Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde

sahen sich genötigt, das Gespräch abzubrechen. Nicht lange, so ward

ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotharios eigene Hände

übergeben wollte; der Mann ward vorgeführt, er sah rüstig und tüchtig

aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm glaubte

ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den er

damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte und der

nicht wieder zurückgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als

Lothario, der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast verdrießlich

fragte: "Wie heißt Sein Herr?"

"Das ist unter allen Fragen", versetzte der Kurier mit Bescheidenheit,

"auf die ich am wenigsten zu antworten weiß; ich hoffe, der Brief wird

das Nötige vermelden; mündlich ist mir nichts aufgetragen."

"Es sei, wie ihm sei", versetzte Lothario mit Lächeln, "da Sein Herr

das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenfüßig zu schreiben, so soll er

uns willkommen sein."--"Er wird nicht lange auf sich warten lassen",

versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.

"Vernehmet nur", sagte Lothario",die tolle, abgeschmackte Botschaft.

"Da unter allen Gästen", so schreibt der Unbekannte, "ein guter Humor

der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich

denselben als Reisegefährten beständig mit mir herumführe, so bin ich

überzeugt, der Besuch, den ich Euer Gnaden und Liebden zugedacht habe,

wird nicht übel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der sämtlichen

hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und gelegentlich

mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter, Graf von

Schneckenfuß.""

"Das ist eine neue Familie", sagte der Abbe.

"Es mag ein Vikariatsgraf sein", versetzte Jarno.

"Das Geheimnis ist leicht zu erraten", sagte Natalie; "ich wette, es

ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem

Besuche droht."

"Getroffen, schöne und weise Schwester!" rief jemand aus einem nahen

Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor;

Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies enthalten. "Wie?" rief er,

"unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?"

Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: "Wahrlich,

weniger erstaunt wär ich gewesen, die berühmten Pyramiden, die doch in

ägypten so fest stehen, oder das Grab des Königs Mausolus, das, wie

man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten

meines Oheims zu finden als Euch, meinen alten Freund und vielfachen

Wohltäter. Seid mir besonders und schönstens gegrüßt!"

Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und geküßt hatte, sprang er

wieder auf Wilhelmen los und rief: "Haltet mir ihn ja warm, diesen

Helden, Heerführer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei

unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja ich darf wohl sagen, mit der

Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine tüchtige Tracht

Schläge erspart. Er ist großmütig wie Scipio, freigebig wie Alexander,

gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu hassen.

Nicht etwa, daß er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte, welches,

wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden

erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein

Mädchen entführen, gute und treue Diener nach, damit ihr Fuß an keinen

Stein stoße."

In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne daß jemand ihm

Einhalt zu tun imstande gewesen wäre, und da niemand in dieser Art ihm

erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. "Verwundert

euch nicht", rief er aus, "über meine große Belesenheit in heiligen

und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen

Kenntnissen gelangt bin." Man wollte von ihm wissen, wie es ihm gehe,

wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittensprüchen und alten

Geschichten nicht zur deutlichen Erklärung gelangen.

Natalie sagte leise zu Theresen: "Seine Art von Lustigkeit tut mir

wehe; ich wollte wetten, daß ihm dabei nicht wohl ist."

Da Friedrich außer einigen Späßen, die ihm Jarno erwiderte, keinen

Anklang für seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: "Es

bleibt mir nichts übrig, als mit der ernsthaften Familie auch

ernsthaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen Umständen

sogleich meine sämtliche Sündenlast schwer auf die Seele fällt, so

will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte entschließen, wovon

ihr aber, meine werten Herrn und Damen, nichts vernehmen sollt.

Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun

bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein

darnach zu fragen einige Ursache hat. Wäret Ihr nicht neugierig zu

wissen", fuhr er gegen Wilhelmen fort, "wie und wo? wer? wann und

warum? wie sieht's mit der Konjugation des griechischen Verbi Phileo,

Philoh und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes aus?"

Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, führte ihn fort, indem er ihn auf

alle Weise drückte und küßte.

Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein

Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: "Gedenke mein". "Ihr hebt

Eure werten Sachen gut auf!" sagte er, "wahrlich, das ist Philinens

Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft

hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schönen Mädchens fleißig dabei gedacht,

und versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich

nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt

hätte, so würde ich Euch nicht ohne Neid ansehen."

"Reden Sie nichts mehr von diesem Geschöpfe", versetzte Wilhelm. "Ich

leugne nicht, daß ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange

nicht loswerden konnte, aber das war auch alles."

