Heute wird wohl niemand mehr ähnliche wichtige Entscheidungen von dem

Lenzesboten abhängig machen; man zählt die einzelnen Kuckucksrufe

nur zum Spaß und aus alter Gewohnheit. Und doch, ich kenne Personen,

die ganz still und niedergeschlagen wurden, als der Kuckuck, den sie

befragten, nur zwei- oder dreimal seinen Ruf hören ließ. Solche Macht

haben uralte abergläubische Vorstellungen noch in unserm Jahrhundert,

auch wenn man sie als Dummheit erkennt.

Der Kuckuck war als Frühlingsbote, ebenso wie der Storch, dem Donar

geweiht, der nicht nur als Herr des Gewitters, sondern auch als

Frühlingsgottheit verehrt ward. Donar weckte das Leben auf der Erde,

gab reichen Erntesegen und beschenkte die Ehen mit Nachkommenschaft. So

ward sein Bote, der Kuckuck, zum _Lebensvogel_, den man nach der Zahl

der Lenze befragt, die uns die Gottheit noch beschieden hat, der durch

seinen oft wiederholten Ruf dem Landmann Berge von Gold verspricht, daß

er die Geldstücke im Sack schon klappern hört, wenn auch nur erst die

grünen Spitzen der Saat aus dem Boden hervorschauen und die Obstbäume

nur aus ihrem Blütenansatz auf eine reiche Ernte hoffen lassen.

Auch den heiratslustigen Dorfschönen erteilt der Kuckuck auf manch'

vorwitzige Frage bereitwilligst Auskunft.

Ob er einst verklingen wird in ferner Zukunft, dieser Glaube an den

göttlichen Vogel? Weit länger als ein Jahrtausend ist's her, da hat

christlicher Eifer die heidnischen Götter entthront und zu Dämonen

gestempelt; aus den ihnen geweihten Tieren aber hat er Teufel und Hexen

gemacht. »Hol dich der Kuckuck!« -- »Geh zum Kuckuck!« -- »In Kuckucks

Namen« und was derartige schöne Redensarten mehr sind, bei denen

sich hinter dem Kuckuck der Teufel versteckt. Der »Lebensvogel« wird

aber über diese barbarische Vergewaltigung seiner Person schließlich

doch den Sieg davontragen. Ich glaube, so lange der Kuckuck in

unsern deutschen Ländern seinen Ruf erschallen läßt, so lange wird

auch unser Volk sich den alten Glauben an die prophetische Gabe des

geheimnisvollen Vogels bewahren. Jedes Frühjahr weckt ihn von neuem --

unsterblich die Erinnerung des Volks an seine Kindheit.

Rechte Hexentiere sind auch die _Eulen_, die einst als Sinnbild der

Wachsamkeit, der Weisheit, des tiefen Denkens und unermüdlichen

Forschens von einem nach Schönheit und Weisheit strebenden Volk der

helläugigen Pallas Athene geweiht waren. In der christlichen Kunst ward

die Eule zum Symbol heidnischer oder irdischer Torheit; ein Kreuz, das

man häufig über ihrem Kopfe anbrachte, sollte den Sieg der Kirche über

jede teuflische Lehre bedeuten. Und noch heute bekreuzigt sich mancher,

wenn das niedliche, harmlose Steinkäuzchen sein helles »kuwitt« und

dann das gedämpfte »boh boh« hören läßt. »Das Leichen- oder Totenhuhn,

die Wehklage oder Klagemutter ruft: komm mit, komm mit, auf den

Kirchhof, hof, hof! Der Vogel kündet den Tod an.« Und nicht etwa nur

das ungebildete Volk, nein auch viele andere, die sich unendlich

erhaben dünken, glauben dem Unheil kündenden Vogel; oder wenn sie's

auch nicht glauben, sie können sich doch eines unbehaglichen Gefühls

nicht erwehren, wenn sie das Käuzchen schreien hören.

Natürlich hat in erster Reihe das nächtliche Treiben die Eulen in

Verruf gebracht. Völlig geräuschlos, geisterhaft wie ein Schatten

gleiten sie an dem Wanderer vorüber, und es funkeln ihre riesigen

Augen. Wenn sich der Uhuruf mit dem Brausen des Sturms paart, der im

Hochwald tobt, daß die Bäume ächzen und stöhnen, gibt's ein grausig

Geheul. An dem Mond jagen die Wolken vorüber, daß sein Licht bald

verdeckt wird, bald wieder hell hervortritt zwischen den im Sturme

schwankenden Baumkronen. Selbst des Mutigsten Seele wird mit Bangen

und Grauen erfüllt. Ist es ein Wunder, daß unsre Altvordern gerade

der wilden Sturmes- und Wolkengöttin die Eule als ihr Tier neben

der nächtlichen Wildkatze geweiht haben! Zu Hexentieren sind beide

unter dem christlichen Einfluß geworden, gehaßt und verfolgt vom

unverständigen Volk. Und unter diesem Haß hat die Hauskatze, die die

Stelle ihrer wilden Verwandten eingenommen hat, noch heute ebenso

zu leiden wie sämtliche Eulen, die nützliche Schleiereule wie der

niedliche Steinkauz.

In meiner Jugendzeit sah man es gar nicht selten, daß der Landwirt eine

Eule mit ausgebreiteten Flügeln an das Scheunentor oder an die Tür des

Viehstalls genagelt hatte. Ich glaubte, diese Unsitte habe sich längst

überlebt; aber erst vor kurzem hat mich der gleiche Anblick -- es war

in der Lausitz -- von neuem überzeugt, wie tief doch abergläubische

Vorstellungen in unserm Volk wurzeln. Vor Verhexung will der Bauer sein

Gehöft schützen. Den herumstreichenden Dämonen, die das Vieh mit bösem

Zauber bedrohen, soll das gekreuzigte Tier gewissermaßen zurufen:

»Laßt ab von dem Gut! ihr seht, wie's solch nächtlichem Gelichter

ergeht!« Allen Verständigen aber, die es sehen, ist die angenagelte

Eule nur ein Zeichen dafür, daß Dummheit, Aberglauben, Undankbarkeit

und Bosheit unter den Menschen nicht aussterben.

Eine mittelalterliche _Hexenküche_ ohne Eulen wäre nicht denkbar. Und

wenn auch das Licht der Wissenschaft in diese Werkstätten menschlicher

Afterweisheit hineingeleuchtet hat, es wird doch auch noch heute in

verborgenen Winkeln mit Geisterbeschwören, Schatzgraben, Bereitung von

allerlei Tränklein viel Hokuspokus getrieben, und die Rolle dämonischer

Tiere, wie Elster, Eule, aber auch Katze, Fledermaus, Schlange, Kröte,

Salamander u. v. a. ist noch immer nicht ausgespielt.

Zäh hält das Volk an den alten Vorstellungen fest -- jahrtausendelang

fließt das Wasser in dem einmal errungenen Bett.

Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen!

Unter den Wirbeltieren sind die _Kriechtiere_ und _Lurche_ die

einzigen, die jedes gesetzlichen Schutzes entbehren. Strenge

Jagdgesetze nehmen sich vieler Säugetiere und einer großen Anzahl von

Vögeln an; nur der Jagdberechtigte darf sie erlegen, und wenn es nicht

gerade Raubtiere sind, so genießen sie fast alle eine gesetzliche

Schonzeit, die sich freilich in den einzelnen Ländern des Deutschen

Reichs auf etwas verschiedene Zeiten erstreckt. Außerdem stehen die

meisten nicht-jagdbaren Vögel unter der schirmenden Hand des deutschen

Vogelschutzgesetzes, das sich ihrer und ihrer Brut in weitgehendem

Maße annimmt. Jedes Schutzes bar sind nach diesem Gesetz nur wenig

Vogelarten, ja nach unsern sächsischen Gesetzen keine einzige; selbst

die Sperlinge sind nur unter gewissen Einschränkungen »vogelfrei«.

Für die Fische sorgen Fischereigesetze in den einzelnen Ländern --

nur die _Kriechtiere und Lurche_ sind _rechtlos_, »_vogelfrei_«, der

Willkür eines jeden preisgegeben. Wenn es sich nicht gerade um Ärgernis

erregende Tierquälerei handelt, kann jeder mit diesen Geschöpfen

machen, was er will, wozu ihn die Laune treibt. Ungestraft darf er sie

und ihre Brut vernichten; da ist kein Gesetz, das ihn hindert. Jedem

Tagedieb steht es frei, hinauszuziehen an den Teich, an den Sumpf, an

den feuchten Graben der Wiese, an die steinige Halde, in den Buchenwald

und dort einzufangen, so viel immer er will, die Läden der Händler

in der Großstadt zu füllen. Und wenn es die letzte Ringelnatter am

Bachesrand wäre oder der einzige Tümpel in der ganzen Umgebung, den

Tritonen und Salamander beleben: er darf, falls sonst kein Einspruch

des Besitzers aus besonderen Gründen erhoben wird, das Gewässer

ausfischen, den Berghang absuchen und alles mitnehmen, was ihm zur

Beute wird, bis auf den letzten Rest.

Was ist der Grund für solche Vernachlässigung und Zurücksetzung der

genannten Geschöpfe gegenüber dem weitgehenden Schutz, den namentlich

die Vogelwelt allenthalben genießt?

Die Antwort ist nicht schwer. Der leichtbeschwingte, sangesfreudige

Vogel ist der Liebling nicht etwa nur einzelner Naturfreunde, sondern

aller Kreise unseres Volkes, und wo die Vogelwelt vielleicht doch

noch nicht ganz die Teilnahme gefunden hat, die sie verdient, da ist

es uns Naturfreunden leicht, für sie einzutreten und um Schutz und

Pflege zu werben. Dabei wird man wohl zuerst den großen Nutzen, den so

viele Vögel für den Land- und Forstwirt, den Gärtner und Obstzüchter

besitzen, ins rechte Licht stellen; denn in der Natur des Menschen

ist's nun einmal begründet, daß er in oft recht engherziger Weise

zunächst nach seinem eignen Vorteil fragt. Dann aber wird man auch

an den freien, fröhlichen Flug erinnern, an die holdselige Stimme so

vieler Vögel, an ihr Familienleben, sowohl an das innige Verhältnis der

Gatten zueinander, wie an die aufopfernde Liebe der Eltern zu ihren

Kleinen, ja selbst zu fremden verwaisten Vogelkindern. In all diesen

Wesenszügen wird der Vogel kaum von einer andern Tierklasse erreicht,

von keiner übertroffen. Und so sind die Vögel, die Lieblinge der

Schöpfung, auch die Lieblinge des Menschen geworden. Sie stehen unserm

Herzen, unserm ganzen Gefühlsleben näher als alle andern Geschöpfe,

wenigstens wenn wir von den Haustieren absehen.

Wie anders dagegen Eidechsen, Frösche, Molche oder gar Kröten und

Schlangen! Ihr bloßer Anblick flößt, wenn auch ungerechtfertigterweise,

vielen Menschen _Ekel und Abscheu_ ein. Die schwerfälligen Bewegungen

der Kröten und Erdsalamander, die gewiß, ich gebe es zu, der Anmut

entbehren, sind manchen geradezu widerlich; aber auch der hastige Lauf

der zierlichen Eidechsen, wenn sie über das kurzrasige Gras oder den

steinigen Weg hurtig wie die Mäuse dahinhuschen, flößt schreckhaften

Menschen Angst ein; das lautlose Hingleiten der Schlangen ist vielen

unheimlich, und selbst der hüpfende Frosch ruft in schwachbesaiteten

Gemütern Entsetzen hervor. Fast auf jede Weise bewegen sich die

Kaltblüter fort: sie kriechen und hüpfen, sie schwimmen und rennen;

aber immer finden die Menschen etwas daran auszusetzen. Selbst wenn die

Kröten und Echsen fliegen könnten, ich glaube, es würde auch keinem

recht sein.

Es gibt Menschen, denen sind Spinnen und Würmer ebenso schreckliche

Wesen, und ich kenne Damen, die laut aufkreischen, wenn ihnen 'mal ein

summender Maikäfer oder ein Mistkäfer in die Nähe kommt oder gar eine

Fledermaus ihnen um die wuschligen Haare flattert, die echten oder die

falschen -- entsetzlicher Gedanke! Aber es scheint mir, die Abneigung

gegen die Kriechtiere und Lurche ist doch noch viel allgemeiner

verbreitet; es findet sich so selten 'mal einer, der diesen verachteten

und verfolgten Tieren freundlich gesinnt ist. Und selbst wenn man mit

verständigen Gründen solche Vorurteile zu widerlegen sucht und gütlich

zuredet, sich doch den Salamander, die Blindschleiche, den Frosch

genauer zu betrachten, die Tiere wohl auch 'mal in die Hand zu nehmen,

so begegnet man bei fast allen dem hartnäckigsten Widerwillen. »So kalt

und so naß!« heißt's beim Frosch, bei der Schlange: »so glatt!« und bei

der Kröte: »so ekelhaft und giftig ihr Schleim; ich werde mich hüten.«

Doch nicht bloß ihre äußere Erscheinung, auch die _Lebensweise_ der

Kriechtiere und Lurche ist vielen höchst unangenehm. An dunkeln Orten,

in feuchten Löchern hausen sie, in Morästen und Sümpfen; sie scheuen

vielfach das Licht des Tages, wie Kröten und Unken, die erst gegen

Abend recht lebendig werden: kurz, es sind unheimliche Geschöpfe. Kein

Wunder daher, daß sich der _Aberglaube_ ihrer bemächtigt hat, mehr

als irgend einer andern Tierklasse. Die meisten Menschen wissen nicht

viel von unsern Kaltblütern zu sagen; wenn sie aber etwas von ihnen

berichten, dann sind's gewöhnlich erlogene, abergläubische Märchen; auf

jeden Fall aber ist's etwas Böses.

Gern räume ich ein, daß es auch gescheite Leute gibt -- meine Leser

rechne ich alle dazu, auch bin ich so glücklich, persönlich solche zu

kennen -- die nichts wissen wollen vom bösen Blick der Schlangen, vom

Unglück verkündenden Unkenruf, und was derartige Märchen mehr sind;

aber diese abergläubischen Vorstellungen, teils Jahrtausende alt,

liegen gewissermaßen in der Luft; sie umgeben die Tiere, von denen

wir sprechen, wie ein übler Dunstkreis und tragen wesentlich zu dem

Abscheu bei, den die große Menge beim Anblick unsrer Kriechtiere und

Lurche empfindet.

»Geh mir mit solch giftigem Gewürm ein für allemal aus dem Wege!«

wie oft habe ich's hören müssen, wenn ich als Junge seelenvergnügt

eine Ringelnatter in der Hand hielt oder in der Einmachbüchse, die

ich der Mutter entwendet hatte, später in meiner »zoologischen

Botanisiertrommel« Eidechsen oder ein paar buntfleckige Molche mit

heimbrachte! Und wie oft sehe ich's heute noch: am Wiesenweg eine

Natter, die man in roher Weise gesteinigt hat, am Waldesrand eine mit

Rutenschlägen getötete Blindschleiche, an der Parkmauer eine halbtote

Kröte; erst wenn die Sonne untergeht, kann sie sterben, behauptet der

Volksglaube.

Der _Haß_ gegen diese Tiere und ihre Verwandten ist ganz allgemein;

jeder glaubt ein Recht zu haben, sie zu vernichten, ja er schwatzt

sich's vor, es sei seine Pflicht, und mancher dumme Junge fühlt sich

als ein Held, als ein Ritter Georg, weil er eine unschuldige Natter

oder Blindschleiche erschlagen hat. Immer nur Ausnahmen, wenn sich 'mal

jemand dieser hart verfolgten Tiere erbarmt, und wer für sie eintritt,

findet kaum je Gehör, ja mit Spott und Hohn antwortet man ihm.

Aber gilt es nicht auch von diesen Kleinen und Schwachen, den

Verachteten und Verfolgten, daß sie _Kinder der Natur_ sind, unsrer

gemeinsamen Mutter, der wir Verehrung und Liebe zollen sollen? Gehören

sie nicht auch mit zu denen, die der große Dichter »meine Brüder im

stillen Busch und im Wasser« nennt? Ihr Leben mutwillig zu vernichten,

dazu haben wir kein Recht. Hat sich die Schöpfung etwa nur deshalb

mit Pflanzen und Tieren geschmückt, »ein jegliches nach seiner Art«,

daß wir uns an ihnen vergreifen sollen, sei es aus Roheit, sei es

aus törichter Selbstüberschätzung? Heißt das nicht zerstören und

verstümmeln, was uns erheben, erquicken, erbauen und erziehen soll!

Naturschänder sind es, die anders denken und handeln, und Naturschänder

sind mir immer als die erbärmlichsten Menschen erschienen. Die Natur,

die uns der Inbegriff alles Schönen sein soll, muß uns auch ein

_Heiligtum_ sein, in noch höherem Grade unverletzlich und unantastbar

als das größte Kunstwerk. Dieses hat Menschengeist ersonnen und

Menschenhand gebildet; die Natur aber trägt den Stempel der Gottheit.

Wer an der Natur frevelt, vergeht sich aber nicht nur an dieser,

sondern zugleich an seinen Nebenmenschen, deren natürlichste und

deshalb heiligste Rechte er mißachtet und beeinträchtigt. Denkt denn

der Frevler, der eine Blindschleiche, eine unschuldige Schlange

niederschlägt, nicht daran, daß noch andere des Weges kommen, denen der

Anblick eines solchen Tieres Freude bereitet, die den schlängelnden

Bewegungen der Natter mit Vergnügen zuschauen, ebenso dem flinken Lauf

der zierlichen Eidechsen, wenn deren Gewand im Sonnenstrahl funkelt und

gleißt, als sei es mit hundert Smaragden geschmückt, die auch gern 'mal

solch Tierchen in die Hand nehmen, um es noch genauer zu betrachten:

das allerliebste Schuppenkleid, die wie Perlen blitzenden Äuglein,

die tastende Zunge. Nun sieht man das Tier, das noch vor kurzem sich

seines Lebens freute und so manchen Naturfreund erfreut hätte, kläglich

erschlagen am Boden. Der Frevler hat mit roher Hand allem ein Ende

bereitet: dem unschuldigen Tierchen und der unschuldigen Freude. Hat

nicht jeder, auch der Ärmste ein Anrecht an die Natur?

Von mancher Seite hat man der _Terrarien- und Aquarienliebhaberei_ den

Vorwurf gemacht, daß sie wesentlich zur Verödung der Natur beitrage.

In der Tat hat diese Liebhaberei während der letzten Jahre vor dem

Weltkriege in weiten Kreisen unsrer Bevölkerung bei jung und alt

Eingang gefunden, zum Teil auf Kosten der Stubenvogelpflege, während

in meiner Jugendzeit meist nur wir Kinder solch innigen Verkehr mit

unsern heimischen Kaltblütern pflegten. Das wachsende Interesse an den

genannten Geschöpfen kann ich nur mit Freude begrüßen. Wer Gelegenheit

hat, diese Tiere näher kennen zu lernen, wird sie auch lieben lernen.

Was man aber liebt, das sucht man zu erhalten und zu schützen. Und

so liegt es mir ganz fern, den Freund und Pfleger von Schlangen,

Eidechsen, Molchen u. dgl. tadeln zu wollen, wenn er im Frühjahr

auszieht, um seinem Terrarium oder Aquarium daheim, an dem er seine

Freude hat, Ersatz zu schaffen für das, was ihm der Winter geraubt hat.

Der verständige Freund der Natur wird durch Schutz und Pflege seiner

Lieblinge draußen in Wald und Flur, in Sumpf und Teich der Heimat

reichlich vergelten, was er ihr raubt. Das gilt vom Terrarien- und

Aquarienliebhaber genau so wie vom Freund und Pfleger der heimatlichen

Stubenvögel.

Aber den Umstand beklage ich tief, daß nun _Fänger von Profession_

diese an sich erfreuliche Liebhaberei zu einem Geschäft ausnutzen,

indem sie im Frühling Tag für Tag mit ihren Fanggeräten zu erbeuten

suchen, so viel sie nur können, Massenfang treiben der übelsten Art.

Der _Händler_ nimmt alles, je mehr, desto besser; er hat für alles

Verwendung. Was bei unsachgemäßer Pflege krepiert, kommt in Spiritus

und findet auch dann seine Abnehmer. Und so wimmelt es zu manchen

Zeiten in den zur Schau gestellten Glaskästen der sog. »Zoologischen

Handlungen« der Großstädte von zierlichen Eidechsen, von Nattern

und Blindschleichen, von Erdsalamandern, von Tritonen und Molchen.

Wirkliche _Raubzüge_ werden gegen die heimatliche Natur unternommen.

Nicht die Tierpflege an sich verurteile ich, sondern den Massenfang,

wie er zumeist von arbeitsscheuen, recht zweifelhaften Personen Jahr

für Jahr des Geldgewinns wegen betrieben wird. Ihnen sollte wie

den Vogelstellern durch gesetzliche Bestimmungen das lichtscheue

Handwerk gründlich gelegt werden. Freilebende Tiere zur Massenware zu

erniedrigen, ist ein Unrecht.

Was nun aber fast ebenso schlimm, jeder kann diese lebende Ware für

verhältnismäßig wenig Geld beim Händler erstehen. Da mag so mancher,

der die Tiere im Schaufenster sieht, denken, solch ein Behältnis mit

Schlangen und Eidechsen, solch Wassergefäß mit Molchen könntest du dir

in deinem Zimmer auch einrichten, und er setzt nun die Ringelnatter,

den Laubfrosch, den Erdsalamander den ganzen Tag der Sonnenbestrahlung

aus, bringt die Tritonen in ein gefülltes Wasserglas, wo sie kein

Plätzchen zum Ausruhen finden, und um die Nahrung der Tiere kümmert

er sich auch nur wenig. Die ist schwer zu beschaffen; wen der Hunger

plagt, so denkt er, wird nicht wählerisch sein. Unter solchen Umständen

gehen die armen Geschöpfe natürlich sehr bald zugrunde. Dann ist die

ganze Herrlichkeit aus, und am Ende freut sich der Besitzer, der von

Tierpflege keine Ahnung hat, daß er die Sache wieder los ist. Der

Händler aber hat für die ganz zwecklos geopferten Tiere schon längst

wieder Ersatz.

Das sind natürlich Auswüchse der Tierliebhaberei, Nebenerscheinungen,

die aber vom Standpunkte des Naturschutzes aus sehr zu beklagen sind.

Freilich den meisten Menschen wird's gleichgültig sein, handelt es sich

dabei doch bloß um Eidechsen, Molche und ähnliches Getier, und solch

»Ungeziefer« hat keinen wirtschaftlichen Wert, wie ihn z. B. der Vogel

besitzt, ist auch für den Haushalt der Natur ganz gleichgültig.

Dieser allgemein verbreiteten Ansicht kann nicht scharf genug

widersprochen werden. Gewiß, unserm Fühlen, unserm ganzen Innern

steht der Vogel viel näher als Blindschleiche oder Unke; aber was den

wirtschaftlichen Nutzen der Vogelwelt betrifft, da sind doch nicht

wenige unsrer gefiederten Freunde, die manchen Schaden und Ärger

anrichten und die das Gesetz doch in seinen Schutz nimmt, und zwar mit

größtem Recht; denn der Geldbeutel allein darf nicht den Ausschlag

geben.

Wie steht es aber in dieser Beziehung mit den Kriechtieren und

Lurchen? Ich muß diese leidige Frage nach _Nutzen und Schaden_, so

sehr es meinem Gefühl zuwider ist, hier in den Vordergrund stellen,

weil man bei unsern Tieren so gar nichts anerkennen will, was ihnen

Daseinsberechtigung geben könnte. Das Quaken der Frösche ist den

Anwohnern des Teiches verhaßt, die Schlangen sind allen greulich,

heimtückisch, gefährlich, widerlich die ganze Gesellschaft. Ich sprach

mit einer jungen Dame über unsre heimische Tierwelt und wie so viele

schuldlos verfolgte Geschöpfe dringend unseres Schutzes bedürfen.

»Sie wollen sich doch nicht etwa auch noch der giftigen Schlangen

und Salamander, der Eidechsen und Molche annehmen?« fiel sie mir ins

Wort. »Sagen Sie 'mal, Herr Professor, wozu sind denn eigentlich die

entsetzlichen, scheußlichen Kröten auf dieser Welt?« »Wozu, mein

verehrtes Fräulein,« entgegnete ich, »sind denn eigentlich Sie da?

Sie haben Ihren Beruf zu erfüllen im Haus, in der Familie, in der

menschlichen Gesellschaft, genau wie jedes andere Geschöpf in seinem

Kreise, und wenn Sie Ihrer Aufgabe in allen Stücken so treu und

gewissenhaft nachkommen wie die Kröten, die Ihnen so zuwider sind, dann

alle Hochachtung vor Ihnen! Übrigens haben Sie sich eine Kröte gewiß

noch nicht genau angesehen; sonst müßten Sie wenigstens etwas Schönes

an ihr finden, und das sind -- erschrecken Sie nicht! -- ihre Augen.«

In mildem Goldglanz schauen die Krötenaugen uns so treuherzig und

innig an, als wollten die Tiere sagen: Tu uns nichts zuleide! Es

liegt etwas unaussprechlich Wehmütiges in diesem milden Blick, etwas

von der stillen Poesie des Weihers mit seinen Nixen und Elfen, die

sich nach dem Reiche der Menschen sehnen, etwas von märchenhaftem

Waldeszauber, etwas Ahnungsvolles und Unwirkliches. Man denkt an den

verwunschenen Prinzen, an die Kröte mit dem goldnen Krönchen, von

denen die Großmutter uns Kindern so oft erzählte. Krötenaugen blicken

ebenso sanft und träumerisch, so innig und seelenvoll wie die schönen

Augen meines Rotkehlchens oder draußen am Waldbach die großen braunen

Augensterne der Wasseramsel, und ich kann's nicht verstehen, daß

Krötenaugen geradezu zum Sinnbilde der Häßlichkeit geworden sind. Wenn

man eine Dame anschwärmen würde: »Sie einzig Verehrte, mit Ihren

Krötenaugen!« so würde das, so ehrlich es der Freund und Kenner jener

Tiere vielleicht auch meint, als eine Beleidigung gelten. Nun, eine

Beleidigung, ich gebe es zu, mag es in manchen Fällen auch tatsächlich

sein, wo man solchen Vergleich zieht, aber niemals eine Beleidigung für

das weibliche Wesen.

Doch zurück zur Frage nach _Nutzen_ und _Schaden_. Raubtiere sind sie

alle, die Reptilien so gut wie die Lurche, nur daß letztere in ihrem

Jugendzustande, z. B. als Kaulquappen, an verwesenden Pflanzenstoffen

herumnagen. Außer Daphnien, Cyklopiden und andern Krebstierchen werden

von allen _Lurchen_ die verschiedenen Mückenarten, Würmer, Schnecken,

Larven und Puppen von Wasserinsekten, daneben die Jugendformen der

eignen Verwandtschaft verzehrt. Der gewalttätigste Lurch ist unser

_Wasserfrosch_, der Musikant. Insekten und Insektenlarven aller Art,

Spinnen, Schnecken, Würmer, Kaulquappen, Fischbrut, selbst kleine

Fischchen, aber auch junge Blindschleichen, Wassermolche: alles

würgt er hinunter. Der zierliche _Laubfrosch_ hat es auf Fliegen,

Kleinschmetterlinge, glatte Räupchen und auf allerlei Würmer abgesehen.

Die _Kröten_ und _Unken_ leben gleichfalls von Insekten, Asseln,

Spinnen, Tausendfüßern, Nacktschnecken und Würmern.

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 13 / 15 段