Nach den Bordellordnungen sollten die Freudenhäuser meist eine Stunde

vor Mitternacht geschlossen und bis zum Einbruch der Nacht

verschlossen gehalten werden, ebenso an den Vorabenden der Sonn- und

Feiertage, wie an diesen selbst, wenigstens vormittags. Alle Männer

hatten sich bei Schliessung zu entfernen bis auf jene, die die Nacht

bei den Mädchen zubringen wollten. Ehemännern, Geistlichen und Juden

war, wie bereits oben erwähnt, der Eintritt verwehrt, ebenso

minderjährigen Knaben. Recht befremdlich mutet es an, wenn die Ulmer

dem Ruffian befehlen müssen, Knaben von 12-14 Jahren nicht mehr im

Hause zu dulden und wenn sie kommen sollten, sie mit Ruten aus dem

Bordell zu treiben.

Über das Treiben in den Häusern sind aus naheliegenden Gründen nur

spärliche Berichte vorhanden. Einer dieser wenigen ist die kurze

Tagebuchaufzeichnung Fritz Schickers über seine Erlebnisse auf dem

Reichstage zu Konstanz vom Jahre 1507.

»Ich ging eines Tages ins Freie und wandelte am See hin und her. Da

begegnete mir des Herzogs Georgs Schreiber. Der nahm mich bei der Hand

und sagte: ›Willst du mit mir gehen?‹ Fragte ich: ›wohin?‹ Antwortete

er: ›wo hübsche Mädchen sind.‹ Wusste ich nicht, was ich antworten

sollte und ging mit. Kamen wir in ein Wirtshaus, da sassen vielerlei

Dirnen, wohl angetan, und hatten Blumen in den Händen und sahen uns

lächelnd an. Wir aber liessen uns Wein geben und ich verfiel in tiefe

Gedanken. Da kamen die Musikanten des Bischofs von Augsburg und

spielten ganz lustig auf zum Tanze. Alsobald wurden die Dirnen

ergriffen und fingen an zu tanzen. Die jungen Gesellen riefen mir zu,

auch mitzutanzen, aber ich entgegnete: ›dessen bin ich nicht kundig.‹

Da setzte sich zu mir eine Dirne, reichte mir eine Blume, und sagte:

›wenn du den Tanz nicht liebst, was liebst du denn?‹ Sprach ich: ›eine

Jungfrau.‹ Darauf sie: ›eine allein? Das ist nicht recht. Die anderen

wollen auch nicht verachtet sein. Und hier bist du in der Fremde, sie

weiss es ja nicht. Kommst du heim, ist alles wieder gut.‹ Da merkte

ich wohl, was sie wollte, und bestellte noch mehr Wein, als wollte ich

bleiben, ging aber und kam nicht wieder.«

Der blöde Schäfer hat wahrscheinlich dem Abenteuer nur deshalb einen

solch harmlosen Abschluss gegeben, weil er fürchtete, sein Tagebuch

einmal in den Händen der von ihm geliebten »Jungfrau« zu sehen.

Weniger skrupulös waren andere, so ein Abgeordneter des Frankfurter

Rates, der in Köln »zv den Frauen ging« und gewissenhaft seine

dortigen Ausgaben verbuchte. Gleich ihm ein Strassburger Beamter, den

sein Besuch auf »30 Pfennig« zu stehen kam. Ja, das Leben war damals

billig! Man verargte übrigens den Junggesellen keineswegs den Besuch

der Frauenhäuser, wenn sie nicht schon anderweitig gebunden waren. In

Frankfurt a. O. lagen z. B. die Patricier tagein, tagaus im Bordell,

ohne ein Hehl daraus zu machen. Der Aufenthalt im Bordell galt eben

als eine Zerstreuung, die man der Jugend gerne gönnte.

