ich hoffte, sie sollten einen Autor loben, den ich hochschätzte, so
machten sie eine alberne Anmerkung über die andere und nannten ein
abgeschmacktes Stück, in welchem sie wünschten mich spielen zu sehen.
Wenn ich in der Gesellschaft herumhorchte, ob nicht etwa ein edler,
geistreicher, witziger Zug nachklänge und zur rechten Zeit wieder zum
Vorschein käme, konnte ich selten eine Spur vernehmen. Ein Fehler,
der vorgekommen war, wenn ein Schauspieler sich versprach oder
irgendeinen Provinzialism hören ließ, das waren die wichtigen Punkte,
an denen sie sich festhielten, von denen sie nicht loskommen konnten.
Ich wußte zuletzt nicht, wohin ich mich wenden sollte; sie dünkten
sich zu klug, sich unterhalten zu lassen, und sie glaubten mich
wundersam zu unterhalten, wenn sie an mir herumtätschelten. Ich fing
an, sie alle von Herzen zu verachten, und es war mir eben, als wenn
die ganze Nation sich recht vorsätzlich bei mir durch ihre Abgesandten
habe prostituieren wollen. Sie kam mir im ganzen so linkisch vor, so
übel erzogen, so schlecht unterrichtet, so leer von gefälligem Wesen,
so geschmacklos. Oft rief ich aus: "Es kann doch kein Deutscher einen
Schuh zuschnallen, der es nicht von einer fremden Nation gelernt hat!"
Sie sehen, wie verblendet, wie hypochondrisch ungerecht ich war, und
je länger es währte, desto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich hätte
mich umbringen können; allein ich verfiel auf ein ander Extrem: ich
verheiratete mich, oder vielmehr ich ließ mich verheiraten. Mein
Bruder, der das Theater übernommen hatte, wünschte sehr, einen
Gehülfen zu haben. Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann, der mir
nicht zuwider war, dem alles mangelte, was mein Bruder besaß: Genie,
Leben, Geist und rasches Wesen; an dem sich aber auch alles fand, was
jenem abging: Liebe zur Ordnung, Fleiß, eine köstliche Gabe,
hauszuhalten und mit Gelde umzugehen.
Er ist mein Mann geworden, ohne daß ich weiß, wie; wir haben zusammen
gelebt, ohne daß ich recht weiß, warum. Genug, unsre Sachen gingen
gut. Wir nahmen viel ein, davon war die Tätigkeit meines Bruders
Ursache; wir kamen gut aus, und das war das Verdienst meines Mannes.
Ich dachte nicht mehr an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich
nichts zu teilen, und den Begriff von Nation hatte ich verloren. Wenn
ich auftrat, tat ich's, um zu leben; ich öffnete den Mund nur, weil
ich nicht schweigen durfte, weil ich doch herausgekommen war, um zu
reden.
Doch, daß ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz in
die Absicht meines Bruders ergeben; ihm war um Beifall und Geld zu tun:
denn, unter uns, er hört sich gerne loben und braucht viel. Ich
spielte nun nicht mehr nach meinem Gefühl, nach meiner überzeugung,
sondern wie er mich anwies, und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte,
war ich zufrieden. Er richtete sich nach allen Schwächen des
Publikums; es ging Geld ein, er konnte nach seiner Willkür leben, und
wir hatten gute Tage mit ihm.
Ich war indessen in einen handwerksmäßigen Schlendrian gefallen. Ich
zog meine Tage ohne Freude und Anteil hin, meine Ehe war kinderlos und
dauerte nur kurze Zeit. Mein Mann ward krank, seine Kräfte nahmen
sichtbar ab, die Sorge für ihn unterbrach meine allgemeine
Gleichgültigkeit. In diesen Tagen machte ich eine Bekanntschaft, mit
der ein neues Leben für mich anfing, ein neues und schnelleres, denn
es wird bald zu Ende sein."
