und konnte kein Wort sagen; Felix, noch in einiger Entfernung, rief:
"Mutter Therese ist da!" Die Kinder hatten, so schien es, die
Nachricht zu überbringen, einen Wettlauf angestellt. Mignon lag in
Nataliens Armen, ihr Herz pochte gewaltsam.
"Böses Kind", sagte Natalie, "ist dir nicht alle heftige Bewegung
untersagt? Sieh, wie dein Herz schlägt!"
"Laß es brechen!" sagte Mignon mit einem tiefen Seufzer, "es schlägt
schon zu lange."
Man hatte sich von dieser Verwirrung, von dieser Art von Bestürzung
kaum erholt, als Therese hereintrat. Sie flog auf Natalien zu,
umarmte sie und das gute Kind. Dann wendete sie sich zu Wilhelmen,
sah ihn mit ihren klaren Augen an und sagte: "Nun, mein Freund, wie
steht es, Sie haben sich doch nicht irremachen lassen?" Er tat einen
Schritt gegen sie, sie sprang auf ihn zu und hing an seinem Halse. "O
meine Therese!" rief er aus.
"Mein Freund! mein Geliebter! mein Gatte! ja, auf ewig die Deine!"
rief sie unter den lebhaftesten Küssen.
Felix zog sie am Rocke und rief: "Mutter Therese, ich bin auch da!"
Natalie stand und sah vor sich hin; Mignon fuhr auf einmal mit der
linken Hand nach dem Herzen, und indem sie den rechten Arm heftig
ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens Füßen für tot
nieder.
Der Schrecken war groß: keine Bewegung des Herzens noch des Pulses war
zu spüren. Wilhelm nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig hinauf,
der schlotternde Körper hing über seine Schultern. Die Gegenwart des
Arztes gab wenig Trost; er und der junge Wundarzt, den wir schon
kennen, bemühten sich vergebens. Das liebe Geschöpf war nicht ins
Leben zurückzurufen.
Natalie winkte Theresen. Diese nahm ihren Freund bei der Hand und
führte ihn aus dem Zimmer. Er war stumm und ohne Sprache und hatte
den Mut nicht, ihren Augen zu begegnen. So saß er neben ihr auf dem
Kanapee, auf dem er Natalien zuerst angetroffen hatte. Er dachte mit
großer Schnelle eine Reihe von Schicksalen durch, oder vielmehr er
dachte nicht, er ließ das auf seine Seele wirken, was er nicht
entfernen konnte. Es gibt Augenblicke des Lebens, in welchen die
Begebenheiten gleich geflügelten Weberschiffchen vor uns sich hin und
wider bewegen und unaufhaltsam ein Gewebe vollenden, das wir mehr oder
weniger selbst gesponnen und angelegt haben. "Mein Freund!" sagte
Therese; "mein Geliebter!" indem sie das Stillschweigen unterbrach und
ihn bei der Hand nahm, "laß uns diesen Augenblick fest zusammenhalten,
wie wir noch öfters, vielleicht in ähnlichen Fällen, werden zu tun
haben. Dies sind die Ereignisse, welche zu ertragen man zu zweien in
der Welt sein muß. Bedenke, mein Freund, fühle, daß du nicht allein
bist, zeige, daß du deine Therese liebst, zuerst dadurch, daß du deine
Schmerzen ihr mitteilst!" Sie umarmte ihn und schloß ihn sanft an
ihren Busen; er faßte sie in seine Arme und drückte sie mit Heftigkeit
an sich. "Das arme Kind", rief er aus, "suchte in traurigen
Augenblicken Schutz und Zuflucht an meinem unsichern Busen; laß die
Sicherheit des deinigen mir in dieser schrecklichen Stunde zugute
kommen." Sie hielten sich fest umschlossen, er fühlte ihr Herz an
seinem Busen schlagen, aber in seinem Geiste war es öde und leer; nur
die Bilder Mignons und Nataliens schwebten wie Schatten vor seiner
Einbildungskraft.
