Schule der Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier der Ort, in
dem der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gamedon, das
heisst: »Garten der Lust« nennen. Denn wenn die Lust das Leben
glücklich machen kann, so sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt
zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen Lust. Fragst du nun
nach der Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach verschieden, doch
ist ihre Kraft bewunderungswerth, fast göttlich. Ich glaube nicht,
dass es auf der Welt, #ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der
Frauen gibt#; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen,
so erfahren sie seine merkwürdige Kraft.[18] Sie beobachten genau die
Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen
können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth: eine
unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen;
zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der
Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem
genussreichen Leben gelegen ist, um hier des gewünschten sich zu
erfreuen. Viele geben Körpergebresten vor, während sie doch im Geiste
krank sind. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne
Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten
Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist. Einige
gehen, soweit sie es vermögen, mit Kleidern, Gold, Silber und
Edelsteinen geschmückt, dass man glauben könnte, sie seien nicht zu
den Bädern, sondern zu den herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt
es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger gesagt floralische. Da
leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die
andern, baden zuweilen gemeinsam mit den Frauen und schmücken die
Haare mit Kränzen, alle Religion bei Seite lassend. Alle sind eines
Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die Heiterkeit aufzusuchen, nichts
zu denken, als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen. Nicht das
Gemeinsame zu theilen, sondern das Einzelne mitzutheilen ist die
Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer so grossen Menge (beinahe
1000 Menschen), bei so verschiedenen Sitten, keine durch Trunk (ebria)
verursachte Zwietracht entsteht; kein Aufruhr, kein Streit, kein
Gemurr, kein Fluch.[19] Es sehen die Männer, dass ihre Frauen berührt
werden, sie sehen, dass sie mit ganz Fremden, und zwar allein (solum
cum sola) verkehren; dadurch werden sie nicht erregt; sie staunen über
nichts, meinen, dass alles im guten und ehrbaren Sinne geschehe. Daher
findet der Name Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner
erdrückt, bei denen keine Stelle. Das Wort ist unbekannt und unerhört.
Sie kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art, haben keinen Ausdruck
für diese Leidenschaft. Und es ist nicht wunderbar, dass es bei ihnen
dies Wort nicht gibt, da die Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn
noch ist keiner bei ihnen gefunden worden, der eifersüchtig wäre. O,
wie verschieden sind unsere Gewohnheiten« u. s. w.
[18] Poggios satirische Witzelei auf die Wirkung Badens illustriert
eine alte Inschrift, die man, nach Wessely, in Baden bei Wien fand,
das als Franzensbad des Mittelalters galt. Da stand an einer Mauer zu
lesen:
»Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das beste,
Was das Bad nicht thut, das thun die Gäste.«
[19] Das änderte sich im Lauf der Zeit, wie noch mitzuteilende
Badeordnungen ergeben werden.
Poggios Widersprüche, bald lässt er die Frauen nackt baden, dann
wieder mit Badehemden bekleidet sein, verraten, wie erwähnt, allein
schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem dürfte seine von ihm selbst
betonte Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu manchem Fehlschluss
über die von ihm beobachtete Damensorte veranlasst haben. Er übersah
wohl geflissentlich die anständigen Frauen ob der »lichten Fräuleins«,
die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und über jene Frauen, die im
Badeort nur Abenteuer erleben wollten. Denn trotz aller Unterschiede
zwischen den einstigen Sittenbegriffen von den heutigen, bestand auch
damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung keine anständige
Frau gewagt hätte, darum waren jene so ausgelassenen Geschöpfe nichts
weiter als Demimondainen. Das Mittelalter missachtete diese Weiber
weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit thut und wusste aber
ebenso wie wir ganz genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen
Dirne Gesunkene Mitleid verdiente, während der meineidigen Gattin mit
vollstem Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller rechtlich
Denkenden zu teil werden musste. Das öffentliche Mädchen konnte wieder
ehrbar werden, nicht so die Ehebrecherin, die für alle Zeiten
gesellschaftlich unmöglich war. Die Marklinie zwischen diesen beiden
Frauentypen war von jeher so verwischt, um nicht von einem Poggio
übersehen zu werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger über
die Qualität der Damen im Zweifel war. War es doch allbekannt, dass
die Kurorte den Haupttummelplatz für diese Abarten der Weiblichkeit
bildeten.