Sie schwieg eine Zeitlang stille, dann fuhr sie fort: "Auf einmal
stockt meine geschwätzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht
weiter aufzutun. Lassen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie sollen nicht
weggehen, ohne ausführlich all mein Unglück zu wissen. Rufen Sie doch
indessen Mignon herein und hören, was sie will."
Das Kind war während Aureliens Erzählung einigemal im Zimmer gewesen.
Da man bei seinem Eintritt leiser sprach, war es wieder weggeschlichen,
saß auf dem Saale still und wartete. Als man sie wieder hereinkommen
hieß, brachte sie ein Buch mit, das man bald an Form und Einband für
einen kleinen geographischen Atlas erkannte. Sie hatte bei dem
Pfarrer unterwegs mit großer Verwunderung die ersten Landkarten
gesehen, ihn viel darüber gefragt und sich, soweit es gehen wollte,
unterrichtet. Ihr Verlangen, etwas zu lernen, schien durch diese neue
Kenntnis noch viel lebhafter zu werden. Sie bat Wilhelmen inständig,
ihr das Buch zu kaufen. Sie habe dem Bildermann ihre großen silbernen
Schnallen dafür eingesetzt und wolle sie, weil es heute abend so spät
geworden, morgen früh wieder einlösen. Es ward ihr bewilligt, und sie
fing nun an, dasjenige, was sie wußte, teils herzusagen, teils nach
ihrer Art die wunderlichsten Fragen zu tun. Man konnte auch hier
wieder bemerken, daß bei einer großen Anstrengung sie nur schwer und
mühsam begriff. So war auch ihre Handschrift, mit der sie sich viele
Mühe gab. Sie sprach noch immer sehr gebrochen Deutsch, und nur wenn
sie den Mund zum Singen auftat, wenn sie die Zither rührte, schien sie
sich des einzigen Organs zu bedienen, wodurch sie ihr Innerstes
aufschließen und mitteilen konnte.
Wir müssen, da wir gegenwärtig von ihr sprechen, auch der Verlegenheit
gedenken, in die sie seit einiger Zeit unsern Freund öfters versetzte.
Wenn sie kam oder ging, guten Morgen oder gute Nacht sagte, schloß
sie ihn so fest in ihre Arme und küßte ihn mit solcher Inbrunst, daß
ihm die Heftigkeit dieser aufkeimenden Natur oft angst und bange
machte. Die zuckende Lebhaftigkeit schien sich in ihrem Betragen
täglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte sich in einer
rastlosen Stille. Sie konnte nicht sein, ohne einen Bindfaden in den
Händen zu drehen, ein Tuch zu kneten, Papier oder Hölzchen zu kauen.
Jedes ihrer Spiele schien nur eine innere heftige Erschütterung
abzuleiten. Das einzige, was ihr einige Heiterkeit zu geben schien,
war die Nähe des kleinen Felix, mit dem sie sich sehr artig abzugeben
wußte.
Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde
über einen Gegenstand, der ihr so sehr am Herzen lag, endlich zu
erklären, ward über die Beharrlichkeit der Kleinen diesmal ungeduldig
und gab ihr zu verstehen, daß sie sich wegbegeben sollte, und man
mußte sie endlich, da alles nicht helfen wollte, ausdrücklich und
wider ihren Willen fortschicken.
"Jetzt oder niemals", sagte Aurelie, "muß ich Ihnen den Rest meiner
Geschichte erzählen. Wäre mein zärtlich geliebter, ungerechter Freund
nur wenige Meilen von hier, ich würde sagen: "Setzen Sie sich zu
Pferde, suchen Sie auf irgendeine Weise Bekanntschaft mit ihm, und
wenn Sie zurückkehren, so haben Sie mit gewiß verziehen und bedauern
mich von Herzen." Jetzt kann ich Ihnen nur mit Worten sagen, wie
liebenswürdig er war und wie sehr ich ihn liebte.
Eben zu der kritischen Zeit, da ich für die Tage meines Mannes besorgt
sein mußte, lernt ich ihn kennen. Er war eben aus Amerika
zurückgekommen, wo er in Gesellschaft einiger Franzosen mit vieler
Distinktion unter den Fahnen der Vereinigten Staaten gedient hatte.
