nicht mehr. Sie ist darüber außer sich und untröstlich. Die Närrin!
--Der Bruder hat unter der Truppe eine Tänzerin, mit der er schöntut,
ein Aktricchen, mit der er vertraut ist, in der Stadt noch einige
Frauen, denen er aufwartet, und nun steh ich auch auf der Liste. Der
Narr!--Vom übrigen Volke sollst du morgen hören. Und nun noch ein
Wörtchen von Philinen, die du kennst; die Erznärrin ist in dich
verliebt." Sie schwur, daß es wahr sei, und beteuerte, daß es ein
rechter Spaß sei. Sie bat Wilhelmen inständig, er möchte sich in
Aurelien verlieben, dann werde die Hetze erst recht angehen. "Sie
läuft ihrem Ungetreuen, du ihr, ich dir und der Bruder mir nach. Wenn
das nicht eine Lust auf ein halbes Jahr gibt, so will ich an der
ersten Episode sterben, die sich zu diesem vierfach verschlungenen
Romane hinzuwirft." Sie bat ihn, er möchte ihr den Handel nicht
verderben und ihr so viel Achtung bezeigen, als sie durch ihr
öffentliches Betragen verdienen wolle.
IV. Buch, 15. Kapitel
Funfzehntes Kapitel
Den nächsten Morgen gedachte Wilhelm Madame Melina zu besuchen; er
fand sie nicht zu Hause, fragte nach den übrigen Gliedern der
wandernden Gesellschaft und erfuhr, Philine habe sie zum Frühstück
eingeladen. Aus Neugier eilte er hin und traf sie alle sehr
aufgeräumt und getröstet. Das kluge Geschöpf hatte sie versammelt,
sie mit Schokolade bewirtet und ihnen zu verstehen gegeben, noch sei
nicht alle Aussicht versperrt; sie hoffe durch ihren Einfluß den
Direktor zu überzeugen, wie vorteilhaft es ihm sei, so geschickte
Leute in seine Gesellschaft aufzunehmen. Sie hörten ihr aufmerksam zu,
schlürften eine Tasse nach der andern hinunter, fanden das Mädchen
gar nicht übel und nahmen sich vor, das Beste von ihr zu reden.
"Glauben Sie denn", sagte Wilhelm, der mit Philinen allein geblieben
war, "daß Serlo sich noch entschließen werde, unsre Gefährten zu
behalten?"--"Mitnichten", versetzte Philine, "es ist mir auch gar
nichts daran gelegen; ich wollte, sie wären je eher je lieber fort!
Den einzigen Laertes wünscht ich zu behalten; die übrigen wollen wir
schon nach und nach beiseite bringen."
Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verstehen, daß sie gewiß überzeugt
sei, er werde nunmehr sein Talent nicht länger vergraben, sondern
unter Direktion eines Serlo aufs Theater gehen. Sie konnte die
Ordnung, den Geschmack, den Geist, der hier herrsche, nicht genug
rühmen; sie sprach so schmeichelnd zu unserm Freunde, so
schmeichelhaft von seinen Talenten, daß sein Herz und seine
Einbildungskraft sich ebensosehr diesem Vorschlage näherten, als sein
Verstand und seine Vernunft sich davon entfernten. Er verbarg seine
Neigung vor sich selbst und vor Philinen und brachte einen unruhigen
Tag zu, an dem er sich nicht entschließen konnte, zu seinen
Handelskorrespondenten zu gehen und die Briefe, die dort für ihn
liegen möchten, abzuholen. Denn ob er sich gleich die Unruhe der
Seinigen diese Zeit über vorstellen konnte, so scheute er sich doch,
ihre Sorgen und Vorwürfe umständlich zu erfahren, um so mehr, da er
sich einen großen und reinen Genuß diesen Abend von der Aufführung
eines neuen Stücks versprach.
Serlo hatte sich geweigert, ihn bei der Probe zuzulassen. "Sie müssen
uns", sagte er, "erst von der besten Seite kennenlernen, eh wir
zugeben, daß Sie uns in die Karte sehen."
