mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen
und der ein Deutscher sein soll." Jarno schwieg still, denn er wußte
recht gut, daß der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie
fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort
abzuwarten, in seiner Rede fort: "Sie hatten mir ihn damals
vorgestellt und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine
Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich dafür, daß sein Vater ein
Engländer ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut
alles berechnen, das seit dreißig Jahren in deutschen Adern
herumfließt! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer
solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Fällen nichts
aufbinden." Darauf erzählte er noch verschiedenes, was damals mit
Wilhelmen auf seinem Schloß vorgegangen sein sollte, wozu Jarno
gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen
mit einem jungen Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als einmal
verwechselte. Der gute Herr hatte in frühern Zeiten ein
vortreffliches Gedächtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich
der geringsten Umstände seiner Jugend erinnern zu können; nun
bestimmte er aber mit ebender Gewißheit wunderbare Kombinationen und
Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwäche seines Gedächtnisses
seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. übrigens war er
sehr mild und gefällig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht
günstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, daß man etwas Nützliches
zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die
er, wo nicht mitspielte, doch mit großer Sorgfalt dirigierte, und da
man sich über seine Herablassung verwundene, sagte er: es sei die
Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne,
daß er in gleichgültigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.
Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen bänglichen und
verdrießlichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche
Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten.
Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? Und
mußte nicht die Gesellschaft glauben, daß, weil beide viel miteinander
umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und unglückliche Konfidenz
gemacht habe?
Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als
gewöhnlich, als Augustin auf einmal zur Türe, die er aufriß, mit
gräßlicher Gebärde hereinstürzte; sein Angesicht war blaß, sein Auge
wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die
Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine Rückkehr des
Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest.
Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er:
"Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!"
Sie ließen ihn los, er eilte zur Türe hinaus, und voll Entsetzen
drängte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte,
Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand
das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von
weitem zurief: "was hast du angefangen?"
"Lieber Vater!" rief Felix, "ich habe nicht aus der Flasche, ich habe
aus dem Glase getrunken, ich war so durstig."
Augustin schlug die Hände zusammen, rief: "Er ist verloren!", drängte
sich durch die Umstehenden und eilte davon.
Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine
Karaffine darneben, die über die Hälfte leer war; der Arzt kam, er
erfuhr, was man wußte, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte
Fläschchen, worin sich das flüssige Opium befunden hatte, leer auf dem
Tische liegen; er ließ Essig herbeischaffen und rief alle Mittel
seiner Kunst zu Hülfe.
Natalie ließ den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemühte sich
ängstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen
und einige Aufklärungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der
unglückliche Vater vergebens bemüht und fand, als er zurückkam, auf
allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die
Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die stärkste
Beimischung von Opium; das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr
krank, es bat den Vater, daß man ihm nur nichts mehr einschütten, daß
man es nur nicht mehr quälen möchte. Lothar hatte seine Leute
ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf
die Spur zu kommen. Natalie saß bei dem Kinde, es flüchtete auf ihren
Schoß und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein Stückchen
Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man müsse das
Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen
lassen, sagte er; es sei alles Rätliche geschehen, er wolle das
mögliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien,
herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Hände auf das Kind,
blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung.
Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen
Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur Türe hinaus.
Kurz darauf verließ auch der Graf das Zimmer.
VIII. Buch, 10. Kapitel--2
"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "daß sich
auch nicht die geringste Spur eines gefährlichen Zustandes am Kinde
zeigt. Auch nur mit einem Schluck muß es eine ungeheure Dosis Opium
zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine
weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht
zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, daß man Augustin auf
dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe
neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten.
Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Körper die
Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau
untersucht; der Schnitt war in die Luftröhre gegangen, auf einen
starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch ließ sich bald
bemerken, daß noch Leben, daß noch Hoffnung übrig sei. Der Arzt
brachte den Körper in die rechte Lage, fügte die getrennten Teile
zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos
und sorgenvoll vorüber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien
trennen lassen. Wilhelm saß vor ihr auf einem Schemel; er hatte die
Füße des Knaben auf seinem Schoße, Kopf und Brust lagen auf dem
ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen
Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und
traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie
sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an.