Wenn es zufällig nicht gerade untersagt war, bestand eine Hauptaufgabe

der Freudenmädchen darin, Kunden in das Haus zu ziehen. Sie standen zu

diesem Zwecke bekleidet à la Lucas Kranach in den nach der Strasse

führenden Fenstern, und »Etlichen lockend sij mit pfiffen, Dem andern

guckend sij mit griffen, Dem drytten mit eym Facilett -- Taschentuch

--, Den andern sij gelocket het Mit wyssen (weissen) schuhen, wyssen

beynen, Dem mit ringlin, kreutzen, meyen.«[37] Also mit Blumen, die

den Dirnen ebenso zubehörig waren, wie die Schleier.

[37] Thomas Murner, Geuchmatt, Kloster, VIII. 937.

Den alten Holzschneidern bietet die Parabel vom verlorenen Sohn häufig

Gelegenheit, Bordellscenen darzustellen, so Hans Sebald Beham, M. Treu

u. a. m. Gewöhnlich schliessen derartige Bilderreihen mit der

gewaltsamen Entfernung des verlorenen Sohnes aus dem Freudenhause,

der, nachdem er sein Erbgut im offenen Hause verprasst hat, nackt auf

die Straße geworfen wird. Manchmal fliegt ihm noch der anrüchige

Inhalt eines Geschirres nach.

Interessant übrigens dürfte die Thatsache sein, dass schon das

Mittelalter die edle Zunft der Zuhälter kannte und nach ihrem vollen

Wert zu schätzen wusste; denn eine Nürnberger Ordnung untersagt den

öffentlichen Mädchen, zur Vermeidung von Streit, »sundere Bulschaft,

die sy nennen ire liebe menner«, zu haben. In Frankfurt a. O. fristete

ein vormals reicher Patricier, Hans Rakow, als Zuhälter einer Dirne,

Agnese Schilling, sein Leben, wie Oskar Schwebel in »Renaissance und

Rococo« (S. 77) erzählt.

Charakteristisch für die vorzeitigen Moralansichten sind die den

Mädchen offiziell zuerkannten Kose- und Scherznamen, die teils von

ihrer Herkunft, teils von besonderen, manchmal recht diskreten

Körpereigenschaften ihre Entstehung herleiten. Wir finden in Leipzig

eine »gemalte Anna« -- geschminkt oder vielleicht gezeichnet durch

Pockennarben oder durch ein vom Henker aufgedrücktes Brandmal --, ein

»klein Enchen«, in Freiburg eine »kugelrunde Katharina«, in Frankfurt

eine »lange Anna« und in Berlin, laut Stadtbuch von 1442, »eine Else

med den langen tytten«. Das Wohlwollen, das sich durch derartige

Bezeichnungen ausdrückt, blieb aber nur auf die Dirnen beschränkt,

solange sie sich in dem ihnen zugewiesenen Rayon befanden. In der

Öffentlichkeit unterlagen sie der ganzen Verachtung, die das

Mittelalter auf die ausserhalb seiner Gesellschaft stehenden

Unehrlichen zu häufen gewohnt war.

Die Kinder der Dirnen, geächtet wie ihre Mütter, kamen ins Findelhaus.

Der Besuch von Wirtshäusern, in denen ehrsame Bürger verkehrten, war

für die Frauenhäuslerinnen arg verpönt. In der Kirche hatten sie bei

dem Fronaltar, wo auch der Henker sass, Platz zu nehmen; Tänzen, an

denen sich andere Frauen beteiligten, mussten sie fernbleiben; kurz,

sie waren ein Staat im Staate mit eigenen Satzungen und Gesetzen, aus

deren Grenzen sie nur mit Leibes- und Lebensgefahr heraustreten

durften.

Die für die Freudenmädchen erlassenen Gesetze schützten sie

andererseits aber vor allen Eingriffen in ihre Rechte, über die sie um

so eifriger wachten, als sie gewichtigen Beistandes sicher waren. Mit

besonderem Hasse verfolgten sie brotneidisch die »Bönhasen«, die nicht

kasernierten, geheimen Prostituierten, die ihnen, den zünftigen, ins

Handwerk zu pfuschen sich unterstanden. Der Fastnachtsspieldichter

Hans Rosenplüt zählt in einem Dialoge alle diese unlauteren

Wettbewerberinnen auf:

»Die gemeynen weib clagen auch ir orden,

Ir weyde sey vil zu mager worden.

