Männer, die allenfalls noch Widerstand hätten tun können, waren gleich
in Schrecken gesetzt und bald überwältigt; ein Teil floh, ein Teil sah
mit Entsetzen dem Unfalle zu. Die Fuhrleute, die sich noch wegen
ihrer Pferde am hartnäckigsten gehalten hatten, wurden niedergeworfen
und gebunden, und in kurzem war alles rein ausgeplündert und
weggeschleppt. Die beängstigten Reisenden fingen, sobald die Sorge
für ihr Leben vorüber war, ihren Verlust zu bejammern an, eilten mit
möglichstes Geschwindigkeit dem benachbarten Dorfe zu, führten den
leicht verwundeten Laertes mit sich und brachten nur wenige Trümmer
ihrer Besitztümer davon. Der Harfner hatte sein beschädigtes
Instrument an einen Baum gelehnt und war mit nach dem Orte geeilt,
einen Wundarzt aufzusuchen und seinem für tot zurückgelassenen
Wohltäter nach Möglichkeit beizuspringen.
IV. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Unsre drei verunglückten Abenteurer blieben indes noch eine Zeitlang
in ihrer seltsamen Lage, niemand eilte ihnen zu Hülfe. Der Abend kam
herbei, die Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgültigkeit
fing an, in Unruhe überzugehen, Mignon lief hin und wider, und die
Ungeduld des Kindes nahm mit jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen
ihr Wunsch gewährt ward und Menschen sich ihnen näherten, überfiel sie
ein neuer Schrecken. Sie hörten ganz deutlich einen Trupp Pferde in
dem Wege heraufkommen, den auch sie zurückgelegt hatten, und
fürchteten, daß abermals eine Gesellschaft ungebetener Gäste diesen
Waldplatz besuchen möchte, um Nachlese zu halten.
Wie angenehm wurden sie dagegen überrascht, als ihnen aus den Büschen,
auf einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Gesichte kam, die von
einem ältlichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde;
Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Husaren folgten nach.
Philine, die zu dieser Erscheinung große Augen machte, war eben im
Begriff zu rufen und die schöne Amazone um Hülfe anzuflehen, als diese
schon erstaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete,
sogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stillehielt. Sie erkundigte
sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen Lage, in dem Schoße der
leichtfertigen Samariterin, ihr höchst sonderbar vorzukommen schien.
"Ist es Ihr Mann?" fragte sie Philinen. "Es ist nur ein guter Freund",
versetzte diese mit einem Ton, der Wilhelmen höchst zuwider war. Er
hatte seine Augen auf die sanften, hohen, stillen, teilnehmenden
Gesichtszüge der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres
noch Liebenswürdigeres gesehen zu haben. Ein weiter Mannsüberrock
verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die
Einflüsse der kühlen Abendluft, von einem ihrer Gesellschafter geborgt.
Die Ritter waren indes auch näher gekommen; einige stiegen ab, die
Dame tat ein Gleiches und fragte mit menschenfreundlicher Teilnehmung
nach allen Umständen des Unfalls, der die Reisenden betroffen hatte,
besonders aber nach den Wunden des hingestreckten Jünglings. Darauf
wandte sie sich schnell um und ging mit einem alten Herrn seitwärts
nach den Wagen, welche langsam den Berg heraufkamen und auf dem
Waldplatze stillehielten.
Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche
gestanden und sich mit den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein
Mann von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten
Helden führte. An dem Kästchen, das er in der Hand hatte, und an der
ledernen Tasche mit Instrumenten erkannte man ihn bald für einen
Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als einnehmend, doch seine
Hand leicht und seine Hülfe willkommen.
Er untersuchte genau, erklärte, keine Wunde sei gefährlich, er wolle
sie auf der Stelle verbinden, alsdann könne man den Kranken in das
nächste Dorf bringen.
