aller Sittenroheit reiner im Denken, als in der Gegenwart. Der
Sittenverfall paarte sich häufig mit einer Einfalt, die dem Mangel an
jeglicher Prüderie entsprang. Man war derb, geradeaus, wollüstig, aber
ohne Cynismus und Pikanterie. Es war eben eine Zeit, in der noch
nicht, wie Hippel sagt, eine unnatürliche Mode, die man Tugend nennt,
im Schwange war.
Gawan, in Wolfram von Eschenbachs unsterblichem Parzival, wird von
Bene, der jungfräulichen Tochter seines Gastfreundes, des Ritters
Plippalinot, zu Bette gebracht und am Morgen beim Aufstehen
bedient.[27] Ein gleiches Vorgehen in den Burgen ist durch zahlreiche
weitere Belegstellen verbürgt. Man war eben naiv genug, in diesen
Dienstleistungen nur die dem teueren Gaste erwiesene Ehrung zu sehen.
Da sich aber Menschennatur mit ihrer Begehrlichkeit in ihren
Grundzügen immer gleich blieb, dürfte es auch nicht immer bei der
platonischen Dienstfertigkeit geblieben sein, was auch Wolfram
andeutet, als er von Plippalinots Töchterlein schalkhaft versichert:
»Sie hätt' ihm Minne wohl gewährt,
Wenn Minn' er von der Maid begehrt!«
[27] Parzival 552. 25 ff.
Den Gast begrüsste die Burgfrau mit einem Kuss.[28] Im Nibelungenlied
heisst Markgraf Rüdeger von Bechelaren seine Frau und Tochter die
Gäste mit Küssen bewillkommnen.[29] Der »blôze ritter« besagt:
»Sin tohter und sin vrouwen
Hierz er in kussen ze hant.«[30]
[28] Parzival 405. 15.
[29] Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., 161 ff.
[30] Hagen, Gesammtabenteuer, II. 129.
Vom Küssen zu Handgreiflichkeiten war seit jeher nur ein kurzer Weg.
»Das Mädchen, das sich küssen lässt, geht auch bald ins Bett«, lautet
ein altes Sprichwort, das auch im frühen Mittelalter volle Geltung
besass. Die Mädchen waren meistenteils gar nicht scheu, im Gegenteil,
sie benahmen sich oftmals viel ungezwungener als die Herren. Der reine
Thor Parzival verkriecht sich rasch im Bette, als Jungfrauen zu ihm
ins Schlafgemach kommen:
»Geschwind sprang der behende Mann
Aufs Bette und deckte sich zu.«[31]
[31] Parzival 243. 28 ff., 166. 21 ff., 167. 30. Wolfdietrich 1386.
Alle waren freilich nicht so schamhaft, und es fehlte durchaus nicht
an grobkörnigen Gesellen, denen ebenso jedes Feingefühl mangelte, wie
den vornehmen Damen, mit denen sie es zu thun hatten. Ritter Gawan
betritt kaum die Burg des Königs Vergulaht, dessen jungfräuliche
Schwester Antikonie ihn mit dem Willkommenkuss empfängt, als er ihr
schon mit handgreiflichen Zärtlichkeiten zu Leibe rückt, in welch
löblichem Thun er nur durch den Eintritt eines Ritters unterbrochen
wird.[32] »Diese derbsinnliche Manier, um Liebe zu werben, hat für uns
etwas Anstössiges. Nach den Schilderungen aus der damaligen Zeit
scheint jedoch ein derartiges Benehmen sehr natürlich gefunden worden
zu sein«[33], denn die Frauen kamen allenthalben den Rittern auf
halbem Wege entgegen, ja boten sich nicht selten selbst an, wie der
Kürnberger versichert, oder wie die Tochter des Galagandreiz dem
Lanzelot vom See in Ulrich von Zazikhofens Gedicht, die dem Liebhaber
sogar einen goldenen Ring zum Lohne verspricht. Die tugendhafte Meliûr
schleicht nachts zu dem ihr völlig unbekannten Partonopier, einem
dreizehnjährigen Knaben, und »Sie wurden dô gescheiden Von ir
magetuome«.[34] In Gottfried von Strassburgs Tristan kommt die
Prinzessin Blancheflur zu Rivalin, um ihm ihre Jungfräulichkeit zu
überlassen.[35] Hatte die Tochter des Burgherrn ihren Geliebten bei
sich, war sie gutmütig genug, auch für das Gefolge ihres Liebsten zu
sorgen und ihre Damen zu bestimmen, den Freunden ihres Galans
Gesellschaft zu leisten. Isolde stellt es den Genossen Tristans frei,
zwischen ihren beiden Begleiterinnen Brangane oder Gymêle zu wählen.
