Die Prostitution selbst erlitt durch den Wegfall der Bordelle nur

geringe Einbusse. Das Verschwinden ihrer Kasernen tilgte das Schandmal

nicht von der Stirne der Dirnen; sie mussten in dieser Zeit, die sie

verachtete und gleichzeitig fürchtete, bleiben, was sie vordem waren,

wenn auch der Selbsterhaltungstrieb sie zwang, ihr Gewerbe mehr zu

verschleiern. So wurde aus vielen der Frauenhäuslerinnen jene

»Sunneweigerinnen«, fahrende Weiber, die unter der Marke, bekehrte

Dirnen zu sein, um Sancta Maria Magdalenas willen bettelnd durch die

Lande zogen und, wenn sich Gelegenheit bot, gerne wieder in ihr

früheres Metier verfielen. Diese nun vagierenden Bordellmädchen

vermehrten die Zahl der landstreichenden Dirnen, sie waren aber

keineswegs die Urheberinnen der reisenden Prostitution. Früh hatten

die nach Rom ziehenden Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, der Verführung

auf der langen Reise nachgebend und der Not erliegend, in den Städten

des fränkischen Reiches und der Lombardei sich zu Priesterinnen der

Venus vulgivaga gewandelt (Bonifazius epistolae 73). Sie bevölkerten

entweder fern von ihrer Heimat die Bordelle, oder fuhren, das neue

Gewerbe ausübend, erst ihrem Ziele zu und dann weiter vagierend durch

die Welt.

Das »varende vip« zog während des ganzen Mittelalters den

Hoflagern, den Krönungen, Reichstagen, Turnieren, Kirchtagen,

Jahrmärkten, Konzilien, überhaupt allen Versammlungen der

mittelalterlichen Gesellschaft zu, die ihnen durch das Zusammenströmen

verschiedenartiger, den Fesseln der heimatlichen Beobachtung entrückter

Elemente, Verdienst zu bieten schienen. An dem zweimal im Jahre

stattfindenden Jahrmarkt zu Zurzach im Kanton Aargau beteiligten sich

oft über 100 solcher Auswürflinge an dem berüchtigten »huorendanz«, der

ungezählte Zuschauer aus allen schweizer Gauen anlockte. Durch ihre

Zahl und die Frechheit in Ausübung ihres Berufes wurden sie oftmals

zur Landplage. So wurde einmal in Basel die Klage laut: »Junge Töchter

und alte Frauen machten auf der Strassen Königinnen; da kann schier

ein biederb Mann nit durch die Gassen kommen, so fallen sie ihn an und

wollen Geld von ihm gehegt han.« Bekamen sie dies nicht, so pfändeten

sie ihn und nahmen Hut und Gugel ab. Aber ganze Heere der Ausüberinnen

gewerbsmässiger Liebe stellten sich dort ein, wo geistliche und

weltliche Würdenträger zu gemeinsamer monate-, selbst jahrelang

währender Beratung zusammen getreten waren. Auf dem Konstanzer Konzile

von 1315 waren schon »heimlich frouwen und courtisaninen gar vil«, von

denen Oswald von Wolkenstein singt:

»Wer seines Leids ergötzt will sein,

Und ungenetzt beschworen fein,

Der zieh' gen Kostnitz an den Rhein,

Ob ihm die Reis' wohl füge.

Darinnen wohnt manch' Fräulein zart,

Die können spielen um den Bart ....«

Dem Reichstage von Frankfurt a. M. wohnten 1394 an 800 Fahrende

bei; hingegen überbot an dem von 1414 bis 1418 in Konstanz tagenden

Konzil ihre Menge alles bisher Dagewesene. Ihre Zahl schwankt bei den

verschiedenen Autoren zwischen 450 und 1500. Der Generalquartiermeister

des Herzogs Rudolf von Sachsen, Eberhard Dacher, sollte auf Befehl

seines in Konstanz anwesenden Herrn die dort befindlichen Kurtisanen

zählen. »Also ritten wir von einem Freudenhaus zu dem andern und wir

fanden in dem einen Hause dreissig, in einem weniger, dann wieder mehr

und so ergaben sich, ohne die zu zählen, die sich in den Badestuben

oder Ställen aufhielten, bei siebenhundert gemeiner Frawen.« Nun wollte

der Herzog auch noch die Anzahl der geheimen Dirnen wissen, aber Dacher

bat flehentlich, von dieser Volkszählung enthoben zu werden, da er es

»nicht metig zu tun; ich wurde villeicht um die Sach ertötet«. So stand

denn der Herr von seinem Vorhaben ab. Von einer dieser Dirnen, einer

Wiener Hübschlerin, meldet von der Haardt, dass sie mit einem erbuhlten

Vermögen von 800 Goldgulden aus Konstanz gezogen sei. Sie scheint

nicht vereinzelt dagestanden zu haben, wie aus dem 1415 gedichteten

Volksliede Eberhart Windeckes hervorgeht:

»Nun hat man neue Märe im Lande vernommen

Seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen

Die Dirnen sind gemehlich (Freude bereitend)

Und sind auch worden wacker und reich.«

Freilich gelang es nur den allerwenigsten, wacker und reich zu werden.

Die Mehrzahl konnte sich niemals von der Anfangsstufe in die Höhe

arbeiten; meist sanken sie, namentlich bei zunehmendem Alter, bis zur

landstreichenden Bettlerin, die den Busch oder den Wegrand zum

Liebesgemach erkor und auch dort das besudelte, verfehlte Leben

endete.

Diese Fahrenden rekrutierten sich in der Hauptsache aus entlaufenen

Bauernmädchen und den Frauen und Töchtern der vagabundierenden Bettler

und Gaukler. Die Anrüchigkeit und Unehrlichkeit des vormaligen

Artistenstandes zwang die armen, schon durch ihre Geburt gebrandmarkten

Geschöpfe zur feilen Liebe. Wo sie erschienen, standen sie ausserhalb

der Gesellschaft, dem Henker und Totengräber gleich; ihre Berührung

befleckte, ihr Eintritt in ein Haus galt als unheilbringend und die

Ehrlichen jagten sie erbarmungslos mit Schimpf und Schande von ihrer

Schwelle. Sogar der Scherge fühlte sich zu gut, über sie zu wachen, man

gab ihnen ein eigenes Oberhaupt, den Pfeifer- oder den »#Bubenkönig#«,

dem die Beaufsichtigung aller Vaganten und fahrenden Frauen oblag, und

der noch 1512 in Köln seines Amtes waltete.[50]

[50] Dr. Otto Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 29.

An der Kirchhofsmauer oder auf dem Anger, wo die armen Sünder ohne

Sang und Klang eingescharrt wurden, war auch ihre letzte, gar oft nur

widerwillig gewährte Ruhestätte. Kein Hügel wölbte sich über das Grab

der bis über das Leben hinaus verachteten Heimatlosen. Ohne Obdach zu

besitzen, irrten sie ruhelos umher, heute im Überfluss schwelgend,

morgen den Hunden der Herrenhöfe das Futter entreissend; stehlend, wo

sich Gelegenheit bot, auch vor einem Gewaltsakte nicht zurückbebend,

wenn er nur Beute versprach, ohne Rechtsbewusstsein, ohne Ahnung von

Menschenwürde, vertiert wuchsen sie auf, als Landplage gehasst und

verfolgt.

Solch unglückseligen Weibern konnte die Hingabe um Lohn nichts weiter

sein als ein Verdienst, ein leichter, willkommener sogar, der ihnen

keinerlei Bedenken einflösste. Woher sollten sie von Moral wissen,

sie, denen Scham etwas Unbegreifliches war, deren Lumpen kaum die

Blössen bedeckten. Im »Liber Vagalorum« findet sich eine Gruppe von

drei Fahrenden, einem Mann und zwei jungen Frauen, die mit

Reisigbündeln beladen auf der Landstrasse dahin ziehen. Den Weibern

hängen die Fetzen vom Leibe, sie enthüllen mehr als sie verdecken,

wohl absichtlich, einerseits, um mildherzige Frauen zur Verabreichung

abgelegter Kleidungsstücke zu bewegen, andererseits, um durch die zur

Schau getragenen Reize Männer zu locken.

