andere Gegenden seines Vaterlandes, wo er wieder eine neue Schule
durchzugehen hatte. Er kam in den gebildeten, aber auch bildlosen
Teil von Deutschland, wo es zur Verehrung des Guten und Schönen zwar
nicht an Wahrheit, aber oft an Geist gebricht; er konnte mit seinen
Masken nichts mehr ausrichten; er mußte suchen, auf Herz und Gemüt zu
wirken. Nur kurze Zeit hielt er sich bei kleinen und großen
Gesellschaften auf und merkte bei dieser Gelegenheit sämtlichen
Stücken und Schauspielern ihre Eigenheiten ab. Die Monotonie, die
damals auf dem deutschen Theater herrschte, den albernen Fall und
Klang der Alexandriner, den geschraubt-platten Dialog, die Trockenheit
und Gemeinheit der unmittelbaren Sittenprediger hatte er bald gefaßt
und zugleich bemerkt, was rührte und gefiel.
Nicht eine Rolle der gangbaren Stücke, sondern die ganzen Stücke
blieben leicht in seinem Gedächtnis und zugleich der eigentümliche Ton
des Schauspielers, der sie mit Beifall vorgetragen hatte. Nun kam er
zufälligerweise auf seinen Streifereien, da ihm das Geld völlig
ausgegangen war, zu dem Einfall, allein ganze Stücke besonders auf
Edelhöfen und in Dörfern vorzustellen und sich dadurch überall
sogleich Unterhalt und Nachtquartier zu verschaffen. In jeder Schenke,
jedem Zimmer und Garten war sein Theater gleich aufgeschlagen; mit
einem schelmischen Ernst und anscheinenden Enthusiasmus wußte er die
Einbildungskraft seiner Zuschauer zu gewinnen, ihre Sinne zu täuschen
und vor ihren offenen Augen einen alten Schrank zu einer Burg und
einen Fächer zum Dolche umzuschaffen. Seine Jugendwärme ersetzte den
Mangel eines tiefen Gefühls; seine Heftigkeit schien Stärke und seine
Schmeichelei Zärtlichkeit. Diejenigen, die das Theater schon kannten,
erinnerte er an alles, was sie gesehen und gehört hatten, und in den
übrigen erregte er eine Ahnung von etwas Wunderbarem und den Wunsch,
näher damit bekannt zu werden. Was an einem Orte Wirkung tat,
verfehlte er nicht am andern zu wiederholen und hatte die herzlichste
Schadenfreude, wenn er alle Menschen auf gleiche Weise aus dem
Stegreife zum besten haben konnte.
Bei seinem lebhaften, freien und durch nichts gehinderten Geist
verbesserte er sich, indem er Rollen und Stücke oft wiederholte, sehr
geschwind. Bald rezitierte und spielte er dem Sinne gemäßer als die
Muster, die er anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf diesem Wege kam er
nach und nach dazu, natürlich zu spielen und doch immer verstellt zu
sein. Er schien hingerissen und lauerte auf den Effekt, und sein
größter Stolz war, die Menschen stufenweise in Bewegung zu setzen.
Selbst das tolle Handwerk, das er trieb, nötigte ihn bald, mit einer
gewissen Mäßigung zu verfahren, und so lernte er, teils gezwungen,
teils aus Instinkt, das, wovon so wenig Schauspieler einen Begriff zu
haben scheinen: mit Organ und Gebärden ökonomisch zu sein.
So wußte er selbst rohe und unfreundliche Menschen zu bändigen und für
sich zu interessieren. Da er überall mit Nahrung und Obdach zufrieden
war, jedes Geschenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja manchmal
gar das Geld, wenn er dessen nach seiner Meinung genug hatte,
ausschlug, so schickte man ihn mit Empfehlungsschreiben einander zu,
und so wanderte er eine ganze Zeit von einem Edelhofe zum andern, wo
er manches Vergnügen erregte, manches genoß und nicht ohne die
angenehmsten und artigsten Abenteuer blieb.