Er begegnete mir mit einem gelaßnen Anstande, mit einer offnen
Gutmütigkeit, sprach über mich selbst, meine Lage, mein Spiel wie ein
alter Bekannter, so teilnehmend und so deutlich, daß ich mich zum
erstenmal freuen konnte, meine Existenz in einem andern Wesen so klar
wiederzuerkennen. Seine Urteile waren richtig, ohne absprechend,
treffend, ohne lieblos zu sein. Er zeigte keine Härte, und sein
Mutwille war zugleich gefällig. Er schien des guten Glücks bei Frauen
gewohnt zu sein, das machte mich aufmerksam; er war keinesweges
schmeichelnd und andringend, das machte mich sorglos.
In der Stadt ging er mit wenigen um, war meist zu Pferde, besuchte
seine vielen Bekannten in der Gegend und besorgte die Geschäfte seines
Hauses. Kam er zurück, so stieg er bei mir ab, behandelte meinen
immer kränkern Mann mit warmer Sorge, schaffte dem Leidenden durch
einen geschickten Arzt Linderung, und wie er an allem, was mich betraf,
teilnahm, ließ er mich auch an seinem Schicksale teilnehmen. Er
erzählte mir die Geschichte seiner Kampagne, seiner unüberwindlichen
Neigung zum Soldatenstande, seine Familienverhältnisse; er vertraute
mir seine gegenwärtigen Beschäftigungen. Genug, er hatte nichts
Geheimes vor mir; er entwickelte mir sein Innerstes, ließ mich in die
verborgensten Winkel seiner Seele sehen; ich lernte seine Fähigkeiten,
seine Leidenschaften kennen. Es war das erste Mal in meinem Leben,
daß ich eines herzlichen, geistreichen Umgangs genoß. Ich war von ihm
angezogen, von ihm hingerissen, eh ich über mich selbst Betrachtungen
anstellen konnte.
Inzwischen verlor ich meinen Mann, ungefähr wie ich ihn genommen hatte.
Die Last der theatralischen Geschäfte fiel nun ganz auf mich. Mein
Bruder, unverbesserlich auf dem Theater, war in der Haushaltung
niemals nütze; ich besorgte alles und studierte dabei meine Rollen
fleißiger als jemals. Ich spielte wieder wie vor alters, ja mit ganz
anderer Kraft und neuem Leben, zwar durch ihn und um seinetwillen,
doch nicht immer gelang es mir zum besten, wenn ich meinen edlen
Freund im Schauspiel wußte; aber einigemal behorchte er mich, und wie
angenehm mich sein unvermuteter Beifall überraschte, können Sie denken.
Gewiß, ich bin ein seltsames Geschöpf. Bei jeder Rolle, die ich
spielte, war es mir eigentlich nur immer zumute, als wenn ich ihn
lobte und zu seinen Ehren spräche; denn das war die Stimmung meines
Herzens, die Worte mochten übrigens sein, wie sie wollten. Wußt ich
ihn unter den Zuhörern, so getraute ich mich nicht, mit der ganzen
Gewalt zu sprechen, eben als wenn ich ihm meine Liebe, mein Lob nicht
geradezu ins Gesicht aufdringen wollte; war er abwesend, dann hatte
ich freies Spiel, ich tat mein Bestes mit einer gewissen Ruhe, mit
einer unbeschreiblichen Zufriedenheit. Der Beifall freute mich wieder,
und wenn ich dem Publikum Vergnügen machte, hätte ich immer zugleich
hinunterrufen mögen: "Das seid ihr ihm schuldig!"
Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhältnis zum Publikum, zur
ganzen Nation verändert. Sie erschien mir auf einmal wieder in dem
vorteilhaftesten Lichte, und ich erstaunte recht über meine bisherige
Verblendung.
"Wie unverständig", sagt ich oft zu mir selbst, "war es, als du
ehemals auf eine Nation schaltest, eben weil es eine Nation ist.
