das mit dem Nestbau eifrigst beschäftigt war, ließ mich bis auf
wenige Meter herankommen. Wie schön sind doch auch diese Taucher!
Rostrot der Hals, die Kehle und zwei Wangenflecken weiß; statt der
eigentlichen Haube aber zwei schöne nach hinten gerichtete Federohren.
Unermüdlich tauchten die Vögel nach allerlei Wasserpflanzen und legten
diese Baustoffe auf die Schilfkaupe, die sie sich zur Niststelle
erkoren hatten. Es war schon ein großer Klumpen, naß, schlammig und
übelriechend, zusammengetragen; aber den beiden schien's immer noch
nicht genug.
Der kleinste der Tauchersippe, der niedliche _Zwergtaucher_, ließ
oft seine trillernde Stimme hören, eine ganze Kette perlender, etwas
absinkender Töne, die das Tierchen jedem verraten, der's nur einmal
gehört hat. Aber dem Auge zeigte sich das Taucherchen immer nur auf
kurze Sekunden; am Rande des Schilfwaldes trieb es das lustigste
Versteckspiel oder tauchte unter, sobald es sich beobachtet sah.
Die _Lachmöwen_, die ihre braune Gesichtsmaske bereits aufgesetzt
hatten, waren wohl nur zu Besuch gekommen. Ihr eleganter Flug belebte
das Landschaftsbild reizvoll; einige ruhten auch auf der Wasserfläche
aus, weißen Seerosen zu vergleichen, oder saßen eng aneinandergereiht
auf einer Planke am Ufer. Ihre nächsten Brutplätze haben sie an manchem
Teich der preußischen Lausitz.
Von Seeschwalben war natürlich noch keine Art zu erblicken; denn die
_Fluß-_ und _Zwergseeschwalben_ kommen erst Anfang Mai. Dagegen zeigte
sich in der Höhe ein _Fischadler_, weite Kreise über dem Gewässer
ziehend und dann langsam in der Ferne verschwindend. In der sächsischen
Lausitz brütet der edle Fischer nicht mehr; vielleicht daß die Lohsaer
Forsten jenseits der preußischen Grenze seinen Horst noch beherbergen.
Aber einen andern Vogel, den wir auch heute noch mit Stolz als
sächsischen Landsmann bezeichnen dürfen, konnte ich hier in
Deutsch-Baselitz begrüßen, den _weißen Storch_. Es war mir eine große
Freude, den Weitgereisten unmittelbar bei seiner Ankunft willkommen zu
heißen.
Wir saßen gerade beim Mittagessen, als das jüngste blondhaarige
Töchterchen unsers freundlichen Gastgebers ins Zimmer stürzte: »Der
Storch, der Storch ist da!« Alle sprangen auf und liefen nach der
Rückseite des Hauses. Dort stand er auf seinem alten Horst im Wipfel
einer schlank gewachsenen Linde und klapperte nach Herzenslust. So
schmuck sah er aus; geradezu blendend das Weiß seines Gefieders und
leuchtend das Korallenrot von Schnabel und Ständern. Herzerfreuend
war es zu beobachten, wie sich auf der Dorfstraße alt und jung vor
dem Storchennest einfand und strahlenden Auges zu dem »Glücksbringer«
emporschaute. Besonders ein kleines flachsköpfiges Mädel von drei
oder vier Jahren war voller Begeisterung, und altklug belehrte es
mich, daß später der Klapperstorch kleine Kinder -- ich verstand
nicht, ob bringen oder haben würde. Auch noch andere Ortschaften
der Lausitz beherbergen Störche; ich sah einen besetzten Horst beim
Rittergut Kauppa in der Nähe von Commerau, einen andern in Wartha bei
Königswartha, in Döbra, in Skaska, und überall waren die Störche, wie
man mir sagte, am gleichen Tage, am 18. April, angekommen.
