Im Gewänd kletternde _Hausziegen_ mögen, aus weiter Ferne gesehen,

einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, wie ruhig äsendes Krickelwild,

und so mancher Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier

beobachtete, wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt

aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die äußere Erscheinung bietet

viel Ähnliches, aber der Gefühlswert ist in beiden Fällen doch ganz

verschieden. Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen

abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, hier Zwang

und Kultur. Wie grundverschieden die Stimmungen, die solcher Gegensatz

im Beschauer auslöst! Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen

Auge, sondern zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch nicht

geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen _Haustieren_ eine große

Bedeutung für das Landschaftsbild zukommt. Tausend Gemälde älterer und

neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen.

Wir brauchen nur an die buntscheckigen _Rinder_ zu denken, die auf dem

grünen sonnigen Plan weiden oder wiederkäuend im Schatten hoher Bäume

ruhen, an die blökende _Schafherde_, die langsam am Berghange hinzieht,

an die munteren _Fohlen_, die sich in der Koppel nach Herzenslust

tummeln: anmutige Bilder, die den Frieden des Landlebens atmen. Aber

selbst ein einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft

einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der breitstirnige Stier vor dem

Pflug, wie der Postwagen auf der Landstraße.

* * * * *

Den kaltblütigen Wirbeltieren, also _Kriechtieren_, _Lurchen_ und

_Fischen_, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr

verstecktes Leben bringt es mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild

nicht bestimmend einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß

kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im verlassenen

Steinbruch durch Tritonen und Salamander, ein steiniger Hang durch

schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee oder ein Waldbach durch die hübsch

gepunkteten, flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach

Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt.

Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien keine ganz

unwichtige Rolle. Ich meine gewisse _Froschlurche_, den Wasserfrosch,

den Laubfrosch und die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin

durch die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter der

Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, bei denen wir zuerst

einer wirklichen Vokalmusik begegnen, einer Lautäußerung durch die

Stimme, dem Uranfang einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden Tiere,

namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik aus[1]; der

Frosch aber ist der erste Sänger. Kraftvoll versteht er seine Stimme

zu gebrauchen; bestimmte melodische Sätze wechseln und kehren in

regelmäßiger Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für die Zeitmaße

ist hervorragend, man muß es ihm lassen.

[1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten,

den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn

man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen

einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit

Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher,

die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung

ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei

denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und

dem Kehlkopf zukommt.

Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich

gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die _Frösche_, deren Chorgesang

uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch

die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur

die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im

Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille

unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes

Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde

Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei

knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre

und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze

Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke,

tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht,

sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es:

Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die

schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer

in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer

Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von

einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird

noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal

ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen.

Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine

Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das

Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in

größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind

bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel,

der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.

Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die

Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der

Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die

verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig

Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner,

so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den

unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre

schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber

drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend

heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht

der Mund über.

Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom

Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte

Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die

Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen

Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase,

von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir

der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den

andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und

Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit.

Auch der _Laubfrosch_, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die

ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün

von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes

»äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und

lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig.

Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der

melodische Rundgesang der _Unken_, die den Dorfweiher oder den Tümpel

draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll

aus der Tiefe »ung, ung, ung ...«, feierlich, ernst, schwermütig und

traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem

dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt

und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf

der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der

Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.

* * * * *

Auch manche _Insekten_, namentlich wenn sie in größeren Scharen

auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir

brauchen nur an die graziösen _Libellen_ zu denken, die jedem Gewässer,

dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten

Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen.

»Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um

den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen,

im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat.

Oder wer möchte sie missen, die _Bienen_ und die andern Hautflügler,

die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli

die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes

Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die

sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der _Heupferde_ erinnern, die

in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer

einlullt, oder an das Zirpen der _Grillen_, das so stimmungsvoll am

Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig

als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein

eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt,

einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar.

Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der

_Tagschmetterlinge_. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten

Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu

dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben!

In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen

und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen

auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten,

den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer

Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres

Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos

dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich

die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt

hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein

vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes!

Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit ein paar

Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich in der Nähe der

großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten Arten, wie Trauermantel,

Admiral, Distelfalter u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl

abgenommen. Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die unser Jungenherz

in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, begegnet man nur noch

ausnahmsweise, und die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und

blaues Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die auch vor

einem halben Jahrhundert durchaus nicht häufig waren, scheinen heute

fast schon ausgestorben zu sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler

einen Teil der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen

Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung des

Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre Nahrungspflanzen entzogen

worden sind. Jedes Winkelchen wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt;

die Aussaat des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der

Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen.

* * * * *

Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild kommt uns vielfach

erst dann so recht zum Bewußtsein, wenn dieser Reiz, der von dem

beseelten Geschöpf ausgeht, irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet

einen wesentlichen, zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die Harmonie,

die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die dem Landschaftsbild

eigentümlichen Vertreter der Tierwelt verschwunden sind. Der Reichtum,

die Mannigfaltigkeit der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten

-- schweigend steht der Wald, tot liegt der See, öde die Flur. Verarmt

ist die Heimat und mit ihr unser Leben.

Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an erster Stelle

der Landmann, der Förster, der Gärtner, der Fischer, sollten sich

der vielfach hart bedrängten Tierwelt der Heimat annehmen. Nicht um

klingende Münze, sondern um edlere Güter handelt es sich, um den

unermeßlichen Wert einer reichen, unverdorbenen Natur.

Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln

Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte vorstellte,

da war es nicht etwa die oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und

Fruchtbäumen, mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen und mit

all den unbekannten, üppig wuchernden Stauden und fremdartigen Blumen,

wie sie die Bilderbibel mir zeigte, sondern das freundliche grüne

Flußtal meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde konnte

ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten Höhenzügen umgrenzte

Au, durch die mein lieber Heimatfluß zwischen sattgrünen Wiesen seinen

Weg nimmt. Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger

Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, das seine

Arme weithin über das Wasser breitet; an anderer Stelle, inselartig

abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, ein Laubholzbestand aus Ulmen

und Ahornbäumen, mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben ein Busch

junger Birken; am Fuße der Talhänge aber große und kleine Felsblöcke in

wirrem Durcheinander, über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich

breitet und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, während

weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser schauen, das sich hier

dicht an den Steilhang hinandrängt.

Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva

gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh

und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der

Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die

Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich

vereinigt hatte, die _Tiere der Heimat_ waren es, die sich hier

wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie

aber auch alle.

Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die

Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse

spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen

kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an

den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar

durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes

gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den

Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese

Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst

im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern

mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine

silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das

fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über

dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf,

dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige

Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des

Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das

Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber,

hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne

Flügelschlag schwimmend im Luftozean.

Aber auch _Haustiere_ fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am

Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte

Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß

schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus

fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da

vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder

kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er

sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie

heißen ihr Leben lang.

Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid;

wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf

und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie

mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster

sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam,

und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel

der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit

den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf

sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso

dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh

grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem

es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich -- frage nicht

weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug:

Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch

und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und

die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine,

befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre

Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein

weises Geschöpf!

Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein

Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und

Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen

köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die

leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden

Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und

Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die

das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die

_Tiere_.

Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel,

dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte

und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn

aufgebaut hatte -- die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich

den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte -- _so bringt auch heute

noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren

entgegen_. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie

auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und

Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer

Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff

ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh«

die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch

kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere

Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur

selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die

Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen:

»Solch blüend alter frisch,

Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,

Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,

Da es, zu dem ein gfallen trägt.«

Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und

Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft!

Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften

Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende

Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal

wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden

Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen,

die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis

endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den

ersten Schritt in die Welt wagen.

Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten

hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen,

handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen

verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den

Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf

einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch

in _den_ Geschichten, in _den_ Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die

Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung

oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar,

das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen

helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das

Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn?

Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers

Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die

Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die

er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze.

Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem

Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein

Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den

kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz.

Als ich ein Kind war, da standen mir -- ich muß es gestehen -- die

Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein

innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich

von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins

Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer;

denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der

Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke

verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel

später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich

nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund,

der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll.

Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau so oder ähnlich in

den Tagen der Kindheit getrieben. Dem Hahnenschrei legen die Kinder die

Worte unter: »Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer

versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« und

mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: »Sitz i da, sitz i da!«

rufen sie beide einander zu, das Vöglein droben im grünen Baum und

unten der Kleine, der zu ihm aufschaut.

Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich genug daran

hinweisen kann, daß _das innige Verhältnis des Menschen zur Tierwelt

der Heimat etwas Ursprüngliches ist, etwas Angeborenes, daß es etwas

Triebartiges an sich hat_ und sich am reinsten in der Kindheit

offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder Familie, jedes Volksstammes

und aller Zeiten, wie bei der Kindheit des Menschengeschlechts in

grauer Vergangenheit. Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, wird es

uns klar, warum die _Tiere_ eine so große Rolle in _Sage_ und _Märchen_

und _Fabel_ spielen und warum der _Aberglaube_ des Volks sie mit einem

Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat.

In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die größte

Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende Phantasie der uns

verwandten Kulturnationen denken oder an die zum Teil unbeholfenen

Erzählungen unzivilisierter Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und

Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in denen _Tieren_ eine

Hauptrolle zukommt. Und so sind »diese kleinen spielenden Kinder der

allgegenwärtigen Muse der Poesie« _Gemeingut der Menschheit_. Ja die

Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß einzelne Tiermärchen

oder Tierfabeln in den entferntesten Zonen, wo eine Überlieferung oder

auch nur mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint,

durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren hier wie dort die

gleichen Wesenszüge zugeschrieben werden. Selbst unsre lieben deutschen

Märchen, die Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern

erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen Vorzeit der

germanischen Volksstämme, sondern sind im fernen Indien geboren, wie

die Forschungen der vergleichenden Literaturwissenschaft überzeugend

dargetan haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir getrost

behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, namentlich auch aus

der Tierwelt, ausgestattet worden, wie bei uns Deutschen und höchstens

noch bei den Slawen. Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten

Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und Hausmärchen -- ich

meine, so gemütvoll, wie sie von Gebrüder Grimm erzählt werden --

kann kein anderes Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir

Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard Waldis an bis

Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, Ewers u. v. a.

* * * * *

»Meine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser« · 第 2 / 15 段