Die Besorgnisse der jungen Dame schienen sich zu vermehren. "Sehen
Sie nur," sagte sie, nachdem sie einigemal hin und her gegangen war
und den alten Herrn wieder herbeiführte, "sehen Sie, wie man ihn
zugerichtet hat! Und leidet er nicht um unsertwillen?" Wilhelm hörte
diese Worte und verstand sie nicht. Sie ging unruhig hin und wider;
es schien, als könnte sie sich nicht von dem Anblick des Verwundeten
losreißen und als fürchtete sie zugleich den Wohlstand zu verletzen,
wenn sie stehenbliebe zu der Zeit, da man ihn, wiewohl mit Mühe, zu
entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt eben den linken ärmel auf,
als der alte Herr hinzutrat und ihr mit einem ernsthaften Tone die
Notwendigkeit, ihre Reise fortzusetzen, vorstellte. Wilhelm hatte
seine Augen auf sie gerichtet und war von ihren Blicken so eingenommen,
daß er kaum fühlte, was mit ihm vorging.
Philine war indessen aufgestanden, um der gnädigen Dame die Hand zu
küssen. Als sie nebeneinander standen, glaubte unser Freund nie einen
solchen Abstand gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie in einem so
ungünstigen Lichte erschienen. Sie sollte, wie es ihm vorkam, sich
jener edlen Natur nicht nahen, noch weniger sie berühren.
Die Dame fragte Philinen Verschiedenes, aber leise. Endlich kehrte
sie sich zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabeistand, und
sagte: "Lieber Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein?" Sie
zog sogleich den überrock aus, und ihre Absicht, ihn dem Verwundeten
und Unbekleideten hinzugeben, war nicht zu verkennen.
Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher festgehalten hatte,
war nun, als der überrock fiel, von ihrer schönen Gestalt überrascht.
Sie trat näher herzu und legte den Rock sanft über ihn. In diesem
Augenblicke, da er den Mund öffnen und einige Worte des Dankes
stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck ihrer Gegenwart so
sonderbar auf seine schon angegriffenen Sinne, daß es ihm auf einmal
vorkam, als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben und über ihr ganzes
Bild verbreite sich nach und nach ein glänzendes Licht. Der Chirurgus
berührte ihn eben unsanfter, indem er die Kugel, welche in der Wunde
stak, herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand vor den
Augen des Hinsinkenden; er verlor alles Bewußtsein, und als er wieder
zu sich kam, waren Reiter und Wagen, die Schöne samt ihren Begleitern
verschwunden.
IV. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet war, eilte der
Chirurgus weg, eben als der Harfenspieler mit einer Anzahl Bauern
heraufkam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen ästen und
eingeflochtenem Reisig eine Trage, luden den Verwundeten darauf und
brachten ihn unter Anführung eines reitenden Jägers, den die
Herrschaft zurückgelassen hatte, sachte den Berg hinunter. Der
Harfner, still und in sich gekehrt, trug sein beschädigtes Instrument,
einige Leute schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem
Bündel nach, Mignon sprang bald voraus, bald zur Seite durch Busch und
Wald und blickte sehnlich nach ihrem kranken Beschützer hinüber.
Dieser lag, in seinen warmen überrock gehüllt, ruhig auf der Bahre.
Eine elektrische Wärme schien aus der feinen Wolle in seinen Körper
überzugehen; genug, er fühlte sich in die behaglichste Empfindung
versetzt. Die schöne Besitzerin des Kleides hatte mächtig auf ihn
gewirkt. Er sah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelste
Gestalt, von Strahlen umgeben, vor sich stehen, und seine Seele eilte
der Verschwundenen durch Felsen und Wälder auf dem Fuße nach.
Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe vor dem Wirtshause an, in
welchem sich die übrige Gesellschaft befand und verzweiflungsvoll den
unersetzlichen Verlust beklagte. Die einzige, kleine Stube des Hauses
war von Menschen vollgepfropft: einige lagen auf der Streue, andere
hatten die Bänke eingenommen, einige sich hinter den Ofen gedrückt,
und Frau Melina erwartete in einer benachbarten Kammer ängstlich ihre
Niederkunft. Der Schrecken hatte sie beschleunigt, und unter dem
Beistande der Wirtin, einer jungen, unerfahrnen Frau, konnte man wenig
Gutes erwarten.
Als die neuen Ankömmlinge hereingelassen zu werden verlangten,
entstand ein allgemeines Murren. Man behauptete nun, daß man allein
auf Wilhelms Rat, unter seiner besondern Anführung diesen gefährlichen
Weg unternommen und sich diesem Unfall ausgesetzt habe. Man warf die
Schuld des übeln Ausgangs auf ihn, widersetzte sich an der Türe seinem
Eintritt und behauptete: er müsse anderswo unterzukommen suchen.
