Die freie Denkungsart des Mittelalters in geschlechtlichen Dingen

hielt sich nicht an den heute gang und gäben Standpunkt, dass nur der

Mann allein seinen sinnlichen Bedürfnissen Rechnung tragen dürfe, die

Frau aber den einmal geweckten Naturtrieb zu unterdrücken habe. War

die Vorzeit auch intolerant gegen Fehltritte von Mädchen, so erkannte

sie der Frau das Recht zu, von ihrem Manne die Leistung der ehelichen

Pflicht voll und ganz beanspruchen zu dürfen. Luthers Ansicht: »Ein

Weib, wo nicht die hohe seltsame Gnade da ist, kann eines Mannes

ebensowenig entraten als essen, schlafen, trinken und andere

natürliche Notdurft«, die er oft und in verschiedenen Varianten

verficht, war ganz die seines Zeitalters, was schon daraus hervorgeht,

dass sogar gesetzliche Bestimmungen der Frau ihr durch die Heirat

erworbenes Recht in für den betreffenden Gatten tragikomischen

Bestimmungen zu wahren suchen.

Diese Gesetze vertreten ganz Luthers Standpunkt, der in seinem Traktat

»Vom ehelichen Leben« erklärt: »Wenn ein tüchtig Weib zur Ehe einen

untüchtigen Mann überkäme und könnte doch keinen anderen öffentlich

nehmen und wollte auch nicht gern wider Ehre thun, soll sie zu ihrem

Mann also sagen: Siehe, lieber Mann, du kannst mein nicht schuldig

werden, und hast mich und meinen jungen Leib betrogen, dazu in Gefahr

der Ehre und Seligkeit bracht, und ist für Gott keine Ehe zwischen uns

beiden, vergönne mir, dass ich mit deinem Bruder oder nächsten Freund

eine heimliche Ehe habe und du den Namen habst, auf dass dein Gut

nicht an fremde Erben komme, und lass dich wiederum williglich

betrügen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen betrogen hast.«

Der Mann, führt Luther[8] weiter aus, hat die Pflicht, die Bitte zu

erhören; will er nicht, so darf er nicht böse sein, wenn die Frau von

ihm läuft.[9]

[8] Jena 1522 II. 146.

[9] Dr. Karl Hagen, Deutschlands literarische und religiöse

Verhältnisse im Reformationszeitalter, S. 234.

Am weitschweifigsten ergehen sich die westfälischen Weistümer über

diese auch heute noch brennende Frage. Sie erkennen in erster Linie

dem Nachbarn des untauglichen Ehemannes das erste Recht auf

Stellvertretung zu, dann jedem X-beliebigen. Das Beuker Heidenrecht

(III 42) besagt wie folgt: »Item so erkenne ich auch für Recht, so ein

guter Mann ihr Frauenrecht nicht vollziehen könne, dass sie darüber

klagt, so soll er sie aufnehmen und tragen über sieben Zäune und

bitten seinen nächsten Nachbarn, dass er seiner Frau helfe; wenn ihr

geholfen ist, soll er sie wieder nehmen, sie wieder tragen nach Haus

und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes Huhn und eine Kanne

Wein vorstellen.« In der Landfeste von Hattingen hat dieser Gebrauch

gleichfalls Platz gefunden: »Da ein Mann wäre, der seinem rechten

Weibe ihr frauliches Recht nicht thun könne, so soll er sie sachte auf

den Rücken nehmen und tragen über neun Zäune und setze sie dort

vorsichtig nieder, ohne Stossen, Schlagen, Werfen und ohne bösen

Worte, rufe alsdann seine Nachbarn an, dass sie ihm seines Weibes Not

wehren helfen. Und wenn dann seine Nachbarn das nicht thun wollen oder

können, so soll er sie senden auf die nächste Kirchweih in der Nähe,

und dass sie dort »sich seuverlich zumache und zehrung habe, hänge er

ihr einen mit Geld bespickten Beutel auf die Seite. Kommt sie von

dorther wieder ungeholfen, #dann helfe ihr der Teufel#!«

Nach dem Bochumer Landrechte (III. 70) genügt ein Teufel nicht mehr.

