So war sie auch des Tages unermüdet an den Stellen, wo das kiesige

Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein Körbchen alle Knochen,

die sie fand. Niemand durfte ihr sagen, daß es Tierknochen seien; die

großen begrub sie, die kleinen hub sie auf. In dieser Beschäftigung

lebte sie unablässig fort. Der Geistliche, der durch die unerläßliche

Ausübung seiner Pflicht ihren Zustand verursacht hatte, nahm sich auch

ihrer nun aus allen Kräften an. Durch seinen Einfluß ward sie in der

Gegend für eine Entzückte, nicht für eine Verrückte gehalten; man

stand mit gefalteten Händen, wenn sie vorbeiging, und die Kinder

küßten ihr die Hand.

Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die

Schuld, die sie bei der unglücklichen Verbindung beider Personen

gehabt haben mochte, nur unter der Bedingung erlassen, daß sie

unablässig treu ihr ganzes künftiges Leben die Unglückliche begleiten

solle, und sie hat mit einer bewundernswürdigen Geduld und

Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausgeübt.

Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren;

weder die ärzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns

erlauben, vor ihm zu erscheinen; allein um uns zu überzeugen, daß es

ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir ihn, sooft wir wollten, in

dem Garten, in den Kreuzgängen, ja durch ein Fenster an der Decke

seines Zimmers belauschen.

Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich übergehe,

war er in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe

des Körpers geraten. Er saß fast niemals, als wenn er seine Harfe

nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens mit Gesang begleitete.

übrigens war er immer in Bewegung und in allem äußerst lenksam und

folgsam, denn alle seine Leidenschaften schienen sich in der einzigen

Furcht des Todes aufgelöst zu haben. Man konnte ihn zu allem in der

Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefährlichen Krankheit oder mit

dem Tode drohte.

Außer dieser Sonderbarkeit, daß er unermüdet im Kloster hin und her

ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, daß es noch besser sein

würde, über Berg und Täler so zu wandeln, sprach er auch von einer

Erscheinung, die ihn gewöhnlich ängstigte. Er behauptete nämlich, daß

bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der Nacht ein schöner Knabe unten

an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken Messer drohe. Man

versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete, auch da und

zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im

Hinterhalt. Sein Auf- und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte

sich nachher, daß er in der Zeit öfter als sonst an dem Fenster

gestanden und über den See hinübergesehen habe.

Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von

der beschränkten Beschäftigung nach und nach aufgerieben zu werden,

und unser Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre

übrigen Gebeine die Knochen eines Kinderskeletts mischen, um dadurch

ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch war zweifelhaft, doch schien

wenigstens so viel dabei gewonnen, daß man sie, wenn alle Teile

beisammen wären, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu einer

Reise nach Rom Hoffnung machen könnte.

Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr

anvertrauten kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche

Wonne verbreitete sich über die arme Kranke, als die Teile sich nach

und nach zusammenfanden und man diejenigen bezeichnen konnte, die noch

fehlten. Sie hatte mit großer Sorgfalt jeden Teil, wo er hingehörte,

mit Fäden und Bändern befestigt; sie hatte, wie man die Körper der

Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die Zwischenräume

ausgefüllt.

So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige

der äußeren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief und der

Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die

verehrten Reste aus dem Kästchen weg, das in der Schlafkammer stand,

um dem Arzte zu zeigen, wie sich die gute Kranke beschäftige. Kurz

darauf hörte man sie aus dem Bette springen, sie hob das Tuch auf und

fand das Kästchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie; man kam und

hörte ihr freudiges, inbrünstiges Gebet. "Ja! es ist wahr!" rief sie

aus, "es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine Freunde,

mit mir! Ich habe das gute, schöne Geschöpf wieder lebendig gesehen.

Es stand auf und warf den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete

das Zimmer, seine Schönheit war verklärt, es konnte den Boden nicht

betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es emporgehoben und konnte

mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich und

zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und

bald folgen, ich fühl es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein

Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen meines

Wiederauferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen Freude

gegeben."

