Bei sehr vielen Höhlenbrütern kann man gleichfalls nicht von wirklichem

Nestbau reden; sie begnügen sich damit, die Eier ohne besondere

Unterlage einem Mauerloch, einer Felsenspalte oder einer Baumhöhle

anzuvertrauen. Die natürliche Hohlform hält Eier und Wärme zusammen;

ein wenig Erde oder Holzmull findet sich fast in jedem solchen Raume,

wodurch den Eiern wenigstens ein leidlich weiches Lager wird, und der

Schutz für den brütenden Vogel wie für die Brut ist doch ungleich

höher hier in der dunklen Höhle als draußen im Freien. Spechte, der

Wendehals, manche Eulen, die Hohltauben, der Wiedehopf u. v. a. brüten

in dieser Art, die indessen nur einen kleinen Fortschritt bedeutet im

Vergleich mit der einfachen Nistweise der Nachtschwalbe. Natürliche

Bodenvertiefungen, die dem Körper des Vogels mehr oder weniger angepaßt

waren, Verstecke im Pflanzengestrüpp und ausgefaulte Löcher im

Baumstumpf mögen die Verbindungsglieder gewesen sein.

Etwas mehr Sorgfalt zeigen unsre Rebhühner, Trappen, manche

Seeschwalben, Möwen, Rallen u. v. a. Sie scharren eine seichte

Vertiefung in den Boden, knicken Stengel und Halme um oder bilden durch

häufiges Drehen des Körpers eine geeignete Stelle, die sie nun mit ein

paar trocknen Gräsern oberflächlich ein wenig auspolstern. Wozu sollten

auch die Jungen, z. B. die des Rebhuhns, eines künstlichen warmen

Nestes bedürfen? Sobald die Eihülle gesprengt und der Flaum getrocknet

ist, laufen sie ja doch davon, um vielleicht nie wieder an den Ort

zurückzukehren, wo sie das Licht der Welt erblickt haben. Vögel, deren

Junge längere Zeit im Neste verbleiben, sogenannte »Nesthocker«,

verwenden stets mehr Fleiß auf die Niststelle; doch verdient diese bei

vielen, die auf dem Boden oder in Höhlen brüten, noch kaum den Namen

eines eigentlichen Nestes. Die Feldlerchen z. B. suchen sich eine

kleine Vertiefung zwischen Erdschollen oder im Grase, erweitern und

runden sie nach Bedarf und tragen nun Stoppeln, Halme, zarte Wurzeln

zusammen. Mit ihrem Körper formen sie alles zu einem tiefen Napf, den

sie schließlich noch mit einzelnen Pferdehaaren u. dgl. auspolstern.

Unsre niedlichen Blaumeisen begnügen sich, falls die Höhle, die sie

gewählt haben, sehr eng ist, mit einem recht einfachen Bau: feine

Brocken faulenden Holzes, darüber ein paar Federn und Haare, das ist

alles. In weiten Hohlräumen aber sorgen sie für eine dichte Unterlage

und für ein weiches Haar- und Federpolster. Ähnlich verhalten sich auch

die andern Meisen mit Ausnahme der Schwanzmeisen.

Einen Fortschritt zeigen schon die sogenannten »Halbhöhlenbrüter«,

welche für die Wiege ihrer Jungen irgendeinen Winkel wählen, wie

Hausrotschwanz, grauer Fliegenschnäpper, weiße Bachstelze u. a.;

auch das Rotkehlchen gehört hierher, das sich ein Versteck in einem

ausgefaulten Baumstumpf, zwischen Wurzelgeflecht, eine weite Erdhöhle

u. dgl. aussucht. Sein Nest stellt ein lockeres, kunstloses Gewebe dar,

meist auf einer Grundlage dürren Laubes. Beim Hausrotschwänzchen kann

man es genau beobachten, um wieviel vollkommener der Vogel baut, wenn

er das Nest auf einen freien, nur von oben geschützten Balkenkopf oder

hinter einen Dachsparren stellt, als wenn er sich ins Halbdunkel einer

Höhle zurückzieht. Hier nur eine ungeordnete Anhäufung von Niststoffen,

dort aber ein dichtes Gewebe mit sorgfältig gepolsterter Aushöhlung

eines zierlichen Napfes.

