Bedingung mein. Und glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts
schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fähig ist.
Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an. Die
Liebe, mit der ein anderer geliebt wird, ist mir beinahe reizender als
die, mit der ich geliebt werden könnte; ich sehe die Kraft, die Gewalt
eines schönen Herzens, ohne daß die Eigenliebe mir den reinen Anblick
trübt."
"Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?" versetzte Natalie.
Jarno nickte lächelnd; Natalie schüttelte den Kopf und sagte, indem
sie aufstand: "Ich weiß bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll,
aber mich sollt ihr gewiß nicht irremachen."
Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der
Hand hereintrat und zu ihr sagte: "Bleiben Sie! Ich habe hier einen
Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der
Freund Ihres verstorbenen Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten,
muß in diesen Tagen hier sein. Er schreibt mir, daß ihm doch die
deutsche Sprache nicht so geläufig sei, als er geglaubt, daß er eines
Gesellschafters bedürfe, der sie vollkommen nebst einigem andern
besitze; da er mehr wünsche, in wissenschaftliche als politische
Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher
unentbehrlich. Ich wüßte niemand geschickter dazu als unsern jungen
Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem unterrichtet, und
es wird für ihn selbst ein großer Vorteil sein, in so guter
Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umständen Deutschland zu sehen.
Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.
Was sagen Sie, meine Freunde? Was sagen Sie, Natalie?"
Niemand wußte gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen
Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn,
indem er ohnehin nicht sogleich aufbrechen würde; Natalie schwieg, und
Friedrich führte verschiedene Sprüchwörter über den Nutzen des Reisens
an.
Wilhelm war über diesen neuen Vorschlag im Herzen so entrüstet, daß er
es kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn baldmöglichst
loszuwerden, nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste war, man ließ
sie so offenbar, so ganz ohne Schonung sehen. Auch der Verdacht, den
Lydie bei ihm erregt, alles, was er selbst erfahren hatte, wurde
wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig, und die natürliche Art,
wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm auch nur eine
künstliche Darstellung zu sein.
Er nahm sich zusammen und antwortete: "Dieser Antrag verdient
allerdings eine reifliche überlegung."
"Eine geschwinde Entschließung möchte nötig sein", versetzte der Abbe.
"Dazu bin ich jetzt nicht gefaßt", antwortete Wilhelm. "Wir können
die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammen passen.
Eine Hauptbedingung aber muß man zum voraus eingehen: daß ich meinen
Felix mitnehmen und ihn überall mit hinführen darf."
"Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden", versetzte der
Abbe.
"Und ich sehe nicht", rief Wilhelm aus, "warum ich mir von irgendeinem
Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen und warum ich, wenn
ich einmal mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft
brauche."
"Weil ein junger Mensch", versetzte der Abbe mit einem gewissen
imponierenden Ernste, "immer Ursache hat, sich anzuschließen."
Wilhelm, der wohl merkte, daß er länger an sich zu halten nicht
imstande sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch
einigermaßen gelindert ward, ließ sich hierauf mit einiger Hast
vernehmen: "Man vergönne mir nur noch kurze Bedenkzeit, und ich
vermute, es wird sich geschwind entscheiden, ob ich Ursache habe, mich
weiter anzuschließen, oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit mir
unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden loszureißen,
die mir eine ewige, elende Gefangenschaft drohen."
So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gemüt. Ein Blick auf Natalien
beruhigte ihn einigermaßen, indem sich in diesem leidenschaftlichen
Augenblick ihre Gestalt und ihr Wert nur desto tiefer bei ihm
eindrückten.
"Ja", sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, "gestehe dir
nur, du liebst sie, und du fühlst wieder, was es heiße, wenn der
Mensch mit allen Kräften lieben kann. So liebte ich Marianen und ward
so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen und mußte sie
verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie nicht lieben; ich
verehrte Theresen, und die väterliche Liebe nahm die Gestalt einer
Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen
zusammentreffen, die den Menschen glücklich machen sollten, jetzt bist
du genötigt zu fliehen! Ach! warum muß sich zu diesen Empfindungen,
zu diesen Erkenntnissen das unüberwindliche Verlangen des Besitzes
gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese
überzeugungen jede andere Art von Glückseligkeit völlig zugrunde?