Mit der größten Zufriedenheit wohnte aber auch unser Freund den Abend
darauf der Vorstellung bei. Es war das erste Mal, daß er ein Theater
in solcher Vollkommenheit sah. Man traute sämtlichen Schauspielern
fürtreffliche Gaben, glückliche Anlagen und einen hohen und klaren
Begriff von ihrer Kunst zu, und doch waren sie einander nicht gleich;
aber sie hielten und trugen sich wechselsweise, feuerten einander an
und waren in ihrem ganzen Spiele sehr bestimmt und genau. Man fühlte
bald, daß Serlo die Seele des Ganzen war, und er zeichnete sich sehr
zu seinem Vorteil aus. Eine heitere Laune, eine gemäßigte
Lebhaftigkeit, ein bestimmtes Gefühl des Schicklichen bei einer großen
Gabe der Nachahmung mußte man an ihm, wie er aufs Theater trat, wie er
den Mund öffnete, bewundern. Die innere Behaglichkeit seines Daseins
schien sich über alle Zuhörer auszubreiten, und die geistreiche Art,
mit der er die feinsten Schattierungen der Rollen leicht und gefällig
ausdrückte, erweckte um soviel mehr Freude, als er die Kunst zu
verbergen wußte, die er sich durch eine anhaltende übung eigen gemacht
hatte.
Seine Schwester Aurelie blieb nicht hinter ihm und erhielt noch
größeren Beifall, indem sie die Gemüter der Menschen rührte, die er zu
erheitern und zu erfreuen so sehr imstande war.
Nach einigen Tagen, die auf eine angenehme Weise zugebracht wurden,
verlangte Aurelie nach unserm Freund. Er eilte zu ihr und fand sie
auf dem Kanapee liegen; sie schien an Kopfweh zu leiden, und ihr
ganzes Wesen konnte eine fieberhafte Bewegung nicht verbergen. Ihr
Auge erheiterte sich, als sie den Hereintretenden ansah. "Vergeben
Sie!" rief sie ihm entgegen; "das Zutrauen, das Sie mir einflößten,
hat mich schwach gemacht. Bisher konnt ich mich mit meinen Schmerzen
im stillen unterhalten, ja sie gaben mir Stärke und Trost; nun haben
Sie, ich weiß nicht, wie es zugegangen ist, die Bande der
Verschwiegenheit gelöst, und Sie werden nun selbst wider Willen teil
an dem Kampfe nehmen, den ich gegen mich selbst streite."
Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er versicherte,
daß ihr Bild und ihre Schmerzen ihm beständig vor der Seele geschwebt,
daß er sie um ihr Vertrauen bitte, daß er sich ihr zum Freund widme.
Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem Knaben angezogen, der
vor ihr auf der Erde saß und allerlei Spielwerk durcheinanderwarf. Er
mochte, wie Philine schon angegeben, ungefähr drei Jahre alt sein, und
Wilhelm verstand nun erst, warum das leichtfertige, in ihren
Ausdrücken selten erhabene Mädchen den Knaben der Sonne verglichen.
Denn um die offnen Augen und das volle Gesicht kräuselten sich die
schönsten goldnen Locken, an einer blendendweißen Stirne zeigten sich
zarte, dunkle, sanftgebogene Augenbrauen, und die lebhafte Farbe der
Gesundheit glänzte auf seinen Wangen. "Setzen Sie sich zu mir", sagte
Aurelie; "Sie sehen das glückliche Kind mit Verwunderung an; gewiß,
ich habe es mit Freuden auf meine Arme genommen, ich bewahre es mit
Sorgfalt; nur kann ich auch recht an ihm den Grad meiner Schmerzen
erkennen, denn sie lassen mich den Wert einer solchen Gabe nur selten
empfinden.
