meist gegen Abend, wenn die Sonne zur Rüste gegangen ist. Fürs helle
Licht taugen die Äuglein nicht; da werden sie zugekniffen, daß sie
vollständig im Samtfellchen verschwinden. Und selbst im Dunkel der
Nacht folgen die Spitzmäuse gewiß nicht dem Auge, vielleicht auch nur
selten dem Ohr; in dem Rüsselchen haben sie, was sie bedürfen, einen
feinen Spürsinn und feinen Geruch, der Insekten und Würmer wittert
und dem Jäger die geringsten Erschütterungen des Bodens verrät, die
solch' kleine Beute verursacht. Die Spitzmäuse sind ausschließlich
Fleischfresser; sie verhungern lieber, als daß sie irgendwelche
Pflanzenkost anrühren. Und deshalb gehören sie für den Menschen zu den
nützlichsten Tieren, zumal ihr Appetit außerordentlich groß ist. Hunger
längere Zeit zu ertragen, wie etwa der Frosch es vermag, das ist einer
Spitzmaus unmöglich. Wieviel Leben steckt aber auch in dem kleinen
Warmblüter, mit dem Stumpfsinn des Lurchs nicht zu vergleichen!
Selbst im kalten Winter sind die Spitzmäuse munter und guter Dinge;
von einem regelrechten Winterschlaf wollen sie nichts wissen. Ja ich
habe die kleine Gesellschaft nie so lebhaft gefunden, wie gerade in
der kalten Jahreszeit. Da kommen die Spitzmäuse gern von den Feldern
und Waldrändern herein nach den Ställen und Schuppen der Landwirte,
huschen nach Mäuseart überall herum und suchen, wie sie ihren Hunger
stillen. Im verborgenen Winkel zwischen dem Gebälk schlummert so manche
Insektenpuppe, und mancher Falter hat sich hier zur langen Winterruhe
zurückgezogen; Spinnen gibt's auch überall, und wenn man Glück hat,
läuft einem auch ein Mäuschen über den Weg -- dann wehe dem kleinen
Nager!
Die Spitzmäuse haben wenig Freunde unter den Menschen. »Mäuse« sind's,
denkt der Bauer und schlägt sie tot oder zertritt sie roh mit dem
Stiefel. Da sind Spitz und auch der alte erfahrene Kater weit klüger,
als ihr Herr und dessen ganze Familie. Spitzmäuse und Mäuse können
die beiden gar wohl unterscheiden. Freilich der Kater läßt sich auch
täuschen, doch nur im ersten Augenblick; er fängt die Spitzmaus wie
jedes Mäuslein und beißt sie tot -- ein kurzer Aufschrei, dann ist
alles vorbei. Aber statt die Beute zu fressen, läßt er sein Opfer
unbeachtet liegen und wischt sich den Mund, als habe er etwas Unreines
berührt. Und der Spitz? Er fährt wohl auch auf das samtige Tierchen
los, aber er packt's nicht; denn der Moschusgeruch, den die Spitzmaus
ausströmt, ist so stark, daß keine feine Hundenase dazu gehört, um
zu erkennen, um wen sich's hier handelt. Einem anständigen Hund ist
nichts widerlicher, als solch mit Moschusparfüm behaftetes Wildbret --
pfui Pudel! denkt sich der Spitz. Selbst Fuchs, Iltis und Steinmarder
mögen von der Spitzmaus nichts wissen, obgleich sie selbst doch
auch nicht gerade nach Veilchen oder Maiglöckchen duften. Nur die
gefiederten Mäusejäger, die Tagraubvögel, vor allem der Bussard, ebenso
die nächtlichen Eulen sind nicht so empfindlich. Sie fragen nicht
lange: ist's Spitz- oder Feldmaus? Mit ein paar Schnabelhieben wird
die Beute getötet und zerteilt, oder sie schlucken das ganze Tierchen
auf einmal hinunter, wie wir eine bittere Pille; da merkt man von dem
Moschusgeruch und dem üblen Geschmack nur wenig.