Bei der innerlichen Kälte seines Gemütes liebte er eigentlich niemand;
bei der Klarheit seines Blicks konnte er niemand achten, denn er sah
nur immer die äußern Eigenheiten der Menschen und trug sie in seine
mimische Sammlung ein. Dabei aber war seine Selbstigkeit äußerst
beleidigt, wenn er nicht jedem gefiel und wenn er nicht überall
Beifall erregte. Wie dieser zu erlangen sei, darauf hatte er nach und
nach so genau achtgegeben und hatte seinen Sinn so geschärft, daß er
nicht allein bei seinen Darstellungen, sondern auch im gemeinen Leben
nicht mehr anders als schmeicheln konnte. Und so arbeitete seine
Gemütsart, sein Talent und seine Lebensart dergestalt wechselsweise
gegeneinander, daß er sich unvermerkt zu einem vollkommnen
Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine seltsam scheinende, aber
ganz natürliche Wirkung und Gegenwirkung stieg durch Einsicht und
übung seine Rezitation, Deklamation und sein Gebärdenspiel zu einer
hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und Offenheit, indem er im Leben
und Umgang immer heimlicher, künstlicher, ja verstellt und ängstlich
zu werden schien.
Von seinen Schicksalen und Abenteuern sprechen wir vielleicht an einem
andern Orte und bemerken hier nur soviel: daß er in spätern Zeiten, da
er schon ein gemachter Mann, im Besitz von entschiedenem Namen und in
einer sehr guten, obgleich nicht festen Lage war, sich angewöhnt hatte,
im Gespräch auf eine feine Weise teils ironisch, teils spöttisch den
Sophisten zu machen und dadurch fast jede ernsthafte Unterhaltung zu
zerstören. Besonders gebrauchte er diese Manier gegen Wilhelm, sobald
dieser, wie es ihm oft begegnete, ein allgemeines theoretisches
Gespräch anzuknüpfen Lust hatte. Dessenungeachtet waren sie sehr gern
beisammen, indem durch ihre beiderseitige Denkart die Unterhaltung
lebhaft werden mußte. Wilhelm wünschte alles aus den Begriffen, die
er gefaßt hatte, zu entwickeln und wollte die Kunst in einem
Zusammenhange behandelt haben. Er wollte ausgesprochene Regeln
festsetzen, bestimmen, was recht, schön und gut sei und was Beifall
verdiene; genug, er behandelte alles auf das ernstlichste. Serlo
hingegen nahm die Sache sehr leicht, und indem er niemals direkt auf
eine Frage antwortete, wußte er durch eine Geschichte oder einen
Schwank die artigste und vergnüglichste Erläuterung beizubringen und
die Gesellschaft zu unterrichten, indem er sie erheiterte.
IV. Buch, 19. Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Indem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme Stunden zubrachte,
befanden sich Melina und die übrigen in einer desto verdrießlichern
Lage. Sie erschienen unserm Freunde manchmal wie böse Geister und
machten ihm nicht bloß durch ihre Gegenwart, sondern auch oft durch
flämische Gesichter und bittre Reden einen verdrießlichen Augenblick.
Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen, geschweige daß er
ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hätte, und hatte
dessenungeachtet nach und nach ihre sämtlichen Fähigkeiten
kennengelernt. Sooft sich Schauspieler bei ihm gesellig versammelten,
hatte er die Gewohnheit, lesen zu lassen und manchmal selbst
mitzulesen. Er nahm Stücke vor, die noch gegeben werden sollten, die
lange nicht gegeben waren, und zwar meistens nur teilweise. So ließ
er auch nach einer ersten Aufführung Stellen, bei denen er etwas zu
erinnern hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einsicht der
Schauspieler und verstärkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu
treffen. Und wie ein geringer aber richtiger Verstand mehr als ein
verworrenes und ungeläutertes Genie zur Zufriedenheit anderer wirken
kann, so erhub er mittelmäßige Talente durch die deutliche Einsicht,
die er ihnen unmerklich verschaffte, zu einer bewundernswürdigen
Fähigkeit. Nicht wenig trug dazu bei, daß er auch Gedichte lesen ließ
und in ihnen das Gefühl jenes Reizes erhielt, den ein
wohlvorgetragener Rhythmus in unsrer Seele erregt, anstatt daß man bei
andern Gesellschaften schon anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen,
wozu einem jeden der Schnabel gewachsen war.