Die winkel weyber und die hausmeyde,

Die fretzen (fressen) teglich ab ir weide.....

Auch clagen sie uber die closterfrawen

Die konnen so hubschlich über die snur hauen

Wenn sie zu ader lassen oder paden

So haben sie junkher Conraden geladen«[38]

d. h. einen Galan zur Hand.

[38] Citiert bei Rudeck a. a. O. S. 30.

Darum nahm der Würzburger Rat den Beschluss zu Protokoll: »Man sol die

schoenen Frawen beherbergen, berenden und mit in reden, davon zu

stellen, sunde und schande zu meyden, wann der Frawenwirt clagt, es

werde sein hawse zu einem egereten (Brachfeld).«[39]

[39] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, I. 418.

Schien den Freudenmädchen der obrigkeitliche Beistand nicht

ausreichend, dann griffen sie im Bewusstsein ihres Rechtes zur

Selbsthilfe. Einen diesbezüglichen Vorfall zeichnete Heinrich

Deichsler in seiner Nürnberger Chronik folgendermassen auf: »1500 Item

danach an selben tag -- 26. November -- da komen acht gemaine Weib hie

auss dem gemainen Frawenhaus zum burgermaister Markhart Mendel und

sagten, es wer da unter der vesten des Kolbenhaus ein taiber

(Blockhaus, Taubenschlag) voller haimlicher huren, und die wirtin

hielt eemener (Ehemänner) in einer stuben und in einer andern

junggesellen tag und nacht und liess sie puberei treiben, und paten

in, er solt in laub geben (erlauben), sie wolten sie aussstürmen und

wolten den hurntaiber zuprechen und zerstören, er gab in laub; da

stürmten sie das hauss, stiessen die tür auf und schlugen die öfen

ein, und sie zerprachen die venstergleser und trug iede etwas mit ir

davon, und die vogel waren aussgeflogen, und sie schlugen die alten

hurenwirtin gar greulichen.«

Noch einmal, 38 Jahre später, wiederholte sich in Nürnberg ein solcher

Einbruch konzessionierter Hübschlerinnen in ein Winkelbordell, das sie

demolierten und dessen Insassinnen sie im Triumphe in ihr eigenes Haus

zerrten. Da sie es aber diesmal versäumt hatten, die obrigkeitliche

Genehmigung nachzusuchen, erhielten sie einen derben Verweis. Häufig

wendeten sich die Stadtdirnen unter Beilage langer Verzeichnisse

bittlich an ihre Vorgesetzten, die namhaft gemachten geheimen

Prostituierten zu strafen »von Gottes und der Gerechtigkeit

wegen«.[40]

[40] Rudeck, nach Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters, IV. 266.

In Frankfurt trug 1493 der Rat den Dirnen im Rosenthal auf, ein

Mädchen, das auf eigene Faust lüderte, mit Gewalt in das Bordell zu

bringen, falls sie nicht binnen 14 Tagen freiwillig zuzöge.[41] Die

Dirnen, die sich obdachlos herumtrieben, in den Wirtshäusern und auf

den Strassen ihrem Verdienste nachgingen, »dodurch ouch junge

töchterlein angefürt und verfellet (verfürt) werdent, dovon vil bôses

kompt«, sollen in Strassburg aufgegriffen und eingesperrt werden.

Ausserhalb ihres Quartiers ertappte leichte Weiber wurden vom Büttel

mit Fahne und Trommel in das Bordell zurückgebracht.

[41] Kriegk a. a. O. S. 322.