»Etliche Weiber ziehen auch gern in die Sauerbrunnen und warme Bäder,
weilen ihre Männer zu alt und kalt sind,« sagt Glauber, und
Guarinonius pflichtete ihm bei, indem er gewisse Frauen nur deshalb
Bäder besuchen lässt, damit sie dort »lustig ihren Ehemännern eine
waxene Nasen träen kunden«. Aber ehrbare Frauen waren dies keineswegs.
Solche liessen sich, wie dies 1649 in Baden bei Wien geschah, in den
Saum ihres Badehemdes Bleistücke einnähen, oder trugen Badekleider,
die wohl Brust und Arme freiliessen, aber den Unterleib verhüllten.
Und zeigten sie sich auch vielleicht in voller Nacktheit, so gaben sie
doch ebensowenig ihren Körper preis, wie dies die Japanerin thut, die
bei der Toilette und im Bade den Zuschauer unbeachtet lässt.
Die Badevorstände boten auch alles auf, die honetten Frauen vor
Übergriffen zu schützen.
In der Badeordnung vom Jahre 1594 für das württembergische Bad Boll
bei Göppingen findet sich daher die Vorschrift: »Schandlose, üppige
Wort, und sonsten verkleinerliche Nachreden, sowohl auch ergerliche
Lieder und Gesäng sollen bei Straff eines halben Güldens verboten
sein, desgleichen unzüchtige Geberden und Erzeigungen gegen Erlichen
Frawen und Jungfrawen, bey unnachlesslicher Straf eines Güldens, so
oft das geschicht.«
Suchte Poggio in Baden Heilung seines bösen Rheumatismus, so galt
dieser Kurort doch vornehmlich als unerreicht in der Behebung der
weiblichen Sterilität. Deshalb ist es sehr amüsant, den Eifer zu
beobachten, mit dem sich Nonnen und Mönche bemühten, eine Badenfahrt
ermöglichen zu können. Die Äbtissin vom Fraumünster in Zürich
veräusserte nur zu diesem Zwecke 1415 einen Meierhof; die
Klosterfrauen von Töss erkauften durch grosse Summen die päpstliche
Erlaubnis, sich in weltlicher Kleidung unter ihrem Nonnenhabite in
Baden erholen zu dürfen. Und das Leben dort war teuer, denn der Basler
Kaplan Johannes Knebel verbrauchte 1475 im Monat Juli mit Magd und
Diener in Baden zehn rheinische Gulden, über 500 Mark neuzeitlicher
Währung. Thomas Murner sagt darum mit Recht im »Geuchmatt«:
»Im meyen farend wir gen Baden,
Lug das der seckel sy geladen ....
Denn syn natürlich würckung thut
Das du verdouwest gelt und gut.«
In den Werken der Mittelhochdeutschen spukte die Sage von einem
Heilbade mit gar seltsam wunderthätiger Wirkung:
»Dies Wasser hat so edle Kraft,
Welch' Mensch mit Alter war behaft,
Ob er schon achtzigjährig was,
Wenn eine Stund er drinnen sass,
So thäten sich verjüngen wieder
Sein Kopf, sein Herz und alle Glieder«
sang 1542 Hans Sachs vom #Jungbrunnen#.
Wer alt und runzelig in das Wunderwasser gestiegen war, sprang:
»schön, wolgefarbt, frisch, jung und gsund
ganz leichtsinnig und wol geherig
als ob sie weren zwainzig jerig«
hervor, was Lukas Kranach malte und »der Meister mit den Bandrollen«
auf einen in der Wiener Albertina befindlichen ebenso seltenen wie
gemeinen Kupfer radierte.