Bei solchen Gelegenheiten hatte er auch die sämtlichen angekommenen
Schauspieler kennenlernen, das, was sie waren und was sie werden
konnten, beurteilt und sich in der Stille vorgenommen, von ihren
Talenten bei einer Revolution, die seiner Gesellschaft drohete,
sogleich Vorteil zu ziehen. Er ließ die Sache eine Weile auf sich
beruhen, lehnte alle Interzessionen Wilhelms für sie mit Achselzucken
ab, bis er seine Zeit ersah und seinem jungen Freunde ganz unerwartet
den Vorschlag tat: er solle doch selbst bei ihm aufs Theater gehen,
und unter dieser Bedingung wolle er auch die übrigen engagieren.
"Die Leute müssen also doch so unbrauchbar nicht sein, wie Sie mir
solche bisher geschildert haben", versetzte ihm Wilhelm, "wenn sie
jetzt auf einmal zusammen angenommen werden können, und ich dächte,
ihre Talente müßten auch ohne mich dieselbigen bleiben."
Serlo eröffnete ihm darauf unter dem Siegel der Verschwiegenheit seine
Lage: wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bei der Erneuerung
des Kontrakts zu steigern, und wie er nicht gesinnt sei, ihm
nachzugeben, besonders da die Gunst des Publikums gegen ihn so groß
nicht mehr sei. Ließe er diesen gehen, so würde sein ganzer Anhang
ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft einige gute, aber auch
einige mittelmäßige Glieder verlöre. Hierauf zeigte er Wilhelmen, was
er dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und selbst an Frau
Melina zu gewinnen hoffe. Ja, er versprach, dem armen Pedanten als
Juden, Minister und überhaupt als Bösewicht einen entschiedenen
Beifall zu verschaffen.
Wilhelm stutzte und vernahm den Vortrag nicht ohne Unruhe, und nur, um
etwas zu sagen, versetzte er, nachdem er tief Atem geholt hatte: "Sie
sprechen auf eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, was Sie an
uns finden und von uns hoffen; wie sieht es denn aber mit den
schwachen Seiten aus, die Ihrem Scharfsinne gewiß nicht entgangen
sind?"
"Die wollen wir bald durch Fleiß, übung und Nachdenken zu starken
Seiten machen", versetzte Serlo. "Es ist unter euch allen, die ihr
denn doch nur Naturalisten und Pfuscher seid, keiner, der nicht mehr
oder weniger Hoffnung von sich gäbe; denn soviel ich alle beurteilen
kann, so ist kein einziger Stock darunter, und Stöcke allein sind die
Unverbesserlichen, sie mögen nun aus Eigendünkel, Dummheit oder
Hypochondrie ungelenk und unbiegsam sein."
Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedingungen dar, die er
machen könne und wolle, bat Wilhelmen um schleunige Entscheidung und
verließ ihn in nicht geringer Unruhe.
Bei der wunderlichen und gleichsam nur zum Scherz unternommenen Arbeit
jener fingierten Reisebeschreibung, die er mit Laertes zusammensetzte,
war er auf die Zustände und das tägliche Leben der wirklichen Welt
aufmerksamer geworden, als er sonst gewesen war. Er begriff jetzt
selbst erst die Absicht des Vaters, als er ihm die Führung des
Journals so lebhaft empfohlen. Er fühlte zum ersten Male, wie
angenehm und nützlich es sein könne, sich zur Mittelsperson so vieler
Gewerbe und Bedürfnisse zu machen und bis in die tiefsten Gebirge und
Wälder des festen Landes Leben und Tätigkeit verbreiten zu helfen.