Wirkliche Kunstbauten finden wir jedoch erst bei den sogenannten

Freibrütern, und zwar besonders bei denjenigen, die sich losgemacht

haben von der Scholle des Bodens und im Astwerk von Baum und Strauch

oder am Schilfhalm ein lustiges Nest bauen. Doch dürfen wir auch

manchen Höhlenbrütern, wie den Baumläufern, dem Star, Gartenrotschwanz,

Trauerfliegenfänger, eine gewisse Fertigkeit nicht absprechen. Nach

unsrer Meinung stellten diese Vögel, wie wir schon angedeutet haben,

ehemals freistehende Nester her; die seit alters geübte Bauweise

pflegen sie aber auch heute noch weiter, trotz der veränderten

Verhältnisse, nur daß sie dabei weniger sorgfältig verfahren. Man

vergleiche z. B. das Nest der Spechtmeise, die sich ein Astloch

erwählt, mit dem Bau der freibrütenden Schwanzmeise, einem der

kleinsten Vögelchen unsrer Heimat. Bei jener eine schlechte Unterlage

aus lockern Stückchen von Buchen- und Eichenblättern oder ein Wulst

dünner Schalen der Kiefernrinde; das Nest der Schwanzmeise dagegen

ein Kunstbau, kugelförmig, mit einem Schlupfloch, zusammengefilzt

aus Astmoosen, Baumflechten, Birkenschalen, Schuppen der Eichenrinde

und Haaren, überkleidet mit Spinnen- und Raupengespinst, innen aber

ausgefüttert mit Federn und Wolle. Überhaupt zeichnen sich die

kleinsten der kleinen Baumeister durch höchste Kunstfertigkeit aus.

Hoch in die herabhängenden Zweigenden einer Fichte oder Tanne hat das

winzige Goldhähnchen sein beinahe kugelförmiges Nestchen aufgehängt. In

die ziemlich glatte Außenwand sind die Spitzen der dünnen Triebe des

Nadelbaums geschickt eingeflochten, daß der kleine Bau frei in der Luft

schwebt; oben führt eine enge Öffnung ins Innere, das mit wärmenden

Federchen dicht ausgekleidet ist. Oder das Nest des Zaunkönigs: außen

nicht selten ein wüster Haufen von Stengeln, Wurzeln und Blättern,

innen aber eine dicht gefilzte Lage von grünem Moos, auf welche

schließlich das weiche Federpolster folgt.

Auch die Finkenvögel bauen sehr hübsche Nester, an erster Stelle unser

frohschmetternder Buchfink. Hier steht ein solches auf dem hohen Stumpf

eines Fliederstrauchs, dessen Fortsetzung es nach Stellung und Form zu

bilden scheint; aufs peinlichste ist es mit Lebermoosen überzogen, wie

sie der Stamm trägt, und mit kleinen braunen Rindenstückchen beklebt,

wie sie am Boden liegen. Dadurch, daß der Vogel die Niststoffe aus

der Umgebung nimmt, paßt er das Nest dieser gewöhnlich aufs schönste

an, wodurch die Sicherheit erhöht wird. Ob dabei bisweilen auch kluge

Berechnung eine Rolle spielt, möchte ich nicht entscheiden. Ich habe

Finkennester gefunden, in deren Wand Fetzen weißen Papiers sehr

geschickt eingewebt waren -- sie standen auf weißstämmigen Birken --,

ein Nest des Zaunkönigs, das durch Verwendung grauen Mooses und grauer

Algen die Farbe der granitenen Brücke täuschend nachahmte, unter die

es gebaut war, und ein andres, dessen grüner Moosüberzug mit dem Grün

seiner Umgebung vollkommen übereinstimmte. Vielleicht ist es so, daß

der Vogel durch einen auffallenden Farbengegensatz des Nestes mit

dessen Umgebung unangenehm berührt wird und ohne viel Nachdenken die

Stoffe wählt, die in der Farbe zu der unmittelbaren Nachbarschaft

des Nestes passen. Ich entsinne mich aber auch einiger Nester, wo

von solcher Übereinstimmung nicht die Rede sein konnte; so hatte

ein Schwanzmeisenpärchen ein ganz lichtes, aus heller Baumrinde und

Laubmoosen gefilztes Nest in das dunkle Grün einer Jungfichte gestellt,

daß es weithin erkennbar war.