Zur Sommerszeit badeten »Manns- und Weibspersonen in offenen Wassern
ganz unverschambt«, versichert Guarinonius, und mit ihm eifert die
gesamte Geistlichkeit gegen die gemeinsamen Flussbäder, »Weilen das
Baden der jungen Menscher und Buben sommerszeit sehr ärgerlich und
viel schlimbes nach sich ziehet«, wie der Abt Gregorius von Melk 1697
meinte. Der Stadtrat von Frankfurt sah sich im 16. Jahrhundert schon
wiederholt veranlasst, den »handwercksgesellen vnd andere, so im Main
zu baden pflegen«, Haftstrafen zu verheissen, wenn sie, »wie Gott sie
geschaffen ganz nackend blos ohne scham«, ohne ihre »niedercleider«
badeten. Man hielt selbst im 18. Jahrhundert noch Flussbäder für einen
Unfug ohne jede hygieinische Wirkung, für Übermut, den sogar ein
Goethe noch verurteilte.
Tanz und Spiel.
Der Tanz, das Spiel der grossen Kinder, blickt auf eine nach
Jahrtausenden zählende Vergangenheit zurück. Er findet sich zu allen
Zeiten, in allen Kulturepochen der Menschheit; ebenso bei den auf der
niedrigsten Geistesstufe stehenden Wilden, wie bei den führenden
Nationen. Doch welch unendlicher Abstand liegt zwischen dem
grotesk-sinnlosen Stampfen und Sprüngen, den Gliederverrenkungen oder
dem hüpfenden Trippeln jener und dem graziösen Tanze im lichtflutenden
Ballsaale, und trotz dieses himmelweiten Unterschiedes hat die Sprache
für all diese Verrichtungen nur das eine kennzeichnende Wort: Tanz!
Dort die Begleitung von Gutturaltönen, Händeklatschen oder
misstönenden primitiven Musikinstrumenten, hier die fascinierenden
Walzerklänge, und all dieses ist Tanzmusik, unzertrennlich von
Tanzeslust, leuchtenden Augen, hochklopfenden Herzen.
Die Erfindung des Tanzes verursachte kaum viel Kopfzerbrechen. Schon
in der Körperbewegung, im Gehen, Laufen und Springen liegt die
Grundidee des Tanzes. Die den Menschen eigentümliche Neigung, vor
Freude zu hüpfen, mag die Entstehungsursache des Tanzes gewesen sein.
So findet sich denn auch der Tanz oder Tanzformen bei allen Völkern,
über die geschichtliche Überlieferungen berichten.
Auf den Bildertafeln der ägyptischen Tempel schweben florbekleidete
Tänzerinnen dahin. Die Bibel kündet von »Spiel und Tanz« der Frauen
Judas. Mirjam, die Prophetin, zog mit den Frauen und Jungfrauen hinaus
auf den Rain zum Reigen. David »tanzte mit aller Macht vor dem Herrn
her«, und Salome, die Tochter Herodias', ertanzte sich das Haupt
Johannes des Täufers, wenn wir der Legende und Sudermann glauben
dürfen.
Bei den Griechen, wie auch später bei den Römern und zur Zeit noch bei
den meisten Naturvölkern, dann den Quäkern von Massachusetts und den
Mormonen, galt der Tanz, verbunden mit Hymnengesang, als ein
Bestandteil des Gottesdienstes. Der Tanz-Gesangskunst, Orchestik, der
Griechen huldigten Hoch und Gering. Selbst ein Sokrates verschmähte es
nicht, zu tanzen. Allerdings hing er seiner Tanzliebe ein
Ausrede-Mäntelchen um, indem er den Tanz ein vorzügliches Mittel, den
Appetit zu wecken, die Geistes- und Körperkraft rege zu erhalten und
zu steigern nannte. Die Eitelkeit und Schaulust der Griechen, dieser
Franzosen des Altertums, suchte Gelegenheit, ihrer Tanzlust möglichst
oft zu frönen. Man tanzte schon in homerischer Zeit bei Gastmählern,
bei öffentlichen und privaten Festen, im Hause, auf freien Plätzen,
auf der Bühne, selbst bei Begräbnissen. Bei den Römern dekretierte
Numa Pompilius (715-672 v. Chr.) den Tanz als gottesdienstliche
Handlung. Dionysius von Halikarnass nannte die Marspriester, deren
Kultustänze zu den heiligsten Ceremonien gezählt wurden, »Tänzer und
Hymnensänger der Waffengötter«. Mit der fortschreitenden Kultur Roms
war das hüpfende Vergnügen die Hauptsache jeder festlichen
Veranstaltung. Es wimmelte von Kindern Terpsichores beiderlei
Geschlechtes in Rom und wohin römische Sitte drang. Sie waren überall
gern gesehene, wenn auch wenig geachtete Gäste. Auch bei den
Leichenzügen der Cäsaren spielten Tänzer eine Rolle. Sie hatten den
Verstorbenen in Maske und Gebärden zu kopieren. Mit der römischen
Kultur entarteten auch die Tänze, über die wir von den Satirikern sehr
Unerbauliches erfahren. Den Vergnügungstänzen lag ein erotischer
Gedanke zu Grunde, wie dies z. B. bei den Tänzen der Spanier und dem
Czardas auch noch jetzt der Fall ist.