Erlauben Sie mir", fuhr sie fort, "daß ich nun auch von mir und meinem
Schicksale rede; denn es ist mir sehr daran gelegen, daß Sie mich
nicht verkennen. Ich glaubte einige gelassene Augenblicke zu haben,
darum ließ ich Sie rufen; Sie sind nun da, und ich habe meinen Faden
verloren.
"Ein verlaßnes Geschöpf mehr in der Welt!" werden Sie sagen. Sie sind
ein Mann und denken: "Wie gebärdet sie sich bei einem notwendigen übel,
das gewisser als der Tod über einem Weibe schwebt, bei der Untreue
eines Mannes, die Törin!"--O mein Freund, wäre mein Schicksal gemein,
ich wollte gern gemeines übel ertragen; aber es ist so außerordentlich;
warum kann ich's Ihnen nicht im Spiegel zeigen, warum nicht jemand
auftragen, es Ihnen zu erzählen! O wäre, wäre ich verführt,
überrascht und dann verlassen, dann würde in der Verzweiflung noch
Trost sein; aber ich bin weit schlimmer daran, ich habe mich selbst
hintergangen, mich selbst wider Wissen betrogen, das ist's, was ich
mir niemals verzeihen kann."
"Bei edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind", versetzte der Freund,
"können Sie nicht ganz unglücklich sein."
"Und wissen Sie, wem ich meine Gesinnung schuldig bin?" fragte Aurelie,
"der allerschlechtesten Erziehung, durch die jemals ein Mädchen hätte
verderbt werden sollen, dem schlimmsten Beispiele, um Sinne und
Neigung zu verführen.
Nach dem frühzeitigen Tode meiner Mutter bracht ich die schönsten
Jahre der Entwicklung bei einer Tante zu, die sich zum Gesetz machte,
die Gesetze der Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings überließ sie sich
einer jeden Neigung, sie mochte über den Gegenstand gebieten oder sein
Sklav' sein, wenn sie nur im wilden Genuß ihrer selbst vergessen
konnte.
Was mußten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen Blick der Unschuld
uns für Begriffe von dem männlichen Geschlechte machen? Wie dumpf,
dringend, dreist, ungeschickt war jeder, den sie herbeireizte; wie
satt, übermütig, leer und abgeschmackt dagegen, sobald er seiner
Wünsche Befriedigung gefunden hatte. So hab ich diese Frau jahrelang
unter dem Gebote der schlechtesten Menschen erniedrigt gesehen; was
für Begegnungen mußte sie erdulden, und mit welcher Stirne wußte sie
sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit welcher Art diese schändlichen
Fesseln zu tragen!
So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein haßte
ich's, da ich zu bemerken schien, daß selbst leidliche Männer im
Verhältnis gegen das unsrige jedem guten Gefühl zu entsagen schienen,
zu dem sie die Natur sonst noch mochte fähig gemacht haben.
Leider mußt ich auch bei solchen Gelegenheiten viel traurige
Erfahrungen über mein eigen Geschlecht machen, und wahrhaftig, als
Mädchen von sechzehn Jahren war ich klüger, als ich jetzt bin, jetzt,
da ich mich selbst kaum verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir
jung sind, so klug, um immer törichter zu werden!"
Der Knabe machte Lärm, Aurelie ward ungeduldig und klingelte. Ein
altes Weib kam herein, ihn wegzuholen. "Hast du noch immer Zahnweh?"
sagte Aurelie zu der Alten, die das Gesicht verbunden hatte. "Fast
unleidliches", versetzte diese mit dumpfer Stimme, hob den Knaben auf,
der gerne mitzugehen schien, und brachte ihn weg.
Kaum war das Kind beiseite, als Aurelie bitterlich zu weinen anfing.
"Ich kann nichts als jammern und klagen", rief sie aus, "und ich
schäme mich, wie ein armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine
Besonnenheit ist schon weg, und ich kann nicht mehr erzählen." Sie
stockte und schwieg. Ihr Freund, der nichts Allgemeines sagen wollte
und nichts Besonderes zu sagen wußte, drückte ihre Hand und sah sie
eine Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf,
das er vor sich auf dem Tischchen liegen fand; es waren Shakespeares
Werke und "Hamlet" aufgeschlagen.