Hat der Mann die Frau über die Zäune getragen, dort fünf Stunden lang

um Hilfe gerufen, sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen

Jahrmarkt geschickt, ohne dass sich ihr Wunsch erfüllte, dann mögen

ihr »thausend düffel« helfen.[10]

[10] Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrh., S. 159.

War die Frau ansehnlich, dann bedurfte es solcher Gewaltmassregeln

kaum, sie fand unter der Dorfjugend leicht einen Liebhaber, und

verhielt sich diese spröde, dann war noch immer der Herr Geistliche

da.

Denn wenn auch die Geistlichkeit gegen die Unzucht von der Kanzel

herab Zeter und Mordio predigte, so war sie während ihrer unendlich

vielen Freizeit eine ewig dräuende Gefahr für den schöneren Teil ihrer

Pfarrkinder.

»Die Sünden, die begehn allein

Die Pfaffen, sind die Weibelein«

sagt der Freidank in seiner Bibel des Mittelalters, in der

»Bescheidenheit«, indem er den Klerikern ins Gewissen zu reden sucht

und ihnen zürnend zuruft:

»Ein jeder Priester meiden soll

Mess oder Weib; das stehet wohl:

Das Haus bedarf der Reinheit wohl,

Darein Gott selber kommen soll.«[11]

[11] Freidank a. a. O., Aus dem Mittelhochdeutschen von K. Pannier, S.

24 ff.

Auch Walter von der Vogelweide meint: »Die Pfaffen sollten keuscher

leben als die Laien«, sie thaten es aber so selten, dass die Bauern

froh waren, wenn ihre Seelenhirten Beischläferinnen besassen. Die

kernigen Friesen duldeten keine Priester ohne Konkubinen in ihrer

Mitte: »Se gedulden ock geene Preesteren, sunder eheliche Fruwen, op

dat se ander lute bedde nicht beflecken, wente sy meinen, dat idt nich

mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein mensche ontholden

konne«.[12]

[12] Corvin, Pfaffenspiegel, V. Aufl. S. 303.

Mit anerkennenswerter Offenheit äussert sich ein Manuskript-Fragment

aus dem 13. Jahrhundert »_de rebus Alsaticis_«: »Um das Jahr 1200

hatten auch die Priester allgemeine Beischläferinnen, weil gewöhnlich

die Bauern sie selbst dazu antrieben. Diese sagten nämlich: Enthaltsam

wird der Priester nicht sein können, es ist darum besser, dass er ein

Weib für sich hat, als dass er mit den Weibern aller sich zu schaffen

macht.« Welche Gefahr dieses Beackern fremder Felder darstellte,

beweist nach der eben citierten Quelle ein Herr Heinrich Bischof von

Basel (1215-38), der bei seinem Tode 20 vaterlose Kinder ihren Müttern

hinterliess. Ein Bischof von Lüttich, den das Konzil von Lyon

absetzte, besass gar 61 Sprösslinge. Nach Caesarius von Heisterbach

scheute mancher Pfaffe selbst nicht davor zurück, mit Jüdinnen

Verhältnisse einzugehen, im Mittelalter eine Todsünde, doppelt

sündhaft für einen Geistlichen.

