Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer

sonderbaren Nähe. Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des

Schlafs ganz an die hintere Seite gerutscht. Philine lag quer über

den vordern Teil hingestreckt; sie schien auf dem Bette sitzend und

lesend eingeschlafen zu sein. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen;

sie war zurück und mit dem Kopf nah an seine Brust gesunken, über die

sich ihre blonden, aufgelösten Haare in Wellen ausbreiteten. Die

Unordnung des Schlafs erhöhte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize;

eine kindische lächelnde Ruhe schwebte über ihrem Gesichte. Er sah

sie eine Zeitlang an und schien sich selbst über das Vergnügen zu

tadeln, womit er sie ansah, und wir wissen nicht, ob er seinen Zustand

segnete oder tadelte, der ihm Ruhe und Mäßigung zur Pflicht machte.

Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu

regen anfing. Er schloß die Augen sachte zu, doch konnte er nicht

unterlassen zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich wieder

zurechtputzte und wegging, nach dem Frühstück zu fragen.

Nach und nach hatten sich nun die sämtlichen Schauspieler bei

Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld mehr

oder weniger unartig und ungestüm gefordert und immer mit Widerwillen

Philinens erhalten. Vergebens stellte sie ihrem Freunde vor, daß der

Jäger auch diesen Leuten eine ansehnliche Summe zurückgelassen, daß

man ihn nur zum besten habe. Vielmehr kamen sie darüber in einen

lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr ein für allemal, daß

sie sich gleichfalls an die übrige Gesellschaft anschließen und ihr

Glück bei Serlo versuchen sollte.

Nur einige Augenblicke verließ sie ihr Gleichmut, dann erholte sie

sich schnell wieder und rief: "Wenn ich nur meinen Blonden wieder

hätte, so wollt ich mich um euch alle nichts kümmern." Sie meinte

Friedrichen, der sich vom Waldplatze verloren und nicht wieder gezeigt

hatte.

Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht ans Bette, daß Philine

in der Nacht abgereist sei; im Nebenzimmer habe sie alles, was ihm

gehöre, sehr ordentlich zusammengelegt. Er empfand ihre Abwesenheit;

er hatte an ihr eine treue Wärterin, eine muntere Gesellschafterin

verloren; er war nicht mehr gewohnt, allein zu sein. Allein Mignon

füllte die Lücke bald wieder aus.

Seitdem jene leichtfertige Schöne in ihren freundlichen Bemühungen den

Verwundeten umgab, hatte sich die Kleine nach und nach zurückgezogen

und war stille für sich geblieben; nun aber, da sie wieder freies Feld

gewann, trat sie mit Aufmerksamkeit und Liebe hervor, war eifrig, ihm

zu dienen, und munter, ihn zu unterhalten.

IV. Buch, 11. Kapitel

Eilftes Kapitel

Mit lebhaften Schritten nahete er sich der Besserung; er hoffte nun,

in wenig Tagen seine Reise antreten zu können. Er wollte nicht etwa

planlos ein schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmäßige

Schritte sollten künftig seine Bahn bezeichnen. Zuerst wollte er die

hülfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine Dankbarkeit an den Tag zu

legen, alsdann zu seinem Freunde, dem Direktor, eilen, um für die

verunglückte Gesellschaft auf das beste zu sorgen, und zugleich die

Handelsfreunde, an die er mit Adressen versehen war, besuchen und die

ihm aufgetragnen Geschäfte verrichten. Er machte sich Hoffnung, daß

ihm das Glück wie vorher auch künftig beistehen und ihm Gelegenheit

verschaffen werde, durch eine glückliche Spekulation den Verlust zu

ersetzen und die Lücke seiner Kasse wieder auszufüllen.

Das Verlangen, seine Retterin wiederzusehen, wuchs mit jedem Tage. Um

seine Reiseroute zu bestimmen, ging er mit dem Geistlichen zu Rate,

der schöne geographische und statistische Kenntnisse hatte und eine

artige Bücher- und Kartensammlung besaß. Man suchte nach dem Orte,

den die edle Familie während des Kriegs zu ihrem Sitz erwählt hatte,

man suchte Nachrichten von ihr selbst auf; allein der Ort war in

keiner Geographie, auf keiner Karte zu finden, und die genealogischen

Handbücher sagten nichts von einer solchen Familie.

