Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der Kriechtiere wollen wir

noch erwähnen, die _Ringelnatter_. Sie ist bekanntlich eine vorzügliche

Schwimmerin. Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der schlanke,

geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen Windungen an der

Oberfläche des Wassers dahingleitet, den breiten Teich durchquerend

oder die Strömung des Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins

Meer schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im Barther

Bodden, wohl 5 ~km~ weit vom Land, vom Fischerboot aus beobachtet

und gefangen; ein fingerlanges Fischchen erbrach sie vor Schreck. An

und in unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern genug,

und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten ihnen recht feind

sind, wenn es sich auch nur um kleine Flossenträger handelt, denen

die Nattern nachstellen. Im übrigen aber sind diese Schlangen ganz

unschuldige Geschöpfe, die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der

Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte.

Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die _allgemeinen_

Interessen _höher stehen_ als die besonderen des einzelnen, dann würde

uns die Sorge um den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der

Seele genommen.

Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos«

Fröhlichen Ringelreihen tanzen Buben und Mädel auf maigrünem Anger.

»Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her«, singen die

hellen Kinderstimmen dazu, und dann folgt ein anderes ausgelassenes

Spiel mit tüchtigem Rennen und Jagen; »der Fuchs kommt«, nennen sie's,

jeder spielt es so gern.

Ja, in aller Munde ist er und allen vertraut, Freund Reineke mit der

buschigen Lunte und dem ergötzlichsten Schelmengesichtchen der Welt;

selbst das kleine Nesthäkchen auf Mutters Schoße kennt das Konterfei

des schlauen Betrügers im Bilderbuch ganz genau, und die älteren

Geschwister wissen manche Geschichte von ihm: wie er dem eitlen Raben

den Käse abschmeichelt, die unschuldigen Tauben berückt, den stolzen

»Gockelmann« packt, wie er seinem größeren Vetter, dem Wolf, so arg

mitspielt, den Hasen um seinen Schwanz bringt, wie er aber bisweilen

auch selbst genarrt wird, von der Katze und vom Hahn, ja sogar vom

harmlosen Häschen. Das Lesebuch enthält all diese schönen Geschichten,

die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein, Hagedorn, Simrock und besonders

Robert Reinick -- es liegt schon im Namen -- den Kindern erzählt haben;

sie werden nicht müde, die hübschen Märchen und Fabeln immer von neuem

zu lesen. Und dann das plattdeutsche Epos »Reinke de Vos«, das 1498 zu

Lübeck gedruckt ward, und endlich der ganz große Dichter, hat er nicht

auch dem Fuchs ein Denkmal gesetzt, seine lustigen Streiche für alle

Zeiten verewigt!

Ein Denkmal -- ach ja, das ist der richtige Ausdruck! Als Goethe sein

Tierepos schrieb, da galt es noch einem Lebenden; heute ist der Fuchs

aus manchem deutschen Gau verschwunden, und wenn man ihm weiter so

rücksichtslos nachstellt mit Gift und Fangeisen und tödlichem Blei,

wenn der Jäger im Frühling jeden Bau seines Reviers ausgräbt und die

niedlichen Jungfüchse den mordlustigen Hunden erbarmungslos preisgibt,

so wird es auch über kurz oder lang von Reineke heißen, wie vom Wolf,

vom Luchs und von der Wildkatze: vergangen, vorbei! Wohl lebt er dann

noch weiter im Bild, im Lied und im Märchen -- »es war einmal ...«,

aber draußen in freier Natur auf sonniger Heide läuft dem Wanderer

nie ein Fuchs mehr über den Weg, und Malepartus, die Raubburg, liegt

tot und verlassen. Höchstens hoppeln Karnickel vor ihren Eingängen;

die haben jetzt gute Zeit, wie die Mäuse im Haus, wenn die Katze vom

bösen Nachbar in der Kastenfalle gefangen und dann grausam ersäuft

ward. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Der schlaue Betrüger hat es ja

noch immer verstanden, dem Jäger ein Schnippchen zu schlagen, und in

den größeren waldreichen Revieren, im Gebirge wie im Niederland, haust

Reineke auch heute noch und fristet sein Leben, so gut er's vermag. Ja,

während der Kriegszeit haben die Füchse, so sagte man mir, hier und da

stark an Zahl zugenommen; die Männer vom grünen Tuch standen an der

Front und hatten wichtigere Arbeit, als Jungfüchse zu graben oder den

alten Rüden und Fähen nachzustellen. Aber seit der Preis eines guten

Winterbalgs eine schwindelnde Höhe erreicht hat, ist auch die Gefahr

für den Roten, dem Jäger zum Opfer zu fallen, erheblich gestiegen.