Dem ernsten Sinne des Germanen waren derartige Tänze ein Unding.
»Jünglinge, welchen das eine Lustbarkeit ist, tanzen nackt zwischen
aufgestellten Schwertern und Speeren umher. Die Uebung erzeugt
Fertigkeit, die Fertigkeit Anmut. Doch thun sie das nicht zum Erwerb
oder um Lohn; wiewohl in dem Vergnügen der Zuschauer der kühne
Mutwille seine Belohnung findet.«[1] Die Frauen der Germanen blieben
dem Tanze fern, erst im Mittelalter wagten sie es, sich am
Tanzvergnügen zu beteiligen und an der Seite eines Tänzers sich im
Schreit-, Schleif- oder Springtanz zu erlustigen.
[1] Tacitus, Germania 24. Grimm sagt, »dass dem Heidengotte Zio zu
Ehren Schlachtgesänge angestimmt, vielleicht auch kriegerische Tänze
gehalten wurden, worauf ich die noch lange und weitverbreitete Sitte
des feierlichen Schwerttanzes beziehe, der ganz eigentlich dem Gotte
des Schwertes zukam«.
Die Schreittänze trugen ritterlich-höfisches Gepräge. Der Tänzer
fasste eine oder zwei Tänzerinnen bei der Hand und hielt schleifenden
Schrittes einen Umgang im Saale, sei es unter den Klängen von
Instrumenten oder nach dem Takte von Tanzliedern, welch letztere der
Vortänzer anstimmte, und in deren Refrain die ganze Gesellschaft
einfiel.[2] Bei solchen Tänzen musste es steif zugehen, denn die
Männer blähten sich in gesuchter Grandezza, während die Damen in ihren
langen, wallenden Gewändern affektiert
»Uf den zehen slichent's hin
Nach dem niuwen hovesin«
dahintrippelten, »die trittel -- als zuo einer henne ein han«.
[2] Alb. Czerwinski, Zur Kulturgeschichte der Tanzkunst.
Bei den Rundtänzen ging die Gesellschaft in der Runde und suchte den
Inhalt des vorgesungenen Tanzliedes durch einfache Bewegungen mimisch
darzustellen. Während solcher Rundtänze wurden sogar Trauungen
vollzogen, wenn aus einer Stelle im Tristan ein allgemeiner Schluss
gezogen werden kann. Aus diesen Rundtänzen entwickelten sich
dramatische Tänze mit unterlegter Handlung, der einfache Vorgänge aus
der Tierwelt zum Vorwurfe dienten. In einem Gedichte des 11.
Jahrhunderts, »Ruodlieb«, treten Ritter und Edelfräulein einander
gegenüber und stellen Falke und Schwalbe dar; der Raubvogel verfolgt
in Sprüngen das Vögelchen, gleitet aber an ihm vorüber, statt es zu
erhaschen.[3]
[3] Siehr, Kulturhistorisches aus dem Ruodlieb, Trarbach 1881, S. 15.