Wilhelm wurde unruhig, und als er seine Bekümmernis laut werden ließ,

entdeckte ihm der Harfenspieler: er habe Ursache zu glauben, daß der

Jäger, es sei aus welcher Ursache es wolle, den wahren Namen

verschwiegen habe.

Wilhelm, der nun einmal sich in der Nähe der Schönen glaubte, hoffte

einige Nachricht von ihr zu erhalten, wenn er den Harfenspieler

abschickte; aber auch diese Hoffnung ward getäuscht. Sosehr der Alte

sich auch erkundigte, konnte er doch auf keine Spur kommen. In jenen

Tagen waren verschiedene lebhafte Bewegungen und unvorhergesehene

Durchmärsche in diesen Gegenden vorgefallen; niemand hatte auf die

reisende Gesellschaft besonders achtgegeben, so daß der ausgesendete

Bote, um nicht für einen jüdischen Spion angesehn zu werden, wieder

zurückgehen und ohne ölblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen

mußte. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er den Auftrag

auszurichten gesucht, und war bemüht, allen Verdacht einer

Nachlässigkeit von sich zu entfernen. Er suchte auf alle Weise

Wilhelms Betrübnis zu lindern, besann sich auf alles, was er von dem

Jäger erfahren hatte, und brachte mancherlei Mutmaßungen vor, wobei

denn endlich ein Umstand vorkam, woraus Wilhelm einige rätselhafte

Worte der schönen Verschwundenen deuten konnte.

Die räuberische Bande nämlich hatte nicht der wandernden Truppe,

sondern jener Herrschaft aufgepaßt, bei der sie mit Recht vieles Geld

und Kostbarkeiten vermutete und von deren Zug sie genaue Nachricht

mußte gehabt haben. Man wußte nicht, ob man die Tat einem Freikorps,

ob man sie Marodeurs oder Räubern zuschreiben sollte. Genug, zum

Glücke der vornehmen und reichen Karawane waren die Geringen und Armen

zuerst auf den Platz gekommen und hatten das Schicksal erduldet, das

jenen zubereitet war. Darauf bezogen sich die Worte der jungen Dame,

deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun vergnügt und

glücklich sein konnte, daß ein vorsichtiger Genius ihn zum Opfer

bestimmt hatte, eine vollkommene Sterbliche zu retten, so war er

dagegen nahe an der Verzweiflung, da ihm, sie wiederzufinden, sie

wiederzusehen wenigstens für den Augenblick alle Hoffnung verschwunden

war.

Was diese sonderbare Bewegung in ihm vermehrte, war die ähnlichkeit,

die er zwischen der Gräfin und der schönen Unbekannten entdeckt zu

haben glaubte. Sie glichen sich, wie sich Schwestern gleichen mögen,

deren keine die jüngere noch die ältere genannt werden darf, denn sie

scheinen Zwillinge zu sein.

Die Erinnerung an die liebenswürdige Gräfin war ihm unendlich süß. Er

rief sich ihr Bild nur allzugern wieder ins Gedächtnis. Aber nun trat

die Gestalt der edlen Amazone gleich dazwischen, eine Erscheinung

verwandelte sich in die andere, ohne daß er imstande gewesen wäre,

diese oder jene festzuhalten.

Wie wunderbar mußte ihm daher die ähnlichkeit ihrer Handschriften sein!

denn er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Gräfin in

seiner Schreibtafel, und in dem überrock hatte er ein Zettelchen

gefunden, worin man sich mit viel zärtlicher Sorgfalt nach dem

Befinden eines Oheims erkundigte.

Wilhelm war überzeugt, daß seine Retterin dieses Billett geschrieben,

daß es auf der Reise in einem Wirtshause aus einem Zimmer in das

andere geschickt und von dem Oheim in die Tasche gesteckt worden sei.

