Auch unsre _Kriechtiere_ sind Räuber; sie erjagen lebende Beute.

Die _Kreuzotter_ nährt sich von Mäusen aller Art, von Spitzmäusen,

auch Eidechsen, die sie durch ihren giftigen Biß sehr schnell tötet;

selbst jungen Vögeln mag sie bisweilen gefährlich werden. Die _glatte

Natter_, auch Haselnatter genannt, macht besonders gern auf Eidechsen

Jagd, während die _Ringelnatter_ mit Vorliebe Laub- und Grasfrösche

frißt. Als gute Schwimmerin jagt sie aber auch im Wasser nach kleinen,

etwa fingerlangen Fischen und Salamandern. Vor der gelbbauchigen

Unke freilich und dem Erdmolch scheut sie sich, gleich allen andern

Lurchjägern; denn schwarz und gelb, unsre Dresdner Stadtfarben, sind

Schreckfarben -- natürlich nur in der Tierwelt. Die _Eidechsen_ sind

hinter allerlei Kerbtieren her und und verstehen sie sehr geschickt zu

erwischen: Grillen, Heuschrecken, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer; dazu

fressen sie Würmer, Nacktschnecken, ja sie überfallen selbst schwächere

Artgenossen, während die _Blindschleichen_, schwerfälliger in ihren

Bewegungen, auf den Fang von Regenwürmern, Schnecken und glatten Raupen

angewiesen sind.

Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß von einem besonderen Schaden

der Reptilien und Amphibien nicht die Rede sein kann, abgesehen von

der giftigen Kreuzotter, die aber doch nur in einzelnen Gegenden

Deutschlands häufig auftritt. Ja, die meisten Mitglieder dieser

beiden Wirbeltierklassen stiften durch die Vertilgung von Würmern und

Nacktschnecken ganz entschieden Nutzen. Daß sie auch viele Insekten

verzehren, wollen wir ihnen nicht besonders anrechnen; denn unter den

Kerbtieren gibt es nützliche, wie schädliche Arten, und in dieser

Beziehung wird keine Echse, kein Lurch eine Auswahl treffen. Daß

aber manche Wasserinsekten, die der Fischerei Schaden bringen, den

Ringelnattern und Fröschen zum Opfer fallen, darf nicht unerwähnt

bleiben.

Besonders groß erscheint mir der Nutzen der _Kröten_. In Gärten,

besonders wo Erdbeeren oder Salat gepflanzt sind, da sollte man sich

nur freuen, wenn man ein paar Kröten begegnet; sie sind die stärksten

Vertilger der schädlichen Nacktschnecken. Das wußte schon vor einem

halben Jahrhundert mein Vater; er hieß uns Kinder, wenn wir 'mal auf

einem Spaziergang eine Kröte antrafen, den Lurch mitnehmen und ihn

in unsern Gemüsegarten setzen. Wir freuten uns stets, wenn wir dort

den dicken, wohlgenährten Kröten begegneten und sagten ihnen für ihre

freundliche Unterstützung im Kampfe gegen mancherlei Ungeziefer »danke

schön!« Später habe ich gelesen, daß englische und belgische Gärtner

den Nutzen der Kröten schon seit langer Zeit erkannt haben und daß

bei ihnen hier und da Kröten auf den öffentlichen Märkten feilgeboten

werden, um als Schutztruppe in den Gärten Verwendung zu finden.

Unsre Kaltblüter haben eine große Menge _natürlicher Feinde_,

infolgedessen es ganz ausgeschlossen erscheint, daß Kriechtiere und

Lurche, selbst wenn wir ihnen jeden erdenkbaren Schutz gewähren

wollen, überhandnehmen könnten. Die gegen früher veränderten

Kulturverhältnisse, die sich nicht wieder zurückschrauben lassen, haben

die Lebensbedingungen unsrer Kaltblüter sehr ungünstig gestaltet,

und so wird es uns höchstens gelingen, einzelne seltene Arten, deren

Bestand gefährdet erscheint, vor dem völligen Untergang zu retten. Die

große Masse aber muß zusehen, daß ihre starke Vermehrung die Verluste

immer wieder ausgleicht, die ihnen so viele Feinde bringen. Die

_Eidechsen_ werden von den Schlangen verfolgt, von Raubvögeln, Krähen,

Würgern, von Reihern, Störchen, Haushühnern, von Marder und Wiesel, von

Igel, Dachs, Fuchs u. a., und fast all diese Eidechsenjäger sind auch

Feinde, oder besser Liebhaber der Schlangen. Selbst der _Kreuzotter_

hilft ihr tödliches Gift nichts; sie wird vom Storch überwältigt,

ebenso vom Igel.