Serlo, der eben zur Tür hereinkam, nach dem Befinden seiner Schwester
fragte, schaute in das Buch, das unser Freund in der Hand hielt, und
rief aus: "Find ich Sie wieder über Ihrem "Hamlet"? Eben recht! Es
sind mir gar manche Zweifel aufgestoßen, die das kanonische Ansehn,
das Sie dem Stücke so gerne geben möchten, sehr zu vermindern scheinen.
Haben doch die Engländer selbst bekannt, daß das Hauptinteresse sich
mit dem dritten Akt schlösse, daß die zwei letzten Akte nur kümmerlich
das Ganze zusammenhielten; und es ist doch wahr, das Stück will gegen
das Ende weder gehen noch rücken."
"Es ist sehr möglich", sagte Wilhelm, "daß einige Glieder einer Nation,
die so viel Meisterstücke aufzuweisen hat, durch Vorurteile und
Beschränktheit auf falsche Urteile geleitet werden; aber das kann uns
nicht hindern, mit eignen Augen zu sehen und gerecht zu sein. Ich bin
weit entfernt, den Plan dieses Stücks zu tadeln, ich glaube vielmehr,
daß kein größerer ersonnen worden sei; ja, er ist nicht ersonnen, es
ist so."
"Wie wollen Sie das auslegen?" fragte Serlo.
"Ich will nichts auslegen", versetzte Wilhelm, "ich will Ihnen nur
vorstellen, was ich mir denke."
Aurelie hob sich von ihrem Kissen auf, stützte sich auf ihre Hand und
sah unsern Freund an, der mit der größten Versicherung, daß er recht
habe, also zu reden fortfuhr: "Es gefällt uns so wohl, es schmeichelt
so sehr, wenn wir einen Helden sehen, der durch sich selbst handelt,
der liebt und haßt, wenn es ihm sein Herz gebietet, der unternimmt und
ausführt, alle Hindernisse abwendet und zu einem großen Zwecke gelangt.
Geschichtschreiber und Dichter möchten uns gerne überreden, daß ein
so stolzes Los dem Menschen fallen könne. Hier werden wir anders
belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stück ist planvoll. Hier
wird nicht etwa nach einer starr und eigensinnig durchgeführten Idee
von Rache ein Bösewicht bestraft, nein, es geschieht eine ungeheure
Tat, sie wälzt sich in ihren Folgen fort, reißt Unschuldige mit; der
Verbrecher scheint dem Abgrunde, der ihm bestimmt ist, ausweichen zu
wollen und stürzt hinein, eben da, wo er seinen Weg glücklich
auszulaufen gedenkt. Denn das ist die Eigenschaft der Greueltat, daß
sie auch Böses über den Unschuldigen, wie der guten Handlung, daß sie
viele Vorteile auch über den Unverdienten ausbreitet, ohne daß der
Urheber von beiden oft weder bestraft noch belohnt wird. Hier in
unserm Stücke wie wunderbar! Das Fegefeuer sendet seinen Geist und
fordert Rache, aber vergebens. Alle Umstände kommen zusammen und
treiben die Rache, vergebens! Weder Irdischen noch Unterirdischen
kann gelingen, was dem Schicksal allein vorbehalten ist. Die
Gerichtsstunde kommt. Der Böse fällt mit dem Guten. Ein Geschlecht
wird weggemäht, und das andere sproßt auf."
Nach einer Pause, in der sie einander ansahen, nahm Serlo das Wort:
"Sie machen der Vorsehung kein sonderlich Kompliment, indem Sie den
Dichter erheben, und dann scheinen Sie mir wieder zu Ehren Ihres
Dichters, wie andere zu Ehren der Vorsehung, ihm Endzweck und Plane
unterzuschieben, an die er nicht gedacht hat."