Offen und ungescheut unterhielten die meisten Geistlichen ihre

Pfarrersköchinnen bis zur Reformation, die sich diese Achillesferse

der Gegenpartei nicht entgehen liess und eine ganze Litteratur wider

die Pfaffenbuhlerinnen zeitigte. Die »_Epistolae virorum obscurorum_«

und Ulrich von Huttens Gesprächbüchlein sind köstliche Blüten dieser

Kampfschriften; namentlich das erstgenannte Buch übergiesst die

Pfarrerdirnen und ihre Liebhaber mit ätzender Satire. Aber auch die

katholische Litteratur bemächtigte sich von altersher des dankbaren

Stoffes, um ihr Mütchen an den Pfaffendirnen zu kühlen, sei es in

ernst mahnender, sei es in derb-komischer Manier. Der »#Pfarrer von

Kahlenberg#« weiss durch die hübsche Beischläferin seines Bischofs

sich manchen Vorteil zu erschleichen. So liegt er einmal unter dem

Bette, während der Bischof seiner Liebsten »die Kapelle weiht«.[13] Da

dieser Eulenspiegel im Priesterkleide den Befehl erhielt,

Bedienerinnen zu haben, die 40 Jahre zählen, so nimmt er sich zwei von

je 20 Jahren. Im Till Eulenspiegel und den anderen Schwankbüchern des

Mittelalters gehört der verbuhlte Pfaffe zu den stereotypen Figuren,

die es meisterlich verstehen, die Gatten und Väter zu hintergehen.

Manchmal misslang allerdings das Vorhaben, dann empfingen sie eine

Tracht Prügel, wurden sogar manchmal erschlagen. Doch auch an ernsten

Stimmen über das pfäffische Treiben fehlt es nicht. Thomas Murner,

dessen Geissel auch seine eigenen Standesgenossen nicht verschont,

wenn es gilt, der Menschheit ihre Laster vorzuhalten, ironisiert im

»Narrenspiegel«:[14]

[13] »Der Pfarrer von Kahlenberg.« Ein Schwankgedicht. Erneut von Karl

Pannier, Leipzig, S. 36.

[14] 19. 86.

»Dann hör' ich eurer Köchin Beicht',

Und ihr thut's meiner auch vielleicht

Und thut, wie unser Vorfahr that,

Der von der Höll' uns alle hat

Befreit, uns thät vor Tod bewahren,

Dass wir nicht brauchen hineinzufahren.

Jedoch, sobald ihr wolltet schnurren

Und wider unsre Freiheit murren,

Aus meiner Pfarr', aus meinem Haus

Meine liebe Köchin treiben aus,

Mit der ich alle Kurzweil' treib',

Die mir auch wärmet meinen Leib,

Die wohl schon zwanzig ganze Jahre

Mir hat gekräuselt meine Haare --

Das würde dir nicht schlecht vergolten.

Denn bald die Bauern wissen sollten,

Bald sagt' ich ihnen frohe Märe,

Dass nirgends eine Hölle wäre.«

Dann weiter:

»Jeder hat eine Dienerin,

Die tag und nacht bischlaft im.«

Die Herren Geistlichen waren Epikureer, die dem Sprichworte huldigten:

»Es ist kein feyner leben auf erden, denn gewisse Zinss haben von

seinem Lehen, eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott gedienet.«

Die Pfarrer durften sich ungestört ihrer wilden Ehe hingeben, wenn sie

ihre Oberen nur dafür bezahlten. Aus diesem Sündengeld zogen viele

Bischöfe grosse Summen. »Es war ein mal ein priester, der gab alle iar

dem fischgal (Fiskal) fier guldin, dass er im die Kellerin in ruwen

(Ruhe) liess«[15], eine stattliche Summe, die ein Erkleckliches

ausmachte, wenn eine grössere Anzahl von Priestern aus einer Diözese

den gleichen Betrag erlegen musste. Heinrich von Hewen, um die Mitte

des 15. Jahrhunderts Bischof von Konstanz, selbst ein üppiger Herr,

gewann aus den Konkubinen-Abgaben seiner Geistlichen eine jährliche

Einnahme von 2000 Gulden. Das ärgerliche Leben der Geistlichkeit

verlockte sogar die abergläubische Menge, ihnen die Schuld an

Epidemien und schweren Erkrankungen ihrer Beichtkinder, besonders an

der Epilepsie, zuzuschieben. »Da ward darnach von etlichen also

gedeutet, als sollten diese Leute nicht recht getaufft, oder doch ihre

Tauffe nicht krefftig sein, weil sie die von solchen pfaffen

empfangen, die da unverschampt, mit unzüchtigen Huren in öffentlicher

Unehe bey einander lebten, darüber das gemeine Volk bald ein aufstehen

gemacht, und alle pfaffen zu todt geschlagen hette.«[16]

[15] Schimpf und ernst v. Bruder Johannes Pauli, Strassburg 1522.

