die einzige Giftschlange in unsrer Heimat. Sie kann auch dem Menschen
gefährlich werden; doch gehören Unglücksfälle zu den seltenen
Ausnahmen, und gestorben ist infolge eines Kreuzotterbisses, so viel
ich weiß, in dem letzten halben Jahrhundert in Sachsen überhaupt
niemand. Eine gewisse Vorsicht, besonders an Waldrändern, sonnigen
Hügeln ist anzuraten, wenn man sich auf den Boden niederläßt; auch
vor dem Barfußgehen an solchen Stellen ist zu warnen. Aber man soll
auch nicht übertrieben ängstlich sein und durch solche Angst sich den
Genuß an der Natur beeinträchtigen lassen. Am wenigsten aber soll
man vor jeder Schlange Reißaus nehmen. Die Kreuzotter flieht, sobald
sie den Menschen bemerkt; nur wenn sie überrascht wird und keinen
andern Ausweg weiß, sucht sie sich zu verteidigen. Man präge sich doch
die Artmerkmale der Kreuzotter ein. Ihre Länge beträgt etwa 50 bis
60 ~cm~; jedenfalls ist eine Schlange, die gegen 1 ~m~ mißt, nie eine
Kreuzotter. Die Färbung kann recht verschieden sein; grau, braun oder
olivenfarben ist der Grundton. Die eigentümliche dunkle Zackenlinie,
die längs des ganzen Rückens hinläuft, hebt sich mehr oder minder gut
ab; sie besteht aus aneinanderstoßenden Rhomben. Die Unterseite ist
niemals hell oder auffallend gezeichnet. Der eigentliche Schwanz,
der sich ziemlich deutlich vom Körper absetzt, ist sehr kurz, nur
etwa 1/8 oder 1/10 der Gesamtlänge. Die Bewegungen der Otter sind
langsam, lassen auch die geschmeidigen Wendungen vermissen, die wir
an den Nattern bewundern. Jede einzelne Schuppe trägt längs der Mitte
eine kielartige Erhöhung im Gegensatz zu den ganz glatten Schuppen
der Haselnatter. Mit der bedeutend größeren _Ringelnatter_ kann man
die Kreuzotter nicht verwechseln. Deren Oberseite ist blaugrün oder
grünlichgrau gefärbt, die fast schwarzen Schilder der Bauchseite sind
weiß eingefaßt. Das untrüglichste Merkmal dieser Natter bilden aber die
beiden gelben oder weißlichgelben Halbmondflecken hinter dem Kopfe.
Wenn behauptet wird, auch die _Kröten_ seien giftig und sie
schleuderten ihrem Feinde, dem wirklichen oder dem vermeintlichen, aus
ihren Hautdrüsen einen giftigen Saft entgegen, so ist dies eine falsche
Vorstellung. In der Angst spritzt die Kröte Urin aus, der übel riecht,
im übrigen aber ganz wirkungslos bleibt. Man muß den Lurch schon
kräftig anfassen, ehe er aus seinen Drüsen die so gefürchtete ätzende
Flüssigkeit fahren läßt. Aber auch diese ist dem Menschen gegenüber
ganz harmlos, höchstens daß sie an zarten Stellen die Haut etwas
rötet, und nur derjenige, der sich sehr viel mit Kröten beschäftigt,
wird über unangenehme Wirkungen dieses Saftes, aus dem der Chemiker
allerdings stark wirkende Giftstoffe herstellen kann, zu klagen haben.
Ähnlich verhält es sich mit dem _Feuersalamander_, der ja auch als
giftig beim Volke verschrien ist. Überhaupt glaubt der gemeine Mann,
je bunter und auffallender die Farben solch eines Kaltblüters leuchten
und glänzen, um so giftiger sei das Tier, und er hält deshalb z. B. das
grünschillernde Männchen der Zauneidechse für viel gefährlicher als das
einfacher gefärbte Weibchen. Daß solch Merkmal bei der Kreuzotter gar
nicht stimmt, macht keinem das Herz schwer. »Die Kreuzotter ist eine
Schlange, und die Schlangen sind ohne Ausnahme giftiges Otterngezücht!«
so heißt es ganz allgemein.