Die lebhafte Handelsstadt, in der er sich befand, gab ihm bei der
Unruhe des Laertes, der ihn überall mit herumschleppte, den
anschaulichsten Begriff eines großen Mittelpunktes, woher alles
ausfließt und wohin alles zurückkehrt, und es war das erste Mal, daß
sein Geist im Anschauen dieser Art von Tätigkeit sich wirklich
ergötzte. In diesem Zustande hatte ihm Serlo den Antrag getan und
seine Wünsche, seine Neigung, sein Zutrauen auf ein angebornes Talent
und seine Verpflichtung gegen die hülflose Gesellschaft wieder rege
gemacht.
"Da steh ich nun", sagte er zu sich selbst, "abermals am Scheidewege
zwischen den beiden Frauen, die mir in meiner Jugend erschienen. Die
eine sieht nicht mehr so kümmerlich aus wie damals, und die andere
nicht so prächtig. Der einen wie der andern zu folgen, fühlst du eine
Art von innerm Beruf, und von beiden Seiten sind die äußern Anlässe
stark genug; es scheint dir unmöglich, dich zu entscheiden; du
wünschest, daß irgendein übergewicht von außen deine Wahl bestimmen
möge, und doch, wenn du dich recht untersuchst, so sind es nur äußere
Umstände, die dir eine Neigung zu Gewerb, Erwerb und Besitz einflößen,
aber dein innerstes Bedürfnis erzeugt und nährt den Wunsch, die
Anlagen, die in dir zum Guten und Schönen ruhen mögen, sie seien
körperlich oder geistig, immer mehr zu entwickeln und auszubilden.
Und muß ich nicht das Schicksal verehren, das mich ohne mein Zutun
hierher an das Ziel aller meiner Wünsche führt? Geschieht nicht alles,
was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt, nun zufällig, ohne
mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch scheint mit nichts
vertrauter zu sein als mit seinen Hoffnungen und Wünschen, die er
lange im Herzen nährt und bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun begegnen,
wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, erkennt er sie nicht und
weicht vor ihnen zurück. Alles, was ich mir vor jener unglücklichen
Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur träumen ließ, steht vor
mir und bietet sich mir selbst an. Hierher wollte ich flüchten und
bin sachte hergeleitet worden; bei Serlo wollte ich unterzukommen
suchen, er sucht nun mich und bietet mir Bedingungen an, die ich als
Anfänger nie erwarten konnte. War es denn bloß Liebe zu Marianen, die
mich ans Theater fesselte? oder war es Liebe zur Kunst, die mich an
das Mädchen festknüpfte? War jene Aussicht, jener Ausweg nach der
Bühne bloß einem unordentlichen, unruhigen Menschen willkommen, der
ein Leben fortzusetzen wünschte, das ihm die Verhältnisse der
bürgerlichen Welt nicht gestatteten, oder war es alles anders, reiner,
würdiger? Und was sollte dich bewegen können, deine damaligen
Gesinnungen zu ändern? Hast du nicht vielmehr bisher selbst unwissend
deinen Plan verfolgt? Ist nicht jetzt der letzte Schritt noch mehr zu
billigen, da keine Nebenabsichten dabei im Spiele sind und da du
zugleich ein feierlich gegebenes Wort halten und dich auf eine edle
Weise von einer schweren Schuld befreien kannst?"
Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft sich bewegte,
wechselte nun auf das lebhafteste gegeneinander ab. Daß er seine
Mignon behalten könne, daß er den Harfner nicht zu verstoßen brauche,
war kein kleines Gewicht auf der Waagschale, und doch schwankte sie
noch hin und wider, als er seine Freundin Aurelie gewohnterweise zu
besuchen ging.
IV. Buch, 20. Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie schien stille. "Glauben Sie noch,
morgen spielen zu können?" fragte er. "O ja", versetzte sie lebhaft;
"Sie wissen, daran hindert mich nichts.--Wenn ich nur ein Mittel wüßte,
den Beifall unsers Parterres von mir abzulehnen; sie meinen es gut
und werden mich noch umbringen. Vorgestern dacht ich, das Herz müßte
mir reißen! Sonst konnt ich es wohl leiden, wenn ich mir selbst
gefiel; wenn ich lange studiert und mich vorbereitet hatte, dann
freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen, nun sei es gelungen,
von allen Enden widertönte. Jetzo sag ich nicht, was ich will, nicht,
wie ich's will; ich werde hingerissen; ich verwirre mich, und mein
Spiel macht einen weit größern Eindruck. Der Beifall wird lauter, und
ich denke: Wüßtet ihr, was euch entzückt! Die dunkeln, heftigen,
unbestimmten Anklänge rühren euch, zwingen euch Bewundrung ab, und ihr
fühlt nicht, daß es die Schmerzenstöne der Unglücklichen sind, der ihr
euer Wohlwollen geschenkt habt.