IV. Buch, 16. Kapitel
Sechzehntes Kapitel
"Lassen Sie mich", sagte Aurelie, "nun auch eine Frage tun. Ich habe
Opheliens Rolle wieder angesehen, ich bin zufrieden damit und getraue
mir, sie unter gewissen Umständen zu spielen. Aber sagen Sie mir,
hätte der Dichter seiner Wahnsinnigen nicht andere Liedchen unterlegen
sollen? Könnte man nicht Fragmente aus melancholischen Balladen
wählen? Was sollen Zweideutigkeiten und lüsterne Albernheiten in dem
Munde dieses edlen Mädchens?"
"Beste Freundin", versetzte Wilhelm, "ich kann auch hier nicht ein
Jota nachgeben, Auch in diesen Sonderbarkeiten, auch in dieser
anscheinenden Unschicklichkeit liegt ein großer Sinn. Wissen wir doch
gleich zu Anfange des Stücks, womit das Gemüt des guten Kindes
beschäftigt ist. Stille lebte sie vor sich hin, aber kaum verbarg sie
ihre Sehnsucht, ihre Wünsche. Heimlich klangen die Töne der
Lüsternheit in ihrer Seele, und wie oft mag sie versucht haben, gleich
einer unvorsichtigen Wärterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu singen
mit Liedchen, die sie nur mehr wachhalten mußten. Zuletzt, da ihr
jede Gewalt über sich selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge
schwebt, wird diese Zunge ihre Verräterin, und in der Unschuld des
Wahnsinns ergötzt sie sich vor König und Königin an dem Nachklange
ihrer geliebten losen Lieder: vom Mädchen, das gewonnen ward; vom
Mädchen, das zum Knaben schleicht, und so weiter."
Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal eine wunderbare Szene
vor seinen Augen entstand, die er sich auf keine Weise erklären konnte.
Serlo war einigemal in der Stube auf und ab gegangen, ohne daß er
irgendeine Absicht merken ließ. Auf einmal trat er an Aureliens
Putztisch, griff schnell nach etwas, das darauf lag, und eilte mit
seiner Beute der Türe zu. Aurelie bemerkte kaum seine Handlung, als
sie auffuhr, sich ihm in den Weg warf, ihn mit unglaublicher
Leidenschaft angriff und geschickt genug war, ein Ende des geraubten
Gegenstandes zu fassen. Sie rangen und balgten sich sehr hartnäckig,
drehten und wanden sich sehr lebhaft miteinander herum; er lachte, sie
ereiferte sich, und als Wilhelm hinzueilte, sie auseinanderzubringen
und zu besänftigen, sah er auf einmal Aurelien mit einem bloßen Dolch
in der Hand auf die Seite springen, indem Serlo die Scheide, die ihm
zurückgeblieben war, verdrießlich auf den Boden warf. Wilhelm trat
erstaunt zurück, und seine stumme Verwunderung schien nach der Ursache
zu fragen, warum ein so sonderbarer Streit über einen so wunderbaren
Hausrat habe unter ihnen entstehen können.
"Sie sollen", sprach Serlo, "Schiedsrichter zwischen uns beiden sein.
Was hat sie mit dem scharfen Stahle zu tun? Lassen Sie sich ihn
zeigen. Dieser Dolch ziemt keiner Schauspielerin; spitz und scharf
wie Nadel und Messer! Zu was die Posse? Heftig, wie sie ist, tut sie
sich noch einmal von ungefähr ein Leides. Ich habe einen innerlichen
Haß gegen solche Sonderbarkeiten: ein ernstlicher Gedanke dieser Art
ist toll, und ein so gefährliches Spielwerk ist abgeschmackt."
"Ich habe ihn wieder!" rief Aurelie, indem sie die blanke Klinge in
die Höhe hielt; "ich will meinen treuen Freund nun besser verwahren.
Verzeih mir", rief sie aus, indem sie den Stahl küßte, "daß ich dich
so vernachlässigt habe!"
