[11] Der mittelalterliche Unfug in den Wannenbädern ist auch der

Gegenwart nicht fremd. Wer Österreichisch-Polen, das degenerierte

Galizien bereiste, weiss, dass in den meisten seiner grösseren Städte

dieselben Verhältnisse herrschen, wie in den öffentlichen Bädern des

Mittelalters. Dass auch Russland ähnliche Zustände hat, geht aus

Hermann Bahrs »Russische Reise« (Dresden u. Leipzig 1891), S. 99 ff.,

hervor.

Die Lust am Bade war derart in allen Bevölkerungsschichten gemein,

dass man allerorts Stiftungen errichtete, deren Erträgnisse zu

Badegeldern für Arme verwendet wurden. Nach sächsischem Stadtrecht

konnte der wegen eines Totschlags angeklagte Verbrecher nach Vergleich

mit den Verwandten des Erschlagenen statt zum Tode, zu einer Geldbusse

oder zur Verabreichung von Seelenbädern, d. h. Bädern zu Ehren des

Umgekommenen, die den Stadtarmen zu gute kamen, verurteilt werden.[12]

Das Speierer Domkapitel liess stets zu Martini und am Faschingsdienstag

ihren Dienern und deren Familien ein Freibad bereiten, ebenso der

Bader von Böblingen den Armen, wofür er zu jeder Zeit im Walde umsonst

Holz fällen durfte. Mathilde, Kaiser Heinrichs I. Frau, liess jeden

Sonnabend ein Bad für Dürftige und Reisende herstellen, wobei sie

selbst half. Markgräfin Mathilde von Tuscien und die heilige Elisabeth

bewiesen ihre Frömmigkeit durch das Baden Aussätziger, denen sie nach

dem Bade ihre eigenen Betten zur Ruhe überliessen. Den Dienern,

Handwerksgesellen und Taglöhnern reichte man statt Trinkgeld das

Badegeld, und bei besonders freudigen Anlässen gab man ihnen Freibäder.

In manchen Orten, so im Dörfchen Huisheim in Schwaben, hatte um 1500

der Bader jedem, gleichviel ob Weib oder Mann, der zu »gottz tisch

gaut«, einen Kübel mit warmem Wasser und eine Badehaube zum Gebrauche

bereitzustellen.

[12] Dr. Hermann Hallwich, Töplitz, Eine deutschböhmische

Stadtgeschichte, S. 118.

Die Parias des Mittelalters, die Juden, waren mit wenigen Ausnahmen,

wie von jeder anderen Gemeinschaft mit ihren christlichen

Nebenmenschen, so auch vom Besuche der Bäder ausgeschlossen. Nicht

einmal einladen zu einem Bade durfte man sie, ebensowenig wie »zue

kainer prauttschafft noch zu kainer wirttschafft«. Da aber auch sie

dasselbe Reinlichkeitsbedürfnis hatten, wie die Christen, und ihren

Frauen mindestens eine Reinigung im Monat von ihrem Ritus

vorgeschrieben war, so bauten sie sich in den Ghettos eigene Bäder.

Eines der ältesten dieser Judenbäder ist wohl das einst viel

bewunderte, auf das zweckmässigste eingerichtet gewesene Frauenbad zu

Worms[13]; andere Badeanlagen aus dem 12. Jahrhundert in den den Juden

eingeräumten Stadtteilen finden sich noch in Speyer, Andernach,

Friedberg in Hessen. Nach den Nürnberger Polizeigesetzen, die dem »Jud

oder Judein« das Baden in der »Judenpatstuben« verordnet, muss im 13.

Jahrhundert auch das Nürnberger Ghetto seine Badeanstalt besessen

haben. In Augsburg erscheint sie um 1290. Bei den strengen

Religionsvorschriften der Juden wird in den Bädern die Trennung der

Geschlechter durchgeführt worden sein, umsomehr, als das unreine Weib

sich erst durch das monatliche Bad zu reinigen hatte, eine Berührung

vor und im Bade daher als Sünde gegolten hatte, andererseits sogar in

den Synagogen die Männerabteilung ganz abseits von jener der Frauen

lag. Überhaupt zeichnete die mittelalterlichen Juden eine

exemplarische Sittlichkeit aus, was Freund und Feind gleichmässig

bestätigen.

[13] Dr. Adolf Kohut, Geschichte der deutschen Juden, S. 24.