Wollen wir unsre kaltblütigen Wirbeltiere der Heimat erhalten,
so kommt es an erster Stelle darauf an, solchen und ähnlichen
Aberglauben, der sich aus dem dunkelsten Mittelalter bis in unsre Tage
herübergerettet hat, endlich einmal auszurotten. Hierbei sollte uns
neben der Schule auch das Haus unterstützen. Außerdem aber erwachsen
den _Aquarien-_ und _Terrarienvereinen_ manche dankbaren Aufgaben. Wie
man Vogelschutzgebiete eingerichtet hat, so lassen sich auch Maßnahmen
treffen, die den Schutz der Kriechtiere und Lurche an bestimmten,
vielleicht nur eng begrenzten Örtlichkeiten bezwecken. Selbst ein
kleiner Verein, dem bloß geringe Mittel zur Verfügung stehen, könnte
einen steinigen, unfruchtbaren Berghang oder auch nur eine Schutthalde
erwerben, wo Eidechsen und Schlangen ihre Wohnung aufgeschlagen haben,
ebenso einen Tümpel, einen Wassergraben, einen kleinen Teich, der von
Unken und Fröschen, von Tritonen und Molchen belebt wird. Hier könnten
die Mitglieder des Vereins ihre schützende Hand über diese Tiere
halten. In vielen Fällen würde es auch genügen, einen Pachtvertrag
auf längere Zeit abzuschließen oder den Besitzer gegen eine geringe
Abfindungssumme zu verpflichten, alle Veränderungen innerhalb des
Schutzgebiets zu unterlassen, welche die Daseinsbedingungen der
schutzbedürftigen Kleintierwelt schmälern könnten.
Namentlich wenn es sich um besondere _Seltenheiten_ handelt, sollte
man sich der bedrohten Tiere annehmen. Zu solchen Seltenheiten, ja
schon zu den eigentlichen Naturdenkmälern gehören die Sumpfschildkröte,
die Würfel- und Äskulapnatter, die Smaragd- und die Mauereidechse,
die Bergunke, die Geburtshelferkröte u. a. Sind es doch nur ganz
wenig Örtlichkeiten in Deutschland, die als Fundstätten des einen
oder des andern der genannten Kaltblüter in Betracht kommen. So
ist die Sumpfschildkröte außer in Westpreußen und den benachbarten
Gebieten nur noch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser,
in Schleswig-Holstein, in der Altmark, im Braunschweigischen und
in Schlesien an ganz wenig Orten bekannt. Die Äskulapnatter kommt
vereinzelt im Taunus und bei Passau vor, die Würfelnatter hat man
in der Meißner Gegend und an der Nahe angetroffen, die herrliche
Smaragdeidechse am Oberrhein und bei Passau, während es sich bei
verschiedenen preußischen Fundstellen wahrscheinlich nicht um ein
ursprüngliches Vorkommen handelt. Und so lassen sich bei einer
ganzen Reihe von Kriechtieren und Lurchen die wenigen Angaben über
ihre Wohnstätten in Deutschland an den Fingern einer Hand aufzählen.
Mag es auch wahrscheinlich, ja sogar sicher sein, daß diese Angaben
Lücken aufweisen, so viel steht jedenfalls fest, daß die genannten
Tiere über kurz oder lang ganz aus unsrer Heimat verschwinden werden,
wenn sich nicht Naturschutz-, Aquarien- und Terrarienvereine, sowie
Einzelliebhaber der hart Bedrängten tatkräftig annehmen. Auch durch
behördliche Verordnungen läßt sich wohl manches erreichen.
_Die Erhaltung der heimatlichen Tierwelt_ muß das gemeinsame Ziel aller
Naturfreunde sein. Die verschiedensten Wege führen dahin. Möge selbst
den gefürchteten Schlangen und den verachteten Kröten gegenüber solche
Aufforderung eine freundliche Aufnahme finden! Es handelt sich um eine
ideale Aufgabe, um
_Schutz den Schutzlosen_!
Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine
Auch unter der niederen Tierwelt haben wir gute Bekannte und liebe
Freunde. Freilich weniger die Erwachsenen, als die Kinder. Jene
wenden sich meist mit Abscheu oder lächerlichem Widerwillen von dem
»Insektengesindel, dem Spinnengezücht und all dem Gewürm« ab --
unnützes Ungeziefer, zu nichts anderem auf der Welt, als die Menschen
zu ängstigen und zu quälen, vom bösen Feind erschaffen, der ja auch das
Unkraut zwischen die Fruchthalme der Felder gesät hat -- während die
Kinder diesen Geschöpfen viel näher stehen. Ihr Verhältnis zu ihnen ist
weit inniger, ursprünglicher, noch ungetrübt durch den Verstand, der
immer nur Nutzen und Schaden berechnet, einzig in einem tiefen, wahren,
natürlichen Gefühl wurzelnd. Solange das Kind von dem albernen Gerede
der Erwachsenen noch verschont geblieben ist, sieht es in jedem Tier,
auch dem geringsten, ein ihm bis zu gewissem Grade verwandtes Wesen,
etwas Beseeltes, das gleich ihm empfindet. In Einfalt ahnt es den Sinn
der Dichterworte:
»Aber du Frühlingswürmchen,
Das grünlichgolden neben mir spielt,
Du lebst und bist vielleicht
Ach, nicht unsterblich?«
eine Frage, die der Erwachsene nur mitleidig belächelt. Ohne Scheu
nimmt das Kind den Käfer, die Raupe, die Spinne, die Schnecke,
den Regenwurm in die Hand, freut sich an ihren Bewegungen, stellt
allerlei Fragen an sie und läßt sich von seinen Freunden erzählen.
Die geschmacklosen Redensarten, wie: »eklige Raupe« oder »pfui,
die häßliche Spinne!« verdanken gewiß nicht einem Kindermund ihre
Entstehung.
Unter den Käfern spielt natürlich der »_Sohn des Mai's_« bei unsrer
Jugend eine hervorragende Rolle. Sobald die Birken ihre schwanken
Hängeruten mit zartem Grün übersponnen haben, ziehen die Buben mit
durchlöcherten Pappkästen oder Zigarrenkisten in den Wald, um die
braunen Gesellen von den Bäumen zu schütteln und nach Hause zu bringen.
Habe es auch nicht anders getrieben -- selige Kinderzeit, wo man sich
reich fühlte, wenn man ein paar Dutzend Maikäfer sein eigen nannte!
Wir spielten mit ihnen nach Herzenslust. Sie mußten seiltänzern, einen
kleinen Wagen oder Schlitten ziehen; auch als Handelsartikel waren sie
hochgeschätzt, besonders die mit rotem Brustschild, die »Franzosen«.
Später freilich, wenn die Käfer matt und langweilig wurden, war es aus
mit der Freundschaft, und wir warfen sie den Hühnern vor.
In manchen Jahren traten die Maikäfer so massig auf, daß sie auch
uns Kindern zuwider wurden, und wenn wir die Verheerungen sahen, die
sie anrichteten, wie sie die jungbelaubten Eichen ganz kahl fraßen
und unsre Stare mit den Übeltätern nicht mehr fertig werden konnten,
zogen auch wir gegen sie zu Felde, genau so wie im Sommer 1922 die
Schuljugend den Kampf gegen die Nonne geführt hat.
Andre Käfer erfreuten sich unsrer dauernden Liebe und Teilnahme. Der
goldig-grün glänzende _Rosenkäfer_, wie er mitten in der duftenden
Zentifolie sitzt, von deren zarten Blättchen er speist, war unser
Entzücken; wir hätten ihm ebensowenig ein Leid zufügen können wie
den verschiedenen _Marienkäferchen_ oder Sonnenkälbchen, die uns für
heilige Tiere galten.
Auch der seltene _Puppenräuber_ war unser Stolz, nicht weniger so
mancher _Bockkäfer_ -- der kraftvolle Weberbock mit den lederartigen
Flügeldecken, der große Eichenbock, der zierliche Zimmerbock mit seinen
riesigen Fühlern -- alle Kameraden beneideten uns um unsern Besitz,
an dem wir uns doch nur ein paar Tage erfreuten. Ich schenkte den
Gefangenen, wenigstens damals, als ich noch keine Käfersammlung besaß,
die Freiheit bald wieder. Die Schädlinge zu töten, das kam mir nicht in
den Sinn.