Müssen denn, können denn einzelne Menschen so interessant sein?
Keinesweges! Es fragt sich, ob unter der großen Masse eine Menge von
Anlagen, Kräften und Fähigkeiten verteilt sei, die durch günstige
Umstände entwickelt, durch vorzügliche Menschen zu einem gemeinsamen
Endzwecke geleitet werden können." Ich freute mich nun, so wenig
hervorstechende Originalität unter meinen Landsleuten zu finden; ich
freute mich, daß sie eine Richtung von außen anzunehmen nicht
verschmähten; ich freute mich, einen Anführer gefunden zu haben.
Lothar--lassen Sie mich meinen Freund mit seinem geliebten Vornamen
nennen--hatte mir immer die Deutschen von der Seite der Tapferkeit
vorgestellt und mir gezeigt, daß keine bravere Nation in der Welt sei,
wenn sie recht geführt werde, und ich schämte mich, an die erste
Eigenschaft eines Volks niemals gedacht zu haben. Ihm war die
Geschichte bekannt, und mit den meisten verdienstvollen Männern seines
Zeitalters stand er in Verhältnissen. So jung er war, hatte er ein
Auge auf die hervorkeimende hoffnungsvolle Jugend seines Vaterlandes,
auf die stillen Arbeiten in so vielen Fächern beschäftigter und
tätiger Männer. Er ließ mich einen überblick über Deutschland tun,
was es sei und was es sein könne, und ich schämte mich, eine Nation
nach der verworrenen Menge beurteilt zu haben, die sich in eine
Theatergarderobe drängen mag. Er machte mir's zur Pflicht, auch in
meinem Fache wahr, geistreich und belebend zu sein. Nun schien ich
mir selbst inspiriert, sooft ich auf das Theater trat. Mittelmäßige
Stellen wurden zu Gold in meinem Munde, und hätte mir damals ein
Dichter zweckmäßig beigestanden, ich hätte die wunderbarsten Wirkungen
hervorgebracht.
So lebte die junge Witwe monatelang fort. Er konnte mich nicht
entbehren, und ich war höchst unglücklich, wenn er außenblieb. Er
zeigte mir die Briefe seiner Verwandten, seiner vortrefflichen
Schwester. Er nahm an den kleinsten Umständen meiner Verhältnisse
teil; inniger, vollkommener ist keine Einigkeit zu denken. Der Name
der Liebe ward nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging--und nun,
mein Freund, ist es hohe Zeit, daß Sie auch gehen."
IV. Buch, 17. Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Wilhelm konnte nun nicht länger den Besuch bei seinen Handelsfreunden
aufschieben. Er ging nicht ohne Verlegenheit dahin; denn er wußte,
daß er Briefe von den Seinigen daselbst antreffen werde. Er fürchtete
sich vor den Vorwürfen, die sie enthalten mußten; wahrscheinlich hatte
man auch dem Handelshause Nachricht von der Verlegenheit gegeben, in
der man sich seinetwegen befand. Er scheute sich nach so vielen
ritterlichen Abenteuern vor dem schülerhaften Ansehen, in dem er
erscheinen würde, und nahm sich vor, recht trotzig zu tun und auf
diese Weise seine Verlegenheit zu verbergen.
Allein zu seiner großen Verwunderung und Zufriedenheit ging alles sehr
gut und leidlich ab. In dem großen, lebhaften und beschäftigten
Comptoir hatte man kaum Zeit, seine Briefe aufzusuchen; seines längern
Außenbleibens ward nur im Vorbeigehn gedacht. Und als er die Briefe
seines Vaters und seines Freundes Werner eröffnete, fand er sie
sämtlich sehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in Hoffnung eines
weitläufigen Journals, dessen Führung er dem Sohne beim Abschiede
sorgfältig empfohlen und wozu er ihm ein tabellarisches Schema
mitgegeben, schien über das Stillschweigen der ersten Zeit ziemlich
beruhigt, so wie er sich nur über das Rätselhafte des ersten und
einzigen, vom Schlosse des Grafen noch abgesandten Briefes beschwerte.