"Pfui! schämt Euch", rief Friedrich, "wer wird eine Geliebte

verleugnen? Und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur

wünschen konnte. Es verging kein Tag, daß Ihr dem Mädchen nicht etwas

schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiß. Es blieb

mir nichts übrig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem roten

Offizierchen ist es denn auch endlich geglückt."

"Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen und mit

dem sie wegreiste?"

"Ja", versetzte Friedrich, "den Sie für Marianen hielten. Wir haben

genug über den Irrtum gelacht."

"Welche Grausamkeit!" rief Wilhelm, "mich in einer solchen Ungewißheit

zu lassen."

"Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in

Dienste zu nehmen!" versetzte Friedrich. "Es ist ein tüchtiger Kerl

und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das Mädchen

lieb ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie's ganz eigens

angetan, daß ich mich ganz nahezu in einem mythologischen Falle

befinde und alle Tage befürchte, verwandelt zu werden."

"Sagen Sie mir nur", fragte Wilhelm, "wo haben Sie Ihre ausgebreitete

Gelehrsamkeit her? Ich höre mit Verwunderung der seltsamen Manier zu,

die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und

Fabeln zu sprechen."

"Auf die lustigste Weise", sagte Friedrich, "bin ich gelehrt, und zwar

sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter

das alte Schloß eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die

Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiöse,

aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in

Folio, "Gottfrieds Chronik", zwei Bände "Theatrum Europaeum", die

"Acerra Philologica", Gryphii Schriften und noch einige minder

wichtige Bücher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten,

manchmal Langeweile, wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahen,

ward unsere Weile noch länger. Endlich hatte Philine den herrlichen

Einfall, die sämtlichen Bücher auf einem großen Tisch aufzuschlagen,

wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur

stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine

rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo

man für unschicklich hält, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder

wohl gar gründlich erörtern zu wollen; wir glaubten in lebhafter

Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zum Wort kommen läßt. Diese

Unterhaltung geben wir uns regelmäßig alle Tage und werden dadurch

nach und nach so gelehrt, daß wir uns selbst darüber verwundern.

Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet

uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art, uns

zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach

einer alten, verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen

ist. Schnell dreht sie das andere herum und fängt aus einem Buche zu

lesen an, und kaum ist wieder der Sand im untern Glase, so beginnt das

andere schon wieder seinen Spruch, und so studieren wir wirklich auf

wahrhaft akademische Weise, nur daß wir kürzere Stunden haben und

unsere Studien äußerst mannigfaltig sind."

"Diese Tollheit begreife ich wohl", sagte Wilhelm, "wenn einmal so ein

lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange

beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich."

"Das ist", rief Friedrich, "eben das Glück und das Unglück: Philine

darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist

guter Hoffnung. Unförmlicher und lächerlicher ist nichts in der Welt

als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufälligerweise vor den

Spiegel. "Pfui Teufel!" sagte sie und wendete das Gesicht ab, "die

leibhaftige Frau Melina! Das garstige Bild! Man sieht doch ganz

niederträchtig aus!""

"Ich muß gestehen", versetzte Wilhelm lächelnd, "daß es ziemlich

komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen."

"Es ist ein recht närrischer Streich", sagte Friedrich, "daß ich noch

zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, und die Zeit trifft

auch. Anfangs machte mich der verwünschte Besuch, den sie Euch nach

dem "Hamlet" abgestattet hatte, ein wenig irre."

"Was für ein Besuch?"

"Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen

haben? Das allerliebste, fühlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr's

noch nicht wißt, war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine

harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen,

so muß man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht überhaupt nur auf

der überzeugung; ich bin überzeugt, und also bin ich Vater. Da seht

Ihr, daß ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiß. Und

wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode

lacht, so kann es, wo nicht ein nützlicher, doch angenehmer Weltbürger

werden."

Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen

Gegenständen unterhielten, hatte die übrige Gesellschaft ein

ernsthaftes Gespräch angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm

sich entfernt, als der Abbe die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal

führte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.

"Wir haben", sagte er, "im allgemeinen behauptet, daß Fräulein Therese

nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist nötig, daß wir uns hierüber

auch nun im einzelnen erklären. Hier ist die Geschichte, die ich

sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.

Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl

in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Unglück, daß die Kinder,

zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen und bei dem

dritten die ärzte der Mutter beinahe den Tod verkündigten und ihn bei

einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war genötigt,

sich zu entschließen, man wollte das Eheband nicht aufheben, man

befand sich, bürgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in der

Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Repräsentation, in den

Freuden der Eitelkeit eine Art von Entschädigung für das Mutterglück,

das ihr versagt war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit

nach, als er Neigung zu einem Frauenzimmer faßte, welche die ganze

Haushaltung versah, eine schöne Gestalt und einen sehr soliden

Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung

selbst die Hände, nach welcher das gute Mädchen sich Theresens Vater

überließ, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau

vom Hause fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher

bezeigte.