Ein sehr zierliches Nest bauen auch die Rohrsänger. Von ein paar

Schilfstengeln, die in die Wandungen eingewebt sind, wird der

kegelförmige Bau getragen, die Spitze nach unten. Gespaltene

Schilfblätter, schmales Gras und biegsame Halme bilden die kunstvoll

geflochtene Wandung, in der jede Lücke mit Pflanzenwolle verstopft

ist, namentlich von der Weide. An allen Bewegungen der Halme nimmt der

luftige Bau teil, wenn der Wind durchs Schilf saust und die Spitzen

hinabbiegt bis in die Wellen des Teichs; aber der Napf ist so tief, daß

die Eier so leicht nicht herausfallen.

Freilich gibt es auch unter unsern kleinen Sängern einige, die recht

liederlich bauen. Das gilt z. B. von unsern Grasmücken. Ich habe

Nester der kleinen Zaungrasmücke gefunden, deren Boden so locker

gewebt war, daß man kaum begreift, wie sie die Wärme zusammenhalten

können. Noch weniger dicht sind die sehr flachen Nester der Ringeltaube

gebaut; nicht selten sieht man die weißen Eier zwischen den Lücken

hindurchleuchten. Ja, es kommt vor, daß sie unter dem brütenden Vogel

durch den Boden fallen, so daß ich glaube, die Ringeltaube ist erst

nachträglich zum Freibrüter geworden, während sie früher, wie Hohl- und

Felsentaube noch heute, in Höhlungen brütete.

Gleich der Ringeltaube verwenden fast alle größeren Vögel stärkere

oder dünnere Reiser für die äußere Wandung, wie dies das Nest des

Eichelhähers zeigt, oder die kleinen Horste der Elstern und Krähen und

die bisweilen gar gewaltigen Reisighaufen, welche Raubvögel, Reiher

und Störche zusammenschleppen. Solch ein Adlerhorst, ich denke an den

eines Fischadlers, der auf dem vertrockneten Wipfel einer uralten

Eiche stand, ist einer mächtigen Stammburg zu vergleichen. Nicht das

Paar, das jetzt droben haust, hat den riesigen, fast mannshohen Bau

gegründet, sondern vielleicht seine Großeltern vor vielen Jahren.

In jedem Frühling wird das Schloß der Väter von neuem bezogen und

mit frischen Baustoffen belegt und ausgebessert; in seinen untern

Schichten, gewissermaßen in den Kellerwohnungen, haben sich ein paar

Meisen häuslich niedergelassen, wie ja auch in der Wandung alter

Storchnester, die gleichfalls alljährlich von unsern Hausfreunden

wieder bezogen werden, nicht selten Meister Spatz seine zahlreiche

Nachkommenschaft großzieht. Verlassene Raubvogel- und Krähenhorste

dienen übrigens manchen Vögeln zur willkommenen Wohnung; am häufigsten

scheinen Waldohreule und Turmfalke von solch herrenlosem Eigentum

Besitz zu nehmen.

Zu den hübschesten Nestern unsrer Heimat gehört das des gelbschwarzen

Pfingstvogels, des Pirols. Freischwebend hängt es, einem Klingelbeutel

vergleichbar, zwischen den Enden einer Astgabel; aus Bast, Halmen,

Wollfäden, Oberhäutchen der Birkenrinde, feinen Hobelspänen u. dgl.

ist es gar zierlich gewoben. Man begreift nicht, wie es dem Schnabel

im Verein mit den Zehen möglich ist, aus dünnen Fasern solch feines,

braungelbliches Gewebe herzustellen.

Von den Zimmerleuten unsrer Wälder, den Spechten, war schon die

Rede; auch der Wendehals und manche Meisenarten verstehen sich auf

dies Handwerk, insofern sie vorhandene Höhlen nach ihrem Bedürfnis

vergrößern. Ähnlich ist die Tätigkeit der Minierarbeiter; nur haben

es diese nicht mit Holz, sondern mit Lehm, Sand oder Erde zu tun,

wie die Uferschwalbe, der Eisvogel und der ebenso farbenprächtige

Bienenfresser, der freilich unsrer Heimat fehlt, den ich aber an

manchen Gewässern Südungarns beobachten konnte.

