Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, möchte ich

nun einladen, sich auf dem bemoosten Felsblock niederzulassen, der

einst unserm gemeinsamen Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte

an seinem geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen,

von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, die also unserm deutschen

Volke am nächsten stehen, die _volkstümlichsten_ sind. Dabei schalte

ich aber alle fremdländischen Tiere, selbst den König des großen

Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte an erster Stelle

unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde bewohnen, allen Lesern

recht warm an's Herz legen und Teilnahme für sie wecken. Gerade die

volkstümlichsten unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser

Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen darf, bedürfen

dringend des _allgemeinen Schutzes_, sollen sie nicht in längerer oder

kürzerer Zeit spurlos aus der Heimat verschwinden.

Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere dem Menschen bringen,

ist bereits im Übermaß immer und immer wieder erörtert worden, und

die Bestrebungen des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch

nicht als einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber

gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, so daß ich kein

Wort hierüber zu verlieren brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche

Tierwelt zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt,

ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch habe ich bereits an

anderer Stelle betont, wie eine mannigfaltige, möglichst ursprüngliche

Tierwelt für die Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber

ich meine, auch die _Volkstümlichkeit_ mancher Tiere -- ich denke z. B.

an den Fuchs und den Igel, den Storch, die Schwalbe, den Kuckuck,

an alle Eulen -- sollte ein recht wesentlicher Grund sein, für den

unbedingten Schutz solcher Tiere einzutreten.

Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie der deutschen

Fabel ist entschieden der _Fuchs_. Schlauer und verschlagener als alle

andern Geschöpfe, spielt er die Rolle des Betrügers. Er überlistet

die Wildente und den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans,

den Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und Wald, in

Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter Isengrim mit dem gewaltigen

Wolfsrachen, oder Braun, den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner

mächtigen Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube

nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß seine Gegner alle

zu foppen und spielt ihnen aufs übelste mit; selbst den Jäger führt

der Schlaue oftmals hinter's Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß

solch volkstümliches Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, völlig

aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin kommen, daß nie mehr ein

Fuchs unsern Weg kreuzt in sandiger Heide und daß wir den Roten nur

noch hinter den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft

im Museum? Das wäre doch traurig.

Oder der _Storch_. Von ihm gilt dasselbe. Alle Kinder kennen ihn aus

den Bilderbüchern, aus mancherlei Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif

Storch«. Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen wirklich

'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, oder einherstolzierend

auf feuchter Wiese oder auf dem Rain zwischen den Äckern, wenn man

sein gemütliches Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der

drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft verlassen. Soll

wirklich die Zeit kommen, wo auch das letzte brütende Storchenpaar

und der letzte Horst aus unserm engeren Vaterlande verschwunden sein

wird, wie der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche andre.

Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, für alle Zeiten

unwiederbringlich dahin! Mögen alle, die's angeht, dafür sorgen, daß

diese gefährdeten Tiere vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben

und daß sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen können, wie

unsre Altvordern, die so viele gemütvolle Märchen und unterhaltsame

Fabeln von diesen Tieren zusammenreimten.

Freilich die _großen Raubtiere_ sind längst aus unserm Lande gewichen.

Sie passen nicht mehr in unsre heutigen Verhältnisse, und es wäre

töricht, sie zurückzuwünschen. Braun, der _Bär_, der grobe, aber

gutmütige Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit etwa hundert

Jahren das Heimatrecht verloren, und es vergeht bisweilen mehr als

ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal wieder einer, aus Tirol versprengt,

in den bayrischen Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den

deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen die vielen mit

»Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, auch hier in Sachsen: Bärenfels,

Bärenhecke, Bärenburg u. a.

Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den Bären recht gut,

hatte er doch sein Heim in allen Dickungen aufgeschlagen, von wo

er die mühsam dem Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die

Viehherden einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde zur Seite,

so zogen die germanischen Jäger auf die Bärenhatz. Das Wildbret des

gewaltigen Tieres war ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell,

auf dem sie, wie es im Liede heißt, lagen und -- »immer noch eins«

tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der zunehmenden

Bevölkerung aber mußte die Zahl des großen Raubtiers zurückgehen. Dazu

kamen mancherlei Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung

besonderer Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. In der Zeit

von 1611 bis 1717, also innerhalb 106 Jahren, wurden in dem damaligen

Sachsen, das allerdings wesentlich größer war als unser heutiges,

nach den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären zur

Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in den österreichischen,

den schweizer und italienischen Alpen recht selten geworden; dagegen

beherbergt ihn noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl

in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. Die Bären unsrer

zoologischen Gärten stammen zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch

heute noch mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe die

Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt auf meinen Reisen

wiederholt beobachten können. In den ehemals ungarischen Karpaten

wurden noch vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre -- es steht mir die

Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung -- noch immer 245 Bären erlegt.