Er hielt beide Handschriften gegeneinander, und wenn die zierlich

gestellten Buchstaben der Gräfin ihm sonst so sehr gefallen hatten, so

fand er in den ähnlichen, aber freieren Zügen der Unbekannten eine

unaussprechlich fließende Harmonie. Das Billett enthielt nichts, und

schon die Züge schienen ihn, so wie ehemals die Gegenwart der Schönen,

zu erheben.

Er verfiel in eine träumende Sehnsucht, und wie einstimmend mit seinen

Empfindungen war das Lied, das eben in dieser Stunde Mignon und der

Harfner als ein unregelmäßiges Duett mit dem herzlichsten Ausdrucke

sangen:

Nur wer die Sehnsucht kennt,

Weiß, was ich leide!

Allein und abgetrennt

Von aller Freude,

Seh ich ans Firmament

Nach jener Seite.

Ach! der mich liebt und kennt,

Ist in der Weite.

Es schwindelt mir, es brennt

Mein Eingeweide.

Nur wer die Sehnsucht kennt,

Weiß, was ich leide!

IV. Buch, 12. Kapitel

Zwölftes Kapitel

Die sanften Lockungen des lieben Schutzgeistes, anstatt unsern Freund

auf irgendeinen Weg zu führen, nährten und vermehrten die Unruhe, die

er vorher empfunden hatte. Eine heimliche Glut schlich in seinen

Adern; bestimmte und unbestimmte Gegenstände wechselten in seiner

Seele und erregten ein endloses Verlangen. Bald wünschte er sich ein

Roß, bald Flügel, und indem es ihm unmöglich schien, bleiben zu können,

sah er sich erst um, wohin er denn eigentlich begehre.

Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar verworren; er

wünschte die seltsamen Knoten aufgelöst oder zerschnitten zu sehen.

Oft, wenn er ein Pferd traben oder einen Wagen rollen hörte, schaute

er eilig zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es würde jemand sein,

der ihn aufsuchte und, wäre es auch nur durch Zufall, ihm Nachricht,

Gewißheit und Freude brächte. Er erzählte sich Geschichten vor, wie

sein Freund Werner in diese Gegend kommen und ihn überraschen könnte,

daß Mariane vielleicht erscheinen dürfte. Der Ton eines jeden

Posthorns setzte ihn in Bewegung. Melina sollte von seinem Schicksale

Nachricht geben, vorzüglich aber sollte der Jäger wiederkommen und ihn

zu jener angebeteten Schönheit einladen.

Von allem diesen geschah leider nichts, und er mußte zuletzt wieder

mit sich allein bleiben, und indem er das Vergangene wieder durchnahm,

ward ihm ein Umstand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete,

immer widriger und unerträglicher. Es war seine verunglückte

Heerführerschaft, an die er ohne Verdruß nicht denken konnte. Denn ob

er gleich am Abend jenes bösen Tages sich vor der Gesellschaft so

ziemlich herausgeredet hatte, so konnte er sich doch selbst seine

Schuld nicht verleugnen. Er schrieb sich vielmehr in hypochondrischen

Augenblicken den ganzen Vorfall allein zu.

Die Eigenliebe läßt uns sowohl unsre Tugenden als unsre Fehler viel

bedeutender, als sie sind, erscheinen. Er hatte das Vertrauen auf

sich rege gemacht, den Willen der übrigen gelenkt und war, von

Unerfahrenheit und Kühnheit geleitet, vorangegangen; es ergriff sie

eine Gefahr, der sie nicht gewachsen waren. Laute und stille Vorwürfe

verfolgten ihn, und wenn er der irregeführten Gesellschaft nach dem

empfindlichen Verluste zugesagt hatte, sie nicht zu verlassen, bis er

ihnen das Verlorne mit Wucher ersetzt hätte, so hatte er sich über

eine neue Verwegenheit zu schelten, womit er ein allgemein

ausgeteiltes übel auf seine Schultern zu nehmen sich vermaß. Bald

verwies er sich, daß er durch Aufspannung und Drang des Augenblicks

ein solches Versprechen getan hatte; bald fühlte er wieder, daß jenes

gutmütige Hinreichen seiner Hand, die niemand anzunehmen würdigte, nur

eine leichte Förmlichkeit sei gegen das Gelübde, das sein Herz getan

hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohltätig und nützlich zu sein, und