Den _Lurchen_ geht es nicht besser wie den Kriechtieren; »alles, alles

will sie fressen!« Störche und Reiher, Bussarde, Krähen, Dohlen,

Elstern, Fischottern, Dachs, Wiesel, Iltis sind hinter ihnen her. Dazu

haben sie viele Feinde in ihren eignen Reihen und unter den Schlangen.

Die zarten Froschkeulen erfreuen sich auch im Tierreich vieler Verehrer.

Natürlich bin ich weit entfernt, den genannten Lurch- und

Reptilienjägern einen Vorwurf zu machen. Sie sind es ganz gewiß nicht,

denen der Rückgang unsrer Kaltblüter zur Last fällt. _Den Menschen_

trifft die _Schuld an der Verödung_ der Heimat, an der Vernichtung

ganzer Tiergeschlechter. Man vergegenwärtige sich nur, wie die

_Landwirtschaft_ heute jedes Winkelchen ausnutzt, die feuchten Wiesen

entwässert, die Feldgehölze und Hecken vielfach beseitigt. Sümpfe

werden ausgetrocknet und in Ackerboden verwandelt, Flußläufe geregelt,

daß das Wasser zwischen öden, geradlinigen Steinmauern in einer Rinne

dahinfließt; die Bäche werden ihrer natürlichen Ufervegetation beraubt,

Teiche, Flußarme und Altwässer zugeschüttet und die schönen Auenwälder

dem Untergange preisgegeben. Die _Forstwirtschaft_ begünstigt immer

mehr das Nadelholz, Kiefern und Fichten, wenigstens ist im Laufe

der Jahre an die Stelle so manches schönen Buchenbestandes, der

den Boden feucht hielt, einförmiges Fichtenholz getreten. Unter

all diesen Maßnahmen unsrer Zeit haben Lurche und Reptilien schwer

gelitten, schwerer noch als die Vogelwelt; ihrer versteckten Wohnsitze

sind sie beraubt worden. Die Vögel wandern aus, wo sie nicht mehr

ihre Lebensbedingungen finden; aber die Amphibien eines Sumpfes,

eines Teiches gehen samt ihrer Brut zugrunde, sobald das Gewässer

zugeschüttet wird. Die _Industrie_ ist unsern Tieren auch feindlich

gesinnt. Die Fabriken, die heute auch in das entlegenste Gebirgstal

vorgedrungen sind, verseuchen und vergiften fast jeden Graben, jeden

Bach; die Kläranlagen sind ja doch nicht imstande, dem Wasser seine

natürliche Beschaffenheit wiederzugeben. Ist's da ein Wunder, wenn die

Bewohner des fließenden Elements, die Amphibien, Fische u. a. immer

seltener werden, ja aussterben?

In dem trocknen Sommer 1911 weilte ich in meiner Heimat an der

Freiberger Mulde. Das war kein Wasser mehr, was im Flußbett talab

floß, sondern ein Sammelsurium chemischer Lösungen, in denen kein

höheres Lebewesen sich hätte aufhalten können. Ein paar »Jungens«

kauerten am kahlen Uferrand und machten sich den Spaß, die Gasblasen

anzubrennen und explodieren zu lassen, die auf dem Wasser schwammen.