Mit Lehm und mit Erde arbeiten ferner die Maurer, zu denen unsre

Schwälbchen gehören. Unterhaltend ist es, den emsigen Tierchen

zuzuschauen. Zuerst werden feuchte Klümpchen -- meist ist es Straßenkot

-- eins neben das andre in flachem Bogen an die Baustelle geklebt;

dann ruht die Arbeit bis zum nächsten Morgen. Ist jetzt das Mauerwerk

völlig trocken, so wird eine zweite Lage von Erdklümpchen so angesetzt,

daß sie die erste Schicht überragt; am dritten Morgen wird in gleicher

Weise fortgefahren. Schon geht die Arbeit leichter von statten, denn

die Vögelchen brauchen sich nicht mehr an der Hauswand anzuklammern,

sondern können auf dem bereits gemauerten fingerbreiten Rand Fuß

fassen. Schicht folgt auf Schicht, wobei auch einige Halme, Borsten,

Haare mit eingeklebt werden. Nach zwei Wochen etwa ist das kugelrunde

Nestchen der Hausschwalbe oder das halbkugelförmige der Rauchschwalbe

fertig; es bedarf nur noch der Auspolsterung mit Federn und Haaren.

Auch die Spechtmeise versteht sich auf Mörtel und Kitt; ist das

Eingangsloch zur Baumhöhle, in der sie ihr kunstloses Nest erbaut, zu

weit, so vermauert sie es ringsum mit eingespeichelten Lehmklümpchen,

daß dem Eichhörnchen und andern Räubern der Zugang gewehrt wird.

Im allgemeinen beteiligen sich Männchen und Weibchen am Nestbau; sehr

oft beschränkt sich aber die Tätigkeit des Männchens auf das Aufsuchen

und Herbeitragen der Niststoffe, während das Weibchen gewöhnlich die

eigentliche Künstlerin ist. Wer beispielsweise den Pirol oder den

Buchfink, bei denen sich die Geschlechter leicht unterscheiden lassen,

belauscht, wie Männchen und Weibchen gemeinsam das Nest bauen, wird

diese Verteilung der Arbeit bestätigen können.

Das Nest ist für den Vogel weit weniger ein Wohnhaus, als man

gewöhnlich annimmt; zunächst dient es nur den Zwecken der

Fortpflanzung, und bloß gelegentlich benutzt es das Elternpaar, bei

ungünstiger Witterung darin Schutz zu finden. Auch die Nacht verbringt

der Vogel, abgesehen vom brütenden oder die Jungen wärmenden Weibchen,

meist nur in der Nähe der Niststelle. Manche bauen sich auch besondere

Schlafnester, so der Zaunkönig; andere wieder sog. Spielnester,

indem sie, wie die Grasmücken, hier und da mit dem Nestbau beginnen,

ihn aber bald wieder einstellen, um an anderer Stelle von neuem zu

probieren. Namentlich die Männchen können es im Frühjahr oft gar nicht

erwarten, daß ihr Weibchen nun endlich mit dem Nestbau Ernst mache,

und sie tragen deshalb allerlei Baustoffe ins Gezweig, um die Gattin

aufzufordern: nun ist es Zeit.

Nicht genug staunen kann man über die peinliche Reinlichkeit der

meisten Nester -- »ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmutzt«. Den

Kot der Jungen tragen die Höhlenbrüter im Schnabel fort, und bei den

Freibrütern -- ich denke an Schwalben, Störche u. a. -- lernen es die

Kleinen sehr bald, ihre Kehrseite so zu wenden, daß der Kot über den

Nestrand befördert wird.

Das ganze Leben und Treiben unsrer kleinen Sänger spielt sich während

ihres kurzen Aufenthalts in der nördlichen Heimat am Nest und in dessen

nächster Umgebung ab, bis der große Tag kommt, wo das Vöglein seine

Schwingen erhebt, um dem fernen Süden zuzueilen. Nur einen einzigen

Vogel beherbergt unser Vaterland, der sich weder um Nestbau noch um

Aufzucht der Brut kümmert, das ist der Kuckuck; von ihm gilt das

lustige Sprüchlein:

Der g'scheitste Vogel muß der Gugezer sei',

Die andern bau'n d' Nester, und er setzt sich nei'!

Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz

Eigentlich war's zu einem ornithologischen Ausflug nach unserm

sächsischen »Tausendseen-Land« noch ein wenig früh im Jahre. Doch was

half's! Ich kann nicht verlangen, daß das Osterfest mit seinen Ferien

bloß meinetwegen um einige Wochen verschoben wird. Und im vorigen

Jahre konnte ich mich -- genau wie 1911 -- wenigstens einigermaßen mit

dem Ostertermin aussöhnen. Der 16. April ist doch ein ziemlich später

Zeitpunkt für das Fest, und da ich mich erst am »dritten Feiertag«

(18. April) auf den Weg machte, durfte ich hoffen, wenn auch bei weitem

noch nicht die volle Entfaltung des Vogellebens in jenem Gebiet, so

doch immer schon den vielversprechenden Anfang dazu anzutreffen.

Es war also Aussicht vorhanden, daß ich von Dresden her ganz

gleichzeitig mit dem oder jenem Bekannten, der aus Kleinasien, Ägypten,

von den Ägäischen Inseln usw. in diesen Tagen heimzukehren pflegt, in

Baselitz, Milstrich, Königswartha oder Commerau eintreffen würde. Mit

Freund Langbein, dem Storch, klappte es auf die Minute, als ob wir

uns verabredet hätten. Freilich mancher gefiederte Nachzügler fehlte

noch; aber das schadete schließlich nicht viel. Der Vogelfreund sieht

doch auch die, die nicht da sind, und interessiert sich auch dafür,

welcher Vogel einer Gegend noch fehlt, sei es, daß er regelmäßig

recht spät kommt, oder daß er sich gegen seine Gewohnheit verzögert

hat. Den rotrückigen Würger, den Mauersegler, die Nachtschwalbe, den

Gartenlaubsänger, den Pirol, die Wachtel und namentlich die Rohrsänger

konnte ich natürlich noch nicht erwarten.

Trotz dieser und anderer Lücken war es mir möglich, 71 Vogelarten in

meine »unblutige Schußliste« einzutragen.

Der etwas einförmige Weg von Kamenz über Jesau nach Deutsch-Baselitz

bot nichts Besonderes. In großer Menge saßen die Stare auf Wiesen

und Feldern. Der Gesang der Lerchen erfüllte die Luft; Buchfinken

schmetterten; Kohlmeisen ließen in jedem Obstgarten ihre hellen

Glöckchenstimmen erklingen; Goldammern gaben mir ab und zu das Geleit,

während ihre plumperen Vettern, die Grauammern, von den Straßenbäumen

herab mit unermüdlicher Ausdauer ihr wenig musikalisches »zick zick

zick schnirrrrps« zirpten. Haus- und Feldsperlinge natürlich in

ausreichender Menge; ein Elsternhorst auf einer hohen Erle; aus der

Ferne der durchdringende Ruf des Grünspechts; einige Nebelkrähen,

schwerfälligen Flugs meinen Weg kreuzend, und -- eine besondere

Überraschung, daß er schon da ist -- ein Gartenammer oder, wie er

gewöhnlich heißt, ein »Ortolan«. Er saß an der Straße auf einem Baum,

ließ sich aber nicht hören.

Deutsch-Baselitz liegt an dem größten stehenden Gewässer Sachsens,

umfaßt doch der »Großteich« etwa 400 sächs. Scheffel, das sind mehr

als 110 Hektar. In der Nähe noch einige kleinere Teiche, die alle der

sehr ergiebigen Karpfen- und Schleienzucht dienen. Der Pächter des

Guts war so freundlich, mir ein Boot zur Verfügung zu stellen und

einen Fährmann zugleich. Noch ehe man die weite Wasserfläche sieht,

hört man bereits die hellen Lockrufe der Bläßhühner, das tiefe »grök

grök« der Haubentaucher, das Grunzen und scharfe Lärmen der Rothälse,

die garstigen Schreie auffliegender Stockerpel und die wohlklingenden

Stimmen kleiner Krikenten. Einzelne Kiebitze gaukelten unruhig umher,

taumelnden Flugs, und weiße Lachmöwen tummelten sich hoch in den Lüften.

Wir durchschreiten das abgestorbene Röhricht, um das Boot zu erreichen.