's ist doch gar ein lieber Kerl trotz aller bösen Ränke und Schliche,

und erst seine hoffnungsvollen Sprößlinge -- ergötzlichere Kinder,

allezeit lustig, übermütig, flink und täppisch zugleich, gibt es weit

und breit in keiner andern Familie.

Ich weiß einen Fuchsbau, der liegt mitten drin in der einsamen Heide.

Außer mir weiß nur noch der Förster davon, und der ist mein Freund. Er

hat mir versprochen, in diesem Jahr die alte Fähe und ihre Jungen zu

schonen, weil es der einzige Fuchsbau in dem ganzen Revier ist. Die

Karnickel unterwühlen den lockeren Boden in entsetzlicher Weise und

benagen die jungen Bäumchen der Schonung, daß man wirklich nur froh

sein kann, wenn sie jemand in Schach hält.

Folgt mir hinaus an die Stelle! Jetzt im April ist's am lustigsten

dort. Die Birken am Weg haben ihr duftiges Brautkleid angezogen, das

sich so schön von den dunkeln Nadeln der ernsten Föhren abhebt; die

Singdrossel jubelt im Wipfel des einsamen Überständers; der Specht ist

an seiner Arbeit, und richtig -- der erste Kuckuck! Wohl hundertmal

ruft er; man freut sich doch in jedem jungen Lenz wie ein Kind, wenn

man den lieben Ruf von neuem vernimmt.

An einem sanften Hang zwischen niedrigen Kiefern ist eine Lichtung.

Dornige Sträucher, Heidekraut, allerhand Gräser und Stauden bedecken

den Boden, auch ein Paar Bäumchen mit gelbbraunen vertrockneten Nadeln

liegen, die Stämmchen gekreuzt, wirr umher; der Herbststurm im vorigen

Jahre entwurzelte sie, denn der unterhöhlte Boden gab ihnen keinen

sicheren Halt. Ja, an zwei Stellen ist das lockere Erdreich in die

Tiefe gesunken, unregelmäßige Löcher, etwa einen Meter im Durchmesser.

Früher hauste der Dachs hier; jetzt sind es die Eingänge von Reinekes

Wohnung, zu der enge »Röhren« hinabführen. Weiter oben ist noch ein

ähnliches Loch, nicht ganz so groß, und etwas abseits ein viertes; das

ist aber verschüttet.

Daß der Bau wirklich bewohnt ist, erkennt man sofort. Die Einfahrten

sind glatt getreten, und aus dem Innern dringt uns ein unangenehmer

Geruch entgegen, daß wir den Atem anhalten. Diesen Fuchsgeruch zu

beschreiben, ist nicht möglich; wer aber das durchdringende Parfüm nur

ein einziges Mal frisch an der Quelle eingesogen hat, der bringt's so

leicht nicht wieder aus der Nase, und unverlierbar bewahrt er's in

seinem Gedächtnis. Auch die Reste der Mahlzeiten, die hier und da vor

dem Bau liegen, verpesten mit ihren Verwesungsdüften die Luft, und

nur die vielen Schmeißfliegen, die sie umschwärmen, haben ihre Freude

daran. Hier der Flügel einer Krähe, dort eine angefressene Ratte,

daneben der Lauf eines Rehs, unter dem Kieferngestrüpp der Kopf eines

Karnickels, verschieden große Fetzen vom Fell eines Hasen, mit Blut

besudelte Federn der Ringeltaube und ganz nah an der einen Einfahrt

sogar der bleiche Schädel einer Hirschkuh; irgendwo hat die Füchsin

das verendete Tier aufgefunden und dann den abgebissenen Kopf mühsam

hierhergeschleppt. Dies alles bildet ein Stilleben eigentümlicher Art;

es redet eine deutliche Sprache von List und Gewalt, von Mordgier und

-- Mutterliebe!

Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen hohen Föhren,

die auf das Jungholz herabschauen, in purpurnes Licht tauchend. Da wird

es lebendig vor dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint

in einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach rechts und

hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann mit einemmal ist der kleine Kerl

draußen. Auf den Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug

empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut abend gibt und wie

für morgen die Aussichten sind. Das feine Näschen schnuppert dabei nach

allen Richtungen, und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert; so

heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein und aus. Das Füchslein

sichert, es »wittert«, ob sich etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt

hält; von der Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun

auch so wie sie -- oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus aus im Blut?

Nun schüttelt das Füchslein sein licht gelblichgraues Kinderkleid, das

beim langen Schlaf in dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit

dem einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über die Lauscher

und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem Hops ist es wieder

am Röhreneingang und äugt scharf in die Tiefe, ob die Geschwister

nicht nachkommen. Alle Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der

horizontal ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach rechts

und nach links.

Ein täppischer Satz zur Seite -- da ist schon der erwartete Bruder.

Er blinzelt gegen die untergehende Sonne, deren letzter Strahl sein

grau-grünliches Auge trifft. Nun kann es beginnen, das fröhliche,

ausgelassene Spiel. Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt,

jetzt im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an der Lunte

oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen und kollern sich mutwillig

am Boden umher, richten sich gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten

einander umarmend, überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen

hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder hinauf. In geduckter

Haltung kauern sie jetzt einander gegenüber, jeder zu neuem Angriff

bereit und einer vom andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder

beginne. Da springt der eine Partner plötzlich empor: Brüderchen hasch'

mich! Keuchend mit hängender Zunge geht es rings um den Bau, bis sie

sich wieder gepackt haben.

Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und ganz außer Atem sind,

rasten sie ein wenig in hockender oder in liegender Stellung, »alle

Viere« weit ausgestreckt. Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust

und Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen mit den

listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern schon wieder nach

neuem, noch tollerem Spiel. Sie zerren am Krähenflügel, machen sich

jeden Fetzen vom Hasenbalg streitig -- was der eine packt, das will der

andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind« -- dann suchen sie

den schwirrenden Roßkäfer täppisch mit den dunkeln Pfoten zu erwischen

oder schnappen nach dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt.

Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der Bildfläche

erschienen, und nun geht es noch lustiger zu. »Der Jäger kommt!«

spielen sie gern. Das machen sie so: keins darf sich rühren, nicht mit

den Ohren zucken, keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die

Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold davon, so schnell

er nur kann. Im Nu stieben die andern ebenso auseinander, und in wenig

Augenblicken haben sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder

vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen.

Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die Dämmerung über die

Heide. Da erscheint der Kopf der alten Füchsin im Höhleneingang; mit

Lauschern und Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei,

fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst raschelt --

ein Vogel, der sein Schlafplätzchen sucht -- doch endlich steht sie im

Freien. Sie streckt sich, schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem

rothaarigen Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen,

und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an dem muntern Spiel, da

die Kleinen gar so sehr betteln.

Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit nicht; sie ist

dürr und hager am ganzen Leib, und der Pelz ist verdrückt, am Bauche

sehr schütter und nicht mehr so frisch in den Farben. Das ist kein

Wunder; fünf Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt

sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang konnte die Füchsin

nur auf Stunden den dunkeln Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu

stillen. Und wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen

oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum halbgesättigt zu den

ungeduldigen Kindern zurück; die verlangten nach Speise und fragten

nicht, ob auch der Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder

vierzehn Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war nicht so leicht;

immer und immer wieder suchten sie nach dem Milchquell, wenn auch die

Mutter ärgerlich knurrend sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu

Tag fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem zarten Gesäuge

aber nicht länger ertragen, und so gab's manchen Klaps mit den Pfoten,

und das Fell wurde den Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis

sie schließlich begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen

Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte, den Hunger

ebenso stillen.

Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht über die

schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's Zeit für den Pirschgang!

Sie wittert nochmals nach allen Seiten; dann schleicht sie davon,

zwischen dem Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch fast

den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend zurück, wenn eins der

Kleinen ihr zu folgen versucht, aber bald ist sie unter den Ästen der

jungen Kiefern verschwunden. Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des

Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr gleichfalls so gern

zur nächtlichen Stunde aus eurer Wohnung hervorkommt: der böse Feind

ist hinter euch her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's

euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase immer gegen den

Wind, daß er die Beute von fern schon wittert -- ein Sprung, ein fester

Griff, und ihr seid in seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer

Feldfurche schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen am Waldrand

noch im Mondschein äst, der Ratte, die am Schweinekoben des Bauernhofs

sich zu schaffen macht, ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern

und Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt ist!

Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie zu ihrer Wohnung

zurück; an ihre Kinder denkt sie immer zuerst; meist wird es Morgen,

ehe sie den eignen Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe,

wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden Weg nehmen; sie

umkreist vielmehr, oft stehenbleibend und lauschend, in weitem Bogen

ihr Heim. Wittert sie irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich

wie ein Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein

in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles ganz sicher

erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann eine Freude! Die hungrigen

Kinder fallen über die leckere Beute her, balgen und beißen sich drum,

und jedes sucht das beste Stück zu erwischen.

Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren Schar zu, hilft wohl

auch beim Zerlegen des Bratens; aber dann tritt sie von neuem den

nächtlichen Pirschgang an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten

der Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so holt die

Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes Mäuschen, und nun geht

es dem graufelligen Tierchen nicht anders, als wenn eine Katze es

erwischt und ihren Jungen gebracht hätte.

So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die Drossel, Rotkehlchens Lied,

die weiche Stimme des Fitis durchzittert die Luft, und hell schmettert

der Fink seine Fanfare -- da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins

nach dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier bis gegen

Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein oder dem andern vorwitzigen

Fuchskind zu lang. Es schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll

hinaus, blinzelt mit den listigen Augen -- die Sonne scheint ihm auch

gar zu hell ins Gesicht -- und schließlich versucht es ein Schläfchen,

mitten im Toreingang zur unterirdischen Burg, wie sein zahmer Vetter,

der Hofhund, der die Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt

hat und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf auf diesem

natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen sich die Jungfüchse auch

schon mittags auf ihren Spielplatz, wenn die Maisonne hoch vom Himmel

zwischen den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint; aber

wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend.

Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen sie die Mutter auf

ihren nächtlichen Streifzügen begleiten, zuerst bis zum Waldrand,

später weiter hinaus ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis

zu den ersten Bauerngehöften des Dorfes.

Wie man das Karnickel beschleicht, einen Junghasen würgt, den

schlafenden Vogel erwischt, zeigt ihnen die Alte. Sie begreifen

gar schnell; denn es liegt ihnen im Blut, sich mäuschenstill

heranzupirschen, jede Deckung zu benutzen und selbst in der Freude über

den gelungenen Raub keinen Augenblick die eigene Sicherheit aus dem

Auge zu lassen.

Ein Vierteljahr mögen die Geschwister alt sein oder wenig darüber, da

unternehmen sie bereits auf eigene Faust kleine Streifzüge. Sie stellen

sich gegen Morgen gewöhnlich in der gemeinsamen Kinderstube wieder ein;

aber gelegentlich suchen sie auch ein anderes Versteck auf.

So lösen sich ganz allmählich die Beziehungen zwischen Mutter und Kind

und zwischen den Spielkameraden. Wenn der Herbststurm durch die kahle

Heide braust, kennt keins das andere mehr, jedes geht nun seine eigenen

Wege und schlägt sich selbständig durchs Leben, das ihm der Gefahren so

viele bringt.

Und der Vater?

Er kümmert sich um seine Familie fast gar nicht und ist selten zu

Hause; kommt er einmal, gleich gibt's Zank, Beißen und Kläffen zwischen

den Eltern, und die Mutter ruht nicht eher, als bis Vater Reineke

wieder »verduftet«, in des Worts vollster Bedeutung.

Die Erziehung der Kinder liegt allein auf den Schultern der Fähe;

der Rüde hält von Pädagogik nicht das geringste. Seine Losung heißt:

»Selber essen macht fett«; darum sieht er auch im Frühjahr wohlgenährt

aus, und tadellos ist sein rotbrauner Pelz. Nur wenn die Alte durch ein

herbes, Geschick den Jungen geraubt ward, mag es bisweilen vorkommen,

daß sich die Väter der vor Hunger kläffenden Kinder erbarmen und ihnen

Futter zuschleppen.

Zur Osterzeit gibt's immer junge Füchslein im bewohnten Bau, meist fünf

bis sechs, einmal waren es sogar acht.