Es war just dieselbe Stelle, die mir vor vierzig Jahren als Jagdrevier

auf Ringelnattern so lieb war. Dann führte mich der Weg nach dem

Nachbardorf, in dessen Mitte ich den Dorfteich mit seiner reichen

Pflanzenwelt vergeblich suchte. Großstädtisch war alles geworden:

ein Promenadenplatz mit sein paar gußeisernen Bänken. Die Bauern

waren sehr stolz auf diesen Fortschritt der Kultur; mich aber stimmte

es traurig. Ich dachte an die Frösche und Unken, die einst die

Sommernacht mit ihrem Chor- oder Einzelgesang so reizvoll belebten, an

die Ringelnattern, die ehemals bei unserm Nahen sich von dem grünen

Uferrand hinab ins Wasser gleiten ließen, an die munteren Tritonen, die

an seichten Stellen hin und her schwammen, und an die Wasserkäfer, die

zwischen dem Entengrün ihre munteren Spiele trieben. Vergangen, vorbei!

Der Leser wird sagen: das ist alles ganz schön, oder richtiger: das

ist alles sehr traurig, aber wir können daran nichts ändern. Wegen

der Salamander und Ringelnattern, der Frösche und Unken, die dabei

zugrunde gehen, wird sich der Landwirt nicht abhalten lassen, einen

Sumpf zu entwässern, eine feuchte Wiese trocken zu legen, wenn er's für

nötig oder vorteilhaft hält, und die Anlage von Fabriken kann auf die

Kleintierwelt erst recht keine Rücksicht nehmen. Wohin sollte solche

Rücksichtnahme auch führen?

So meine ich das selbstverständlich auch nicht. Immerhin bin ich der

Ansicht, daß ein einzelner Grundbesitzer oder auch ein Gemeinwesen,

eine Behörde in allen Fällen recht eindringlich darüber nachdenken

sollte, ob es sich auch lohnt, solch eingreifende Veränderungen

der natürlichen Verhältnisse, wie sie die Trockenlegung eines

Sumpfes, eines Teiches zur Folge hat, herbeizuführen, und ob es

unbedingt nötig ist, gerade _den_ Graben zuzuschütten oder mit

Fabrikabwässern zu verseuchen, der schöne Molche und ein paar seltene

Fischchen beherbergt, auch im Kreise der Naturfreunde als Fundstätte

interessanter Wasserinsekten, Krebstierchen, Polypen usw. bekannt

ist. Oder ob es sich nicht vermeiden läßt, das kleine Feldgehölz

niederzuschlagen, ob die Weißdornhecke am Wege, das Gestrüpp am

steinigen Hang nicht erhalten werden kann. Dort wohnen Blindschleichen

und Eidechsen in frohem Verein; es wäre doch schade um diese

Kleintierwelt, wenn sie etwa nur einer plötzlichen Laune zum Opfer

fallen sollte.

Vielleicht ließe sich auch auf _gesetzlichem_ Wege etwas für unsre

Kaltblüter tun. An das Vogelschutzgesetz habe ich oben erinnert.

Warum, so frage ich, gibt es nicht ein ähnliches Gesetz zum Schutze

der Reptilien und Amphibien? Ich sehe keinen Grund ein, diesen

Gedanken abzulehnen. Sie alle, die unter den heutigen Verhältnissen

so hart bedrängt werden, die Schlangen -- natürlich mit Ausnahme der

giftigen Kreuzotter -- die Eidechsen und Blindschleichen, die Kröten,

die Salamander und Teichmolche, die Laubfrösche und bis zu gewissem

Grade auch alle andern Frösche verdienen und bedürfen gesetzlicher

Maßnahmen, wollen wir sie unsrer Heimat erhalten. Und wenn es

vielleicht auch nicht an der Zeit ist, ein Reichsgesetz zu befürworten,

so könnten doch bereits jetzt einzelne Länder und Behörden mit gutem

Beispiel vorangehen und durch besondere Landesgesetze oder wenigstens

Polizeiverordnungen den Reptilien- und Amphibienjägern von Profession

das Handwerk genau so legen wie den Vogelstellern und Eierräubern.

Warum soll nur _der_ zur Verantwortung gezogen werden, der sich an

einem Vogel oder seiner Brut vergreift, während der Frevler, der eine

Kröte, eine Unke oder ihren Laich, eine Eidechse oder eine harmlose

Schlange lediglich aus Roheit vernichtet, frei ausgeht?