Die Wirtshäuser und Herbergen, in denen Reisende ihr Unterkommen

fanden, waren im Mittelalter im primitivsten Zustand. Wie noch heute

in sittlich tiefstehenden Ländern, waren die Herbergsväter meist auch

Kuppler, die Dirnen zur Unterhaltung oder zum Anlocken von Gästen

hielten. Gottschalck Hollen predigt in der _Dominica exaudi_ gegen

derartige Übelthäter, indem er ihnen zum Vorwurf macht, dass sie

Dirnen in ihre Häuser kommen lassen, um mit den Gästen und Saufbrüdern

zu sündigen. Erasmus von Rotterdam in seiner klassischen Schilderung

eines mittelalterlichen Hotels, erzählt von hübschen Mädchen, die den

Gästen Gesellschaft leisten, zu allen Scherzen geneigt sind und sich

gerne zur Zielscheibe aller Witze machen lassen. Und in den

Schlafstuben: »da waren auch immer Mädchen da, lachend, herausfordernd,

tändelnd; sie fragten unaufgefordert, ob wir etwa schmutzige Wäsche

hätten, die wuschen sie und brachten die gewaschene uns zurück. Was

soll ich noch hinzufügen? Wir sahen da ausser im Stalle nichts als

Mädchen und Frauen, und selbst da brachen oft die Mädchen ein. Bei der

Abreise umarmen sie einen und verabschieden sich mit solcher Teilnahme,

als ob man ein Bruder oder ein naher Verwandter wäre.« So war es in

Frankreich, und ähnlich wird es auch in Deutschland gewesen sein,

wie die vielen diesbezüglichen Klagen und Fritz Schickers Tagebuch

beweisen. Von Wien sagt Aeneas Silvius Piccolomini, dass schier alle

Bürger Tavernen mit »lusten Fröwlein« halten, in denen umsonst zu essen

gegeben wird, damit die Gäste desto mehr trinken sollten.

Wie die Dirnen gegen die unbefugte Prostitution Front machten, so

übten sie auch einen Zunft- und Gewerbezwang aus, wenn sich irgend ein

unglückseliges Weib in ihr Revier verirrte. Wie sie selbst verfemt

waren, so brachte auch jede Berührung mit einer Ausgestossenen dem

ehrlichen Mädchen ein Schandmal bei, auf das die Dirnen mit boshafter

Schadenfreude hinwiesen. Ein markantes Beispiel dieser Art weiss

Deichsler vom 22. September 1502 zu berichten: Ein junger

Kornschreiber hatte ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, das er

beredete, eine Nacht bei ihm zuzubringen. Statt sie in sein Haus zu

führen, wie er ihr vorgespiegelt, brachte er sie ins Freudenhaus. Am

frühen Morgen kamen die Bewohnerinnen des Bordells an das Bett des

jungen Mädchens, setzten ihm den Strohkranz auf, das traditionelle

Zeichen des Falles, und ihrer zwei nahmen sie zwischen sich, führten

sie wie eine Braut öffentlich über den Obstmarkt einer Taverne zu, um

dort mit süssem Wein den Eintritt des Mädchens in die »hurnzunft« zu

feiern. Das Weinen und Barmen der Verführten weckte das Mitleid

einiger Männer, die sie befreiten und die sich wehrenden Dirnen in die

Flucht schlugen. Der schurkische Kornschreiber wurde eingelocht und

auf zehn Jahre der Stadt verwiesen. Doch nicht allen dem Bordell

Verfallenen wurde der Wiedereintritt in die Gesellschaft so leicht

gemacht wie diesem Nürnberger Mädchen. Wo anders als gerade in

Nürnberg wäre das kaum ohne umfangreiche und weitschweifige Ceremonien

möglich gewesen. Nur »die Perle Deutschlands« erwies sich so

entgegenkommend gegenüber Gefallenen, selbst richtigen Dirnen. Die

anderen Städte und Städtchen, in denen Bordelle bestanden, ahmten

darin dem Beispiele Nürnbergs, das sonst allen als Vorbild galt, nicht

nach, obgleich sie es gekonnt hätten, denn selbst die unbedeutendsten

Nester des deutschen Reiches mussten, schon um etwas in den Augen der

seltenen Reisenden zu gelten, ihre Stadt-Bordelle haben. So unter

anderen die im Mittelalter nur wenige Hundert Einwohner zählenden

Flecken Quedlinburg, Schwabach, Acken an der Elbe, Oberehenheim,

Wolkach u. a. m. Ausserhalb Nürnbergs gab es für die Hübschlerinnen

nur drei Wege, dem infamierenden Banne des Freudenhauses zu entrinnen:

die Heirat mit einem unbescholtenen Mann, den Übertritt in eine

klösterliche Bussanstalt oder den Tod.