Natalie trat herein. "Gib uns deinen Segen!" rief Therese, "laß uns
in diesem traurigen Augenblicke von dir verbunden sein." Wilhelm
hatte sein Gesicht an Theresens Halse verborgen; er war glücklich
genug, weinen zu können. Er hörte Natalien nicht kommen, er sah sie
nicht, nur bei dem Klang ihrer Stimme verdoppelten sich seine Tränen.
"Was Gott zusammenfügt, will ich nicht scheiden", sagte Natalie
lächelnd, "aber verbinden kann ich euch nicht und kann nicht loben,
daß Schmerz und Neigung die Erinnerung an meinen Bruder völlig aus
euren Herzen zu verbannen scheint." Wilhelm riß sich bei diesen
Worten aus den Armen Theresens. "Wo wollen Sie hin?" riefen beide
Frauen. "Lassen Sie mich das Kind sehen", rief er aus, "das ich
getötet habe! Das Unglück, das wir mit Augen sehen, ist geringer, als
wenn unsere Einbildungskraft das übel gewaltsam in unser Gemüt
einsenkt; lassen Sie uns den abgeschiedenen Engel sehen! Seine
heitere Miene wird uns sagen, daß ihm wohl ist!" Da die Freundinnen
den bewegten Jüngling nicht abhalten konnten, folgten sie ihm; aber
der gute Arzt, der mit dem Chirurgus ihnen entgegenkam, hielt sie ab,
sich der Verblichenen zu nähern, und sagte: "Halten Sie sich von
diesem traurigen Gegenstande entfernt, und erlauben Sie mir, daß ich
den Resten dieses sonderbaren Wesens, soviel meine Kunst vermag,
einige Dauer gebe. Ich will die schöne Kunst, einen Körper nicht
allein zu balsamieren, sondern ihm auch ein lebendiges Ansehn zu
erhalten, bei diesem geliebten Geschöpfe sogleich anwenden. Da ich
ihren Tod voraussah, habe ich alle Anstalten gemacht, und mit diesem
Gehülfen hier soll mir's gelingen. Erlauben Sie mir nur noch einige
Tage Zeit, und verlangen Sie das liebe Kind nicht wieder zu sehen, bis
wir es in den Saal der Vergangenheit gebracht haben."
Der junge Chirurgus hatte jene merkwürdige Instrumententasche wieder
in Händen. "Von wem kann er sie wohl haben?" fragte Wilhelm den Arzt.
"Ich kenne sie sehr gut", versetzte Natalie, "er hat sie von seinem
Vater, der Sie damals im Walde verband."
"Oh, so habe ich mich nicht geirrt," rief Wilhelm, "ich erkannte das
Band sogleich! Treten Sie mir es ab! Es brachte mich zuerst wieder
auf die Spur von meiner Wohltäterin. Wieviel Wohl und Wehe überdauert
nicht ein solches lebloses Wesen! Bei wieviel Schmerzen war dies Band
nicht schon gegenwärtig, und seine Fäden halten noch immer! Wie
vieler Menschen letzten Augenblick hat es schon begleitet, und seine
Farben sind noch nicht verblichen! Es war gegenwärtig in einem der
schönsten Augenblicke meines Lebens, da ich verwundet auf der Erde lag
und Ihre hülfreiche Gestalt vor mir erschien, als das Kind mit
blutigen Haaren, mit der zärtlichsten Sorgfalt für mein Leben besorgt
war, dessen frühzeitigen Tod wir nun beweinen."
Die Freunde hatten nicht lange Zeit, sich über diese traurige
Begebenheit zu unterhalten und Fräulein Theresen über das Kind und
über die wahrscheinliche Ursache seines unerwarteten Todes aufzuklären;
denn es wurden Fremde gemeldet, die, als sie sich zeigten,
keinesweges fremd waren. Lothario, Jarno, der Abbe traten herein.
Natalie ging ihrem Bruder entgegen; unter den übrigen entstand ein
augenblickliches Stillschweigen. Therese sagte lächelnd zu Lothario:
"Sie glaubten wohl kaum, mich hier zu finden; wenigstens ist es eben
nicht rätlich, daß wir uns in diesem Augenblick aufsuchen; indessen
sein Sie mir nach einer so langen Abwesenheit herzlich gegrüßt."