Da fesselt ein _grünfüßiges Teichhühnchen_ meine Aufmerksamkeit. In

prachtvoller Balzstellung trippelt es am Ufer vor seinem Weibchen

gar zierlich hin und her. Überraschend groß erscheint der Vogel in

dieser verliebten Haltung. Den Schwanz hat er emporgerichtet, daß

sich dessen schneeweiße Unterseite wirkungsvoll von dem übrigen

dunkeln Gefieder abhebt. Die rote Stirnplatte und der hochgelbe

Schnabel leuchten wie grellfarbige Blumen aus dem welken Schilf, und

dieselben Farben wiederholen die koketten Strumpfbänder, die der Vogel

an den Fersengelenken trägt. Jetzt läßt sich das Paar ins Wasser

gleiten; auch hier wird das Männchen nicht müde, seiner Angebeteten

den Hof zu machen. In zierlichen Bogen umschwimmt es sie, bald den

weißen Federstrauß des Schwanzes, bald die feurige Pelargonie an

der Stirnplatte ihr zukehrend -- aber plötzlich sind die beiden

verschwunden. Sie haben es wohl gemerkt, daß ich ihrem Liebesspiel

gelauscht, und sind nun untergetaucht, sich mit ihren langen Zehen im

Schilf unter dem Wasser festhaltend.

Wir betreten das Boot und fahren ein Stück hinaus auf die Fläche.

Hunderte von Wasservögeln sind hier vereinigt. In kleineren und

größeren Trupps, auch nur in einzelnen Paaren schwimmen Bläßhühner und

Enten aller Art, Taucher und Möwen. Oft verschwinden ganze Gruppen wie

auf Kommando unter die Wasserfläche, während andere wieder auftauchen.

Es erfordert einige Mühe, in das Durcheinander der schwimmenden,

tauchenden, niedrig über dem Wasserspiegel und hoch in den Lüften

fliegenden Arten Ordnung zu bringen.

Die _Bläßhühner_ freilich bieten keine Schwierigkeit; sie sind sofort

zu erkennen: hühnerartig plump ihre Gestalt, das ganze Gefieder

tiefschwarz bis auf die kreideweiße, weithinleuchtende Stirnplatte.

Unruhig sind sie und recht laut; denn eifersüchtige Kämpfe werden jetzt

fast beständig unter ihnen ausgefochten. Mit gesenkten Köpfen rudern

die Nebenbuhler aufeinander los und prallen heftig schreiend zusammen,

oder sie jagen sich, die Wasserfläche mit ihren Lappenfüßen schlagend,

über den halben Teich hin, um sich dann schließlich schwerfällig in die

Luft zu erheben oder im Schilfwald einzufallen.

Unter den Enten sind die zierlichen _Tafelenten_ die häufigsten; mein

Bootsführer, auch andere Leute in der Lausitz nennen sie »Brandenten«,

was aber falsch ist. Sie zeigen wenig Scheu, erheben sich beim Nahen

unseres Nachens immer zuletzt oder vertrauen auf ihre Fertigkeit im

Tauchen. Dreifarbig ist das Kleid des Männchens: rostbraun Kopf und

Hals, zartes Grau auf Flügeln und Rumpf; Brust und Hinterteil aber

tiefschwarz. Mit etwas eingezogenem Hals schwimmen sie friedlich in

großen Trupps umher, kein eifersüchtiges Gezänk, nur zärtlich pfeifende

Laute, tauchen gemeinschaftlich, oder es umschwärmen auch ein paar

Männchen ein einzelnes Weibchen, diesem immer getreulich folgend, wohin

es den Weg nimmt.

Auch die kleinen _Krikenten_ sind in großen Scharen vertreten. Das

Gefieder des Erpels ist graugewellt; der dunkelbraune Kopf zeigt einen

grünglänzenden Streifen, der sich bis zur Hälfte des Halses herabzieht,

aber selbst mit dem Feldstecher aus größerer Entfernung schwerer zu

erkennen ist, als der metallisch-grüne und schwarze, weiß eingesäumte

Spiegel an den Flügeln. Die Weibchen sind unscheinbar graubraun; doch

tragen auch sie, gewissermaßen als Familienwappen, jene Flügelzier. Die

kleinsten sind immer die beweglichsten und geschäftigsten. Leicht wie

eine Feder erheben sie sich von der Wasserfläche, umkreisen in leichtem

Flug den Teich, wobei wir, sobald sie sich uns nähern, deutlich ihre

eigentümlich schwingenden Flugtöne vernehmen, und fallen dann wieder in

einer seichten Bucht ein, um hier zu gründeln, wobei, wie bei unsern

Hausenten, der hintere Körperteil senkrecht aus dem Wasser emporragt;

denn ganz unterzutauchen ist nicht ihre Art.