Grosse Herren hatten es noch leichter, ihnen war jeder nur zu gern
gefällig. Als der Landgraf Ludwig von Thüringen einem Tanze zusieht
und ein besonders schönes Mädchen sein Wohlgefallen erregt, erbietet
sich sofort einer der Anwesenden, ihm die Gunstbezeugung der Schönen
zu verschaffen. Und wie er ein anderes Mal Verwandte besucht, wird ihm
ein junges Weib: »Geworfen in sîn bette dar«[36]. In dieser Naivität
findet sich vielleicht der Nachhall jener uralten, von Chaldäa
ausgegangenen und von allen Urvölkern des Altertums geübten Sitte #der
gastlichen Prostitution#. Der Hausherr wähnte in dem Gaste einen
Gesandten des Himmels, dem er sein Hab und Gut zur Nutzniessung anbot,
darunter auch seine Frau und seine Töchter. Auch die Bibel ist voll
von Beispielen der gastlichen Prostitution bei den Hebräern, die
vielfach den fremden Gast als Engel ansahen.[37] Wenn wir Murner
glauben dürfen, findet sich noch im 16. Jahrhundert die gastliche
Prostitution vor. »Es ist in dem Niderlande auch der bruch, so der
wyrt ein lieben gast hat, daz er jm yn frow zulegt uff guten glouben.«
In abgeschiedenen Gegenden Russlands soll sich dieser Brauch bis zum
heutigen Tage erhalten haben.
[32] Parzival 405 ff.
[33] Bartsch, cit. bei Pannier, Parzival.
[34] Konrad von Würzburgs »Partonopier und Meliûr«, 1227 ff.
[35] Tristan, herausgegeben von Massmann, S. 33 ff.
[36] Leben der heiligen Elisabeth, 3161 ff. u. 3360.
[37] U. a. 1. Buch Mosis 19. 8 u. 14.
Es lassen sich aus den Dichtwerken jener Übergangsperiode von
der Dämmerung zum Morgenrot noch eine grosse Blütenlese von
Scenen anführen, die wertvolle Fingerzeige über die geltenden
Anstandsbegriffe geben. Noch kämpft die angestammte Roheit gegen eine
vom Auslande eingeführte Überfeinerung, die wie ein dem knorrigen
Stamme okuliertes Reis nur langsam mit diesem verwächst. Hand in Hand
mit der ursprünglichen Ungeniertheit ging nun eine affektierte, dem
innersten Wesen fremde, gesuchte und daher lächerliche Zimperlichkeit.
Lächerlich ist es, wenn Damen sich ohne Scheu vor dem Knappen im
Naturkostüme zeigen, aber verlangen, dass eben dieser Knappe vor ihnen
nicht anders als mit Unterkleidern versehen erscheinen sollte, da
irgend ein Zufall eine ärgerliche Entblössung seines Körpers im
Gefolge haben könnte[38], wie das recht öde, aber sittengeschichtlich
wertvolle Lehrgedicht »Der welsche Gast« empfiehlt.
[38] Welsche Gast von Thomasin von Zircläre 457.
»Der welsche Gast« ist seinem Inhalte nach so eine Art anticipierter
Knigge, ein Vademekum des mittelalterlichen »Guten Tones in allen
Lebenslagen«, das mit anderen Büchern gleichen Inhaltes, wie Winsbeke
und Winsbekin, viel verbreitet, aber ebensowenig befolgt wurde, wie
die geschraubten Machwerke gleicher Tendenz in unserer Zeit. Man
lebte trotz dieser Vorschriften in jenem seltsamen Gemengsel von
Überfeinerung und Roheit, das in seiner Bizarrerie die extremsten
Formen zeitigte. Hier Schamhaftigkeit, die den Anblick blosser Füsse
einer Frau zum todeswürdigen Verbrechen für beide Teile stempelte,
dort die naivste Zurschaustellung des entblössten Körpers vor dem
Diener und Unfreien. Hier freie Liebe, dort exaltierte Prüderie.