Nachmittags besichtigte ich die Einrichtungen der _Fischzucht_. Es
handelt sich fast ausschließlich um Karpfen und Schleien; bei dem
rationellen Betrieb sind die Erträgnisse außerordentlich gewachsen:
viele hundert Zentner alljährlich. Aber es gibt Herrschaften in der
Lausitz, die noch einmal so viel Fische züchten, ja das Rittergut
Königswartha, zu dem allerdings 119 Teiche gehören -- die meisten
bereits im Preußischen gelegen -- bringt unglaubliche Mengen dieser
wohlschmeckenden Flossenträger auf den Markt; dennoch sei die
Fischzucht, wie mir der dortige Fischmeister sagte, noch einer großen
Steigerung fähig.
Darüber ließe sich viel Wissenswertes berichten; aber nicht den stummen
Bewohnern des Wassers, sondern dem sangesfrohen und geschwätzigen
Völkchen der Vögel galt mein Besuch. Während ich mich auf den
Teichdämmen unter den duftigen Jungbirken erging und bei jedem Schritt
ein halbes Dutzend Frösche, wiederholt auch sich sonnende Ringelnattern
aufjagte, sang der Fitis unermüdlich aus jedem Gebüsch sein weiches
Lied; die Singdrossel jubelt, der Zaunkönig schmettert, Blaumeischen
zetert, der Weidenlaubsänger gibt sein einförmiges »Zilp-zalp« zum
besten; aus dem Fichtenwald der häßliche Balzruf des Fasans, das Gurren
des Ringeltaubers, das Trommeln des Buntspechts und Rotkehlchens
sehnsuchtsvolle Strophe: überall selige Frühlingsstimmung.
Gegen Abend noch eine Fahrt auf dem Großteich. Das Kollern der
_Birkhähne_, die auf einem freien, von Hochwald umsäumten Platz balzen,
schallt weithin über die Wasserfläche. Behutsam nähern wir uns. Drei
Hähne sind es, die mit ausgebreitetem »Spiel«, mit vorgestreckten
Hälsen und hängenden Flügeln umherspringen. Wir sind so nahe, daß
wir auch das Zischen der aufgeregten Tiere vernehmen und trotz der
Dämmerung das leuchtende Weiß im Federkleid und die purpurne »Rose«
über dem Auge ganz deutlich erkennen. Einige Hennen, klein und
unscheinbar, sind in der Nähe; sie laufen, Nahrung suchend, umher,
als kümmerten sie sich gar nicht um das unblutige Kampfspiel ihrer
verliebten Ritter. Jetzt hat uns die Gesellschaft bemerkt; da flattern
sie lautlos davon. Auch unser Nachen zieht leise auf seiner Bahn
weiter. Aber es dauert nicht lange, da hören wir wieder das »Rodeln«
oder »Kollern« der Hähne aus derselben Gegend. Das Birkwild ist nicht
eben scheu; es läßt sich nicht so leicht vergrämen wie der balzende
Auerhahn.
Immer mehr senkt sich die Dämmerung über den See. Enten und Bläßhühner
werden stiller, aber das Froschkonzert schallt lauter und lauter.
Welch ohrenbetäubender Lärm wird aber in ein paar Wochen am Abend
und die ganze Nacht hindurch bis zum goldnen Morgen hier herrschen,
wenn die _Teich-_ und _Drosselrohrsänger_ zurückgekehrt sind und
nun ihr vielstimmiges Konzert geben. Heute ist's ein anderer, wenig
bekannter Nachtschwärmer, dessen weithin schallender und doch weicher
Flötenton uns erfreut. Es ist der _Triel_, der die sandigen Felder
der Lausitz, die lichten Kiefernwälder und Waldblößen bewohnt; auch
in der sächsischen Flachlandschaft westlich der Elbe ist der scheue
Dämmerungsvogel, der zu den Regenpfeifern gehört, nicht selten. Seine
Rufe -- meist zwei oder drei sich eng aneinanderschließende Flötentöne
von überaus angenehmem Wohlklang -- erhöhen den Reiz der lauwarmen
Frühlingsnacht.
Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das _Steinkäuzchen_
hören. Erst rief ein Männchen ein paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann
antwortete ihm ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein
Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«.