[16] Cyr. Spangenberg, Adels Spiegel. Historischer ausf. Bericht: Was

Adel sey und heisse etc. Schmalkalden 1591. fol. 403 b ff.

Neben der Liebe vergassen auch viele Geistliche nicht, weltliche Güter

zu eigenem und zum Nutzen ihrer Klöster zu ergattern. Junge, hübsche

und reiche Witwen und Waisen waren ein gesuchter Artikel für Laien und

Priester. »Darnach sind etliche (Geistliche),« äussert sich Geiler von

Kaisersberg, »die wittwen und weyssen heymsuchend. Warumb? Darumb: Sy

begerend sye zuo verfueren, uff dass sye ires leibes und guotes gantz

gewaltig werdend.«[17]

[17] Seelenparadies, fol. 147 a.

Ausser ihren Beichtkindern und ihren Wirtschafterinnen standen

übrigens der höheren Geistlichkeit die ihnen subordinierten Klöster

für galante Abenteuer zur Verfügung, worüber schon in früher Zeit

viele Klagen laut wurden, deren Berechtigung auch Karl der Grosse

durch einige seiner Kapitularien anerkannte.

Die Klöster.

Ebenso unkeusch wie die Seelsorger in Dorf und Stadt waren die

Insassen der Klöster, gleichviel ob Mönche oder Nonnen. Namentlich die

Nonnenklöster standen vielfach in denkbar schlechtestem Rufe, so dass

Geiler von Kaisersberg sagen durfte: »Ich weiss nicht, welches schier

das best wer, ein tochter in ein semlich closter thuon oder in ein

frawenhauss. Wann warumb? ym closter ist sie ein huor ....« Ein hartes

Urteil eines Geistlichen über seinesgleichen, dem umsoweniger die

Berechtigung abgesprochen werden darf, als es keineswegs vereinzelt

dasteht. Sebastian Brant meint im Narrenschiff:

»Solch Klosterkatzen sind gar geil,

Das schafft, man bind sie nicht an seil«,[1]

das heisst, dass sie keine Aufsicht haben.

[1] Narrenschiff, LXXIII. Vom geistlich werden.

Die Abgeschlossenheit der Klöster eignete sich vorzüglich dazu,

Geheimnisse der Aussenwelt zu verbergen und sich unter dem Schutze der

Klausur der ausgelassensten Wollust hinzugeben.

Es sind grauenvolle Thatsachen aus dem mittelalterlichen Klosterleben

überliefert. Das Kloster Gnadenzell auf der schwäbischen Alp gelangte

schon frühzeitig zu trauriger Berühmtheit. Einer der Schirmherren des

Klosters, Herzog Julius von Braunschweig, liess die Äbtissin, eine

geborene von Warberg, 1587 lebendig begraben, weil sie sich mit dem

Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte.[2] Die früheren Aufseher

dieses Klosters waren weniger streng. Sie liessen es geschehen, dass

es darin schlimmer als in einem Bordelle zuging und die Nonnen Tag und

Nacht für wohlhabende Gäste zur Verfügung standen. Von diesen Nonnen

ging die Priamel aus:

[2] Corvin a. a. O. 327.

»Ein boehmisch moench und schwaebisch nonn

Ablass, den die Kartheuser hon,

Ein polnisch brueck und wendisch treu

Huener zu stehlen, Zigeuner reu

Der Welschen Andacht, Spanier eid

Der Deutschen fasten, Koellnisch maid

Eine schoene tochter ungezogen

Ein roter bart und erlenbogen,

Fuer diese dreizehn noch so viel,

Gibt niemand gern ein pappenstiel.«[3]

[3] Adelbert von Keller, »Alte gute Schwänke«, S. 76.