Möge sich dieser Kreislauf des Lebens mit jedem Lenz, wenigstens hie

und da, in unsern deutschen Forsten erneuern!

Es wäre traurig, wenn man ihn ganz ausrottete, den listigen, Ränke

schmiedenden Schelm! Dann würde wohl der Förster unsre Enkel an eine

Stelle im Wald führen und ihnen erzählen: »Hier färbte die rote Tinte

den letzten Fuchs im Revier; man hat ihm das hübsche Denkmal gesetzt

wie drüben im Nachbarrevier seinem Vetter, dem Wolf!« Aber mit dem

fröhlichen Leben, dem ausgelassenen Spiel vor Malepartus, der Raubburg,

wär's dann für immer vorbei.

Swinegel un sine Sippschaft

Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon einmal junge Igel

gesehen hat, so im Alter von fünf oder sechs Wochen? Das sind die

niedlichsten Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt

schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, Parkanlagen, lichte

Laubwälder und namentlich Feldgehölze ein bißchen zu durchstöbern, um

-- wenn man Glück hat -- die reizendste Familienidylle zu belauschen:

eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren führt.

Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden Füßchen, und

wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen laufen können, wenn die

stachlige Mutter einen Regenwurm entdeckt hat und ihn aus dem Versteck

hervorzieht, um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen.

An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der niedlichen Stachelkugeln

-- zusammengerollt ist sie nicht größer als ein Billardball -- während

ein drittes Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten Wurm

mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich für seine Mühe nichts

zu erhalten als ein Tröpfchen Saft, das sich der Kleine wohlgefällig

von dem dunkeln Schnäuzchen ableckt.

Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage der Mahlzeit,

von der doch jedes der Kinder ein Stückchen bekommt. Man muß es

selbst gesehen haben, wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen

Nager her ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare

Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick verharrt die

Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln sträuben sich ein wenig,

senken sich und sträuben sich wieder. Ein paar Schritte schleicht

sie vorwärts, und jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem

Griff ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das Genick

des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird das Wildbret von der

schnaufenden Mutter in mehrere Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der

Kinder knuspernd und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die

Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein Maulwurf wäre

kein schlechter Fang; aber den erwischt man nur am dämmernden Abend.

Eine Schermaus wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch

ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen,

eine fette Werre, und wohlgenährte Regenwürmer fehlen fast nirgends.

Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die kleinen naseweisen

Igelchen der Mutter nachmachen -- was ein Häkchen werden will,

krümmt sich beizeiten. Überall kratzen und scharren sie mit ihren

krallenbewehrten Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden Winkel

zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr stecken sie schnuppernd

ihr Schnäuzchen, hängen der Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat

sie 'was Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen Wege,

den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen wieder herabkugelt,

trinken vom Wasser, das sich zwischen den Baumwurzeln angesammelt

hat, und schauen verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen

vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im Märchen, eine

Prinzessin gibt, die niemals in ihrem Leben gelacht hat, ich würde sie

zu solch kleiner Igelgesellschaft führen; da lernte sie aus Herzenslust

lachen.

Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem Wiesenhang, wo ein vom

Baum gefallener Apfel die Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft

auf sich lenkte; von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde.

Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins Rollen; sofort

sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten sich aber und kugelten

lustig den Hang hinab, wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten

lag dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen neben ihm.

Schnell rollten sich diese auf und hatten bereits tüchtige Löcher in

die süße Frucht gefressen, als endlich auch die Mutter mit den beiden

Geschwistern ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut

hatten.

Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der Weise in sein

Versteck, daß er es auf seine Stacheln spieße; wo viel Birnen oder

Pflaumen im Obstgarten liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der

willkommenen Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze ein nett

ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, noch mit den Füßen kann

der Igel seinen Rücken erreichen; wie sollte er also das Obst fressen

oder auch nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit den

grünen Früchten der Kartoffel -- wir nannten sie »Kartoffelschneller«

-- nach einem Igel geworfen. Eins der ungefährlichen Geschosse blieb

an seinem Stachelkleid hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich

mir den Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken mit dem

seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn laufen. Am folgenden Tag

sah ich ihn wieder, und da trug er noch immer eine Anzahl der grünen

Beeren auf seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch machte

er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien.

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 7 / 15 段