Philinen begegnete man noch schnöder; der Harfenspieler und Mignon
mußten auch das Ihrige leiden.
Nicht lange hörte der Jäger, dem die Vorsorge für die Verlassenen von
seiner schönen Herrschaft ernstlich anbefohlen war, dem Streite mit
Geduld zu; er fuhr mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los,
gebot ihnen zusammenzurücken und den Ankommenden Platz zu machen. Man
fing an, sich zu bequemen. Er bereitete Wilhelmen einen Platz auf
einem Tische, den er in eine Ecke schob; Philine ließ ihren Koffer
danebenstellen und setzte sich drauf. Jeder drückte sich, so gut er
konnte, und der Jäger begab sich weg, um zu sehen, ob er nicht ein
bequemeres Quartier für das Ehepaar ausmachen könne.
Kaum war er fort, als der Unwille wieder laut zu werden anfing und ein
Vorwurf den andern drängte. Jedermann erzählte und erhöhte seinen
Verlust, man schalt die Verwegenheit, durch die man so vieles
eingebüßt, man verhehlte sogar die Schadenfreude nicht, die man über
die Wunden unseres Freundes empfand, man verhöhnte Philinen und wollte
ihr die Art und Weise, wie sie ihren Koffer gerettet, zum Verbrechen
machen. Aus allerlei Anzüglichkeiten und Stichelreden hätte man
schließen sollen, sie habe sich während der Plünderung und Niederlage
um die Gunst des Anführers der Bande bemüht und habe ihn, wer weiß
durch welche Künste und Gefälligkeiten, vermocht, ihren Koffer
freizugeben. Man wollte sie eine ganze Weile vermißt haben. Sie
antwortete nichts und klapperte nur mit den großen Schlössern ihres
Koffers, um ihre Neider recht von seiner Gegenwart zu überzeugen und
die Verzweiflung des Haufens durch ihr eigenes Glück zu vermehren.
IV. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Wilhelm, ob er gleich durch den starken Verlust des Blutes schwach und
nach der Erscheinung jenes hülfreichen Engels mild und sanft geworden
war, konnte sich doch zuletzt des Verdrusses über die harten und
ungerechten Reden nicht enthalten, welche bei seinem Stillschweigen
von der unzufriednen Gesellschaft immer erneuert wurden. Endlich
fühlte er sich gestärkt genug, um sich aufzurichten und ihnen die
Unart vorzustellen, mit der sie ihren Freund und Führer beunruhigten.
Er hob sein verbundenes Haupt in die Höhe und fing, indem er sich mit
einiger Mühe stützte und gegen die Wand lehnte, folgendergestalt zu
reden an:
"Ich vergebe dem Schmerze, den jeder über seinen Verlust empfindet,
daß ihr mich in einem Augenblicke beleidigt, wo ihr mich beklagen
solltet, daß ihr mir widersteht und mich von euch stoßt, das erstemal,
da ich Hülfe von euch erwarten könnte. Für die Dienste, die ich euch
erzeigte, für die Gefälligkeiten, die ich euch erwies, habe ich mich
durch euren Dank, durch euer freundschaftliches Betragen bisher
genugsam belohnt gefunden; verleitet mich nicht, zwingt mein Gemüt
nicht, zurückzugehen und zu überdenken, was ich für euch getan habe;
diese Berechnung würde mir nur peinlich werden. Der Zufall hat mich
zu euch geführt, Umstände und eine heimliche Neigung haben mich bei
euch gehalten. Ich nahm an euren Arbeiten, an euren Vergnügungen teil;
meine wenigen Kenntnisse waren zu eurem Dienste. Gebt ihr mir jetzt
auf eine bittre Weise den Unfall schuld, der uns betroffen hat, so
erinnert ihr euch nicht, daß der erste Vorschlag, diesen Weg zu nehmen,
von fremden Leuten kam, von euch allen geprüft und so gut von jedem
als von mir gebilligt worden ist. Wäre unsre Reise glücklich
vollbracht, so würde sich jeder wegen des guten Einfalls loben, daß er
diesen Weg angeraten, daß er ihn vorgezogen; er würde sich unsrer
überlegungen und seines ausgeübten Stimmrechts mit Freuden erinnern;
jetzo macht ihr mich allein verantwortlich, ihr zwingt mir eine Schuld
auf, die ich willig übernehmen wollte, wenn mich das reinste
Bewußtsein nicht freispräche, ja wenn ich mich nicht auf euch selbst
berufen könnte. Habt ihr gegen mich etwas zu sagen, so bringt es
ordentlich vor, und ich werde mich zu verteidigen wissen; habt ihr
nichts Gegründetes anzugeben, so schweigt, und quält mich nicht, jetzt,
da ich der Ruhe so äußerst bedürftig bin."