* * * * *
Der Dritte im Bunde der Sippe ist ein ganz abenteuerlicher Gesell; er
lebt unter der Erde, und nur in der Nacht erscheint er bisweilen an der
Oberfläche: der _Maulwurf_. Ein Samtkleidchen hat er an, so fein und
so weich wie die Spitzmaus. Das ganze Persönchen ist in dichten Pelz
eingehüllt, an dem weder Nässe noch Erdkrümchen haften; nur die Pfoten,
die Spitze des Rüssels und das letzte Ende des Schwänzchens schauen
aus dem Samtfell hervor. Die Ohren liegen versteckt und ebenso die
winzigen Äuglein. Der Plüschanzug kommt nie aus der Ordnung, mag sich
sein Träger vor- oder rückwärts in dem dunklen Erdgang bewegen; denn es
fehlt ihm der »Strich«, und nirgends zeigt sich ein »Wirbel«, wie sonst
im Fell glatthaariger Tiere. Und wie schön ist die Färbung des Kleids,
oft tiefschwarz mit fast metallischem Glanz, ins Stahlblau spiegelnd,
oft bräunlich, bisweilen auch silbergrau oder gelblich; selbst weiße
Maulwürfe finden sich, regelrechte Albinos, wenn auch nur selten. Und
weiter, die Unterseite ist selbst zwischen den Beinen ebenso dicht
behaart wie der Rücken und ebenso dunkel gefärbt.
Heute zählt der Maulwurf gleich Marder und Hermelin mit zu den
Pelztieren, eine Ehre, die Tausende schon mit dem Leben bezahlt haben.
Aber wie klein sind die einzelnen Fellchen, eine mühsame Arbeit für den
Kürschner! Doch die Leute bezahlen's, solange es die Mode gebietet.
Und die Nachfrage nach diesem Pelzwerk war, wenigstens in den Jahren
1919 und 20, so stark, daß damals märchenhafte Preise gezahlt wurden
-- 20, ja 25 Mark für solch winziges, noch nicht einmal zugerichtetes
Fellchen! Ich hätte das Gesicht unsers alten Tobias vom Rittergut sehen
mögen, wenn er das gehört hätte; die Pfeife wäre seinem zahnlosen Munde
entfallen, und wie ein Kettenhund hätte er geheult, daß ihm sein Lebtag
der Verwalter nie mehr als 12 Pfennige für einen Maulwurf bezahlt
hat. Der Alte verstand seine Kunst. In die Laufröhre, gleich neben
dem aufgestoßenen Erdhaufen, senkte er die Drahtschlinge, befestigte
ganz lose das hölzerne Häkchen daran, das bei der geringsten Berührung
heraussprang, bohrte den biegsamen Stock tief in die Erde und zog ihn
mit einem Strick zu der klug ersonnenen Falle herab. Nun geht dir's ans
Leben, du unterirdischer Wühler! Stößt du mit deinen Schaufelhänden nur
ein wenig an den hinterlistigen Haken, gleich wippt die Schlinge empor
und erwürgt bist du, noch ehe der Galgen wieder zur Ruhe gekommen ist.
Als Kind habe ich oft dem Tobias in sein Handwerk gepfuscht und
manche Falle zerstört; denn ich hatte es gelesen, was Bechstein und
Lenz von dem Maulwurf erzählen, wie er ein gar nützliches Tier sei,
da er Regenwürmer und Engerlinge verzehre, und nur Dummheit sei's,
wenn man ihn töte. Diese Dummheit hatte sich vor ein paar Jahren
zum Wahnsinn gesteigert: Tagediebe lauerten auf Feldern und Wiesen
dem unterirdischen Gesellen auf; ja es gab Landwirte, die solchen
Maulwurfsfängern ihren Grund und Boden geradezu als Jagdrevier gegen
ein schönes Sümmchen verpachteten. Glaubt der Bauer wirklich, daß
dieser Judaslohn hinreicht, den Schaden quitt zu machen, den das Heer
der Regenwürmer und der Insektenlarven, die nun ungestört ihr Handwerk
treiben können, der jungen Saat zufügt! In mancher Gegend hat dieser
Unfug schon dazu geführt, daß die Maulwürfe selten geworden, ja hie und
da bereits verschwunden sind. Die Maulwurfshaufen, über die du dich oft
so geärgert hast, bist du los, dummer Bauer, aber ebenso deine besten
Bundesgenossen im Kampfe gegen das Ungeziefer, das nun überhand nimmt.