Ich weiß es, daß gesetzliche Maßnahmen auf dem Gebiet des Naturschutzes

im allgemeinen wenig nützen. Aber unser Reichsvogelschutzgesetz

möchte heute doch kein einziger Naturfreund missen; es hat im Laufe

der Jahre durchaus segensreich gewirkt. Und so verspreche ich mir

auch von einem _Reptilien- und Amphibienschutzgesetz_ manches Gute.

Dabei wäre wohl zu erwägen, ob ein solches Gesetz nicht etwas mehr

Rücksicht auf die Terrarien- und Aquarienliebhaber nehmen könnte, als

unser Vogelschutzgesetz auf die Freunde der Stubenvogelpflege. Nur dem

Massenfänger und dem Händler müßte das Handwerk gelegt werden.

Freilich, mehr als gesetzliche Bestimmungen helfen _Belehrung_ und

_vernünftige Erziehung_. Wer soll belehrt und erzogen werden? Natürlich

die Jugend. Aber nicht etwa nur von den Lehrern, sondern an erster

Stelle von den Eltern. Die _Schule_ hat es bereits bewiesen, daß es ihr

Ernst ist, die ihr anvertrauten Kinder zum Naturschutz zu erziehen.

Davon zeugen so manche Verordnungen und Maßnahmen der Schulbehörden,

die alle darauf zielen, in der Jugend die Liebe zur Heimat und die

Achtung vor der Natur und ihren Geschöpfen zu wecken und zu pflegen,

und davon zeugt in gleicher Weise die freundliche Stellung, welche die

gesamte Lehrerschaft in Dorf und Stadt, an Volksschulen wie an höheren

Schulen dem Naturschutzgedanken gegenüber von Anfang an eingenommen

hat. Ja viele, viele Lehrer sind für unsre Bestrebungen mit freudigster

Begeisterung eingetreten und haben sich im Kampfe für sie mit in

die vorderste Reihe gestellt. Einmal um der Sache selbst willen,

sodann aber auch, weil sie erkannt haben, eine wie hohe erzieherische

Bedeutung dem Heimat- und Naturschutz sowohl für den einzelnen Menschen

wie für unser ganzes Volk zukommt.

Heute treibt der Lehrer naturgeschichtlichen Unterricht nicht

nur innerhalb des Schulzimmers, sondern er führt die Kinder oder

jungen Leute hinaus ins Freie, daß sie Pflanzen und Tiere in ihrer

natürlichen Umgebung beobachten, die _lebenden_ Wesen: die Blume am

Wegrand, die Blindschleiche am moosigen Boden, die Eidechsen an der

Geröllhalde, den Falter über der Wiese. Der trockene »beschreibende«

Naturgeschichtsunterricht, der sich mit der Betrachtung von Herbarien,

von ausgestopften Vögeln, von Spirituspräparaten aus dem Reich der

Kaltblüter, von aufgespießten Insekten begnügte, ist wohl für alle

Zeiten verlassen. Das Leben redet heute zur Jugend, und es lehrt, ohne

daß der Erzieher es nötig hat, viel Worte zu machen, Achtung vor der

Natur, vor jedem einzelnen Wesen, das ein Glied des Ganzen ist, und

damit auch Achtung vor der Gesamtheit der Schöpfung. Wenn es heute

scheinen will, daß die traurigen, tief beklagenswerten Verirrungen auf

diesem Gebiet, daß die Verrohung weiter Kreise unseres Volks, von der

man mit Recht spricht, damit nicht in Einklang zu bringen sind, so

glaube ich darin einen Trost finden zu dürfen, daß es sich nur um eine

Krankheitserscheinung handelt, die wohl überwunden werden kann. Möge

die Schule unentwegt auf dem eingeschlagenen Wege weiter schreiten! Es

ist der richtige, und er muß zum Ziele führen.