Werde ich künftig der Sonne und der Welt, der Gesellschaft oder
irgendeines Glücksgutes genießen? wirst du nicht immer zu dir sagen:
"Natalie ist nicht da!", und doch wird leider Natalie dir immer
gegenwärtig sein. Schließest du die Augen, so wird sie sich dir
darstellen; öffnest du sie, so wird sie vor allen Gegenständen
hinschweben wie die Erscheinung, die ein blendendes Bild im Auge
zurückläßt. War nicht schon früher die schnell vorübergegangene
Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer gegenwärtig? Und du
hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht. Nun, da du sie kennst,
da du ihr so nahe warst, da sie so vielen Anteil an dir gezeigt hat,
nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gemüt geprägt als ihr Bild
jemals in deine Sinne. ängstlich ist es, immer zu suchen, aber viel
ängstlicher, gefunden zu haben und verlassen zu müssen. Wornach soll
ich in der Welt nun weiter fragen? wornach soll ich mich weiter
umsehen? Welche Gegend, welche Stadt verwahrt einen Schatz, der
diesem gleich ist? Und ich soll reisen, um nur immer das Geringere zu
finden? Ist denn das Leben bloß, wie eine Rennbahn, wo man sogleich
schnell wieder umkehren muß, wenn man das äußerste Ende erreicht hat?
Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein festes, unverrücktes
Ziel da, von dem man sich ebenso schnell mit raschen Pferden wieder
entfernen muß, als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt daß jeder
andere, der nach irdischen Waren strebt, sie in den verschiedenen
Himmelsgegenden oder wohl gar auf der Messe und dem Jahrmarkt
anschaffen kann."
"Komm, lieber Knabe!" rief er seinem Sohn entgegen, der eben
dahergesprungen kam, "sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum
Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite
Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die
größere Lücke auszufüllen. Beschäftige mein Herz, beschäftige meinen
Geist mit deiner Schönheit, deiner Liebenswürdigkeit, deiner
Wißbegierde und deinen Fähigkeiten!"
Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschäftigt, der Vater suchte
es ihm besser, ordentlicher, zweckmäßiger einzurichten; aber in dem
Augenblicke verlor auch das Kind die Lust daran. "Du bist ein wahrer
Mensch!" rief Wilhelm aus, "komm, mein Sohn! komm, mein Bruder, laß
uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir können!"
Sein Entschluß, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und
sich an den Gegenständen der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester
Vorsatz. Er schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe
und schickte Friedrichs Kurier mit dem geschärften Auftrage weg, bald
wiederzukommen. Sosehr er gegen die übrigen Freunde auch verstimmt
war, so rein blieb sein Verhältnis zu Natalien. Er vertraute ihr
seine Absicht; auch sie nahm für bekannt an, daß er gehen könne und
müsse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichgültigkeit an
ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart
vollkommen. Sie riet ihm, verschiedene Städte zu besuchen, um dort
einige ihrer Freunde und Freundinnen kennenzulernen. Der Kurier kam
zurück, brachte, was Wilhelm verlangt hatte, obgleich Werner mit
diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein schien. "Meine Hoffnung,
daß du vernünftig werden würdest", schrieb dieser, "ist nun wieder
eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift ihr nun alle zusammen
herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem
Beistande du mir Hoffnung machtest? Auch die übrigen Freunde sind
nicht gegenwärtig; dem Gerichtshalter und mir ist das ganze Geschäft
aufgewälzt. Ein Glück, daß er eben ein so guter Rechtsmann ist, als
ich ein Finanzmann bin, und daß wir beide etwas zu schleppen gewohnt
sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen dir verziehen sein, da
doch ohne sie unser Verhältnis in dieser Gegend nicht hätte so gut
werden können."