Auf einer etwas höheren Stufe als bettelnde Landstörzerinnen standen

die fahrenden Gauklerinnen, die sich aber erst vor einer kurzen Spanne

Zeit der auf ihnen die ganze Vorzeit hindurch lastenden allgemeinen

Missachtung entringen konnten. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts

hiess es von ihnen: »Taschen-Spielerin Heissen diejenigen im Land

herum vagirenden und auf die Jahr-Märkte reisenden liederlichen

Weibes-Bilder, so dergleichen wunderliche Profession treiben und den

Zuschauer allerhand Blendwerck durch ihre Kunst und Geschwindigkeit so

wohl mit der Karten als auch andern darzu verfertigten künstlichen

Instrumenten vormachen.«[51] Nach derselben Quelle ist die

»Seil-Täntzerin eine leichtsinnige Weibes-Person, so in dem Lande

herum ziehet und ihre Kunst auf dem Straffen oder Schweng-Seil zu

tantzen, öffentlich um Geld sehen lässt«.

[51] Frauenzimmer-Lexicon von Amaranthes, Leipzig 1715.

Diese Künstlerinnen, denen auch Abraham a St. Clara vieles am Zeuge zu

flicken hat, waren selten besser als ihr Ruf. Als sich Grimmelshausens

»seltzamer Springinsfeld« ärgert, dass seine Neuvermählte »ihre

Jungfrauschafft nicht zu ihm bracht, sagte sie: Bist du dann so ein

elender Narr, dass du bey einer Leyrerin -- ein Mädchen, das mit einer

Leier umherzog -- zu finden vermeint hast, dass noch wol andere Kerl,

als du einer bist, bey ihren ehrlich geachten Bräuten nicht finden?

Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müsste ich mich deiner

Einfalt und Thorheit zu kranck lachen ...«

Wie den Krönungen und Konzilien, eilten die Fahrenden in grossen

Massen den Heeren zu. Schon die Kreuzfahrer zogen in Begleitung von

Scharen leichtfertiger Weiber nach dem orientalischen Kriegsschauplatz.

Einzelne sittenstrenge Feldherrn, wie Kaiser Friedrich Barbarossa

(1154) liessen zwar die Dirnen aus den Lagern jagen, richteten damit

aber für die Dauer wenig aus. Ludwig der Heilige musste zu seinem

Schmerze sehen, dass sich innerhalb der Lager, nahe dem königlichen

Zelt, unter dem Protektorate von Hofleuten stehende Bordelle erhoben.

Als die Heere grösser und durch die unausgesetzte Verwendung beinahe

schon zu stehenden wurden, wuchs der Tross der Soldatenmenscher mit

ihnen. Welche Mengen von Dirnen bei den Heeren, zu deren Bestand sie

mit der Zeit gezählt wurden, anzutreffen waren, geht aus einer Angabe

Wilmolt von Schaumburgs hervor, dass bei der Belagerung von Neuss Karl

der Kühne: »liess den profosen die gemainen weiber, der #ob dem

viertausend un hör waren#, zu der Arbeit berufen und versahn.

Denselben weiben wart durch den herzogen ain Fendlein (Fahne) geben,

daran was ein Frau gemalt, und wan si zu oder von der arbait giengen,

wart in mit dem Fendlein, auch trummen und pfeifen vorgegangen«. Der

deutsche Condottiere Werner von Urslingen hatte 1342 bei einem Bestand

von 3500 Mann 1000 feile Dirnen, Buben und Schelme (meretrices,

ragazzii et rubaldi satis) aufzuweisen.[52]

[52] Otto Elster, Bilder aus der Kulturgesch. des deutschen Heeres, S.

52.

Um dieses Heer im Heere im Schach zu halten, gab man ihnen einen mit

weitgehenden Vollmachten ausgerüsteten Vorgesetzten, den #Hurenweibel#,

dem sie sowie das Gelichter der Trossbuben und alle sonstigen Drohnen

unbedingt zu gehorchen hatten.