fand alle Ursache, seine Reise zu Serlo zu beschleunigen. Er packte

nunmehr seine Sachen zusammen und eilte, ohne seine völlige Genesung

abzuwarten, ohne auf den Rat des Pastors und Wundarztes zu hören, in

der wunderbaren Gesellschaft Mignons und des Alten, der Untätigkeit zu

entfliehen, in der ihn sein Schicksal abermals nur zu lange gehalten

hatte.

IV. Buch, 13. Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Serlo empfing ihn mit offenen Armen und rief ihm entgegen: "Seh ich

Sie? Erkenn ich Sie wieder? Sie haben sich wenig oder nicht geändert.

Ist Ihre Liebe zur edelsten Kunst noch immer so stark und lebendig?

So sehr erfreu ich mich über Ihre Ankunft, daß ich selbst das

Mißtrauen nicht mehr fühle, das Ihre letzten Briefe bei mir erregt

haben."

Wilhelm bat betroffen um eine nähere Erklärung.

"Sie haben sich", versetzte Serlo, "gegen mich nicht wie ein alter

Freund betragen; Sie haben mich wie einen großen Herrn behandelt, dem

man mit gutem Gewissen unbrauchbare Leute empfehlen darf. Unser

Schicksal hängt von der Meinung des Publikums ab, und ich fürchte, daß

Ihr Herr Melina mit den Seinigen schwerlich bei uns wohl aufgenommen

werden dürfte."

Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunsten sprechen, aber Serlo fing an,

eine so unbarmherzige Schilderung von ihnen zu machen, daß unser

Freund sehr zufrieden war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat,

das Gespräch unterbrach und ihm sogleich als Schwester Aurelia von

seinem Freunde vorgestellt ward. Sie empfing ihn auf das

freundschaftlichste, und ihre Unterhaltung war so angenehm, daß er

nicht einmal einen entschiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, der

ihrem geistreichen Gesicht noch ein besonderes Interesse gab.

Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm wieder in seinem

Elemente. Bei seinen Gesprächen hatte er sonst nur notdürftig

gefällige Zuhörer gefunden, da er gegenwärtig mit Künstlern und

Kennern zu sprechen das Glück hatte, die ihn nicht allein vollkommen

verstanden, sondern die auch sein Gespräch belehrend erwiderten. Mit

welcher Geschwindigkeit ging man die neusten Stücke durch! Mit

welcher Sicherheit beurteilte man sie! Wie wußte man das Urteil des

Publikums zu prüfen und zu schätzen! In welcher Geschwindigkeit

klärte man einander auf!

Nun mußte sich bei Wilhelms Vorliebe für Shakespearen das Gespräch

notwendig auf diesen Schriftsteller lenken. Er zeigte die lebhafteste

Hoffnung auf die Epoche, welche diese vortrefflichen Stücke in

Deutschland machen müßten, und bald brachte er seinen "Hamlet" vor,

der ihn so sehr beschäftigt hatte.

Serlo versicherte, daß er das Stück längst, wenn es nur möglich

gewesen wäre, gegeben hätte, daß er gern die Rolle des Polonius

übernehmen wolle. Dann setzte er mit Lächeln hinzu: "Und Ophelien

finden sich wohl auch, wenn wir nur erst den Prinzen haben."

Wilhelm bemerkte nicht, daß Aurelien dieser Scherz des Bruders zu

mißfallen schien; er ward vielmehr nach seiner Art weitläufig und

lehrreich, in welchem Sinne er den Hamlet gespielt haben wolle. Er

legte ihnen die Resultate umständlich dar, mit welchen wir ihn oben

beschäftigt gesehn, und gab sich alle Mühe, seine Meinung annehmlich

zu machen, soviel Zweifel auch Serlo gegen seine Hypothese erregte.