Was das äußere betraf, hätte er nun immer abreisen können, allein sein
Gemüt war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein
für allemal Mignons Körper nicht zeigen als bei den Exequien, welche
der Abbe zu halten gedachte, zu welcher Feierlichkeit noch nicht alles
bereit war. Auch war der Arzt durch einen sonderbaren Brief des
Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den Harfenspieler, von
dessen Schicksalen Wilhelm näher unterrichtet sein wollte.
In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele
oder des Körpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und
her. Die Gegenwart der alten, bekannten Kunstwerke zog ihn an und
stieß ihn ab. Er konnte nichts, was ihn umgab, weder ergreifen noch
lassen, alles erinnerte ihn an alles, er übersah den ganzen Ring
seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und schien sich
auf ewig nicht schließen zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater
verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, daß auch er von einem ruhigen
und gründlichen Besitz des Wünschenswerten in der Welt teils
ausgeschlossen, teils desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt
werden sollte. Er verlor sich so weit in diesen sonderbaren und
traurigen Betrachtungen, daß er sich selbst manchmal wie ein Geist
vorkam und, selbst wenn er die Dinge außer sich befühlte und betastete,
sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch wirklich lebe
und da sei.
Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, daß er alles das
Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig
verlassen müsse, nur seine Tränen gaben ihm das Gefühl seines Daseins
wieder. Vergebens rief er sich den glücklichen Zustand, in dem er
sich doch eigentlich befand, vors Gedächtnis. "So ist denn alles
nichts", rief er aus, "wenn das eine fehlt, das dem Menschen alles
übrige wert ist!"
Der Abbe verkündigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. "Sie
sind zwar, wie es scheint", sagte er zu Wilhelmen, "mit Ihrem Knaben
allein abzureisen entschlossen; lernen Sie jedoch wenigstens diesen
Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle
Fälle nützlich sein kann." Der Marchese erschien; es war ein Mann
noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefälligen
lombardischen Figuren. Er hatte als Jüngling mit dem Oheim der schon
um vieles älter war, bei der Armee, dann in Geschäften Bekanntschaft
gemacht; sie hatten nachher einen großen Teil von Italien zusammen
durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand,
waren zum großen Teil in seiner Gegenwart und unter manchen
glücklichen Umständen, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft und
angeschafft worden.
Der Italiener hat überhaupt ein tieferes Gefühl für die hohe Würde der
Kunst als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt, will
Künstler, Meister und Professor heißen und bekennt wenigstens durch
diese Titelsucht, daß es nicht genug sei, nur etwas durch
überlieferung zu erhaschen oder durch übung irgendeine Gewandtheit zu
erlangen; er gesteht, daß jeder vielmehr über das, was er tut, auch
fähig sein solle zu denken, Grundsätze aufzustellen und die Ursachen,
warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu
machen.
Der Fremde ward gerührt, so schöne Besitztümer ohne den Besitzer
wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den
vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu hören. Sie gingen die
verschiedenen Werke durch und fanden eine große Behaglichkeit, sich
einander verständlich machen zu können. Der Marchese und der Abbe
führten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres
Oheims versetzt fühlte, wußte sich sehr gut in ihre Meinungen und
Gesinnungen zu finden; Wilhelm mußte sich's in theatralische
Terminologie übersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man
hatte Not, Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno war
selten zugegen.
Bei der Betrachtung, daß vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit
so selten seien, sagte der Marchese: "Es läßt sich nicht leicht denken
und übersehen, was die Umstände für den Künstler tun müssen, und dann
sind bei dem größten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer
die Forderungen unendlich, die er an sich selbst zu machen hat,
unsäglich der Fleiß, der zu seiner Ausbildung nötig ist. Wenn nun die
Umstände wenig für ihn tun, wenn er bemerkt, daß die Welt sehr leicht
zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gefälligen,
behaglichen Schein begehrt, so wäre es zu verwundern, wenn nicht
Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelmäßigen festhielten;
es wäre seltsam, wenn er nicht lieber für Modewaren Geld und Lob
eintauschen als den rechten Weg wählen sollte, der ihn mehr oder
weniger zu einem kümmerlichen Märtyrertum führt. Deswegen bieten die
Künstler unserer Zeit nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen
immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist nur angedeutet, und
man findet nirgends Grund noch Ausführung. Man darf aber auch nur
eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach
welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche gepriesen und welche
vernachlässigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und für
die Zukunft wenig Hoffnung."