Das ganze Mittelalter hindurch erhielt sich die von Nürnberg und

Regensburg ausgegangene Sitte, dass ein Brautpaar vor, manchmal auch

erst nach der Trauung mit dem ganzen Gefolge ihrer Sippe und der Gäste

zu Bade zogen, die Hochzeitsgäste beladen mit den vom Brautpaar

erhaltenen Badekappen und Bademänteln.

Einen solchen Hochzeits-Badezug im alten Berlin schildert

Streckfuss[14] wie folgt: »Nach dem Austausch dieser Geschenke ordnete

sich die Gesellschaft, um sich in das Bad zu begeben; man machte, wenn

die Wohnung des Brautvaters dem Krögel zu nahe lag, oft einen Umweg

durch die vornehmsten Strassen, um dem zahlreich versammelten Volke

länger das Vergnügen des Zuschauens zu gewähren. Dem Zuge voran

schritten die Musikanten, welche sich bestrebten, ihre lustige

Hochzeitsweise so laut und geräuschvoll wie möglich zu machen. Ihnen

folgten die Gäste, zuerst die Frauen mit ihren neuen Schuhen -- ein

Geschenk des Bräutigams -- dann die Männer mit den Badehemden über der

Schulter. Bald vor, bald neben dem Zuge liefen die Lustigmacher, die

bei keiner grossen Hochzeit fehlen durften und welche die Aufgabe

hatten, durch die tollsten Possen die Heiterkeit der Gäste und des

zuschauenden Volkes zu erregen. -- Je toller, je besser, niemand

durfte dabei etwas übel nehmen, auch wenn die Scherze stark

handgreiflich wurden. Prügelte der Narr irgend einen der Umstehenden

mit seiner Pritsche, oder traf er gar beim Radschlagen diesen oder

jenen mit dem Fuss an die Nase, so lohnte ein schallendes Gelächter

den feinen Witz; häufig bedienten sich auch die Spassmacher grosser

Düten mit Kienruss, um besonders den jungen Mädchen das Gesicht zu

schwärzen. Jede solche Heldenthat wurde durch das allgemeine Gelächter

belohnt.

[14] a. a. O. S. 64.

Im Badehause teilte sich die Gesellschaft; meist war sie zu gross, als

dass die beiden geräumigen, gewölbten Badezimmer die sämtlichen

badenden Gäste auf einmal hätten fassen können; nur ein Teil konnte

baden, der andere erlabte sich während dessen, bis an ihn die Reihe

kam, mit einem guten Frühstück, zu welchem der Bader bei solchen

Gelegenheiten eingerichtet war.«

Also auch bei Brautbädern badeten beide Geschlechter zusammen, denn

nur wenn die Gesellschaft zu gross war, teilte sie sich in mehrere

Partien, und ob diese Trennung nach Geschlecht erfolgte, davon sagt

weder unser Gewährsmann, noch sonst eine Quelle etwas. Hingegen

bezeugen andere Nachrichten, dass es bei und nach den Brautbädern

nicht immer schicklich hergegangen sei, so das Zittauer Rats-Edikt von

1616: »Als denn vormals dy jungen gesellen nach dem bade widir (wider)

gute sitten in badekappin und barschenckicht (mit blossen Schenkeln)

getanzt haben, wil der Rath das fortureh (hinfort) kein mans bild in

badekappen odir barschinckicht tantzen solle.«

Die Syphilis war, wie den Frauenhäusern, auch der Ruin der

öffentlichen Badestuben. Als Ansteckungsherd der Krankheit wurden sie

vom Anfang des 16. Jahrhunderts an immer mehr gemieden. Bereits im

Jahre 1496 gebot deswegen der Nürnberger Rat »allen padern bei einer

poen zehen gulden, das sie darob und vor sein, damit die menschen, die

an der Newen Krankheit, malum frantzosen, befleckt und krank sein, in

Irn paden nicht gepadet, auch Ihr scheren und lassen giengen, die

Eissen und Messer, so sie bey denselben kranken Menschen nutzen,

darnach in den padstuben nit mer gebrauchen.«[15] »Aber vor

fünfundzwanzig Jahren,« sagt Erasmus von Rotterdam in seinen

»Colloquia« (1612), »war in Brabant nichts beliebter, als die

öffentlichen Bäder; die stehen jetzt alle kalt. Die neue Krankheit

lehrt uns auf sie verzichten.«

[15] Peters a. a. O. S. 54.

