Marder angehörend, ist wohl am meisten gefürchtet. Töricht und
ungerechtfertigt wäre es, vom Fischereiberechtigten zu verlangen,
diesen bösen Fischräuber unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern
Teichgebieten zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht
dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar nichts anderes übrig,
als den Otter im Eisen zu fangen oder auf dem Anstand zu schießen
oder auch durch scharfe Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau
aufzustöbern; denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier
anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter ungleich mehr
Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. Auch den Möweneiern,
der Kiebitzbrut, jungen Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt
der mordgierige Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer in unserm
Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem Fischreichtum nie die
Rede sein kann. Wenn sich hier 'mal ein Fischotter zeigt und der
Fischereiberechtigte fängt nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich
zum Fraß und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht 18 Pfund
auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles halbpfündige Forellen
vielleicht -- mir schwindelt der Kopf, wenn ich dran denke, wieviel
Tausende Papiermark das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach
lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß nicht, selbst
wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. Oder hofft der Fischer
etwa, wenn er den Übeltäter erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische
selbst einheimsen zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen
Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, als die Fabriken durch
ihre Abwässer den Flußlauf noch nicht verunreinigt hatten, werden
derartige Gewässer niemals wieder sich umwandeln, ob man den Otter
gewähren läßt oder ihn wegfängt.
Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein kluges Geschöpf,
vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung in der Nähe seines
Baues und Ausstieges bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger
in vielen Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir
dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier« unserer Heimat
trotz aller Nachstellungen, wenn auch in verschwindend geringer Anzahl,
erhalten bleibt.
Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen _Marderfamilie_,
stellen gelegentlich den Karpfen und Schleien und selbst den flinken
Forellen nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen
können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos gemordet. Aber gerade
die Vielseitigkeit ihres Speisezettels -- Eichkatzen, Wildtauben,
Häher, Krähen, allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche,
Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, Fische, Maikäfer usw.
-- beweist, daß sowohl die größeren Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis,
als auch die kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem
Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, doch auch manchen
Nutzen stiften. Wo sie sich zu stark vermehren, da soll man ihnen
Einhalt gebieten; aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche
Maßnahme. Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung der
Eichhörnchen oder auch der Krähen und Wildtauben würden solchen
Weltverbesserern beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind.
Auch die kleine _Wasserspitzmaus_ wird des Fischraubes beschuldigt, und
gewiß mag ihr manche Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber
wenn man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse jedes Tier
auffressen, das sie überwältigen können, Schnecken, Egel, Libellen- und
Schwimmkäferlarven, Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer,
Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter
versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen muntern Schwimmern auch
'mal ein Fischchen gönnen.
Über die _Wasserratte_, die im Gegensatz zu den bisher genannten
Fleisch- und Insektenfressern zu den Nagetieren zählt, sind die
Ansichten geteilt. Die einen meinen, die Wasserratte rühre kein
Fischlein an; andere dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig
zum Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher keine
Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden jedenfalls nicht sein,
zumal der Nager durch den Fang fischfeindlicher Wasserinsekten manchen
Verlust wieder auszugleichen mag.
* * * * *
Aber _gefiederte_ Fischräuber gibt es viel mehr als bepelzte --
leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten wirklich nicht
verargen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz, die ihnen von dieser
Seite zweifellos in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur
Wehr setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen gefiederten
Fischliebhabern einige, die zu den schönsten Mitgliedern der Vogelwelt
gehören und unsern Teich- und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck
gereichen, so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich
schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung sehr schwierig.
Es muß der Fischer dem Vogelfreund ein wenig entgegenkommen, und dieser
jenem. Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des andern zu
verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen sein.
Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, ob es sich um
_einzeln_ lebende Fischräuber handelt, z. B. den Fischadler, den
Schwarzstorch, den Eisvogel, die also mehr oder weniger als Einsiedler
hausen und ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche
Vögel, die _in größerer Menge_ auftreten, wie Reiher, Möwen, Taucher
u. a. Bei jenen darf man wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer,
dem doch auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen liegt,
ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders ungünstig
sind; es kann ja hier höchstens von einem örtlichen, nicht aber
von einem allgemeinen Schaden die Rede sein. Bei den in größerer
Anzahl auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen,
sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und dieses Maß, das nicht
überschritten werden darf, scheint mir allerdings für manche Gegend
bereits erreicht zu sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem
Einzelfall zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen.
Wer den _Eisvogel_ aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten vertreibt,
dem wird man es nicht verargen können; denn wo diese gefiederten
Fischer in größerer Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen,
da wird der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur
kleinfingerlange Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind Ausnahmen.
Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet und duldet kein zweites
in unmittelbarer Nähe. Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel
bereits so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner Leser
schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, rotgoldig glänzend
und seidig blau, an sich hat vorüberschießen sehen, oder ob er ihn
nur im ausgestopften Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für
den, der mit der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer ein
Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen, Flüssen und Teichen
begegnet. Ihn _überall_, wo er sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen
Tellereisen zu fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern
Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die nicht gerade
der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen Fischer ruhig gewähren
lassen. Oder ist wirklich jemand der Meinung, der Eisvogel trage die
Schuld, daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind?