Bedeutend größer als Tafel- und Krikenten sind die _Stock-_ oder

_Märzenten_, die Stammeltern unsres zahmen Hofgeflügels. Sie sind

bereits mit dem Nestbau beschäftigt, schwimmen zu Paaren umher oder

erheben sich paarweise in die Lüfte, wobei das galante Männchen stets

dem Weibchen den Vortritt läßt. Der Stockerpel ist ein prächtiges

Tier. Das metallische Grün von Kopf und Oberhals wird durch einen

schneeweißen Ring von dem Braun des Unterhalses und der Brust scharf

getrennt, und der violett-blau-grüne Spiegel ist gleichfalls ein

hübscher Schmuck. Es gibt viele unter unsern Hausenten, die sich Form

und Farbe der Federn genau so schön erhalten haben, wie wir's an den

wilden »Stocken« bewundern.

Auch die sog. _Mittelente_ bewohnt die weite Fläche des Teiches,

wenigstens in einigen Paaren. Aus der Entfernung gesehen, erscheinen

diese Enten anspruchslos grau, das Männchen mit einem schwarzen, das

mehr bräunliche Weibchen mit einem gelbroten Schnabel.

Viel auffallender sind die _Schellenten_ wegen ihres scheckigen

Kleides. Zwei große Felder auf den Flügeln, ebenso Brust und Hals,

auch ein Fleck an der Wange hinter dem Schnabel leuchten schneeweiß,

während der Rücken tiefschwarz gefärbt ist. Ich habe Schellenten,

allerdings nie in besonders hoher Zahl, auf fast allen größeren Teichen

der Lausitz gesehen; sie sind, obgleich ihre eigentliche Heimat weiter

im Nordosten gelegen ist, für unser Sachsen seit einiger Zeit in recht

erfreulicher Zunahme begriffen, und das ist um so verwunderlicher,

als sich diese kleinen Enten mit Vorliebe Baumhöhlen, die doch immer

seltener werden, zur Brutstätte auswählen. Mir ward von meinem Fährmann

eine solche Höhle gezeigt, wo im vorigen Jahre eine »Schelle« ihre

Jungen erbrütet hatte: ein Loch in einem wagrechten Ast einer uralten

Föhre, gegen 3 ~m~ hoch über dem Wasser, der Eingang so eng, daß man

nicht recht begreift, wie eine Ente sich hindurchzwängen kann. Hätte

wohl sehen mögen, wie die kleinen Entchen aus der dunkeln Höhle mutig

den Kopfsturz ins Wasser gewagt haben, ähnlich wie die Lummen von ihrer

Helgoländer Felsklippe hinab in die bewegte See.

Die Schellenten hatten sich bei meinem Besuch noch nicht in Pärchen

aufgelöst, sondern hielten in größeren Trupps kameradschaftlich

zusammen. Ein Vergnügen war's, ihnen zuzuschauen, wie sie unaufhörlich

im Wasser verschwanden und dann leicht wie ein Kork wieder auftauchten;

bald waren nur wenige, bald gar keine, bald war wieder die ganze

Gesellschaft auf der Oberfläche zu sehen.

Von den Taucherarten beherbergt der Teich den großen Haubentaucher

in mehreren Paaren, die kleineren Rothalstaucher und die noch viel

kleineren Zwergtaucherchen, die in großer Anzahl ihre Künste zeigten,

während ich Schwarzhalstaucher hier nicht bemerkte.

Die _Haubentaucher_, deren weiße Brust bei jeder Wendung des Vogels

aufblitzt und wieder verschwindet, waren ziemlich mißtrauisch; sie

versanken im Nu unter dem Wasser, wenn sich ihnen unser Boot näherte

und tauchten erst in großer Entfernung wieder auf oder erreichten,

unter dem Wasser schwimmend, die Nähe des Ufers, wo sie das Schilf

unsern Blicken entzog.

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 10 / 15 段