Heute früh hab ich gelernt, jetzt wiederholt und versucht. Ich bin
müde, zerbrochen, und morgen geht es wieder von vorn an. Morgen abend
soll gespielt werden. So schlepp ich mich hin und her; es ist mir
langweilig aufzustehen und verdrießlich, zu Bette zu gehen. Alles
macht einen ewigen Zirkel in mir. Dann treten die leidigen Tröstungen
vor mir auf, dann werf ich sie weg und verwünsche sie. Ich will mich
nicht ergeben, nicht der Notwendigkeit ergeben--warum soll das
notwendig sein, was mich zugrunde richtet? Könnte es nicht auch
anders sein? Ich muß es eben bezahlen, daß ich eine Deutsche bin; es
ist der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer werden, daß
alles über ihnen schwer wird."
"O meine Freundin", fiel Wilhelm ein, "könnten Sie doch aufhören,
selbst den Dolch zu schärfen, mit dem Sie sich unablässig verwunden!
Bleibt Ihnen denn nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre
Gesundheit, sind Ihre Talente nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr
Verschulden verloren haben, müssen Sie denn alles übrige
hinterdreinwerfen? Ist das auch notwendig?"
Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: "Ich weiß es wohl,
daß es Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was
hätte ich nicht tun können! tun sollen! Nun ist alles rein zu nichts
geworden. Ich bin ein armes verliebtes Geschöpf, nichts als verliebt!
Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott, ich bin ein armes Geschöpf!"
Sie versank in sich, und nach einer kurzen Pause rief sie heftig aus:
"Ihr seid gewohnt, daß sich euch alles an den Hals wirft. Nein, ihr
könnt es nicht fühlen, kein Mann ist imstande, den Wert eines Weibes
zu fühlen, das sich zu ehren weiß! Bei allen heiligen Engeln, bei
allen Bildern der Seligkeit, die sich ein reines, gutmütiges Herz
erschafft, es ist nichts Himmlischeres als ein weibliches Wesen, das
sich dem geliebten Manne hingibt! Wir sind kalt, stolz, hoch, klar,
klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heißen, und alle diese Vorzüge
legen wir euch zu Füßen, sobald wir lieben, sobald wir hoffen,
Gegenliebe zu erwerben. O wie hab ich mein ganzes Dasein so mit
Wissen und Willen weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln,
absichtlich verzweifeln. Es soll kein Blutstropfen in mir sein, der
nicht gestraft wird, keine Faser, die ich nicht peinigen will.
Lächeln Sie nur, lachen Sie nur über den theatralischen Aufwand von
Leidenschaft!"
Fern war von unserm Freunde jede Anwandlung des Lachens. Der
entsetzliche, halb natürliche, halb erzwungene Zustand seiner Freundin
peinigte ihn nur zu sehr. Er empfand die Foltern der unglücklichen
Anspannung mit: sein Gehirn zerrüttete sich, und sein Blut war in
einer fieberhaften Bewegung.
Sie war aufgestanden und ging in der Stube hin und wider. "Ich sage
mir alles vor", rief sie aus, "warum ich ihn nicht lieben sollte. Ich
weiß auch, daß er es nicht wert ist; ich wende mein Gemüt ab, dahin
und dorthin, beschäftige mich, wie es nur gehen will. Bald nehm ich
eine Rolle vor, wenn ich sie auch nicht zu spielen habe; ich übe die
alten, die ich durch und durch kenne, fleißiger und fleißiger ins
einzelne und übe und übe--mein Freund, mein Vertrauter, welche
entsetzliche Arbeit ist es, sich mit Gewalt von sich selbst zu
entfernen! Mein Verstand leidet, mein Gehirn ist so angespannt; um
mich vom Wahnsinne zu retten, überlaß ich mich wieder dem Gefühle, daß
ich ihn liebe.--Ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn!" rief sie unter
tausend Tränen, "ich liebe ihn, und so will ich sterben."