»Ampt und Bevelch des Hurenweybels« betitelt sich der Abschnitt über

die Obliegenheiten dieses meist im Hauptmannsrange stehenden Offiziers

und seines Leutnants und Fähnrichs. Dieser »Bevelch« schreibt dem

Waibel vor, darauf zu sehen, dass die »gemeinen Weiber« getreulich

ihre Herren abwarten, auf dem Marsche das Gepäck tragen, im Lager

kochen, waschen, die Kloaken reinigen, Kranke pflegen, »sonnst wo man

zu feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, rennen, einschenken,

Fütterung, essende und trinkende Speis zu holen, neben anderer

Nothdurft, sich bescheidentlich zu halten.« Ihm ist das Recht

zugestanden, Vergehen, der »Huren und Buben« durch »mechtig übel«

Schläge zu ahnden, sie überdies mit möglichster Strenge zu halten, da

sonst »würden faule Schwengel und Huren gar zu viel«. Also durch

Abschreckungstheorie suchte man den Zuzug neuer Individuen

hintanzuhalten. Überdies sollte der Tross zu allen militärischen

Nebenarbeiten herangezogen werden. Seine Angehörigen sollten Wege

ausbessern, Gräben aufwerfen oder füllen, Holz zu Schanzkörben und

Verhauen herbeischleppen, Hand anlegen, wenn die Bagagewagen oder die

Geschütze im Wegmorast stecken blieben, und dieses alles ohne

Widerrede »bei ernstlicher straff, so ihnen aufferlegt wird.« Sie

sollten auch nicht »umsonst einkauffen« d. h. stehlen, bei

Todesstrafe. Man sieht, das Los einer Soldatendirne war kein rosiges

und trotzdem sangen sie:

»Ob wir schon übel werden geschlagen,

So thun wirs mit ein Landsknecht wagen.«

Das zweifarbige Tuch und die flatternden Fahnen waren Lichter, die sie

in hellen Haufen anzogen, die sie umflatterten, bis sie versengt zu

Grunde gingen. Herzog Alba, der spanische Würger, führte ein Gefolge

von vierhundert Lustweibern zu Pferd und über achthundert zu Fuss mit

seinem Söldnerheere nach den Niederlanden. Sie waren in Kompagnien

geteilt und in Reih und Glied geordnet. Jeder war je nach Schönheit

und Herkunft ein Liebhaber gegeben, dem sie bei Strafe anzugehören und

treu zu sein hatte. Im dreissigjährigen Kriege verlor die Stellung des

Hurenweibels an Ansehen, er sank zum gemeinen Soldaten herab, dem das

Heer ebenso wenig Achtung zollte, wie der ihm unterstellte Tross. Mit

der Einrichtung der stehenden Heere verschwand das Weibergefolge auf

dem europäischen Festlande, und mit ihm auch der Weibel.

Das völkermordende dreissigjährige Würgen, das Deutschland auf

Jahrhunderte zu Grunde gerichtet, seine vormals blühenden Gegenden in

menschenleere Wüsteneien verwandelt, bot dem fahrenden Dirnentum den

günstigsten Nährboden. Ihre Zahl wuchs ins Unmessbare, denn jede

eroberte Stadt, jedes eingeäscherte Dorf vermehrte das Heer der

Soldatenweiber. Gezwungen oder freiwillig folgten die ihrer Heimat,

ihrer natürlichen Beschützer beraubten Mädchen und Frauen ihren

Vergewaltigern, bei denen sie wenigstens nicht verhungerten, bis sie

am Wege starben, oder unter den Fäusten ihrer entmenschten Liebhaber

verröchelten. Was galt in diesen Unglücksjahren ein Menschenleben und

gar das Leben einer Dirne, jenes Geschmeisses, das zu zertreten der

Laune seines Besitzers frei stand.

Das Zeitalter des grossen Krieges entfesselte in bis dahin

ungeahnter Wildheit das Tier im Menschen. Alle Greuel, die ein

krankhaft-überspanntes Gehirn auszuhecken vermag, überbot die zügellose

Soldateska, jener Auswurf der Menschheit, der unter dem Schutz der

Fahnen und entmenschter Führer die Bestien des Urwaldes an Blutdurst

und Grausamkeit übertraf. Jedes Weib ohne Rücksicht auf Alter war

verloren an Leib und Seele, das diesen Scheusalen in die Hände fiel.

Grausamkeit und Wollust, diese beiden Stiefschwestern der Liebe,

steigerten sich bei diesem vertierten Gesindel zu einer unerhörten

Intensivität. Moscheroschs »Philanders von Sittewald wunderliche

und wahrhaftige Gesichte« und Christoffel von Grimmelshausens

»Simplizianischen Schriften« entrollen grauenvolle Bilder des

bluttriefenden Übermutes, die durch die Chroniken jener Zeit nicht

nur als wahrheitstreu, sondern oft sogar durch dichterische Retouche

gemildert nachgewiesen wurden.