"Nun gut", sagte dieser zuletzt, "Wir geben Ihnen alles zu; was wollen

Sie weiter daraus erklären?"

"Vieles, alles", versetzte Wilhelm. "Denken Sie sich einen Prinzen,

wie ich ihn geschildert habe, dessen Vater unvermutet stirbt. Ehrgeiz

und Herrschsucht sind nicht die Leidenschaften, die ihn beleben; er

hatte sich's gefallen lassen, Sohn eines Königs zu sein; aber nun ist

er erst genötigt, auf den Abstand aufmerksamer zu werden, der den

König vom Untertanen scheidet. Das Recht zur Krone war nicht erblich,

und doch hätte ein längeres Leben seines Vaters die Ansprüche seines

einzigen Sohnes mehr befestigt und die Hoffnung zur Krone gesichert.

Dagegen sieht er sich nun durch seinen Oheim, ungeachtet scheinbarer

Versprechungen, vielleicht auf immer ausgeschlossen; er fühlt sich nun

so arm an Gnade, an Gütern und fremd in dem, was er von Jugend auf als

sein Eigentum betrachten konnte. Hier nimmt sein Gemüt die erste

traurige Richtung. Er fühlt, daß er nicht mehr, ja nicht soviel ist

als jeder Edelmann; er gibt sich für einen Diener eines jeden, er ist

nicht höflich, nicht herablassend, nein, herabgesunken und bedürftig.

Nach seinem vorigen Zustande blickt er nur wie nach einem

verschwundnen Traume. Vergebens, daß sein Oheim ihn aufmuntern, ihm

seine Lage aus einem andern Gesichtspunkte zeigen will; die Empfindung

seines Nichts verläßt ihn nie.

Der zweite Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, beugte noch mehr.

Es ist die Heirat seiner Mutter. Ihm, einem treuen und zärtlichen

Sohne, blieb, da sein Vater starb, eine Mutter noch übrig; er hoffte,

in Gesellschaft seiner hinterlassenen edlen Mutter die Heldengestalt

jenes großen Abgeschiedenen zu verehren; aber auch seine Mutter

verliert er, und es ist schlimmer, als wenn sie ihm der Tod geraubt

hätte. Das zuverlässige Bild, das sich ein wohlgeratenes Kind so gern

von seinen Eltern macht, verschwindet; bei dem Toten ist keine Hülfe

und an der Lebendigen kein Halt. Sie ist auch ein Weib, und unter dem

allgemeinen Geschlechtsnamen Gebrechlichkeit ist auch sie begriffen.

Nun erst fühlt er sich recht gebeugt, nun erst verwaist, und kein

Glück der Welt kann ihm wieder ersetzen, was er verloren hat. Nicht

traurig, nicht nachdenklich von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken

zur schweren Bürde. So sehen wir ihn auftreten. Ich glaube nicht,

daß ich etwas in das Stück hineinlege oder einen Zug übertreibe."

Serlo sah seine Schwester an und sagte: "Habe ich dir ein falsches

Bild von unserm Freunde gemacht? Er fängt gut an und wird uns noch

manches vorerzählen und viel überreden. Wilhelm schwur hoch und teuer,

daß er nicht überreden, sondern überzeugen wolle, und bat nur noch um

einen Augenblick Geduld.

"Denken Sie sich", rief er aus, "diesen Jüngling, diesen Fürstensohn

recht lebhaft, vergegenwärtigen Sie sich seine Lage, und dann

beobachten Sie ihn, wenn er erfährt, die Gestalt seines Vaters

erscheine; stehen Sie ihm bei in der schrecklichen Nacht, wenn der

ehrwürdige Geist selbst vor ihm auftritt. Ein ungeheures Entsetzen

ergreift ihn; er redet die Wundergestalt an, sieht sie winken, folgt

und hört.--Die schreckliche Anklage wider seinen Oheim ertönt in

seinen Ohren, Aufforderung zur Rache und die dringende, wiederholte

Bitte: "Erinnere dich meiner!"