Lothario und Jarno saßen am andern Ende des Zimmers und führten ein
sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten
nicht zu sehr drängten, unsern Lesern hier mitteilen würden. Der
Knabe schlief sanft, erwachte am frühen Morgen ganz heiter, sprang auf
und verlangte ein Butterbrot.
Sobald Augustin sich einigermaßen erholt hatte, suchte man einige
Aufklärung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Mühe und nur
nach und nach: daß, als er bei der unglücklichen Dislokation des
Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript
und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei
ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun überzeugt, daß er nicht
länger leben dürfe; sogleich habe er seine gewöhnliche Zuflucht zum
Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschüttet und habe
doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es
stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu
sehen; bei seiner Zurückkunft habe er das Kind gefunden, eben
beschäftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder vollzugießen.
Man bat den Unglücklichen, ruhig zu sein; er faßte Wilhelmen
krampfhaft bei der Hand. "Ach!" sagte er, "warum habe ich dich nicht
längst verlassen, ich wußte wohl, daß ich den Knaben töten würde und
er mich."--"Der Knabe lebt!" sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam
zugehört hatte, fragte Augustinen, ob alles Getränke vergiftet gewesen.
"Nein!" versetzte er, "nur das Glas."--"So hat durch den
glücklichsten Zufall", rief der Arzt, "das Kind aus der Flasche
getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand geführt, daß es nicht nach
dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!"--"Nein! nein!" rief
Wilhelm mit einem Schrei, indem er die Hände vor die Augen hielt, "wie
fürchterlich ist diese Aussage! Ausdrücklich sagte das Kind, daß es
nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine
Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Händen wegsterben."
Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind
liebkoste: "Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und
nicht aus dem Glase?" Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzählte
Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bemühte
sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde zu erfahren; es weinte nur
heftiger und so lange, bis es einschlief.
Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen
fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit
seiner Wärter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still
aufgelöst und sich verblutet. Natalie ging mit dem Kinde spazieren,
es war munter wie in seinen glücklichsten Tagen. "Du bist doch gut",
sagte Felix zu ihr, "du zankst nicht, du schlägst mich nicht, ich will
dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter Aurelie
schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff;
der Vater sah so bös aus, ich dachte, er würde mich schlagen."
Mit beflügelten Schritten eilte Natalie zu dem Schlosse; Wilhelm kam
ihr, noch voller Sorgen, entgegen. "Glücklicher Vater!" rief sie laut,
indem sie das Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, "da hast du
deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, seine Unart hat ihn
gerettet."
Man erzählte den glücklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit
lächelnder, stiller, bescheidner Gewißheit zuhörte, mit der man den
Irrtum guter Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf alles,
konnte diesmal eine solche hohe Selbstgenügsamkeit nicht erklären, bis
er endlich nach manchen Umschweifen erfuhr: der Graf sei überzeugt,
das Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es aber durch sein Gebet
und durch das Auflegen seiner Hände wunderbar am Leben erhalten. Nun
beschloß er auch sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie
gewöhnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede faßte die schöne
Gräfin Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der Schwester losließ,
drückte alle vier Hände zusammen, kehrte sich schnell um und stieg in
den Wagen.
Soviel schreckliche und wunderbare Begebenheiten, die sich eine über
die andere drängten, zu einer ungewohnten Lebensart nötigten und alles
in Unordnung und Verwirrung setzten, hatten eine Art von fieberhafter
Schwingung in das Haus gebracht. Die Stunden des Schlafens und
Wachens, des Essens, Trinkens und geselligen Zusammenseins waren
verrückt und umgekehrt. Außer Theresen war niemand in seinem Gleise
geblieben; die Männer suchten durch geistige Getränke ihre gute Laune
wiederherzustellen, und indem sie sich eine künstliche Stimmung gaben,
entfernten sie die natürliche, die allein uns wahre Heiterkeit und
Tätigkeit gewährt.
