zurechtmache, auf seinen Stacheln all die Stoffe zusammen, die ihn
wärmen sollen, Stroh, Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In
die natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt er diese
Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und verwahrt besonders den
Eingang. Aber solch fester Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus,
ist der Igel durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten
im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte.
In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten Lager zwischen
trockenem Laub, Gräsern und sonstigem Pflanzenwust werden die
Swinegelchen geboren. Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und
zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz weich -- es wäre auch
sonst bei der Geburt höchst unangenehm gewesen für Mutter und Kind. Die
Alte muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten Jungen mit
ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt; sie deckt die Kleinen mit
den ziemlich weichen, rötlichgelben Haaren ihrer Bauchseite, zwischen
denen die Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft; in der
Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung liegt auf
ihren Schultern; der Papa lebt getrennt von der Familie, ein rechter
Einsiedler und Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen.
In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter behütet, wachsen
die Kleinen sehr schnell heran. Schon sind sie mit spitzen Stacheln
und scharfen Zähnchen bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße
trippeln so hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch und
zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen und nehmen eins
der Tierchen in die Hand -- eine Roßkastanie in stachliger Hülle.
So leicht ist die Kugel, daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen
können. Wie wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert nicht
lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger und verschwindet
schließlich im Rockärmel. Wart', Kleiner, du sollst belohnt werden!
Etwas lauwarme Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig
geschlürft. Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie werden's schon
wiederfinden hier an der Hecke oder dort im Gestrüpp des Unterholzes
zwischen den Bäumen.
Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat gibt es kaum ein
anderes Tier, das ich so gern habe wie den Igel, keine interessantere
Gesellschaft als eine Igelfamilie. Gesetzt, die Natur hätte den
stachligen Gesellen nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des
Menschen würde sich solch' abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht
haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es, die der Igel vereinigt:
das stachlige Kleid und die Kunst, sich zusammenzurollen. Und
diese beiden Eigenschaften machen ihn zu einem der merkwürdigsten,
seltsamsten, ja wunderlichsten Geschöpfe.
Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit namentlich auch auf
sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen haben wir doch schließlich
der Natur abgelauscht: die Ruder und das Steuer des Bootes den
Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den Wespen, und das
Neueste, mehr auf geistigem Gebiete gelegen, die »passive Resistenz«
dem Igel. Kein anderes Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr,
der Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt ihre
Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein. Oder sich mit Krallen
und Zähnen verteidigen? warum denn? Kann man es wissen, wie's endet?
Ich ziehe mich lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der
rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein; mein Wille regiert.
Schau du zu, wie du mich faßt! Deine Sache ist's, wenn du dir die
Finger blutig stößt oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach'
mit mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen mal sehen,
wer's länger aushält, ich oder du?
Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der herbstlichen Laube.
Hei, wie das springt von winzigen Flöhen zwischen den Stacheln und hoch
in die Luft hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht, daß
er's fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher Zustand
wär's, wie ihn wohl die mittelalterlichen Ritter in der schweren
Eisenrüstung gekannt haben: jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es
da, und man kann sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise
atmet's im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung -- kreuz und
quer stehen die Stacheln, durchaus nicht in der Richtung der Radien.
Bald legt sich einer nieder, ein anderer richtet sich steiler empor,
von unsichtbarer Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln
an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte des Rückens sind
die nadelspitzen Gebilde am längsten, 2 ~cm~ etwa oder noch etwas
mehr. Hübsch gezeichnet sind sie: in der Mitte lichter, am Grund und
namentlich an der Spitze viel dunkler; doch gibt's auch hellere Igel
mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde, wie unter uns
Menschen. Vollkommen stielrund sind die Stacheln nicht; sie zeigen
Längsfurchen, den Blutrinnen an den Säbeln und Seitengewehren zu
vergleichen. Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau zusehen und
den Kopf drehen und wenden müssen, um sie bei verschieden auffallendem
Lichte zu erkennen. An einem Querschnitt kann man mittels der Lupe
leicht feststellen, daß etwa 25 Längsrinnen an jedem Stachel hinziehen,
bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln stehen weißgraue bis
rostgelbe Borsten, besonders nach den Seiten zu; ja am Bauche und im
Gesicht, an den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu
sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft. Stacheln
wären dort nur vom Übel.
Schon währt's uns zu lange. Willst du dich nicht endlich in deiner
natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf? Wir drehen die Kugel
vorsichtig um, daß sie auf dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester
zieht sich der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen.
Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel oder eine Kapuze vom
Rücken her das ganze Tier umgibt, ist kräftiger als unsre Hand; je
mehr wir uns mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die
Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie sich. Biegsam
wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule unsres Freundes sein, und
auch dafür, daß sie bei dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das
Rückenmark drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln
löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den Druck leichter vertragen.
Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel, denn erschöpft
ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife kommt her! Blaue Wolken
steigen empor, die Luft mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist's,
edles Gewächs. Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch dankbar
sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen sich jetzt die einzelnen
Stacheln; wie eine Welle läuft's dann ganz leise über die Rundung. Die
Kugel dreht sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt
wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der Nichtraucher so gar
nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht zu behagen. Noch ein kräftiger
Gasangriff von unten her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und
unser Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand soll's
merken, daß es endlich nachgeben will. Schon schaut ein Füßchen hervor
mit fünf starken Nägeln, zum Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein
zweites und vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich's
aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen.
Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt, und so lustig
blitzende Äuglein, wie schwarze Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde.
Fein sind die Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen,
die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im Antlitz, darüber ein
Wall längerer Borsten, einem Helm zu vergleichen. Aber das Hübscheste
bleibt doch das verlängerte, vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das
sich schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald nach links,
bald nach rechts. Es bildet die verlängerte und freibewegliche Nase,
zugleich ein Tastorgan von höchster Vollkommenheit. In der Haut der
beweglichen Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen
zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die Gegenwart oder die Nähe
seiner Beute unter dem Laube, im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen
gewissermaßen »schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der
Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen empfindlicher
Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen sitzen, die dem Vogel
die leichteste Erschütterung des Erdbodens anzeigen.
Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist die feine Nase des
Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen auf seinen niedrigen
Beinen an die andre Seite des Tisches, um frische Luft zu schöpfen,
wobei er uns den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu
bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie das kurze,
fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen Mädels. Über den Geschmack
ist nicht zu streiten und über den Geruch ebensowenig. Und ob dem
unverbesserlichen Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes noch
unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er im zeitigen Frühjahr
ausströmt, wenn er der Gattin den Hof zu machen pflegt, das können
wir nicht entscheiden. Der Igelin freilich scheint der parfümierte
Ritter zu gefallen; ihr ist's lieber, als wenn er sich ein Sträußchen
Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat dem einen sin Uhl, is dem annern
sin Nachtigall«. Aber nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich
hergebracht haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort
rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun zurück zur Hecke,
von wo wir sie holten. Ein paar Minuten noch, und der Igel trollt ab.
Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen konnten; dort stehen
perlenartig aneinandergereiht 36 der niedlichsten Zähne. Denk ich sie
mir zu den Maßen eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft
mächtiges Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne fehlen.
Oben und unten 6 Schneidezähne, schräg nach vorn gerichtet, dann
jederseits oben 2 Lückenzähnchen, unten nur eins, scharf wie ein
Meißel, und endlich die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit
scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen der Beute. Die
stärksten Knochen der Maus und der Ratte, des Frosches, der Eidechse,
die Chitinringe der Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des
Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen Gebiß, und auch
größeren Schlangen zerbeißt der stachlige Räuber im Nu die Wirbel.
Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter nicht
fürchtet und die bösartige Schlange sehr schnell bewältigt und
auffrißt. Man sagt, er sei gefeit gegen ihr Gift, genau wie der Storch.
Beides ist nicht ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt
die Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht, ihr mit
dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen, bevor sie imstande ist,
ihren Feind mit den Giftzähnen zu verletzen. Wohin sollte sie ihn
auch beißen? In die Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder
führt wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung wäre gering.
Ähnlich wie der Storch macht es der Igel. Flink und gewandt zerbeißt
er dem unheimlichen Kriechtier Kopf und Genick. Freilich muß er schon
etwas Erfahrung besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn man
sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich zum Opfer, nicht
aber alte, erfahrene Herren. Die getötete Schlange zu fressen, ist
ungefährlich, kein Fakirkunststück; denn im Verdauungskanal ist das
Gift ganz unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt. Gewiß ist
die Widerstandskraft gegen das Schlangengift beim Igel größer als bei
andern Warmblütern. Der Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die
Otter führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich gefeit,
wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht. Igel, die man von
Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel beißen ließ, wurden ziemlich krank
und litten tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten aber
später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren Gifteinspritzungen setzten
sie großen Widerstand entgegen. Die Dosis, die ein Meerschweinchen
schnell tötet, muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend
erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt unser Stachelträger
sehr tapfer; so macht er sich gar nichts daraus, auch einmal ein paar
grüne Spanische Fliegen zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren
den Tod, wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in der
Speiseröhre verursacht.