Zum Glück beginnt man bereits einzusehen, wie töricht es ist, den
Maulwurf zu vertreiben. In Bayern hat man ein Gesetz zum Schutze dieses
Insektenfressers geschaffen; in Sachsen freilich ist eine gleiche
Gesetzesvorlage unter den Tisch des Hauses gefallen, hauptsächlich
deshalb, weil die Mode sich von dem Pelzwerk wieder abgewandt hat, die
Fellchen infolgedessen im Preise außerordentlich gefallen sind und so
der Anreiz zur Maulwurfsjagd nicht mehr besteht.
Auch der Nutzen des Maulwurfs wird von mancher Seite stark
angezweifelt. Regenwürmer vertilgt er; Regenwürmer aber sind nützliche
Tiere, die den Boden düngen, lockern und durchlüften. Gewiß, wo aber
diese Würmer allzu zahlreich austreten, da richten sie doch recht
merkbaren Schaden an der Saat an, indem sie die jungen Pflänzchen
massenhaft hinab in ihr unterirdisches Reich ziehen und dann von
den verwesenden Stoffen leben. Aber der Maulwurf frißt nicht nur
Regenwürmer, sondern er stellt auch den Engerlingen, diesen schlimmen
Gesellen, nach. Er folgt ihnen selbst in ihre tiefer gelegenen
Schlupfwinkel, wohin sie sich in der kalten Jahreszeit zurückziehen.
Denn zu den Winterschläfern gehört der Maulwurf ebensowenig wie die
Spitzmaus. Tag für Tag, selbst wenn bitterer Frost die oberste Schicht
der Erde in Bann hält und der Bauer denkt, es ist draußen alles Leben
erstorben, arbeitet der unterirdische Wühler unermüdlich zum Nutzen des
Landmanns, der ihm seine verborgene Tätigkeit nur allzuoft mit Undank
vergilt. Auch bei lang anhaltender Trockenheit im Sommer, wenn die
Engerlinge und andre Insektenlarven sich tiefer in die Erde eingraben,
verlegt der Maulwurf seine Jagdgründe dahin. Es wird behauptet,
daß er für die Zeit der Not auch Nahrungsspeicher einrichte, wie
weiland Joseph in Ägypten in den sieben fetten Jahren, gewissermaßen
Regenwurmmagazine, eingebaut in die Wandungen seiner unterirdischen
Gänge. Weil er aber tote Tiere nicht gern frißt, sondern allezeit
frisches Fleisch haben will, so bringe er den Würmern nur einen Biß
bei, der die Ganglienkette zerstöre, so daß sie nicht recht sterben
und nicht recht leben, auf keinen Fall aber entfliehen können. Man
will Hunderte von Würmern in ganzen Haufen beieinander gefunden haben,
denen ihr Feind die vorderen Ringe des Körpers, namentlich den sog.
»Kopflappen«, aufgerissen habe. Und vielleicht sei es weniger der Biß
selbst, als der Speichel des Maulwurfs, der die Lähmung der Würmer
verursache.
Das Nahrungsbedürfnis unseres Insektenfressers ist, wie das aller
kleinen Warmblüter, außerordentlich groß, und deshalb kann sein Nutzen
nach dieser Richtung hin nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem
durchlüften seine Gänge den Boden, was den Pflanzen zum Vorteil
gereicht. Die Erdhaufen, die er auf den Wiesen aufwirft, wird man ihm
leicht verzeihen können; mit dem Rechen läßt sich alles schnell in
Ordnung bringen. Und wenn auch durch die unterirdischen Wühlereien
ein paar Saatpflänzchen gelockert werden oder das Gras der Wiese
über dem einen oder andern Reviergang des Insektenjägers nicht recht
gedeihen will, weil die Wurzeln bloßgelegt sind, so wird das nicht viel
bedeuten. Nur im Ziergarten kann man den Maulwurf nicht dulden; aber
nach Falle und Galgen braucht man nicht gleich zu greifen. Es gibt
andre Mittel, durch die er sich leicht vertreiben läßt. Mit Petroleum
getränkte Lappen oder Heringsköpfe kann er nicht erriechen; parfümiert
man seine Gänge damit, so vergrämt man den Maulwurf. Noch sicherer ist
es, um kleine Blumenbeete Dornen oder Glassplitter ein bis zwei Fuß
tief einzugraben; sein empfindlicher Rüssel ist ihm zu lieb, als daß er
ihn sich an solchen Dingen verletzen ließ.