Sebastian Franck drückt sich in seinen Sprüchwörtern kürzer dahin aus:

»Ein polnisch bruck, ein bemischer mönch, ein schwebisch nonn, ein

oesterrychischer Kriegsmann, wälche andacht und der tütschen fasten

geltend ein bonen« -- d. h. sind keine Bohne wert. Im gleichen Rufe

wie Gnadenzell standen das Frauenkloster zu Kirchheim unter Teck, in

dem Graf Eberhard der Jüngere von Württemberg mit seinen Zech- und

Waidkumpanen die tollsten Orgien feierte, und Söflingen bei Ulm. Als

das Gerede über das Treiben der Söflinger Nonnen zu arg wurde, sah

sich die geistliche Obrigkeit endlich veranlasst, eine Visitation des

Klosters vorzunehmen. Gerne that es der Bischof Gaimbus von Kastell ja

nicht, denn er fürchtete mit Recht einen Skandal. Aber was er fand,

übertraf seine höchsten Befürchtungen und war selbst für den guten

Magen des Kirchenfürsten zu viel. Ganz entrüstet berichtet er unter

dem 20. Juni 1484 an den Papst von den Nachschlüsseln, den Briefen

höchst unzüchtigen Inhalts und den üppigen Kleidern, die er in den

Klosterzellen entdeckt hatte. Das ihm Peinlichste aber war, dass fast

alle Nonnen -- in gesegneten Umständen angetroffen worden waren.[4]

Die Zimmersche Chronik lässt sich über das Kloster zu Oberndorf im

Thal wie folgt aus: »Es haben sich bis vierundzwanzig Klosterfrauen,

meistenteils von Adel, darin aufgehalten, die keinen Mangel litten,

wie man spricht, sondern im Überfluss lebten. Was für gutes Leben,

sofern man das als gutes Leben achtet, in diesem Kloster war, ist

daraus zu ersehen, dass viel Adel vom Schwarzwald und vom Neckar in

diesem Kloster eingekehrt -- den ufritt gehapt --, so dass es damals

mit mehr Recht des Adels »hurhaus« als des Adels »spittal« wäre

genannt worden. Besonders haben die von Ow, Rosenfeldt, Brandegk,

Stain, Neuneck viel Geld darin verthan, und hat diese Hochschule der

Wollust Ehebrecher und Väter unehelicher Kinder geschaffen. Damit

genug. Einmal sind viele vom Adel und gute Gesellen im Kloster

gewesen, die haben Abendtanz sehr spät gehalten. Da hat es sich von

ungefähr begeben, dass während des Tanzes plötzlich die Lichter

verlöschten. Da entstand ein »wunderbarliches blaterspill«, indem sich

jeder Mann ein Nönnlein nahm. Die Thüren waren verhängt und kein

brennend Licht sollte in den Saal kommen. Und gleichwohl niemand von

der Dunkelheit verschont blieb, so hatte doch keiner Grund zu klagen,

ausser einem Edelmann, dem ein »widerwertiger casus begegnet«. In der

Furcht, es werde unversehens ein Licht gebracht, schrie er: »Liebe

Freunde, eilet nicht, lassts noch einmal herumgehen -- ich habe meine

Schwester erwischt!«[5] In demselben Kapitel der eben citierten

Chronik finden sich noch weitere Skandalosa von Nonnen und Mönchen,

auch Liebesabenteuer des erbitterten, viel verlästerten Gegners der

Reformation, Thomas Murner, des Franziskanermönches, des strengen

Sittenpredigers, der vielleicht, wenn sich gerade mal eine günstige

Gelegenheit bot, auch ganz gerne einen Seitensprung machte, was dann

seinen vielen Feinden willkommenen Anlass bot, ihn ebenso abzukanzeln,

wie sie es von ihm gewohnt waren. Er hatte ein loses Maul, das

ebensogut schimpfen, wie im beissenden Spott arge Wunden verursachen

konnte:

[4] Jäger, Schwäbisches Städtewesen, I. 501.

[5] Zimmerische Chronik, III. 69.