Ein solch eigenartiges Gemisch von Rohheit und Courtoisie spricht sich
auch in dem aus Frankreich eingewanderten Gebrauche aus, mit dem
getragenen Hemd der Geliebten über der Rüstung in den Kampf zu ziehen
und das zerstochene Wäschestück der Angebeteten wieder zu Füssen
zu legen, die es zum Danke für »die Aufmerksamkeit« sofort und
ungereinigt wieder in Gebrauch nimmt, wie dies Herzeloyde, Parzivals
Mutter, und ihr Gatte Gamuret thun.[39] Aus dieser Sitte, die
zweifellos bestanden hat, entwickelte sich in der Folgezeit der
Gebrauch, dass nach der Trauung der Bräutigam das vom Körper der Braut
noch warme Hemd anlegte und umgekehrt, wie dies im 16. Jahrhundert z.
B. in Berlin-Cölln allgemein war. In den folgenden Säculen schrumpfte
der Hemdenwechsel zu dem Hemdengeschenk ein; Ende des 17. und zu
Anfang des 18. Jahrhunderts beschenkte nur noch die Verlobte den
Bräutigam mit dem »Bräutigams-Hembde«.[40]
[39] Parzival 101. 10 ff., 111. 22 ff.
[40] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 35, und Schultz,
Alltagsleben e. d. Frau zu Anfang des 18. Jahrh., S. 109.
In den Minnesängen der ritterlichen Dichter finden sich zahllose
Gedichte, die über den empfangenen Minnelohn hoher Geliebten
quittieren, daneben aber auch viele, die gleichzeitig lustige
Bemerkungen über die weibliche Leichtfertigkeit nicht zu unterdrücken
vermögen. Dann und wann zieht zur Abwechslung wieder einer der
Zeitgenossen über die Männer her, die den Frauen die allerschlechtesten
Beispiele gaben, so Freidank:
»Wenn einen Fehltritt Fraun gethan
Des Mannes Bitt war Schuld daran
Auch ein Mann dasselbe thäte,
Wenn man ihn so innig bäte«
sagt er sehr richtig, schränkt aber seine Meinung wieder dahin ein:
»Das Weib man immer bitten soll,
Ihr aber stehts Versagen wohl.«
Besonders schlecht ist ein elsässischer Bischof auf die Männer zu
sprechen. Buhlerei und Ausschweifungen gelten nach ihm nicht mehr als
Vergehen, denn die meisten Männer werten die Frau nicht höher als
einen Becher Wein, ihr Ross, ihr Federspiel oder ihre Meute.
Selbstredend gab es wie unter den Männern jener Zeit, so auch unter
den Frauen Ausnahmen, die von unverbrüchlicher Gattentreue bis über
das Grab hinaus, von echter Frömmigkeit und von einer Himmelssehnsucht
zeugen, die blind gegen alles Irdische nur für das Jenseits lebte und
die Vorbereitung für das ewige Leben als einzigen Daseinszweck
betrachtete. Die heilige Elisabeth stand mit ihrem asketischen Leben,
aus dem selbst das Bad als frivoles Vergnügen verbannt war, keineswegs
vereinzelt da, ebensowenig wie jene Herrscherin, die sich selbst in
der Ehe die Jungfräulichkeit zu bewahren wusste. Aber derartige
Erscheinungen blieben in der Minderzahl gegenüber der allgemein
verbreiteten Frivolität, die sich weniger auf das eben entstandene
Bürgertum, als auf die in engster Berührung mit dem Adel lebende
Landbevölkerung weiterverbreitete und diese auf Jahrhunderte hinaus
verseuchte.
Das Leben auf dem Dorfe.
Das Leben der Bauern war während des ganzen Mittelalters hindurch eine
ununterbrochene Kette von Misshandlungen und Verfolgungen seitens
ihrer Herren: des Adels und des Klerus. Der Bauernstand, und nicht nur
der leibeigene, lebte in fortwährender Knechtung, vollkommen abhängig
von der Willkür seiner Besitzer. Nie war er davor sicher, von den
Seinen getrennt zu werden, wenn es dem Herrn gefiel, die Frau oder die
Kinder des Hörigen zu verschenken, zu verkaufen oder zu verpfänden. Im
Jahre 1333 versilberte Konrad Truchsess von Urach zwei Bauernweiber
mit ihrer Nachkommenschaft an das Kloster Lorch um drei Pfund Heller.
