besonderer Volkstümlichkeit erfreuen und deshalb in vielen Märchen
und Fabeln auftreten. Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König,
den _Adler_, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, sondern ein
Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige meiner Leser werden den stolzen
Vogel aus der freien Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen
sämtliche Adler auf der Aussterbeliste. Der _Steinadler_ horstet wohl
noch in ein oder dem andern Paar in den bayrischen Alpen, während er in
den Wäldern Ostpreußens seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet zu
sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König der Lüfte noch vor
hundert Jahren in manchem deutschen Mittelgebirge Brutvogel, ebenso
weitverbreitet im Niederland, in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut
wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge.
Etwas besser steht es noch heute um _See-_ und _Fischadler_; doch sind
deren Horste an der Ostseeküste und auf der norddeutschen Seenplatte
gleichfalls gezählt. Den Nachstellungen des Menschen ist der König
der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist der Anfang vom
Ende da, gezählt sind die Tage seiner Herrschaft. In Sachsen horstet
schon längst kein Adler mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch
einige Seeadler, auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen von der
Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. Ein gefährlicher Flug
ist's. Es vergeht kein Jahr, wo nicht ein oder der andere der stolzen
Vögel von einem Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als
kühner »Adlerjäger« brüstet.
Mit den nächtlichen Raubvögeln, den _Eulen_, hat sich die Märchen-
und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; Und das ist kein
Wunder. Erst wenn die Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre
Streifzüge. Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie geräuschlos
und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen Wanderer vorüber, und
unheimlich klagend heult ihre Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich
glühenden Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten --
wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! Das Märchen
verwendet, um die Stimmung recht gruselig zu machen, die funkelnden
Eulenaugen außerordentlich oft.
Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere Vorliebe für
diese unheimlichen Gespenstertiere besitzen. Das tut mir leid, einmal
der Eulen wegen und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich
mit meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen aller Art
ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis für die Anmut der
Eulen habe ich nur bei den Italienern gefunden; diese betrachten ihre
Steinkäuzchen als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze
unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. Allerdings
ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von Eigennutz; denn der
Italiener bedient sich seiner Freunde zum Fang von Kleinvögeln. Auch
die alten Griechen, denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch
wahrhaftig nicht abgesprochen werden kann, erkannten die eigenartige
Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas Athene heilig, die selbst als
»eulenäugig« bezeichnet wird; zugleich war sie das Wappentier der
Hauptstadt, das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin findet
sie Erwähnung.
Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten Griechen in dieser
Beziehung lernen! Bei uns heißt es: »Häßlich wie eine Nachteul'«, und
Eulenaugen gelten nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in
deutschen Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf
Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen ist der Kauz viel
weniger der Vogel der Weisheit, als der böse Geist, der Dämon, der
Hüter verborgener Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut
mit der schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er ein
Griesgram und rechter Philister.
Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang der Eulen in unsrer
Heimat. Von dem _Uhu_ will ich nicht reden -- das letzte Paar brütete
noch um die Wende unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner
Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute in allen Staatsforsten
dem seltenen Räuber gern gewähren möchte, kommt bereits zu spät, um
den »König der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen,
wie _Wald-_ und _Schleierkauz_, _Wald-_ und _Sumpfohreule_, selbst
die kleinen _Käuzchen_ sind heutzutage viel seltener geworden als zu
meiner Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, wenn man
den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren zu können; aber eine Eule
töten, bleibt eine Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz
unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. Alles,
was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel trägt, gehört in Sachsen zu
den jagdbaren Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz
keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht dem Turmfalken,
dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, der Gabelweihe und _sämtlichen
Eulen_, mit Ausnahme des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine
Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, ist eine
dringende Forderung des Naturschutzes an die Gesetzgebung.
Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen Märchen der _Rabe_
der Vogel der Weisheit. Er hat die Gabe, in die Zukunft zu schauen
und wird so zum Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos
damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe der Vogel Wodans
war, der Götterbote, der den Verkehr zwischen dem Herrscher des Himmels
und den Bewohnern der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die Krähen
und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches Gesindel, letztere als
besonders schwatzhaft.
Ein anderer Götterbote war der _Storch_; doch spielt dieser in
orientalischen Erzählungen und Märchen eine weit größere Rolle als in
unserm deutschen Märchenschatz. Auch in der deutschen Fabel begegnet
man dem klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser Volk
um Leben und Treiben des Storchs einen reichen Kranz abergläubischer
Vorstellungen gewunden, deren Ursprung sich in graue Vorzeit verliert.