Zu den Variationen des Rundtanzes gehörte auch der noch heute bei
fürstlichen Vermählungen gebräuchliche Fackeltanz. Bereits unter
Kaiser Konstanz (337-350) in Byzanz nach griechischem Vorbild
eingeführt, hat dieser Tanz eine Parallele in einem Hochzeitsbrauch
der heidnischen Preussen, die die Braut an der Grenze ihres neuen
Heimatortes mit einem »Brandfeuer« empfingen. Im 11. Jahrhundert war
der Fackeltanz, wie aus der Reimchronik Peters von Hagenbach
ersichtlich, als Vergnügen nach Turnieren allgemein. Den an sich
langweiligen Rundgang mit den brennenden Lichtern suchte man durch
Figuren zu beleben und unterhaltender zu gestalten. Man spielte mit
den Fackeln, stemmte erst eine Hand, dann beide Hände in die Seite,
trug die Hände abwechselnd unter dem Gürtel, winkte mit der Hand,
legte sie über die Augen, trug Tannenreiser im Munde, winkte und
drohte sich zu und beschmierte sich schliesslich gegenseitig die
Gesichter mit Russ. Begreiflicherweise ging es bei diesen Tänzen
höchst ehrbar zu, so dass Kirchenfürsten nicht anstanden, selbst
derartige Feste zu veranstalten und ein Tänzchen mitzumachen, was
Geiler zu dem ärgerlichen Ausspruch veranlasst: »O Mönch, wie passt
die Kutte zum Tanze, wie die Tonsur zu den Kränzen der Frauen?«
Waren die Tänze an sich auch anständig, so scheint dies von den dabei
gesungenen Tanzliedern weniger der Fall gewesen zu sein, wie Geiler
hervorhebt. »Noch het ich schier ein trutz vergessen, nemlich den
reien tantz; da werden auch nit minder untzucht und schand begangen,
weder inn den andern, von wegen der schandtlichen und schamparen
(schandbaren) hurenlieder, so darinn gesungen werden, damit man das
weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreitzet.« Dann
weiter: »Auch in schmählichen Liedern wird gesündigt: das pflegt zu
geschehen bei den Tänzen, die wir deutsch ›Leygerleyss‹ oder ›ein
scheiblecht tenzlein‹ nennen, wo Eine vorsingt und die anderen
nachfolgen, und wo viel Schmachvolles von Liebe gesungen wird, was zur
Wollust anreizt und gegen die Ehrbarkeit gerichtet ist .... Mit
leichtfertigem und unzüchtigem Schmuck bis auf den halben Rücken ist
Alles bloss und nackt von vorn bis zu den Brüsten, dass sie auch die
enthaltsamsten Männer locken können« -- also schon damals
Balltoiletten wie in der Ära der Lex Heinze -- ja, Alles schon
dagewesen! Der zweite Teil der eben mitgeteilten Philippika ist auf
das ausgelassene Volk gemünzt, das sich nicht mit den feierlich-faden
Schreittänzen begnügte, dessen leichteres Blut eine flottere
Unterhaltung begehrte. Man tanzte im Dorfe auf dem Plane, den eine
Linde überschattete, oder auf dem Tanzhügel. Im Winter flüchtete man
in grosse Stuben, in das Dorfwirtshaus oder auch in Scheuern.
Aber auch die Kirchen der Städte, ihre Vorhallen und die Kirchhöfe
waren seit alter Zeit beliebte Tanzplätze, wenn auch die Geistlichkeit
auf Synoden und von der Kanzel herab bis zum Ende des Mittelalters
dagegen zeterte; ja noch mehr, man tanzte sogar zu denselben
weltlichen Melodien, nach denen man in der Kirche die geistlichen
Texte sang, weshalb Erasmus von Rotterdam von dem Kirchgesange sagt:
»Da hört man schändliche und unehrliche Buhllieder und Gesang, darnach
die Huren und Buben tanzen.«
Da ging es denn auch ganz anders zu, wenn sich die Tänzer auf solchen
Plätzen zusammenfanden, die Weisen des Spielmannes lockten, die langen
Fähnchen und mit ihnen die Gespreiztheit im Dunkel der Truhen
verschlossen lagen und der Zwang des vornehmen Rathaussaales oder des
städtischen Tanzhauses vergessen war. Da klopften die Pulse höher, da
lohte die Jugendlust und Tanzfreude auf, da offenbarte sich der
lebensvolle Übermut, da kam die unverfälschte Menschennatur zum
Vorschein, befreit von den Fesseln des mit Mühe festgehaltenen »guten
Tones«, da hiess es auf die Sittenpredigt des gestrengen Seelenhirten:
»Bruoder Berthold, rede waz dû wellest!
wir mügen ungetanzet niht sîn«,
denn ....