Von der Zeit an war ihr ganzes Gemüt mit den heitersten Aussichten

beschäftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre

Aufmerksamkeit mehr, sie genoß nur wenige Speisen, und ihr Geist

machte sich nach und nach von den Banden des Körpers los. Auch fand

man sie zuletzt unvermutet erblaßt und ohne Empfindung, sie öffnete

die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.

Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und

das ehrwürdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoß, verwandelte sich

nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, daß man sie sogleich für

selig, ja für heilig halten müsse.

Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drängten sich viele Menschen

mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte

wenigstens ihr Kleid berühren. In dieser leidenschaftlichen Erhöhung

fühlten verschiedene Kranke die übel nicht, von denen sie sonst

gequält wurden, sie hielten sich für geheilt, sie bekannten's, sie

priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war genötigt,

den Körper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte Gelegenheit,

seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich; die

Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiösen Gefühlen gestimmt

sind, drangen aus ihren Tälern herbei; die Andacht, die Wunder, die

Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischöflichen

Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst einschränken und nach und

nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur Ausführung gebracht

werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig und gegen jeden

Ungläubigen bereit, in Tätlichkeiten auszubrechen. "Wandelte nicht

auch", riefen sie, "der heilige Borromäus unter unsern Vorfahren?

Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man

nicht durch jenes große Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine

geistige Größe sinnlich vergegenwärtigen wollen? Leben die Seinigen

nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem

gläubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?"

Als der Körper nach einigen Tagen keine Zeichen der Fäulnis von sich

gab und eher weißer und gleichsam durchsichtig ward, erhöhte sich das

Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge

verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht

erklären und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die

ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hörte

wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.

Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die

übrige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in

acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts

aufzumerken pflegte und sein Verhältnis niemanden bekannt war.

Diesmal schien er aber mit großer Genauigkeit gehört zu haben; er

führte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, daß niemals jemand hat

begreifen können, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man

erfuhr nachher, daß er sich mit einer Anzahl Wallfahrer übersetzen

lassen und daß er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm

wahrnahmen, nur um die größte Sorgfalt gebeten, daß das Schiff nicht

umschlagen möchte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine

unglückliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenig Andächtige

knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin saß zu ihren Häupten, er

trat hinzu und grüßte sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin befände.

"Ihr seht es", versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte

den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre

Hand. Erschreckt von der Kälte, ließ er sie sogleich wieder fahren,

er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: "Ich kann jetzt nicht

bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich

will aber zur rechten Zeit schon wieder dasein; sag ihr das, wenn sie

aufwacht."

So ging er hinweg, wir wurden nur spät von diesem Vorgange

benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber

vergebens! Wie er sich durch Berge und Täler durchgearbeitet haben

mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in

Graubünden eine Spur von ihm wieder, allein zu spät, und sie verlor

sich bald. Wir vermuteten, daß er nach Deutschland sei, allein der

Krieg hatte solche schwache Fußtapfen gänzlich verwischt."

VIII. Buch, 10. Kapitel--1

Zehntes Kapitel

Der Abbe hörte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tränen zugehört.

Die Gräfin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf

und verließ mit Natalien das Zimmer. Die übrigen schwiegen, und der

Abbe sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese

soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer

zweifelt wohl einen Augenblick daran, daß Augustin und unser

Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu überlegen, was wir tun,

sowohl um des unglücklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat

wäre, nichts zu übereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben

von dort zurückerwarten, für Nachrichten bringt."

Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: "Eine andere

Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit.

Der Marchese ist unglaublich gerührt über die Gastfreundschaft, die

seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde,

gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umständlich, ja

wiederholt erzählen müssen, und er zeigte seine lebhafteste

Dankbarkeit. "Der junge Mann", sagte er, "hat ausgeschlagen, mit mir

zu reisen, ehe er das Verhältnis kannte, das unter uns besteht. Ich

bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen

Laune er etwa nicht gewiß wäre; ich bin sein Verbundener, wenn Sie

wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zurücklassen

wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu

gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schönern Bande werden,

das uns nur desto fester aneinanderknüpft. über die Verbindlichkeit,

die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nützlich, er

kehre mit mir zurück, mein älterer Bruder wird ihn mit Freuden

empfangen, er verschmähe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht: denn

nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das

Vermögen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns

zurückgefallen, und wir wollen dem Wohltäter unserer Nichte gewiß das

nicht vorenthalten, was er verdient hat.""

Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals

hier so einen schönen Fall, daß uneigennütziges Wohltun die höchsten

und schönsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und

indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie

einem schönen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz

mehr als einmal an sich gezogen hat."

"Ich überlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Führung", sagte

Wilhelm; "es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu

streben. Was ich festzuhalten wünschte, muß ich fahrenlassen, und

eine unverdiente Wohltat drängt sich mir auf."

Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los.

"Ich überlasse Ihnen ganz", sagte er zu dem Abbe, "was Sie über mich

beschließen; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so

bin ich zufrieden, überall hinzugehn und alles, was man für recht hält,

zu unternehmen."

Auf diese Erklärung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle,

sagte er, den Marchese abreisen lassen; Wilhelm solle die Nachricht

des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man überlegt habe, was zu tun

sei, könne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den

Marchese unter einem Vorwand, daß die Einrichtungen des jungen

Freundes zur Reise ihn nicht abhalten müßten, die Merkwürdigkeiten der

Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne

wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die

Geschenke, die er zurückließ und die aus Juwelen, geschnittenen

Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis

gaben.

Wilhelm war nun auch völlig reisefertig, und man war um so mehr

verlegen, daß keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man

befürchtete, dem armen Harfenspieler möchte ein Unglück begegnet sein,

zu ebender Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen bessern

Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum

weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat,

dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und

den niemand kannte. Beide Ankömmlinge schwiegen eine Zeitlang still;

endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und

sagte: "Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?" Es war die Stimme

des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur

übriggeblieben zu sein. Er war in der gewöhnlichen Tracht eines

Reisenden, reinlich und anständig gekleidet, sein Bart war

verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn

eigentlich ganz unkenntlich machte, war, daß an seinem bedeutenden

Gesichte die Züge des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte

ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und

betrug sich sehr vernünftig und wußte nicht, wie bekannt er der

Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. "Sie werden Geduld mit

einem Menschen haben", fuhr er mit großer Gelassenheit fort, "der, so

erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein

unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich

schuldig, daß ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft erscheinen

kann."

Man hieß ihn willkommen, und der Arzt veranlaßte sogleich einen

Spaziergang, um das Gespräch abzubrechen und ins Gleichgültige zu

lenken.

Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklärung: "Die Genesung

dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall geglückt. Wir

hatten ihn lange nach unserer überzeugung moralisch und physisch

behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein

die Todesfurcht war noch immer groß bei ihm, und seinen Bart und sein

langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; übrigens nahm er mehr teil

an den weltlichen Dingen, und seine Gesänge schienen wie seine

Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu nähern. Sie wissen, welch

ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam,

ich fand unsern Mann ganz verändert, er hatte freiwillig seinen Bart

hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form

zuzuschneiden, er verlangte gewöhnliche Kleider und schien auf einmal

ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache

dieser Verwandlung zu ergründen, und wagten doch nicht, uns mit ihm

selbst darüber einzulassen; endlich entdeckten wir zufällig die

sonderbare Bewandtnis. Ein Glas flüssiges Opium fehlte in der

Hausapotheke des Geistlichen, man hielt für nötig, die strengste

Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu

erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat

dieser Mann auf und gestand, daß er es besitze; man fragte ihn, ob er

davon genommen habe. Er sagte nein, fuhr aber fort: "Ich danke diesem

Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hängt von euch ab, mir

dieses Fläschchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in

meinen alten Zustand wieder zurückfallen sehen. Das Gefühl, daß es

wünschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu

sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf

entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und

ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Möglichkeit, sogleich

die großen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die Schmerzen

zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, mich

durch die Nähe des Todes wieder in das Leben zurückgedrängt. Sorgt

nicht", sagte er, "daß ich Gebrauch davon mache, sondern entschließt

euch, als Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die

Unabhängigkeit vom Leben zugesteht, erst vom Leben recht abhängig zu

machen." Nach reiflicher überlegung drangen wir nicht weiter in ihn,

und er führt nun in einem festen, geschliffnen Glasfläschchen dieses

Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich."

Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war,

und man beschloß, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu

beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu

lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.

Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese

vollenden. Schien es möglich, Augustinen eine Neigung zu seinem

Vaterlande wieder einzuflößen, so wollte man seinen Verwandten den

Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zuführen.

Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es

im Anfang wunderbar schien, daß Augustin sich freute, als er vernahm,

wie sein alter Freund und Wohltäter sich sogleich wieder entfernen

sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen

Gemütsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix

hatte, nicht überwinden und wünschte den Knaben je eher je lieber

entfernt zu sehen.

Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, daß man sie im

Schloß und in den Seitengebäuden kaum alle unterbringen konnte, um so

mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gäste die

Einrichtung gemacht hatte. Man frühstückte, man speiste zusammen und

hätte sich gern beredet, man lebe in einer vergnüglichen

übereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gemüter sich

gewissermaßen auseinandersehnten. Therese war manchmal mit Lothario,

noch öfter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon

alle Landwirte und Landwirtinnen kennenlernen; es war ihr

Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, daß man mit

Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in einem

ewigen Gefälligkeitswechsel stehen müsse. Von einer Verbindung

zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein, die

beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den

Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt öftere

Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war überall,

wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare

auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie

zusammen sein mußten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik,

um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.

Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin

abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen

weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen

entgegen, und als der Ankommende fragte, was er für Gesellschaft finde,

so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer

ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: "Sie finden den ganzen Adel

der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat

nur noch an einem Grafen gefehlt." So ging man die Treppe hinauf, und

Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. "Mylord!"

sagte der Graf zu ihm auf Französisch, nachdem er ihn einen

Augenblick betrachtet hatte, "ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft

unvermutet zu erneuern; denn ich müßte mich sehr irren, wenn ich Sie

nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben.

"--"Ich hatte das Glück, Euer Exzellenz damals aufzuwarten", versetzte

Wilhelm, "nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, wenn Sie mich für einen

Engländer, und zwar vom ersten Range halten; ich bin ein Deutscher,

und"--"zwar ein sehr braver junger Mann", fiel Jarno sogleich ein.

Der Graf sah Wilhelmen lächelnd an und wollte eben etwas erwidern, als

die übrige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs freundlichste begrüßte.

Man entschuldigte sich, daß man ihm nicht sogleich ein anständiges

Zimmer anweisen könne, und versprach, den nötigen Raum ungesäumt zu

verschaffen.

"Ei ei!" sagte er lächelnd, "ich sehe wohl, daß man dem Zufalle

überlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und

Einrichtung, wie viel ist da nicht möglich! Jetzt bitte ich euch,

rührt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh ich wohl, gibt

es eine große Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das soll

niemand um meinetwillen womöglich auch nur eine Stunde. Sie waren

Zeuge", sagte er zu Jarno, "und auch Sie, Mister", indem er sich zu

Wilhelmen wandte, "wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse

bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und

Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwärtig einquartiert

ist, ich will einen Dislokationsplan machen, daß mit der wenigsten

Bemühung jedermann eine geräumige Wohnung finde und daß noch Platz für

einen Gast bleiben soll, der sich zufälligerweise bei uns einstellen

könnte."

Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle

nötigen Notizen und hatte nach seiner Art den größten Spaß, wenn er

den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald

einen großen Triumph. Die Einrichtung war fertig, er ließ in seiner

Gegenwart die Namen über alle Türen schreiben, und man konnte nicht

leugnen, daß mit wenig Umständen und Veränderungen der Zweck völlig

erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet, daß die

Personen, die in dem gegenwärtigen Augenblick ein Interesse aneinander

nahmen, zusammen wohnten.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 · 第 8 / 9 段