Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist in mehreren

Paaren, unsre vier _Taucher_, von denen der stattliche schöne

_Haubentaucher_ der seltenste ist. Er beansprucht eine größere

Wasserfläche als die andern und kommt deshalb, namentlich auf den

kleineren Gewässern unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder in

wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen;

er betrachtet ihn als einen argen Räuber. Leider kann man diese Anklage

nicht widerlegen. Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch auch

viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten kaum milder

stimmen. »Insekten?« so entgegnet er uns, »die hätten ja auch den

Fischen zur Nahrung dienen können; die Taucher verkürzen also auch noch

jenen das tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« Es

ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht immer wieder an

die vielen räuberischen Insektenlarven erinnern will. Das Eine aber

steht fest: bei solch einseitiger Betonung ganz bestimmter Interessen

dürfte es bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der

Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter fordern, daß

er alle Raubvögel, der Imker, daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der

Obstzüchter, daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte

das führen? Die kleineren Taucher, die _Rot-_ und die _Schwarzhälse_,

namentlich aber der winzige _Zwergtaucher_, tun der Fischerei wenig

Abbruch; man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher

aber sollte man gleichfalls schonen, weil er selten ist, nur vereinzelt

vorkommt und dem Gewässer zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von

Brut- und Streckteichen muß er ferngehalten werden.

Viel schlimmere Fischräuber sind die _Kormorane_. Aber für die

deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht mehr in Betracht, da sie

auf deutschem Gebiet sehr stark gezehntet worden sind. Sie waren bis

zu Anfang des vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich

selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große Kolonie an; hier

wurden sie von den Fischern vertrieben. Ein Teil ließ sich auf Rügen

nieder, wo die Vögel das gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten

sie südwärts nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier keine

Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis in die Spreegegend.

Pulver und Blei haben ihnen hier ein Ende bereitet. Es gab noch vor

50 Jahren an den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere

Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, am Pinnower

See bei Schwerin, am Mecklenburger Strand, an der Ostseeküste

Schleswig-Holsteins, im Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger

Nehrung, am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in Masuren

u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn wir von ein paar

vereinzelten und unsicheren Brutstätten dieser Ruderfüßler absehen,

so ist die Kormorankolonie im Kreise Schlochau in Westpreußen die

letzte des Landes. Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so

werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an den schönen

interessanten Vögeln seine Freude hat«. (Vgl. Naumann, »Die Vögel

Mitteleuropas«.)

* * * * *

Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind die Klagen der

Fischer über die Schädigungen durch den _Fischreiher_, gehört doch

dieser stattliche Vogel auch heute noch vielen deutschen Ländern als

Brutvogel an. Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren

Vögel, außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten

Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte von Horsten

vereinigen, gehören bereits zu den Seltenheiten. Viele Reiherstände

sind völlig verschwunden. Nichts erinnert mehr daran, daß einst in

den hohen Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere wieder,

erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den Wipfeln der Bäume die

verlassenen Brutstätten, bis schließlich ein Wintersturm die ineinander

geflochtenen Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo

man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an jedem Fluß, an jedem

See wenigstens einige dieser schönen Vögel anzutreffen.

Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17. Jahrhundert, erfreuten

sich edle Herren und Damen an der Reiherbeize. In frohem Zuge ritt

man von der Burg herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der

bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der Jagdherr und

gleich darauf eine der Damen die schnell entkappten Falken steigen,

die nun versuchten, das immer höher gehende Beutetier gemeinsam unter

sich zu bringen. »Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen

durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden Kämpfern

nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in die dicken Schwingen des

Reihers gehakt, und beide Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter

packt sie, bekappt den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.« Die

unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar Schmuckfedern nahm, ließ

man dann oft wieder fliegen; doch tötete man sie auch bisweilen, weil

ihr Wildbret auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war.

Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren Ausübung das Vorrecht

hochstehender Personen, geistlicher und weltlicher Würdenträger, war.

Die Strafen, mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht

ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört, kein Ei

genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten war es allergnädigst

gestattet -- Scheuchen aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei

unter August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche Summen

für diesen Jagdsport ausgegeben, und wenn die Falken auch auf das

verschiedenste Federwild, z. B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner,

Wachteln, losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch immer

die Hauptsache.

Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche Vogelschutzgesetz

hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher, wie den Nachtreiher und

die Rohrdommel, auf die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen

in keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische Jagdordnung

vom 15. Juli 1907, die doch alle Sumpf- und Wasservögel als jagdbare

Tiere bezeichnet, schließt die grauen Reiher -- ebenso die Taucher,

Säger, Kormorane und Bläßhühner -- von diesem Vorrecht aus. In

Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes, während die

andern Reiherarten, eingeschlossen die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der

Fischreiher unterliegt somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er

darf auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet und

seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos, der Willkür eines

jeden preisgegeben.

Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern etwas anders,

als die Reiher jagdbar sind. Es hat also nur der Jagdberechtigte ein

Anrecht auf sie. Irgendwelche Schon- und Hegezeit ist den Reihern

freilich versagt. Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom

15. Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten, den

Fischreiher -- ebenso den Fischotter -- zu fangen und ohne Benutzung

des Schießgewehrs zu töten. Innerhalb 24 Stunden sind die auf diese

Weise erbeuteten Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern. Auf die

andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht zu. Ähnlich lauten

die Bestimmungen in den meisten deutschen Einzelländern. In Bayern,

Sachsen-Weimar, Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar, in

Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei wie in Preußen.

Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen, dessen Geschlecht in

den letzten 150 bis 200 Jahren so blutigen Verfolgungen ausgesetzt

gewesen wäre, wie der Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute

auf ein geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund hierfür

nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl außerordentlich stark

abgenommen haben. Der Haß, mit dem man dem Fischräuber begegnet, ist

der gleiche geblieben. Wo sich der schöne, schon durch seine Größe

auffallende Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung,

wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft zu werden; an

den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit unter den Alten sowohl, wie

namentlich unter den bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand

hocken, oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser stellt

der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne Burschen klettern an

den hohen Horstbäumen empor und wagen sich bis zu den Nestern, die

häufig auf den schwankenden Enden der Äste ihren Platz haben; sie

rauben die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege meist 4

bis 5 Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen gewährt, locken immer

mehr zu rücksichtsloser Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern,

daß es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von Reiherhalden

gibt -- gegen früher allerdings nur spärliche Reste. Ich fürchte sehr,

daß auch diese in einem halben Jahrhundert fast völlig verschwunden

sein werden, und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel

ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch, Kolkrabe, Uhu oder

Wanderfalk.

In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es schon jetzt kaum

noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind fast alle in den letzten 30

oder 50 Jahren vernichtet oder versprengt worden, so daß sich nur noch

hie und da einzelne Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme

ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der Besitzung

des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben; aber auch sie ist stark

zurückgegangen, und von den 200 Horsten, die sie vor einigen Jahren

zählte, wird wohl kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die

Besitzer von jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf manche

Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß diese Kolonie das

ehrwürdige Alter von mehr als einem halben Jahrtausend erreicht hat;

denn eine Nachricht aus dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier

schon »seit vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt noch

einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte z. B. der Windheimer

Stadtwald Schoßbach im Forstamte Ipsheim noch vor einiger Zeit eine

Kolonie von 20 bis 25 Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich

nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine Reiherhalden,

während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus in der Fränkischen Schweiz

u. v. a. der Vergangenheit angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint

der Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise

vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein Brutgebiet ganz

beschränkt.

In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich Norddeutschlands ist der

Reiher noch häufiger; er fehlt als Brutvogel wohl keiner preußischen

Provinz völlig und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in

mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite Gebiete, wo man

heute vergeblich selbst nach nur einzelnen Reiherhorsten suchen würde.

Unserm Sachsen fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die

letzte Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee« bei

Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J. 1888 vernichtet worden

ist. Einige Reiher zogen sich wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück,

sind aber auch dort schon längst völlig verschwunden.

Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen Grenze, nur 10 oder

11 ~km~ von ihr entfernt, nördlich von Königswartha, die ich i. J.

1912 besuchte, stand in einem öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich

konnte im ganzen 16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt

waren: mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen 2 ~m~ im

Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen haben an diesen

Horsten gebaut, die seit Menschengedenken von den schönen Vögeln

bewohnt wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von Reiherfamilien,

nicht mehr und nicht weniger. Ein herrlicher Anblick, wenn die stolzen

Segler der Lüfte ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester

tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals sind auf den

Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel hervorschaut; die Ständer

werden weit nach hinten gestreckt, und in dem schönen Federbusch am

Kropf spielt lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere Reiher

auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen mit Fischen, die er

ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack bringt; denn ein Gewässer findet

sich nicht in der Nähe. Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den

letzten Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz

verschwunden.

Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und Ostpreußen beherbergen

noch immer eine stattliche Anzahl von Reiherhorsten; Posen, Schlesien,

Brandenburg, die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht,

der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen mit ihren ruhig

fließenden oder stehenden Gewässern, dazu die Meeresküste. Ob das

Jagdgebiet mehr oder weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes

Gebüsch die Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen

Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich nur seichte

Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser stehend, dem Fischfang

ungestört obliegen können.

Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren -- es war in der

zweiten Hälfte des Mai -- an der deutschen Ostseeküste besucht. Den

Ort verschweige ich; ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste

hier auf den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen

Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu multiplizieren, erst

die Anzahl der Reiherpaare mal zwei bis drei Dutzend spannenlanger

Fische, das Produkt mal 180 -- so viele Tage ungefähr weilt der Reiher

an seinem Brutplatz -- dann wird dividiert, nun weiß man die Kilo, und

wieder multipliziert -- man hört ganz deutlich die Goldstücke klimpern,

die man ohne die Reiher einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den

die Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles

kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, mit zu Gelde

machen, davon wollen die Leute nichts hören.

Wenigstens 20 bis 25 ~m~ schätzte ich die Höhe der Horste. Manche

Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten fütterten eifrigst, viele

brüteten aber auch noch. Die großen Vögel kreisten schreiend über den

Horstbäumen. Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich zwischen

den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt waren, dahin. Es sah

noch leidlich reinlich im Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas

weißer Kot und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie anders,

wenn man später kommt! Da muß man in solchem Unrat förmlich waten, wie

es mir erging, als ich vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große

Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte.

An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher abgeschossen werden.

Auf höheren Befehl mußte sich der Oberforstmeister dazu bequemen; denn

die Fischer hatten sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt,

daß man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden anrichten,

ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege und züchte. »Zwölf Stück,

nicht mehr!« so lautete die strenge Weisung, die der Oberforstmeister

uns gab, »und nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit der

Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, auch peinlich darauf

achten, daß kein Reiher dabei in den Horst fällt, wodurch die Jungen

elend umkommen müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über

seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell zusammen; denn

wenn auch nach jedem Schuß die Vögel abstreichen, sie kommen doch recht

bald wieder, falls man sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt.

Die Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten.

Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie das Leben gelassen

-- Opfer des Vogelschutzes, so seltsam es klingt. Ein mäßiger Abschuß

war eben unbedingt nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu

werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie dauernd erhalten.

Wir banden die prächtigen Tiere, damit sie von allen Dorfbewohnern

gesehen würden, an den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr,

als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr Fischer, wie man

sorgt, daß ihr die Fischräuber los werdet, und haltet den Mund nun!

An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen halten sich

die Reiher, namentlich auf ihrer Wanderung, gern auf; es findet sich

überall ein Plätzchen, wo selbst das schnellfließende Wasser seinen

eiligen Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel gesenkt,

den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, so schleichen

die schlanken Gestalten mit behutsamem Tritt am Ufer entlang; sie

gehen nur so weit ins Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen

reicht. Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich fast auf

demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt blitzartig der Hals vor,

so daß der Schnabel, oft auch zugleich der Kopf unter der Wasserfläche

verschwindet. Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein

Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert sofort in den

unersättlichen Schlund.

Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, größere

Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, Regenwürmer; selbst den Mäusen

stellt er nach, ebenso jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß

er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. Aber Fische,

von den kleinsten angefangen bis zur Größe von etwa 20 ~cm~, daß er sie

gerade noch hinabzuwürgen vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach

der Art der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im geringsten.

Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, die verschiedenen

Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst Barsche und Stichlinge -- es ist

ihm alles willkommen, mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte.

Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten nicht

verdenken, wenn er auf den hochbeinigen Mitbewerber sehr schlecht zu

sprechen ist, und es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine

Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von vornherein

lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern richtet der Räuber natürlich

keinen Schaden an, schon aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie

lange aufhalten wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort am

Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. Auch wo regerer

Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen sich nur ausnahmsweise einmal

ein paar Reiher. Der Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine

reiche Beute seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in einer

bestimmten Gegend ist -- ich möchte sagen, der erfreuliche Beweis

dafür, daß die Gewässer der Umgebung sehr fischreich sind.

Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers darauf hingewiesen,

daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben wird, wie vielfach in

den Gräben der Elb- und Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts

vorzuwerfen habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo

sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen weniger ärgerlich?

Zur Brutzeit, so hat man weiter gesagt, fange der Reiher nur kleine

Fische, »Seitenschwimmer«, wie sie sich massenhaft in der Nähe der

Ufer herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln sich schnell

und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und außerdem aus der Unmenge

kleiner Fischlein würden doch im Laufe der Zeit wenigstens einige

große wertvolle Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich die

Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien so reich an Fischen,

daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, nicht der Rede wert wäre. Wer

so urteilt, der hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine

größere Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch gegen

hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. Freilich gefangen werden

müßte diese Menge auch erst von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen

die Reiher abnehmen.

Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten lassen: es fallen

mehr die Raubfische im weitesten Sinne, wie Aale, die dem Fischlaich

nachstellen, Hechte und Barsche, die den Jungfischen verderblich

werden, und minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil sich

die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten, wo die Vögel mit

Erfolg zu fischen vermögen, während andere, z. B. Karpfen und Schleien,

die Tiefen vorziehen und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch

die Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält und unter

Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder in starker Strömung auf dem

Anstand steht, ist dadurch vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo

aber künstliche Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen Tausenden

zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann man den regelmäßigen

Besuch der Reiher unter keinen Umständen dulden.

Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von Fall zu Fall

entschieden werden. Es gibt sicher unzählige Gewässer im Deutschen

Reich, wo man nicht sofort jeden Fischreiher zu fangen oder

niederzuknallen braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne

manchen Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet,

weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die Landschaft belebt, seine

Freude hat. Es gibt aber auch genug Besitzer oder Pächter, die selbst

mit geringen Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht -- natürlich

nur von Fall zu Fall -- der Staat eintreten und den Schaden ersetzen,

oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung unsrer Tage

nicht einige begeisterte Vogelfreunde finden, die bereit wären, ein

Scherflein zu opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in

einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so wird man

diesen Vorschlag nennen. Mag sein -- aber ich frage: Läßt sich der

Nutzen und Schaden eines Tieres immer nur berechnen nach Geld und

Geldeswert?

Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist der schöne Vogel

für viele Gegenden unseres Vaterlandes dem Aussterben nahegebracht. Mag

man ihn dort, wo er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen

Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, _ein paar Reiherhorste

sollte man doch zu erhalten suchen, auch ein paar größere Kolonien

unter staatlichen Schutz stellen_.

* * * * *

Zu der Familie der Reiher gehört auch die _große Rohrdommel_. Sie

ist selbst in unserer sächsischen Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen

nächtlichen Liebeslied oft und oft gelauscht habe, recht selten

geworden. Zum Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl

auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden;

denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel schlecht zu

sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung mag in Fischen und Fischbrut

bestehen, wenn sie daneben auch viele schädliche Insekten frißt; aber

sie ist im Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel,

der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten wird.

Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche von der Rohrdommel gemieden

werden, weil dort gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß

sich der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große Rohrdommel

so selten ist, wie in unserer Lausitz, da sollte man sie schonen und

ihr den kleinen Tribut an Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle

Jäger bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der Entenjagd

sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es wäre doch schön, wenn er

unsrer Heimat erhalten werden könnte! Die seltene _kleine Rohrdommel_,

ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald auf- und

abklettert, wird noch viel weniger schädlich sein; solch kleiner Magen

bedarf nicht viel. Die andern Reiher aber, _Nacht-_ und _Purpurreiher_,

sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht jedes

Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen Fremdlingen gegenüber

zu wahren.

Außer den genannten mögen auch wilde _Enten_, _Gänse_ und _Schwäne_,

dazu an der Meeresküste der mächtige _Seeadler_ manchen Schaden

anrichten, besonders wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen

selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern lebende

Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich ist vielleicht kein

einziger Sumpf- und Wasservogel ganz freizusprechen. Wollte man sie

alle ihre gelegentlichen Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald

vorbei mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen noch

immer beherbergen.

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 6 / 15 段