».... hier ist des Volkes wahrer Himmel.
Zufrieden jauchzet Gross und Klein,
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!«
Wenn auch die Städter niederen Ranges, wie die Bauern, sich emsig
bemühten, den höfischen Reigen, wie alles, was von »oben« kam,
nachzuäffen, was Neithard von Reuenthal bezeugt, so waren doch die
Repräsentationstänze nur einzelne, der lieben Mode wegen eingeschobene
Programmnummern, zwischen denen dann jene Tanzformen auftauchten, die
das Wesen und die Anschauungen des Volkes schärfer charakterisierten,
als die sentimentale Stadelweise oder der flottere, aber noch immer
zahme Ridewanz.
Die Namen der Bauerntänze sind fast alle ungelöste Sprachrätsel. Man
tanzte Köwenanz, Sulawranz, Hoppaldei, Heierlei, Folafrantz, Ahsel,
Houbetschoten (Kopfschütteln), Troialdei, Firgamdray, Wânaldei,
Treirôs, Mürmum, Bôzalt, Gimpelgampel, Drauraran, Krumme Reien[4],
Adelswanck, Schwingewurz, Trümmekentanz[5] und andere schönbenamste
Tänzchen mehr. Trotz dieser grundverschiedenen Namen hatten alle diese
Tänze das eine gemein, dass sie weder graziös noch sittenverbessernd
waren -- darin sind alle massgebenden Autoren der Vergangenheit einig,
die ausnahmslos den Stab über diese »Törpertänze« brechen.
[4] Schultz, Höfisches Leben, S. 548 ff.
[5] Bartels a. a. O. S. 70.
Das Springen von Tänzer und Tänzerin, »den reien springen«, war eine
Hauptsache bei all diesen Tänzen. Von einem Mädchen heisst es in einem
Liede Neithards:
»Sie spranc
Mêr dan einer klâfters lanc
Unt noch hôher danne ie magt gesprunge.«
und Oswald von Wolkenstein sagt:
»Gar weidlich tritt sie den firlefanzen,
Ihre hohe Sprünge, unweiblich fast zu tanzen.«
Wie bei diesen Sprüngen die leichte Gewandung flattern musste! Aber es
kam noch toller: Man schwenkte die Tänzerinnen in die Luft empor,
»dass man hoch sieht die blossen Beine«, wie Brant im Narrenschiff
sagt. -- Es sei hier nebenbei erwähnt, dass Beinkleider den
mittelalterlichen Frauen gewöhnlichen Standes unbekannt waren.[6]
[6] Weinhold a. a. O. II. 263.
Geiler eifert gegen derartiges Tanzunwesen:
»Darnach findt man Klötz, die tantzen also sewisch (säuisch) und
unflätig, dass sie die weiber und jungfrawen dermassen herumbschwencken
und in die hohe werffen, das man jhn hinden und vornen hinauff siehet
biss in die weich, also dass man jhr die hübsche weisse beinle siehet
..... Auch find man etlich, die haben dessen ein ruhm wann sie die
jungfrawen und weiber hoch inn die höhe konnen schwencken und haben es
bissweilen die jungfrawen (so anders solche jungfrawen zu nennen sein)
fast gern und ist jnen mit lieb gelebt, wann man sie also schwencket,
das man jhnen, ich weiss nicht wohin siehet.«
Murner variirt dasselbe Thema dahin:
»Seh' ich die Sache richtig an,
Kein frommes Kind dort hingehn kann,
Nur solche, die da stützen kann
Den Burschen, wenn er hebet an
Zu springen, und ihn hebt empor.