Werner scherzte nur auf seine Art, erzählte lustige Stadtgeschichten
und bat sich Nachricht von Freunden und Bekannten aus, die Wilhelm
nunmehr in der großen Handelsstadt häufig würde kennenlernen. Unser
Freund, der außerordentlich erfreut war, um einen so wohlfeilen Preis
loszukommen, antwortete sogleich in einigen sehr muntern Briefen und
versprach dem Vater ein ausführliches Reisejournal mit allen
verlangten geographischen, statistischen und merkantilischen
Bemerkungen. Er hatte vieles auf der Reise gesehen und hoffte, daraus
ein leidliches Heft zusammenschreiben zu können. Er merkte nicht, daß
er beinah in ebendem Falle war, in dem er sich befand, als er, um ein
Schauspiel, das weder geschrieben, noch weniger memoriert war,
aufzuführen, Lichter angezündet und Zuschauer herbeigerufen hatte.
Als er daher wirklich anfing, an seine Komposition zu gehen, ward er
leider gewahr, daß er von Empfindungen und Gedanken, von manchen
Erfahrungen des Herzens und Geistes sprechen und erzählen konnte, nur
nicht von äußern Gegenständen, denen er, wie er nun merkte, nicht die
mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
In dieser Verlegenheit kamen die Kenntnisse seines Freundes Laertes
ihm gut zustatten. Die Gewohnheit hatte beide jungen Leute, so
unähnlich sie sich waren, zusammen verbunden, und jener war, bei allen
seinen Fehlern, mit seinen Sonderbarkeiten wirklich ein interessanter
Mensch. Mit einer heitern, glücklichen Sinnlichkeit begabt, hätte er
alt werden können, ohne über seinen Zustand irgend nachzudenken. Nun
hatte ihm aber sein Unglück und seine Krankheit das reine Gefühl der
Jugend geraubt und ihm dagegen einen Blick auf die Vergänglichkeit,
auf das Zerstückelte unsers Daseins eröffnet. Daraus war eine
launichte, rhapsodische Art, über die Gegenstände zu denken oder
vielmehr ihre unmittelbaren Eindrücke zu äußern, entstanden. Er war
nicht gern allein, trieb sich auf allen Kaffeehäusern, an allen
Wirtstischen herum, und wenn er ja zu Hause blieb, waren
Reisebeschreibungen seine liebste, ja seine einzige Lektüre. Diese
konnte er nun, da er eine große Leihbibliothek fand, nach Wunsch
befriedigen, und bald spukte die halbe Welt in seinem guten
Gedächtnisse.
Wie leicht konnte er daher seinem Freunde Mut einsprechen, als dieser
ihm den völligen Mangel an Vorrat zu der von ihm so feierlich
versprochenen Relation entdeckte. "Da wollen wir ein Kunststück
machen", sagte jener, "das seinesgleichen nicht haben soll.
Ist nicht Deutschland von einem Ende zum andern durchreist,
durchkreuzt, durchzogen, durchkrochen und durchflogen? Und hat nicht
jeder deutsche Reisende den herrlichen Vorteil, sich seine großen oder
kleinen Ausgaben vom Publikum wiedererstatten zu lassen? Gib mir nur
deine Reiseroute, ehe du zu uns kamst: das andere weiß ich. Die
Quellen und Hülfsmittel zu deinem Werke will ich dir aufsuchen; an
Quadratmeilen, die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die nicht
gezählt ist, müssen wir's nicht fehlen lassen. Die Einkünfte der
Länder nehmen wir aus Taschenbüchern und Tabellen, die, wie bekannt,
die zuverlässigsten Dokumente sind. Darauf gründen wir unsre
politischen Raisonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen soll's
nicht fehlen. Ein paar Fürsten beschreiben wir als wahre Väter des
Vaterlandes, damit man uns desto eher glaubt, wenn wir einigen andern
etwas anhängen; und wenn wir nicht geradezu durch den Wohnort einiger
berühmten Leute durchreisen, so begegnen wir ihnen in einem Wirtshause,
lassen sie uns im Vertrauen das albernste Zeug sagen. Besonders
vergessen wir nicht, eine Liebesgeschichte mit irgendeinem naiven
Mädchen auf das anmutigste einzuflechten, und es soll ein Werk geben,
das nicht allein Vater und Mutter mit Entzücken erfüllen soll, sondern
das dir auch jeder Buchhändler mit Vergnügen bezahlt."