Das _Jus primae noctis_ beraubte ihn der Jungfräulichkeit der Gattin,
deren Tugend überdies alle möglichen Fährlichkeiten drohten. Ward ein
Bauer um Geld gestraft, und dieses nicht eintreibbar, und konnte auch
an seinem Besitztum die Strafe nicht vollstreckt werden, dann sollte,
wie das Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, bestimmt,
die Frau des Straffälligen geschändet werden.
Dieses Weistum ist so vorsorglich, zu dekretieren, dass es dem
Gerichtspfleger gestattet sei, falls die Frau »gefiel aber dem pfleger
an der gestalt nicht«, er die Entehrung dem Gerichtsschreiber abtreten
und dieser, wenn auch ihm die Ausführung nicht zusagte, sie dem
Amtmanne »auferladen« könne. Nach wie vor waren die frischen Dirnen
ein begehrter Artikel, um die Harems der Herren zu bevölkern. Der
Ritter Ulrich von Berneck hielt sich nach dem Tode seiner Frau zwölf
hübsche junge Mädchen »zur Erleichterung seiner Witwerschaft«. Kaiser
Friedrich II. hatte seinen Harem, dem auch die Eunuchen nicht fehlten,
in Luceria.
Das einzige Vergnügen jener bemitleidenswerten, erniedrigten Menschen
war neben Völlerei die rohe sinnliche Liebe, der sie fröhnten, wo und
wann sich Gelegenheit dazu bot.
Weit besser als die Hörigen und selbst freien Bauern Norddeutschlands
waren die Ackerbürger im Süden Deutschlands daran, die sich ihre
Selbständigkeit zu wahren gewusst, auf ihrem Grund und Boden nicht
selten mit Glücksgütern reich gesegnet als eigene Herren schaltend,
sich den Rittern gleichhielten, deren Tracht und Lebensgewohnheiten
sie ins Dorf zu verpflanzen trachteten. Diese Nachahmung ritterlicher
Sitten und Gebräuche verzerrte sich unter den ungehobelten
Bauernfäusten natürlich ins Groteske, ab und zu ins Widerlich-Gemeine.
Ein köstliches Beispiel bäuerlicher Grossmannssucht ist uns im »#Meier
Helmbrecht#« von Wernher dem Gärtner, der ältesten deutschen
Dorfgeschichte, entstanden im 13. Jahrhundert, überliefert. Der
Titelheld, ein reicher Bauerssohn, den die Eltern verzärtelt, strebt
darnach, Ritter zu werden, bringt es aber nur zum Strauchdieb, der vom
Schicksal ereilt, geblendet, eines Fusses und einer Hand beraubt wird,
als eben seine Schwester Gotelinde mit einem seiner Spiessgesellen
Hochzeit hält.[1]
[1] Eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Neubearbeitung Meier
Helmbrechts lieferte Ludwig Fulda (Hendel, Halle a. S.), deren Lektüre
nicht warm genug empfohlen werden kann.
Wie die Dorfburschen, so liebäugelten auch die Alten mit den edlen
Herren und sahen wohlgefällig zu, wenn ein Ritter eine arme Verwandte
einem reichen Bauerssohn als Gattin aufhalste, oder ein verarmter
Rittersmann ein hübsches Dirnlein heimführte, um mit der Mitgift sein
verrostetes Schild neu zu vergolden[2] -- also nichts Neues unter der
Sonnen! Besonders den Dorfschönen stachen die noblen Herren in die
Augen, die so ganz anders geartet waren, als die grobkörnigen
Burschen, die so zierliche Redensarten zu drechseln wussten und mit
Geschenken nicht geizten. Aus den Liedern der Minnesänger ist
ersichtlich, dass die Adeligen diese gute Meinung zu nutzen verstanden
und Abenteuern mit den drallen Dirnen keineswegs aus dem Wege gingen.