Darum gewinnt das Bild einer Soldatendirne des dreissigjährigen

Krieges, das Grimmelshausen gezeichnet, den Wert eines

kulturgeschichtlichen Dokumentes, dessen Details uns getreulich das

Werden, Leben und den Untergang eines dieser bedauernswerten Geschöpfe

vergegenwärtigen. Der Titel der »Ertzbetrügerin und Landstörtzerin

Courasche«, gedruckt in Utopia bei Felix Stratiot, nimmt vierundzwanzig

Zeilen ein, und achtundzwanzig Kapitel behandeln das Leben dieser

Courage von ihrer Kindheit an, bis zu ihrem hohen Alter.[53] Der

kurzgefasste Inhalt des Büchleins, soweit es uns interessierende Themen

enthält, ist folgender: Jungfer Lebuschka ist von ihren unbekannten

Eltern einer Bäuerin in Bragoditz, jetzt Prachatitz, in Böhmen zur

Pflege anvertraut. Als sich der Krieg gegen Prachatitz zu ziehen

scheint, beredet die Pflegemutter das dreizehnjährige Mädchen, sich

als Knabe zu kleiden, um so der Schändung zu entgehen. Aus Jungfrau

Lebuschka wird der Knabe Janco, der von den Soldaten mitgeschleppt

wird, als »die Männer in der eingenommenen Stadt von den Überwindern

gemetzelt, die Weibsbilder genohtzüchtiget und die Stadt selbst

geplündert worden«. Der Rittmeister des Trupps, dem Lebuschka in

die Hände gefallen, behält sie selbst als Trossbuben, bis bei einer

Rauferei ihr Geschlecht erkannt und sie zur Maitresse ihres Herrn

wird. Ihre oft bewiesene Unerschrockenheit hat ihr den Namen Courage

eingebracht, den sie nicht mehr los wird. Mit ihrem Rittmeister zieht

Courage weit in der Welt umher, bis nach Ungarn, wo er vor Neuhäusel

(Neussol) eine tödliche Wunde erhält. Auf dem Sterbebette reicht er

Courage seine Hand, die nun Frau Rittmeister und gleich darauf Witwe

wird. Mit der Beute ihres verstorbenen Gatten reich ausgestattet, kommt

Courage nach Wien, wo sie verschiedene einträgliche galante Abenteuer

besteht. Die Sehnsucht, Prachatitz wiederzusehen, führt sie über

Prag dorthin, doch auf der Reise wird sie von Mansfeldischen Reitern

aufgehoben, in eine verlassene Meierei geschleppt, vergewaltigt, aber

mit ihrem Eigentum von einem feindlichen Hauptmann aus den Klauen der

Mansfelder befreit. Sie weiss den Hauptmann zu ködern, sie zur Gattin

zu nehmen, und bleibt ihm aus Berechnung treu, bis er am 22. April 1622

in Wiesloch in Baden fällt. »So ward ich wiederumb in einer kurtzen

Zeit zu einer Wittib.«

[53] Kürschners Deutsche Nationallitteratur, Band 35.

Courage geniesst ihr Leben, freut sich der teilweise selbst gemachten

reichen Beute, die sie mit einem schwarzhaarigen Leutnant, »einem

Italianer« teilt, der sie ihres Geldes wegen zur Frau nimmt. Nach der

ersten grossen Schlägerei nimmt der junge Ehemann aber Reissaus, und

später erfährt Courage, dass der schöne Offizier als Deserteur gehenkt

wurde. Mit ihm verduftete leider die ganze Barschaft unserer Heldin,

die nun wieder aufs Rauben auszieht, wobei sie manch kostbare Beute an

Geld und Juwelen, einmal sogar einen leibhaftigen Major, nach Hause

bringt. Durch ihre Aufführung wird aber unsere Courage mehr und mehr

verrufen und dadurch sogar beim »Lumpengesindel beym Tross« derart

unmöglich, dass sie es vorzieht, wieder einmal für einige Zeit zu

verschwinden, und ruhig und ehrbar in einer Stadt sich für einen

Fischzug nach einem neuen Ehegatten zu stärken.

Ihr Wohnort erweist sich als ungeeignet für ihre Pläne, darum fasst

Courage den Entschluss, noch einmal den Versuch zu wagen, ihre

Pflegemutter in Prachatitz zu erreichen. Diesmal gelingt es besser als

das erste Mal. Courage erfährt von ihrer Pflegemutter, wie ihr Vater

vormals einer der gewaltigsten Herren im Reiche gewesen, der sich

jetzt aber, als Rebell vertrieben, bei den Türken aufhält. Ihre Mutter

war Kammerjungfer bei des Grafen (Courages Vater) Gattin, ist nun aber

längst tot.