Statt aller Antwort fingen die Mädchen an, abermals zu weinen und
ihren Verlust umständlich zu erzählen; Melina war ganz außer Fassung:
denn er hatte freilich am meisten, und mehr, als wir denken können,
eingebüßt. Wie ein Rasender stolperte er in dem engen Raume hin und
her, stieß den Kopf wider die Wand, fluchte und schalt auf das
unziemlichste; und da nun gar zu gleicher Zeit die Wirtin aus der
Kammer trat mit der Nachricht, daß seine Frau mit einem toten Kinde
niedergekommen, erlaubte er sich die heftigsten Ausbrüche, und
einstimmig mit ihm heulte, schrie, brummte und lärmte alles
durcheinander.
Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Teilnehmung an ihrem Zustande
und von Verdruß über ihre niedrige Gesinnung bis in sein Innerstes
bewegt war, fühlte unerachtet der Schwäche seines Körpers die ganze
Kraft seiner Seele lebendig. "Fast", rief er aus, "muß ich euch
verachten, so beklagenswert ihr auch sein mögt. Kein Unglück
berechtigt uns, einen Unschuldigen mit Vorwürfen zu beladen; habe ich
teil an diesem falschen Schritte, so büße ich auch mein Teil. Ich
liege verwundet hier, und wenn die Gesellschaft verloren hat, so
verliere ich das meiste. Was an Garderobe geraubt worden, was an
Dekorationen zugrunde gegangen, war mein: denn Sie, Herr Melina, haben
mich noch nicht bezahlt, und ich spreche Sie von dieser Forderung
hiemit völlig frei."
"Sie haben gut schenken", rief Melina, "was niemand wiedersehen wird.
Ihr Geld lag in meiner Frau Koffer, und es ist Ihre Schuld, daß es
Ihnen verlorengeht. Aber oh! wenn das alles wäre!" Er fing aufs neue
zu stampfen, zu schimpfen und zu schreien an. Jedermann erinnerte
sich der schönen Kleider aus der Garderobe des Grafen, der Schnallen,
Uhren, Dosen, Hüte, welche Melina von dem Kammerdiener so glücklich
gehandelt hatte. Jedem fielen seine eigenen, obgleich viel geringeren
Schätze dabei wieder ins Gedächtnis; man blickte mit Verdruß auf
Philinens Koffer, man gab Wilhelmen zu verstehen, er habe wahrlich
nicht übelgetan, sich mit dieser Schönen zu assoziieren und durch ihr
Glück auch seine Habseligkeiten zu retten.
"Glaubt ihr denn", rief er endlich aus, "daß ich etwas Eignes haben
werde, solange ihr darbt, und ist es wohl das erste Mal, daß ich in
der Not mit euch redlich teile? Man öffne den Koffer, und was mein
ist, will ich zum öffentlichen Bedürfnis niederlegen."
,Es ist mein Koffer", sagte Philine, "und ich werde ihn nicht eher
aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre paar Fittiche, die ich Ihnen
aufgehoben, können wenig betragen, und wenn sie an die redlichsten
Juden verkauft werden. Denken Sie an sich, was Ihre Heilung kosten,
was Ihnen in einem fremden Lande begegnen kann."
"Sie werden mir, Philine", versetzte Wilhelm, "nichts vorenthalten,
was mein ist, und das wenige wird uns aus der ersten Verlegenheit
retten. Allein der Mensch besitzt noch manches, womit er seinen
Freunden beistehen kann, das eben nicht klingende Münze zu sein
braucht. Alles, was in mir ist, soll diesen Unglücklichen gewidmet
sein, die gewiß, wenn sie wieder zu sich selbst kommen, ihr
gegenwärtiges Betragen bereuen werden. Ja", fuhr er fort, "ich fühle,
daß ihr bedürft, und was ich vermag, will ich euch leisten; schenkt
mir euer Vertrauen aufs neue, beruhigt euch für diesen Augenblick,
nehmet an, was ich euch verspreche! Wer will die Zusage im Namen
aller von mir empfangen?"