Nidhardt von Reuenthal ergeht sich in breiten Schilderungen seiner
Erfolge und über das Liebesleben auf dem Dorfe. In einem seiner
Gedichte unterhalten sich Mutter und Tochter, und die Mutter meint,
das 16jährige Töchterchen sei noch viel zu jung zur Liebe. »Ei was,«
entgegnet diese schnippisch, »Ihr wart ja erst zwölf Jahre, als Ihr
Euerer Jungfernschaft ledig wurdet.« »Nun so nimm meinetwegen
Liebhaber so viel du willst.« »Das thät' ich auch gerne, wenn Ihr mir
nicht immer die Männer vor der Nase wegfischtet. Pfui doch, hol Euch
der Teufel! Habt doch schon einen Mann, was braucht Ihr noch andere?«
»Pst, schweig still, Töchterlein. Minne wenig oder viel, ich will
nichts dagegen haben, und solltest du auch ein Kindlein wiegen müssen.
Sei aber auch verschwiegen, wenn du mich der Liebe nachgehen siehst.«
[2] Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, II.^I S. 64 ff.
Hermann von Sachsenheim hat im Liederbuche der Klara Hätzlerin einen
für ihn sehr unrühmlichen Sturm auf eine Grasmagd besungen. Oswald von
Wolkenstein weiss gleichfalls von Abenteuern mit Dörflerinnen zu
erzählen, ebenso Tannhäuser und andere Minnesänger mehr.
Die Dorfschönen fühlten sich eben durch die Bevorzugung seitens des
Adels geehrt, und ihre Liebhaber und Gatten drückten gerne ein Auge
zu, geradeso wie es sich etwas später die Bürger zur Ehre rechneten,
wenn irgend ein Höhergestellter, oder gar -- _horribile dictu_ -- ein
Adeliger, sich gnädigst herabliess, ihre Frauen zu verführen.
Darauf deutet wenigstens die Stelle in Balthasar Voigts, Pastors
zu Drubeck, »Ägyptischem Joseph« hin, eine »geistliche Komödie,
sowohl in kleinen als grossen Schulen zu agieren«, ein Machwerk
voll widerlicher Plattheiten und Schweinereien, die aber trotzdem
von halbwüchsigen Knaben gesprochen und dargestellt wurden! In dieser
»Schulkomödie« erzählt Medea, Potiphars Frau, von Josephs angeblichem
Verführungsversuch:
»Kein Edelmann, kein Graf im Reich,
Die doch gewest wärn Meinesgleich,
Haben mir Unehr zugemut't,
Wie dieser euer Hebräer thut.
Wär mirs geschehn #von einem Edelmann,
Möcht ihr's euch ziehn zu Ehren an,
Dass ihr zum Weib hätt solch Matron#,
Welch gefiel jeder Adelsperson.«
Und so etwas schrieb ein Geistlicher für die Jugend!
Neben den Rittern und Knappen waren hauptsächlich die Dorfpfaffen bei
den Frauen als Liebhaber beliebt, worauf ich noch zurückkommen muss,
ebenso wie bei den Männern die Mägde des eigenen Hauses und die Frauen
und Töchter der Nachbarn. Übrigens ist aus dem Schwankbuche »Peter
Leu« ersichtlich, dass die schlauen Mägdlein schon damals die Kunst
verstanden, irgend einem unschuldigen armen Teufel die Paternität
aufzubrummen, die ein ganz anderer auf dem Gewissen hatte.[3]
[3] Peter Leu, erneut v. Karl Pannier, 12. Kap. S. 98.
Wo Verführung gang und gäbe war, fehlten auch deren Folgeerscheinungen,
namentlich der Kindesmord, nicht. Strenge, zum Teil unmenschliche
Strafen sollten das Übel steuern. »Kindsvertilgerin lebendig ins Grab,
ein rohr ins maul, ein stecken durchs hertz« bestimmt beispielsweise
das Brenngenborner Weistum von 1418. Noch grausamer waren die
urwüchsigen Dithmarschen Bauern, welche sogar gefallene Mädchen im
Sumpfe lebendig begruben, welches Urteil der älteste Mann der Familie
der Verbrecherin zu vollziehen hatte.[4] Den Verführer seiner Frau und
diese selbst konnte der Dithmarsche nach eigenem Ermessen bestrafen,
verstümmeln, töten oder freigeben.[5] Ein Gleiches gestattete auch das
mit grausamen Strafen sehr freigebige Berliner Stadtbuch.[6]
[4] O. Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 168.