Die Ehe mit »anständigen« Männern wurde den »geschuhten Wachteln«, wie

sie ein Fastnachtsspiel nennt, thunlichst erleichtert. Der Wirt musste

sie ohne weiteres und schuldenfrei ziehen lassen, auch wenn sie noch

so tief in seiner Schuld sassen; sogar für Aussteuer sorgte die

Obrigkeit, denn: »Wer eine arme Sünderin aus dem Gemeinen Hause zur

Ehe nimmt, soll vor allem andern eine Aussteuer von zwölf Gulden

haben«[42], eine ziemlich bedeutende Summe für die damalige Zeit, die

manche verfehlte Existenz zum Zugreifen veranlasst haben dürfte, wenn

auch honette Männer es sich wohl überlegt haben werden, »ein verruchte

dirn, Wol gewandert« heimzuführen. Der zweite Weg, der Eintritt in

eine Bussanstalt, war leichter zu beschreiten, nur ward ein Rückfall

in das gewohnte Lasterleben z. B. in Wien gleich mit dem Tode durch

den Henker bestraft. Derartige Bussanstalten fanden sich ausser in

Wien, in Nürnberg und Regensburg, fast in allen grösseren Orten

Deutschlands. Welchen Zweck diese »Stiftungen der Reue« verfolgten,

spricht klar der Steuerbefreiungsbrief Herzog Albrechts vom Jahre 1384

für das von mehreren frommen Ratsherren in der Singerstrasse in Wien

gegründete Kloster aus. Es heisst darin, dieses Haus und Stift sei

bestimmt: »für die armen Frauen, die sich aus den offenen

Frauenhäusern oder sonst vom sündigen Unleben zur Busse und zu Gott

wenden«. Das Volk glaubte freilich nicht so recht an vollkommene

Bekehrung der schönen Sünderinnen, die, wenn es ungestraft sein

konnte, ganz gerne wieder von der nun verbotenen Frucht naschten oder

als Kupplerinnen ihrem einstigen Gewerbe neues Material zuführten. Die

»jungen Bettschwestern«, die nun «alte Betschwestern« geworden waren,

heuchelten und kuppelten gerne, zerstreuten sich in ihrer Langeweile

durch Verlästerungen und Klatschereien. Murner zeichnete sie in seiner

bissigen Weise in der Narrenbeschwörung V. 77:

»Beginentand ist's in der That!

Das ihnen grosse Sachen sind;

Jedoch gebären sie ein Kind

Und laufen alle Klöster aus,

Dazu in jedes Pfaffen Haus

Und sind so niederträcht'ge Drachen,

Dass Zwist sie überall entfachen,

Ein Lotterläpplein hängen an,

Wo es nur immer gehen kann,

Und kuppeln stets geflissentlich --

#Dess# brauchen sie nicht zu schämen sich.

Sie lügen leicht und lügen flink

Und urteln über jedes Ding

Und wissen, was ein jeder that

Zu #Strassburg# in der ganzen Stadt,

Und sind allesamt viel böser doch

Als die Kupplerinnen im Dummenloch.[43]

Gar lang' sie in der Kirche bleiben,

Damit von Männern und von Weiben

Kund werden alle Dinge ihnen:

Drum sind's gottselige Beginen.

Sie fressen allezeit die Füss'[44]

Und sind in ihren Worten süss;

Indes, wenn man sie allzumal

Erkennt, ist's nichts als Gift und Gall'.

Ach, wären sie in Portugal!

Ach, wären allesamt zur Frist

Dort, wo der Pfeffer gewachsen ist,

Und dürften nicht zurücke denken!

Wollt' ihnen gern das Weggeld schenken.«

[42] Holthaus, Gloss. 484, cit. bei Schultz, D. L.

[43] Eine übelberufene Strassburger Gasse.

[44] Küssen die Füsse der Heiligenbilder.