Am Morgen des nächsten Tages, den als erster Sänger Hausrotschwänzchen
mit klirrender Strophe begrüßte, zeigte sich am Ufer des Großteichs in
den hohen Eichen ein _Wiedehopf_. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen
Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den hübschen Vogel mit dem
aufrichtbaren, lockeren Federbusch und dem langen, dünnen Schnabel zu
Gesicht bekam. Der muntere Bursche war außerordentlich scheu; bis auf
50 Meter nur ließ er mich herankommen. Dann flog er immer ein Stückchen
weiter auf eine andere Eiche, bis er schließlich in zuckendem,
unregelmäßigem Flug über die breite Wasserfläche setzte.
Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter nach Milstrich. Die
reizenden Flugspiele der _Kiebitze_, die mich so nah umflatterten, daß
ich das seltsame »Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten
die freundliche Landschaft; auch ein paar _Turmfalken_ zeigten ihre
Künste. Im Dorf sah ich die ersten Schwälbchen, zwei oder drei Paar
_Rauchschwalben_, auch eine einzelne _Hausschwalbe_; sie zwitscherten
seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber und Wärme und
Sonnenschein das kleine Volk der Insekten zu neuem Leben geweckt hatten.
Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls viele, zum Teil
recht ansehnliche Teiche. Sie sind von nur geringer Tiefe, vielleicht
einen Meter im Mittel. Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer
der Lausitz; denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf den
Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den schon genannten
Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten auch kleine _Moorenten_ die
Teiche in der Nähe des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen
aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum solchen Namen;
denn das dunkle Kastanienbraun des Kopfes und die Rostfarbe der Brust
sind nur ein bescheidener Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich.
Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie unter dem
Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen abzuziehen,
stets paarweise, erst das Weibchen und hinter ihm das etwas größere
Männchen. Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr klein aus,
weil sie den Hals einziehen und mit dem Rumpf tiefer ins Wasser
eintauchen als andere Enten, so daß man geradezu überrascht ist, wenn
das Entchen beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als
man erwartet hätte.
Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff des kleinen
_Rotschenkels_; er ist unser verbreitetster »Wasserläufer«, an den
orangeroten Füßen und dem weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin
hörbaren Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden Triller
sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner sofort weiß, welcher
Vogelkehle diese wohllautenden Töne entstammen. Besonders eifrig rufen
die Rotschenkel gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher mit
gleichfalls trillernder Strophe.
_Weiße Bachstelzen_ und die noch zierlicheren _Gebirgsbachstelzen_
sah ich sehr häufig; auch die reingelbe _Wiesen-_ oder _Schafstelze_,
die ungefähr drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war schon
da und wippte graziös von einem Schilfinselchen zum andern. Auf den
Feldern ließen sich gegen Abend die _Rebhühner_ eifrig hören, und
auch _Heidelerchen_ sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe von
Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe herab.
Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer Teichgebiets im
Norden der Ortschaft. Teich an Teich in unübersehbarer Folge, und fast
auf jedem eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund
das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche gehören zum
Rittergut, der kleinere Teil davon im Königswarthaer Flurgebiet, der
größere schon auf preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis
72 Hektar groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen _Löffelenten_
auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente auf den früher besuchten
Teichen übersehen oder vielleicht aus der Entfernung mit der Stockente
verwechselt hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer
Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten. Eigentümlich ist
für sie der große, am Grunde schmale, vorn aber stark verbreiterte,
gewölbte Schnabel, dessen Form der Ente den Namen gegeben hat. In
seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das weithin leuchtet,
besonders am Kropf, Hals und Oberflügel. Der Kopf erglänzt schwarzgrün
wie beim Stockerpel. Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes
Kastanienbraun. Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten Spiegel liegt über
der Schulter ein himmelblaues Feld, eine Farbe von eignem Reiz; sie ist
in unsrer deutschen Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich
Löffelenten ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so wenig scheu,
daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen oder gründelnd sich auf
den Kopf stellen, wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen
Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch sie endlich ab,
so geschieht es ohne jeden Laut; ohne Plätschern erheben sie sich aus
dem Wasser, und ohne jedes Geräusch fallen sie wieder ein.
Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die Vögel, die ich
hier erwarten konnte. Von den noch nicht erwähnten nenne ich nur
Wendehals, Gartenrotschwanz, Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen
die höhlenreichen Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu Freibrüter
wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar Eichelhäher kreischten in den
Baumkronen.
Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo aus ich die nahen
Holschaer und Quooser Teiche, den schön gelegenen Mädelteich, den
Litschen- und Neuteich, die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche
an der Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer Großteich,
und endlich die schönsten von allen, die Milkener Teiche besuchte.
Die ganze Gegend mit dem reichen Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und
Feld, mit den freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von
hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man all diese
liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann. Die Gegend ist
eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert sich wohl nur selten mal
ein Tourist in diesen Winkel der »wendischen Türkei«. Es ist nicht
möglich, alle Beobachtungen aufzuzählen, die Auge und Ohr eines
aufmerksamen Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde
Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den unkenreichen Dorfteich
gruppieren, die blühenden Obstbäume, die Rehe am Waldessaum, der
kreisende Mäusebussard, die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende
Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier Reinekes Spur,
der seine Besuchskarte abgegeben hat, dort Gewölle vom Waldkauz, hier
die Fegstelle eines Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel
im Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante Pflanze:
im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut auf der feuchten Wiese,
Sumpfveilchen auf moorigem Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen
u. a. Ein Eisvogel flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte
die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen Vogel, die
_Mandelkrähe_ oder _Blaurake_, die leider in Deutschland immer seltener
wird, aber im östlichen Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen
Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als Brutvogel vorkommt.
Diesmal freilich konnte ich den wunderbar gefärbten Vogel noch nicht
begrüßen, da er erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt.
Nach _Fischreihern_ habe ich scharf Ausschau gehalten; aber erst am
vierten Morgen glückte es mir, einem dieser schönen Vögel zu begegnen.
Ich hatte in Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines der vielen
Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück. Auf einmal hinter meinem
Rücken ein aufgeregtes Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf --
kaum zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen bis unter
die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie ihn nun in die Enge treiben. Er
wird mich gewahr, schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und
bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende Schar.
Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz; aber im
nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet sich auf hohen Kiefern wohl auch
heute noch der Rest einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die
Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher Regelmäßigkeit
die schönen Fischer auch im sächsischen Teichgebiet, nicht selten mehr
als ein Dutzend auf einmal, zum Ärger der Teichbesitzer, die über die
preußischen Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen.
Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die _große Rohrdommel_.
Ihretwegen war ich nach Commerau gewandert, und ich hatte das Glück,
die ganze Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen.
Obgleich der Standort des Vogels mindestens eine halbe Stunde von
dem Gasthaus entfernt war, hörte ich das tiefe »Prumb« doch ganz
deutlich. Es klingt ähnlich wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der
Vogel beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich, selbst
bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag. Die Silben
»ü-prumb« geben den Ruf ziemlich gut wieder. Auch am hellen Morgen, den
ganzen Vormittag, selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel
nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf- oder sechsmal, nur
etwa dreimal hintereinander wiederholte und dann eine Pause von ein
paar Minuten eintreten ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem
Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den Standort des
Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält sich's auch mit dem tiefen
»Prumb«-Laut des reiherartigen Vogels; es dauerte ziemlich lange,
ehe ich feststellen konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz
nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren Standplatz bezogen
hatte. Die Leute sagten, seit zwei bis drei Wochen ließen sich diese
unheimlichen Laute hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir
niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb« -- wohl der tiefste
Ton, den irgendein Vogel unsrer Heimat erzeugt, denn er erreicht das
~F~ der großen Oktave -- etwa so wie der Laut, den man mittels einer
recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit voller Kraft Luft
zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein Explosionslaut ist es, der nicht
mit dem Kehlkopf, sondern mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der
die hinuntergeschluckte und zusammengepreßte Luft mit großer Gewalt
herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem der scheue Vogel sein
unheimliches Liebeslied spielt.
Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große Rohrdommel
unermüdlich hören. Leider bekam ich sie aber weder hier noch dort zu
Gesicht. Der Schilfwald hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem
Standort nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie
der kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese. Aufzufliegen
entschließt sich der Vogel nur schwer; er weiß, wo er Schutz findet.
Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten von
Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt, daß er unsrer Heimat
erhalten bleibt. Ich habe sehr darum gebeten, ihn bei den Entenjagden
als interessantes Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch hier
meine Bitte.
Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben
Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen Bett. Wann sprang
sein Quell zum erstenmal aus dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser
verrinnen, wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde
gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz allen Wechsels --
wie viele selbst der kleinsten Bächlein mögen heute noch genau so
fließen, wie weiland vor tausend Jahren!
Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso. Unerforschlich
ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende, und bei allen Wechselfällen, bei
allen Umwälzungen des Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus,
was du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen und Märchen,
Sprache, Werkzeug und Kunst -- uralter Besitz ist's, vererbt von
Geschlecht zu Geschlecht. Manches wohl tot -- nur die Erinnerung, daß
es einst war, ist noch geblieben -- vieles nur scheintot -- zu neuem
Leben kann es erwachen -- das meiste aber noch frisch und in Urkraft,
wie in den Tagen der Väter.
Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende Mensch auch den
Aberglauben oder sagen wir lieber -- denn gemütvoller klingt es --
den _Volksglauben_, den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten
Jahrhundert bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die
nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen Quellen
und die vielen Bächlein aufzusuchen, die ihn immer von neuem gespeist
haben, das ist der Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber
mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden nicht alle!« Kennt
er sich selbst so genau? Ist er wirklich ganz frei, ganz unbefangen,
oder schlummert nicht vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel,
ein winziger Rest dieser oder jener uralten abergläubischen
Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten Seele?
Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den _Volksglauben_, der sich auf
die _gefiederte Welt unsrer Heimat_ bezieht, und zwar nur so weit, als
er _noch heute bei unsern Volksgenossen lebendig ist_.
Da gibt es zuerst _naturwissenschaftliche Irrtümer_, die nur insofern
die Bezeichnung Volks- oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam
sind, jeder Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe von
Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört, wenn jemand noch
immer an solchen Widersinnigkeiten festhält.
Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom _Kuckuck_, unserm lieben
Frühlingsboten, der sich alljährlich im Herbst in einen raubgierigen
_Sperber_ verwandeln soll, ist auch heute bei unserm Volk noch
nicht völlig verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei
Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer Dorfs. Beide
waren Jäger; so kam die Unterhaltung bald in Fluß, und wir erörterten
schließlich jene seltsame Verwandlungsgeschichte. Es waren die
vernünftigsten Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur halb
überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten sie nicht; aber daß der
Kuckuck auch im Winter unsrer Heimat treu bleibe und daß er, sobald
die Raupennahrung spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle,
daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich beide nicht
ausreden. Der eine der Streithähne wollte einmal mitten im Winter
einen Kuckuck geschossen haben, als dieser gerade einen Finken würgte;
der andere aber hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie
sich der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben noch
seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, auf ein singendes
Rotkehlchen stürzte.
Schon zu des seligen _Äsops_ Zeiten meinte man, aus dem Kuckuck werde
im Herbst ein Sperber oder ein Habicht, und dieser verwandle sich
im Frühjahr wieder in den Lenzesboten. Auch _Aristoteles_ erwähnt
den gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit
entgegentritt. _Plinius_ aber muß den großen Gelehrten mißverstanden
haben, wenigstens berichtet er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem
Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre für viele Jahrhunderte
gesichert; bei den »Naturkündigern und Philosophi« erhielt sie sich das
ganze Mittelalter hindurch, und ein oder der andere Mann aus dem Volk
glaubt heute noch an das einfältige Märchen.
Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung des sonderbaren
Aberglaubens nicht im Zweifel sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den
gefürchteten Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und Farbe, ja
sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter leicht getäuscht
wird. Die Unterseite weißlich mit dunklen Querwellen, der Fächer des
Schwanzes lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel
des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der Flug, leicht, elegant
und reißend schnell wie der unsrer kleinen Raubvögel: dies, alles
sind Merkmale, die Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt.
Ich zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies Feld dem
harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen wird, durch diese Maske seine
Feinde, die gefiederten Räuber, zu täuschen.