Man überlegte nicht lange; das Stück ward bestimmt. Es war

Ver.04.29.93*END*

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 4

Johann Wolfgang von Goethe

Viertes Buch

Erstes Kapitel

Laertes stand nachdenklich am Fenster und blickte, auf seinen Arm

gestützt, in das Feld hinaus. Philine schlich über den großen Saal

herbei, lehnte sich auf den Freund und verspottete sein ernsthaftes

Ansehen.

"Lache nur nicht", versetzte er, "es ist abscheulich, wie die Zeit

vergeht, wie alles sich verändert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier

stand vor kurzem noch ein schönes Lager, wie lustig sahen die Zelte

aus! wie lebhaft ging es darin zu! wie sorgfältig bewachte man den

ganzen Bezirk! und nun ist alles auf einmal verschwunden. Nur kurze

Zeit werden das zertretene Stroh und die eingegrabenen Kochlöcher noch

eine Spur zeigen; dann wird alles bald umgepflügt sein, und die

Gegenwart so vieler tausend rüstiger Menschen in dieser Gegend wird

nur noch in den Köpfen einiger alten Leute spuken."

Philine fing an zu singen und zog ihren Freund zu einem Tanze in den

Saal. "Laß uns", rief sie, "da wir der Zeit nicht nachlaufen können,

wenn sie vorüber ist, sie wenigstens als eine schöne Göttin, indem sie

bei uns vorbeizieht, fröhlich und zierlich verehren!"

Sie hatten kaum einige Wendungen gemacht, als Madame Melina durch den

Saal ging. Philine war boshaft genug, sie gleichfalls zum Tanze

einzuladen und sie dadurch an die Mißgestalt zu erinnern, in welche

sie durch ihre Schwangerschaft versetzt war.

"Wenn ich nur", sagte Philine hinter ihrem Rücken, "keine Frau mehr

guter Hoffnung sehen sollte!"

"Sie hofft doch", sagte Laertes.

"Aber es kleidet sie so häßlich. Hast du die vordere Wackelfalte des

verkürzten Rocks gesehen, die immer vorausspaziert, wenn sie sich

bewegt? Sie hat gar keine Art noch Geschick, sich nur ein bißchen zu

mustern und ihren Zustand zu verbergen."

"Laß nur", sagte Laertes, "die Zeit wird ihr schon zu Hülfe kommen."

"Es wäre doch immer hübscher", rief Philine, "wenn man die Kinder von

den Bäumen schüttelte."

Der Baron trat herein und sagte ihnen etwas Freundliches im Namen des

Grafen und der Gräfin, die ganz früh abgereist waren, und machte ihnen

einige Geschenke. Er ging darauf zu Wilhelmen, der sich im

Nebenzimmer mit Mignon beschäftigte. Das Kind hatte sich sehr

freundlich und zutätig bezeigt, nach Wilhelms Eltern, Geschwistern und

Verwandten gefragt und ihn dadurch an seine Pflicht erinnert, den

Seinigen von sich einige Nachricht zu geben.

Der Baron brachte ihm nebst einem Abschiedsgruße von den Herrschaften

die Versicherung, wie sehr der Graf mit ihm, seinem Spiele, seinen

poetischen Arbeiten und seinen theatralischen Bemühungen zufrieden

gewesen sei. Er zog darauf zum Beweis dieser Gesinnung einen Beutel

hervor, durch dessen schönes Gewebe die reizende Farbe neuer

Goldstücke durchschimmerte; Wilhelm trat zurück und weigerte sich, ihn

anzunehmen.

"Sehen Sie", fuhr der Baron fort, "diese Gabe als einen Ersatz für

Ihre Zeit, als eine Erkenntlichkeit für Ihre Mühe, nicht als eine

Belohnung Ihres Talents an. Wenn uns dieses einen guten Namen und die

Neigung der Menschen verschafft, so ist billig, daß wir durch Fleiß

und Anstrengung zugleich die Mittel erwerben, unsre Bedürfnisse zu

befriedigen, da wir doch einmal nicht ganz Geist sind. Wären wir in

der Stadt, wo alles zu finden ist, so hätte man diese kleine Summe in

eine Uhr, einen Ring oder sonst etwas verwandelt; nun gebe ich aber

den Zauberstab unmittelbar in Ihre Hände; schaffen Sie sich ein

Kleinod dafür, das Ihnen am liebsten und am dienlichsten ist, und

verwahren Sie es zu unserm Andenken. Dabei halten Sie ja den Beutel

in Ehren. Die Damen haben ihn selbst gestrickt, und ihre Absicht war,

durch das Gefäß dem Inhalt die annehmlichste Form zu geben."

"Vergeben Sie", versetzte Wilhelm, "meiner Verlegenheit und meinen

Zweifeln, dieses Geschenk anzunehmen. Es vernichtet gleichsam das

wenige, was ich getan habe, und hindert das freie Spiel einer

glücklichen Erinnerung. Geld ist eine schöne Sache, wo etwas abgetan

werden soll, und ich wünschte nicht, in dem Andenken Ihres Hauses so

ganz abgetan zu sein."

"Das ist nicht der Fall", versetzte der Baron; "aber indem Sie selbst

zart empfinden, werden Sie nicht verlangen, daß der Graf sich völlig

als Ihren Schuldner denken soll: ein Mann, der seinen größten Ehrgeiz

darein setzt, aufmerksam und gerecht zu sein. Ihm ist nicht entgangen,

welche Mühe Sie sich gegeben und wie Sie seinen Absichten ganz Ihre

Zeit gewidmet haben, ja er weiß, daß Sie, um gewisse Anstalten zu

beschleunigen, Ihr eignes Geld nicht schonten. Wie will ich wieder

vor ihm erscheinen, wenn ich ihn nicht versichern kann, daß seine

Erkenntlichkeit Ihnen Vergnügen gemacht hat."

"Wenn ich nur an mich selbst denken, wenn ich nur meinen eigenen

Empfindungen folgen dürfte", versetzte Wilhelm, "würde ich mich,

ungeachtet aller Gründe, hartnäckig weigern, diese Gabe, so schön und

ehrenvoll sie ist, anzunehmen; aber ich leugne nicht, daß sie mich in

dem Augenblicke, in dem sie mich in Verlegenheit setzt, aus einer

Verlegenheit reißt, in der ich mich bisher gegen die Meinigen befand

und die mir manchen stillen Kummer verursachte. Ich habe sowohl mit

dem Gelde als mit der Zeit, von denen ich Rechenschaft zu geben habe,

nicht zum besten hausgehalten; nun wird es mir durch den Edelmut des

Herrn Grafen möglich, den Meinigen getrost von dem Glücke Nachricht zu

geben, zu dem mich dieser sonderbare Seitenweg geführt hat. Ich opfre

die Delikatesse, die uns wie ein zartes Gewissen bei solchen

Gelegenheiten warnt, einer höhern Pflicht auf, und um meinem Vater

mutig unter die Augen treten zu können, steh ich beschämt vor den

Ihrigen."