Als Courage von Prachatitz nach Prag zurückkehrt, nimmt sie die alte

Bäuerin mit sich, die fürder als ihre Mutter gelten soll. Unter der

Maske, durch den Krieg aus ihrem Besitztum vertrieben zu sein, suchen

sie offiziell ihren Unterhalt durch Nähen und Sticken zu erwerben, was

dank der Nebenbeschäftigung Courages gelingt, ohne dass sich ihr etwa

3000 Reichsthaler belaufendes Vermögen verminderte. Ein Hauptmann, dem

es weniger um Ehre als um Geld zu thun ist, wirbt um Courage; sie wird

seine Frau, muss aber mit ihrem Manne bald nach der Trauung den

sicheren Port Prag verlassen und nach Holstein aufbrechen.

Courage fand es diesmal für gut, ihren Mann in Einzelheiten ihres

Lebens einzuweihen -- natürlich erzählt sie nur, was ihr in den Kram

passt --, um unliebsamen Entdeckungen zuvorzukommen, die bei ihrer

Berüchtigtheit in allen deutschen Heeren nicht ausbleiben können. Da

sie ihrem Manne treu bleibt, prallen auch alle Zuträgereien an diesem

ab, und sie leben glücklich, bis ein Kanonenschuss bei der Belagerung

des Schlosses Hoya sie neuerdings zur Witwe macht. Das Schloss wird

übergeben, und zum Unglück fällt Courage jenem Major in die Hände, den

sie früher einmal gefangen genommen hat. Er nimmt die denkbar

gemeinste Rache an dem Weibe, das er vor und mit seinen Offizieren

prostituiert und endlich den Trossbuben preisgeben will, als ein

dänischer Offizier sie frei bittet, um sie auf sein Erbschloss in

Dänemark in Sicherheit zu bringen. In Verborgenheit bringt Courage

einige Monate auf diesem Schlosse zu, bis die Eltern des Adeligen von

ihrem Aufenthalt erfahren und sie, um die geplante Heirat ihres Sohnes

mit der Dirne zu hintertreiben, nach Hamburg locken, wo man sie ihrem

Schicksale überlässt, so dass sie anfängt: »mit dem Schmalhansen zu

conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit

meiner nächtlichen Handarbeit zu gewinnen«. Es wird ihr leicht, da

Hamburg und seine Grenzgebiete von Truppen überschwemmt sind. Ein

junger, strammer Reiter, den sie sich zum Herzensfreund erkoren, gerät

ihretwegen in Streit mit seinem Korporal, wird arkebusiert, sie aber

wird schimpflich durch den Steckenknecht aus dem Lager gebracht. Zwei

Reiter fallen sie an, von denen sie einen tötet, den anderen aber mit

Hilfe eines hinzukommenden Soldaten in die Flucht schlägt, worauf sie

ihrem Retter zu seinem Regimente folgt. Courage findet die böhmische

Theatermutter wieder, die sie bereden will, mit ihr nach Prag zu

gehen, um dort in Ruhe zu leben; aber das wilde Blut in der

Soldatendirne will durch Abenteuer in Wallung erhalten sein, und so

bleibt sie denn beim Heere und gerade bei jenem Regimente, dem ihr

gefallener Gatte, der Hauptmann, angehört hatte. Als Marketenderin

zieht sie mit dem Heer über die Alpen nach Italien und entschliesst

sich endlich, den Soldaten zum Liebhaber zu nehmen, der ihr vordem in

ihrem Kampfe mit den Marodeuren beigestanden. Aus der Frau Hauptmännin

wird eine Musketiersmaitresse. Springinsfeld, der junge Pseudo-Ehemann,

hilft seiner Geliebten bei der Marketenderei, während sie, die alte

Pflegemutter als Kupplerin benützend, ihrem Liebsten Hörner schockweise

aufsetzt, viel Geld damit verdient, das sie in sicheren Wechseln nach

Prag sendet. Wenn die Geldquelle zu versiegen droht, weiss sie sich mit

Springinsfelds Hilfe durch Diebstähle schadlos zu halten, bei denen

ihr Buhle recht geschickt als Werkzeug benutzt wird. Inzwischen ist

Courage des Genossen überdrüssig geworden und sucht eine Gelegenheit,