In dem überaus heißen und regenarmen Sommer des Jahres 1911, wo bei uns
alle Quellen versiegten, jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da
sammelten sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach meiner
Heimat, der noch etwas Wasser führte; der Hunger trieb sie hierher.
Aber dem Tode entging vielleicht keiner; man schoß ab, so viel man
erreichte. Wozu? Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die
Rede sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen werden,
hätte man doch wahrhaftig den schönen Vögeln den kleinen Tribut gönnen
können, den sie beanspruchten; nach kurzer Zeit würden sie sich wieder
über ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben hatte,
verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der sogenannten wilden
Fischereien wirklich in so bedrängten Verhältnissen, daß es ihm auf
ein paar winzige Fischchen ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber
den Unwillen der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise mit
Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf eine kleine Anzahl zum Teil
fast wertloser Schuppenträger verzichtet? Man möchte solch engherzigem
Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner Tasche ersetzen.
Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter ein gesetzliches
Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem deutschen Vogelschutzgesetz
ist der Eisvogel ebenso geschützt wie jeder Singvogel. Bei uns in
Sachsen wird er laut eines Beschlusses des Finanzministeriums vom
3. Juni 1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich
schädlich« sei[3]; doch soll er die allgemeine Schonzeit vom 1. Februar
bis mit 31. August genießen. Die Dienststellen der Forstverwaltung
sind angewiesen, ihn durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die
Fischereiberechtigten den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen
fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern aber, in Württemberg,
Baden, Mecklenburg und in fast allen andern deutschen Einzelländern ist
der Eisvogel unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über
diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht im klaren.
[3] Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß
nicht haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel«
sind vom Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der
Eisvogel unter diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein
»Wasservogel« -- und als solcher nur wäre er jagdbar -- ist
er aber gleich der Bachstelze und der Wasseramsel doch nur im
biologischen, nicht im systematischen Sinne. Und daß Nutzen
oder Schaden bei der Beurteilung, ob jagdbar oder nicht
jagdbar, berücksichtigt werden sollen, davon sagt das Gesetz
nichts.
Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich die hervorragende
Schönheit des Vogels den Anreiz zu seiner Verfolgung gibt, wie es auch
von der Mandelkrähe, dem Pirol und andern auffallend gefärbten Vögeln
gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen besonders schonen
sollte -- »Schönheit« und »schonen« sind sprachlich verwandte Wörter!
Jede Schule ist stolz darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten
auch einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die Mode
aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte Vögel zeichnen
und malen zu lassen -- wie kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben
in freier Natur ersetzen! -- da war die Nachfrage nach Eisvögeln
besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter den
prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn der Bestand der
gefiederten Fischer weiter in dem Maße abnimmt, wie innerhalb der
letzten 30 bis 40 Jahre, so wird der schöne Vogel in kurzer Frist,
bei uns wenigstens, nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die
vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften
Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den goldumrandeten Tellern
und Tassen im Glasschrank seinen Platz gefunden hat, werden es nicht
glauben wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals
in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß man sie ab?« so fragen die
Enkel dann, »was taten sie den bösen Menschen zuleide?« »»So manches
Fischlein holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man keinen am
Leben!««
Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, wie doch auch der
Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, einigen Nutzen stiftet, indem
er allerlei Kerbtiere und deren Larven wegfängt, die der Fischerei
großen Schaden zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch
den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden die kleinen
Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz aus eräugt und nun, ins
Wasser hinabstürzend, zu fassen sucht. Aber nicht immer wird ihm ein
Fisch zur Beute; oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die
Larve einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt; noch
öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen über die Nahrung
der Eisvögel hat _Liebe_ angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes
ergab, daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von
Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen
_Ecksteins_ überein, der in 34 Magen Fischreste, in 12 Magen
Insektenteile fand. Namentlich wenn der Eisvogel Junge im Nest hat,
treibt er eifrig Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit
Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller Art. Daß er mit
Vorliebe kleine Forellen fange, ist eine grundlose Behauptung.
Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel nur dort
anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben wird, außerdem wo er
an reichen Fischgewässern ausnahmsweise einmal in größerer Anzahl
auftreten sollte. Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der
Forellenzüchter, an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird kein
verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, und wir sollten
meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen der Gebrauch des
Schießgewehrs zur Abwehr der Vögel gestattet werden kann, so dürfte
es zweckmäßig sein, wenn die Polizeibehörde -- der Stadtrat bzw. die
Amtshauptmannschaft -- ermächtigt würde, die gleiche Erlaubnis den
Besitzern von Forellenzuchtanstalten in bezug auf den Eisvogel zu
erteilen, natürlich nur nach gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und
bloß auf eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, den
herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen Vögeln an jedem
Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen.
Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem Maße von der
_Wasseramsel_. Zwar entbehrt dieser Vogel der tropischen Farbenpracht,
aber er ist trotzdem eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen
an unsern Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er auch. Das
weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von der rostbraunen Unterbrust
abhebt, steht ihm ganz allerliebst. In den Bewegungen, besonders dem
fortwährenden Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel
etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt ist. Sie gehört zu den
Singvögeln und besitzt einen zwitschernden, grasmückenartigen Gesang.