Er faßte sie bei der Hand und bat sie auf das anständigste, sich nicht
selbst aufzureiben. "Oh", sagte er, "Wie sonderbar ist es, daß dem
Menschen nicht allein so manches Unmögliche, sondern auch so manches
Mögliche versagt ist. Sie waren nicht bestimmt, ein treues Herz zu
finden, das Ihre ganze Glückseligkeit würde gemacht haben. Ich war
dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine Unglückliche
festzuknüpfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr zu
Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach."
Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen vertraut und konnte
sich also jetzt darauf beziehen. Sie sah ihm starr in die Augen und
fragte: "Können Sie sagen, daß Sie noch niemals ein Weib betrogen, daß
Sie keiner mit leichtsinniger Galanterie, mit frevelhafter Beteurung,
mit herzlockenden Schwüren ihre Gunst abzuschmeicheln gesucht?"
"Das kann ich", versetzte Wilhelm, "und zwar ohne Ruhmredigkeit: denn
mein Leben war sehr einfach, und ich bin selten in die Versuchung
geraten zu versuchen. Und welche Warnung, meine schöne, meine edle
Freundin, ist mir der traurige Zustand, in den ich Sie versetzt sehe!
Nehmen Sie ein Gelübde von mir, das meinem Herzen ganz angemessen ist,
das durch die Rührung, die Sie mir einflößten, sich bei mir zur
Sprache und Form bestimmt und durch diesen Augenblick geheiligt wird:
jeder flüchtigen Neigung will ich widerstehen und selbst die
ernstlichsten in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschöpf soll
ein Bekenntnis der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht
mein ganzes Leben widmen kann!"
Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgültigkeit an und entfernte sich,
als er ihr die Hand reichte, um einige Schritte. "Es ist nichts daran
gelegen!" rief sie, "so viel Weibertränen mehr oder weniger, die See
wird darum doch nicht wachsen. Doch", fuhr sie fort, "unter Tausenden
eine gerettet, das ist doch etwas, unter Tausenden einen Redlichen
gefunden, das ist anzunehmen! Wissen Sie auch, was Sie versprechen?"
"Ich weiß es", versetzte Wilhelm lächelnd und hielt seine Hand hin.
"Ich nehm es an", versetzte sie und machte eine Bewegung mit ihrer
Rechten, so daß er glaubte, sie würde die seine fassen; aber schnell
fuhr sie in die Tasche, riß den Dolch blitzgeschwind heraus und fuhr
mit Spitze und Schneide ihm rasch über die Hand weg. Er zog sie
schnell zurück, aber schon lief das Blut herunter.
"Man muß euch Männer scharf zeichnen, wenn ihr merken sollt!" rief sie
mit einer wilden Heiterkeit aus, die bald in eine hastige
Geschäftigkeit überging. Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte
seine Hand damit, um das erste hervordringende Blut zu stillen.
"Verzeihen Sie einer Halbwahnsinnigen", rief sie aus, "und lassen Sie
sich diese Tropfen Bluts nicht reuen. Ich bin versöhnt, ich bin
wieder bei mir selber. Auf meinen Knien will ich Abbitte tun, lassen
Sie mir den Trost, Sie zu heilen."
Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand und einiges Gerät,
stillte das Blut und besah die Wunde sorgfältig. Der Schnitt ging
durch den Ballen gerade unter dem Daumen, teilte die Lebenslinie und
lief gegen den kleinen Finger aus. Sie verband ihn still und mit
einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich gekehrt. Er fragte
einigemal: "Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen?"
"Still", erwiderte sie, indem sie den Finger auf den Mund legte,
"still!"
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 4"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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