Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schöne Gebild der Vergangenheit!

hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt

es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zurück! Nehmet den heiligen

Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben

zur Ewigkeit.

Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand

von der Gesellschaft vernahm die stärkenden Worte, jedes war zu sehr

mit den wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen

beschäftigt. Der Abbe und Natalie führten den Marchese, Wilhelmen

Therese und Lothario hinaus, und erst als der Gesang ihnen völlig

verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die

Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich wünschten sie

sich in jenes Element wieder zurück.

VIII. Buch, 9. Kapitel--1

Neuntes Kapitel

Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und

lange Gespräche mit dem Abbe. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft

beisammen war, öfters Musik; man sorgte gern dafür, weil jedermann

zufrieden war, des Gesprächs überhoben zu sein. So lebte man einige

Zeit fort, als man bemerkte, daß er Anstalt zur Abreise mache. Eines

Tages sagte er zu Wilhelmen: "Ich verlange nicht, die Reste des guten

Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zurück, wo es geliebt und

gelitten hat, aber seine Freunde müssen mir versprechen, mich in

seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme Geschöpf

geboren und erzogen wurde; sie müssen die Säulen und Statuen sehen,

von denen ihm noch eine dunkle Idee übriggeblieben ist.

Ich will Sie in die Buchten führen, wo sie so gern die Steinchen

zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit

einer Familie nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen

reise ich weg. Ich habe dem Abbe die ganze Geschichte vertraut, er

wird sie Ihnen wiedererzählen; er konnte mir verzeihen, wenn mein

Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein Dritter die Begebenheiten

mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe

vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie

willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zurück; bei jeder kleinen

Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge für

meine arme Nichte wieder erinnern."

Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Gräfin überrascht.

Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich

vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald einen Stuhl

reichte. Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie verändert ihre

Gestalt! Wilhelm durfte kaum auf sie hinblicken; sie begrüßte ihn mit

Freundlichkeit, und einige allgemeine Worte konnten ihre Gesinnung und

Empfindungen nicht verbergen. Der Marchese war beizeiten zu Bette

gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine Lust, sich zu trennen;

der Abbe brachte ein Manuskript hervor. "Ich habe", sagte er,

"sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir anvertraut wurde, zu

Papiere gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll,

das ist beim Aufzeichnen einzelner Umstände merkwürdiger Begebenheiten."

Man unterrichtete die Gräfin, wovon die Rede sei, und der Abbe las:

"Meinen Vater", sagte der Marchese, "muß ich, soviel Welt ich auch

gesehen habe, immer für einen der wunderbarsten Menschen halten. Sein

Charakter war edel und gerade, seine Ideen weit und man darf sagen

groß; er war streng gegen sich selbst; in allen seinen Planen fand man

eine unbestechliche Folge, an allen seinen Handlungen eine

ununterbrochene Schrittmäßigkeit. So gut sich daher von einer Seite

mit ihm umgehen und ein Geschäft verhandeln ließ, sowenig konnte er um

ebendieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom

Staate, von seinen Nachbaren, von Kindern und Gesinde die Beobachtung

aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine

mäßigsten Forderungen wurden übertrieben durch seine Strenge, und er

konnte nie zum Genuß gelangen, weil nichts auf die Weise entstand, wie

er sich's gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen

Palast bauete, einen Garten anlegte, ein großes neues Gut in der

schönsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm überzeugt

gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu

dulden. In seinem äußerlichen beobachtete er die größte Würde; wenn

er scherzte, zeigte er nur die überlegenheit seines Verstandes; es war

ihm unerträglich, getadelt zu werden, und ich habe ihn nur einmal in

meinem Leben ganz außer aller Fassung gesehen, da er hörte, daß man

von einer seiner Anstalten wie von etwas Lächerlichem sprach. In

ebendiesem Geiste hatte er über seine Kinder und sein Vermögen

disponiert. Mein ältester Bruder ward als ein Mann erzogen, der

künftig große Güter zu hoffen hatte; ich sollte den geistlichen Stand

ergreifen und der jüngste Soldat werden. Ich war lebhaft, feurig,

tätig, schnell, zu allen körperlichen übungen geschickt. Der Jüngste

schien zu einer Art von schwärmerischer Ruhe geneigter, den

Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst ergeben. Nur nach dem

härtsten Kampf, nach der völligsten überzeugung der Unmöglichkeit gab

der Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, daß wir unsern Beruf

umtauschen dürften, und ob er gleich jeden von uns beiden zufrieden

sah, so konnte er sich doch nicht drein finden und versicherte, daß

nichts Gutes daraus entstehen werde. Je älter er ward, desto

abgeschnittener fühlte er sich von aller Gesellschaft. Er lebte

zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter Freund, der unter den

Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau verloren und eine Tochter

mitgebracht hatte, die ungefähr zehn Jahre alt war, blieb sein

einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein artiges Gut in der

Nachbarschaft, sah meinen Vater zu bestimmten Tagen und Stunden der

Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte. Er

widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt völlig an ihn

gewöhnte und ihn als den einzigen erträglichen Gesellschafter duldete,

Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, daß dieser Mann von

unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit nicht

umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine Güter, seine Tochter

konnte eine schöne Mitgift erwarten. Das Mädchen wuchs heran und war

von sonderbarer Schönheit; mein älterer Bruder scherzte oft mit mir,

daß ich mich um sie bewerben sollte.

Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem

sonderbarsten Zustande zugebracht; er überließ sich ganz dem Genuß

einer heiligen Schwärmerei, jenen halb geistigen, halb physischen

Empfindungen, die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel

erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht und leeres Elend

versinken ließen. Bei meines Vaters Lebzeiten war an keine

Veränderung zu denken, und was hätte man wünschen oder vorschlagen

sollen? Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleißig; sein

Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles

erträglicher, denn die Vernunft hatte gesiegt. Allein je sichrer sie

ihm völlige Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der Natur

versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, daß wir ihn von

seinen Gelübden befreien sollten; er gab zu verstehen, daß seine

Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.

Mein älterer Bruder hatte zuviel durch die Hätte unseres Vaters

gelitten, als daß er ungerührt bei dem Zustande des jüngsten hätte

bleiben können. Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie,

einem alten, würdigen Manne, entdeckten ihm die doppelte Absicht

unseres Bruders und baten ihn, die Sache einzuleiten und zu befördern.

Wider seine Gewohnheit zögerte er, und als endlich unser Bruder in

uns drang und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter

empfahlen, mußte er sich entschließen, uns die sonderbare Geschichte

zu entdecken.

Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter;

Neigung und Sinnlichkeit hatten den Mann in späteren Jahren nochmals

überwältigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu

sein scheint; über einen ähnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in

der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht gleichfalls

dem Lächerlichen auszusetzen, beschloß, diese späte, gesetzmäßige

Frucht der Liebe mit ebender Sorgfalt zu verheimlichen, als man sonst

die frühern zufälligen Früchte der Neigung zu verbergen pflegt.

Unsere Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde aufs Land gebracht,

und der alte Hausfreund, der nebst dem Beichtvater allein um das

Geheimnis wußte, ließ sich leicht bereden, sie für seine Tochter

auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen, im äußersten

Fall das Geheimnis entdecken zu dürfen. Der Vater war gestorben, das

zarte Mädchen lebte unter der Aufsicht einer alten Frau; wir wußten,

daß Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr eingeführt hatten,

und da er uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu trennen, um

das neue zu knüpfen, so war es nötig, ihn so bald als möglich von der

Gefahr zu unterrichten, in der er schwebte.

Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. "Spart eure

unwahrscheinlichen Märchen", rief er aus, "für Kinder und

leichtgläubige Toren; mir werdet ihr Speraten nicht vom Herzen reißen,

sie ist mein. Verleugnet sogleich euer schreckliches Gespenst, das

mich nur vergebens ängstigen würde. Sperata ist nicht meine Schwester,

sie ist mein Weib!" Er beschrieb uns mit Entzücken, wie ihn das

himmlische Mädchen aus dem Zustande der unnatürlichen Absonderung von

den Menschen in das wahre Leben geführt, wie beide Gemüter gleich

beiden Kehlen zusammenstimmten und wie er alle seine Leiden und

Verirrungen segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis dahin entfernt

gehalten und weil er nun ganz und gar sich dem liebenswürdigsten

Mädchen ergeben könne. Wir entsetzten uns über die Entdeckung, uns

jammerte sein Zustand, wir wußten uns nicht zu helfen, er versicherte

uns mit Heftigkeit, daß Sperata ein Kind von ihm im Busen trage.

Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber

dadurch ward das übel nur schlimmer. Die Verhältnisse der Natur und

der Religion, der sittlichen Rechte und der bürgerlichen Gesetze

wurden von meinem Bruder aufs heftigste durchgefochten. Nichts schien

ihm heilig als das Verhältnis zu Sperata, nichts schien ihm würdig als

der Name Vater und Gattin. "Diese allein", rief er aus, "sind der

Natur gemäß, alles andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht

edle Völker, die eine Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure

Götter nicht", rief er aus, "ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr

uns betören, uns von dem Wege der Natur abführen und die edelsten

Triebe durch schändlichen Zwang zu Verbrechen entstellen wollt. Zur

größten Verwirrung des Geistes, zum schändlichsten Mißbrauche des

Körpers nötigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig begrabt.

Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der höchsten,

süßesten Fülle der Schwärmerei bis zu den fürchterlichen Wüsten der

Ohnmacht, der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den

höchsten Ahnungen überirdischer Wesen bis zu dem völligsten Unglauben,

dem Unglauben an mir selbst. Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des

am Rande schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken, und mein ganzes

Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. Nun, da mich die gütige

Natur durch ihre größten Gaben, durch die Liebe wieder geheilt hat, da

ich an dem Busen eines himmlischen Mädchens wieder fühle, daß ich bin,

daß sie ist, daß wir eins sind, daß aus dieser lebendigen Verbindung

ein Drittes entstehen und uns entgegenlächeln soll, nun eröffnet ihr

die Flammen eurer Höllen, eurer Fegefeuer, die nur eine kranke

Einbildungskraft versengen können, und stellt sie dem lebhaften,

wahren, unzerstörlichen Genuß der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns

unter jenen Zypressen, die ihre ernsthaften Gipfel gen Himmel wenden,

besucht uns an jenen Spalieren, wo die Zitronen und Pomeranzen neben

uns blühn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht,

und dann wagt es, uns mit euren trüben, grauen, von Menschen

gesponnenen Netzen zu ängstigen!"

So bestand er lange Zeit auf einem hartnäckigen Unglauben unserer

Erzählung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten,

da sie ihm der Beichtvater selbst versicherte, ließ er sich doch

dadurch nicht irremachen, vielmehr rief er aus: "Fragt nicht den

Widerhall eurer Kreuzgänge, nicht euer vermodertes Pergament, nicht

eure verschränkten Grillen und Verordnungen; fragt die Natur und euer

Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, sie wird

euch mit dem strengsten Finger zeigen, worüber sie ewig und

unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt

nicht Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die

Blume, die beide gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld

und ihre geschwisterliche Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur

verabscheut, so spricht sie es laut aus; das Geschöpf, das nicht sein

soll, kann nicht werden; das Geschöpf, das falsch lebt, wird früh

zerstört. Unfruchtbarkeit, kümmerliches Dasein, frühzeitiges

Zerfallen, das sind ihre Flüche, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur

durch unmittelbare Folgen straft sie. Da seht um euch her, und was

verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der

Stille des Klosters und im Geräusche der Welt sind tausend Handlungen

geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen

Müßiggang so gut als überstrengte Arbeit, auf Willkür und überfluß wie

auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen nieder, zur Mäßigkeit

ruft sie, wahr sind alle ihre Verhältnisse und ruhig alle ihre

Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu sein.

Sperata ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie

behalten kann? wie ich glücklich werden kann? das ist eure Sorge!

Jetzt gleich geh ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen."

Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr überzusetzen; wir hielten ihn ab

und baten ihn, daß er keinen Schritt tun möchte, der die

schrecklichsten Folgen haben könnte. Er solle überlegen, daß er nicht

in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, sondern in einer

Verfassung lebe, deren Gesetze und Verhältnisse die Unbezwinglichkeit

eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir mußten dem Beichtvater

versprechen, daß wir den Bruder nicht aus den Augen, noch weniger aus

dem Schlosse lassen wollten; darauf ging er weg und versprach, in

einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen hatten, traf ein;

der Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber sein Herz war

weich; die frühern Eindrücke der Religion wurden lebhaft, und die

entsetzlichsten Zweifel bemächtigten sich seiner. Er brachte zwei

fürchterliche Tage und Nächte zu; der Beichtvater kam ihm wieder zu

Hülfe, umsonst! Der ungebundene, freie Verstand sprach ihn los; sein

Gefühl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erklärten ihn für

einen Verbrecher.

Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem

Tische, worin er uns erklärte, daß er, da wir ihn mit Gewalt

gefangenhielten, berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen, er

entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe, mit ihr zu entkommen, er sei

auf alles gefaßt, wenn man sie trennen wolle.

Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu

sein. Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die

Schiffer, anstatt ihn überzusetzen, führten ihn in sein Kloster.

Ermüdet von einem vierzigstündigen Wachen, schlief er ein, sobald ihn

der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte nicht früher, als

bis er sich in den Händen seiner geistlichen Brüder sah; er erholte

sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich zuschlagen

hörte.

Schmerzlich gerührt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir

unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorwürfe; allein dieser ehrwürdige

Mann wußte uns bald mit den Gründen des Wundarztes zu überreden, daß

unser Mitleid für den armen Kranken tödlich sei. Er handle nicht aus

eignet Willkür, sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen Rates.

Die Absicht war: alles öffentliche ärgernis zu vermeiden und den

traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen Kirchenzucht zu

verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht erfahren,

daß ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward einem Geistlichen

anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand vertraut hatte. Man

wußte ihre Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie war als

Mutter in dem kleinen Geschöpfe ganz glücklich. So wie die meisten

unserer Mädchen konnte sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen;

sie gab daher dem Pater Aufträge, was er ihrem Geliebten sagen sollte.

Dieser glaubte den frommen Betrug einer säugenden Mutter schuldig zu

sein, er brachte ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals sah,

ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat sie, für sich und das Kind

zu sorgen und wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.

VIII. Buch, 9. Kapitel--2

Sperata war von Natur zur Religiosität geneigt. Ihr Zustand, ihre

Einsamkeit vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um

sie nach und nach auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das

Kind entwöhnt, kaum glaubte er ihren Körper stark genug, die

ängstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er an, das Vergehen

ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich einem

Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art von Sünde gegen die

Natur, als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren

Gedanken, ihre Reue jener Reue gleichzumachen, die sie empfunden haben

würde, wenn sie das wahre Verhältnis ihres Fehltritts erfahren hätte.

Er brachte dadurch so viel Jammer und Kummer in ihr Gemüt, er erhöhte

die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr vor ihr, er zeigte

ihr die schrecklichen Folgen für das Heil aller Seelen, wenn man in

solchen Fällen nachgeben und die Straffälligen durch eine rechtmäßige

Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es sei,

einen solchen Fehler in der Zeit abzubüßen und dafür dereinst die

Krone der Herrlichkeit zu erwerben, daß sie endlich wie eine arme

Sünderin ihren Nacken dem Beil willig darreichte und inständig bat,

daß man sie auf ewig von unserm Bruder entfernen möchte. Als man so

viel von ihr erlangt hatte, ließ man ihr, doch unter einer gewissen

Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in dem Kloster zu

sein, je nachdem sie es für gut hielte.

Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte

sehr früh laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang

bald sehr artig und lernte die Zither gleichsam von sich selbst. Nur

mit Worten konnte es sich nicht ausdrücken, und es schien das

Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu

liegen. Die arme Mutter fühlte indessen ein trauriges Verhältnis zu

dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre Vorstellungsart

so verwirrt, daß sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den seltsamsten

Zuständen befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher und

straffälliger zu werden; das oft wiederholte Gleichnis des Geistlichen

vom Inzest hatte sich so tief bei ihr eingeprägt, daß sie einen

solchen Abscheu empfand, als wenn ihr das Verhältnis selbst bekannt

gewesen wäre. Der Beichtvater dünkte sich nicht wenig über das

Kunststück, wodurch er das Herz eines unglücklichen Geschöpfes zerriß.