Nach einiger Zeit erklärte sie sich guter Hoffnung, und die beiden

Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen

Anlässen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** wünschte das Kind

seiner Geliebten als sein rechtmäßiges im Hause einzuführen, und Frau

von ***, verdrießlich, daß durch die Indiskretion ihres Arztes ihr

Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch ein

untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch eine

solche Nachgiebigkeit ein übergewicht im Hause zu erhalten, das sie

unter den übrigen Umständen zu verlieren fürchtete. Sie war

zurückhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und

wußte, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erklärung zu erleichtern. Sie

machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und

so entstand das Testament, worin so wenig für das Kind gesorgt zu sein

schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen,

tätigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst

eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und übereilung seines

abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die

wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung

sehr gut, Therese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet,

indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward, indem sie

sich zu früh wieder herauswagte, starb und den guten Mann trostlos

hinterließ.

Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht, sie hatte vor

den Augen der Welt ein liebenswürdiges Kind, mit dem sie übertrieben

parodierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren

Verhältnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah und deren Einfluß

sie, für die Zukunft wenigstens, heimlich fürchtete; sie überhäufte

das Kind mit Zärtlichkeit und wußte ihren Gemahl in vertraulichen

Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem Verlust dergestalt

an sich zu ziehen, daß er sich ihr, man kann wohl sagen, ganz ergab,

sein Glück und das Glück seines Kindes in ihre Hände legte und kaum

kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermaßen nur durch seine

erwachsene Tochter, wieder Herr im Hause ward. Das war, schöne

Therese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so

gern entdeckt hätte, das ist's, was ich Ihnen jetzt, eben da der junge

Freund, der durch die sonderbarste Verknüpfung von der Welt Ihr

Bräutigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umständlich

vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen,

was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie

lange ich schon dieser Entdeckung auf der Spur war und wie ich doch

erst jetzt zur Gewißheit kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem

Freund etwas von der Möglichkeit des Glücks zu sagen, da es ihn zu

tief gekränkt haben würde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male

verschwunden wäre. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen: denn ich

gestehe gern, daß ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten

Mädchen keineswegs begünstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit

Theresen wieder entgegensah."

Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben

die Papiere nach einigen Tagen zurück, ohne derselben weiter zu

erwähnen.

Man hatte Mittel genug in der Nähe, die Gesellschaft, wenn sie

beisammen war, zu beschäftigen, auch bot die Gegend so manche Reize

dar, daß man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde,

zu Wagen oder zu Fuße umsah. Jarno richtete bei einer solchen

Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor,

schien aber weiter keine Entschließung von ihm zu verlangen.

"In diesem höchst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde", sagte

Wilhelm darauf, "brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich

sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiß mit einem reinen

Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde können jede Art von

Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine Ansprüche

an Theresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine förmliche

Entlassung. Oh! es bedarf, mein Freund, keines großen Bedenkens, mich

zu entschließen. Schon diese Tage hab ich gefühlt, daß Therese Mühe

hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit, mit der sie mich zuerst hier

begrüßte, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr

ich habe sie nie besessen."

"Solche Fälle möchten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen

und Erwarten aufklären", versetzte Jarno, "als durch vieles Reden,

wodurch immer eine Art von Verlegenheit und Gärung entsteht."

"Ich dächte vielmehr", sagte Wilhelm, "daß gerade dieser Fall der

ruhigsten und der reinsten Entscheidung fähig sei. Man hat mir so oft

den Vorwurf des Zauderns und der Ungewißheit gemacht; warum will man

jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir

tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum

soviel Mühe, uns zu bilden, um uns fühlen zu lassen, daß sie sich

nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere Gefühl,

ein Mißverhältnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen

von der Welt geraten bin."

Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von

dieser Sache hörte, noch auch eine weitere Veränderung an seinen

Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr bloß allgemein und

gleichgültig.

VIII. Buch, 7. Kapitel

Siebentes Kapitel

Einst saßen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann:

"Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit

abmerken."

"Ich bin es", versetzte der Freund, "und ich sehe ein wichtiges

Geschäft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt

notwendig angegriffen werden muß. Sie wissen schon etwas im

allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon

reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust

hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff,

nach Amerika überzuschiffen."

"Nach Amerika?" versetzte Wilhelm lächelnd; "ein solches Abenteuer

hätte ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, daß Sie mich zum

Gefährten ausersehen würden."