Dem Rieseln des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist das
plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das Glück gehabt hat, die
Wasseramsel beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, der wird immer
mit Vergnügen an sie denken.
Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von frühester Jugend
an vertraut. Ihre Kinderwiege stand in einem Felsenloch am Ufer
des Gebirgsbachs oder in einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter
dem sich das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der
alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt hat. Hier
verträumte das Vögelchen die ersten Tage seiner Kindheit. Es hörte das
Rauschen des Bächleins; es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden
Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden Flügeln aus dem
Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen im Schnabel, den Kindern
zur willkommenen Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch
sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder talauf fliegend,
all seinen Krümmungen; es ist, als müsse die Wasseramsel das rieselnde
Wasser stets unter sich haben, auf das immer ihr schöner, großer
Augenstern gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser
Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im Strudel; dann
läuft es hinein in den schäumenden Gischt. Bis zur weißen Hemdbrust
schon reicht ihm das Wasser, jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist
das ganze Persönchen in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln
und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; dann taucht
er wieder empor und surrt, die Tropfen vom Gefieder abschüttelnd,
nach einem Ästchen, das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber
nur kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das Vöglein
weiter talaufwärts, wo es von einem andern Stein aus das Spiel von
neuem beginnt. Selbst den kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im
Flug durchschneidet es ihn und sucht hinter der herabstürzenden Flut
nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. Auch im härtesten
Winter bleiben einige Stellen des lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden
Wässerchens eisfrei, daß der niedliche Vogel auch dann keine Not
leidet. Ja mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die Bäume
ringsum unter der Schneelast sich neigen und über vereistem Grund das
Bächlein talab hüpft, sein kleines Lied hören, und der kleinste der
Kleinen, Zaunkönigs Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten
dich nicht!«
Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei Kleingetier, wie es
jedes klare fließende Wasser am Grunde zwischen und unter den Steinen
reichlich bietet: Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und
Eintagsfliegen, Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, wohl auch
eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze oder ein Stichling.
An Forellenteichen wird es natürlich auch vorkommen, daß sich die
Wasseramsel an Forellenbrut vergreift. Aber der Schaden, den der
hauptsächlich auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt,
ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, ihn zu verfolgen,
wie es noch manchmal geschieht, obgleich das Gesetz ihn unter seinen
Schutz nimmt.
Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen Seitentäler der Elbe,
namentlich aber auch droben im Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach
zu Tal rinnt, beherbergen noch immer den reizvollen Vogel. Möge er uns
erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft an dem anmutigen Leben
und Treiben des Vögleins erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht
es jedem Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck.
* * * * *
Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der
_Schwarzstorch_. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande
verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens
daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst-
oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt
in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in
Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913)
gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben,
auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück.
Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen
spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle
Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber
von Fischen ist.
Unser gemütlicher Hausfreund, der _weiße Storch_ treibt gelegentlich
auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet
der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht
einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein
Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund,
und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich
am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem
allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen
noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen
solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen
hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die
unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind
wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht
einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer
täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen
Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in
erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle
unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben,
zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb
und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen.
Auch für den _Fischadler_, der besonders das norddeutsche Seengebiet
bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches
Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel
schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar
Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann
seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht
er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen
Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu
taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich
nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt,
mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch
dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder
verschwunden!
* * * * *
Neben den bisher angeführten nur _einzeln_ auftretenden Fischräubern
gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die _kolonienweise_ brüten.
Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«,
wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein
unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben.
Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und _ein Kampf bis
zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich_.
Die _Möwen_, die nur ganz geringen Schaden anrichten, da sie zu wenig
Taucher sind, um sich im tiefen Wasser der schnellen Flossenträger
bemächtigen zu können und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo
kleine Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, sollte
man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig gewähren lassen. Bei
uns im Binnenland handelt es sich lediglich um die _Lachmöwe_, an der
schokoladebraunen Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer trägt.
Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, fast alle sind
schwächer geworden; der Rückgang seit zehn oder zwanzig Jahren ist
ganz auffallend. Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige
Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um sie zu vertreiben, als
mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester Weise Jahr für Jahr
ausgeübt wird, bis die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der
Besitzer der Kolonie das Nachsehen hat.
Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, ist unbestreitbar.
Hinter dem pflügenden Landmann flattern und schreiten sie einher, die
Insekten auflesend, die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann
beobachten, wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen.
Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, unter denen
sich viele Fischereischädlinge befinden; ich habe niemals Fischreste
an ihren Brutplätzen entdeckt. Auch an der Wasserkante macht sich der
Rückgang aller Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. Früher
sah man besonders bei stürmischer Witterung in den deutschen Seestädten
viele Tausende von Möwen an und über den Hafengewässern, heute nur
eine geringe Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen
Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste am Strand und
vom Boot aus die anmutigen Segler der Lüfte, lediglich aus Übermut
und um der Schießlust zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige
Bevölkerung den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich legen.
Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die Möwen, die so recht
ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer wie Binnenseen bedeuten,
wahrhaftig nicht da.