Wilhelm war durch die heftigsten Leidenschaften bewegt und zerrüttet,
die unvermuteten und schreckhaften Anfälle hatten sein Innerstes ganz
aus aller Fassung gebracht, einer Leidenschaft zu widerstehn, die sich
des Herzens so gewaltsam bemächtigt hatte. Felix war ihm
wiedergegeben, und doch schien ihm alles zu fehlen; die Briefe von
Wernern mit den Anweisungen waren da, ihm mangelte nichts zu seiner
Reise als der Mut, sich zu entfernen. Alles drängte ihn zu dieser
Reise. Er konnte vermuten, daß Lothario und Therese nur auf seine
Entfernung warteten, um sich trauen zu lassen. Jarno war wider seine
Gewohnheit still, und man hätte beinahe sagen können, er habe etwas
von seiner gewöhnlichen Heiterkeit verloren. Glücklicherweise half
der Arzt unserm Freunde einigermaßen aus der Verlegenheit, indem er
ihn für krank erklärte und ihm Arznei gab.
Die Gesellschaft kam immer abends zusammen, und Friedrich, der
ausgelassene Mensch, der gewöhnlich mehr Wein als billig trank,
bemächtigte sich des Gesprächs und brachte nach seiner Art mit hundert
Zitaten und eulenspiegelhaften Anspielungen die Gesellschaft zum
Lachen und setzte sie auch nicht selten in Verlegenheit, indem er laut
zu denken sich erlaubte.
An die Krankheit seines Freundes schien er gar nicht zu glauben.
Einst, als sie alle beisammen waren, rief er aus: "Wie nennt Ihr das
übel, Doktor, das unsern Freund angefallen hat? Paßt hier keiner von
den dreitausend Namen, mit denen Ihr Eure Unwissenheit ausputzt? An
ähnlichen Beispielen wenigstens hat es nicht gefehlt. Es kommt", fuhr
er mit einem emphatischen Tone fort, "ein solcher Kasus in der
ägyptischen oder babylonischen Geschichte vor."
Die Gesellschaft sah einander an und lächelte.
"Wie hieß der König?" rief er aus und hielt einen Augenblick inne.
"Wenn ihr mir nicht einhelfen wollt", fuhr er fort, "so werde ich mir
selbst zu helfen wissen." Er riß die Türflügel auf und wies nach dem
großen Bilde im Vorsaal. "Wie heißt der Ziegenbart mit der Krone dort,
der sich am Fuße des Bettes um seinen kranken Sohn abhärmt? Wie
heißt die Schöne, die hereintritt und in ihren sittsamen Schelmenaugen
Gift und Gegengift zugleich führt? Wie heißt der Pfuscher von Arzt,
dem erst in diesem Augenblicke ein Licht aufgeht, der das erste Mal in
seinem Leben Gelegenheit findet, ein vernünftiges Rezept zu verordnen,
eine Arznei zu reichen, die aus dem Grunde kuriert und die ebenso
wohlschmeckend als heilsam ist?"
In diesem Tone fuhr er fort zu schwadronieren. Die Gesellschaft nahm
sich so gut als möglich zusammen und verbarg ihre Verlegenheit hinter
einem gezwungenen Lächeln. Eine leichte Röte überzog Nataliens Wangen
und verriet die Bewegungen ihres Herzens. Glücklicherweise ging sie
mit Jarno auf und nieder; als sie an die Türe kam, schritt sie mit
einer klugen Bewegung hinaus, einigemal in dem Vorsaale hin und wider
und ging sodann auf ihr Zimmer.
Die Gesellschaft war still. Friedrich fing an zu tanzen und zu singen:
Oh, ihr werdet Wunder sehn!
Was geschehn ist, ist geschehn,
Was gesagt ist, ist gesagt.
Eh es tagt,
Sollt ihr Wunder sehn.
Therese war Natalien nachgegangen, Friedrich zog den Arzt vor das
große Gemälde, hielt eine lächerliche Lobrede auf die Medizin und
schlich davon.