Die Wohnung des Maulwurfs, eine kesselförmige Höhlung, liegt etwa einen
halben bis dreiviertel Meter unter der Erde, an einer Stelle zumeist,
die schwer zugänglich ist, z. B. unter dem Schutz einer Mauer, eines
Erdhaufens oder dichten Wurzelgeflechts. Mit Laub, Moos, Stroh ist die
Höhle gepolstert; denn sie dient nicht nur zur Wohn-, sondern auch zur
Schlaf- und bisweilen zur Wochenstube. Von dem Kessel aus erstrecken
sich strahlenförmig nach allen Richtungen mehrere Gänge, die meistens
wieder untereinander durch einen Rundgang verbunden sind. Diese Gänge
vereinigen sich in einiger Entfernung zu einer Laufröhre, die nach
dem Jagdgebiet führt. Auch vom Boden des Kessels senkt sich ein Gang
in die Tiefe, um jedoch bald wieder aufzusteigen und gleichfalls jene
Laufröhre zu erreichen. Die Wände der Röhren sind sorgfältig und sauber
geglättet; denn der Hohlraum wird hier weniger dadurch gewonnen, daß
der Maulwurf Erde auf die Oberfläche befördert, sondern dadurch, daß er
mit seinem walzenförmigen Körper den lockeren Boden zusammendrückt.
Die sog. Maulwurfshaufen sind in der Regel auf das Jagdgebiet
beschränkt, das oftmals 60 oder 80 ~m~ vom Wohnkessel entfernt liegt.
Dieses Revier durchwühlt der Maulwurf nach allen Richtungen hin
gründlich. Täglich baut er neue Gänge, wobei er die Erdmassen mit
Nacken und Hals an die Oberfläche befördert. Wenn er »aufstößt«, bleibt
er aber in weiser Vorsicht immer noch etwas unter der Erde. Trotzdem
wird er bei dieser Tätigkeit nicht selten von einem Feind überrascht
und gepackt, vom Fox, der schnell seine Schnauze in die lockere Erde
stößt, oder vom Storch, der mit dem Bajonettschnabel tief in den
aufgeworfenen Haufen sticht. Auch der alte »Tobias« hat so manchem
Maulwurf schon aufgelauert, wenn er gerade aufstößt, was dreimal am
Tage, früh, mittags und abends, mit genauer Zeiteinteilung geschehen
soll. Schnell das Grabscheit in die Erde stoßen und herauswerfen, was
es gefaßt hat! Der überlistete Wühler fliegt mit in die Luft und ist
dann verloren.
Wer noch nie junge Maulwürfe gesehen hat, der kann sich kaum eine
Vorstellung davon machen, wie spaßhaft diese winzigen Wesen aussehen.
Sie sind, eben geboren, nicht viel größer als eine weiße Bohne,
nackt, ganz unbehilflich, alle Glieder unfertig, Schweinsembryonen zu
vergleichen. Dabei sind sie dick und wohlgenährt, rundlich, und die
fein gefaltete Haut ist trotzdem auf Zuwachs der Leibesfülle berechnet.
Nach zehn Tagen etwa sind die Körperchen mit zartem Flaum überzogen,
durch den die rosige Haut aber noch immer durchschimmert, bis sich
die Haare zu dem weichsten Samtfellchen schließen. Noch zwei Wochen
vergehen, dann werden die Kleinen allmählich entwöhnt; Regenwürmer
und allerlei Kerbtiere trägt die Mutter herbei und verfüttert sie
stückweise an ihre Kinder. Droht eine Gefahr, so gräbt sie in Eile
eine andere Höhle und trägt ihre Jungen im Maule dahin. Namentlich
Hochwassergefahr, aber auch die Nachstellungen anderer Maulwürfe, den
Vater nicht ausgenommen, veranlassen die Mutter zu solcher Fürsorge.