Serlo schien im Ernste böse zu werden. "Nimm es, wie du willst,
Bruder", fuhr sie fort; "kannst du denn wissen, ob mir nicht etwa
unter dieser Form ein köstlicher Talisman beschert ist; ob ich nicht
Hülfe und Rat zur schlimmsten Zeit bei ihm finde; muß denn alles
schädlich sein, was gefährlich aussieht?"
"Dergleichen Reden, in denen kein Sinn ist, können mich toll machen!"
sagte Serlo und verließ mit heimlichem Grimme das Zimmer. Aurelie
verwahrte den Dolch sorgfältig in der Scheide und steckte ihn zu sich.
"Lassen Sie uns das Gespräch fortsetzen, das der unglückliche Bruder
gestört hat", fiel sie ein, als Wilhelm einige Fragen über den
sonderbaren Streit vorbrachte.
"Ich muß Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten lassen", fuhr sie fort,
"ich will die Absicht des Dichters nicht verkennen; nur kann ich sie
mehr bedauern als mit ihr empfinden, Nun aber erlauben Sie mir eine
Betrachtung, zu der Sie mir in der kurzen Zeit oft Gelegenheit gegeben
haben. Mit Bewunderung bemerke ich an Ihnen den tiefen und richtigen
Blick, mit dem Sie Dichtung und besonders dramatische Dichtung
beurteilen; die tiefsten Abgründe der Erfindung sind Ihnen nicht
verborgen, und die feinsten Züge der Ausführung sind Ihnen bemerkbar.
Ohne die Gegenstände jemals in der Natur erblickt zu haben, erkennen
Sie die Wahrheit im Bilde; es scheint eine Vorempfindung der ganzen
Welt in Ihnen zu liegen, welche durch die harmonische Berührung der
Dichtkunst erregt und entwickelt wird. Denn wahrhaftig", fuhr sie
fort, "von außen kommt nichts in Sie hinein; ich habe nicht leicht
jemanden gesehen, der die Menschen, mit denen er lebt, so wenig kennt,
so von Grund aus verkennt wie Sie. Erlauben Sie mir, es zu sagen:
wenn man Sie Ihren Shakespeare erklären hört, glaubt man, Sie kämen
eben aus dem Rate der Götter und hätten zugehört, wie man sich
daselbst beredet, Menschen zu bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten
umgehen, seh ich in Ihnen gleichsam das erste, groß geborne Kind der
Schöpfung, das mit sonderlicher Verwunderung und erbaulicher
Gutmütigkeit Löwen und Affen, Schafe und Elefanten anstaunt und sie
treuherzig als seinesgleichen anspricht, weil sie eben auch da sind
und sich bewegen."
"Die Ahnung meines schülerhaften Wesens, werte Freundin", versetzte er,
"ist mir öfters lästig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir über
die Welt zu mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von Jugend
auf die Augen meines Geistes mehr nach innen als nach außen gerichtet,
und da ist es sehr natürlich, daß ich den Menschen bis auf einen
gewissen Grad habe kennenlernen, ohne die Menschen im mindesten zu
verstehen und zu begreifen."
"Gewiß", sagte Aurelie,.ich hatte Sie anfangs in Verdacht, als wollten
Sie uns zum besten haben, da Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder
zugeschickt haben, so manches Gute sagten, wenn ich Ihre Briefe mit
den Verdiensten dieser Menschen zusammenhielt."
Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie sein mochte und so gern ihr
Freund diesen Mangel bei sich gestand, führte doch etwas Drückendes,
ja sogar Beleidigendes mit sich, daß er still ward und sich
zusammennahm, teils um keine Empfindlichkeit merken zu lassen, teils
in seinem Busen nach der Wahrheit dieses Vorwurfs zu forschen.