Und da der Geist verschwunden ist, wen sehen wir vor uns stehen?

Einen jungen Helden, der nach Rache schnaubt? Einen gebornen Fürsten,

der sich glücklich fühlt, gegen den Usurpator seiner Krone

aufgefordert zu werden? Nein! Staunen und Trübsinn überfällt den

Einsamen; er wird bitter gegen die lächelnden Bösewichter, schwört,

den Abgeschiedenen nicht zu vergessen, und schließt mit dem

bedeutenden Seufzer: "Die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, daß ich

geboren ward, sie wieder einzurichten."

In diesen Worten, dünkt mich, liegt der Schlüssel zu Hamlets ganzem

Betragen, und mir ist deutlich, daß Shakespeare habe schildern wollen:

eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist.

Und in diesem Sinne find ich das Stück durchgängig gearbeitet. Hier

wird ein Eichbaum in ein köstliches Gefäß gepflanzt, das nur liebliche

Blumen in seinen Schoß hätte aufnehmen sollen; die Wurzeln dehnen aus,

das Gefäß wird zernichtet.

Ein schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen ohne die

sinnliche Stärke, die den Helden macht, geht unter einer Last zugrunde,

die es weder tragen noch abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm heilig,

diese zu schwer. Das Unmögliche wird von ihm gefordert, nicht das

Unmögliche an sich, sondern das, was ihm unmöglich ist. Wie er sich

windet, dreht, ängstigt, vor- und zurücktritt, immer erinnert wird,

sich immer erinnert und zuletzt fast seinen Zweck aus dem Sinne

verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden."

IV. Buch, 14. Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Verschiedene Personen traten herein, die das Gespräch unterbrachen.

Es waren Virtuosen, die sich bei Serlo gewöhnlich einmal die Woche zu

einem kleinen Konzerte versammelten. Er liebte die Musik sehr und

behauptete, daß ein Schauspieler ohne diese Liebe niemals zu einem

deutlichen Begriff und Gefühl seiner eigenen Kunst gelangen könne. So

wie man viel leichter und anständiger agiere, wenn die Gebärden durch

eine Melodie begleitet und geleitet werden, so müsse der Schauspieler

sich auch seine prosaische Rolle gleichsam im Sinne komponieren, daß

er sie nicht etwa eintönig nach seiner individuellen Art und Weise

hinsudele, sondern sie in gehöriger Abwechselung nach Takt und Maß

behandle.

Aurelie schien an allem, was vorging, wenig Anteil zu nehmen, vielmehr

führte sie zuletzt unsern Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie

ans Fenster trat und den gestirnten Himmel anschaute, sagte sie zu ihm:

"Sie sind uns manches über Hamlet schuldig geblieben; ich will zwar

nicht voreilig sein und wünsche, daß mein Bruder auch mit anhören möge,

was Sie uns noch zu sagen haben, doch lassen Sie mich Ihre Gedanken

über Ophelien hören."

"Von ihr läßt sich nicht viel sagen", versetzte Wilhelm, "denn nur mit

wenig Meisterzügen ist ihr Charakter vollendet. Ihr ganzes Wesen

schwebt in reifer, süßer Sinnlichkeit. Ihre Neigung zu dem Prinzen,

auf dessen Hand sie Anspruch machen darf, fließt so aus der Quelle,

das gute Herz überläßt sich so ganz seinem Verlangen, daß Vater und

Bruder beide fürchten, beide geradezu und unbescheiden warnen. Der

Wohlstand, wie der leichte Flor auf ihrem Busen, kann die Bewegung

ihres Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verräter dieser

leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille

Bescheidenheit atmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme

Göttin Gelegenheit das Bäumchen schütteln, so würde die Frucht

sogleich herabfallen."