Lothario reichte ihr die Hand und versetzte: "Wenn wir einmal leiden
und entbehren sollen, so mag es immerhin auch in der Gegenwart des
geliebten, wünschenswerten Gutes geschehen. Ich verlange keinen
Einfluß auf Ihre Entschließung, und mein Vertrauen auf Ihr Herz, auf
Ihren Verstand und reinen Sinn ist noch immer so groß, daß ich Ihnen
mein Schicksal und das Schicksal meines Freundes gerne in die Hand
lege."
Das Gespräch wendete sich sogleich zu allgemeinen, ja man darf sagen,
zu unbedeutenden Gegenständen. Die Gesellschaft trennte sich bald zum
Spazierengehen in einzelne Paare. Natalie war mit Lothario, Therese
mit dem Abbe gegangen, und Wilhelm war mit Jarno auf dem Schlosse
geblieben.
VIII. Buch, 5. Kapitel--2
Die Erscheinung der drei Freunde in dem Augenblick, da Wilhelmen ein
schwerer Schmerz auf der Brust lag, hatte, statt ihn zu zerstreuen,
seine Laune gereizt und verschlimmert; er war verdrießlich und
argwöhnisch und konnte und wollte es nicht verhehlen, als Jarno ihn
über sein mürrisches Stillschweigen zur Rede setzte. "Was braucht's
da weiter?" rief Wilhelm aus. "Lothario kommt mit seinen Beiständen,
und es wäre wunderbar, wenn jene geheimnisvollen Mächte des Turms, die
immer so geschäftig sind, jetzt nicht auf uns wirken und ich weiß
nicht was für einen seltsamen Zweck mit und an uns ausführen sollten.
Soviel ich diese heiligen Männer kenne, scheint es jederzeit ihre
löbliche Absicht, das Verbundene zu trennen und das Getrennte zu
verbinden. Was daraus für ein Gewebe entstehen kann, mag wohl unsern
unheiligen Augen ewig ein Rätsel bleiben."
"Sie sind verdrießlich und bitter", sagte Jarno, "das ist recht schön
und gut. Wenn Sie nur erst einmal recht böse werden, wird es noch
besser sein."
"Dazu kann auch Rat werden", versetzte Wilhelm, "und ich fürchte sehr,
daß man Lust hat, meine angeborne und angebildete Geduld diesmal aufs
äußerste zu reizen."
"So möchte ich Ihnen denn doch", sagte Jarno, "indessen, bis wir sehen,
wo unsere Geschichten hinauswollen, etwas von dem Turme erzählen,
gegen den Sie ein so großes Mißtrauen zu hegen scheinen."
"Es steht bei Ihnen", versetzte Wilhelm, "wenn Sie es auf meine
Zerstreuung hin wagen wollen. Mein Gemüt ist so vielfach beschäftigt,
daß ich nicht weiß, ob es an diesen würdigen Abenteuern den schuldigen
Teil nehmen kann."
"Ich lasse mich", sagte Jarno, "durch Ihre angenehme Stimmung nicht
abschrecken, Sie über diesen Punkt aufzuklären. Sie halten mich für
einen gescheiten Kerl, und Sie sollen mich auch noch für einen
ehrlichen halten, und, was mehr ist, diesmal hab ich Auftrag."--"Ich
wünschte", versetzte Wilhelm, "Sie sprächen aus eigner Bewegung und
aus gutem Willen, mich aufzuklären; und da ich Sie nicht ohne
Mißtrauen hören kann, warum soll ich Sie anhören?"--"Wenn ich jetzt
nichts Besseres zu tun habe", sagte Jarno, "als Märchen zu erzählen,
so haben Sie ja auch wohl Zeit, ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen;
vielleicht sind Sie dazu geneigter, wenn ich Ihnen gleich anfangs sage:
alles, was Sie im Turme gesehen haben, sind eigentlich nur noch
Reliquien von einem jugendlichen Unternehmen, bei dem es anfangs den
meisten Eingeweihten großer Ernst war und über das nun alle
gelegentlich nur lächeln."