Unter den Wasservögeln ist wohl der _Schwan_ das vornehmste Märchen-
und Sagentier. Wir denken an das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an
die reizende Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber einem
Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen Schwan heranwuchs;
wir denken an Lohengrins Schwan und an die Schwanenritter oder an die
Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen erschienen und
sie vor der Fahrt warnten, die allen den Untergang bringe. In Sachsen
brütet der Wildschwan leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein
und unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu nahrungsarm und zu
unruhig. Wer aber die ostpreußischen Seen kennt, der wird sich mit
Freude der anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem dieser
Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. Auch Seen in Brandenburg
und Mecklenburg oder der Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock
beherbergen noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe.
Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit auch in ihre
Reihen starke Lücken gerissen, so daß es ernstlich an der Zeit ist,
für den Schutz dieser Tiere zu sorgen. Besonders lieblich sind die
Familienbilder, die sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn
die Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf auf die
freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen auf den Rücken
nimmt und mit dieser leichten Bürde zurück zum Neste gleitet.
An zweiter Stelle wäre auch der _Gänse_ zu gedenken. Unsre geliebte
Hausgans, deren Braten alljährlich an meinem Namenstage so manchen
Mittagstisch verschönt -- im vorigen Jahre nach längerer Pause auch
den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel in mein Haus
flattern ließ -- stammt von der Graugans her, die gleichfalls noch
in Norddeutschland brütet und gelegentlich ihrer Herbstreisen auch
an unsre sächsischen Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur,
als unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter im
Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt sie nicht so stark wie jene.
Auch die _Ente_ mit dem goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und
in der Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den Kragen
umdrehen möchte.
Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten _Nachtigall_
und _Lerche_. Ihr Gesang hat von jeher den Menschen begeistert.
In hundert Volksliedern wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den
Minnesingern, die sich nicht genug tun können, die kleinen Waldvöglein
zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so ziemlich der einzige
Vogel, der mit Namen genannt wird. Die Lerche aber ist die Sängerin
des Tages, die zum Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich
erhebt, um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, zum
Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen in Märchen und Fabeln die
andern Kleinvögel, wie Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur
bescheidene Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern
in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln vom Zeisig, vom
Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und der Nachtigall, von der Schwalbe
und der Lerche.
Die _Schwalbe_ ist der Vogel, der das innigste Bündnis mit dem
Menschen geschlossen hat; denn während recht viele zutrauliche Vögel
wohl die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung an
unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, auf einem Balkenkopf
oder in irgendeinem versteckten Winkel aufschlagen, sind es die
niedlichen Rauchschwälbchen mit dem gabelartig verlängerten Schwanz
und der rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der Gebäude
Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, der Decke des Kuh- oder
Pferdestalles, wohl auch dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen
sie ihr Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen verdient
Gegenliebe, wie man sie allgemein in deutschen Landen den lieblichen
Vögelchen entgegenbringt. Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest
zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden Gottheit
mit langem Siechtum bestraft wird. Wo die glückverheißenden Vögel den
Hof verlassen haben und im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr
halten, da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. Wer
möchte es wünschen, daß solch frommer Aberglaube doch endlich in die
Rumpelkammer längst überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die
nicht mehr in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde!
Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe berichten. Bei der
Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies flog eine Schwalbe
blitzschnell an dem Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um
das arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte Heimat zu
begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten Freundin im Glück und im
Unglück. Eine andere Sage erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom
Durst gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des Heilands
Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an eine Quelle, küßte dann
des Sterbenden Lippen und träufelte einige Tropfen Wasser auf sie.
Hierauf umflog sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen Schwingen
ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie die blutenden Wunden, so
daß sich Stirn und Kehle rot färbten. Ähnliches weiß die Sage auch
vom _Kreuzschnabel_ zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel aus dem
Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel verbogen, sein Gefieder
gerötet.