Nach vieler Mühe sind die Jungen endlich so weit, daß sie der Alten auf
ihren Pirschgängen folgen können, bis sich schließlich eins nach dem
andern von der Familie trennt und nun ein selbständiges Leben beginnt.
Noch ein zweites Mal wirft die Mutter vier oder fünf Junge, die aber
erst im kommenden Frühjahr einen eigenen Hausstand gründen.
Es gibt kaum ein anderes Säugetier, dessen Körperbau sich den
Verhältnissen, unter denen es lebt, so vollkommen angepaßt hat, wie der
Maulwurf. Oder richtiger: beim Maulwurf läßt sich die Übereinstimmung
des äußeren und inneren Baus mit der Lebensweise so deutlich erkennen,
wie wohl bei keinem andern Säugetier. Zur unterirdischen Wühlarbeit hat
die Natur den Maulwurf bestimmt, und nur unter diesem Gesichtspunkt
wird sein seltsamer Körperbau verständlich. Die Vorderfüße sind
zu wirklichen Händen umgebildet worden mit fünf Fingern, an denen
krallenartige Schaufelnägel sitzen. Sie stehen seitwärts am Körper,
die Handfläche nach hinten, der kleine Finger nach oben gerichtet.
Ihr Arbeitsradius reicht beiderseits so weit, daß der walzenförmige
Leib des Tieres in dem gegrabenen Tunnel gerade Platz findet. Kräftig
sind jene Schaufeln gebaut; ihr kurzer Stiel, den Ober- und Unterarm
darstellend, ist ganz im Körper verborgen. Starke Muskeln treten
von dem gekielten Brustbein an die Knochenwülste der Arme heran und
vermitteln diesen die Kraft, die schwere Arbeit zu leisten. Die
Hintergliedmaßen sind viel schwächer; sie haben den Körper nur vorwärts
zu schieben und zeigen deshalb gewöhnliche Füße mit Zehen und Sohlen,
wie sie auch Igel und Spitzmäuse besitzen. Auffallend stabartig
gebildet sind Hüft- und Sitzbeine; sie legen sich der Wirbelsäule an
und steifen sie, um das Vorwärtsschieben der lebendigen Bohrmaschine zu
erleichtern.
Daß auch die winzigen Äuglein, nicht größer als ein Stecknadelkopf,
zu dem unterirdischen Leben passen, liegt auf der Hand. Im Dunkel der
Erde sind sie ganz überflüssig, und wenn auch der Maulwurf in der
Nacht aus seiner Grube hervorkommt, so genügt es ihm wohl, hell und
dunkel unterscheiden zu können. Mehr braucht er nicht; das Geruchsorgan
und der feine Tastsinn seines Rüssels verraten ihm, was er zu wissen
bedarf. Die Ohrmuscheln fehlen völlig. Sie würden als Fangtrichter für
Erdkrümchen nur hinderlich sein; auch leitet der Boden die Schallwellen
weit besser als Luft. Noch manche andere Anpassungen lassen sich
auffinden: die Halswirbel, die einander teilweise überdecken; es kommt
ja nicht auf Beweglichkeit, sondern im Gegenteil auf eine gewisse
Starrheit dieses Körperteils bei der Minierarbeit an; die Hautfalte
der Oberlippe, die sich an die Unterlippe fest anlegt und den Mund
vollkommen abschließt, daß auch den feinsten Erdteilchen der Eintritt
gewehrt wird; eine Hautfalte an der Ohröffnung, die demselben Zweck
dient usw.
Man wird zugeben, daß der Maulwurf in seiner ganzen Erscheinung
ein besonders interessantes Tier unserer Heimat ist, dazu eins der
nützlichsten Geschöpfe, zugleich aber auch ein volkstümliches Tier, von
dem manche Fabel zu berichten weiß. Ich erinnere nur an den »Weißen
Maulwurf« von Otto Julius Bierbaum, dem die Ehre ward, daß man ihn im
Maulwurfs-Pantheon beisetzte, oder an den Maulwurf G. A. Bürgers, dem
alle Tugend nichts half; der Gärtner schlug ihn tot, weil er die schön
geebneten Blumenbeete durch seinen Aufwurf verunziert hatte.