»Wer die meisten Kinder macht,

Wird als Aebtissin geacht«

sagt er in Bezug auf gewisse Klöster. In anderen allerdings galt

wieder der Bibelspruch: »Selig sind die Unfruchtbaren«, den die

Notwendigkeit diktierte, da es nicht leicht war, die Folgen der

Verirrungen der Nonnen zu verbergen, denn nicht überall war es

möglich, die Kinder kurzerhand zu töten, wie im Kloster Mariakron, bei

dessen Abbruch man »in den heimlichen Gemächern und sonst --

Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben« fand. Der

Bischof Ulrich von Augsburg erzählt die schier unglaublich klingende

Thatsache, dass unter Papst Gregor I. aus einem Klosterteiche

#sechstausend# Kinderköpfe herausgefischt wurden.[6]

[6] Corvin a. a. O. S. 361.

Die Mönchsklöster waren um kein Haar besser, als die Klöster mit

frommen Schwestern. Die Mönche hatten es auch viel leichter als die

Nonnen, da sie sich ihren Passionen überlassen durften, ohne

auffällige Folgen befürchten zu müssen. Die Angehörigen jener Orden,

welche terminierend, besser gesagt bettelnd, von Ort zu Ort zogen, um

ihre Beute mit den Brüdern im Kloster zu verzehren, fanden an frommen

Bäuerinnen Seelenbräute, die sich gerne von den Herren Patres

erlustigen liessen. Auch die Nonnenklöster, die ihnen Obdach

gewährten, bewillkommten sie als gern gesehene Gäste, die im wahren

Sinne des Wortes mit offenen Armen aufgenommen wurden. Doch nicht

genug, dass die Cölibatäre der ihnen verbotenen Frauenliebe huldigten,

noch andere, weit schändlichere Laster fanden in und durch die Klöster

Verbreitung. 1232 forderte Gregor IX. die Predigermönche auf, in

Österreich das Laster der Sodomie auszurotten und die Sünder als

Ketzer zu behandeln. Berthold von Regensburg predigte gegen die

»stumme, diu rôte sünde. Pfech, pfech (Pfui, pfui)«, doch mit geringem

Erfolg, denn die Homosexualität war aus den Klöstern nicht zu bannen.