Nichtsdestoweniger haben im allgemeinen die Beginenanstalten unendlich

viel Gutes gestiftet. Viele jener ehemaligen Buhlerinnen gaben sich

mit vollem Herzen der Busse hin, wurden zu aufopferungsvollen

Krankenschwestern und Pflegerinnen, die sich in zahlreichen Epidemien

des Mittelalters gleich Heldinnen hervorthaten. Gar manchem jener

ernsten und sittlich gefestigten Weiber winkte noch ein spätes Glück,

da sie in dem dem Tode entrissenen Kranken einen Ehemann fanden, dem

sie Treue bis zum Grabe wahrten. Es dürfte daher nicht ganz

ungerechtfertigt gewesen sein, was der Vater in dem Nürnberger

Gedichte, »Wie ain junger gsell weyben sol«, zu seinem Sohne bemerkt:

»Ich siehs und hör ess offt sagen,

Das sy sindt geraten gar wol,

Die jung waren püberei vol,

Verlyssen den pübschen orden

Und sind frumm eefrauen worden.«

Die Herren Pfaffen scheinen sich auch dann und wann ihre Liebsten aus

abgedankten Dirnen rekrutiert zu haben, wie eines der polemischen

Fastnachtsspiele Nicolaus Mannels durch folgenden Monolog der

Pfaffenmagd Lucia Schnabeli beweist. Erst führt sie bewegliche Klage

über den Bischof, dem sie jährlich vier gute rheinische Gulden als

Duldegeld niederlegen muss, das noch erhöht wird, wenn sie ein Kind

bekommen sollte. Dann fährt sie fort:

»Vor bin ich lang im frowenhus gesin

Zu Strassburg da niden an dem Ryn,

Doch gwan min hurenwirt nit so vil

An uns allen, das ich glauben wil,

Als ich dem bischoff hab müssen geben.«[45]

[45] Scherr, Frauenleben, II. 16.

Am Rheine wurden bisweilen gealterte Dirnen, die sich etwas Geld zu

erübrigen gewusst hatten, Handelsfrauen, sogenannte Gremplerinnen, d.

h. Zwischenhändlerinnen, die von den marktfahrenden Landleuten die

Landesprodukte aufkauften, um sie mit Nutzen an die Konsumenten

weiterzugeben. Murner gerät über diese »mit dem Judenspiess

rennenden«, also Wucher treibenden Weiber, in helle Wut, die sich in

den Worten äussert:

»Keine alte Hure ist am Rhein,

Die Grempen nicht wollte sein.

Wenn ein paar Eier man nur bringt

Zum Markt, die alte Brecken (Hündin) springt

Dorthin, (statt gleich den armen Leuten

Den Unterhalt sich zu erstreiten

Durch Arbeit) und ersteht die Eier,

Verkauft sie noch einmal so teuer

Und bringt so der Gemeinde Schaden ....«

Als gerechte Strafe für die von ihnen verursachte Verteuerung der

Lebensmittel empfiehlt er, die Gremplerinnen mit Steinen um den Hals

in den Rhein zu versenken.[46]

[46] Narrenbeschw. LXVII. 38 ff.

Im 16. Jahrhundert trat erst schüchtern und vereinzelt, dann allgemein

ein Wechsel der Ansichten in Bezug auf die konzessionierten

Lasterhöhlen ein. Man begann nach und nach die absolute Notwendigkeit

der Bordelle in sittlicher und gesundheitlicher Beziehung in Zweifel

zu ziehen, den bisher niemals angefochtenen moralischen Nutzen zu

prüfen, und das Resultat dieser Erwägungen war schliesslich ein wenig

befriedigendes. Dazu sanken die Erträgnisse der Freudenhäuser immer

tiefer, so dass die Ruffiane kaum mehr ihr Leben fristen, geschweige

denn die gewohnten Abgaben leisten konnten; ferner erschollen von

allen Kanzeln der neuen protestantischen Geistlichkeit ernste Worte,

die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf Erden, gegen diesen Sündenpfuhl

predigten, der jeden rettungslos den Klauen des Gottseibeiuns

überlieferte, der seine verfluchte Schwelle um des Lasters willen

überschritt. Alles dieses hat den Bordellen argen Schaden zugefügt,

doch ihre endgültige Vernichtung bedurfte kräftigerer Ursachen, um die

dem Volke gewohnte und oft nahezu unentbehrliche Institution für

Jahrhunderte aus der Welt zu schaffen.[47]