Kurzsichtig, töricht und vor allem undankbar ist der Mensch. Wieviel
Feinde haben doch gerade die nützlichsten Tiere! _Igel_, _Spitzmaus_,
_Maulwurf_, ein Kleeblatt, an dem jeder seine Freude haben sollte! Ich
möchte all meinen Lesern die Samtfellchen Maulwurf und Spitzmaus, ganz
besonders aber auch meinen Liebling, den stachelborstigen Igel, recht
fest an das tierfreundliche Herz drücken. Möge nie die Zeit kommen, wo
eins von diesen Dreien durch Unverstand und Roheit aus unsrer Heimat
verdrängt sein sollte!
Vogelnester
Von jeher hat die Bautätigkeit der Tiere die Aufmerksamkeit des
Menschen in hohem Grade auf sich gelenkt. Besonders zwei Tiergruppen
sind es, die Insekten und die Vögel, denen wir in dieser Beziehung
die höchste Bewunderung zollen müssen. Während aber bei jenen nur
eine verhältnismäßig geringe Zahl sich durch allerdings staunenswerte
Baukunst auszeichnet, verstehen es die meisten Vögel mehr oder weniger
kunstvolle Nester zu errichten. Grundverschieden sind diese nach
Bauart, Form und Material; ja sogar der einzelne Vogel derselben Art
baut bisweilen ganz abweichend -- bald frei in luftige Höhe, bald auf
den Boden, bald ins Dunkel einer Höhle -- immer aber versteht er es,
sein Nest in vollendeter Weise der Umgebung wie seinen Bedürfnissen
anzupassen, so daß jeder Architekt von dem kleinen Vogel lernen könnte.
In der freien Natur gibt es wohl keinen Platz, der diesem oder jenem
Vogel nicht willkommen wäre, keine Örtlichkeit, die nicht Zeuge des
lieblichsten Familienlebens werden könnte. Unsre kleinen Sänger
vertrauen ihre niedlichen Nester dem Zweigwerk von Baum und Strauch
an; sie schlüpfen durch ein Astloch des Obstbaums oder stellen ihr
Nest ins Gestrüpp und dürre Laub auf den Boden. Raubvögel bauen meist
auf Felsen und hohen Bäumen; sie sind stark genug, freistehende
Horste verteidigen zu können. Auch andere große Vögel verhalten
sich ähnlich: Reiher, Störche, selbst Raben, Krähen und Elstern. Die
Rebhühner, Trappen, Lerchen und andere Feldbewohner brüten am Boden;
die Spechte, diese echtesten Baumvögel, meißeln sich eine Höhle in den
Baumstamm, die später auch von andern Höhlenbrütern benutzt wird. Die
Sumpfvögel bauen auf den Boden am Rande des Wassers, die Wasservögel
ins Röhricht von Fluß und See; die Lappentaucher errichten nicht
selten ein freischwimmendes Nest. Strandvögel vertrauen Eier und Brut
dem flachen Kies oder der steilen Klippe an, wo die Woge brandet. Die
lichtscheuen Eulen brüten an dunklen Orten, in Fels- und Mauerspalten,
in Baumhöhlen; der winzige Zaunkönig wählt für sein kugliges
Nestchen irgendeinen der tausend Schlupfwinkel seines Reviers, ein
Wurzelgeflecht, das Mauerloch einer Brücke, Lücken in einer Waldhütte,
einer Holzklafter usw.