Pflanzenkost verschmäht der Igel aber auch nicht. Obst, das sahen wir
schon, ist ihm eine Lieblingskost, ebenso Beeren aller Art, desgleichen
saftreiche Wurzeln, wie Mohr- und Steckrüben; ob er auch Schwämme
verzehrt, kann ich nicht sagen. Reich ist der Speisezettel, den Mutter
Natur für ihn bereit hält. Nur das eine sollte der Gefräßige lassen,
nämlich das Plündern bodenständiger Nester; dadurch schadet der Igel
vielleicht mehr, als man denkt. So mancher Forstmann klagte mir schon,
daß der Bursche Fasaneneier getrunken, junge Schnepfen gefressen, ja
Rebhuhneier, während die Henne darauf saß und sie heftig verteidigte,
zu rauben versucht habe. Selbst junge Häschen sollen ihm bisweilen zum
Opfer fallen (?). Und der Strafe entzieht sich der stachlige Raubritter
stets; sofort ist die Kugel gebildet: greife mich an, wenn du's wagst!
Nur dem Uhu darf er's nicht sagen. Der kümmert sich nicht drum. Mit
seinen wehrhaften Krallen packt er kühn zwischen die Stacheln, und mit
dem mächtigen Schnabel löscht er dem Igel das Lebenslicht aus.
Eigentlich sollte man meinen, die Verminderung der Raubvögel müsse den
Igeln zugute kommen wie etwa den Mitgliedern der Krähensippe oder den
Spechten. Mag sein, aber andre feindliche Kräfte sind am Werk, diesen
Vorteil aufzuheben; es scheint mir, man begegnet heute viel seltener
einmal einem Igel, als in früheren Zeiten. Der Jäger ist ihm feindlich
gesinnt; ja manche Jagdschutzvereine hatten früher den Igel mit in
die Liste des Raubzeugs aufgenommen, für dessen Erlegung Belohnungen
gezahlt wurden. Gegen jede Verfolgung sollten aber die Landwirte
entschieden Einspruch erheben, denn für sie ist der Igel als treuester
Verbündeter gegen die Mäuse ein sehr nützliches Tier. Vier, sechs
Feldmäuse zu einer Mahlzeit mit Haut und Haar zu verzehren, ist ihm
eine Kleinigkeit, und auf Insekten hat er immer Appetit; solch kleines
Getier ist überhaupt nicht zu rechnen, denkt er bei sich.
Nur in einer Beziehung ist der Igel genügsam, im Trinken. Es muß
schon recht heiß sein, ehe er einmal aus einer Pfütze am Wege trinkt
oder aus einem der kleinen Wasserbecken, die der Wald zwischen dem
oberirdischen Wurzelgeflecht der Bäume für seine durstenden Bewohner
allzeit bereit hält. Auch die Igel, die ich tage- und wochenlang in
Gefangenschaft hielt, haben nur selten von dem Wasser geleckt, das
ich nie versäumte, in den Raum zu stellen, den ich ihnen anwies. »Mit
Wasser bleib mir ferne!« scheint ihr Losungswort zu sein. Sie verhalten
sich also ähnlich wie die meisten Raubvögel, die ja auch zugleich mit
ihrer blutigen Kost so viel Flüssigkeit aufnehmen, daß sie tagelang des
Wassers entbehren können, obgleich es auch Ausnahmen gibt. So tauchte
ein Schleierkauz jedes Stückchen Fleisch, das ich ihm gab, ins Wasser,
ehe er's verschlang. Merkwürdig ist's, daß die Igel, die alten wie
die jungen, sehr gern etwas Milch schlürfen, wobei sie wohlgefällig
schmatzen, so gut schmeckt es ihnen.
Wollten wir als Kinder einen Igel, wenn ich so sagen darf,
»aufwickeln«, so kannten wir bei dem streng befolgten Rauchverbot nur
zwei Mittel. Das eine war Musik. Wir machten in seiner Nähe durch
Trommeln auf der Gießkanne einen Höllenspektakel. Aber das Mittel
versagte bisweilen; denn oft zog sich Meister »Struppig« nur noch
enger in sein Innerstes zurück: »Lärmt wie ihr wollt, ich halte meine
Öhrlein verschlossen!« Das andere Mittel wirkte schneller und sicherer:
ein tüchtiges Brausebad. Mitunter haben wir die stachlige Kugel auch
den Wiesenhang hinabgekollert, geradenwegs in den Bach und uns dann
teuflisch belustigt, wie sich der Igel im Wasser sofort aufrollte und,
obgleich er's nie gelernt, doch äußerst geschickt, das Näschen über dem
Wasser haltend, nach einer Stelle am Ufer schwamm, wo er am leichtesten
wieder festen Grund unter den kleinen Füßen fassen konnte. So völlig
durchnäßt, rollte er sich nie wieder sofort zusammen, sondern ließ
uns ruhig seine ganze Person betrachten, den Kopf, die Füße, das
Schwänzchen. Die Nässe des Unterleibs war offenbar seinem Schnäuzchen
viel zu unangenehm, als daß er es zwischen den triefenden Borstenhaaren
versteckt hätte. Auch der Fuchs soll den Igel ins Wasser rollen, um ihn
dann zu bewältigen. Ob es wahr ist, weiß ich freilich nicht.