Längere Zeit, ja wochenlang hielten wir die Riesen der deutschen
Käferwelt, die _Hirschschröter_, in Gefangenschaft; mit Zuckersaft, den
sie sehr gern lecken, fristeten wir ihr Leben. In das Aquarium, das
mit Teichmolchen besetzt war, brachten wir allerlei _Schwimmkäfer_,
den Gelbrand, den pechschwarzen Wasserkäfer, den kleinen Taumelkäfer.
Wir freuten uns an ihrem lebhaften Treiben, bis wir die raubgierige
Gesellschaft, die uns die Molche und die kleinen Fischchen anfraß,
verbannen mußten. Auch die Wasserläufer, die wie auf Schlittschuhen
über das Gewässer hingleiten, erregten unsre besondere Aufmerksamkeit.
Das höchste Entzücken haben mir aber die _Leuchtkäfer_ bereitet, die
»Johanniswürmchen«, wie wir sie nannten. Ich war schon mindestens zehn
Jahre alt, als ich das Wunder der fliegenden Funken in einer warmen,
gewitterschwülen Sommernacht zum erstenmal anstaunen durfte. Es steht
mir der Augenblick unvergeßlich im Gedächtnis, wo solch geheimnisvolle,
dem Kinde bisher völlig fremde Wunderwelt mich umgab: leuchtende
Funken, die man in die Hand nehmen konnte, ohne sich zu verbrennen,
ein »Feuerzauber«, der mich völlig in seinen Bann zog. Noch heute sind
mir die Leuchtkäfer, die so still durch das nächtlich-dunkle Gesträuch
ziehen oder wie leuchtende Lämpchen am Boden ruhen, ein geheimnisvolles
Wunder, das mich immer wieder beglückt.
Mit den Jahren erwachte natürlich der _Sammeltrieb_ in mir; wir Jungen
spornten uns gegenseitig an und wetteiferten miteinander. Die in der
Äthernarkose getöteten und dann sauber aufgespießten und in dem Kasten
systematisch angeordneten Käfer haben mir große Freude bereitet. Ich
darf wohl sagen, vieles habe ich dabei gelernt, in der Hauptsache aber
doch nur dadurch, daß ich mir selber die Sammlung anlegte. Einige
seltenere Prachtstücke, die ich später erwarb oder die mir geschenkt
wurden, sagten mir wenig, wie mir denn allezeit die _lebenden_ Insekten
beredtere Lehrmeister gewesen sind, als ihre toten, in Reih und Glied
aufgestellten Leiber. Und so bin ich denn heute von Käfersammlungen
in der Hand von Kindern kein besonderer Freund; in den meisten Fällen
kommt nicht viel dabei heraus. Der Feuereifer, mit dem die Sache
begonnen wird, flaut oft schon im ersten Jahre ab, und bald steht die
kleine Sammlung unbeachtet in einem Winkel.
Wo man aber doch einem Jungen, der sich für die Kleintierwelt unsrer
Heimat besonders interessiert, gestattet, sich eine derartige Sammlung
anzulegen, da sollte das Eltern- und Erzieherauge darüber wachen.
Sonst geht es ohne Tierquälerei und Versündigung an der Natur nicht
ab; denn es liegt auf der Hand, daß es auch der jugendliche Sammler
sehr bald hauptsächlich auf Seltenheiten abgesehen hat, die ihm, wenn
er seine eignen Bedürfnisse befriedigt hat, als Austauschobjekte gegen
andre Seltenheiten wertvoll sind. Keinesfalls darf das Sammeln zum
Selbstzweck werden; die _Beobachtung des lebenden Insekts in freier
Natur_ muß immer die Hauptsache bleiben.