Man schritt zum Werke, und beide Freunde hatten viel Lust an ihrer
Arbeit, indes Wilhelm abends im Schauspiel und in dem Umgange mit
Serlo und Aurelien die größte Zufriedenheit fand und seine Ideen, die
nur zu lange sich in einem engen Kreise herumgedreht hatten, täglich
weiter ausbreitete.
IV. Buch, 18. Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Nicht ohne das größte Interesse vernahm er stückweise den Lebenslauf
Serlos: denn es war nicht die Art dieses seltnen Mannes, vertraulich
zu sein und über irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. Er war,
man darf sagen, auf dem Theater geboren und gesäugt. Schon als
stummes Kind mußte er durch seine bloße Gegenwart die Zuschauer rühren,
weil auch schon damals die Verfasser diese natürlichen und
unschuldigen Hülfsmittel kannten, und sein erstes "Vater" und "Mutter"
brachte in beliebten Stücken ihm schon den größten Beifall zuwege, ehe
er wußte, was das Händeklatschen bedeute. Als Amor kam er zitternd
mehr als einmal im Flugwerke herunter, entwickelte sich als Harlekin
aus dem Ei und machte als kleiner Essenkehrer schon früh die artigsten
Streiche.
Leider mußte er den Beifall, den er an glänzenden Abenden erhielt, in
den Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen. Sein Vater, überzeugt, daß
nur durch Schläge die Aufmerksamkeit der Kinder erregt und
festgehalten werden könne, prügelte ihn beim Einstudieren einer jeden
Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind ungeschickt war,
sondern damit es sich desto gewisser und anhaltender geschickt zeigen
möge. So gab man ehemals, indem ein Grenzstein gesetzt wurde, den
umstehenden Kindern tüchtige Ohrfeigen, und die ältesten Leute
erinnern sich noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran und
zeigte außerordentliche Fähigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des
Körpers und dabei eine große Biegsamkeit sowohl in seiner
Vorstellungsart als in Handlungen und Gebärden. Seine Nachahmungsgabe
überstieg allen Glauben. Schon als Knabe ahmte er Personen nach, so
daß man sie zu sehen glaubte, ob sie ihm schon an Gestalt, Alter und
Wesen völlig unähnlich und untereinander verschieden waren. Dabei
fehlte es ihm nicht an der Gabe, sich in die Welt zu schicken, und
sobald er sich einigermaßen seiner Kräfte bewußt war, fand er nichts
natürlicher, als seinem Vater zu entfliehen, der, wie die Vernunft des
Knaben zunahm und seine Geschicklichkeit sich vermehrte, ihnen noch
durch harte Begegnung nachzuhelfen für nötig fand.
Wie glücklich fühlte sich der lose Knabe nun in der freien Welt, da
ihm seine Eulenspiegelspossen überall eine gute Aufnahme verschafften.
Sein guter Stern führte ihn zuerst in der Fastnachtszeit in ein
Kloster, wo er, weil eben der Pater, der die Umgänge zu besorgen und
durch geistliche Maskeraden die christliche Gemeinde zu ergötzen hatte,
gestorben war, als ein hülfreicher Schutzengel auftrat. Auch
übernahm er sogleich die Rolle Gabriels in der Verkündigung und
mißfiel dem hübschen Mädchen nicht, die als Maria seinen obligeanten
Gruß mit äußerlicher Demut und innerlichem Stolze sehr zierlich
aufnahm. Er spielte darauf sukzessive in den Mysterien die
wichtigsten Rollen und wußte sich nicht wenig, da er endlich gar als
Heiland der Welt verspottet, geschlagen und ans Kreuz geheftet wurde.