Den Igel zu essen, fällt bei uns niemand ein, obgleich sein fettes
Fleisch im Herbst gewiß ebenso gut schmecken mag, wie das des Dachses,
mit dem er ja in der Lebensweise wie in der äußeren gedrungenen Gestalt
manches gemein hat. In Spanien hat man ihn ehemals während der Fasten
häufig gegessen; ich möchte die Ausrede kennen, die man gebraucht
haben mag, um solchen Fleischgenuß zu rechtfertigen. Bekannter ist die
Vorliebe der Zigeuner für einen Igelbraten. Im Lande der Stephanskrone
war ich einst Zeuge, wie sich die braunen »Söhne Pharaos« auf dem
Felde ein Igelgericht zubereiteten. Drei Stück, die sie gefangen und
erschlagen hatten, wurden von den urwüchsigen Gesellen notdürftig
ausgeweidet, dann wieder zu einer Kugel zusammengerollt, mit feuchtem
Lehm dick umgeben und schließlich in der glühenden Asche gebacken, wie
Schinken in Brotteig. Als nach geraumer Zeit der Lehm zu bröckligem
Ziegel gebrannt war, stieß der Oberkoch mit dem Fuß die heißen Klumpen
aus der Asche heraus und zerschlug die Umhüllung. Die Stacheln und
die meisten harten Borsten blieben in ihr stecken. Was mit dem toten
Ungeziefer geschah, das weiß ich nicht, ging mich auch weiter nichts
an. Mürb war der Braten und saftig, und er schmeckte dem genügsamen
Völkchen allem Anschein nach großartig.
Mancher Igel hat in früheren Zeiten auch für die Gesundheit des
Menschen sein Leben lassen müssen; denn der Igelleib bot bei dem oder
jenem Gebreste der leidenden Menschheit so manches sicher wirkende
Heilmittel. Selbst dem Gewerbe kam die stachlige Haut zu statten;
sie diente im alten Rom zum Karden der wollenen Tücher, desgleichen
als Hechel. Auch noch später bildete sie zu ähnlichen Zwecken einen
Handelsartikel.
Das Volk will zwei Abarten des Igels unterscheiden: »Hundsigel« und
»Schweinsigel« -- der letztere ist der bekanntere, schon wegen des
reizenden Märchens »Swinegel un sine Fru«. Der Zoolog aber kennt
bei uns nur die eine Spezies: ~Erinaceus europaeus~. Freilich in
Südostrußland, in den Niederungen um den Kaspischen See und östlich
bis zum Baikalsee kommt noch eine andre Form vor mit etwas längeren
Ohren und kürzerem Schwanz, unten sehr hell behaart, sonst unserm
europäischen Igel ganz ähnlich. ~Erinaceus auritus~, langohriger Igel
nennt ihn der Zoolog.
Unser Landsmann ist in fast ganz Europa heimisch, mit Ausnahme der
nördlichsten Länder, etwa vom 63° n. Br. an. Auch die waldreichen
Gebirge bewohnt unser Igel; in den Alpen steigt er bis gegen 1500 ~m~
an, im Kaukasus gar bis 2000 ~m~. Die Wälder und Fruchtauen, die Felder
und Gärten der Ebenen und Hügelländer sind ihm aber doch lieber.
Sehr zahlreich kommt er in den weiten russischen Ebenen vor, auch im
nördlichen Asien ist er verbreitet. Dort und namentlich in Afrika
stellen sich dann auch manche andere Arten der stachelborstigen Familie
ein. Das Stachelschwein aber, das seine Heimat in den Mittelmeerländern
hat -- in Nordwestafrika, in Griechenland und in Süditalien bis
nordwärts zur römischen Campagna trifft man es an -- gehört nicht
hierher, sondern zu den Nagetieren.