In Gerolzhofen klagte der Rat schon 1445, dass, während früher zwei

Badestuben in der Stadt jede wöchentlich viermal geöffnet und stets

besucht gewesen sei, jetzt die eine kaum dreimal in der Woche

hinlänglichen Besuch habe. In Stuttgart wurden im Jahre 1547 die

öffentlichen Badetage von sechs auf zwei vermindert, desgleichen in

Wien, Berlin, Nürnberg und anderen Plätzen. In Frankfurt wurden gegen

Ende des 16. Jahrhunderts die Badestuben gänzlich geschlossen.

»Bade im Hause« oder das Baden in offenen Wässern war das einzige, das

sich die ob der grauenvollen Krankheit erschreckte Menschheit ausser

dem Besuch von Heilquellen noch gestattete. War der Gebrauch von

Heilquellen bereits im deutschen Altertum nicht unbekannt, so kam er

doch erst im 15. und 16. Jahrhundert in volle Blüte, wurde sogar in

vielen Landstrichen zur Modesache. Eine Badefahrt zu unternehmen,

gehörte zum guten Ton; im 18. Jahrhundert noch liessen sich Bräute die

alljährliche Badereise im Ehekontrakt notariell zusichern.

An Modebädern diesseits und jenseits der Reichsgrenze war kein Mangel.

Baden-Baden, Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden im Aargau, dies schon

seit der Römerzeit her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof im

Schwarzwald, Teplitz in Böhmen und viele andere mehr waren Bäder von

Ruf.

Durch seine Lage berühmt war Pfeffers, ein Besitztum des gleichnamigen

Klosters. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden seine warmen Quellen

zufällig durch einen Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff zwischen

zweyen hohen und oben zusammengebogenen Felsen, dass niemand dazu ohne

lange Seyler hat mögen kommen«, sagte Münster in seiner Kosmographie.

Der Abt liess deshalb, als die Frequenz bedeutender wurde, eine

hölzerne Treppe in die Tiefe bauen.

In den Thermalbädern nahm gewöhnlich ein gezimmertes oder gemauertes

Bassin die Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen in alten

balneologischen Werken zeigen. Der Schlitzoesche Holzschnitt im

»Tractat der Wildbeder« (1519) führt vier Männer und eine Frau in

einem solchen Bade schmausend und dem Gesange eines Fahrenden

lauschend vor. In dem allgemeinen Bade zu Plummers (Plombières) in den

Vogesen auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von heilsamen Bädern

des Teutschenlands«, Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler die

Männer mit einer Schambinde, Bruch, Hose, die Weiber mit einer knapp

unter der Büste festgebundenen Schürze bekleidet. In Eschenreutters

Buch (1571) gibt ein Blatt Mann und Frau in einer Badewanne wieder,

während sich eine grössere, sehr mangelhaft bekleidete Gesellschaft

mit Speise und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.[16]

[16] Wichner bei Rudeck a. a. O. S. 14.

Über das Leben im Bade ergeht sich ein Glossar zu einigen Wandgemälden,

die sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen Johann von Eberstein

befanden. C. Will[17] übersetzt diese von Henricus de Langenstein,

dictus de Hassia herrührende Beschreibung folgendermassen: »#Von

fleischlicher Lust.# Wenn ich mich nicht täusche, so ist der Sinn

dessen, der die Reihe besagter Malereien angab, von dem Geiste

getrieben worden, um stillschweigend die Meinung des Apostel Johannes

auszudrücken, der da spricht: ›Alles was auf der Welt vorhanden ist,

ist Begehrlichkeit des Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen, oder

Übermut des Lebens‹. Das heisst: Alle Laster weltlicher Verirrung sind

auf drei zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche Habgier und

Stolz auf eitlen Ruhm. Wie aber konnte schicklicher fleischliche Lust

dargestellt werden, als auf einem Bilde des Wiesbadener Festes, das

durch alle Fleischlichkeit anstössig, von dem Schaume aller sinnlichen

Wollust triefend ist? Zu ihm kommen sie von allen Seiten in Freude

und Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen, mit vollen Kasten und

Flaschen; man bringet Lebensmittel und die leckersten Getränke herbei,

man nimmt Geld in Menge mit, seltsame Kleider werden mitgeführt; in der

Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf dem Wege gespielt, gesungen,

geplaudert, als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit zu

erwarten habe. Wenn man angekommen ist, werden Gastereien veranstaltet,

man sucht der #Frauen Gesellschaft#, geht ins Bad, befleckt die Seele

... #Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten

tanzen sie.# Ich schweige darüber, was im Dunklen vor sich geht, denn

alles geschieht öffentlich. Aber was ist das? Der Ausgang und der

Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht gleich, wenn, nachdem alles

verzehrt ist, die Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel ohne Geld,

man die Rechnung hört und die Verschleuderung so vielen Geldes bereut.