"Ja", versetzte der Abbe, "und so bilden sich Liebhaber und Künstler
wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten
Genuß; das Kunstwerk soll ihm ungefähr wie ein Naturwerk behagen, und
die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu genießen, bildeten
sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile
über ein Kunstwerk wie über eine Speise. Sie begreifen nicht, was für
einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu
erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der
Mensch in sich selbst bewirken muß, wenn er sich überhaupt bilden will;
deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich
anmaßt, über das Ganze abzusprechen."
"Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich", sagte Jarno, der eben
hinzutrat.
"Auch ist es schwer", versetzte der Abbe, "sich in der Kürze bestimmt
hierüber zu erklären. Ich sage nur soviel: sobald der Mensch an
mannigfaltige Tätigkeit oder mannigfaltigen Genuß Anspruch macht, so
muß er auch fähig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam
unabhängig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner
ganzen Menschheit tun oder genießen will, wer alles außer sich zu
einer solchen Art von Genuß verknüpfen will, der wird seine Zeit nur
mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es,
was so natürlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemälde an
und für sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu
vernehmen, den Schauspieler im Schauspieler zu bewundern, sich eines
Gebäudes um seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu
erfreuen. Nun sieht man aber meist die Menschen entschiedene Werke
der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton wäre. Nach
ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor
sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebäude sich ausdehnen
oder zusammenziehen, ein Gemälde soll lehren, ein Schauspiel bessern,
und alles soll alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten
Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst
keine Gestalt geben können, so arbeiten sie, den Gegenständen ihre
Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu
sie auch gehören. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten
Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, außer dem
Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert."
"Ich verstehe Sie", versetzte Jarno, "oder vielmehr ich sehe wohl ein,
wie das, was Sie sagen, mit den Grundsätzen zusammenhängt, an denen
Sie so festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen
unmöglich so genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich
bei den größten Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres
armseligsten Bedürfnisses erinnern, ihr Gewissen und ihre Moral mit in
die Oper nehmen, ihre Liebe und Haß vor einem Säulengange nicht
ablegen und das Beste und Größte, was ihnen von außen gebracht werden
kann, in ihrer Vorstellungsart erst möglichst verkleinern müssen, um
es mit ihrem kümmerlichen Wesen nur einigermaßen verbinden zu können."
VIII. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Am Abend lud der Abbe zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft
begab sich in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das
sonderbarste erhellt und ausgeschmückt. Mit himmelblauen Teppichen
waren die Wände fast von oben bis unten bekleidet, so daß nur Sockel
und Fries hervorschienen. Auf den vier Kandelabern in den Ecken
brannten große Wachsfackeln, und so nach Verhältnis auf den vier
kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen
vier Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur,
die auf dem Sarkophag ruhte, mit breiten Fächern von Straußenfedern
Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare
Chöre fingen mit holdem Gesang an zu fragen: "Wen bringt ihr uns zur
stillen Gesellschaft?" Die vier Kinder antworteten mit lieblicher
Stimme. "Einen müden Gespielen bringen wir euch; laßt ihn unter euch
ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst wieder
aufweckt."
Chor
Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer
willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Mädchen nach! Nur das Alter
nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster
Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!
Knaben
Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben!
Laßt uns auch bleiben, laßt uns weinen, weinen an seinem Sarge!
Chor
Seht die mächtigen Flügel doch an! seht das leichte, reine Gewand! wie
blinkt die goldene Binde vom Haupt! seht die schöne, die würdige Ruh!
Knaben
Ach! die Flügel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das
Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen kränzten ihr Haupt, blickte sie
hold und freundlich nach uns.
Chor
Schaut mit den Augen des Geistes hinan! In euch lebe die bildende
Kraft, die das Schönste, das Höchste hinauf, über die Sterne das Leben
trägt!
Knaben
Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Gärten wandelt sie nicht,
sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Laßt uns weinen, wir lassen sie
hier! laßt uns weinen und bei ihr bleiben!
Chor
Kinder! kehret ins Leben zurück! Eure Tränen trockne die frische Luft,
die um das schlängelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und
Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen.
Knaben
Auf, wir kehren ins Leben zurück. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust,
bis der Abend uns Ruhe bringt und der nächtliche Schlaf uns erquickt.
Chor
Kinder! eilet ins Leben hinan! In der Schönheit reinem Gewande
begegn' euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der
Unsterblichkeit!
Die Knaben waren schon fern, der Abbe stand von seinem Sessel auf und
trat hinter den Sarg. "Es ist die Verordnung", sagte er, "des Mannes,
der diese stille Wohnung bereitet hat, daß jeder neue Ankömmling mit
Feierlichkeit empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses
Hauses, dem Errichter dieser Stätte, haben wir zuerst einen jungen
Fremdling hierhergebracht, und so faßt schon dieser kleine Raum zwei
ganz verschiedene Opfer der strengen, willkürlichen und unerbittlichen
Todesgöttin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins Leben ein, die
Tage sind gezählt, die uns zum Anblicke des Lichts reif machen, aber
für die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schwächste Lebensfaden zieht
sich in unerwartete Länge, und den stärksten zerschneidet gewaltsam
die Schere einer Parze, die sich in Widersprüchen zu gefallen scheint.
Von dem Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen.
Noch ist uns unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht,
und die Zahl seiner Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes,
verschlossenes Herz ließ uns seine innersten Angelegenheiten kaum
erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts offenbar als die Liebe zu
dem Manne, der es aus den Händen eines Barbaren rettete. Diese
zärtliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme zu
sein, die das öl ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des
Arztes konnte das schöne Leben nicht erhalten, die sorgfältigste
Freundschaft vermochte nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den
scheidenden Geist nicht zu fesseln vermochte, so hat sie alle ihre
Mittel angewandt, den Körper zu erhalten und ihn der Vergänglichkeit
zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern gedrungen
und färbt nun an der Stelle des Bluts die so früh verbliebenen Wangen.
Treten Sie näher, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst
und Sorgfalt!"
Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie
schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und
bewunderten diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem
Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand, durfte er
nicht denken, und jeder Gedanke schien seine Empfindung zerstören zu
wollen.
Die Rede war um des Marchese willen französisch gesprochen worden.
Dieser trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit
Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: "Mit einem heiligen Vertrauen war
auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz beständig
zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich äußerlich
zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der
katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft äußerte
sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben,
nach den Gebräuchen der Kirche, dieses marmorne Behältnis und die
wenige Erde geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit
welcher Inbrunst küßte sie in ihren letzten Augenblicken das Bild des
Gekreuzigten, das auf ihren zarten Armen mit vielen hundert Punkten
sehr zierlich abgebildet steht!" Er streifte zugleich, indem er das
sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von verschiedenen
Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf der weißen Haut.
Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der Nähe. "O
Gott!" rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine Hände gen
Himmel hob, "armes Kind! Unglückliche Nichte! Finde ich dich hier
wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir schon lange
Verzicht getan hatten, diesen guten, lieben Körper, den wir lange im
See einen Raub der Fische glaubten, hier wiederzufinden, zwar tot,
aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so herrlich durch
ihr äußeres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird, die
dich zu deiner Ruhestätte begleiten. Und wenn ich werde reden können",
sagte er mit gebrochner Stimme, "werde ich ihnen danken."
Die Tränen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den
Druck einer Feder versenkte der Abbe den Körper in die Tiefe des
Marmors. Vier Jünglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter den
Teppichen hervor, hoben den schweren, schön verzierten Deckel auf den
Sarg und fingen zugleich ihren Gesang an.
Die Jünglinge