"Und nun", sagte Aurelie, "wenn sie sich verlassen sieht, verstoßen

und verschmäht, wenn in der Seele ihres wahnsinnigen Geliebten sich

das Höchste zum Tiefsten umwendet und er ihr statt des süßen Bechers

der Liebe den bittern Kelch der Leiden hinreicht--"

"Ihr Herz bricht", rief Wilhelm aus, "das ganze Gerüst ihres Daseins

rückt aus seinen Fugen, der Tod ihres Vaters stürmt herein, und das

schöne Gebäude stürzt völlig zusammen."

Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck Aurelie die letzten

Worte aussprach. Nur auf das Kunstwerk, dessen Zusammenhang und

Vollkommenheit gerichtet, ahnete er nicht, daß seine Freundin eine

ganz andere Wirkung empfand; nicht, daß ein eigner tiefer Schmerz

durch diese dramatischen Schattenbilder in ihr lebhaft erregt ward.

Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren Armen unterstützt und

ihre Augen, die sich mit Tränen füllten, gen Himmel gewendet. Endlich

hielt sie nicht länger ihren verborgnen Schmerz zurück; sie faßte des

Freundes beide Hände und rief, indem er erstaunt vor ihr stand:

"Verzeihen Sie, verzeihen Sie einem geängstigten Herzen! Die

Gesellschaft schnürt und preßt mich zusammen; vor meinem

unbarmherzigen Bruder muß ich mich zu verbergen suchen; nun hat Ihre

Gegenwart alle Bande aufgelöst. Mein Freund!" fuhr sie fort, "seit

einem Augenblicke sind wir erst bekannt, und schon werden Sie mein

Vertrauter." Sie konnte die Worte kaum aussprechen und sank an seine

Schulter. "Denken Sie nicht übler von mir", sagte sie schluchzend,

"daß ich mich Ihnen so schnell eröffne, daß Sie mich so schwach sehen.

Sein Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene es." Er redete ihr

auf das herzlichste zu; umsonst! ihre Tränen flossen und erstickten

ihre Worte.

In diesem Augenblicke trat Serlo sehr unwillkommen herein und sehr

unerwartet Philine, die er bei der Hand hielt. "Hier ist Ihr Freund",

sagte er zu ihr; "er wird sich freun, Sie zu begrüßen."

"Wie!" rief Wilhelm erstaunt, "muß ich Sie hier sehen?" Mit einem

bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hieß ihn willkommen,

rühmte Serlos Güte, der sie ohne ihr Verdienst, bloß in Hoffnung, daß

sie sich bilden werde, unter seine treffliche Truppe aufgenommen habe.

Sie tat dabei gegen Wilhelmen freundlich, doch aus einer

ehrerbietigen Entfernung.

Diese Verstellung währte aber nicht länger, als die beiden zugegen

waren. Denn als Aurelie, ihren Schmerz zu verbergen, wegging und

Serlo abgerufen ward, sah Philine erst recht genau nach den Türen, ob

beide auch gewiß fort seien, dann hüpfte sie wie töricht in der Stube

herum, setzte sich an die Erde und wollte vor Kichern und Lachen

ersticken. Dann sprang sie auf, schmeichelte unserm Freunde und

freute sich über alle Maßen, daß sie so klug gewesen sei,

vorauszugehen, das Terrain zu rekognoszieren und sich einzunisten.

"Hier geht es bunt zu", sagte sie, "gerade so, wie mir's recht ist.

Aurelie hat einen unglücklichen Liebeshandel mit einem Edelmanne

gehabt, der ein prächtiger Mensch sein muß und den ich selbst wohl

einmal sehen möchte. Er hat ihr ein Andenken hinterlassen, oder ich

müßte mich sehr irren. Es läuft da ein Knabe herum, ungefähr von drei

Jahren, schön wie die Sonne; der Papa mag allerliebst sein. Ich kann

sonst die Kinder nicht leiden, aber dieser Junge freut mich. Ich habe

ihr nachgerechnet. Der Tod ihres Mannes, die neue Bekanntschaft, das

Alter des Kindes, alles trifft zusammen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 · 第 3 / 6 段