"Es ist sonderbar", versetzte der Baron, "welch ein wunderlich

Bedenken man sich macht, Geld von Freunden und Gönnern anzunehmen, von

denen man jede andere Gabe mit Dank und Freude empfangen würde. Die

menschliche Natur hat mehr ähnliche Eigenheiten, solche Skrupel gern

zu erzeugen und sorgfältig zu nähren."

"Ist es nicht das nämliche mit allen Ehrenpunkten?" fragte Wilhelm.

"Ach ja", versetzte der Baron, "und andern Vorurteilen. Wir wollen

sie nicht ausjäten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit

auszuraufen. Aber mich freut immer, wenn einzelne Personen fühlen,

über was man sich hinaussetzen kann und soll, und ich denke mit

Vergnügen an die Geschichte des geistreichen Dichters, der für ein

Hoftheater einige Stücke verfertigte, welche den ganzen Beifall des

Monarchen erhielten. "Ich muß ihn ansehnlich belohnen", sagte der

großmütige Fürst; "man forsche an ihm, ob ihm irgendein Kleinod

Vergnügen macht oder ob er nicht verschmäht, Geld anzunehmen." Nach

seiner scherzhaften Art antwortete der Dichter dem abgeordneten

Hofmann: "Ich danke lebhaft für die gnädigen Gesinnungen, und da der

Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe ich nicht ein, warum ich

mich schämen sollte, Geld von ihm anzunehmen.""

Der Baron hatte kaum das Zimmer verlassen, als Wilhelm eifrig die

Barschaft zählte, die ihm so unvermutet und, wie er glaubte, so

unverdient zugekommen war. Es schien, als ob ihm der Wert und die

Würde des Goldes, die uns in spätern Jahren erst fühlbar werden,

ahnungsweise zum erstenmal entgegenblickten, als die schönen,

blinkenden Stücke aus dem zierlichen Beutel hervorrollten. Er machte

seine Rechnung und fand, daß er, besonders da Melina den Vorschuß

sogleich wieder zu bezahlen versprochen hatte, ebensoviel, ja noch

mehr in Kassa habe als an jenem Tage, da Philine ihm den ersten Strauß

abfordern ließ. Mit heimlicher Zufriedenheit blickte er auf sein

Talent, mit einem kleinen Stolze auf das Glück, das ihn geleitet und

begleitet hatte. Er ergriff nunmehr mit Zuversicht die Feder, um

einen Brief zu schreiben, der auf einmal die Familie aus aller

Verlegenheit und sein bisheriges Betragen in das beste Licht setzen

sollte. Er vermied eine eigentliche Erzählung und ließ nur in

bedeutenden und mystischen Ausdrücken dasjenige, was ihm begegnet sein

könnte, erraten. Der gute Zustand seiner Kasse, der Erwerb, den er

seinem Talent schuldig war, die Gunst der Großen, die Neigung der

Frauen, die Bekanntschaft in einem weiten Kreise, die Ausbildung

seiner körperlichen und geistigen Anlagen, die Hoffnung für die

Zukunft bildeten ein solches wunderliches Luftgemälde, daß Fata

Morgagna selbst es nicht seltsamer hätte durcheinanderwirken können.

In dieser glücklichen Exaltation fuhr er fort, nachdem der Brief

geschlossen war, ein langes Selbstgespräch zu unterhalten, in welchem

er den Inhalt des Schreibens rekapitulierte und sich eine tätige und

würdige Zukunft ausmalte. Das Beispiel so vieler edlen Krieger hatte

ihn angefeuert, die Shakespearische Dichtung hatte ihm eine neue Welt

eröffnet, und von den Lippen der schönen Gräfin hatte er ein

unaussprechliches Feuer in sich gesogen. Das alles konnte, das sollte

nicht ohne Wirkung bleiben.

Der Stallmeister kam und fragte, ob sie mit Einpacken fertig seien.

Leider hatte außer Melina noch niemand daran gedacht. Nun sollte man

eilig aufbrechen. Der Graf hatte versprochen, die ganze Gesellschaft

einige Tagereisen weit transportieren zu lassen, die Pferde waren eben

bereit und konnten nicht lange entbehrt werden. Wilhelm fragte nach

seinem Koffer; Madame Melina hatte sich ihn zunutze gemacht; er

verlangte nach seinem Gelde, Herr Melina hatte es ganz unten in den

Koffer mit großer Sorgfalt gepackt. Philine sagte: "Ich habe in dem

meinigen noch Platz", nahm Wilhelms Kleider und befahl Mignon, das

übrige nachzubringen. Wilhelm mußte es, nicht ohne Widerwillen,

geschehen lassen.

Indem man aufpackte und alles zubereitete, sagte Melina: "Es ist mir

verdrießlich, daß wir wie Seiltänzer und Marktschreier reisen; ich

wünschte, daß Mignon Weiberkleider anzöge und daß der Harfenspieler

sich noch geschwinde den Bart scheren ließe." Mignon hielt sich fest

an Wilhelm und sagte mit großer Lebhaftigkeit: "Ich bin ein Knabe: ich

will kein Mädchen sein!" Der Alte schwieg, und Philine machte bei

dieser Gelegenheit über die Eigenheit des Grafen, ihres Beschützers,

einige lustige Anmerkungen. "Wenn der Harfner seinen Bart

abschneidet", sagte sie, "so mag er ihn nur sorgfältig auf Band nähen

und bewahren, daß er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er dem

Herrn Grafen irgendwo in der Welt begegnet: denn dieser Bart allein

hat ihm die Gnade dieses Herrn verschafft."

Als man in sie drang und eine Erklärung dieser sonderbaren äußerung

verlangte, ließ sie sich folgendergestalt vernehmen: "Der Graf glaubt,

daß es zur Illusion sehr viel beitrage, wenn der Schauspieler auch im

gemeinen Leben seine Rolle fortspielt und seinen Charakter souteniert;

deswegen war er dem Pedanten so günstig, und er fand, es sei recht

gescheit, daß der Harfner seinen falschen Bart nicht allein abends auf

dem Theater, sondern auch beständig bei Tage trage, und freute sich

sehr über das natürliche Aussehen der Maskerade."

Als die andern über diesen Irrtum und über die sonderbaren Meinungen

des Grafen spotteten, ging der Harfner mit Wilhelm beiseite, nahm von

ihm Abschied und bat mit Tränen, ihn ja sogleich zu entlassen.

Wilhelm redete ihm zu und versicherte, daß er ihn gegen jedermann

schützen werde, daß ihm niemand ein Haar krümmen, viel weniger ohne

seinen Willen abschneiden solle.

Der Alte war sehr bewegt, und in seinen Augen glühte ein sonderbares

Feuer. "Nicht dieser Anlaß treibt mich hinweg", rief er aus; "schon

lange mache ich mir stille Vorwürfe, daß ich um Sie bleibe. Ich

sollte nirgends verweilen, denn das Unglück ereilt mich und beschädigt

die, die sich zu mir gesellen. Fürchten Sie alles, wenn Sie mich

nicht entlassen, aber fragen Sie mich nicht, ich gehöre nicht mir zu,

ich kann nicht bleiben."

"Wem gehörst du an? Wer kann eine solche Gewalt über dich ausüben?"

"Mein Herr, lassen Sie mir mein schaudervolles Geheimnis, und geben

Sie mich los! Die Rache, die mich verfolgt, ist nicht des irdischen

Richters; ich gehöre einem unerbittlichen Schicksale; ich kann nicht

bleiben, und ich darf nicht!"

"In diesem Zustande, in dem ich dich sehe, werde ich dich gewiß nicht

lassen."

"Es ist Hochverrat an Ihnen, mein Wohltäter, wenn ich zaudre. Ich bin

sicher bei Ihnen, aber Sie sind in Gefahr. Sie wissen nicht, wen Sie

in Ihrer Nähe hegen. Ich bin schuldig, aber unglücklicher als

schuldig. Meine Gegenwart verscheucht das Glück, und die gute Tat

wird ohnmächtig, wenn ich dazutrete. Flüchtig und unstet sollt ich

sein, daß mein unglücklicher Genius mich nicht einholet, der mich nur

langsam verfolgt und nur dann sich merken läßt, wenn ich mein Haupt

niederlegen und ruhen will. Dankbarer kann ich mich nicht bezeigen,

als wenn ich Sie verlasse."

"Sonderbarer Mensch! du kannst mir das Vertrauen in dich so wenig

nehmen als die Hoffnung, dich glücklich zu sehen. Ich will in die

Geheimnisse deines Aberglaubens nicht eindringen; aber wenn du ja in

Ahnung wunderbarer Verknüpfungen und Vorbedeutungen lebst, so sage ich

dir zu deinem Trost und zu deiner Aufmunterung: geselle dich zu meinem

Glücke, und wir wollen sehen, welcher Genius der stärkste ist, dein

schwarzer oder mein weißer!"

Wilhelm ergriff diese Gelegenheit, um ihm noch mancherlei Tröstliches

zu sagen; denn er hatte schon seit einiger Zeit in seinem wunderbaren

Begleiter einen Menschen zu sehen geglaubt, der durch Zufall oder

Schickung eine große Schuld auf sich geladen hat und nun die

Erinnerung derselben immer mit sich fortschleppt. Noch vor wenigen

Tagen hatte Wilhelm seinen Gesang behorcht und folgende Zeilen wohl

bemerkt:

Ihm färbt der Morgensonne Licht

Den reinen Horizont mit Flammen,

Und über seinem schuld'gen Haupte bricht

Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen.

Der Alte mochte nun sagen, was er wollte, so hatte Wilhelm immer ein

stärker Argument, wußte alles zum besten zu kehren und zu wenden,

wußte so brav, so herzlich und tröstlich zu sprechen, daß der Alte

selbst wieder aufzuleben und seinen Grillen zu entsagen schien.

IV. Buch, 2. Kapitel

Zweites Kapitel

Melina hatte Hoffnung, in einer kleinen, aber wohlhabenden Stadt mit

seiner Gesellschaft unterzukommen. Schon befanden sie sich an dem

Orte, wohin sie die Pferde des Grafen gebracht hatten, und sahen sich

nach andern Wagen und Pferden um, mit denen sie weiterzukommen hofften.

Melina hatte den Transport übernommen und zeigte sich nach seiner

Gewohnheit übrigens sehr karg. Dagegen hatte Wilhelm die schönen

Dukaten der Gräfin in der Tasche, auf deren fröhliche Verwendung er

das größte Recht zu haben glaubte, und sehr leicht vergaß er, daß er

sie in der stattlichen Bilanz, die er den Seinigen zuschickte, schon

sehr ruhmredig aufgeführt hatte.

Sein Freund Shakespeare, den er mit großer Freude auch als seinen

Paten anerkannte und sich nur um so lieber Wilhelm nennen ließ, hatte

ihm einen Prinzen bekannt gemacht, der sich unter geringer, ja sogar

schlechter Gesellschaft eine Zeitlang aufhält und ungeachtet seiner

edlen Natur an der Roheit, Unschicklichkeit und Albernheit solcher

ganz sinnlichen Bursche sich ergötzt. Höchst willkommen war ihm das

Ideal, womit er seinen gegenwärtigen Zustand vergleichen konnte, und

der Selbstbetrug, wozu er eine fast unüberwindliche Neigung spürte,

ward ihm dadurch außerordentlich erleichtert.

Er fing nun an, über seine Kleidung nachzudenken. Er fand, daß ein

Westchen, über das man im Notfall einen kurzen Mantel würfe, für einen

Wanderer eine sehr angemessene Tracht sei. Lange, gestrickte

Beinkleider und ein Paar Schnürstiefeln schienen die wahre Tracht

eines Fußgängers. Dann verschaffte er sich eine schöne seidne Schärpe,

die er zuerst unter dem Vorwande, den Leib warm zu halten, umband;

dagegen befreite er seinen Hals von der Knechtschaft einer Binde und

ließ sich einige Streifen Nesseltuch ans Hemde heften, die aber etwas

breit gerieten und das völlige Ansehen eines antiken Kragens erhielten.

Das schöne seidne Halstuch, das gerettete Andenken Marianens, lag

nur locker geknüpft unter der nesseltuchnen Krause. Ein runder Hut

mit einem bunten Bande und einer großen Feder machte die Maskerade

vollkommen.

Die Frauen beteuerten, diese Tracht lasse ihm vorzüglich gut. Philine

stellte sich ganz bezaubert darüber und bat sich seine schönen Haare

aus, die er, um dem natürlichen Ideal nur desto näherzukommen,

unbarmherzig abgeschnitten hatte. Sie empfahl sich dadurch nicht übel,

und unser Freund, der durch seine Freigebigkeit sich das Recht

erworben hatte, auf Prinz Harrys Manier mit den übrigen umzugehen, kam

bald selbst in den Geschmack, einige tolle Streiche anzugeben und zu

befördern. Man focht, man tanzte, man erfand allerlei Spiele, und in

der Fröhlichkeit des Herzens genoß man des leidlichen Weins, den man

angetroffen hatte, in starkem Maße, und Philine lauerte in der

Unordnung dieser Lebensart dem spröden Helden auf, für den sein guter

Genius Sorge tragen möge.

Eine vorzügliche Unterhaltung, mit der sich die Gesellschaft besonders

ergötzte, bestand in einem extemporierten Spiel, in welchem sie ihre

bisherigen Gönner und Wohltäter nachahmten und durchzogen. Einige

unter ihnen hatten sich sehr gut die Eigenheiten des äußern Anstandes

verschiedner vornehmer Personen gemerkt, und die Nachbildung derselben

ward von der übrigen Gesellschaft mit dem größten Beifall aufgenommen,

und als Philine aus dem geheimen Archiv ihrer Erfahrungen einige

besondere Liebeserklärungen, die an sie geschehen waren, vorbrachte,

wußte man sich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu lassen.

Wilhelm schalt ihre Undankbarkeit; allein man setzte ihm entgegen, daß

sie das, was sie dort erhalten, genugsam abverdient und daß überhaupt

das Betragen gegen so verdienstvolle Leute, wie sie sich zu sein

rühmten, nicht das beste gewesen sei. Nun beschwerte man sich, mit

wie wenig Achtung man ihnen begegnet, wie sehr man sie zurückgesetzt

habe. Das Spotten, Necken und Nachahmen ging wieder an, und man ward

immer bitterer und ungerechter.

"Ich wünschte", sagte Wilhelm darauf, "daß durch eure äußerungen weder

Neid noch Eigenliebe durchschiene und daß ihr jene Personen und ihre

Verhältnisse aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtetet. Es ist eine

eigene Sache, schon durch die Geburt auf einen erhabenen Platz in der

menschlichen Gesellschaft gesetzt zu sein. Wem ererbte Reichtümer

eine vollkommene Leichtigkeit des Daseins verschafft haben, wer sich,

wenn ich mich so ausdrücken darf, von allem Beiwesen der Menschheit

von Jugend auf reichlich umgeben findet, gewöhnt sich meist, diese

Güter als das Erste und Größte zu betrachten, und der Wert einer von

der Natur schön ausgestatteten Menschheit wird ihm nicht so deutlich.

Das Betragen der Vornehmen gegen Geringere und auch untereinander ist

nach äußern Vorzügen abgemessen; sie erlauben jedem, seinen Titel,

seinen Rang, seine Kleider und Equipage, nur nicht seine Verdienste

geltend zu machen."

Diesen Worten gab die Gesellschaft einen unmäßigen Beifall. Man fand

abscheulich, daß der Mann von Verdienst immer zurückstehen müsse und

daß in der großen Welt keine Spur von natürlichem und herzlichem

Umgang zu finden sei. Sie kamen besonders über diesen letzten Punkt

aus dem Hundertsten ins Tausendste.

"Scheltet sie nicht darüber", rief Wilhelm aus, "bedauert sie vielmehr!

Denn von jenem Glück, das wir als das höchste erkennen, das aus dem

innern Reichtum der Natur fließt, haben sie selten eine erhöhte

Empfindung. Nur uns Armen, die wir wenig oder nichts besitzen, ist es

gegönnt, das Glück der Freundschaft in reichem Maße zu genießen. Wir

können unsre Geliebten weder durch Gnade erheben, noch durch Gunst

befördern, noch durch Geschenke beglücken. Wir haben nichts als uns

selbst. Dieses ganze Selbst müssen wir hingeben und, wenn es einigen

Wert haben soll, dem Freunde das Gut auf ewig versichern. Welch ein

Genuß, welch ein Glück für den Geber und Empfänger! In welchen

seligen Zustand versetzt uns die Treue! Sie gibt dem vorübergehenden

Menschenleben eine himmlische Gewißheit; sie macht das Hauptkapital

unsers Reichtums aus."

Mignon hatte sich ihm unter diesen Worten genähert, schlang ihre

zarten Arme um ihn und blieb mit dem Köpfchen an seine Brust gelehnt

stehen. Er legte die Hand auf des Kindes Haupt und fuhr fort: "Wie

leicht wird es einem Großen, die Gemüter zu gewinnen! wie leicht

eignet er sich die Herzen zu! Ein gefälliges, bequemes, nur

einigermaßen menschliches Betragen tut Wunder, und wie viele Mittel

hat er, die einmal erworbenen Geister festzuhalten. Uns kommt alles

seltner, wird alles schwerer, und wie natürlich ist es, daß wir auf

das, was wir erwerben und leisten, einen größern Wert legen. Welche

rührenden Beispiele von treuen Dienern, die sich für ihre Herren

aufopferten! Wie schön hat uns Shakespeare solche geschildert! Die

Treue ist in diesem Falle ein Bestreben einer edlen Seele, einem

Größern gleich zu werden. Durch fortdauernde Anhänglichkeit und Liebe

wird der Diener seinem Herrn gleich, der ihn sonst nur als einen

bezahlten Sklaven anzusehen berechtigt ist. Ja, diese Tugenden sind

nur für den geringen Stand; er kann sie nicht entbehren, und sie

kleiden ihn schön. Wer sich leicht loskaufen kann, wird so leicht

versucht, sich auch der Erkenntlichkeit zu überheben. Ja, in diesem

Sinne glaube ich behaupten zu können, daß ein Großer wohl Freunde

haben, aber nicht Freund sein könne."

Mignon drückte sich immer fester an ihn.

"Nun gut", versetzte einer aus der Gesellschaft. "Wir brauchen ihre

Freundschaft nicht und haben sie niemals verlangt. Nur sollten sie

sich besser auf Künste verstehen, die sie doch beschützen wollen.

Wenn wir am besten gespielt haben, hat uns niemand zugehört: alles war

lauter Parteilichkeit. Wem man günstig war, der gefiel, und man war

dem nicht günstig, der zu gefallen verdiente. Es war nicht erlaubt,

wie oft das Alberne und Abgeschmackte Aufmerksamkeit und Beifall auf

sich zog."

"Wenn ich abrechne", versetzte Wilhelm, "was Schadenfreude und Ironie

gewesen sein mag, so denk ich, es geht in der Kunst wie in der Liebe.

Wie will der Weltmann bei seinem zerstreuten Leben die Innigkeit

erhalten, in der ein Künstler bleiben muß, wenn er etwas Vollkommenes

hervorzubringen denkt, und die selbst demjenigen nicht fremd sein darf,

der einen solchen Anteil am Werke nehmen will, wie der Künstler ihn

wünscht und hofft.

Glaubt mir, meine Freunde, es ist mit den Talenten wie mit der Tugend:

man muß sie um ihrer selbst willen lieben oder sie ganz aufgeben. Und

doch werden sie beide nicht anders erkannt und belohnt, als wenn man

sie gleich einem gefährlichen Geheimnis im verborgnen üben kann."

"Unterdessen, bis ein Kenner uns auffindet, kann man Hungers sterben",

rief einer aus der Ecke.

"Nicht eben sogleich", versetzte Wilhelm. "Ich habe gesehen, solange

einer lebt und sich rührt, findet er immer seine Nahrung, und wenn sie

auch gleich nicht die reichlichste ist. Und worüber habt ihr euch

denn zu beschweren? Sind wir nicht ganz unvermutet, eben da es mit

uns am schlimmsten aussah, gut aufgenommen und bewirtet worden? Und

jetzt, da es uns noch an nichts gebricht, fällt es uns denn ein, etwas

zu unserer übung zu tun und nur einigermaßen weiterzustreben? Wir

treiben fremde Dinge und entfernen, den Schulkindern ähnlich, alles,

was uns nur an unsre Lektion erinnern könnte."

"Wahrhaftig", sagte Philine, "es ist unverantwortlich! Laßt uns ein

Stück wählen; wir wollen es auf der Stelle spielen. Jeder muß sein

möglichstes tun, als wenn er vor dem größten Auditorium stünde."

Man überlegte nicht lange; das Stück ward bestimmt. Es war eines

derer, die damals in Deutschland großen Beifall fanden und nun

verschollen sind. Einige pfiffen eine Symphonie, jeder besann sich

schnell auf seine Rolle, man fing an und spielte mit der größten

Aufmerksamkeit das Stück durch, und wirklich über Erwartung gut. Man

applaudierte sich wechselsweise; man hatte sich selten so wohl

gehalten.

Als sie fertig waren, empfanden sie alle ein ausnehmendes Vergnügen,

teils über ihre wohlzugebrachte Zeit, teils weil jeder besonders mit

sich zufrieden sein konnte. Wilhelm ließ sich weitläufig zu ihrem

Lobe heraus, und ihre Unterhaltung war heiter und fröhlich.

"Ihr solltet sehen", rief unser Freund, "wie weit wir kommen müßten,

wenn wir unsre übungen auf diese Art fortsetzten und nicht bloß auf

Auswendiglernen, Probieren und Spielen uns mechanisch pflicht- und

handwerksmäßig einschränkten. Wieviel mehr Lob verdienen die

Tonkünstler, wie sehr ergötzen sie sich, wie genau sind sie, wenn sie

gemeinschaftlich ihre übungen vornehmem Wie sind sie bemüht, ihre

Instrumente übereinzustimmen, wie genau halten sie Takt, wie zart

wissen sie die Stärke und Schwäche des Tons auszudrücken! Keinem

fällt es ein, sich bei dem Solo eines andern durch ein vorlautes

Akkompagnieren Ehre zu machen. Jeder sucht in dem Geist und Sinne des

Komponisten zu spielen und jeder das, was ihm aufgetragen ist, es mag

viel oder wenig sein, gut auszudrücken. Sollten wir nicht ebenso

genau und ebenso geistreich zu Werke gehen, da wir eine Kunst treiben,

die noch viel zarter als jede Art von Musik ist, da wir die

gewöhnlichsten und seltensten äußerungen der Menschheit geschmackvoll

und ergötzend darzustellen berufen sind? Kann etwas abscheulicher

sein, als in den Proben zu sudeln und sich bei der Vorstellung auf

Laune und gut Glück zu verlassen? Wir sollten unser größtes Glück und

Vergnügen dareinsetzen, miteinander übereinzustimmen, um uns

wechselsweise zu gefallen, und auch nur insofern den Beifall des

Publikums zu schätzen, als wir ihn uns gleichsam untereinander schon

selbst garantiert hätten. Warum ist der Kapellmeister seines

Orchesters gewisser als der Direktor seines Schauspiels? Weil dort

jeder sich seines Mißgriffs, der das äußere Ohr beleidigt, schämen muß;

aber wie selten hab ich einen Schauspieler verzeihliche und

unverzeihliche Mißgriffe, durch die das innere Ohr so schnöde

beleidigt wird, anerkennen und sich ihrer schämen sehen! Ich wünschte

nur, daß das Theater so schmal wäre als der Draht eines Seiltänzers,

damit sich kein Ungeschickter hinaufwagte, anstatt daß jetzo ein jeder

sich Fähigkeit genug fühlt, darauf zu paradieren."

Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, indem jeder überzeugt

war, daß nicht von ihm die Rede sein könne, da er sich noch vor kurzem

nebst den übrigen so gut gehalten. Man kam vielmehr überein, daß man

in dem Sinne, wie man angefangen, auf dieser Reise und künftig, wenn

man zusammen bliebe, eine gesellige Bearbeitung wolle obwalten lassen.

Man fand nur, daß, weil dieses eine Sache der guten Laune und des

freien Willens sei, so müsse sich eigentlich kein Direktor

dareinmischen. Man nahm als ausgemacht an, daß unter guten Menschen

die republikanische Form die beste sei; man behauptete, das Amt eines

Direktors müsse herumgehen; er müsse von allen gewählt werden und eine

Art von kleinem Senat ihm jederzeit beigesetzt bleiben. Sie waren so

von diesem Gedanken eingenommen, daß sie wünschten, ihn gleich ins

Werk zu richten.

"Ich habe nichts dagegen", sagte Melina, "wenn ihr auf der Reise einen

solchen Versuch machen wollt; ich suspendiere meine Direktorschaft

gern, bis wir wieder an Ort und Stelle kommen." Er hoffte dabei zu

sparen und manche Ausgaben der kleinen Republik oder dem

Interimsdirektor aufzuwälzen. Nun ging man sehr lebhaft zu Rate, wie

man die Form des neuen Staates aufs beste einrichten wolle.

"Es ist ein wanderndes Reich", sagte Laertes; "wir werden wenigstens

keine Grenzstreitigkeiten haben."

Man schritt sogleich zur Sache und erwählte Wilhelmen zum ersten

Direktor. Der Senat ward bestellt, die Frauen erhielten Sitz und

Stimme, man schlug Gesetze vor, man verwarf, man genehmigte. Die Zeit

ging unvermerkt unter diesem Spiele vorüber, und weil man sie angenehm

zubrachte, glaubte man auch wirklich etwas Nützliches getan und durch

die neue Form eine neue Aussicht für die vaterländische Bühne eröffnet

zu haben.

IV. Buch, 3. Kapitel

Drittes Kapitel

Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesellschaft in so guter Disposition

sah, sich auch mit ihr über das dichterische Verdienst der Stücke

unterhalten zu können. "Es ist nicht genug", sagte er zu ihnen, als

sie des andern Tages wieder zusammenkamen, "daß der Schauspieler ein

Stück nur so obenhin ansehe, dasselbe nach dem ersten Eindruck

beurteile und ohne Prüfung sein Gefallen oder Mißfallen daran zu

erkennen gebe. Dies ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der gerührt und

unterhalten sein, aber eigentlich nicht urteilen will. Der

Schauspieler dagegen soll von dem Stücke und von den Ursachen seines

Lobes und Tadels Rechenschaft geben können: und wie will er das, wenn

er nicht in den Sinn seines Autors, wenn er nicht in die Absichten

desselben einzudringen versteht? Ich habe den Fehler, ein Stück aus

einer Rolle zu beurteilen, eine Rolle nur an sich und nicht im

Zusammenhange mit dem Stück zu betrachten, an mir selbst in diesen

Tagen so lebhaft bemerkt, daß ich euch das Beispiel erzählen will,

wenn ihr mir ein geneigtes Gehör gönnen wollt.

Ihr kennt Shakespeares unvergleichlichen "Hamlet" aus einer Vorlesung,

die euch schon auf dem Schlosse das größte Vergnügen machte. Wir

setzten uns vor, das Stück zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen,

was ich tat, die Rolle des Prinzen übernommen; ich glaubte sie zu

studieren, indem ich anfing, die stärksten Stellen, die

Selbstgespräche und jene Auftritte zu memorieren, in denen Kraft der

Seele, Erhebung des Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum haben,

wo das bewegte Gemüt sich in einem gefühlvollen Ausdrucke zeigen kann.

Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen, wenn ich

die Last der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich nähme und

unter diesem Druck meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrinth so

mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte

ich, und so übte ich mich und glaubte nach und nach mit meinem Helden

zu einer Person zu werden.

Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des

Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmöglich, zu einer übersicht zu

gelangen. Nun ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge

durch, und auch da wollte mir leider manches nicht passen. Bald

schienen sich die Charaktere, bald der Ausdruck zu widersprechen, und

ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze

Rolle mit allen Abweichungen und Schattierungen vortragen könnte. In

diesen Irrgängen bemühte ich mich lange vergebens, bis ich mich

endlich auf einem ganz besondern Wege meinem Ziele zu nähern hoffte.

Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter Hamlets in früher

Zeit vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhängig

von dieser traurigen Begebenheit, unabhängig von den nachfolgenden

schrecklichen Ereignissen dieser interessante Jüngling gewesen war und

was er ohne sie vielleicht geworden wäre.

Zart und edel entsprossen, wuchs die königliche Blume unter den

unmittelbaren Einflüssen der Majestät hervor; der Begriff des Rechts

und der fürstlichen Würde, das Gefühl des Guten und Anständigen mit

dem Bewußtsein der Höhe seiner Geburt entwickelten sich zugleich in

ihm. Er war ein Fürst, ein geborner Fürst, und wünschte zu regieren,

nur damit der Gute ungehindert gut sein möchte. Angenehm von Gestalt,

gesittet von Natur, gefällig von Herzen aus, sollte er das Muster der

Jugend sein und die Freude der Welt werden.

Ohne irgendeine hervorstechende Leidenschaft war seine Liebe zu

Ophelien ein stilles Vorgefühl süßer Bedürfnisse; sein Eifer zu

ritterlichen übungen war nicht ganz original; vielmehr mußte diese

Lust durch das Lob, das man dem Dritten beilegte, geschärft und erhöht

werden; rein fühlend, kannte er die Redlichen und wußte die Ruhe zu

schätzen, die ein aufrichtiges Gemüt an dem offnen Busen eines

Freundes genießt. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in Künsten und

Wissenschaften das Gute und Schöne erkennen und würdigen gelernt; das

Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Haß

aufkeimen konnte, so war es nur ebenso viel, als nötig ist, um

bewegliche und falsche Höflinge zu verachten und spöttisch mit ihnen

zu spielen. Er war gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen

einfach, weder im Müßiggange behaglich noch allzu begierig nach

Beschäftigung. Ein akademisches Hinschlendern schien er auch bei Hofe

fortzusetzen. Er besaß mehr Fröhlichkeit der Laune als des Herzens,

war ein guter Gesellschafter, nachgiebig, bescheiden, besorgt, und

konnte eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber niemals konnte er

sich mit dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten, des Guten, des

Anständigen überschritt.

Wenn wir das Stück wieder zusammen lesen werden, könnt ihr beurteilen,

ob ich auf dem rechten Wege bin. Wenigstens hoffe ich meine Meinung

durchaus mit Stellen belegen zu können."

Man gab der Schilderung lauten Beifall; man glaubte vorauszusehen, daß

sich nun die Handelsweise Hamlets gar gut werde erklären lassen; man

freute sich über diese Art, in den Geist des Schriftstellers

einzudringen. Jeder nahm sich vor, auch irgendein Stück auf diese Art

zu studieren und den Sinn des Verfassers zu entwickeln.

IV. Buch, 4. Kapitel

Viertes Kapitel

Nur einige Tage mußte die Gesellschaft an dem Orte liegenbleiben, und

sogleich zeigten sich für verschiedene Glieder derselben nicht

unangenehme Abenteuer, besonders aber ward Laertes von einer Dame

angereizt, die in der Nachbarschaft ein Gut hatte, gegen die er sich

aber äußerst kalt, ja unartig betrug und darüber von Philinen viele

Spöttereien erdulden mußte. Sie ergriff die Gelegenheit, unserm

Freund die unglückliche Liebesgeschichte zu erzählen, über die der

arme Jüngling dem ganzen weiblichen Geschlechte feind geworden war.

"Wer wird ihm übelnehmen", rief sie aus, "daß er ein Geschlecht haßt,

das ihm so übel mitgespielt hat und ihm alle übel, die sonst Männer

von Weibern zu befürchten haben, in einem sehr konzentrierten Tranke

zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen vierundzwanzig

Stunden war er Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrei, Patient und

Witwer! Ich wüßte nicht, wie man's einem ärger machen wollte."

Laertes lief halb lachend, halb verdrießlich zur Stube hinaus, und

Philine fing in ihrer allerliebsten Art die Geschichte zu erzählen an,

wie Laertes als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bei

einer Theatergesellschaft eingetroffen, ein schönes vierzehnjähriges

Mädchen gefunden, die eben mit ihrem Vater, der sich mit dem Direktor

entzweiet, abzureisen willens gewesen. Er habe sich aus dem Stegreife

sterblich verliebt, dem Vater alle möglichen Vorstellungen getan zu

bleiben und endlich versprochen, das Mädchen zu heiraten. Nach

einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sei er getraut worden,

habe eine glückliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf habe ihn

seine Frau des andern Morgens, als er in der Probe gewesen, nach

Standesgebühr mit einem Hörnerschmuck beehrt; weil er aber aus

allzugroßer Zärtlichkeit viel zu früh nach Hause geeilt, habe er

leider einen ältern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, habe mit

unsinniger Leidenschaft dreingeschlagen, Liebhaber und Vater

herausgefordert und sei mit einer leidlichen Wunde davongekommen.

Vater und Tochter seien darauf noch in der Nacht abgereist, und er sei

leider auf eine doppelte Weise verwundet zurückgeblieben. Sein

Unglück habe ihn zu dem schlechtesten Feldscher von der Welt geführt,

und der Arme sei leider mit schwarzen Zähnen und triefenden Augen aus

diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu bedauern, weil er übrigens der

bravste Junge sei, den Gottes Erdboden trüge. "Besonders", sagte sie,

"tut es mir leid, daß der arme Narr nun die Weiber haßt: denn wer die

Weiber haßt, wie kann der leben?"

Melina unterbrach sie mit der Nachricht, daß alles zum Transport

völlig bereit sei und daß sie morgen früh abfahren könnten. Er

überreichte ihnen eine Disposition, wie sie fahren sollten.

"Wenn mich ein guter Freund auf den Schoß nimmt", sagte Philine, "so

bin ich zufrieden, daß wir eng und erbärmlich sitzen; übrigens ist mir

alles einerlei."

"Es tut nichts", sagte Laertes, der auch herbeikam.

"Es ist verdrießlich!" sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand für sein

Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine

andere Einteilung ward gemacht, und man freute sich, bequem abreisen

zu können, als die bedenkliche Nachricht einlief: daß auf dem Wege,

den sie nehmen wollten, sich ein Freikorps sehen lasse, von dem man

nicht viel Gutes erwartete.

An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie

gleich nur schwankend und zweideutig war. Nach der Stellung der

Armeen schien es unmöglich, daß ein feindliches Korps sich habe

durchschleichen oder daß ein freundliches so weit habe zurückbleiben

können. Jedermann war eifrig, unsrer Gesellschaft die Gefahr, die auf

sie wartete, recht gefährlich zu beschreiben und ihr einen andern Weg

anzuraten.

Die meisten waren darüber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach

der neuen republikanischen Form die sämtlichen Glieder des Staats

zusammengerufen wurden, um über diesen außerordentlichen Fall zu

beratschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, daß man das übel

vermeiden und am Orte bleiben oder ihm ausweichen und einen andern Weg

erwählen müsse.

Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt für schimpflich,

einen Plan, in den man mit so viel überlegung eingegangen war, nunmehr

auf ein bloßes Gerücht aufzugeben. Er sprach ihnen Mut ein, und seine

Gründe waren männlich und überzeugend.

"Noch", sagte er, "ist es nichts als ein Gerücht, und wie viele

dergleichen entstehen im Kriege! Verständige Leute sagen, daß der

Fall höchst unwahrscheinlich, ja beinah unmöglich sei. Sollten wir

uns in einer so wichtigen Sache bloß durch ein so ungewisses Gerede

bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr Graf angegeben hat,

auf die unser Paß lautet, ist die kürzeste, und wir finden auf

selbiger den besten Weg. Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr

Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu

hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche

schlimmen Wege verwickelt er uns, wie weit führt er uns ab! Können

wir Hoffnung haben, uns in der späten Jahrszeit wieder herauszufinden,

und was für Zeit und Geld werden wir indessen versplittern!" Er sagte

noch viel und trug die Sache von so mancherlei vorteilhaften Seiten

vor, daß ihre Furcht sich verringerte und ihr Mut zunahm. Er wußte

ihnen so viel von der Mannszucht der regelmäßigen Truppen vorzusagen

und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so nichtswürdig

zu schildern und selbst die Gefahr so lieblich und lustig darzustellen,

daß alle Gemüter aufgeheitert wurden.

Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite und versicherte, daß

er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand wenigstens

einige übereinstimmende Ausdrücke in seiner Manier, Philine lachte sie

alle zusammen aus, und da Madame Melina, die, ihrer hohen

Schwangerschaft ungeachtet, ihre natürliche Herzhaftigkeit nicht

verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand, so konnte Melina, der

denn freilich auf dem nächsten Wege, auf den er akkordiert hatte, viel

zu sparen hoffte, nicht widerstehen, und man willigte in den Vorschlag

von ganzem Herzen.

Nun fing man an, sich auf alle Fälle zur Verteidigung einzurichten.

Man kaufte große Hirschfänger und hing sie an wohlgestickten Riemen

über die Schultern. Wilhelm steckte noch überdies ein Paar Terzerole

in den Gürtel; Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bei sich, und

man machte sich mit einer hohen Freudigkeit auf den Weg.

Den zweiten Tag schlugen die Fuhrleute, die der Gegend wohl kundig

waren, vor: sie wollten auf einem waldigen Bergplatze Mittagsruhe

halten, weil das Dorf weit abgelegen sei und man bei guten Tagen gern

diesen Weg nähme.

Die Witterung war schön, und jedermann stimmte leicht in den Vorschlag

ein. Wilhelm eilte zu Fuß durch das Gebirge voraus, und über seine

sonderbare Gestalt mußte jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. Er

eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den Wald hinauf, Laertes

pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen ließen sich in den Wagen

fortschleppen. Mignon lief gleichfalls nebenher, stolz auf den

Hirschfänger, den man ihr, als die Gesellschaft sich bewaffnete, nicht

abschlagen konnte. Um ihren Hut hatte sie die Perlenschnur gewunden,

die Wilhelm von Marianens Reliquien übrigbehalten hatte. Friedrich

der Blonde trug die Flinte des Laertes, der Harfner hatte das

friedlichste Ansehen. Sein langes Kleid war in den Gürtel gesteckt,

und so ging er freier. Er stützte sich auf einen knotigen Stab, sein

Instrument war bei den Wagen zurückgeblieben.

Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwerlichkeit die Höhe erstiegen,

erkannten sie sogleich den angezeigten Platz an den schönen Buchen,

die ihn umgaben und bedeckten. Eine große, sanft abhängige Waldwiese

lud zum Bleiben ein; eine eingefaßte Quelle bot die lieblichste

Erquickung dar, und es zeigte sich an der andern Seite durch

Schluchten und Waldrücken eine ferne, schöne und hoffnungsvolle

Aussicht. Da lagen Dörfer und Mühlen in den Gründen, Städtchen in der

Ebene, und neue, in der Ferne eintretende Berge machten die Aussicht

noch hoffnungsvoller, indem sie nur wie eine sanfte Beschränkung

hereintraten.

Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der Gegend, ruhten im

Schatten aus, machten ein Feuer an und erwarteten geschäftig, singend

die übrige Gesellschaft, welche nach und nach herbeikam und den Platz,

das schöne Wetter, die unaussprechlich schöne Gegend mit einem Munde

begrüßte.

IV. Buch, 5. Kapitel

Fünftes Kapitel

Hatte man oft zwischen vier Wänden gute und fröhliche Stunden zusammen

genossen, so war man natürlich noch viel aufgeweckter hier, wo die

Freiheit des Himmels und die Schönheit der Gegend jedes Gemüt zu

reinigen schien. Alle fühlten sich einander näher, alle wünschten in

einem so angenehmen Aufenthalt ihr ganzes Leben hinzubringen. Man

beneidete die Jäger, Köhler und Holzhauer, Leute, die ihr Beruf in

diesen glücklichen Wohnplätzen festhält; über alles aber pries man die

reizende Wirtschaft eines Zigeunerhaufens. Man beneidete die

wunderlichen Gesellen, die in seligem Müßiggange alle abenteuerlichen

Reize der Natur zu genießen berechtigt sind; man freute sich, ihnen

einigermaßen ähnlich zu sein.

Indessen hatten die Frauen angefangen, Erdäpfel zu sieden und die

mitgebrachten Speisen auszupacken und zu bereiten. Einige Töpfe

standen beim Feuer, gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter

den Bäumen und Büschen. Ihre seltsamen Kleidungen und die mancherlei

Waffen gaben ihr ein fremdes Ansehen. Die Pferde wurden beiseite

gefüttert, und wenn man die Kutschen hätte verstecken wollen, so wäre

der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion romantisch gewesen.

Wilhelm genoß ein nie gefühltes Vergnügen. Er konnte hier eine

wandernde Kolonie und sich als Anführer derselben denken. In diesem

Sinne unterhielt er sich mit einem jeden und bildete den Wahn des

Moments so poetisch als möglich aus. Die Gefühle der Gesellschaft

erhöhten sich; man aß, trank und jubilierte und bekannte wiederholt,

niemals schönere Augenblicke erlebt zu haben.

Nicht lange hatte das Vergnügen zugenommen, als bei den jungen Leuten

die Tätigkeit erwachte. Wilhelm und Laertes griffen zu den Rapieren

und fingen diesmal in theatralischer Absicht ihre übungen an. Sie

wollten den Zweikampf darstellen, in welchem Hamlet und sein Gegner

ein so tragisches Ende nehmen. Beide Freunde waren überzeugt, daß man

in dieser wichtigen Szene nicht, wie es wohl auf Theatern zu geschehen

pflegt, nur ungeschickt hin und wider stoßen dürfe: sie hofften ein

Muster darzustellen, wie man bei der Aufführung auch dem Kenner der

Fechtkunst ein würdiges Schauspiel zu geben habe. Man schloß einen

Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und Einsicht, das Interesse

der Zuschauer wuchs mit jedem Gange.

Auf einmal aber fiel im nächsten Busche ein Schuß und gleich darauf

noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald

erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die

Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.

Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsre

Helden warfen die Rapiere weg, griffen nach den Pistolen, eilten den

Räubern entgegen und forderten unter lebhaften Drohungen Rechenschaft

des Unternehmens.

Als man ihnen lakonisch mit ein paar Musketenschüssen antwortete,

drückte Wilhelm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen

erstiegen hatte und die Stricke des Gepäckes auseinanderschnitt.

Wohlgetroffen stürzte er sogleich herunter; Laertes hatte auch nicht

fehlgeschossen, und beide Freunde zogen beherzt ihre Seitengewehre,

als ein Teil der räuberischen Bande mit Fluchen und Gebrüll auf sie

losbrach, einige Schüsse auf sie tat und sich mit blinkenden Säbeln

ihrer Kühnheit entgegensetzte. Unsre jungen Helden hielten sich

tapfer; sie riefen ihren übrigen Gesellen zu und munterten sie zu

einer allgemeinen Verteidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den

Anblick des Lichtes und das Bewußtsein dessen, was vorging. Von einem

Schuß, der ihn zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete, von

einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete und fast bis auf die Hirnschale

durchdrang, betäubt, fiel er nieder und mußte das unglückliche Ende

des überfalls nur erst in der Folge aus der Erzählung vernehmen.

Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich in der wunderbarsten

Lage. Das erste, was ihm durch die Dämmerung, die noch vor seinen

Augen lag, entgegenblickte, war das Gesicht Philinens, das sich über

das seine herüberneigte. Er fühlte sich schwach, und da er, um sich

emporzurichten, eine Bewegung machte, fand er sich in Philinens Schoß,

in den er auch wieder zurücksank. Sie saß auf dem Rasen, hatte den

Kopf des vor ihr ausgestreckten Jünglings leise an sich gedrückt und

ihm in ihren Armen, soviel sie konnte, ein sanftes Lager bereitet.

Mignon kniete mit zerstreuten, blutigen Haaren an seinen Füßen und

umfaßte sie mit vielen Tränen.

Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte er mit gebrochener

Stimme, wo er sich befinde, was ihm und den andern begegnet sei.

Philine bat ihn, ruhigzubleiben; die übrigen, sagte sie, seien alle in

Sicherheit und niemand als er und Laertes verwundet. Weiter wollte

sie nichts erzählen und bat ihn inständig, er möchte sich ruhighalten,

weil seine Wunden nur schlecht und in der Eile verbunden seien. Er

reichte Mignon die Hand und erkundigte sich nach der Ursache der

blutigen Locken des Kindes, das er auch verwundet glaubte.

Um ihn zu beruhigen, erzählte Philine: dieses gutherzige Geschöpf, da

es seinen Freund verwundet gesehen, habe sich in der Geschwindigkeit

auf nichts besonnen, um das Blut zu stillen, es habe seine eigenen

Haare, die um den Kopf geflogen, genommen, um die Wunden zu stopfen,

habe aber bald von dem vergeblichen Unternehmen abstehen müssen.

Nachher verband man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte dazu ihr

Halstuch hergegeben.

Wilhelm bemerkte, daß Philine mit dem Rücken gegen ihren Koffer saß,

der noch ganz wohl verschlossen und unbeschädigt aussah. Er fragte,

ob die andern auch so glücklich gewesen, ihre Habseligkeiten zu retten.

Sie antwortete mit Achselzucken und einem Blick auf die Wiese, wo

zerbrochene Kasten, zerschlagene Koffer, zerschnittene Mantelsäcke und

eine Menge kleiner Gerätschaften zerstreut hin und wieder lagen. Kein

Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die wunderliche Gruppe fand

sich in dieser Einsamkeit allein.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4 · 第 1 / 6 段