Aber das _Elternhaus_ hat nicht gleichen Schritt gehalten. Wie

gleichgültig stehen doch die meisten Erwachsenen der heimatlichen

Tierwelt gegenüber, wenn es sich nicht gerade um ein Säugetier oder

einen Vogel handelt. Ja, Grauen und Furcht, Ekel und Abscheu flößen sie

ihren Kindern vor Schlangen, vor Kröten und Salamandern, vor Fröschen

und Kaulquappen und vor all dem »giftigen Gewürm« ein. Sie untergraben

damit die natürliche Zuneigung, die jedes unverdorbene Gemüt der

Tierwelt entgegenbringt, statt durch das eigene Beispiel das Interesse

der Kinder an den »Brüdern im stillen Busch, in Luft und Wasser« zu

pflegen und zu fördern. Da heißt es: »Was fällt dir ein, wirst doch den

ekligen Frosch nicht in die Hand nehmen!« oder: »Geh weg, dort sitzt

eine giftige Kröte!« oder: »Pfui, pfui, welch scheußliche Raupe, gleich

mach sie tot!« oder: »Eine Schlange! wie gut, daß ich die heimtückische

Otter mit dem Stock noch getroffen!« Wollte ich in gleichem Tone

fortfahren, so würde ich sagen: »Pfui Spinne, was sind das für

törichte, unwürdige, geschmacklose Redensarten Kindern gegenüber!«

Die Kleinen, die anfangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen,

glauben es schließlich, was die Erwachsenen sagen; sie kreischen beim

Anblick einer Natter auf, sie graulen sich, den feuchtkalten Frosch

zu berühren und steinigen die unschuldige Kröte. »Wie die Alten

sungen, so zwitschern die Jungen.« Die Schule wird erst dann vollen

Erfolg haben, wenn die Eltern die Hand mit ans Werk legen. Häßliche,

ekelhafte Geschöpfe gibt es nicht. »Gott sahe«, sagt die Bibel in ihrer

schlichten Weise, »daß es gut war.« Und noch ein Bibelwort möchte ich

den Eltern zurufen; das lautet: »Werdet wie die Kinder!«, d. h. wie die

natürlichen, von eurer unvernünftigen Erziehung noch nicht verdorbenen

Kinder!

Vor ein paar Jahren setzte ich einen vierzehnjährigen Bengel zur

Rede, der eben eine Ringelnatter in grausamer Weise getötet hatte.

In Glashütte war's, dem erzgebirgischen Städtchen. Der Junge kam

von der Wiese herein nach dem Marktplatz und trug die Schlange, in

eine Astgabel geklemmt, triumphierend vor sich her. Eine gröhlende

Kinderschar umgab ihn, so daß ich an den Anfang der Schillerschen

Ballade vom »Kampf mit dem Drachen« erinnert ward. Der Knabe sagte

natürlich, es sei eine giftige Schlange. Und dann berichtete er mir,

sein Vater habe gesagt, man müsse jede Schlange, der man begegne,

totschlagen, es könnte immer eine Kreuzotter sein. Die verstellten sich

manchmal. Genau dieselbe Ansicht haben mir gegenüber auch Erwachsene

geäußert, die ich wirklich für ein wenig verständiger gehalten hätte.

Man ist eben zu gleichgültig oder zu faul, sich die Merkmale unsrer

drei Schlangenarten einzuprägen, und schlägt nun alles tot, was einer

Kreuzotter ähnlich aussieht, selbst die so harmlose Blindschleiche. Ich

möchte auch wissen, wieviel Haselnattern alljährlich als Kreuzottern

an die Behörden eingeliefert und von diesen prämiiert werden. Erst

lerne man die drei Schlangenarten -- es handelt sich tatsächlich im

wesentlichen nur um drei Arten -- sicher unterscheiden, und dann,

meinetwegen, töte man die Kreuzotter, wenn man eine solche antrifft.

Jene Kinderschar, von der ich erzählte, habe ich natürlich über das

begangene Unrecht belehrt und jedem einzelnen Kind die Merkmale der

unschuldigen Natter genau eingeprägt. Selbst die größeren Jungen

gingen hierauf still und beschämt davon. Einem kleinen blondlockigen

Mädchen aber standen die Tränen im Auge; es weinte über den Tod dieser

Schlange, genau wie es über ein verendetes Vöglein geweint haben würde.