»1409 wurden am Samstag den 2. März zu Augsburg vier Priester, Jörg

Wattenlech, Ulrich der Frey, Jakob der Kiss und Hans Pfarrer zu

Gersthofen wegen Sodomie in einem ›Fagelhaus‹ am Perlachturm

angeschmiedet, leben noch am folgenden Freitag und verhungern dann.«

Einen beteiligten Laien, den Lederer Hans Gossenloher, trifft die

Strafe der Ketzer; er wird verbrannt.[7] Der Strassburger Domprediger,

der schon wiederholt angeführte Geiler von Kaisersberg, predigt seinen

Standesgenossen: »Da hast du dich versündigt mit öffentlichen Dirnen,

Jungfrauen betrogen, Ehefrauen be........, Witwen geschändet, mit

deinen Freunden zu thun gehabt, da mit deinem Gevatter, da mit deinem

Beichtvater, da mit deiner Beichttochter. Ich will schweigen der

Unzucht, mit der du die Ehe gebrochen, ich will auch schweigen der

Unzucht, darum man dich verbrennen sollte.«[8] Und wenn dies ein Mönch

sagt, der seinesgleichen genau kennt, ist jeder Zweifel daran von

Übel. Wie genau Geiler Bescheid weiss, geht aus dem von ihm wiederholt

angeführten Sprichwort hervor: »Willst du haben dein Haus sauber, so

hüte dich vor Pfaffen, Mönchen und Tauben, Diener, Vettern,

Laienbrüdern (blotzbruder) und Aerzten.« Die Geistlichkeit, die durch

ihr Beispiel veredelnd auf die Laien hätte einwirken sollen, musste

durch ihr Betragen nicht nur an Achtung, sondern auch an Einfluss auf

die breiten Massen des Volkes einbüssen, wodurch sich erklärt, dass

die Reformation beinahe von Anbeginn an ihren beispiellosen Erfolg zu

verzeichnen hatte. Und nicht nur die Laien allein, sondern auch

einsichtsvolle Männer aus dem Stande selbst sahen ein, dass sich eine

gründliche Reinigung des priesterlichen Augiasstalls unabweisbar

machte, sollte nicht der morsch gewordene Bau der römisch-katholischen

Kirche jäh in sich zusammenbrechen. Geiler von Kaisersberg gesteht

offen ein, dass jeder, der ein faules Leben führen und ungehindert

seinen Begierden frönen wollte, sich mit der Kutte bekleidete. War

doch die Gründungsursache der meisten Klöster keineswegs Frömmigkeit,

sondern nichts weiter als purer Eigennutz, der darauf ausging,

Sinekuren zu schaffen. »Man irrt sehr, wenn man sich vorbildet, alle

Klosterstiftungen im Mittelalter seien aus purer Frömmigkeit und ohne

Beimischung politischer und häuslicher Zwecke geschehen. Bei weitem

hatten die meisten Stifter dabei die Absicht, zugleich für ihr Haus zu

sorgen und bei zahlreicher Familie dort für einige ihrer Kinder --

eheliche und Nebensprösslinge -- eine ständige Unterkunft anzulegen,

zumal da solche Klöster dergleichen Kinder des Geschlechts des

Stifters ohne, oder nur gegen äusserst geringe, Mitgift aufzunehmen

verbunden waren. Man fand daher in dergleichen Stiftungen das

erspriesslichste Mittel, beide Zwecke zugleich zu erreichen; sich

einesteils den Himmel zu verschaffen und andernteils sich drückender

Familienbürden zu entledigen. Auch ohne Stifter zu sein, hatten grosse

Klosterwohlthäter nicht selten den nämlichen Zweck, und so wusch denn

auch hier gewöhnlich eine Hand die andere rein«, sagt Bodmann in

seinen 1819 erschienenen »Rheingauischen Alterthümern«. So hielt man

es von Karls des Grossen Zeiten her bis in die neueste Zeit. Nach

innerem Beruf wurde bei den für das Kloster Bestimmten nicht gefragt;

sie hatten dem elterlichen Machtspruche zu gehorchen, und sie folgten

vielfach auch ganz gerne, da ihnen das Gelübde kaum einen Zwang

auferlegte, und sie frei ihren Neigungen nachleben konnten:

[7] Corvin a. a. O. S. 303; Augsburger Chronik 1368-1406.

[8] Von den 15 Staffeln (1517), fol. 36 a, bei Schultz, D. L. 255.

»Bemerket: wenn ein Edelmann

Sein Kind jetzt nicht vermählen kann

Und hat kein Geld ihr mitzugeben,

So muss sie in dem Kloster leben;

Nicht dass sie Gott sich weih' darin,

Nur dass er sie nach seinem Sinn

Und seiner Hochfahrt mit seinem Gut

Versorge, wie man dem Adel thut,«

sagt Murner. Wen aber wirklich Herzensneigung in das Kloster trieb,

der wurde, wenn er nicht von ganz aussergewöhnlicher Willensstärke

war, von dem unaufhaltsam dahintosenden Strome der in den Klöstern

herrschenden Unmoral mitgerissen; er versank in den Strudel, gleich

seinen Brüdern und that ebenso, wie sie es alle machten. Das schlechte

Beispiel ging von den Kirchenfürsten selbst aus. Würdenträger, die

ihren Beruf ernst nahmen und streng auf die Beobachtung der Gelübde

hielten, waren weisse Raben. Einer dieser wenigen, Ferdinand von

Fürstenberg, Fürstbischof von Paderborn (1661 bis 1683), ging so weit,

einen Gesalbten ausstossen und hinrichten zu lassen, weil er ein

ausschweifendes Leben führte.[9] Die Mehrzahl der anderen hohen Herren

liess sieben gerade sein, da sie es meistens noch toller trieben, als

die ihnen Unterstellten.

[9] Dr. Ed. Vehse, Unter der Herrschaft des Krummstabes, S. 23.

Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit · 第 3 / 18 段