern, gab Anlass zu vielen zudringlichen

Scherzen.

»Da bin ich all nacht gegangen zum rocken

Da kund man mir mit öpfeln locken,

Da wart ich den meiden die agen abschütteln

Und ward oft eine mit dem hindern rütteln

Und kund ihr wol unten warten zum leib«

heisst's in einem Fastnachtsspiele.

»Ich schatz wir gen zum rockenspinnen

Und schuten (schütteln) den meiden die agen ab«

schlägt in einer anderen Posse ein Dorfjüngling seinem Genossen vor.

Die Dirnen, die sich zum Spinnen einfanden, wussten ganz genau, worauf

die Anwesenheit der Männer hinauslief, darum fanden diese auch nur zu

williges Gehör. Zu wüsten Orgien wurden diese Versammlungen, wenn ein

gefälliger Zufall oder ein loser Schelm den qualmenden Lichtspan zum

Verlöschen brachte.

Die Weistümer gehen deshalb zuweilen gegen die Spinnstuben vor, unter

anderen das Weistum von Nörfeld bei Darmstadt[25], in dem es heisst:

[25] Weistümer, I. 498.

Es solle auf die höchste Busse erkannt werden, wenn »wer spinnstuben

in seinem hausse zu halten unterstehen würde«. In der Ehaltenordnung

von Thierhaupten in Bayern 1475 heisst es von den Mägden: »sie sollen

zu nachts nit ausgên mit dem rocken in ein dants hin, dann mit wissen

und erlauben der milchfrawen (der Obermagd)«. Am unzweideutigsten

spricht sich jedoch ein Nürnberger Erlass von 1572 aus: »... das

mehrmalen in solchem zusammen den Eltern Töchter verfüret hinder den

Vättern zu vnziemlichen Ehen vberredt, auch etwo geschwecht vnnd gar

zu schannden bracht worden. Das auch die gesellen an einander darob

verwartten, verwunden vnd todschlagen .... etc.«[26] Weitere

Verordnungen, die ausser der Ausschweifung und den in den Spinnstuben

gang und gäben Raufereien noch die durch das unvorsichtige Hantieren

mit Feuer und Licht entstehenden Brände hervorheben, wiederholen sich

bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, ohne aber die Spinnstuben selbst

und ihre unschöne Gefolgschaft ausrotten zu können.

[26] Barack in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, IV.

1859, S. 65 ff.

Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit · 第 13 / 18 段