Nur ein Wort noch vom _Wiedehopf_. Er steht nicht im besten Geruch und
ist doch mit seiner Federholle und dem ansprechenden Farbenkleid ein
wunderhübscher Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als sächsischen
Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings außerordentlich selten
ist. In meiner Jugendzeit aber brüteten alljährlich mehrere Paare
in den alten Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner
Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn man die Nase
in den Eingang solcher Kinderstube bringt; selbst die ausgeflogenen
Jungen müssen sich noch tagelang gewissermaßen auslüften, ehe sie den
Geruch verlieren, so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel ist
der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der eitle Vogel, dessen
armseliger Ruf sich mit dem Gesang der unscheinbaren Nachtigall nicht
messen kann.
Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders aber die deutsche
Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß man leichter die Arten aufzählen
könnte, von denen das Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau,
Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und Reiher, Gimpel und
Zeisig müßte ich nennen, und ich würde noch keineswegs allen gerecht
werden. Gerade der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen
gewesen; seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, vor allem
aber seine Stimme haben von Anfang an die Aufmerksamkeit eines jeden
auf ihn gelenkt.
* * * * *
Die _kaltblütigen Wirbeltiere_ stehen unserm Volke nicht so nahe; das
Verhältnis zu ihnen ist weniger innig. Ganz besonders gilt das von
den _Fischen_. In dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr
bescheidene Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie und da mal
der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige Karpfen auf. Die Fische
haben wenig zu sagen, sie sind stumm; daraus erklärt sich wohl solche
Vernachlässigung.
Aber unter den _Lurchen_ gibt es ausgezeichnete Sänger, die mit
ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht erfüllen: die _Frösche_ sind es.
Unsern Seen- und Teichlandschaften verleiht ihr Chorgesang einen ganz
eigentümlichen Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um die eine
Art, den _grünen Wasserfrosch_, während man von dem andern, dem braunen
Grasfrosch, der auf der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern
Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut vernimmt; ~rana
muta~, d. i. der Stumme, nannte ihn deshalb der Zoolog. Um so lebhafter
der andere, der Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel
zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten Element,
wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen hat und seine Herrschaft
über die ganze pausbäckige Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich
um Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in einen Frosch
verzaubert ward und dann durch die Guttat eines Menschenkindes erlöst
wird. Oder ich erinnere an Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem
Jahre 1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg«
zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche Hofhaltung der Frösche
und Mäuse wird uns hier geschildert und die blutige Schlacht zwischen
den Bewohnern des Wassers und den kleinen graufelligen Nagern des
Feldes. Und dann, wieviel alte und neue Fabeln handeln doch von dem
kaltblütigen Sänger, der bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck
den Wettgesang anstimmt!
Auch die _Kröte_ mit der goldenen Krone ist eine Märchengestalt,
die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr schönes goldenes Auge, das
treuherzig blickt, voll Wehmut und Sehnsucht, hat es dem Menschen
angetan. Wer es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, muß
bar jedes Gemüts sein.
Von den _Schlangen_ ist im Märchen manchmal die Rede. Sie sind die
Behüterinnen verborgener Schätze oder werden nur nebenbei erwähnt,
um die gruselige Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen
einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte heimische
Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter nicht. Dagegen tritt
unter dem Namen »Hausunke« die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder
weißen Halbmondflecken am Hinterkopf und Hals werden als Krone gedeutet.
Es würde zu weit führen, auch den _wirbellosen Tieren_ unsre
Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von ihnen gibt es recht viele, die
wahrhaft volkstümlich geworden sind und besonders in der deutschen
Fabel häufig auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille,
Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke.
* * * * *
Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, daß die
großen Tiere der Tropen und der Polarzonen durch die unsinnige
Jagdleidenschaft der weißen Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten
entgegeneilen, daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, ebenso die
großen Walsäugetiere oder die Büffel, die einst in ungeheuren Scharen
die weiten Ebenen Nordamerikas belebten, recht bald der Vergangenheit
angehören werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche Einbuße und
der Verlust, den die Wissenschaft dadurch erleidet, rechtfertigen diese
Klage und Anklage, sondern der Frevel an der Natur ist es, der das Herz
eines jeden mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als jene
Tiere ferner Zonen sollte uns die _heimatliche_ Tierwelt stehen. An
ihrer Erhaltung ist nicht etwa nur dem einzelnen Naturfreund gelegen,
sondern unserm ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht
engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die höheren Tiere
sind mit ganz wenig Ausnahmen -- ich denke z. B. an die Kreuzotter oder
an kleine Säugetiere, die namentlich auf den Feldern als verheerende
Landplage auftreten können -- um ihrer selbst willen des allgemeinen
Schutzes wert. Wenn wir aber aus der großen Masse einige besonders
hervorheben wollen, deren Untergang am meisten beklagenswert wäre,
ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft,
sondern für unser ganzes Volk, so sind es die _volkstümlichen Tiere der
deutschen Märchen und Fabeln_.
Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert
Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden und müssen es
sein. Was bringt mir Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich
von Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im Wege, mein Ziel zu
erreichen? Das sind die täglichen Fragen des einzelnen.
Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte haben sich deshalb zu
Verbänden zusammengeschlossen, um mit vereinten Kräften das gemeinsame
Ziel zu verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige,
und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge haben, wo die Frage
nach Nutzen und Schaden im Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre
Interessen vielfach, und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu
erbitterten Kämpfen führen.
Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner, der Imker
u. a., sie glauben ein Recht zu haben, mit allen Mitteln die Ziele zu
verfolgen, die ihnen ihr Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht
dabei die Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind, und
nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen Mutter, der Natur, der
wir alles verdanken.
Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten Wildstandes
unschädlich zu machen; er stellt also auch den Raubvögeln nach, deren
herrlicher Flug das Auge und Herz des Naturfreundes erfreut, und er
fragt wenig danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen
treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade sehr viele
Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte leidet den farbenprächtigen
Eisvogel nicht und fängt ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die
Vogelfreunde sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen
Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren, oder er setzt Prämien
für die Erlegung des Fischadlers und anderer Fischfeinde aus, bepelzt
und befiedert, deren Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß,
sobald es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter
ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt, die ihm manche
Biene wegschnappen; er vergißt dabei, daß gerade diese Vögel dem
deutschen Forstmann wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind.
Der Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der Vogelfreund
den Star durch Aushängen von Nistkästen in mancher Gegend unseres
Vaterlandes in einer Weise vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch
diesen Vogel arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer
unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande zeigt,
oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle, die er in seinem Garten
aufgestellt hat. Und so geht es weiter: _überall Gegensätze, überall
Meinungsverschiedenheiten_ zwischen den Jagdschutz-, Fischereischutz-,
Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-, Gärtner-, Naturschutzvereinen
und ihren einzelnen Vertretern, und _jeder glaubt im Recht zu sein_,
wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn bitter beklagt.
Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis, ein wenig
Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen von der einen Seite wie
von der andern: wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher
Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht ganz aufgehen
in unsern persönlichen Interessen, nicht immer nur nach Nutzen und
Schaden fragen, nach eignem Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte
müssen wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht den
einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit. So verschieden die
Bestrebungen und Ziele auch sein mögen: in dem _einen_ großen und
idealen Ziele finden wir uns schließlich doch alle zusammen: _die Natur
unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer heiligen, unverletzlichen
Schönheit erhalten wissen_, soweit es ohne wesentliche Schädigungen
_berechtigter_ Sonderinteressen nur irgend möglich ist. _Schutz unsrer
Heimat!_ das muß unsre Losung sein; alles andre hat sich diesem
allgemeinen Ziel unterzuordnen.
Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorzug besitzt,
daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung mit der Natur bringt, der
darf nie vergessen, daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger
begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen schuldet, die den
eignen persönlichen Interessen vorangehen. Und so sollten sich all
diese Begünstigten die Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden
in der _Idee des Heimatschutzes_, der kein kleinliches Partei-, kein
einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten Geschöpfe unsrer
Heimat gilt es zu erhalten, nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht,
die Natur zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen und
harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, die sich in vielen
Einzelfällen als schädlich erweisen, und wollen diese wenigstens soweit
dulden, daß sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden --
unrettbar, unwiederbringbar!
* * * * *
Die _Fischerei_ hat über die Menge der tierischen Feinde vielleicht
noch mehr zu klagen als die Jagd. Dabei wollen wir die kleineren
Räuber, die den Kerbtieren angehören, ganz unberücksichtigt lassen:
den Gelbrand und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen,
sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen Freßwerkzeugen
selbst größere Fische anzubeißen, oder den Rückenschwimmer, auch
Wasserwanzen und Wasserskorpion, ebenso die äußerst räuberischen
Larven mancher anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu
den harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die vielen
Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber denken, die dem
Fischereiberechtigten aus der Reihe der Wirbeltiere mancherlei Schaden
verursachen.