Hier streckte er seine Hand aus und rief: "Ich verspreche, daß ich
nicht eher von euch weichen, euch nicht eher verlassen will, als bis
ein jeder seinen Verlust doppelt und dreifach ersetzt sieht, bis ihr
den Zustand, in dem ihr euch, durch wessen Schuld es wolle, befindet,
völlig vergessen und mit einem glücklichern vertauscht habt."
Er hielt seine Hand noch immer ausgestreckt, und niemand wollte sie
fassen. "Ich versprach es noch einmal", rief er aus, indem er auf
sein Kissen zurücksank. Alle blieben stille; sie waren beschämt, aber
nicht getröstet, und Philine, auf ihrem Koffer sitzend, knackte Nüsse
auf, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte.
IV. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Der Jäger kam mit einigen Leuten zurück und machte Anstalt, den
Verwundeten wegzuschaffen. Er hatte den Pfarrer des Orts beredet, das
Ehepaar aufzunehmen; Philinens Koffer ward fortgetragen, und sie
folgte mit natürlichem Anstand. Mignon lief voraus, und da der Kranke
im Pfarrhaus ankam, ward ihm ein weites Ehebette, das schon lange Zeit
als Gast- und Ehrenbette bereitstand, eingegeben. Hier bemerkte man
erst, daß die Wunde aufgegangen war und stark geblutet hatte. Man
mußte für einen neuen Verband sorgen. Der Kranke verfiel in ein
Fieber, Philine wartete ihn treulich, und als die Müdigkeit sie
übermeisterte, löste sie der Harfenspieler ab; Mignon war mit dem
festen Vorsatz zu wachen in einer Ecke eingeschlafen.
Des Morgens, als Wilhelm sich ein wenig erholt hatte, erfuhr er von
dem Jäger, daß die Herrschaft, die ihnen gestern zu Hülfe gekommen sei,
vor kurzem ihre Güter verlassen habe, um den Kriegsbewegungen
auszuweichen und sich bis zum Frieden in einer ruhigern Gegend
aufzuhalten. Er nannte den ältlichen Herrn und seine Nichte, zeigte
den Ort an, wohin sie sich zuerst begeben, erklärte Wilhelmen, wie das
Fräulein ihm eingebunden, für die Verlassenen Sorge zu tragen.
Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften Danksagungen, in
welche sich Wilhelm gegen den Jäger ergoß, machte eine umständliche
Beschreibung der Wunden, versicherte, daß sie leicht heilen würden,
wenn der Patient sich ruhighielte und sich abwartete.
Nachdem der Jäger weggeritten war, erzählte Philine, daß er ihr einen
Beutel mit zwanzig Louisdorn zurückgelassen, daß er dem Geistlichen
ein Douceur für die Wohnung gegeben und die Kurkosten für den
Chirurgus bei ihm niedergelegt habe. Sie gelte durchaus für Wilhelms
Frau, introduziere sich ein für allemal bei ihm in dieser Qualität und
werde nicht zugeben, daß er sich nach einer andern Wartung umsehe.
"Philine", sagte Wilhelm, "ich bin Ihnen bei dem Unfall, der uns
begegnet ist, schon manchen Dank schuldig geworden, und ich wünschte
nicht, meine Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin
unruhig, solange Sie um mich sind: denn ich weiß nichts, womit ich
Ihnen die Mühe vergelten kann. Geben Sie mir meine Sachen, die Sie in
Ihrem Koffer gerettet haben, heraus, schließen Sie sich an die übrige
Gesellschaft an, suchen Sie ein ander Quartier, nehmen Sie meinen Dank,
und die goldne Uhr als eine kleine Erkenntlichkeit; nur verlassen Sie
mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr, als Sie glauben."
Sie lachte ihm ins Gesicht, als er geendigt hatte. "Du bist ein Tor",
sagte sie, "du wirst nicht klug werden. Ich weiß besser, was dir gut
ist; ich werde bleiben, ich werde mich nicht von der Stelle rühren.