Jämmerlich war es anzusehen, wie die Mutterliebe, die über das Dasein

des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt war, mit dem

schrecklichen Gedanken stritt, daß dieses Kind nicht dasein sollte.

Bald stritten diese beiden Gefühle zusammen, bald war der Abscheu über

die Liebe gewaltig.

Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten

unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte,

zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. Die höchsten

Gipfel zu ersteigen, auf den Rändern der Schiffe wegzulaufen und den

Seiltänzern, die sich manchmal in dem Orte sehen ließen, die

wunderlichsten Kunststücke nachzumachen war ein natürlicher Trieb.

Um das alles leichter zu üben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider

zu wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeltern höchst unanständig

und unzulässig gehalten wurde, so ließen wir ihr doch soviel als

möglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und Sprünge führten sie

manchmal weit, sie verirrte sich, sie blieb aus und kam immer wieder.

Meistenteils, wenn sie zurückkehrte, setzte sie sich unter die Säulen

des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft; man suchte sie

nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf den Stufen

auszuruhen, dann lief sie in den großen Saal, besah die Statuen, und

wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach Hause.

Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getäuscht und unsere Nachsicht

bestraft. Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser

schwimmen, nicht weit von dem Orte, wo ein Gießbach sich in den See

stürzt. Man vermutete, daß es bei seinem Klettern zwischen den Felsen

verunglückt sei; bei allem Nachforschen konnte man den Körper nicht

finden.

Durch das unvorsichtige Geschwätz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr

Sperata bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab

nicht undeutlich zu verstehen, sie freue sich, daß Gott das arme

Geschöpf zu sich genommen und so bewahrt habe, ein größeres Unglück zu

erdulden oder zu stiften.

Bei dieser Gelegenheit kamen alle Märchen zur Sprache, die man von

unsern Wassern zu erzählen pflegt. Es hieß: der See müsse alle Jahre

ein unschuldiges Kind haben; er leide keinen toten Körper und werfe

ihn früh oder spät ans Ufer, ja sogar das letzte Knöchelchen, wenn es

zu Grunde gesunken sei, müsse wieder heraus. Man erzählte die

Geschichte einer untröstlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken sei

und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur wenigstens die

Gebeine zum Begräbnis zu gönnen; der nächste Sturm habe den Schädel,

der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und nachdem alles beisammen

gewesen, habe sie sämtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen,

aber, o Wunder! als sie in den Tempel getreten, sei das Paket immer

schwerer geworden, und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars

gelegt, habe das Kind zu schreien angefangen und sich zu jedermanns

Erstaunen aus dem Tuche losgemacht; nur ein Knöchelchen des kleinen

Fingers an der rechten Hand habe gefehlt, welches denn die Mutter

nachher noch sorgfältig aufgesucht und gefunden, das denn auch noch

zum Gedächtnis unter andern Reliquien in der Kirche aufgehoben werde.

Auf die arme Mutter machten diese Geschichten großen Eindruck; ihre

Einbildungskraft fühlte einen neuen Schwung und begünstigte die

Empfindung ihres Herzens. Sie nahm an, daß das Kind nunmehr für sich

und seine Eltern abgebüßt habe, daß Fluch und Strafe, die bisher auf

ihnen geruht, nunmehr gänzlich gehoben sei; daß es nur darauf ankomme,

die Gebeine des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom zu bringen, so

würde das Kind auf den Stufen des großen Altars der Peterskirche

wieder, mit seiner schönen, frischen Haut umgeben, vor dem Volke

dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und Mutter

schauen, und der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner Heiligen

überzeugt, werde unter dem lauten Zuruf des Volks den Eltern die Sünde

vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.

Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer

gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen,

glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es mußte zum

Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 · 第 7 / 9 段