Mit dem Bären ist vielleicht der _Dachs_ am nächsten verwandt. In

Fabel und Märchen spielt er als Meister »Grimbart« eine große Rolle.

Alle Waldgebirge Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen

Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch mit ihm stark

aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder unsrer deutschen Heimat

durchstreift, bin Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen

hoffnungsfroher Jugend erfreut, selbst den Edel- und den Steinmarder

habe ich in freier Natur angetroffen; aber alt bin ich geworden, ehe

mir Grimbart über den Weg gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches

Mißgeschick gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere Heimat,

muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits zu den Naturdenkmälern

zählen. In andern Gegenden freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger.

Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als seine entfernte

Vetternschaft, die Sippe der Marder. Wohl verschmäht er einen Junghasen

nicht, Fasanen und Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt

auch Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt er allerlei

Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den schwachen Reißzähnen hinweist.

Und so ist die Schonzeit gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar

bis zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, das

sich eines solchen Vorzugs erfreut.

Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht zu vergleichen,

auch nicht mit dem Bär, ist oder war der _Wolf_. Wir hören noch gern

die netten Geschichten, die das deutsche Märchen von Isengrim zu

erzählen weiß, wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke weit

überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein sprichwörtlich

gewordener »Wolfshunger« in hundert Abenteuer verwickelt und an den

Rand des Verderbens lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen

Rollen, die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit seinem

Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, dem Pferde, dem Lamm,

der Gans, dem Löwen, wie er in den meisten Fällen tüchtig verprügelt

wird oder wie er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir

gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten Tiere, aber

wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn nicht zurück.

Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen in recht großen

Scharen aufgetreten sein, in den Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich

in den weiten Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren allein

in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei die nur gelegentlich

von einzelnen Bauern erlegten nicht mitgezählt sind. Man kann sich

denken, welch furchtbare Geißel Isengrim damals für die Herden wie für

das Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze Dorfschaften

sich zusammentaten und Treibjagden gegen den Bösen unternahmen oder

ihn in Wolfsgruben fingen und erschlugen, und daß die fürstlichen wie

geistlichen Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine Haut

ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als vier Taler, i. J.

1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld damals. Vielleicht hat der

Wolf weniger der Kultur des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung

zwangsweise weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es in unserm

Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach Osten ist er verdrängt worden,

von wo er gegenwärtig nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern

über die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, ebenso in der

Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu ein versprengter Isengrim, der

dann gewöhnlich sehr schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen

war es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Wölfen vorbei;

ja schon kurz vor dem Siebenjährigen Krieg können die Raubgesellen

hier als ausgerottet bezeichnet werden, und nur einzelne Namen wie

Wolfsgrün, Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel erinnern

noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen Bande. Aus unsrer

Dresdner Gegend scheint der Wolf schon recht frühzeitig gewichen zu

sein; wenigstens galt er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits

als Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine sog.

»Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße von Meißen

nach Moritzburg, errichtet haben. Die Inschrift der 6 Meter hohen

Steinsäule, auf der ein sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst

Johann Georg I. diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal

ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919.

Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen Ottendorf und

Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker Landstraße, am Wolfsberg. Es

erinnert an einen Wolf, der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward,

der erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren.

Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, pyramidenförmig

zugespitzte Wolfssäule in der Dippoldiswalder Heide, an dem Wege

von Malter nach der Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem

Flachrelief einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe

6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« sächsische Wolf, wie

ihn der Volksmund bezeichnet, nur ein Überläufer aus den böhmischen

Wäldern gewesen. Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu

Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, daß die

Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee Napoleons in ganzen Rudeln

nach Deutschland, insbesondere auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch

es fehlt der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme.

Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch 1904, in Sachsen oder

nahe der sächsischen Grenze hier und da ein Wolf erlegt worden ist,

so handelte es sich um gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene

Tiere, falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem

wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim erblickte.

Ausführliches über die Geschichte des Wolfs in Sachsen enthält ein

Aufsatz A. Klengels in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes,

Bd. 9, S. 97 ff.

Auch der kleinere Vetter, der _Fuchs_, hat viel unter der Feindschaft

des Menschen zu leiden, der ihm mit Eisen und Blei und mit vergiftetem

Köder nachstellt. Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich

zu behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der seinen Weg

kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und unterhaltsamer Späße, die

sich die dichtende Phantasie zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops

an bis zu Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage.