"Also mit diesen würdigen Zeichen und Worten spielt man nur!" rief
Wilhelm aus, "man führt uns mit Feierlichkeit an einen Ort, der uns
Ehrfurcht einflößt, man läßt uns die wunderlichsten Erscheinungen
sehen, man gibt uns Rollen voll herrlicher, geheimnisreicher Sprüche,
davon wir freilich das wenigste verstehn, man eröffnet uns, daß wir
bisher Lehrlinge waren, man spricht uns los, und wir sind so klug wie
vorher."--"Haben Sie das Pergament nicht bei der Hand?" fragte Jarno,
"es enthält viel Gutes: denn jene allgemeinen Sprüche sind nicht aus
der Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer und dunkel,
der sich keiner Erfahrung dabei erinnert. Geben Sie mir den
sogenannten Lehrbrief doch, wenn er in der Nähe ist."--"Gewiß, ganz
nah", versetzte Wilhelm; "so ein Amulett sollte man immer auf der
Brust tragen."--"Nun", sagte Jarno lächelnd, "wer weiß, ob der Inhalt
nicht einmal in Ihrem Kopf und Herzen Platz findet."
Jarno blickte hinein und überlief die erste Hälfte mit den Augen.
"Diese", sagte er, "bezieht sich auf die Ausbildung des Kunstsinnes,
wovon andere sprechen mögen; die zweite handelt vom Leben, und da bin
ich besser zu Hause."
Er fing darauf an, Stellen zu lesen, sprach dazwischen und knüpfte
Anmerkungen und Erzählungen mit ein. "Die Neigung der Jugend zum
Geheimnis, zu Zeremonien und großen Worten ist außerordentlich, und
oft ein Zeichen einer gewissen Tiefe des Charakters. Man will in
diesen Jahren sein ganzes Wesen, wenn auch nur dunkel und unbestimmt,
ergriffen und berührt fühlen. Der Jüngling, der vieles ahnet, glaubt
in einem Geheimnisse viel zu finden, in ein Geheimnis viel legen und
durch dasselbe wirken zu müssen. In diesen Gesinnungen bestärkte der
Abbe eine junge Gesellschaft, teils nach seinen Grundsätzen, teils aus
Neigung und Gewohnheit, da er wohl ehemals mit einer Gesellschaft in
Verbindung stand, die selbst viel im verborgenen gewirkt haben mochte.
Ich konnte mich am wenigsten in dieses Wesen finden. Ich war älter
als die andern, ich hatte von Jugend auf klar gesehen und wünschte in
allen Dingen nichts als Klarheit; ich hatte kein ander Interesse, als
die Welt zu kennen, wie sie war, und steckte mit dieser Liebhaberei
die übrigen besten Gefährten an, und fast hätte darüber unsere ganze
Bildung eine falsche Richtung genommen: denn wir fingen an, nur die
Fehler der andern und ihre Beschränkung zu sehen und uns selbst für
treffliche Wesen zu halten. Der Abbe kam uns zu Hülfe und lehrte uns,
daß man die Menschen nicht beobachten müsse, ohne sich für ihre
Bildung zu interessieren, und daß man sich selbst eigentlich nur in
der Tätigkeit zu beobachten und zu erlauschen imstande sei. Er riet
uns, jene ersten Formen der Gesellschaft beizubehalten; es blieb daher
etwas Gesetzliches in unsern Zusammenkünften, man sah wohl die ersten
mystischen Eindrücke auf die Einrichtung des Ganzen, nachher nahm es,
wie durch ein Gleichnis, die Gestalt eines Handwerks an, das sich bis
zur Kunst erhob. Daher kamen die Benennungen von Lehrlingen, Gehülfen
und Meistern. Wir wollten mit eigenen Augen sehen und uns ein eigenes
Archiv unserer Weltkenntnis bilden; daher entstanden die vielen
Konfessionen, die wir teils selbst schrieben, teils wozu wir andere
veranlaßten und aus denen nachher die "Lehrjahre" zusammengesetzt
wurden. Nicht allen Menschen ist es eigentlich um ihre Bildung zu tun;
viele wünschen nur so ein Hausmittel zum Wohlbefinden, Rezepte zum
Reichtum und zu jeder Art von Glückseligkeit. Alle diese, die nicht
auf ihre Füße gestellt sein wollten, wurden mit Mystifikationen und
anderm Hokuspokus teils aufgehalten, teils beiseite gebracht. Wir
sprachen nach unserer Art nur diejenigen los, die lebhaft fühlten und
deutlich bekannten, wozu sie geboren seien, und die sich genug geübt
hatten, um mit einer gewissen Fröhlichkeit und Leichtigkeit ihren Weg
zu verfolgen."