* * * * *

Schlangen leben in allen Zonen der Erde; selbst in dem kalten Lappland

kommt die Kreuzotter noch bei 67° n. Br. vor, und überall werden diese

Reptilien vom Menschen gefürchtet, gehaßt und verfolgt; denn wo

immer Schlangen sich finden, da gibt es unter ihnen neben harmlosen

Geschöpfen auch tückische Wegelagerer, die den offenen Kampf scheuen

und ihrem Opfer aus dem Hinterhalt mit vergiftetem Dolch auflauern.

Namentlich in den heißen Ländern ist die Zahl der Giftschlangen sehr

groß; aber selbst in Europa leben 6 oder 7 Arten, von denen für

Mitteleuropa nicht weniger als 4 in Betracht kommen.

Freilich nur die _Kreuzotter_ erfreut sich in unserm Vaterlande

allgemeiner Verbreitung. Ihr ist jede Örtlichkeit recht, wo sie Wärme

und Nahrung findet. Nur dem Innern großer, dunkler Wälder, die kaum

einen Sonnenstrahl durchlassen, bleibt sie fern, auch der sumpfigen

Wiese, die ihr kein trocknes Plätzchen bietet. Die andern drei,

viel selteneren Giftschlangen aber haben ihr Heim weiter südlich

aufgeschlagen, die ursinische Viper in Niederösterreich, die Sand- und

die Aspisviper namentlich in Südtirol.

Aber selbst wenn Europa als einzige Giftschlange lediglich die

Kreuzotter beherbergte, ja wenn diese, wie es für manche deutsche

Landschaft gilt, überall außerordentlich selten wäre, ich glaube

die Schlangenfurcht unter uns Mitteleuropäern würde doch ebenso

allgemein verbreitet sein. Der gute Ruf einer Familie wird eben nur

zu leicht durch ein aus der Art geschlagenes Mitglied untergraben;

die andern müssen darunter mit leiden, in unserm Falle die giftlose

Ringel- und Haselnatter und selbst die ganz harmlose schlangenähnliche

Blindschleiche. Überall bringt man diesen Kriechtieren Mißtrauen

entgegen, und die Furcht vor dem »Otterngezücht« ist ganz allgemein.

Auf Grund eigner Erfahrungen muß ich nun aber der Ansicht, die

_Schlangenfurcht_ sei dem Menschen _angeboren_, ganz entschieden

_widersprechen_. Ich habe darüber schon berichtet, sowohl in den

von der »Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen«

herausgegebenen »Vorträgen und Aufsätzen« wie im »Kosmos«. Führe

ich ein kleines, etwa drei- oder vierjähriges Kind ruhig an eine

Schlange heran, an eine Ringelnatter, die durch's Gras schlüpft, an

eine Haselnatter, die sich am steinigen Hang sonnt, so ist von einer

angeborenen, instinktiven Furcht des Kindes vor dem Reptil nicht das

geringste zu spüren. Im Gegenteil, das kleine Menschenkind betrachtet

das ihm bisher unbekannte Geschöpf mit dem größten Interesse. Ja, fasse

ich die Natter und bringe sie dem kindlichen Beschauer ganz nahe, so

bedarf es kaum noch des Zuredens, das Kinderhändchen greift nach ihr

und betastet das glatte Schuppenkleid; selbst vor der beweglichen Zunge

der Schlange weicht es nach einem Weilchen nicht mehr zurück. Dabei

muß ich selbstverständlich voraussetzen, daß das Kind seine natürliche

Unbefangenheit noch bewahrt hat, daß es nicht bereits Zeuge ward von

dem törichten Aufkreischen erwachsener Personen, mit dem gewöhnlich

eine Schlange, die sich 'mal zeigt, eine Blindschleiche oder Eidechse

begrüßt wird. Ich habe mehrfach derartige Versuche angestellt. Kam es

einmal zum Schreien, so trug entweder meine eigne Ungeschicklichkeit

die Schuld, oder besonders heftige Bewegungen der Natter, ein weites

Aufreißen ihres Mundes, ein unheimliches Zischen schüchterten den

kleinen Naturforscher ein. Einer jungen Katze oder einem Kaninchen

gegenüber verhält sich das Kind nicht anders.