Auf den Dank der Männer habe ich niemals gerechnet, also auch auf
deinen nicht; und wenn ich dich liebhabe, was geht's dich an?"
Sie blieb und hatte sich bald bei dem Pfarrer und seiner Familie
eingeschmeichelt, indem sie immer lustig war, jedem etwas zu schenken,
jedem nach dem Sinne zu reden wußte und dabei immer tat, was sie
wollte. Wilhelm befand sich nicht übel; der Chirurgus, ein
unwissender, aber nicht ungeschickter Mensch, ließ die Natur walten,
und so war der Patient bald auf dem Wege der Besserung. Sehnlich
wünschte dieser sich wiederhergestellt zu sehen, um seine Plane, seine
Wünsche eifrig verfolgen zu können.
Unaufhörlich rief er sich jene Begebenheit zurück, welche einen
unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüt gemacht hatte. Er sah die
schöne Amazone reitend aus den Büschen hervorkommen, sie näherte sich
ihm, stieg ab, ging hin und wider und bemühte sich um seinetwillen.
Er sah das umhüllende Kleid von ihren Schultern fallen; ihr Gesicht,
ihre Gestalt glänzend verschwinden. Alle seine Jugendträume knüpften
sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle, heldenmütige
Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm fiel der kranke
Königssohn wieder ein, an dessen Lager die schöne, teilnehmende
Prinzessin mit stiller Bescheidenheit herantritt.
"Sollten nicht", sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, "uns in
der Jugend, wie im Schlafe, sie Bilder zukünftiger Schicksale
umschweben und unserm unbefangenen Auge ahnungsvoll sichtbar werden?
Sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird, nicht schon von der
Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht ein Vorgenuß der Früchte,
die wir einst zu brechen hoffen, möglich sein?"
Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Szene tausendmal zu wiederholen.
Tausendmal rief er den Klang jener süßen Stimme zurück, und wie
beneidete er Philinen, die jene hülfreiche Hand geküßt hatte. Oft kam
ihm die Geschichte wie ein Traum vor, und er würde sie für ein Märchen
gehalten haben, wenn nicht das Kleid zurückgeblieben wäre, das ihm die
Gewißheit der Erscheinung versicherte.
Mit der größten Sorgfalt für dieses Gewand war das lebhafteste
Verlangen verbunden, sich damit zu bekleiden. Sobald er aufstand,
warf er es über und befürchtete den ganzen Tag, es möchte durch einen
Flecken oder auf sonst eine Weise beschädigt werden.
IV. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener lebhaften Szene im
Wirtshause nicht gegenwärtig gewesen, denn er lag in einer obern
Kammer. über seinen Verlust war er sehr getröstet und half sich mit
seinem gewöhnlichen: "Was tut's?" Er erzählte verschiedene
lächerliche Züge von der Gesellschaft, besonders gab er Frau Melina
schuld: sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur deswegen, weil sie
nicht das altdeutsche Vergnügen haben könne, eine Mechtilde taufen zu
lassen. Was ihren Mann betreffe, so offenbare sich's nun, daß er viel
Geld bei sich gehabt und auch schon damals des Vorschusses, den er
Wilhelmen abgelockt, keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr
mit dem nächsten Postwagen abgehn und werde von Wilhelmen ein
Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Direktor Serlo, verlangen,
bei dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert,
nun unterzukommen hoffe.
Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang,
gestand sie endlich, daß ihr rechter Arm verrenkt sei. "Das hast du
deiner Verwegenheit zu danken", sagte Philine und erzählte, wie das
Kind im Gefechte seinen Hirschfänger gezogen und, als es seinen Freund
in Gefahr gesehen, wacker auf die Freibeuter zugehauen habe. Endlich
sei es beim Arme ergriffen und auf die Seite geschleudert worden. Man
schalt auf sie, daß sie das übel nicht eher entdeckt habe, doch merkte
man wohl, daß sie sich vor dem Chirurgus gescheut, der sie bisher
immer für einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das übel zu heben,
und sie mußte den Arm in der Binde tragen. Hierüber war sie aufs neue
empfindlich, weil sie den besten Teil der Pflege und Wartung ihres
Freundes Philinen überlassen mußte, und die angenehme Sünderin zeigte
sich nur um desto tätiger und aufmerksamer.