"Sie dürfen nicht darüber betreten sein", fuhr Aurelie fort, "zum
Lichte des Verstandes können wir immer gelangen; aber die Fülle des
Herzens kann uns niemand geben. Sind Sie zum Künstler bestimmt, so
können Sie diese Dunkelheit und Unschuld nicht lange genug bewahren;
sie ist die schöne Hülle über der jungen Knospe; Unglücks genug, wenn
wir zu früh herausgetrieben werden. Gewiß, es ist gut, wenn wir die
nicht immer kennen, für die wir arbeiten.
Oh! ich war auch einmal in diesem glücklichen Zustande, als ich mit
dem höchsten Begriff von mir selbst und meiner Nation die Bühne betrat.
Was waren die Deutschen nicht in meiner Einbildung, was konnten sie
nicht sein! Zu dieser Nation sprach ich, über die mich ein kleines
Gerüst erhob, von welcher mich eine Reihe Lampen trennte, deren Glanz
und Dampf mich hinderte, die Gegenstände vor mir genau zu
unterscheiden. Wie willkommen war mir der Klang des Beifalls, der aus
der Menge herauftönte; wie dankbar nahm ich das Geschenk an, das mir
einstimmig von so vielen Händen dargebracht wurde! Lange wiegte ich
mich so hin; wie ich wirkte, wirkte die Menge wieder auf mich zurück;
ich war mit meinem Publikum in dem besten Vernehmen; ich glaubte eine
vollkommene Harmonie zu fühlen und jederzeit die Edelsten und Besten
der Nation vor mir zu sehen.
Unglücklicherweise war es nicht die Schauspielerin allein, deren
Naturell und Kunst die Theaterfreunde interessierte, sie machten auch
Ansprüche an das junge, lebhafte Mädchen. Sie gaben mir nicht
undeutlich zu verstehen, daß meine Pflicht sei, die Empfindungen, die
ich in ihnen rege gemacht, auch persönlich mit ihnen zu teilen.
Leider war das nicht meine Sache; ich wünschte ihre Gemüter zu erheben,
aber an das, was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den mindesten
Anspruch; und nun wurden mir alle Stände, Alter und Charaktere einer
um den andern zur Last, und nichts war mir verdrießlicher, als daß ich
mich nicht wie ein anderes ehrliches Mädchen in mein Zimmer
verschließen und so mir manche Mühe ersparen konnte.
Die Männer zeigten sich meist, wie ich sie bei meiner Tante zu sehen
gewohnt war, und sie würden mir auch diesmal nur wieder Abscheu erregt
haben, wenn mich nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten unterhalten
hätten. Da ich nicht vermeiden konnte, sie bald auf dem Theater, bald
an öffentlichen Orten, bald zu Hause zu sehen, nahm ich mir vor, sie
alle auszulauern, und mein Bruder half mir wacker dazu. Und wenn Sie
denken, daß vom beweglichen Ladendiener und dem eingebildeten
Kaufmannssohn bis zum gewandten, abwiegenden Weltmann, dem kühnen
Soldaten und dem raschen Prinzen alle nach und nach bei mir
vorbeigegangen sind und jeder nach seiner Art seinen Roman anzuknüpfen
gedachte, so werden Sie mir verzeihen, wenn ich mir einbildete, mit
meiner Nation ziemlich bekannt zu sein.
Den phantastisch aufgestutzten Studenten, den demütig-stolz verlegenen
Gelehrten, den schwankfüßigen, genügsamen Domherrn, den steifen,
aufmerksamen Geschäftsmann, den derben Landbaron, den freundlich
glatt-platten Hofmann, den jungen, aus der Bahn schreitenden
Geistlichen, den gelassenen sowie den schnellen und tätig
spekulierenden Kaufmann, alle habe ich in Bewegung gesehen, und beim
Himmel! wenige fanden sich darunter, die mir nur ein gemeines
Interesse einzuflößen imstande gewesen wären; vielmehr war es mir
äußerst verdrießlich, den Beifall der Toren im einzelnen mit
Beschwerlichkeit und Langerweile einzukassieren, der mir im ganzen so
wohl behagt hatte, den ich mir im großen so gerne zueignete.