[5] Bartels, Der Bauer in der deutschen Vergangenheit, S. 56.
[6] Maximilian Rappsilber, Alt Berlin, S. 79.
So frei übrigens das Bürgertum und die Bauern im grossen und ganzen
über den Geschlechtsverkehr dachten, in einem waren sie einig: in der
Achtung vor der Jungfräulichkeit. Darum galt ihnen die Notzucht als
eines der todeswürdigsten Verbrechen, auf das zum Teil fürchterliche
Strafen gesetzt wurden. Sogar die Nötigung der fahrenden Frauen -- »an
varndeme wive« -- und an der Geliebten ahndet der Sachsenspiegel III
art. XLVI 1 mit dem Tode. Der Schwabenspiegel verbietet nur die
»notnunft« an »siener amîen«, der Geliebten.
Die Ahndung des Verbrechens war entweder die Enthauptung, manchmal das
Lebendbegraben, wie dies 1418 einem Krämer in Augsburg erging. Im 13.
Jahrhundert wurde in Basel ein Geistlicher dieses Deliktes wegen
entmannt und dann getötet. Im Frankenbergischen wurde dem
Vergewaltiger ein spitzer Eichenpfahl aufs Herz gesetzt, den die
Geschändete mit drei wuchtigen Hammerschlägen in den Körper treiben
musste; so wird wohl die Todesart variiert, aber der schimpfliche Tod
blieb überall das Los des Verbrechers.
Nach diesen düsteren Bildern der »guten alten Zeit«, die gewisse
dichterisch veranlagte Romantiker gerne als Vorbild für unsere
verderbte Epoche aufzustellen belieben, wieder zu etwas Heiterem.
Am lustigsten ging es im Dorfe natürlich bei den seltenen
Festlichkeiten, an hohen Feiertagen und bei den Kirchweihen zu, wo man
sich im Essen, Trinken, Lieben und Raufen nicht genug zu thun wusste.
Die Hochzeiten begüterter Dörfler zählten gleichfalls als
Festlichkeiten, zu denen die Verwandten und Freunde oft von weither
kamen, um sich vergnügte Tage zu machen. Drei detaillierte
Schilderungen solcher bäuerlicher Hochzeitfeiern sind auf uns
gekommen, die hier auszüglich mitgeteilt sein mögen. Das erste dieser
Gedichte, »Von Metzen hochzit«, entstammt dem Anfang des 14.
Jahrhunderts. Der junge Meier Börschi (Bartholomeus) will seine
Geliebte Metzi heiraten. Am Montag früh versprechen sie sich, und da
die beiderseitige Mitgift das Paar zufrieden stellt, wird am Abend
desselben Tages die Hochzeit mit einem solennen Hochzeitsmahle
gefeiert, bei dem es hoch hergeht und alle vollgetrunken sind, als man
das Brautpaar zu Bett bringt. Die Braut schreit, weint und sträubt
sich erst gegen das Auskleiden, wie es die Gepflogenheit verlangt. Am
Morgen wird dem jungen Ehepaare das Essen ans Bett gebracht, worauf
sich Metzi unter dem Jubel der Bauern bei Zwerchpfeifen- und
Trommelklang anzieht, um in die Kirche zur Trauung zu ziehen.
Das Gedicht der oft erwähnten Klara Hätzlerin »von meyer Betzen« lehnt
sich ziemlich eng an »Metzis Hochzeit« an, nur dass Metzi mit einer
fürchterlichen Schlägerei, hingegen das Poem der Hätzlerin mit der
saftigen, aber witzigen Beschreibung der Brautnacht also endet:
»Da führt man Pezen (den Bräutigam) auf die Fahrt
Und stellt ihn zu dem Brautbett.
Zwei grosse Pantoffel er an hätt'.
Als man ihm nun die Mezen (seine Braut) gebracht,
Sprang er fröhlich ins Bett und lacht.
Alsbald er sie mit dem Arm umfing,
Darauf Alles aus der Kammer ging.
Pez sprach: ›Hätt' ich ein Licht
Glaub mir, ich unterliess es nicht
Ich macht aus dir ein Eheweib‹
Beteuerte er bei seinem Leib.
›Dass doch nur der Mond jetzt schien,
Dann liess ich dich nicht also hin.‹
Mez sprach: ›Du volle Kuh,
Was soll dir denn ein Licht dazu?