Im Verborgenen führst du dein Leben, du seltsamer Einsiedler, drolliger
»Bruder im stillen Busch«, von den Menschen wenig beachtet, von vielen
verkannt. Nur einen Ort weiß ich, der bringt dich zu Ehren, ja er nennt
sich nach dir, Iglau in Mähren. Er hat sich dein Konterfei ins Wappen
gesetzt, wie Griechenlands Hauptstadt die Eule, das Sinnbild der Pallas
Athene. Lustige Igel sind's in dem einen Feld, in dem andern aber
züngelnde Löwen mit aufgerissenen Rachen. Noble Gesellschaft, nicht
wahr? Laß sie nur spotten, die andern Tiere des Waldes: struppiges
Stacheltier, Borstenträger, Schweinigel und wie sie dich schimpfen --
_du_ gabst der Stadt ihren Namen und nicht der König der Tiere!
* * * * *
Die nächsten Verwandten des Igels, die _Spitzmäuse_, sind
Gnomengestalten, die kleinsten unter den Säugetieren; ja das winzigste
Geschöpfchen, die Zwergspitzmaus, wird nur 9 ~cm~ lang, wobei das
Schwänzchen sogar mitgerechnet ist, und die häufigste Art, unsre
Waldspitzmaus, ist auch nicht viel größer: 11 ~cm~, wovon reichlich
4 ~cm~ auf den Schwanz kommen; der kleine Finger des Menschen ist meist
noch etwas größer. Alles ist zierlich an diesem Zwergengeschlecht: das
rüsselartig verlängerte Näschen, die winzigen schwarzen Perlen der
Äuglein, die niedlichen Ohren, die Pfötchen, und das Fell so weich,
ein Samthabitchen, wie es auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen
gibt. Und gar erst die Zähnchen: köstlich diese winzigen Gebilde,
32 an Zahl, dolchspitz, scharfhöckerig; gleich den Schneiden der
Schere passen sie aufeinander oben und unten, zum Zermalmen der
harten Chitinpanzer, wie sie die Insekten tragen, geschaffen und zum
Zerschneiden von Haut und Muskeln der kleinen Beutetiere geeignet.
Aber die Waffe allein tut's nicht, die Spitzmäuse verstehen sie auch
zu führen, und eine Tapferkeit, ja Todesverachtung steckt in diesem
Pygmäengeschlecht, daß kein Wesen sicher vor ihnen wäre, wenn sie
eben nicht zu den kleinsten Warmblütern gehörten. Wehe, wenn sich
ein anderes Tier in das Bereich der Kleinen verirrt! Jede Maus wird
angefallen und bald überwunden. Kampf auf Leben und Tod! Pardon geben,
das kennen die Spitzmäuse nicht, und der Sieger frißt den Besiegten.
Ein paar Wollfleckchen bleiben übrig, vielleicht auch das Schwänzchen.
Die Zähne vermögen selbst die stärksten Knochen der Maus zu zerknacken.
Erbitterte Kämpfe auch unter den Artgenossen, sogar unter den nächsten
Blutsverwandten. Die Mutter beißt ihr Kind tot, das sie entwöhnt hat,
wenn's wieder zu ihr zurückkehrt, und frißt es mit Stumpf und Stiel --
nun wird's das Wiederkommen vergessen; der Gatte frißt die Gattin, die
Geliebte den Freier, der Bruder den Bruder. Keins fühlt sich sicher vor
seinen Genossen; es kommt nur darauf an, wer der Stärkere ist. Gewalt
geht vor Recht.
Auch ihre Wohnung hat sich die Spitzmaus meist mit Gewalt erobert, ein
Mauseloch ist's. Der rechtmäßige Besitzer ist den Weg alles Fleisches
gegangen und seine hoffnungsfrohe Kinderschar mit ihm. Oft genügt der
Spitzmaus auch eine Höhlung im Wurzelgeflecht einer Buche, einer Eiche
oder eine kleine Bodenvertiefung zwischen allerlei Pflanzenwust zur
Aufnahme ihres Wochenbetts. Ende Mai, Anfang Juni ist die Kinderstube
voll jungen Lebens: fünf bis zehn winzige Dinger, nackt und unbeholfen,
blind noch und zahnlos. Piepend und winselnd suchen sie nach dem
Milchquell, wenn die Alte sich sorgsam über die rosigen Körperchen
legt. Dann herrscht Ruhe am häuslichen Herd; nur das saugende Atmen
vernimmt die glückliche Mutter, bis schließlich eins nach dem andern
die Zitze freigibt. Nun sind sie gesättigt und schlafen, und die Mutter
kann auf kurze Zeit ihre Kinder verlassen, um für die eigne Nahrung zu
sorgen.