"Wenn Sie unsern Plan ganz kennen", versetzte Jarno, "so werden Sie

ihm einen bessern Namen geben und vielleicht für ihn eingenommen

werden, Hören Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den Welthändeln

bekannt sein, um zu bemerken, daß uns große Veränderungen bevorstehn

und daß die Besitztümer beinahe nirgends mehr recht sicher sind."

"Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welthändeln", fiel Wilhelm

ein, "und habe mich erst vor kurzem um meine Besitztümer bekümmert.

Vielleicht hätte ich wohlgetan, sie mir noch länger aus dem Sinne zu

schlagen, da ich bemerken muß, daß die Sorge für ihre Erhaltung so

hypochondrisch macht."

"Hören Sie mich aus", sagte Jarno; "die Sorge geziemt dem Alter, damit

die Jugend eine Zeitlang sorglos sein könne. Das Gleichgewicht in den

menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegensätze hergestellt

werden. Es ist gegenwärtig nichts weniger als rätlich, nur an einem

Ort zu besitzen, nur einem Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist

wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht darüber zu führen; wir haben

uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm alten Turm soll eine

Sozietät ausgehen, die sich in alle Teile der Welt ausbreiten, in die

man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren uns

untereinander unsere Existenz auf den einzigen Fall, daß eine

Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitztümern

völlig vertriebe. Ich gehe nun hinüber nach Amerika, um die guten

Verhältnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen

Aufenthalt gemacht hat. Der Abbe will nach Rußland gehn, und Sie

sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschließen wollen, ob Sie

Lothario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen wollen. Ich

dächte, Sie wählten das letzte: denn eine große Reise zu tun ist für

einen jungen Mann äußerst nützlich."

Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: "Der Antrag ist aller

überlegung wert, denn mein Wahlspruch wird doch nächstens sein: "Je

weiter weg, je besser." Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane

näher bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt

herrühren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich

unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen."

"Davon sich die meisten nur dadurch heben werden", versetzte Jarno,

"daß unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und

entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus

dem allein der gesellige Sinn entstehen kann."

Friedrich, der bisher nur zugehört hatte, versetzte darauf: "Und wenn

ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit."

Jarno schüttelte den Kopf.

"Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?" fuhr Friedrich fort. "Bei

einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die

bring ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch.

Und dann wüßte ich noch ein gutes junges Mädchen, das hierhüben nicht

mehr am Platz ist, die süße, reizende Lydie. Wo soll das arme Kind

mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht gelegentlich in

die Tiefe des Meeres werfen kann und wenn sich nicht ein braver Mann

ihrer annimmt? Ich dächte, mein Jugendfreund, da Ihr doch im Gange

seid, Verlassene zu trösten, Ihr entschlößt Euch, jeder nähme sein

Mädchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn."

Dieser Antrag verdroß Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe:

"Weiß ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich überhaupt im

Werben nicht glücklich zu sein scheine, so möchte ich einen solchen

Versuch nicht machen."

Natalie sagte darauf: "Bruder Friedrich, du glaubst, weil du für dich

so leichtsinnig handelst, auch für andere gelte deine Gesinnung.

Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehöre, das

nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit

einem höchst vernünftigen und reinen Charakter wie Theresens war ein

Wagestück dieser Art zu raten."

"Was Wagestück!" rief Friedrich, "in der Liebe ist alles Wagestück.

Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen

Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es

ist alles nur ein Wagestück, und der Zufall tut alles."

"Ich habe immer gesehen", versetzte Natalie, "daß unsere Grundsätze

nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir hängen unsern

Fehlern gar zu gern das Gewand eines gültigen Gesetzes um. Gib nur

acht, welchen Weg dich die Schöne noch führen wird, die dich auf eine

so gewaltsame Weise angezogen hat und festhält."

"Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege", versetzte Friedrich, "auf

dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto

lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer

weiß, wieviel andere. überhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede

ist, solltest du dich gar nicht dreinmischen. Ich glaube, du

heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst

dich alsdann nach deiner gewohnten Gutherzigkeit auch als Supplement

irgendeiner Existenz hin. Also laß uns nur jetzt mit diesem

Seelenverkäufer da unsern Handel schließen und über unsere

Reisegesellschaft einig werden."

"Sie kommen mit Ihren Vorschlägen zu spät", sagte Jarno, "für Lydien

ist gesorgt."

"Und wie?" fragte Friedrich.

"Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten", versetzte Jarno.

"Alter Herr", sagte Friedrich, "da macht Ihr einen Streich, zu dem man,

wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva,

und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene

Prädikate finden könnte."

"Ich muß aufrichtig gestehen", versetzte Natalie, "es ist ein

gefährlicher Versuch, sich ein Mädchen zuzueignen in dem Augenblicke,

da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt."

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8 · 第 5 / 9 段