sich seiner zu entledigen. Eines Nachts, als sie neben ihm schläft,

packt sie der Springinsfeld in schlafwachem Zustand, wirft sie über

die Achsel und eilt mit ihr dem Wachtfeuer bei des Obersten Zelt

zu. Unterwegs erwacht Courage, ihr Geschrei weckt das Lager, dessen

Insassen von allen Seiten herbeieilen, sich den lächerlichen Vorfall,

»die Gugelfuhr«, die nackte Courage auf der Schulter ihres halbnackten

Galans, zu besehen. Die Gelegenheit, den Liebhaber los zu werden, ist

endlich gefunden, denn selbst der Profoss befiehlt die Trennung von

einem Menschen, der im Schlafe zu einem Morde fähig scheint, und mit

einem Pferde, Geld und dem _spiritus familiaris_, einem Galgenmännlein,

das seinem Besitzer alle Wünsche erfüllt, aber dessen Seele dem Teufel

zuführt, beschenkt, zieht Springinsfeld seiner Wege. Auch Courage

wird im Regimente bald der Boden zu heiss unter den Füssen, und mit

ihrem erbuhlten und ergaunerten Besitztum überreich ausgestattet,

wählt sie erst Passau, dann Prag zum ständigen Aufenthalt, um dort

das Ende des Krieges abzuwarten. Obgleich älter geworden, gelingt es

Courage doch noch einmal, einen Hauptmann zum Gatten zu kapern, sie

verliert aber den Mann, »der noch kaum bey mir erwarmet« wieder und

begiebt sich nun in das Vaterland ihres ersten Hauptmanns-Gatten,

wo es ihr so gut gefällt, dass sie sich sesshaft macht und all ihr

Geld in Grundbesitz anlegt. Sie hofft auf den nahe bevorstehenden

Frieden, sieht sich aber getäuscht, denn die Rationierungen und

Einquartierungen der durchziehenden Soldateska, dazu die Steuern drohen

ihr Vermögen aufzuzehren, weshalb sie auf das bei ihrer Qualität sehr

naheliegende Auskunftsmittel verfällt, ihr Haus zu einem Bordell für

die Soldaten zu machen. Das Geschäft floriert einige Jahre glänzend,

doch nötigt sie ein bei ihrem Berufe naheliegendes Leiden, ein Heilbad

aufzusuchen, in dem sie den Simplicius Simplicissimus kennen lernt.

Wie sie diesen jungen Mann und berühmten Soldaten belügt und betrügt,

füllt das 24. Kapitel ihrer Memoiren, die nun ihrem Ende zugehen. Ihr

Luderleben veranlasst endlich die Obrigkeit ihres Wohnortes, ihr Haus

zu sperren und sie mit ihren Mägden davonzujagen. Sie nimmt noch einmal

mit wechselndem Erfolge ihr altes Metier wieder auf, bis sie einer

Zigeunertruppe in die Hände gerät. Der Leutnant dieser Vaganten begehrt

sie ob ihrer Schlauheit zum Weibe, und mit ihm und ihrer Truppe, die

sie zur Königin erkiest, durchzieht sie fortan nach Zigeunerweise

die deutschen Länder -- ein Schicksal, das vielen Soldatenweibern

beschieden war, die nach dem Frieden bei Räuberbanden blieben, von

denen das arme, hinsterbende Deutschland noch lange gebrandschatzt

wurde.

Das Badewesen.

Der Gebrauch von Bädern war in der deutschen Vergangenheit

ungleich verbreiteter und allgemeiner als heutzutage. Allen

Bevölkerungsschichten, von dem niedrigsten Knechte bis zum

ehrfurchtsvoll gegrüssten und vielbeneideten Stadtgrossen, war

das Baden nicht nur ein unabweisbares Bedürfnis, sondern auch ein

unentbehrlich gewordenes Vergnügen, das den sieben grössten Freuden des

Lebens zugezählt wurde, »es war ein sauber spiel, Das ich immer preisen

wil«[1], darum heisst es im »Schertz mit der Warheyt« (Frankfurt 1501):

»Wiltu ein Tag frölich sein?

geh ins Bad;

Wiltu ein Wochen frölich sein?

lass zur Ader;

Wiltu ein Monat frölich sein?

schlacht ein Schwein;

Wiltu ein Jahr frölich sein?

Nimm ein jung Weib.«

[1] Klara Hätzlerin, S. 273.

Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit · 第 9 / 18 段