Aber es gibt auch Ausnahmen, die wir Menschen uns nicht so einfach
zusammenreimen können. So brüten Rohr- und Kornweihe, diese
fluggewandten Räuber, auf dem Boden; der Fischer Kormoran errichtet
seinen ungefügen Bau auf hohen Bäumen, nicht selten auch manche
Wildentenart; so brütet die Schellente bei uns mit Vorliebe in
Asthöhlen, oft recht hoch über dem Boden, und die Stockente hat
sich schon Elsternhorste als Kinderstube gewählt. Der weiße Storch
sucht den Schutz des Menschen auf, desgleichen die Haus- und die
Rauchschwalbe, während deren Base, die Uferschwalbe, obwohl sie im
übrigen ähnliche Lebensweise führt, in steile Lehm- und Erdwände Röhren
gräbt, einen Meter tief und darüber. Wer würde es dem farbenprächtigen
Eisvogel ansehen, daß er gleichfalls ins unterirdische Dunkel eines
selbstgegrabenen Stollens schlüpft, um seine Jungen zu ätzen, wer der
Hohltaube, daß sie ihr Zwillingspärchen in einem Astloch aufzieht oder
in einer verlassenen Spechtshöhle, während doch Ringel- und Turteltaube
freistehende Nester bauen! Warum errichtet der Gartenlaubvogel die
Wiege seiner Jungen in der Astgabel niedriger Bäume, alle andern
Laubvögel aber am Boden oder unmittelbar darüber, in der Vertiefung
eines alten Baumstocks u. dgl.? Warum dort ein offenes Nest, hier aber
ein kugelförmiges mit engem Eingang, geformt wie ein Backofen? Ja, wer
es wüßte!
Strenger noch als an einer bestimmten Örtlichkeit hält jeder Vogel
an der Wahl gewisser Niststoffe fest. Kein Goldammer verzichtet auf
Pferdehaare oder Schweinsborsten; keine Entenart brütet die Eier aus,
ohne mit zartem Flaum das Innere des Nestes auszupolstern. Krähen und
Elstern tragen Erde und kleine Rasenstücke in ihren Horst; Amsel und
Ziemer verbinden die eigentlichen Niststoffe mit Lehm und mit feuchter
Erde, wodurch das unförmliche Nest oft außerordentlich schwer wird,
während ihre Verwandte, die Singdrossel, fein zerkleinerten Holzmull,
den sie mit Speichel vermischt, gleichmäßig und glatt über die
Innenwand ihres saubern Baues streicht. Feuchte Erdklümpchen benutzt
die Hausschwalbe, zartes Moos der Zaunkönig; dürres Laub bildet die
Grundlage für das Nest der Nachtigall; Flechten und Insektengespinst
verwenden Buchfink und Goldhähnchen -- kurz, jeder Vogel hat eine
ausgesprochene Vorliebe für ganz bestimmte Stoffe, und nur im Notfall
einmal wird er sie durch ähnliche Dinge ersetzen.
Wie sich die besondere Nistweise, an der die einzelne Art mehr oder
weniger festhält, bis zu der gegenwärtigen Musterform entwickelt
hat, ist eine offene Frage. Wir wissen nicht einmal, sind die
bodenständigen Nester oder die in den Zweigen der Bäume erbauten als
die ursprünglicheren anzusehen; nimmt der Vogel, der in Höhlen brütet,
eine tiefere Stufe ein als der sogenannte Freibrüter, oder lassen uns
nicht gerade viele Höhlenbewohner, die ihr oft recht hübsch gebautes
Nestchen in ein Astloch, eine Mauerspalte stellen, vermuten, daß sie
ehemals Freibrüter waren, aber um die Sicherheit für Eier und Junge
zu erhöhen, zu dieser vollkommeneren Methode fortgeschritten sind?
Wenn wir im folgenden einige besonders eigenartige Vogelbrutstätten
betrachten wollen, und zwar in der Anordnung, daß wir von den scheinbar
einfachsten Verhältnissen ausgehen und uns zu immer kunstvollerer
Bauweise wenden, so möchten wir doch keineswegs damit behaupten, daß
dieser Gang nun auch wirklich der natürlichen Entwicklung der bei den
Vögeln geübten Baukunst entspreche.
Einzelne Vögel begnügen sich mit der einfachen Reptilienmethode, indem
sie ohne weitere Fürsorge ihre Eier auf den Boden legen. So vertrauen
die meisten Strandläufer, viele Schnepfenvögel, Seeschwalben, manche
Möwen die Eier dem bloßen Kies an oder der kurzen Grasnarbe, ohne
daran zu denken, ein wirkliches Nest zu bauen. Auch die Nachtschwalbe
kennt ein solches nicht; auf plattem Boden brütet sie ihre beiden Eier
aus, oder auf dichtem Heidekrautgestrüpp, auf dem Moos eines niedrigen
Baumstocks u. dgl.