Lothario hatte bisher in einer Fenstervertiefung gestanden und sah,
ohne sich zu rühren, in den Garten hinunter. Wilhelm war in der
schrecklichsten Lage. Selbst da er sich nun mit seinem Freunde allein
sah, blieb er eine Zeitlang still; er überlief mit flüchtigem Blick
seine Geschichte und sah zuletzt mit Schaudern auf seinen
gegenwärtigen Zustand; endlich sprang er auf und rief: "Bin ich schuld
an dem, was vorgeht, an dem, was mir und Ihnen begegnet, so strafen
Sie mich! Zu meinen übrigen Leiden entziehen Sie mir Ihre
Freundschaft, und lassen Sie mich ohne Trost in die weite Welt
hinausgehen, in der ich mich lange hätte verlieren sollen. Sehen Sie
aber in mir das Opfer einer grausamen, zufälligen Verwicklung, aus der
ich mich herauszuwinden unfähig war, so geben Sie mir die Versicherung
Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft auf eine Reise mit, die ich nicht
länger verschieben darf. Es wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen werde
sagen können, was diese Tage in mir vorgegangen ist. Vielleicht leide
ich eben jetzt diese Strafe, weil ich mich Ihnen nicht früh genug
entdeckte, weil ich gezaudert habe, mich Ihnen ganz zu zeigen, wie ich
bin; Sie hätten mir beigestanden, Sie hätten mir zur rechten Zeit
losgeholfen. Aber- und abermal gehen mir die Augen über mich selbst
auf, immer zu spät und immer umsonst. Wie sehr verdiente ich die
Strafrede Jarnos! Wie glaubte ich sie gefaßt zu haben, wie hoffte ich
sie zu nutzen, ein neues Leben zu gewinnen! Konnte ich's? Sollte
ich's? Vergebens klagen wir Menschen uns selbst, vergebens das
Schicksal an! Wir sind elend und zum Elend bestimmt, und ist es nicht
völlig einerlei, ob eigene Schuld, höherer Einfluß oder Zufall, Tugend
oder Laster, Weisheit oder Wahnsinn uns ins Verderben stürzen? Leben
Sie wohl! Ich werde keinen Augenblick länger in dem Hause verweilen,
in welchem ich das Gastrecht wider meinen Willen so schrecklich
verletzt habe. Die Indiskretion Ihres Bruders ist unverzeihlich, sie
treibt mein Unglück auf den höchsten Grad, sie macht mich verzweifeln."
"Und wenn nun", versetzte Lothario, indem er ihn bei der Hand nahm,
"Ihre Verbindung mit meiner Schwester die geheime Bedingung wäre,
unter welcher sich Therese entschlossen hat, mir ihre Hand zu geben?
Eine solche Entschädigung hat Ihnen das edle Mädchen zugedacht; sie
schwur, daß dieses doppelte Paar an einem Tage zum Altare gehen sollte.
"Sein Verstand hat mich gewählt", sagte sie, "sein Herz fordert
Natalien, und mein Verstand wird seinem Herzen zu Hülfe kommen." Wir
wurden einig, Natalien und Sie zu beobachten; wir machten den Abbe zu
unserm Vertrauten, dem wir versprechen mußten, keinen Schritt zu
dieser Verbindung zu tun, sondern alles seinen Gang gehen zu lassen.
Wir haben es getan. Die Natur hat gewirkt, und der tolle Bruder hat
nur die reife Frucht abgeschüttelt. Lassen Sie uns, da wir einmal so
wunderbar zusammenkommen, nicht ein gemeines Leben führen; lassen Sie
uns zusammen auf eine würdige Weise tätig sein! Unglaublich ist es,
was ein gebildeter Mensch für sich und andere tun kann, wenn er, ohne
herrschen zu wollen, das Gemüt hat, Vormund von vielen zu sein, sie
leitet, dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun
möchten, und sie zu ihren Zwecken führt, die sie meist recht gut im
Auge haben und nur die Wege dazu verfehlen. Lassen Sie uns hierauf
einen Bund schließen; es ist keine Schwärmerei, es ist eine Idee, die
recht gut ausführbar ist und die öfters, nur nicht immer mit klarem
Bewußtsein, von guten Menschen ausgeführt wird. Meine Schwester
Natalie ist hiervon ein lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer
die Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schönen Seele
vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen
andern, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu
der Zeit, als unser guter Arzt jenes Manuskript so rubrizierte, die
schönste Natur war, die wir in unserm Kreise kannten. Indes hat
Natalie sich entwickelt, und die Menschheit freut sich einer solchen
Erscheinung."