Wenn man mir aber entgegnet, mein eigenes ruhiges Verhalten, ja

meine bloße Gegenwart habe die Kleinen ermutigt, ihre angeborene

Schlangenfurcht zu überwinden, so antworte ich, daß es mit einem

sogenannten ursprünglichen Instinkte nicht weit her sein kann, wenn

er durch solch einfache Mittel zu überwinden, ja in sein Gegenteil

umzuwandeln ist. Auch kann ich noch folgendes Erlebnis berichten.

An einem sonnigen Maimorgen beobachtete ich ein mir bekanntes, etwa

vierjähriges Mädchen, an einem Abhang kauernd, wo es um diese Zeit

von Eidechsen geradezu wimmelte. Das Kind bemerkte mich nicht.

Seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf die grünschillernden Echsen

gerichtet, die aus ihren Löchern hervorkamen, um im Sonnenschein zu

spielen. Die Kleine griff nach den flinken Tierchen, sie zu fangen, was

ihr freilich niemals gelang, und laut jauchzte sie auf in heller Freude

an dem neckischen Spiel. Kein Zweifel, mit Kreuzottern oder Skorpionen

hätte sich das Kind ebenso lustig unterhalten.

Aber auch an meine eigne Jugend darf ich erinnern, bin ich doch

gewissermaßen unter Schlangen aufgewachsen. Ringelnattern waren im

Frühjahr und Sommer meine täglichen Spielgenossen; sie bewohnten in

großer Anzahl die Uferränder des Bächleins, das durch unsern Garten

floß. An warmen Sommertagen sah man mich selten ohne solches Reptil,

oft in jeder Faust eine Schlange, wie Herkules, zum Entsetzen meiner

lieben Mutter. Aber erwürgt hab ich sie nicht -- die Schlangen nämlich.

Daß ich selbst Erwachsenen mit meinen Freunden Furcht einjagen konnte,

machte mir Spaß, um so mehr als ich solch törichte Angst nicht begriff.

Mein Vater hatte durch die ruhig verständige Art, wie er mit dem Kinde

alles, was kriecht und fliegt, voll Teilnahme betrachtete und besprach,

mich vor jeder Ansteckungsgefahr durch abergläubische Personen zu

hüten gewußt, und bald war ich einsichtsvoll genug, daß mir die

Schlangenfurcht anderer nichts anhaben konnte. _Anerzogen_ ist diese

Furcht, _nicht angeboren_, das behaupte ich aus vollster Überzeugung.

Man redet von dem Paradies der Kindheit. Ins Paradies aber gehören

Tiere, und mit allen ist das Kind gut Freund. Indessen, die Erwachsenen

sind es, die solch paradiesisches Verhältnis unsrer Kinder zur Tierwelt

oft in unverantwortlicher Weise stören, die natürliche Teilnahme der

Kleinen zu allem, was kriecht und fliegt, untergraben, vielleicht ohne

daß sie es wollen und wissen. Wenn etwas dem Menschen angeboren ist, so

ist's nicht die Furcht vor gewissen Tieren, sondern im Gegenteil die

_Zuneigung zu allen Geschöpfen_, eine Tatsache, die in wirklich rührend

naiver Weise in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zum Ausdruck kommt,

wo erzählt wird, daß Gott alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter

dem Himmel zum ersten Menschen brachte. Freilich gleich hinter dieser

lieblichen Erzählung steht das böse, an die Schlange gerichtete Wort

des Schöpfers: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe,

zwischen deinem Samen und ihrem Samen.« Kein Zweifel, dieses Wort

des zürnenden Gottes trägt ein gut Teil Schuld an der übertriebenen

Schlangenfurcht, die selbst in unsern Tagen noch so viele Gemüter

beherrscht.

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 14 / 15 段