"So haben Sie sich mit mir sehr übereilt", versetzte Wilhelm; "denn
was ich kann, will oder soll, weiß ich gerade seit jenem Augenblick am
allerwenigsten."--"Wir sind ohne Schuld in diese Verwirrung geraten,
das gute Glück mag uns wieder heraushelfen; indessen hören Sie nur:
"Derjenige, an dem viel zu entwickeln ist, wird später über sich und
die Welt aufgeklärt. Es sind nur wenige, die den Sinn haben und
zugleich zur Tat fähig sind. Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat
belebt, aber beschränkt.""
"Ich bitte Sie", fiel Wilhelm ein, "lesen Sie mir von diesen
wunderlichen Worten nichts mehr! Diese Phrasen haben mich schon
verwirrt genug gemacht."--"So will ich bei der Erzählung bleiben",
sagte Jarno, indem er die Rolle halb zuwickelte und nur manchmal einen
Blick hinein tat. "Ich selbst habe der Gesellschaft und den Menschen
am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist
mir unerträglich zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche macht,
einem Irrenden muß ich gleich zurufen, und wenn es ein Nachtwandler
wäre, den ich in Gefahr sähe, geradenweges den Hals zu brechen.
Darüber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbe, der behauptet, der
Irrtum könne nur durch das Irren geheilt werden. Auch über Sie haben
wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und
es will schon etwas heißen, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen. Sie müssen mir nachsagen, daß ich Ihnen, wo ich
Sie antraf, die reine Wahrheit sagte."--"Sie haben mich wenig
geschont", sagte Wilhelm, "und Sie scheinen Ihren Grundsätzen treu zu
bleiben."--"Was ist denn da zu schonen", versetzte Jarno, "wenn ein
junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung
nimmt?"--"Verzeihen Sie", sagte Wilhelm, "Sie haben mir streng genug
alle Fähigkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, daß,
ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch
unmöglich bei mir selbst dazu für ganz unfähig erklären."--"Und bei
mir", sagte Jarno, "ist es doch so rein entschieden, daß, wer sich nur
selbst spielen kann, kein Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn
und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient
nicht diesen Namen. So haben Sie zum Beispiel den Hamlet und einige
andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre
Gestalt und die Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das wäre
nun für ein Liebhabertheater und für einen jeden gut genug, der keinen
andern Weg vor sich sähe. "Man soll sich"", fuhr Jarno fort, indem er
auf die Rolle sah, ""vor einem Talente hüten, das man in
Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit
bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal
das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften,
die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.
""
"Lesen Sie nichts!" sagte Wilhelm, "ich bitte Sie inständig, sprechen
Sie fort, erzählen Sie mir, klären Sie mich auf! Und so hat also der
Abbe mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist
herbeischaffte?"--"Ja, denn er versicherte, daß es der einzige Weg sei,
Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären."--"Und darum ließ er mir den
Schleier zurück und hieß mich fliehen?"--"Ja, er hoffte sogar, mit der
Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüßt sein. Sie
würden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich
glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen
Abend nach der Vorstellung darüber."--"Und Sie haben mich also spielen
sehen?"--"O gewiß!"--"Und wer stellte denn den Geist vor?"--"Das kann
ich selbst nicht sagen; entweder der Abbe oder sein Zwillingsbruder,
doch glaub ich, dieser, denn er ist um ein weniges größer."--"Sie
haben also auch Geheimnisse untereinander?"--"Freunde können und
müssen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein
Geheimnis."
"Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klären Sie
mich über den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin und dem ich so
viel Vorwürfe zu machen habe."