Ein Junge, der sich auf den Totengräber, den Ameisenlöwen, den
Goldschmied stürzt und nur daran denkt, die Tiere in die Ätherflasche
zu stecken, um sie daheim der Sammlung einzuverleiben, der bringt
sich um das beste Teil. Beobachte die Totengräber in ihrer bunten
Livree, die Aaskäfer im dunkeln Trauergewand bei ihrer Arbeit, wie
sie herbeirennen oder herbeifliegen, wenn sie den Leichnam eines
Vogels oder eines kleinen Säugetiers aus der Ferne gewittert haben,
wie sie die Erde unter dem toten Körper wegscharren und ihn gleichsam
begraben, damit die Larven, die später den Eiern der geschäftigen Käfer
entschlüpfen, sogleich Nahrung finden. Beobachte die Laufkäfer, wie sie
einen Wurm, eine Kerbtierlarve überfallen, den Ameisenlöwen, wie er
mit gehobenem Kopf und geöffneter Kieferzange in seinem Sandtrichter
sitzt und auf einen Fang lauert, die Schnell- oder Springkäfer --
»Schmiede« sagten wir Kinder -- wie sie, lebendige Stehaufchen, so
lustig emporschnellen, um aus der Rückenlage wieder auf alle Sechse
zu kommen, die grünen Sandkäfer, wie sie auf dem öden Ufergelände
stoßweise vor dir auffliegen, oder die scharlachroten Lilienhähnchen,
die durch Aneinanderreiben der Hinterleibsringe gegen die Flügeldecken
eine so seltsam piepende Musik erzeugen, -- und du hast mehr erlebt,
als dir die Sammlung zu geben vermag.
Die Kinder, die so glücklich sind, sich viel in freier Natur tummeln
zu dürfen, werden mit den Eigentümlichkeiten der genannten und noch
vieler anderer Kerbtiere sehr bald bekannt sein. Der seltsame Ölkäfer,
»Maiwurm« hieß er bei uns, aus dessen Beingelenken ein gelber, öliger
Saft tritt, die »spanische Fliege«, die sich zu Zeiten massenhaft
auf Eschen und andern Bäumen einfindet, die Rüsselkäfer mit ihrem
igelähnlichen Gesicht und dem stahlharten Chitinpanzer, die metallisch
glänzenden Erdflöhe u. v. a.: sie alle sind selbst dem kleinen Kind
gute Freunde. Aber doppelt glücklich die Kleinen, wenn sie sehen,
daß auch die Erwachsenen ihren Lieblingen Teilnahme entgegenbringen!
Wie leicht ist es doch, die jugendlichen Beobachter auf diese oder
jene Eigentümlichkeit ihrer sechsbeinigen Spielkameraden hinzuweisen,
ihnen allerlei Geschichten aus deren Leben zu erzählen und ihnen so
immer mehr Liebe zur Natur und zugleich Achtung vor allen Werken der
Schöpfung einzuflößen. Gerade an dieser Achtung und Ehrfurcht fehlt
es nicht selten! Vielleicht auch ist es mehr Neugier und Spieltrieb,
als Mutwille und Zerstörungssucht, wenn Kinder sich der wehrlosen
Insektenwelt gegenüber allerlei Grausamkeiten zu schulden kommen
lassen; durch ein gutes Wort, einen Hinweis auf das Wunderwerk der
Natur, das sich auch im unscheinbarsten Lebewesen offenbart, kann viel
Unheil verhütet werden, Unheil, das weniger die Schöpfung bedroht, als
-- die Kindesseele.
Auch _Schmetterlinge_ habe ich in großer Anzahl gesammelt, nachdem ich
die Kunst erlernt hatte, sie auf dem Spannbrett zu präparieren, daß sie
dann im Sammelkasten mit ausgebreiteten Flügeln ihre ganze Farbenpracht
zeigten. Damals als Kind sah ich mich auf dem Lande von einem Reichtum,
einer Mannigfaltigkeit an Groß- und Kleinschmetterlingen umgeben, daß
mir die Artenzahl unerschöpflich schien. Heute ist das anders geworden,
namentlich in der Nähe der Großstädte. Eine Verarmung an Faltern ist
eingetreten, die ich tief beklage; denn gerade die leichtbeschwingten,
bunten »Sommervöglein« sind es, die eine Landschaft aufs reizvollste
beleben, wenn sie in großen Scharen über der Wiese ihr anmutiges Spiel
treiben, von einer Blume zur andern gaukeln, sich haschen, ausgelassen
herumwirbeln, hoch in die Lüfte steigen und dann schnell wieder
herabflattern, um sich auf dem Blütenstern niederzulassen, der ihnen
Nahrung verspricht. Farbe, Bewegung, Leben -- ewig schade, daß wir
heute so selten Gelegenheit haben, uns solcher Anmut zu erfreuen!
Gewiß, auch vor einem halben Jahrhundert waren manche
Großschmetterlinge in meiner Heimat ziemlich selten, und nicht jeden
Tag flog mir ein Segelfalter ins Netz oder ein Schwalbenschwanz, und
wenn es uns gelang, manche größere Schwärmer oder Eulen, Liguster-
oder Wolfsmilchschwärmer oder gar ein rotes Ordensband mit Hilfe
von Apfelschnitten, auf die viele Nachtfalter sehr lüstern sind, zu
erbeuten, so waren wir glücklich.
Aber heute fehlen vielerorts auch solche Falter, die früher zu den
gewöhnlichsten Erscheinungen gehörten. Den Schmetterlingsraupen
mangelt es hier an den zur Entwicklung nötigen Nahrungspflanzen.
Wir sagten es schon: man nützt jedes Winkelchen aus und duldet kein
Unkraut; das Saatgetreide ist viel reiner geworden, und gewiß ist auch
die künstliche Düngung dem Entwicklungsgang mancher Falter höchst
nachteilig.
Mich verdrießt es, wenn ich Jungen mit Schmetterlingsnetzen durch
die Wiesen rennen sehe: Raubzüge gegen die Natur, aus denen nichts
Ersprießliches entspringt -- in den meisten Fällen wenigstens. Nicht
übertriebene Empfindsamkeit ist es, die mich dies absprechende Urteil
fällen läßt; die Natur ist auch grausam, und dem Schmetterling wird's
gleich sein, ob er im Rachen einer Eidechse endigt, im Schnabel einer
nächtlichen Eule oder in der Äthernarkose des Sammlers. Es sind auch
kaum pädagogische Gründe -- wie verhärtet müßte mein Herz Pflanzen und
Tieren gegenüber geworden sein, wenn Schmetterlings- und Käfersammeln,
wenn Pflanzenpressen das Gemüt verrohen müßten -- nein, Schutz der
Natur ist es, wozu ich nicht eindringlich genug mahnen kann.
Die Zeiten haben sich eben geändert, wollte auch nur ein kleiner
Bruchteil unsrer Schuljungen sich eine Schmetterlingssammlung anlegen,
so wäre es bald vorbei mit den bunten Faltern, und nur noch Weißlinge
würden in unsern Gärten flattern. Auch die Schulen sollten Maß halten
im Sammeln von Seltenheiten; einige häufiger vorkommende Vertreter der
einzelnen Gattungen und Familien genügen vollkommen. Eine Schulsammlung
soll kein Museum sein.
Die Falter im Sammelkasten zeigen wohl ihr buntes Farbenkleid, aber
ihr Leben und Treiben kannst du doch erst in freier Natur kennen
lernen, ja selbst die Bedeutung der Farben und ihre verschiedene
Verteilung auf Vorder- und Hinterflügel bei Tag- und Nachtfaltern wirst
du erst begreifen, wenn du die leichtbeschwingten Geschöpfe in ihrer
natürlichen Umgebung beobachtest, wie sie ihre bunte Herrlichkeit
uns zeigen und dann plötzlich dank ihrer Schutzfärbung unserm Auge
entschwinden.
Viel wertvoller als Schmetterlinge zu sammeln erscheint es mir, wenn
unsre Jugend sich mit der Aufzucht von Raupen beschäftigt und dann die
Falter, die den Puppen entschlüpfen, freiläßt. Die Knaben und Mädchen
lernen dabei gar manches und haben dann draußen im Freien, wenn sie
einen Schmetterling sehen, noch die besondere Freude, möglicherweise
einem guten Bekannten, der ihrer Zucht entstammt, begegnet zu sein.
Viele Feinde unter den Menschen haben die _Spinnen_; selbst der
weitverbreitete Glaube, daß Spinnen Glück bringen, hilft ihnen nur
wenig. Auch diese interessanten Tiere zu beobachten, findet sich oft
für Kinder Gelegenheit, die auch von dem Erzieher wahrgenommen werden
sollte: die Kreuzspinne, wie sie ihr kunstvolles Netz baut, an dessen
Fäden sie eiligst dahinrennt, ohne sich zu verstricken, wie sie aus
ihrem Versteck hervorschießt, die Fliege packt, die ins Netz geraten
ist, und sie umspinnt, oder der seltsame Weberknecht, der »Kanker«,
wie er tagsüber in einem staubigen Winkel sitzt und gegen Abend seine
acht lächerlich langen Beine in Bewegung setzt, um auf die Jagd nach
winzigen Insekten und Spinnen zu gehen, oder die Wasserspinne, die
sich gut im Aquarium beobachten läßt; an den Wasserpflanzen spinnt
sie sich einen Wohnraum, einer Taucherglocke vergleichbar, von wo sie
hervorschießt, sobald ein kleines Wasserinsekt in die Nähe kommt.
Überhaupt das Aquarium -- in Schule und Haus gibt's kaum ein besseres
Anschauungs- und Erziehungsmittel! Tag für Tag ein unversiegbarer Born
der Belehrung.
Daneben natürlich die Beobachtung in freier Natur, die niemals fehlen
darf. Durch den Garten, der zu meinem Elternhaus gehörte, floß ein
klares Bächlein. Nur wer selbst an solch einem Gewässer aufgewachsen
ist, vermag zu beurteilen, was das für ein empfängliches Kinderherz
bedeutet. Die hübsch gepunkteten Forellen wurden belauscht, wie sie
unbeweglich im Wasser »stehen« und dann blitzschnell davonschießen;
den Krebsen stellten wir nach, die in den Uferlöchern ihre Wohnung
hatten, gleich neben der Wasserratte; die seltsamen »Hülsenwürmer«,
die ihren weichen Hinterleib in einem Köcher bergen, den sie
aus Pflanzenstengeln, Schneckenhäuschen, Steinchen gar zierlich
zusammenfügen, erregten unser Interesse, wie die »Rattenschwanzlarven«
der Schlammfliegen und die Larven und Puppen der Stechmücken, die zu
Tausenden in einer Pfütze neben dem Bach ihrer weiteren Entwicklung
entgegensahen. Rückenschwimmer und Wasserläufer, Larven der blauen
Libellen und Eintagsfliegen, Schlammschnecken mit ihrem spindelförmigen
Haus und Tellerschnecken -- »Posthörnchen« nannten wir sie -- es ist
nicht möglich, all meine Jugendfreunde hier aufzuzählen.
Viel Freude hatte ich als Kind an _Schneckenhäusern_. Eine kleine,
nette Sammlung, die ich mir damals anlegte. Die niedlichen Gebilde sind
oftmals so hübsch gezeichnet, und so mannigfaltig ist die Färbung auch
bei derselben Art, daß man immer wieder Neues entdeckt. Ich möchte die
Schneckenhäuser der sammellustigen Jugend aufs wärmste empfehlen; denn
ohne Sammeln, das weiß ich, geht's nun 'mal nicht ab. Beschränkt man
sich auf leere Schneckenhäuser, so tut solch Sammeln niemand weh.
Auch Muscheln bereicherten meinen Besitz, besonders als mir eine
befreundete Familie hunderte solch zierlicher Gebilde, wie sie am
Strande herumliegen, von ihrem Seeaufenthalt mitgebracht hatte. Zu
meiner besonderen Freude fehlten auch prachtvolle tropische Formen
nicht; denn überall in den deutschen Seebädern werden auch solche
verkauft. Mein Jungenherz schwelgte in dem ungeahnten Reichtum an
Formen und Farben.
Nur ein klein wenig Verständnis, ein klein wenig Teilnahme seitens der
Eltern solchen und ähnlichen Liebhabereien und Neigungen der Kinder
gegenüber! Der Sinn für die Natur empfängt gerade durch den schon in
jungen Jahren gepflegten Verkehr mit unsrer heimatlichen Kleintierwelt
die stärkste Anregung und damit unsre Naturschutzbewegung -- es ist
dies meine vollste Überzeugung -- die wirksamste Förderung.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 55: Dippoldiswaldaer → Dippoldiswalder
Wolfssäule in der {Dippoldiswalder} Heide