In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark bevölkerten Sachsen,

gibt es noch Füchse. »Mehr als genug!« denkt mancher Grünrock, der

seine Niederjagd liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben

sich die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug hat im

deutschen Wald überhand genommen,« so klagte man mir, »ganz besonders

die Füchse«. Das Versäumte, glaube ich, wird bald wieder nachgeholt

sein. Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein gewaltiger

Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs zu schießen oder ihn im

Eisen zu fangen -- ein schönes Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der

Mühe schon wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett mit dem

klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, auch wenn's kein

feiner »Silberfuchs« ist -- andererseits wird solch hoher Preis den

Wunsch stärken, den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird

es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere Gründe vorliegen,

die Welpen mit dem noch wertlosen Balg aus ihrem Bau auszugraben, und

so wird die Zeit hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem

deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und Wildkatze.

In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat man schon seit

einiger Zeit begonnen, die _Bedeutung der Raubtiere_ mehr und mehr

einzusehen, und wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger ein

geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist er nur, daß er

von der Lebensweise der Raubtiere, der bepelzten wie der gefiederten,

keine rechte Vorstellung hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge

von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, daß er

sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch leises »Mäuseln« des

Jägers heranlocken läßt. Daneben aber frißt er auch Kerbtiere und

deren Larven, namentlich Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer.

Daß er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und Kaninchen lebe, ist

eine böse Verleumdung. Natürlich, was er überlisten kann, nimmt er

mit; selbst das Reh fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den

Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten hat, und wohl

auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen wäre. Reineke, und das sollte

man ihm nie vergessen, ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als

er an erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet

und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt, sowie durch solche

Auslese den ganzen Stand des Wildes hebt und stärkt.

Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht,

und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei

da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit

abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder

das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel

einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs

vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde

tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen

zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt,

nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und

Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen

Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt,

macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig

Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes

Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich

die Jäger noch oft, wie _Löns_ schreibt, in einem mittelalterlichen

Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet,

was er verschlinge«.

Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den _Luchs_, der in

Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo

die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre

Hausmiez, nicht um die _Wildkatze_. Diese ist bis auf wenig Reste

aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden

Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz

bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch

gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht

dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt

sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen

im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.

Und nun unser gemütlicher _Igel_. Wer kennt es nicht, das köstliche

Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den

flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm

hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne

Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer

also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel

is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der

sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die

Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner

Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der

Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen:

»... welch schöne Augenweide!

Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«

Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:

»Ja, also ist's! und schelten auch die einen

Voll Hohn dich eine Borstenkreatur,

Ein struppig Stacheltier -- so mußt du wandern:

Als Seidenviehchen loben dich die andern.«

Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer

Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen,

spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und

dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird -- man sollte es kaum glauben

-- gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes

Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der

Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind

oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als

Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und

in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich

möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte

Wohlwollen entgegenzubringen.

_Lampe, der Hase_, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor;

er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn

fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum

Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der

Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens

im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den

Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt

hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen

sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren

Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es

mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache

hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will.

Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall

Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind

schon alle _Rothirsche_ abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark

gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal

in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der

Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten,

so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder

wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr

1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen,

so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit

nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute

stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage.

Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in

der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen,

wie es bisher der Fall war.

Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der _Hirsch_, von dem

die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche

_Reh_, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt,

vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn

auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden

soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm

Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch

eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd

lebten -- im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es

schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien

bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer -- so war doch die

Jagd von großer Bedeutung für sie.

[2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst

in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da

wieder erfreulich gehoben zu haben.

Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? Es sind sich

wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal einen Hasenbraten

oder eine Rehkeule verzehren, darüber klar, welche ungeheuren Werte

unser Wildbestand darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor

dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen Reiche

20 Millionen Kilogramm betrug, damals im Werte von wenigstens

25 Millionen Mark, daß die Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis

von gegen 1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und Gehörnen

etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe 6 Millionen Mark aus

den Jagdscheinen ein, die Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den

Jagdpachten heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher,

Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten

u. a. verdienen. (Vgl. _H. Löns_, Kraut und Lot, S. 105 ff.)

Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist nicht die

Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng durchgeführt wird, erhält

uns das Wild als ein wertvolles Stück der heimatlichen Natur zur

Freude nicht nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da sich

die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände ausüben läßt, das

noch bis zu gewissem Grade das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt --

ursprüngliche Wälder, Brüche, Moore, Heiden -- so haben wir es zu

nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch nicht überall

die Ackerbausteppe und der durchforstete Nutzwald in unserm Vaterland

herrschen, sondern auch noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder

weniger ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind der

unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege gewesen,

und daher ist es die Pflicht des Heimatschutzes, die edle weidgerechte

Jagd, deren Hauptaufgabe in der Hege und Pflege eines angemessenen

Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen Bestrebungen nach

der gekennzeichneten Richtung hin zu unterstützen. »Jagdschutz« also

auch in dem Sinne: »Schutz der Jagd!«

* * * * *

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 3 / 15 段