Min's Vaters Knecht der Upelpracht,
Konnt' es sogar um Mitternacht!‹«
Heinrich von Wittenweiler führte im 15. Jahrhundert die Erzählung von
Metzens Hochzeit in breiter Weise weiter aus, sie durch viele Zusätze
modernisierend und vergemeinernd.[7]
[7] Herausgegeben von Ludw. Bechstein.
Der Held ist Bertschi Triefnas, der in dem Dorfe Lappenhausen wie ein
Pfau herumstolzierte und sich als Junker anreden liess. Er liebt
Mäczli Rürenzumph, der zu Ehren er mit seinen Genossen turniert, der
er Ständchen bringt, die er im Kuhstalle erfolglos zu bezwingen sucht,
und bei der er durchs Dach bricht, als er sie in ihrer Kammer
belauschen will. Da alles dies ihm Mäczli nicht geneigter macht, lässt
er sich von dem Dorfschreiber einen Liebesbrief schreiben, den dieser
an einen Stein bindet und Mäczli zuwirft, wodurch er sie am Kopfe
verwundet. Der Brief wird gefunden und Mäczli ruft ihrem Vater zu, um
dessen Grimm zu entwaffnen, sie blute am Kopfe und müsse zum Arzte
gebracht werden. Das Gefolge teilnehmender Freunde und Nachbarn weist
der Arzt hinaus, worauf ihn Mäczli bittet, ihr den erhaltenen Brief
vorzulesen. Er thut es, erpresst aber von ihr durch die Drohung, den
Inhalt dem Vater mitzuteilen, eine Liebkosung, gibt ihr aber zugleich
Rat, wie sie dessen Folgen vertuschen soll. Darauf setzt er ihr einen
floskelreichen Liebesbrief auf, der einer Kupplerin zur Übergabe an
Bärtschi ausgehändigt wird. Nachdem sich dieser den Brief vorlesen
liess, beruft er seine Freunde und Verwandten, um mit ihnen seine
Heirat zu beraten. Man spricht für und wider, bis endlich alle einig
sind. Sofort machen sich zwei der Freunde auf, Bärtschis Werbung bei
dem Brautvater vorzubringen, der sie günstig aufnimmt und nach einigen
Formalitäten seine Einwilligung gibt, wovon man den Freier
benachrichtigt. Mäczli fällt bei der Nachricht von Bärtschis Werbung
in Ohnmacht, kommt aber gleich wieder zu sich und lässt sich von den
Freundinnen schön machen und in die Versammlung führen, wo sie sich
erst »mit füssen und elnpogen« wehrt, ehe sie ihr Jawort gibt. Mäczli
empfängt von ihrem Galan einen kleinen verzinnten Ring mit einem
Saphir aus Glas und ein weiteres Kleinod mit zwei Perlen aus
Fischaugen. Die Angehörigen verlassen nun das Haus, nicht ohne vorher
dem jungen Ehemanne Haar und Bart zerzaust zu haben, um bei den
Anstalten zur Hochzeit nicht im Wege zu sein. Gäste werden eingeladen
und kommen »geritten auf eseln und auf schlitten«. Am Festtage
verkündet der Pfarrer in der Kirche den Vollzug der Ehe, worauf man
sich in des jungen Ehemanns Haus begibt, um erst die Brautgaben zu
empfangen, ehe man mit dem überreichen Mahle beginnt, nach dem man
sich im Tanze belustigte.
»Die Mägdlein waren also rüg
Und sprangen her so ungefüg,
Dass man ihnen oft, ich weiss nit wie,
Hinauf konnt seh'n bis an die Knie.
Hildens Brustlatz war zu weit,
Darum ihr zur selben Zeit
Das Brüstlein aus dem Busen sprang.«
Das Ende mit Schrecken ist Prügelei mit Mord und Totschlag.
In der Brautnacht wird dem Pärchen eine Stärkung gereicht, nicht so
der anderen Weiblichkeit, die, die günstige Gelegenheit benützend,
gleichfalls die Nacht mit ihren Liebhabern verbringt. Am nächsten Tag
setzt die Hochzeit wieder ein und endet mit einer wahren Schlacht, bei
der die Obrigkeit einschreiten muss.