[47] Erwähnt zu werden verdient, dass in Ulm, in dem 1537 die

Frauenhäuser aufgehoben worden waren, 1551 die Zünfte ihre

Wiedereinführung beantragten, »um grösseres Unwesen zu verhüten«,

ebenso in Basel und 1562 in Nürnberg, dessen Rat bei drei Predigern

und sechs Rechtsgelehrten erst ein Gutachten einholte, ehe er die

Abschaffung der Bordelle vornahm (Kriegk a. a. O. S. 293).

Erst die gleich vom Anbeginn mit rasender Wut auftretende Lustseuche,

die Franzosen- oder St. Jobs-Krankheit benannte Syphilis machte die

Verbreitungsstätten dieser Pest, der Ärzte und Laien gleich ratlos

gegenüber standen, dem Erdboden gleich. Namenloses Entsetzen erfüllte

alle Gemüter ob dieser neuen, bisher unbekannten Seuche, die kein

Alter, kein Geschlecht, keinen Stand verschonte, in allen Kreisen ihre

Opfer suchte, bei den Patriziern der Städte, dem Adel, den Kirchen-

und Kloster-Geistlichen, wie in den unteren Volksklassen. »Einer

steckte den anderen an; aus Stadt und Dorf verstossen, irrten ganze

Scharen von Männern und Weibern aus geistlichem und weltlichem Stande

umher, bedeckt mit Eitern und Geschwüren, vom Kopf bis zum Fusse,

winselnd und rettungslos. Vergebens waren zunächst alle bekannten

Arzneimittel; ein langsamer, schrecklicher Tod erlöste die

Leidenden.[48] Ärzte und Quacksalber überboten sich in abenteuerlichen

Mitteln, die oft noch grässlicher waren, als die Krankheit selbst. Ein

Dr. Arnoldus Weickard ordinierte Hundskot »wilder Heckrosen, und vom

dörren Schaffapfel jedes gleich viel, wilder Rosenblätter und

Silberglätt, jedes auch gleich viel, und mach drauss ein Pulver. Erst

wasche das Geschwär mit des Patienten eignem Urin oder Wegbreitwasser,

hernach streue das Pulver drein«.[49] Derartige Kuren im Dunkeln

tappender Mediziner verschlimmerten natürlich nur den Zustand der

Kranken, die man mitleidlos von sich stiess, in Erdhöhlen und

Feldhütten verwies, bis man in leerstehenden Spitteln und Bordellen

Plätze fand, in denen die Unglückseligen wenigstens gegen die Unbilden

der Witterung geschützt, ihr elendes Leben fristen und sterben

konnten. Ängstlich wich man den Syphilitischen aus, ebenso wie vordem

den Aussätzigen, galt doch schon ihr Atem als Gift, eine Berührung

ihrer Hand für tödlich.

[48] Dirchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche in

Deutschland, S. 346.

[49] K. F. Paullinis heilsame Dreckapotheke, Frankfurt a. M. 1714, 3.

Kap. Von der Hurenseuche.

»Wer einen Fuss im Frauenhaus hat, hat den anderen im Spital.« Die

Frauenhäuser hatten viel zur Verbreitung der Syphilis beigetragen, und

als man sich dessen bewusst wurde, mied man jeden Verkehr mit den

Dirnen. Unter diesen Umständen verminderte sich der Bordellbesuch mit

dem Umsichgreifen der Lustseuche immer mehr, bis er endlich derart

gesunken war, dass die Obrigkeiten die Aufhebung der Frauenhäuser

veranlassten, nicht selten erst, nachdem die Ruffiane davongegangen

und die Dirnen selbst krank geworden oder in alle Winde zerstreut

waren.

Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit · 第 8 / 18 段