Ihr wisst's, kein Wort lüg' ich euch vor.
Es ist nicht Scham noch Zucht dabei,
Wenn sie die Mägdlein schwenken frei
#Und Gretlein so weit treibt den Spass,
Dass man kann seh'n, ich weiss nicht was.
Wer seine Tochter fromm will sehen,
Der lass' sie nicht zum Tanze gehen#.
Der Schäfer von der neuen Stadt
Schon manches Kind verderbet hat,
Geschändet, ihm geraubt die Ehr',
Das nun ein Eheweib wohl wär';
Doch nun sitzt sie im Frauenhaus,
Der Ehre ist der Boden aus.«[7]
[7] Narrenbeschwörung, 50.
Agrippa von Nettesheim, keineswegs so schwarzseherisch und pedantisch
wie Murner und Geiler, sagt trotzdem in seinem 1526 verfassten Buche
»De vanitate scientiarum«, man tanze mit unehrbaren Gebärden und
tosendem Fussgestampfe nach lasciven Weisen und zotigen Liedern. In
buhlerischen Umarmungen lege man dabei unzüchtige Hände an Mädchen und
Matronen, küsse sie, und, Lasterhaftigkeit für Scherz ausgebend, stehe
man nicht an, das schamlos zu entblössen, was die Natur verberge und
die Sittsamkeit verhülle.
Diese harten Worte bestätigt auch Heinrich von Wittenweiler in seinem
obengedachten »Ring«:
»Die Mäczli (Mädchen) warent also rüg
Und sprungen her so gar gefüg
Daz man in oft, ich wayss nit wie
Hinauf gesach bis an die Knie.
Hilden Hauptloch was ze weyt
Darumb ir an derselben zeit
Das tüttel aus dem puosem sprang;
tanczens gyr sey dar zuo twang.
Hüddelein der ward so hayss,
day sey den Kittel vor auf rayss
des sach man ir die iren do
und macht vil mängen herczen fro.«
Mädchen, die dem Werfen ausweichen wollten, warf man gewisse Gründe
dafür vor:
»Dier da nit entspringt
Die treit ein Kint«
sagt der Tannhäuser trocken.
In der Abhandlung »was schaden tantzen bringt«, meint der unbekannte
Verfasser: »der tufel stifft solich tentz vff daz sich die vnkuschen
menschen an sehen an griffen vnd mit einander reden, vnd dar durch
entzundt werdent durch vnkuschheit, vnd böse fleischlich begirde
gewynnen, vnd gunst dar zu geben, vnd lust dar jnne haben, damit sie
tötlich sünden vnd jn vil stricke des tufels vallen ....«, und so geht
es weiter in allen Tonarten.
Von einem anderen wird der Tanz der Kuppelei beschuldigt: »Es sind
solche, die gehen darum zu Tanz, damit sie andere zur Unzucht und zum
Mutwillen anstacheln. Da fasst man sich an, wird einander hold, da
schwätzt man Lieb und Leib mit einander, da man sonst nicht
zusammenkommt, da drücken sie sich die Hände, geben sich Liebesbriefe
(bulen brieffle) u. s. w.«
Noch kräftiger drückt sich Florian Daulen von Fürstenberg, Pfarrherr
zu Schellenwalde, in seinem einst allbekannten und vielbesprochenen
»Tanzteufel«[8] aus.
[8] »Tantzteuffel, das ist wider den leichtfertigen unverschämten
Welttantz und sonderlich wider die Gottesfurcht und ehrvergessene
Nachttäntze etc.«, Frankfurt a. M. 1569.
»Wir wollen vom Tanzteufel, wie fürgenommen, sagen, dass unter allen
andern, so jetzt erzählt und in Krätschemen (Krug, Wirtshaus) zu
geschehen pflegt, der teuflische, verfluchte, unziemliche, unzüchtige,
Gottes Zucht und Ehr vergessene, leichtfertige Tanz, der besonders die
Nacht in Krätschemen geschieht, zu verfluchen, zu schelten und zu
verdammen sei.