"Was ihn uns so schätzbar macht", versetzte Jarno, "was ihm
gewissermaßen die Herrschaft über uns alle erhält, ist der freie und
scharfe Blick, den ihm die Natur über alle Kräfte, die im Menschen nur
wohnen und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden läßt, gegeben hat.
Die meisten Menschen, selbst die vorzüglichen, sind nur beschränkt;
jeder schätzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur die
begünstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz
entgegengesetzt wirkt der Abbe, er hat Sinn für alles, Lust an allem,
es zu erkennen und zu befördern. Da muß ich doch wieder in die Rolle
sehen!" fuhr Jarno fort. ""Nur alle Menschen machen die Menschheit
aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich
oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie
die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten
tierischen Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der geistigsten
Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten
äußerung des Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu
den ungeheuren Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden,
vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur
heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten
Gefühl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und
Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit
mehr liegt im Menschen und muß ausgebildet werden; aber nicht in einem,
sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muß entwickelt
werden. Wenn einer nur das Schöne, der andere nur das Nützliche
befördert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das
Nützliche befördert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und
alle können's nicht entbehren; das Schöne muß befördert werden, denn
wenige stellen's dar, und viele bedürfen's.""
"Halten Sie inne!" rief Wilhelm, "ich habe das alles gelesen."--"Nur
noch einige Zeilen", versetzte Jarno; "hier find ich den Abbe ganz
wieder: "Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere
bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden;
das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.
""--"Und ich verstehe es auch nicht", versetzte Wilhelm.--"Sie werden
über diesen Text den Abbe noch oft genug hören, und so lassen Sie uns
nur immer recht deutlich sehen und festhalten, was an uns ist, und was
wir an uns ausbilden können; lassen Sie uns gegen die andern gerecht
sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schätzen wissen.
"--"Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich fühle, sie sind ein
schlechtes Heilmittel für ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber
mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie von mir erwarten und wie und
auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen."--"Jeden Verdacht, ich
versichere Sie, werden Sie uns künftig abbitten. Es ist Ihre Sache,
zu prüfen und zu wählen, und die unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch
ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst
seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an
den Abbe; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt.
Lernen Sie zum Beispiel Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein
überblick und seine Tätigkeit unzertrennlich miteinander verbunden
sind, wie er immer im Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und
jeden mit fortreißt. Er führt, wo er auch sei, eine Welt mit sich,
seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus
dagegen! Es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn
jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser
seinen hellen Blick nur auf die nächsten Dinge, er verschafft mehr die
Mittel zur Tätigkeit, als daß er die Tätigkeit hervorbrächte und
belebte; sein Handeln sieht einem guten Wirtschaften vollkommen
ähnlich, seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden in seinem
Kreis befördert; sein Wissen ist ein beständiges Sammeln und
Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht könnte
Lothario in einem Tage zerstören, woran dieser jahrelang gebaut hat;
aber vielleicht teilt auch Lothario in einem Augenblick andern die
Kraft mit, das Zerstörte hundertfältig wiederherzustellen."--"Es ist
ein trauriges Geschäft", sagte Wilhelm, "wenn man über die reinen
Vorzüge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich
selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl
an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewißheit bewegt ist.
"--"Ruhig und vernünftig zu betrachten ist zu keiner Zeit schädlich,
und indem wir uns gewöhnen, über die Vorzüge anderer zu denken,
stellen sich die unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede
falsche Tätigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von
uns aufgegeben. Befreien Sie wo möglich Ihren Geist von allem Argwohn
und aller ängstlichkeit! Dort kommt der Abbe, sein Sie ja freundlich
gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig
sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen; ich
wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er überhaupt gern ein
wenig das Schicksal spielt, so läßt er auch nicht von der Liebhaberei,
manchmal eine Heirat zu stiften."
Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdrießliche Stimmung durch
alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war,
fand höchst undelikat, daß sein Freund gerade in diesem Augenblick
eines solchen Verhältnisses erwähnte, und sagte, zwar lächelnd, doch
nicht ohne Bitterkeit: "Ich dächte, man überließe die Liebhaberei,
Heiraten zu stiften, Personen, die sich liebhaben."
VIII. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel