Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel sei, haben offenbar

auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen

u. a.; ihnen allen ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle.

Zeigt sich einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast

zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen

Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem sie den Ruhestörer mit

lautem Geschrei verfolgen. Oder sollten sie es wissen, daß ihnen

das Kuckucksweibchen sein Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun

mit allen Mitteln versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? Ich

glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht und Aufregung unter

den Kleinvögeln wird natürlich auch der menschliche Beobachter leicht

irregeführt.

Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im Herbst in hohle Bäume,

besonders gern in Weidenstämme, auch unter Steine und in die Erde. Hier

liege er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam in

einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, wie es beim alten _Geßner_

heißt, dem Plinius am Ausgange des Mittelalters.

Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen Vögeln, von denen

wir heute wissen, daß sie Zugvögel sind, einen _Winterschlaf_ hier in

ihrer Heimat andichtete. Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere,

Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß

nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen diese irrige Annahme bestärkt

haben. Rotschwänzchen, Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a.

verkriechen sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, unter

Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer und verbringen hier die

rauhe Jahreszeit im Halbschlaf oder in festem Winterschlaf, wobei sie

-- namentlich die Wachteln -- von ihrem Fett zehren, wie Dachs oder Bär.

Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen über das

Winterquartier von _Schwalbe_ und _Storch_. Diese Vögel sollten auf dem

Grund von Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern.

Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden Geschöpfe und erquicken

im Schlaf, der dem Tode gleicht, die ermatteten Glieder. Noch vor

wenig mehr als anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht

in _Kleins_ »Historie der Vögel«, Danzig 1760, auf das bestimmteste

gegen alle Einwände verteidigt, so daß man sich nicht wundern darf,

wenn weit über zweihundert Jahre früher _Luther_ in seiner Erklärung

zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den Schwalben ist aus der

Erfahrung bekannt, daß sie nämlich den Winter hindurch in dem Wasser

für tot liegen und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein großer

Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers Zeitgenosse, der alte

_Geßner_, führt in seinem »Vogelbuch« diesen Gedanken aus; er sagt ...

»welches ich für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung der

auferstentnuß vnserer cörpeln.«

An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand mehr fest; aber daß

unsre Schwalben, wenigstens ein großer Teil von ihnen, in hohlen

Bäumen, unter dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in

ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf halten, dieses

Märlein spukt noch immer in unserm Volke und in den Zeitungen fort und

ist trotz aller Aufklärung seitens der Wissenschaft, wie es scheint,

nicht aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar Jahre

vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube nicht immer wieder durch

einzelne »einwandfreie« Beobachtungen neue Nahrung erhielte. Und das

erklärt sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame

Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, das Fachwerk der Häuser,

auch einmal eine weite Baumhöhle. Sind die Tierchen, die vielleicht

wegen verspäteter Brut den Anschluß an die große Masse der Wanderer

versäumt haben, infolge Nahrungsmangels halb verhungert, so kann es

geschehen, daß sie in kalter Herbstnacht dutzendweise dahinsterben,

und wer sie findet, meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum

Winterschlaf niedergelassen. Auch _Lenz_ ist überzeugt, daß diese Vögel

in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, einen Winterschlaf halten.

Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, wie wohl mancher

denken mag. In den letzten Jahrzehnten haben wir es mehrmals erlebt,

daß Schwalben in den naßkalten Herbsttagen -- sehr verhängnisvoll

waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 -- nicht nur einzeln,

sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. Selbst unter dürres Laub,

unter Grasbüschel und dergleichen hatten sich ermattete Rauchschwalben

versteckt, gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch zwischen

dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« von Schwalben aus dem

Wasser gezogen haben will, erscheint unter solchen Umständen durchaus

nicht so unmöglich, sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder

Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich oder See

herauszieht, nun sofort als Winterschläfer ausposaunt wird, wie es

ehemals oft geschehen ist, so gibt es für solche Leichtgläubigkeit und

Urteilslosigkeit keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im

Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des Schützen, der auf Enten

oder andere Wasservögel jagt, nur zu leicht dadurch entgeht, daß er

zwischen das Schilf flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste

Hund findet nicht jede einzelne Beute.

Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben gar nichts zu

tun hat -- nur das ewige Leben teilt es mit ihm -- sei hier erwähnt.

Dem _Sperling_, der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so

heißt es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten Schwälbchen

kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« das ihnen der

Eindringling zuruft, und mauerten den Spatz aus Rache einfach ein, daß

er elend umkommen müsse.

Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die rechtmäßigen

Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach dem frechen Sperling;

doch der weicht nicht von der Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben

dann die Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der Spatz

hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, sobald noch ein Vogel

vorüberfliegt. Wie sollten sich die ängstlich umherflatternden

Schwalben auch soviel Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar

vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des Nestes zumauerten,

und -- nun kommt die Hauptsache -- so dumm ist unser Spatz, »der

Allerweltsvogel, der pfiffige Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig

nicht, daß er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst

sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und weiß sich zu

wehren.

Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen Mann verbreitete

Glaube, das Nest des grünen _Erlenzeisigs_, der so gern als Stubenvogel

gehalten wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar einmal Lügen

strafen, als ich behauptete, den Zeisig beim Füttern seiner Nestjungen

beobachtet zu haben, und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst

ein Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein solches vom

Stieglitz oder vom Hänfling erklärt.

Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört zu den Vogelnestern,

die recht schwer aufzufinden sind. Meist steht es hoch oben in den

Fichten oder Tannen, von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß

es von unten und von den Seiten her in der Regel nicht gesehen werden

kann, und wenn man in diesem Sinne von einer »Unsichtbarkeit« des

Zeisignestes sprechen will, laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum

erklettert, findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle,

wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, gemerkt hat.

Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken Ende eines Astes, daß es

höchstens von einem waghalsigen Jungen erreicht werden kann.

Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig überhaupt brüte und

sich nicht etwa auf eine »unnatürliche Art« fortpflanze, so müsse das

während des Winters, wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden

Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe noch kein Mensch ein

einwandfreies Zeisignest gefunden. Nun, ich kann nur feststellen, daß

in den Nadelwäldern unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im

Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft im Frühjahr

ganz ebenso betreiben, wie andere Finkenvögel auch. Und wenn man weiter

fabelt, das Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit

erst verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich ab, so

daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche Nest sehen könne,

so trägt solch Gerede auch nicht dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu

machen.

Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, Schwalbe,

Rotschwänzchen, um die man einen ganzen Kranz abergläubischer

Vorstellungen gewunden hat. Zwar an den Storch als Kinderbringer, den

»_Adebar_«, der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett hüten muß,

glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen Mädel nicht mehr

recht und die Buben gleich gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus

eine nahe _Hochzeit_ oder _Kindersegen_ bedeuten, daran hält man in

unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer ein paar besetzte Horste

gibt, ebenso fest, wie in andern Gauen des niederdeutschen Flachlandes,

die sich zahlreicherer Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest,

soviel Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen -- natürlich

nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in Adebars Kinderstube werden

gewöhnlich vier, bisweilen auch fünf Stück zur Welt gebracht.

Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem Hause brütendes

Storchenpaar jede _Feuersgefahr_ abwende; namentlich wird der

Blitzschlag ein solches Gehöft nie einäschern. Ich kenne einen Fall in

der Lausitz, wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche

gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der Glaube, daß das

Feuer dem Vogel und seinem Horst nichts antun könne, zur Gewißheit;

noch die Urenkel werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der

Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. Ich

werde der letzte sein, der es versucht, dem Lausitzer Bauer seinen

Glauben auszureden; denn der liebe Mitbewohner des Hauses erscheint

ihm ja wegen des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so

wertvoller.

Fast ein _heiliges_ Tier ist unser Hausstorch wie bei den Ägyptern der

Ibis oder in Indien der Geier. Wehe wer einen Storch tötet oder ihm

ein Junges raubt -- Krankheit und Armut werden des Mörders Los. Ja,

der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des gefiederten

Hausfreundes ist unserm Volke so in Fleisch und Blut übergegangen,

daß selbst Forstbeamte -- es sei ihnen zur Ehre angerechnet -- davon

abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon überzeugt sind,

daß in ihrem Revier der langbeinige Vogel manchen Schaden anrichtet,

indem er in den Feldern weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen

Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. Aber der

Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut daran tut, ein Auge zuzudrücken.

Die ganze Gemeinde würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der

Storch, ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum Opfer

gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer Heimat; doch steht

er zum Glück vereinzelt da.

Wie der Storch, so sind es unsre beiden Schwalbenarten, die _Rauch-_

und die _Mehlschwalbe_, die nicht nur in unsrer Heimat, sondern in ganz

Deutschland und weit über die deutschen Grenzen hinaus als günstige

Vorzeichen gelten. Fliegen die Schwalben über einem Hause häufig hin

und her, auch wenn sie dort nicht ihre Nester gebaut haben, so wird ein

Mädchen in diesem Hause bald Braut. Glück und Segen winkt dem kommenden

Ehestand, wenn das erste, was die Brautleute beim Austritt aus der

Kirche erblicken, ein zwitscherndes Schwalbenpärchen ist. Vom Himmel

gesandt sind diese Vögel; »Himmelsvögelchen« nennt sie der Volksmund.

Wie dürfte jemand solch liebem Tierchen ein Leid zufügen! Wer ein

Schwalbennest zerstört, sagt der Volksmund, zerstört sein eignes Glück,

und gar eine Schwalbe zu töten ist eine schwere Sünde, die gen Himmel

schreit; der Frevler wird furchtbar bestraft mit Krankheit oder mit

schnellem Tod. Dieser fromme Aberglaube ist bei unsern Landleuten auch

heute noch so lebendig, daß sie die Belästigung seitens der Schwalben

durch Schmutz und Kot gern mit in Kauf nehmen. Selbst an heiliger

Stätte duldet man die Vögel und läßt sie ruhig ihre Nester bauen;

für jeden Kirchgänger ist's ja doch nur ein fröhlicher, trauter,

anheimelnder Anblick, wenn die heiligen Vögel durch das Heiligtum des

Herrn über der Gemeinde hin und her fliegen und ihre zwitschernden

Jungen ätzen. Auch der Araber sagt: »Die Schwalbe preist Gott und

beschmutzt die Moscheen.«

Der Aberglaube ist der wirksamste Geleits- und Schutzbrief für unsre

Schwalben, mehr wert als jedes Gesetz. Und wer für seine Person auch

nicht solchem Aberglauben zustimmt, den Anschauungen seiner Väter und

Urväter gegenüber sollte er doch so viel Ehrfurcht haben, daß er sie

als heilige Überlieferung aus längst vergangenen Tagen beachtet und sie

weiter an seine Kinder und Enkel vermittelt. Auch von andern Tieren

läßt sich eine ganze Reihe anführen, der Storch, der Marienkäfer, die

Kreuzspinne u. a., für die alle der Aberglaube gewissermaßen die Krippe

ist, die sie nährt, und der Schutzwall, der sie und ihr Haus sichert.

Der Aberglaube hat eben auch seine guten Seiten.

Schwalben erfreuen sich auch als _Wettervögel_ eines besonderen

Rufes. Wenn sie am Morgen hoch in den Lüften segeln, so sagt man

allgemein, wird der Tag schön, und sollten schon Gewitterwolken den

Himmel bedecken, das Unwetter zieht seitwärts. Wenn die Schwalben

aber unruhig unmittelbar über dem Boden oder an den Hauswänden dicht

vorüberflattern, so bedeutet dies Regen »nach aller Vernünftigen

Urteil«. Daß sich trotzdem einzelne der wetterkundigen Hausgenossen

bisweilen verrechnen können, ersieht man aus dem bekannten Sprichwort:

»Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.«

In der _Volksmeteorologie_ spielen gerade die Vögel eine hervorragende

Rolle; sie werden sehr häufig befragt. Für Schwankungen im

Feuchtigkeitsgehalt, im Druck der Atmosphäre, sowie für Änderungen

der Luftelektrizität haben sie, die leichtbeschwingten Bewohner des

Luftmeers, gewiß eine viel feinere Empfindung als wir Menschen. Wer

aber die Meinung vertritt, daß man aus dem Verhalten gewisser Vögel die

Witterung auf Wochen oder Monate vorausbestimmen könne, daß die Vögel

ein »Vorgefühl« für künftige Witterungsverhältnisse besäßen, noch ehe

irgendwelche Veränderungen in der Atmosphäre eingetreten seien, der

stellt Behauptungen auf, die jeder Begründung entbehren und die --

wenigstens teilweise -- mit unter den Begriff des Aberglaubens gehören.

Hätten die Zugvögel ein sicheres Vorgefühl für die kommende Witterung,

so würde es ihnen nicht einfallen, so oft in ihr Unglück zu fliegen,

wie Stare, Lerchen und Schwalben, die häufig unter einem strengen

Nachwinter leiden müssen, und wenn sie den regenreichen Sommer geahnt

hätten, so würden manche Schafstelzen, Goldammern, Wachtelkönige u. a.

ihre Nester doch ein Stückchen mehr vom Wasser abgerückt haben, um der

Hochflut nicht zum Opfer zu fallen. _Wetterregeln_, aus Beobachtungen

an unserer Vogelwelt abgeleitet, gibt es unzählige. Bestätigen sie

sich, so spricht man davon; treffen sie nicht zu, so vergißt man's. Wie

beim Lotteriespiel ist's: der _eine_ Gewinn läßt die Unmasse der Nieten

verschmerzen; sie sind bald aus dem Gedächtnis verschwunden.

Nur einige solcher Regeln will ich anführen. Der Landbewohner

schwört auf sie auch heute noch im Zeitalter des Barometers und der

Wetterwarten mit ihren täglichen Prognosen. Er will weiter in die

Zukunft blicken als nur 24 oder 36 Stunden.

Klappert der Storch fleißig im März, so gibt es einen schönen Frühling

und einen warmen Sommer. Wenn die Stare zeitig im April brüten, so ist

ein »Wonnemond« zu erwarten, der diesen Namen auch wirklich verdient.

So lange die Lerche vor Lichtmessen (2. Februar) singt, so lange

schweigt sie, des Nachwinters wegen, nach Lichtmessen still. Auf tiefen

Schnee mag man sich vorbereiten, sobald die Saatgänse ziehen oder

Bergfinken und andere Wintergäste einfallen. Spätbrütende Rebhühner

prophezeien einen späten Winter.

Aus dem Ruf mancher Vögel schließt der Bauer auf Regen. Wenn die

Elster viel gackert, der Pirol unausgesetzt flötet, der Wiedehopf

so eigentümlich klagt, der Wendehals schreit und der Regenpfeifer

seine Stimme hören läßt, dann soll man eilen, das ausgebreitete Heu

zusammenzuraffen, denn der Regen ist im Anzuge. Andere wieder halten

den schmucken Buchfink für den besten Wetterpropheten; wenn er seinen

bekannten schrillen »Rulschton« hören läßt: »jörk, jörk«, dann dauert's

nicht mehr lange, und es regnet in Strömen. »Gut-Wetter-Bot« ist

dagegen die Bachstelze, das »Ackermännchen«, wenn es dem Bauer hinter

dem Pfluge folgt, und die Lerche, wenn sie sich fröhlich trillernd in

die Lüfte erhebt, nicht aber zwischen den Ackerfurchen sitzend eintönig

ruft.

Der Hahn auf dem Hof ist schon seit alters ein guter Wetterprophet.

Wenn er in den Nachtstunden kräht oder sonst auch nur heftig mit

den Flügeln schlägt, so kommt Regen und Sturm; kräht er aber am

Morgen anhaltend, so folgt ein schöner Tag. Das wußte schon _Älian_,

und noch heute heißt's bei unsern Bauern genau so. Aber gleich den

wissenschaftlichen Meteorologen ist auch der Hahn nicht gegen jeden

Irrtum gefeit, und so hat man, damit er trotzdem in allen Fällen recht

behalte, den schönen Reim ersonnen:

»Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,

Ändert sich's Wetter oder -- 's bleibt, wie's ist.«

Sobald es zu regnen beginnt, soll man auch die Hühner beobachten.

Treten sie sogleich unter Dach oder suchen sie den Stall auf, so wird

der Regen bald vorübergehen; laufen sie aber anfangs nur unschlüssig

hin und her und lassen sie sich endlich durch die Nässe kaum noch

stören, so hält der Regen wenigstens einen vollen Tag an. Auch wenn

sich Hühner und Tauben im Sande baden, bedeutet es Niederschläge.

Man könnte ein ganzes Buch füllen, soviele Wetterregeln leitet der

Bewohner des Landes aus dem Verhalten der Tiere, ganz besonders aus dem

der Vögel ab. Der Ackersmann, der Schäfer, die Bäuerin, die daheim das

Regiment führt, der Jäger, der Fischer, der Gärtner, der Waldarbeiter,

der Seemann, kurz jeder, dessen Arbeit und Erwerb von der Witterung

unmittelbar abhängig ist, hat seine Erfahrungen gesammelt. Außer den

bereits genannten Vögeln wären noch Kranich und Fischreiher, der große

Brachvogel -- er wird geradezu »Gewittervogel« genannt -- Misteldrossel

und Ziemer, die verschiedenen Krähenarten, Dohle, Wachtel, Bekassine,

Turtel- und Hohltaube, Schwarz- und Grünspecht, Wald- und Steinkauz,

Sturmschwalbe, Möwe, Eisvogel, Sperling, Gans, Ente, Schwan,

Perlhuhn, Pfau u. v. a. zu erwähnen, die alle mehr oder weniger gute

Wetterpropheten sind.

Diese volkstümlichen Voraussagen schlechtweg unsinnig zu nennen, wäre

töricht; aber wo die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen

Einbildung und wirklicher Erfahrung liegt, ist nicht festzustellen,

handelt es sich doch wohl niemals um genaue Beobachtungen, die längere

Zeit fortgesetzt worden wären.

Nur eine Prophezeiung will ich noch herausgreifen, die alle an

Kühnheit der Logik übertrumpft. Sie weckt mir liebe Erinnerungen

aus der Kinderzeit, indem sie meinem geistigen Auge, Geruchs- und

Geschmacksorgan den verheißungsvollen Anblick, den lieblichen Duft und

den köstlichen Genuß der gebratenen Gans daheim im Elternhaus wieder

vorzaubert. Der liebe Martinsvogel stellte sich am 11. November,

meinem Namenstage, stets ein. Sieht an diesem Tage das Brustbein

des festlichen Bratens braun aus, so folgt ein frostreicher, aber

schneefreier Winter; hat es dagegen eine weiße Färbung, so gibt's

Schnee in Menge.

Ungemein groß ist die Rolle, welche die Tiere in der _Volksmedizin_

früherer Zeiten, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, gespielt haben.

Man braucht nur die alten Medizinaltaxen oder Apothekerordnungen jener

Zeit durchzusehen, und man wird über die Menge allein der einfachen

Arzneimittel, der sogenannten »Simplicia« erstaunt sein, die dem

Tierreich entnommen wurden.

Dresden schlug mit der Reichhaltigkeit seiner Hofapotheke jeden

Mitbewerber auf diesem Gebiete aus dem Felde. Die sächsische Residenz

galt von jeher als eine vornehme Stadt; war es nicht vornehm, daß sie

auch viele und seltene Krankheiten in ihren Mauern beherbergte und

die Hofapotheke für eine jede ein unfehlbares Heilmittel besaß? Die

Apothekertaxe vom Jahre 1652 zählt nicht weniger als 190 Stücke aus dem

Tierreich auf, darunter Augen, Gehirn, Fett, Galle, Magen, Federn,

Mist der verschiedensten Vögel. Mit dieser Herrlichkeit ist's heute

vorbei. Aber das Volk hat sich doch noch so manches erhalten; denn die

Völker haben ein gutes Gedächtnis und bewahren, ganz wie die einzelnen

Menschen, Eindrücke aus früher Kindheit gar getreu bis ins Alter.

Noch heute glaubt man ganz allgemein, nicht nur in unserm Erzgebirge

oder im Thüringer Wald, sondern z. B. auch im Salzkammergut, daß

der _Kreuzschnabel_, den die Gebirgsbewohner so gern im engen

Drahtbauerchen halten, Gicht, Rheumatismus und alle »Flüsse« anziehe.

Auch das Wasser, in dem sich der Kreuzschnabel gebadet hat, sei gut

gegen die Gicht wie gegen Krämpfe. Nicht selten stirbt ja gerade dieser

Vogel unter krampfartigen Erscheinungen schon nach kurzer Zeit der

Gefangenschaft, und oft bezeugen es knollige Anschwellungen an seinen

Füßen ganz deutlich, daß die Gichtknoten seines Pflegers auf ihn

übergegangen sind.

Wer Kügelgens »Jugenderinnerungen eines alten Mannes« gelesen hat,

der wird sich mit Vergnügen des originellen Landgeistlichen Roller,

Pfarrherrn zu Lausa, erinnern, der alljährlich an die hundert _Elstern_

im Backofen verkohlte und das so gewonnene schwarze Pulver als Medizin

weithin versandte, sogar nach dem Harz und nach Schlesien, nach

Hamburg, Königsberg und Wien. Ein fechtender Handwerksbursche hatte

dem Pfarrer »die Tugenden« der gebrannten Elster, Alster, Schalaster,

Hester, oder wie der langschwänzige Vogel sonst noch genannt wird,

gepriesen, und Roller probierte die Sache nun an seinem Bruder

Jonathan, der an epileptischen Krämpfen litt. Schon nach Monatsfrist

war das Übel behoben; der Pfarrer aber, der von der Wirksamkeit des

seltsamen Mittels fest überzeugt war, freute sich nun, daß ihm Gott

einen Weg eröffnet habe, sich für die Heilung seines Bruders dankbar zu

erweisen und wehrte beharrlich jede Bezahlung ab. Er verlangte nichts

anderes von seinen Patienten, als einen gewissenhaften Bericht, wie die

Medizin bekommen sei.

Noch heute ist »gebrannte Elster« ein Volksmittel gegen die

»hinfallende Krankheit«. Einige wollen wissen, nur die »in den

Zwölfen«, d. h. in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Heil.

Dreikönige (6. Jan.) geschossenen Elstern seien bei Krämpfen und

Epilepsie heilsam; denn um diese heilige Zeit habe die Natur all

ihre Wunderkräfte beisammen. Man glaubt auch, die Elster selbst sei

mit der »schweren Krankheit« behaftet, und deshalb vermöge sie beim

Menschen das Leiden zu heilen. Gleiches soll eben durch Gleiches

vertrieben werden. Vielleicht hat das unruhige, allzeit quecksilberne

Wesen der Elster Veranlassung gegeben, bei ihr epileptische Zufälle

anzunehmen; doch scheint es mir näherliegend, daß man die Elster, die

ein Hexentier ist, d. h. ein solches, in das sich Hexen und andere

Dämonen gern verwandeln, aus dem Grunde mit Veitstanz und Fallsucht in

Zusammenhang gebracht hat, weil dies Krankheiten sind, mit denen nach

dem Volksglauben dämonische Mächte den Menschen heimsuchen.

Das leitet uns über auf das Gebiet des eigentlichsten Aberglaubens.

Bekannt ist das _Kuckucksorakel_: so viel mal der Vogel ruft, so

viele Jahre hat der Frager noch zu leben. Schon i. J. 1221 wendet

sich Cäsarius Heisterbach mit Entrüstung gegen diesen altheidnischen

Aberglauben, und um dieselbe Zeit war's, da brach ein schon betagter

Mönch sein Klostergelübde, weil ihm der Gauch noch 22 Jahre geweissagt

hatte. Ob der prophetische Vogel in diesem Falle recht behalten hat,

wird leider nicht berichtet. Sollte mich freuen, wenn's so gewesen wäre.

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 12 / 15 段