Und zuweilen beisst auch die Seele der Heimgekehrten das Gewissen wegen

der begangenen Sünden. Der ist traurig über solche Verirrung; der

klagt, weil er von der Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt, wie

kurz und inhaltlos die Freuden dieser Welt sind. Was mehr?

[17] Annalen des Vereines für Nassauische Landeskunde 1874, S. 344 ff.

Sie kehren heim, die Körper sind weiss gewaschen, die Herzen durch

Sünde geschwärzt; die gesund hingingen, sie kehren heim angesteckt;

die durch die Tugend der Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet

von den Pfeilen der Venus. Das möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht

die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten, als Dirnen zurückkehrten,

als Ehebrecherinnen, die anständige Ehefrauen waren, wenn nicht als

Teufelsweiber heimkehrten, die als Gottesbräute hingingen. Und so

erfahren sie durch diese und andere Anlässe zur Trauer bei der

Rückkehr die Wahrheit des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen

Lust Trauer ist.«

Der geistliche Herr malt, wie es seines Amtes ist, grau in grau,

alle fleischliche Lust verketzernd, die allerdings in den Bädern den

weitesten Spielraum fand. Poggios, auf Autopsie beruhende Beschreibung

des Getriebes in Baden bei Zürich liefert den Beweis, wie recht der

edle Langenstein stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte. Poggio,

ein Florentiner, hatte den Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung

nach Konstanz begleitet, war dann nach Baden gefahren, um dort von

seinem Chiragra befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb er im Sommer

1417 an seinen Freund und Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen

Brief, den ich hier in der Übersetzung von Alwin Schultz mitteile.

Poggio ist ein fideles Haus, dem es nicht immer auf volle Wahrung

der historischen Treue anzukommen scheint, wenn er durch aufgesetzte

humoristische Lichter sich selbst und seinen Freund unterhalten kann.

Er mischt daher Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen Feuilleton

zusammen, das aber trotz der beabsichtigten humoristischen Färbung doch

meisterhaft das Thema des mittelalterlichen Badelebens erschöpft.

»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus diesem Bade, das ich, meine

Handgelenke zu heilen, aufgesucht habe; und da schien es mir

angemessen, die Lage und Anmuth desselben, zugleich auch die Sitten

dieser Leute und die Weise des Badens zu beschreiben. Von den Alten

wird viel über die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin das gesammte

römische Volk der Lust wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass jene

diese an Vergnüglichkeit erreicht haben und dass sie mit den unsrigen

zu vergleichen gewesen sind. Denn in Puteoli verursachte die Lust mehr

die Schönheit der Lage, die Pracht der Landhäuser, als die

Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen und der Gebrauch der

Bäder. Dieser Ort aber bietet keine oder fast keine Erquickung dem

Geiste, das Uebrige aber bringt einen angemessenen Frohsinn

(amoenitatem), so dass ich zuweilen meine, Venus sei mit allen

Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden

ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit

wiedergegeben, so dass sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabel

nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug

erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben will, so mag ich

auch nicht den Weg übergehen, der von Constanz hierher führt, damit Du

vermuthen kannst, in welchem Theile Galliens es liege. Am ersten Tag

reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach Schaffhausen, vierundzwanzig

Meilen (milia passuum) und dann, weil wegen des grossen Falles und

wegen der steilen Berge und abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss

gemacht werden muss, noch zehn Meilen und gelangten nach dem Schlosse

Kaiserstuhl am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich, dass es wegen der

günstigen Lage auf einem hohen Hügel am Flusse, der durch eine kleine

Brücke Gallien mit Germanien verbindet, ein Römercastell gewesen sei.

Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall, der von hohem Berg, zwischen

zerklüfteten Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt. Da kam mir

ins Gedächtniss, was man von dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist

nicht zu verwundern, dass die Anwohner wegen des Getöses und Donnerns

taub werden, da ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als Wildbach

gelten kann, Lärm wie beim Nil drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt

Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben, in der Nähe ein Fluss

von reissender Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa sechs Meilen

von der Stadt. Nahe bei der Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein

sehr schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der Bäder hergerichtet. In der

Mitte des Dorfes ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern,

welche viele aufnehmen können, umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben

die Bäder im Innern, in denen nur die baden, welche da wohnen; die

Bäder sind sowohl öffentliche als Privateigenthum, etwa dreissig an

der Zahl. Öffentliche sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden

Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen

Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen

Umgebung, zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von

den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und

jüngere Frauen nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich

habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele

der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die

weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder

reden. Die Bäder in den Privathäusern sind aber sehr fein (perpolita);

Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In

ihr sind mehrere Fenster angebracht, so dass man zusammen trinken und

sich unterhalten kann, nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu

berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über

dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen um sich

zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich

dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern, zu scherzen und sich zu

erheitern, so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus

demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt

etwas Unschickliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus

utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum

Schenkel, oder an der Seite offen, so dass sie weder den Hals, noch

die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie oft auf

gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und

auch Männer pflegen teilzunehmen. Wir sind in dem Hause, in dem wir

badeten, einmal zu solchem Fest geladen worden. Ich habe meinen Beitrag

gezahlt, wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht teilnehmen, nicht

aus Schamgefühl, das für Feigheit oder Unbildung gehalten wird, sondern

weil ich die Sprache nicht verstand. Es kam mir närrisch vor, dass ein

Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser stumm und sprachlos dasitze,

da ein ganzer Tag mit Essen und Trinken hingebracht werden sollte.

Aber zwei von den Genossen sind in das Bad gegangen, mit grosser

Herzensheiterkeit, haben mitgethan, mit getrunken, mit gespeist, durch

den Dolmetsch sich unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt.

Es fehlte nichts zu dem Gemälde, wie Jupiter die Danae mittelst des

goldenen Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren, wie es bei den

Männern Sitte ist, wenn sie in die Bäder der Frauen eingeladen werden,

mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch sah von der Gallerie aus

alles, die Sitten, Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem),

die Freiheit und Ungebundenheit der Lebensart. Es ist merkwürdig, zu

sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es

ansahen, dass ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht

gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite.

Nichts ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie

hätten ganz in den Staat Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da

sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden.

In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder

verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet. Täglich

gehen sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben den grössten Theil des

Tages darin, theils singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend.

Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen, dabei ist es besonders

angenehm, die erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter, mit schönen

und freimüthigen Gesichtern, im Costume und Gestalt der Göttinnen,

singen zu sehen, wie sie die auf dem Wasser schwimmenden Kleidern

hinten nachziehen, man könnte sie für die Venus selbst halten. Es ist

Sitte, dass die Frauen, wenn die Männer von Oben zuschauen, Spasses

halber um ein Geschenk bitten. So werden ihnen, und zwar den schönsten,

Geldstücke zugeworfen, die sie mit der Hand oder mit den ausgebreiteten

Hemden fangen, sich einander fortstossend, und bei diesem Spiele

werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt. Es werden auch Kränze aus

verschiedenen Blumen herabgeworfen, mit denen sie sich die Häupter beim

Baden schmücken. Ich habe, durch die unbeschränkte Freude, zu sehen

und Scherz zu treiben, gelockt, da ich nur zweimal täglich badete,

die übrige Zeit damit hingebracht, die anderen Bäder zu besuchen und

sehr oft Geldstücke wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen. Denn

weder zum Lesen noch zum Denken war Zeit vorhanden unter den ringsum

erschallenden Klängen der Symphonien, der Trompeten, der Zithern, wo

schon der Wille zu denken, die höchste Thorheit gewesen wäre, besonders

für einen, der auch wie der Menedemus Heautontimorumenos ist, ein

Mensch vielmehr, der allem Menschlichen zugänglich. Zur höchsten Lust

fehlte die mündliche Unterhaltung, die vor allen Dingen den meisten

Werth hat; so blieb nichts übrig als die Augen zu weiden, zu folgen,

zum Spiele hin und zurückzuführen. Zum Spazieren war Gelegenheit und

so viele Freiheit, dass der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt

war.

Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten gibt es noch eine nicht

geringfügige. Hinter der Stadt am Flusse ist eine Wiese mit vielen

Bäumen bewachsen. Dahin kommen nach dem Nachtessen alle von allen

Seiten; dann werden verschiedene Spiele gespielt; die einen erfreuen

sich am Tanze, die anderen singen, die meisten spielen Ball, nicht

nach unserer Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen einen mit

Schellen besetzten Ball einander als besondere Liebesauszeichnung zu,

und der wirft ihn wieder einer ihm besonders lieben Person zu, während

jene Vielen mit vorgestreckten Händen bitten und er bald dem, bald

jener ihn zu werfen heuchelt. Es werden noch ausserdem viele Scherze

getrieben, die zu beschreiben zu weit führen würde.

Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit · 第 11 / 18 段