Einige Kriegsknechte mochten bei dieser Gelegenheit ihre Rollen gar zu
natürlich spielen; daher er sie, um sich auf die schicklichste Weise
an ihnen zu rächen, bei Gelegenheit des jüngsten Gerichts in die
prächtigsten Kleider von Kaisern und Königen steckte und ihnen in dem
Augenblicke, da sie, mit ihren Rollen sehr wohl zufrieden, auch in dem
Himmel allen andern vorauszugehen den Schritt nahmen, unvermutet in
Teufelsgestalt begegnete und sie mit der Ofengabel, zur herzlichsten
Erbauung sämtlicher Zuschauer und Bettler, weidlich durchdrosch und
unbarmherzig zurück in die Grube stürzte, wo sie sich von einem
hervordringenden Feuer aufs übelste empfangen sahen.
Er war klug genug, einzusehen, daß die gekrönten Häupter sein freches
Unternehmen nicht wohl vermerken und selbst vor seinem privilegierten
Ankläger- und Schergenamte keinen Respekt haben würden; er machte sich
daher, noch ehe das Tausendjährige Reich anging, in aller Stille davon
und ward in einer benachbarten Stadt von einer Gesellschaft, die man
damals "Kinder der Freude" nannte, mit offnen Armen aufgenommen. Es
waren verständige, geistreiche, lebhafte Menschen, die wohl einsahen,
daß die Summe unsrer Existenz, durch Vernunft dividiert, niemals rein
aufgehe, sondern daß immer ein wunderlicher Bruch übrigbleibe. Diesen
hinderlichen und, wenn er sich in die ganze Masse verteilt,
gefährlichen Bruch suchten sie zu bestimmten Zeiten vorsätzlich
loszuwerden. Sie waren einen Tag der Woche recht ausführlich Narren
und straften an demselben wechselseitig durch allegorische
Vorstellungen, was sie während der übrigen Tage an sich und andern
Närrisches bemerkt hatten. War diese Art gleich roher als eine Folge
von Ausbildung, in welcher der sittliche Mensch sich täglich zu
bemerken, zu warnen und zu strafen pflegt, so war sie doch lustiger
und sicherer: denn indem man einen gewissen Schoßnarren nicht
verleugnete, so traktierte man ihn auch nur für das, was er war,
anstatt daß er auf dem andern Wege, durch Hülfe des Selbstbetrugs, oft
im Hause zur Herrschaft gelangt und die Vernunft zur heimlichen
Knechtschaft zwingt, die sich einbildet, ihn lange verjagt zu haben.
Die Narrenmaske ging in der Gesellschaft herum, und jedem war erlaubt,
sie an seinem Tage mit eigenen oder fremden Attributen
charakteristisch auszuzieren. In der Karnavalszeit nahm man sich die
größte Freiheit und wetteiferte mit der Bemühung der Geistlichen, das
Volk zu unterhalten und anzuziehen. Die feierlichen und allegorischen
Aufzüge von Tugenden und Lastern, Künsten und Wissenschaften,
Weltteilen und Jahrszeiten versinnlichten dem Volke eine Menge
Begriffe und gaben ihm Ideen entfernter Gegenstände, und so waren
diese Scherze nicht ohne Nutzen, da von einer andern Seite die
geistlichen Mummereien nur einen abgeschmackten Aberglauben noch mehr
befestigten.
Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in seinem Elemente;
eigentliche Erfindungskraft hatte er nicht, dagegen aber das größte
Geschick, was er vor sich fand zu nutzen, zurechtzustellen und
scheinbar zu machen. Seine Einfälle, seine Nachahmungsgabe, ja sein
beißender Witz, den er wenigstens einen Tag in der Woche völlig frei,
selbst gegen seine Wohltäter, üben durfte, machte ihn der ganzen
Gesellschaft wert, ja unentbehrlich.