Er wollte weiterreden, aber Friedrich sprang mit großem Geschrei
herein. "Welch einen Kranz verdien ich?" rief er aus, "und wie werdet
ihr mich belohnen? Myrten, Lorbeer, Efeu, Eichenlaub, das frischeste,
das ihr finden könnt, windet zusammen; so viel Verdienste habt ihr in
mir zu krönen. Natalie ist dein! Ich bin der Zauberer, der diesen
Schatz gehoben hat."
"Er schwärmt", sagte Wilhelm, "und ich gehe."
"Hast du Auftrag?" sagte der Baron, indem er Wilhelmen festhielt.
"Aus eigner Macht und Gewalt", versetzte Friedrich, "auch von Gottes
Gnaden, wenn ihr wollt; so war ich Freiersmann, so bin ich jetzt
Gesandter, ich habe an der Türe gehorcht, sie hat sich ganz dem Abbe
entdeckt."
"Unverschämter!" sagte Lothario, "wer heißt dich horchen!"
"Wer heißt sie sich einschließen!" versetzte Friedrich, "ich hörte
alles ganz genau, Natalie war sehr bewegt. In der Nacht, da das Kind
so krank schien und halb auf ihrem Schoße ruhte, als du trostlos vor
ihr saßest und die geliebte Bürde mit ihr teiltest, tat sie das
Gelübde, wenn das Kind stürbe, dir ihre Liebe zu bekennen und dir
selbst die Hand anzubieten; jetzt, da das Kind lebt, warum soll sie
ihre Gesinnung verändern? Was man einmal so verspricht, hält man
unter jeder Bedingung. Nun wird der Pfaffe kommen und wunder denken,
was er für Neuigkeiten bringt."
Der Abbe trat ins Zimmer. "Wir wissen alles!" rief Friedrich ihm
entgegen, "macht es kurz, denn Ihr kommt bloß um der Formalität willen;
zu weiter nichts werden die Herren verlangt."
"Er hat gehorcht", sagte der Baron. "Wie ungezogene" rief der Abbe.
"Nun geschwind", versetzte Friedrich, "wie sieht's mit den Zeremonien
aus? Die lassen sich an den Fingern herzählen; Ihr müßt reisen, die
Einladung des Marchese kommt Euch herrlich zustatten. Seid Ihr nur
einmal über die Alpen, so findet sich zu Hause alles; die Menschen
wissen's Euch Dank, wenn Ihr etwas Wunderliches unternehmt, Ihr
verschafft ihnen eine Unterhaltung, die sie nicht zu bezahlen brauchen.
Es ist eben, als wenn Ihr eine Freiredoute gäbt; es können alle
Stände daran teilnehmen."
"Ihr habt Euch freilich mit solchen Volksfesten schon sehr ums
Publikum verdient gemacht", versetzte der Abbe, "und ich komme, so
scheint es, heute nicht mehr zum Wort."
"Ist nicht alles, wie ich's sage", versetzte Friedrich, "so belehrt
uns eines Bessern. Kommt herüber, kommt herüber! wir müssen sie sehen
und uns freuen."
Lothario umarmte seinen Freund und führte ihn zu der Schwester; sie
kam mit Theresen ihm entgegen, alles schwieg.
"Nicht gezaudert!" rief Friedrich. "In zwei Tagen könnt ihr
reisefertig sein. Wie meint Ihr, Freund", fuhr er fort, indem er sich
zu Wilhelmen wendete, "als wir Bekanntschaft machten, als ich Euch den
schönen Strauß abforderte, wer konnte denken, daß Ihr jemals eine
solche Blume aus meiner Hand empfangen würdet?"
"Erinnern Sie mich nicht in diesem Augenblicke des höchsten Glücks an
jene Zeiten!"
"Deren Ihr Euch nicht schämen sollet, sowenig man sich seiner Abkunft
zu schämen hat. Die Zeiten waren gut, und ich muß lachen, wenn ich
dich ansehe: du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis', der ausging,
seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand."
"Ich kenne den Wert eines Königreichs nicht", versetzte Wilhelm, "aber
ich weiß, daß ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene und
das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte."
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 8"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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